Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > J. J. Rudolphi >

Schneeglöckchen

J. J. Rudolphi: Schneeglöckchen - Kapitel 4
Quellenangabe
pfad/rudolphi/maehrche/maehrche.xml
typefairy
authorJ. J. Rudolphi
titleSchneeglöckchen
publisherJohann David Sauerländer
year1826
firstpub1826
correctorreuters@abc.de
senderIngo Seewald-Renner
created20090326
Schließen

Navigation:

Das Schneeglöckchen

An einem Fenster eines Königspallastes saß einmal ein junger Königssohn, der schaute in den Garten hinaus, und der Mond brach eben durch die Wolken und erleuchtete mit mildem Glanze die königlichen Gärten, die der Schnee mit weißem glänzenden Kleide gedeckt hatte; denn es war im Februar. Der Königssohn aber war sehr betrübt, und seine Thränen fielen in den Garten herab, und schmolzen den Schnee. Dann nahm er eine Laute, stellte sich an's offene Fenster, und sang zu dem Klange der Saiten:

Wo find' ich dich Glöckchen silberweiß,
Das dem silbernen Boden entsprieße,
Wo find' ich euch Thränen so freudig und heiß,
Daß das Silber zum Bächlein zerfließe!
Und find ich euch nicht in baldiger Frist,
Um das Schwesterlein dann es geschehen ist.

Diese Worte hatte aber der Sohn des königlichen Gärtners gehört, der eben auch zu seinem kleinen Fenster in den Mondschein hinaus sah. »Was soll denn das eigentlich heißen?« dachte er bei sich. »Warum ist denn unser guter Königssohn so sehr betrübt? Das muß ich wissen, vielleicht kann ich ihm helfen; in dem Schlosse sehe ich noch ein Lichtchen brennen.« Er schlich sich also zu dem Lichtchen hin, da wohnte der Pförtner, der die Gartenthüre bewachte. Er klopfte leise an dem Fensterchen, und der Pförtner rief: »Wer kommt denn da noch so spät an's Schloß?« »Macht mir ein wenig auf,« sagte der Gärtnerssohn, »ich habe etwas mit euch zu reden.« Da kam der Pförtner heraus mit einem großen Bund Schlüsseln, und schloß auf und schob die schweren Riegel zurück. Als sie aber in dem Pförtnersstübchen saßen am warmen Kamine, da sagte der Gärtnerssohn: »Sagt mir doch, was fehlt unserm jungen Königssohne? Ich habe eben im Mondschein gesehen, wie er geweint hat, und er hat etwas gesungen, was ich nicht habe verstehen können.« »Das will ich dir sagen, mein Sohn,« sagte der Alte. »Der junge Königssohn hat seine Schwester sehr lieb; diese ist aber seit einigen Tagen krank, und kein Mensch kann ihr helfen, so viel Aerzte man auch gerufen hat. In der verflossenen Nacht aber hat die Königstochter einen seltsamen Traum gehabt. Sie träumte nämlich, man hätte ihr ein silbernes Glöckchen gebracht, das war auf einem silbernen Boden gewachsen. Da hätte ihr Bruder vor Freude geweint, und seine Thränen hätten das Silber geschmolzen, und es sey in einem silbernen Bächlein auf den Boden gelaufen, davon sey sie gesund geworden. Diesen Traum hat sie ihrem Bruder, dem Königssohn erzählt; aber er weiß das silberne Glöckchen nicht zu finden. Nach allen Ländern hat er Boten ausgesandt, aber er glaubt nicht, daß ihm einer das Verlangte bringen wird, und wenn es lange dauert, so stirbt die Königstochter gewiß, denn sie wird jeden Tag kränker. Darum ist der Königssohn so betrübt.« »Jetzt verstehe ich die Worte,« sagte der Gärtnerssohn; »ich dank euch für eure Nachricht, ich will mich aufmachen, und das Glöckchen suchen.« »Bleibe zu Hause,« sagte der Alte, »dein Suchen ist vergeblich. Die Gelehrten haben in allen ihren Büchern nachgeschlagen, ob sie nichts von einem Lande erfahren können, wo die Glocken aus der Erde hervorwachsen, aber sie haben nichts gefunden. Du wirst doch nicht gescheidter sein wollen, als sie?« »Es hat nichts zu sagen,« sprach er, »ich habe den Königssohn so lieb, und für ihn will ich die ganze Welt durchreisen.» Er ließ sich nicht halten, sondern schlüpfte eilig zur Pforte hinaus, ging auf sein Stübchen, füllte seinen Reisesack mit einigen Lebensmitteln, und wanderte in der Nacht noch zum Thore hinaus.

Er war aber noch nicht lange gegangen, da kam er in einen großen Wald. Damit er aber den Rückweg wieder finden könnte, hieb er mit seinem großen Jagdmesser bald rechts bald links Baumäste zur Hälfte ab, und ließ sie so herabhängen. Gegen Morgen, als eben der Tag graute, kam er auf eine große Haide, auf der gingen drei Irrlichter Arm in Arm spazieren, und sangen dabei:

Irret, irret, irret,
Daß ihr euch verwirret
In des Waldes Schluchten,
An des Ufers Buchten;
Aus dem Sumpf und aus dem Moor
Komme keiner mehr hervor!

»Was sind denn das für sonderbare Gesellen? Mit denen muß ich Bekanntschaft machen.« Er ging auf sie zu, als sie ihn aber sahen, fuhren sie wie ein Blitz auseinander, und jeder rief ihm, zu folgen. Aber er kannte die Schelmen schon längst, blieb stehen und sagte: »kommt einmal zu mir her, ich habe euch etwas zu sagen.« Da kamen sie neugierig herbeigelaufen, und sagten: »was willst du denn von uns?« »Ich will weiter nichts, als daß ihr mich begleitet. Ich habe eine große Reise vor, und das geht Tag und Nacht; da will ich euch denn des Tages über verköstigen, und des Nachts geht ihr vor mir her, und leuchtet mir.« »Das wollen wir thun,« sagten sie; »aber vorher mußt du uns ein Räthsel auflösen.« Da fragte der Aelteste unter ihnen:

›Es ist ein Licht, das löscht die andern Lichter aus,
Es hat es Niemand angezündet;
Durch goldne Pforten geht es aus dem Haus,
Das einst ein Meister hat gegründet.
Und wir erkennen schüchtern seine Macht,
Und sagen, wenn es kommt, einander gute Nacht.‹

»Oho!« sagte der Gärtnerssohn, »wenn ihr mir nichts schwereres gebt, damit will ich schon fertig werden! Das Licht, das die andern Lichter auslöscht, ist die Sonne; die goldnen Pforten sind die Morgenröthe, aus der sie hervorgeht, und ihr erkennet ihre Macht, denn natürlich, wenn sie kommt, so müßt ihr Irrlichter vor ihr verbleichen.«

Indem er aber dieß gesagt hatte, färbte sich der Morgenhimmel immer rother und rother, und die Irrlichter wurden blass er und blasser, und der Gärtnerssohn hatte aber noch Zeit, seinen Ranzen zu öffnen, und die drei Nachtwandler hinein schlüpfen zu lassen. Da stieg die Sonne über die fernsten Berge empor, und glänzte über der Haide. Der Schnee aber funkelte in ihren Strahlen, wie Millionen Diamanten, aber er schmolz nicht von dem himmlischen Feuer. Der Gärtnerssohn aber ging weiter, und ruhte nicht eher bis am Abend. Da kam er an eine Höhle, in der brannte ein Feuer und ein dicker Dampf quoll heraus, und zog sich durch die Bäume den Berg hinauf. In der Höhle aber wohnte ein Mann, der galt für einen großen Weisen, der in die Zukunft sehen und alles offenbaren konnte. Zu diesem trat er hinein, warf seinen Ranzen in eine Ecke, und grüßte ihn. Der Alte aber war in seinen Büchern so vertieft, daß er es gar nicht gemerkt hatte, daß der Gärtnerssohn hereingetreten war. Dieser mochte ihn anreden wie er wollte, er hörte nicht, sondern sah durch sieben Prillen in sein Buch, in dem allerlei sonderbare Figuren gezeichnet waren. Der Gärtnerssohn zupfte ihn am Ermel und rief: »Heda! Herr Brillenmann, hört mich doch!« Aber er hörte nicht; da zupfte er ihn am Ohrläppchen, und sagte: »Gebt doch acht wer da ist!« aber es war vergebens. Da schnallte der Gärtnerssohn seinen Ranzen auf, und setzte eines der Irrlichter zwischen die sechste und siebente Brille, also, daß der Alte vor Lichtglanz nichts sehen konnte. Da sah er plötzlich um sich, und fragte mit tiefem Ernste: »was willst du?« »Guter Alter,« sagte der Gärtnerssohn, »ich habe von euch sagen hören, ihr wäret der weiseste Mann in der ganzen Gegend und wüßtet alles Verborgene anzuzeigen. So sagt mir doch, wo die silbernen Glocken aus silbernem Boden hervorwachsen. Da runzelte der Alte nachdenklich die Stirne, und strich seinen weißen Bart, der ihm bis auf den Schoos herabhing, und sah lange nachdenklich auf seine Figuren. Endlich aber holte er aus einem Schränkchen ein kleines Kästchen, das schloß er auf, und nahm daraus ein kleines bucklieches Männlein, das ritt auf einem Stecken. Das Männlein aber setzte er auf die Hand, gab ihm einen kleinen Schlag auf den Rücken, und sagte: »Nicht eher, als bis die halbe Welt durchreist ist.« »Das wird eine lange Fahrt geben,« dachte der Gärtnerssohn bei sich; aber das Männlein flog davon mit Blitzeseile, und der Alte setzte sich nieder, hob die sieben Brillen auf die Nase, und studirte in seinem Buche, wie vorher. Der Gärtnerssohn aber setzte sich auch nieder, holte sein Brod hervor, und schnitt sich ein Stück von seinem Fleische ab, das er mit gutem Appetit verzehrte. Die drei Irrlichter aber, die von der Luft leben, setzten sich in den hintersten Winkel der Höhle auf den Boden, und sogen begierig die Dünste ein, die aus dem feuchten Boden hervorkamen. Sie fanden dort so reichliche Nahrung, daß sie ganz dick wurden, und in hellen Flammen aufloderten. Der Gärtnerssohn war aber kaum mit seiner Abendmahlzeit zu Ende, so kam der kleine Reiter im Galopp herbeigeritten; er war aber ganz außer Athem. Nachdem er auf dem Boden einen Augenblick ausgeruht hatte, hüpfte er dem Alten auf die Hand. »Du hast deine Sache brav gemacht, mein Sohn; jetzt sage mir auch, hast du das Land gesehen, wo die silbernen Glocken aus der Erde wachsen?« »Nein,« sagte das Männchen, »ich bin in der halben Welt herumgekommen, aber nirgends hab' ich die silbernen Glöckchen gesehen. Ich war im Meer und unter der Erde, und war in der Luft und im Feuer; aber ich fand nicht, was ich suchte. Selbst im unterirdischen Reiche, wo die Erde smaragdene Bäume trägt mit goldenen und silbernen Aepfeln, habe ich wohl allerlei Gewächse gesehen, aber silberne Glocken sind mir nirgends zu Gesichte gekommen. Da ging ich endlich zu meinem Bruder, der die andere Hälfte der Welt zu bereisen hat, und fragte ihn darum. Er gab mir aber zur Antwort, der Mann, der das wissen wollte, müßte selbst zu ihm kommen. Mit dieser Antwort bin ich sogleich nach Hause geritten.« Da verzog der Alte seine hohe Stirne zu tausend Falten, und strich seinen langen weißen Bart, und sagte endlich: »jetzt kann ich dir nicht helfen; du mußt hinreisen, wo die beiden Hälften der Erde verbunden sind. Dort ist ein sehr hoher Berg, und auf dem Berg steht ein Haus, und alles was von der einen Seite des Berges herabfließt, bewässert die eine Hälfte der Erde, und was von der andern Seite herabkommt, fließt in das große Meer, das die andere Erdhälfte umschließt. Dort wohnt mein Bruder, der wird dir das übrige sagen. Aber du wirst viel zu überwinden haben. Du kommst durch das Land der zehnäugigen Riesen, und durch das Land der Zwerge; glücklich bist du, wenn du durchkommst.« »Ich wills versuchen,« sagte der Gärtnerssohn, und nachdem er dem Alten für seine Nachricht gedankt hatte, nahm er den Ranzen auf den Rücken, die drei Irrlichter aber gingen vor ihm her, und erleuchteten ihm den Weg in der dunklen Mitternacht.

Aber ein zehnäugiger Riese stand auf einem hohen waldigen Berge, der nicht weit von einem großen Meere lag. Er sah aber, wie die Irrlichter daher wandelten, und dachte, das muß ein vornehmer Herr sein, der drei Fackelträger vor sich hergehen hat. Er rief darum die andern zehnäugigen Riesen zusammen, die stimmten ein lautes Geheule an, und liefen dem Gärtnerssohne entgegen. Da sagte der Gartnerssohn zu den Irrlichtern: »Jetzt thut eure Schuldigkeit, ihr meine Diener.« Da faßten sich die drei Irrlichter im Arm, und tanzten unten am Berge herum, und sangen dabei:

Irret, irret, irret,
Daß ihr euch verwirret
In des Waldes Schluchten,
An des Meeres Buchten,
Aus dem Sumpf und feuchten Moor
Komme keiner mehr hervor.

So tanzten sie zusammen fort, bis sie an die zehnäugigen Riesen kamen. Da schrieen diese mit lauter Stimme: »Wo ist euer Herr?« »Hier ist er,« riefen sie, und flogen nach zwei Seiten auseinander. Da folgte ein Theil dem einen Irrlicht, das führte sie in den Wald; das andere Irrlicht führte sie ans Meeresufer, das dritte aber blieb bei dem Gärtnerssohne.

Die Riesen aber schrieen immer: »wo ist er?« da antwortete ihnen das Echo: »hier ist er.« Nun glaubten sie, er sey jetzt da, dann wieder dort, und die Irrlichter fuhren vor ihnen hin und der, daß sie nicht mehr wußten, wo sie hin sollten. Aber das eine Irrlicht rief jetzt noch einmal: »Kommt, hier ist er!« und senkte sich in eine tiefe Bergschlucht hinab; da eilten sie ihm nach, aber der Boden wich unter ihren Füßen, und sie stürzten mit gräßlichem Geschrei in die endlose Tiefe; das andere Irrlicht aber hatte die übrigen so verwirrt, daß sie mit ihren zehn Augen hundert Lichter zu erblicken glaubten. Da kam ihnen eine Furcht, daß sie alle davon liefen; als sie aber an das steile Meeresufer kamen, fielen sie hinab, und ertranken sämmtlich in dem tiefen Wasser.

»Mit euch wäre ich fertig geworden,« sagte der Gärtnerssohn, und lobte seine treuen Diener, welche die Gegend von den zehnäugigen Riesen auf einmal gesäubert hatten; »dafür,« sprach er, »sollt ihr einmal königlich belohnt werden. Ich würde euch gerne ein wenig rasten lassen, aber es treibt mich fort zu dem Bruder des Steckenreiters, um zu erfahren, wo die silbernen Glocken wachsen. Wenn ihr aber sehr müde seyd, so will ich euch tragen. Da setzte er sie in seinen Ranzen, und trug sie weiter. Sie streckten aber auf beiden Seiten die Köpfe ein wenig heraus, und erleuchteten den Weg. Bald aber kam die Sonne hinter den Bergen hervor, da sanken sie in den Sack hinab, und schliefen den ganzen Tag.

Der Gärtnerssohn zog aber immer weiter und weiter, und am dritten Tage kam er in das Land der Zwerge, und sah schon von weitem den hohen Berg, der die zwei Halbkugeln der Erde zusammenhält. Er stieg aber gerade von einem Hügel herab, da sah er auf einer Ebene eine unzählige Menge von Zwergen versammelt. Sie feierten eben ein Siegesfest, das sie über ein anderes Zwergenvolk davon getragen hatten, und erfüllten die Luft mit seltsamem Rufen. Sie hatten ihn aber nicht sobald gesehen, als sie sich schnell auf einen Haufen zusammenzogen, und drei Gesandten zu ihm schickten. Das pflegten aber die Zwerge gewöhnlich zu thun, wenn ein Fremder in das Land kam, dann legten sie ihm eine Frage vor, und wenn er diese nicht lösen konnte, so nahmen sie ihn gefangen, und stellten ihn an einen Ausgang der Stadt als Thor, und marschirten zwischen seinen Beinen hindurch. Beantwortete er aber ihre Frage, so durfte er sich hundert Zwerge zum Eigenthum auswählen, die alle auf kleinen Pferden ritten.

Die drei Abgesandten kamen also zu dem Gärtnerssohn herbeigeritten, und befahlen ihm, am Grenzsteine zu halten. »Ehe du hineintrittst,« sagten sie, »löse uns eine Frage. Wirst du sie beantworten, so wähle dir hundert berittene Zwerge, und ziehe damit hin, wohin du willst; kannst du es aber nicht, so bist du unser Gefangener.« »Hört,« sagte er, »wir wollen es umkehren, ich will euch einmal eine Frage vorlegen, beantwortet ihr sie gut, so bin ich euer mit Leib und Leben, könnt ihr's aber nicht, so wähle ich hundert unter euch, und ziehe mit ihnen in mein Vaterland.« Da traten die Abgesandten bei Seite und rathschlagten unter einander, ob sie den Vorschlag eingehen sollten. Sie hielten sich aber für so klug und weise, daß sie gang gewiß glaubten, jede Frage beantworten zu können. »Gib deine Frage,« sagten sie, »wir wollen sie beantworten.« Da sprach er lächelnd: »Nun, so sagt mir, wo wachsen die silbernen Glocken auf silbernem Boden?« Dies wußte aber keiner zu beantworten. Sie besannen sich hin und her, und rieben sich die Stirne, aber sie brachten's nicht heraus. »Wir wissen es nicht,« sagten sie endlich. »So weiß ich es auch nicht,« sagte der Gärtnerssohn, und schritt über die Grenze. Da führten ihn die Abgeordneten zu dem Könige und sagten ihm, wie er ihnen eine Frage vorgelegt, und welchen Vertrag sie gemacht hätten. Da ließ der Zwergenkönig sein ganzes Heer sich in eine Reihe stellen, und der Gärtnerssohn wählte sich fünfzig Zwerge mit schwarzen Pferden, und fünfzig mit weißen, dann zog er weiter und die Zwerge hinter ihm nach. Als er aber an die Stadt kam, da sah er statt der Thore viele Männer stehen, die waren vor Alter schon ganz versteinert. Er getraute sich aber nicht, durch die Stadt zu gehen, denn er fürchtete unterwegs ein Paar hundert Zwerge zu zertreten. Darum wandte er sich seitwärts, und kam an den großen Berg. Auf dem Berge aber stand ein hoher Thurm und dabei rechts auf der Spitze des Berges ein kleines, kleines Häuschen. Auf dem Thurme muß man eine schöne Aussicht haben, dachte der Gärtnerssohn, und trat hinzu, um ihn recht in der Nähe zu betrachten. Aber was er sah, war kein Thurm, sondern ein großer, großer Mann, der fragte den Gärtnerssohn, zu wem er wolle? »Es soll hier ein Mann wohnen,« sprach der Gärtnerssohn, »der hat einen Diener, der die halbe Welt durchreis't, den will ich um etwas fragen.« »Setze dich auf den Boden,« sagte der Riese. Da setzte sich der Gärtnerssohn auf den Boden, und aus dem Häuschen trat ein winziges, kleines Männlein, das hatte eine weiße, gepuderte Perücke auf dem Kopfe, und unter dem Arme trug es ein kleines Rohr. »Was willst du von mir?« redete er den Gärtnerssohn an. »Seyd ihr der Bruder von dem kleinen Steckenreiter, der mich hierher geschickt hat?« »Der bin ich,« brüllte der Riese, »und der vor dir steht, ist mein hochgebietender Herr.« »Ach, ich bitte Euch um Verzeihung,« sagte der Gärtnerssohn; »seyd so gut, und sagt mir, wo die silbernen Glocken wachsen.« Da winkte das winzige Männlein dem Riesen, der nahm es, und setzte es auf seine Faust, und hielt es hoch in die Luft hinaus. Da schaute es durch sein Rohr, aber es sah nichts. Nun setzte es der Riese auf seinen Hut, und es ging rings herum, wie auf der Zinne eines Thurmes, und schaute nach allen Gegenden der Welt. Auf einmal winkte es wieder dem Riesen, der nahm es, und setzte es sanft auf die Erde. »Gehe nur wieder hin, wo du hergekommen bist, sagte es. »In dem königlichen Garten wirst du finden, was du suchst.« »Da haben wir's,« sagte der Gärtnerssohn, »warum hab' ich das nicht früher gewußt? Jetzt habe ich die beschwerli Reise hierher gemacht, und muß nun wieder zurück.« »Tröste dich,« sagte das winzige Männchen, »ich will dich schnell nach Hause bringen.« Da winkte es dem Riesen, der nahm einen großen Korb, in den ritten die hundert Zwerge über eine Brücke hinein; der Gärtnerssohn selbst aber legte seinen Ranzen hinein, und setzte sich darauf. Da hob der Riese den Korb auf seinen Kopf, und fing an zu gehen. Er hatte aber noch nicht zwanzig Schritte gemacht, so stand er schon auf der großen Haide, wo der Gärtnerssohn die Irrlichter gefunden hatte. Da setzte er den Korb ab, und sagte: »weiter darf ich nicht gehen, ich wünsche euch glückliche Reise.« Darauf nahm er seinen Korb, und schritt mit Sturmeseile von dannen.

Aber der Gärtnerssohn zog mit seinen Zwergen weiter, und als es Nacht wurde, holte er die Irrlichter aus seinem Sack, die leuchteten ihm durch den großen Wald, wo er die Aeste abgehauen hatte. Als er den Wald hinter sich hatte, kam er bald in die Stadt, und in den Königsgarten; dort ließ er seine Zwerge in einem Holzstalle absteigen. Er selbst aber ging im Mondschein durch den Garten. Da sah er den Königssohn wieder am Fenster stehen, und seine Thränen fielen herab in den Schnee, dann nahm er eine Laute und sang:

›Wo find' ich das Glöckchen silberweiß,
Das dem silbernen Boden entsprieße?
Wo find' ich euch Thränen so freudig und heiß,
Daß das Silber zum Bächlein zerfließe?
Und find' ich euch nicht in schneller Frist,
Um das Schwesterlein dann es geschehen ist.‹

»Ich hab' es gefunden, rief der Gärtnerssohn auf einmal in freudiger Bewegung; denn er stand eben im Garten und sah, wie der Mond ein Schneeglöckchen beleuchtete, das unter dem Schnee hervorgewachsen war, und glänzender Reif hatte es überzogen, und es sah aus wie Silber, mit Diamanten besetzt. Da lief er hin, und holte eine Grabscheit, und grub es mit dem Schnee heraus, und setzte es in ein Körbchen. Er lief aber alsbald damit zum Schloß hinein.

Die Königstochter war aber sehr krank, und der Königssohn saß vor ihrem Bette, und ihr Vater und ihre Mutter erwarteten jeden Augenblick, daß sie sterben würde. Da trat der Gärtnerssohn mit dem Schneeglöckchen herein. Kaum aber hatte ihn die Königstochter erblickt, so rief sie: »das ist das silberne Glöckchen, das ich im Traume gesehen habe; jetzt bin ich gesund.« »Gib es her,« sagte der Königssohn, daß ich es sehe.« Da nahm er es in seine Hand, und wie er es so betrachtete, fielen seine Thränen herab auf den Schnee, daß er schmolz, und in einem glänzenden Bächlein auf den Boden tröpfelte. Da stand aber der alte König und die Königin auf, und der König sagte zu dem Gärtnerssohne: »Ich habe meine Tochter demjenigen zur ehelichen Gemahlin versprochen, der ihr das Silberglöckchen bringen würde. Sie soll dein seyn.« Da reichte ihm die Königstochter ihre weiße Hand, und die Königin steckte ihrem Eidam einen goldenen Ring an den Finger. Den andern Tag aber ward durchs ganze Land bekannt gemacht, daß die Königstochter genesen sey, und daß Hochzeit seyn werde im königlichen Pallaste. Da versammelten sich alle Freunde des Königs, und es ward eine große Tafel gedeckt. In der Mitte der Tafel aber ließ man einen Zwischenraum, auf dem ritten die Zwerge auf und ab, und reichten jedem Gaste die Speisen und den Wein, und es war große Freude und Fröhlichkeit. Der Gärtnerssohn lebte aber sehr glücklich, und der Königssohn liebte ihn wie seinen Bruder, und als der alte König starb, so theilte er das Reich, und behielt für sich die eine Hälfte, die andere aber gab er dem Gärtnerssohne und seiner königlichen Schwester. Den drei Irrlichtern aber wieß der König ein altes Bergwerk zur Belohnung an, und eine Wiese, worauf sie spazieren gehen konnten. Sie mußten ihm aber versprechen, in seinen Diensten zu bleiben, und Niemand irre zu führen. Das thaten sie denn auch, und wenn am Hofe ein großes Fest gefeiert wurde, so lud sie der König zu sich ein und sie leuchteten ihm vor, wenn er mit den hundert Zwergen am Abende durch die Stadt ritt.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.