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Schneeglöckchen

J. J. Rudolphi: Schneeglöckchen - Kapitel 3
Quellenangabe
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typefairy
authorJ. J. Rudolphi
titleSchneeglöckchen
publisherJohann David Sauerländer
year1826
firstpub1826
correctorreuters@abc.de
senderIngo Seewald-Renner
created20090326
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Das Wunderschäfchen

Es war einmal ein Schäfchen, das war krank, und sah sehr elend aus; es stand nur auf drei Beinen, und wenn es ging, so hinkte es, und seufzte dabei, und stand wieder still, wenn es nur ein Paar Schritte gegangen war. Zu diesem Schäfchen kam einmal ein Schäfer mit seiner Heerde. Da hinkte das kranke Schäfchen herbei, und suchte Gesellschaft und Pflege bei den anderen Schaafen. Aber der Schäfer war ein harter und böser Mann. Was thust du da? fuhr er das arme Thierchen an, das ihn mit bittenden Augen ansah, gleich als ob es sagen wollte: »sei so gut, und laß mich mit deinen Schaafen gehen, und hilf mir, daß ich wieder gehen kann.« Aber der Mann kehrte sich nicht an seinen bittenden Blick, noch an seinen hülflosen Zustand, sondern er jagte es mit seinem Stock hinweg, und trieb seine Heerde brummend von dannen.

Das arme Schäfchen sah sich verlassen, und legte sich auf die Erde. Rechts und links rupfte es die Grashalmen ab, die sparsam aus dem ausgetrockneten Boden hervorwuchsen, und fristete kümmerlich sein Leben. Da kam ein anderer Mann, der trieb Schweine und Ziegen vor sich her, und ein großer zottiger Hund lief hinter ihm, und half ihm die Heerde in Ordnung halten. Der Mann sah das Schäfchen nicht, aber der Hund spürte es auf, und bellte laut. Da trat der Mann hinzu, und es sah ihn wieder mit beweglichen Blicken an, gleich als ob es ihn um Hülfe bitten wollte. »Was ist denn das für ein elendes Thier, das da liegt?« sagte er mit rauher Stimme. »das hat gewiß mein Nachbar hier liegen lassen, weil er es nicht mag. Aber ich mag es auch nicht! Was soll ich mit ihm anfangen? Wenn ich es davon brächte, ja dann könnte es mir vielleicht mit seiner Wolle die Mühe bezahlen, die ich mit ihm hätte. Allein wer steht mir dafür, daß es mir nicht in den nächsten Tagen stirbt? Dann muß ich mir noch dazu die Mühe nehmen, und ein Loch graben, um es zu verscharren. Nein, daraus wird nichts. So sagte er, und wandte sich von ihm, und trieb seine Heerde weiter. Wie er aber so über das Feld hinging, so hörte er das arme Thierchen seufzen und stöhnen, und der Klageton ging ihm doch durchs Herz. »Wie wäre es,« sagte er, »wenn ich es einmal probirte? Das arme Thier muß doch hier jämmerlich verkümmern, vielleicht errett' ich's noch vom Tode.« Da kehrte er wieder um, und stellte es auf seine Beine, und trieb es fortzugehen. Aber es fiel nach den ersten Schritten wieder um, und seufzte auf der Erde. Da nahm er es auf die Schultern, und trug es heim, und legte es hinter seinen Ofen, und gab ihm ein wenig Ziegenmilch zu trinken. Er brachte ihm auch eine Handvoll kräftiger Kräuter, und glaubte, davon werde es bald geheilt seyn. Aber als er es am andern Morgen mit seiner Heerde hinaustreiben wollte, konnte es noch nicht aufstehen. Da gab er ihm noch einmal Milch zu trinken und kräftige Kräuter zu essen, und machte es am Abend eben so. Als es aber am dritten Tage noch nicht aufstehen wollte, ward er ungeduldig. »Was soll ich mich um nichts und wieder nichts mit dir plagen?« sagte er, und nahm's und trug es wieder hinaus an die Stelle, wo er es gefunden hatte. »Da liege,« sagte er, und es hob sein Köpfchen, und leckte ihm die Hand und sah ihn bittend an. Aber er ließ sich nicht rühren, sondern ging mit seiner Heerde weiter.

Es geschah aber, daß in die Nähe des Schäfchens ein kleines Mädchen kam, das trieb eine Ziege vor sich her, und sang allerlei muntere Lieder. Da hörte es das Schäfchen seufzen, und trat zu ihm, und sah es an. »Armes Thierchen,« sagte es, »wer hat dich denn so unbarmherzig da liegen lassen? Komm mit mir!« Es versuchte, das Schäfchen aufzurichten, aber es fiel immer wieder nieder. »Warte, da will ich geschwind einen Korb holen, und ich will dich heimtragen.« Da lief es zu seiner Mutter, die wohnte in einem kleinen Häuschen, und saß und spann mit der Spindel Tag und Nacht, denn es war eine gar arme Frau, die nichts hatte, als das Häuschen und die Ziege. »Mutter,« sagte Marie zu ihr, »da hab ich draussen auf dem Stoppelfeld ein krankes Schäfchen gefunden, das will ich heimholen, und ich will es pflegen, daß es wieder gesund wird!« »Das ist recht gut,« sagte die Mutter, »aber was wollen wir ihm denn zu essen geben? Es muß Milch trinken, und wir haben doch keine, als die uns die Ziege gibt, und davon müssen wir beide leben.« »Das will ich schon machen,« sagte Marie, »gib mir nur einen Korb.«. Da gab ihr die Mutter einen Korb, und sie ging hin, und füllte den Korb halb mit Laub und weichem Moos, und trug es heim. Wann ihr aber die Mutter zum Frühstück und Abendessen ihren Antheil an der Ziegenmilch gab, so brachte sie es sogleich dem Schäfchen, und gab sie ihm zu trinken; sie selber aß ihr Stückchen Brod, und freute sich, wenn ihr das Schäfchen zur Dankbarkeit die Hand leckte. Es dauerte aber sehr lange, und das Schäfchen lag immer noch krank. Aber Marie ließ sich's nicht verdrießen, sondern theilte endlich mit ihm, was sie selbst zu essen bekam. Eines Morgens aber, als Marie im Bette lag, fühlte sie ihre Hand sanft bewegt, sie wachte auf, und sah, daß ihr liebes Schäfchen vor dem Bette stand, und sein Köpfchen auf ihre Hand gelegt hatte. Da stand sie schnell auf, und das Thierchen hüpfte in der Kammer herum, und war ganz fröhlich. Sogleich nahm sie es mit sich auf die Weide, und es hüpfte und sprang vor ihr her, und kam auf ihren Ruf zu ihr zurück. So ging es jeden Tag, und Marie hatte ihre herzliche Freude an dem schönen Thierchen. Seine Wolle, die vorher schmutzig und rauh war, wurde jetzt so weiß wie der Schnee, und so zart und fein, wie Seide. Auf der Stirne aber hatte es drei braune Flecken.

Eines Tages aber, als das kleine Mädchen sein Schäfchen und seine Ziege weidete, kam ein Schäfer mit seiner Heerde daher. Es war aber derselbe böse Mann, der zuerst das Schäfchen auf dem Felde gefunden und hülflos hatte liegen lassen. Er kannte es an den drei braunen Flecken auf der Stirne, und sah mit Neid, wie es so groß und so schön geworden war. Darum sann er darauf, wie er es sich zueignen konnte. Am Abend aber, als er dachte, daß das Mädchen mit dem Schäfchen zu Hause sein würde, nahm er einen großen Sack, und ging in Mariens Haus, und sagte: »Das Schäfchen mit den drei braunen Flecken gehört mir; es hat sich von meiner Heerde verlaufen, und ich habe es lange gesucht; seid so gut, und gebt mir mein Schäfchen wieder.« Marie aber und ihre Mutter glaubten, der Mann redete wahr, und gaben ihm das Lämmchen, wiewohl ungern. Das Mädchen weinte, und bat den Mann, noch einen Augenblick zu warten, da nahm es ein weißes Bändchen, das es um ihr Hütchen gebunden hatte, und band es dem Lämmchen um den Hals. Darauf küßte sie es, und der Mann steckte es in seinen Sack, und trug es heim.

Auf dem Wege aber wurde ihm das Lämmchen so leicht, so leicht, daß er sich nicht genug darüber verwundern konnte. Das ist ein Wunderlämmchen, sagte er; sonst wird einem die Last, die man trägt, immer schwerer, aber das wird immer leichter. Er konnte kaum erwarten, bis er nach Hause kam, da zündete er ein Licht an, und band den Sack auf, aber statt des Lämmchens sprang ein weißes Mäuschen heraus, und lief, ehe er sich noch recht besinnen konnte, in ein Loch in dem Boden. Da sah er in den Sack hinein, aber er sah nichts als ein großes Loch. »Aha!« sagte er, »jetzt weiß ich, warum der Sack so leicht geworden ist; du bist mir davon gelaufen, warte, ich will dich schon wieder bekommen!« Da nahm er einen andern Sack, und besah ihn genau, ob auch kein Loch darin sey, und ging damit wieder zu Mariens Häuschen hin. Er klopfte an dem Fenster, und sagte: »Mein Schäfchen ist mir davon gelaufen, ist es nicht zu euch gekommen?« »Ja,« sagte die Mutter, »es ist wieder gekommen; da habt ihr's.« Da steckte er es wieder in den Sack, und trug es in der Nacht heim. Aber auf dem Wege ward ihm der Sack wieder leichter und leichter, und er wußte gar nicht, was das sein sollte. Da legte er ihn geschwind unter einem Baum nieder, und knüpfte ihn auf, und husch! flog eine weiße Taube heraus, und ehe er sich noch recht besinnen konnte, war sie schon weit fortgeflogen. Da ward er sehr ärgerlich, und schüttelte und rüttelte an dem Sack, aber es kam nichts heraus; da wendete er ihn um; er sah aber nichts als ein großes Loch am Ende des Sackes. »Ah!« sagte er, »jetzt weiß ichs; ich bin vorhin an einem großen Dornbusch vorbeigegangen, der hat mir gewiß ein Loch in den Sack gerissen, und das Schäfchen ist durchgeschlüpft. Jetzt will ichs aber besser machen!« Da ging er heim, und holte einen ganz neuen Sack, und ging noch einmal zu dem Hause des Mädchens. »Ist mein Schäfchen nicht da?« rief er zum Fenster hinein. »Ja, es ist da,« sagte die Mutter, und schloß ihm die Thüre auf. Aber das arme Mädchen weinte, und bat ihn, er möchte ihr doch das Schäfchen lassen; aber er hörte nicht darauf, sondern sagte zu dem Lamm: »wart, du sollst mir nicht wieder davon laufen.« Da nahm er einen Strick, und band ihm die Füße fest zusammen, und steckte es so in seinen Sack, und trug es davon.

Auf dem Wege aber ward ihm der Sack sehr schwer. Da sagte er: »nicht wahr, ich habs gefunden; du sollst mir nicht wieder davon laufen.« Der Sack ward ihm aber immer schwerer und schwerer, also, daß er einmal ausruhen mußte. Da legte er den Sack neben sich, und setzte sich auf einen großen Stein, der neben am Wege lag. Als er aber den Sack so betrachtete, so hörte er ein so sonderbares Brummen und Stöhnen darin. Ich will doch einmal sehen, was dem Schäfchen fehlt, sagte er. Er knüpfte daher schnell den Sack auf, aber statt einem Lämmchen, sprang ein großer Wolf heraus, und ehe er sich recht besinnen konnte, hatte ihn der Wolf auch schon zerrissen.

Unterdessen aber war das kleine Mädchen sehr betrübt, daß es sein Schäfchen zum drittenmale verloren hatte. Es wollte sich aber nicht schlafen legen, sondern stand am Fenster, und sah mit thränenden Augen hinaus; da sprang auf einmal das Lämmchen herbei, und blieb vor der Thüre stehen. Marie aber lief hinaus, und führte es herein, und legte es in seinen Korb hinter dem Ofen, und sagte: »Jetzt soll es aber der böse Mann gewiß nicht mehr holen. Es gehört ihm gewiß nicht, sonst wäre es nicht zum drittenmal wiedergekommen.«

Das Schäfchen war aber kein wirkliches Schäfchen, sondern eine Waldnymphe hatte sich in seine Gestalt verwandelt, und wollte sehen, ob die Menschen auch mitleidig wären. Sie konnte sich aber in alle Gestalten verwandeln; das wußte aber das Mädchen nicht, sondern glaubte, das Schäfchen sey dem Mann wirklich entlaufen. Darum führte sie es den andern Tag wieder auf die Weide.

Als sie noch nicht lange da war, kam ein Hirte, der trieb Schweine und Ziegen vor sich her. Als dieser das Schäfchen mit seinen drei braunen Flecken auf der Stirne sah, erkannte er es für das, was er zwei Tage gepflegt, am dritten Tage aber wieder aufs Feld gesetzt, und verlassen hatte. Als er sah, wie schön es war, und welche weiße, feine Wolle es hatte, erwachte der Neid in ihm, und er besann sich auf eine Lüge, wie er das Schäfchen oder wenigstens seine Wolle in seine Gewalt bekäme. Darum sagte er: »höre Mädchen, wo hast du denn das Schäfchen her?« »Ich habe es hier gefunden,« sagte das Mädchen, »es war krank, und ich nahm es mit mir, und pflegte es, bis es gesund ward. Gestern aber war ein Mann da, der sagte, es gehöre ihm. Er hat es auch mitgenommen; aber es ist ihm dreimal entlaufen, und die Leute sagen, der Mann sei von einem grimmigen Wolf zerrissen worden.« Als das der Hirte hörte, so erschrack er, denn er wußte wohl, daß der Schäfer sich das Lämmchen unrechtmäßigerweise hatte nehmen wollen; um aber doch nicht ganz leer auszugehen, sprach er: »ja ich sage nicht, daß das Lämmchen mir gehört, auch ich habe es hier in einem betrübten Zustand gefunden, habe es mit mir genommen, und lange gepflegt; ja ich habe mich recht viel mit ihm geplagt, aber was war am Ende mein Dank? Es lief mir davon, und ich habe alle Mühe und Arbeit umsonst gehabt. Jetzt ist es aber billig, daß es mir wenigstens seine Wolle gibt; eigentlich gehörte es ganz mir.« Das kleine Mädchen konnte nichts dagegen sagen. Sie setzte sich also, und ließ den Hirten gewähren, wie er wollte. Dieser legte das Schäfchen auf seinen Schoos, zog eine große Scheere hervor, und fing an, das Schäfchen zu scheren. Die Wolle fiel in zarten Löckchen auf die Erde, und ein wohlriechender Duft stieg aus ihr empor, wie von Rosen mit Veilchenduft vermischt. »Aha« dachte der Hirte, »das wird einmal eine Wolle geben! die soll mir theuer bezahlt werden!« Wie er aber so begierig schnitt, und über seine gelungene List sich innerlich erfreute, da flog ein großer Vogel über sie hin, der hielt eine Schlange in seinen Krallen. Der Hirte sah dem wunderbaren Vogel nach; aber aus großer Begierde schnitt er immer fort und fort, und schnitt sich auf einmal die Hand ab. Da that er einen lauten Schrei, und lief davon, aber auch das Mädchen lief weg, und die Ziege sprang ihr erschrocken nach. Das Schäfchen jedoch blieb auf der Stelle liegen, und rief durch sein Blöken das Mädchen wieder herbei. Es nahte sich ihm schüchtern, und sah verwundert, wie die abgeschorene Wolle wieder mit Wolle bewachsen war wie vorher; die abgeschnittene lag auf der Erde. Sie hob sie auf, und ging mit ihren Thieren heim zur Mutter, und erzählte ihr, was geschehen sey. Da holte die Mutter ein neues Spinnrädchen aus ihrer Lade, welche die Großmutter einst ihrem Enkel geschenkt hatte, und sagte: »Da spinne mir die Wolle zu einem schönen Faden, du kannst dir dann daraus ein Paar Handschuhe stricken für den Winter; die Wolle ist so zart und weich.« Da fing das Mädchen an das Rädchen zu drehen, und spann und spann, und eine unsichtbare Hand zog die Wolle zu einem langen, langen Faden, daß sich die Mutter sehr verwunderte. Als sie aber das letzte Löckchen durch die Hand gleiten ließ, löschte plötzlich das Licht aus, und ein wundersamer Glanz erleuchtete das kleine Stübchen, und ein Duft wie Rosen und Veilchen zog durch das Zimmer. Da kam aus der Wand eine Frau von königlichem Ansehen; ein freundliches Lächeln spielte um ihren Mund, braune Locken wallten über ihren Nacken herab, und eine Krone, die aus goldnem Eichenlaub zusammengesetzt war, ruhte auf ihrem Haupte. »Seyd mir gegrüßt,« redete sie die Verwunderten an, »es ist Zeit, daß ich mich euch zu erkennen gebe. Ich war dein Schäfchen Marie, das du so sorgsam gepflegt hast: ich wollte sehen, ob die Menschen mitleidig sind. Zwei böse Menschen habe ich kennen gelernt; ich habe sie dafür bestraft; für deine Sorgfallt um mich, will ich dich belohnen. Behalte die gesponnene Wolle, und schenke sie der Königin, aber verkaufe sie ihr nicht. Die letzte Locke aber behalte zum Andenken an mich.« Als die königliche Frau das gesagt hatte, verschwand sie, wie sie gekommen war; die Wände des Stübchens waren wieder so schwarz wie vorher, und statt des Rosendufts zog sich wieder der Oehldampf der Lampe in die Höhe.

Zu der Zeit aber reis'te die Königin des Landes umher, und wollte gesponnene Wolle kaufen für ihr Töchterchen, das stricken lernen sollte. Da kam sie auch in die Gegend, wo Marie wohnte, und ließ überall durch ihre Diener bekannt machen, wer recht schöne gesponnene Wolle hätte, der solle sie herbeibringen, die Königin wolle sie kaufen. Als das die Spinnerinnen der Umgegend hörten, kamen sie alle herbei, und jede glaubte, die schönste Wolle zu haben. »Die wollen wir einmal recht theuer verkaufen,« sagten sie, »Die Königin mag es bezahlen.« Sie kamen also zusammen auf einer großen Wiese, da hatte die Königin sich ein Zelt aufschlagen lassen, und trat heraus und besah die Wolle einer jeden. Wenn sie aber nach dem Preise fragte, so forderten die Mädchen so viel, daß die Königin über ihre Unbescheidenheit erstaunte. Doch kaufte sie von jeder ein klein wenig. Zuletzt kam sie auch dahin, wo die kleine Marie stand. Auch ihre Wolle nahm die Königin in die Hand, befühlte sie, und erstaunte über ihre Feine und Zartheit. »Was willst du für diese Wolle?« fragte die Königin. »Ich verkaufe sie nicht,« antwortete Marie. »Nun, warum bist du denn hier hergekommen?« fuhr die Königin fort. »Um sie Euch zum Geschenk zu bringen, wenn sie Euch gefällt,« sagte Marie lächelnd. Da nahm die Königin die Wolle und sprach: »es ist billig, daß ich dir ein Gegengeschenk gebe.« Darauf ließ sie den Faden an dem Zelte festknüpfen, und ging mit Marie weiter, und sprach: »so weit der Faden reicht, so weit soll das Land dein seyn!« Da wickelte Marie den Faden ab, und ging in einem großen Kreise umher, und der Faden wurde länger, und wollte gar kein Ende nehmen. Endlich aber kam sie wieder an das Zelt zurück, und band das andere Ende an. »Das Land soll dein seyn,« sagte die Königin, und ließ es darauf mit einem breiten Graben einschließen und einen Bach hineinleiten, daß es zu einer schönen Insel wurde. Statt des Zeltes aber ließ sie ein großes prächtiges Haus erbauen, und einen Garten darum anlegen, und als alles fertig war, zog Marie mit ihrer Mutter dahin, und sie lebten noch lange auf der glücklichen Insel. –

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