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Schneeglöckchen

J. J. Rudolphi: Schneeglöckchen - Kapitel 2
Quellenangabe
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typefairy
authorJ. J. Rudolphi
titleSchneeglöckchen
publisherJohann David Sauerländer
year1826
firstpub1826
correctorreuters@abc.de
senderIngo Seewald-Renner
created20090326
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Das Perlhühnchen und das Rehchen

Es war einmal ein Perlhuhn, das wohnte in einem Holzstalle. Am Tage ging es in einem großen Hof spazieren, und des Nachts schlief es in einem Neste, das es sich von Stroh und dürrem Laube in der Ecke des Stalles gemacht hatte. Es führte aber ein sehr vergnügtes Leben, nur wünschte es, einen Freund zu haben. Mit den Hühnern wollte es sich nicht vertraut machen, denn das waren gar neidische Thiere, und vor dem Hofhunde fürchtete es sich. Darum blieb es allein, und sang für sich des Morgens sein Morgenlied so schön, als die Perlhühner singen können, und sah dabei zu einem Loche heraus, das es sein Fenster nannte.

Eines Tages aber brachte ein fremder Mann ein junges Reh, das er im Walde seiner Mutter, dem alten Reh, genommen hatte. Das arme Thierchen war sehr betrübt und schüchtern, und fürchtete sich vor allen andern Thieren, die auf dem Hofe waren. Als diese die Furcht des Rehes merkten, hatten die eine Freude daran, es noch mehr zu ängstigen. Bald lief der Haushahn mit aufgeblasenem Halse gegen es hin, da lief es in großen Sätzen in eine andere Ecke; dort aber streckten ein Paar Gänse ihre langen Hälse gegen es aus, und als es denen entflohen war, kam es an die Hütte des Hofhundes, der mit lautem Bellen herausfuhr, und es zu zerreißen drohte. So ward es ohne Aufhören auf dem Hofe herumgejagt, bis es endlich die Thüre des Holzstalles fand. Da schlüpfte es hinein, und barg sich in dem Stroh hinter einen abgehauenen Eichbaum. Aber das Perlhuhn schlich ihm nach, und setzte sich auf den Balken, und sprach ihm Muth zu. Fürchte dich nicht, sagte es zu ihm, du kannst hier bleiben, und wir wollen Freundschaft schließen. Darauf ging es hinaus auf den Hof, und schalt die Hühner und die Gänse, und befahl ihnen, das Rehchen in Zukunft ruhen zu lassen. Dann kam es wieder herein, und die beiden Thierchen lebten fortan in zutraulicher Freundschaft.

Der Mann aber, dem der Hofes gehörte, hatte ein Paar Kinder, die gewannen das Rehchen sehr lieb. Es hatte ein schönes, geflecktes Fell und freundliche Augen, und wenn es in dem Hofe mit lustigen Sätzen auf und absprang, so lockten sie es zu sich, und streichelten es, und brachten ihm allerlei Gutes zu essen. Nach und nach gewöhnten sie es, daß es in's Haus lief, und es kam jeden Morgen, wenn die Kinder frühstückten, und die gaben ihm Milch und Zucker zu essen, und es lebte herrlich und in Freuden.

Aber das Perlhühnchen schüttelte sein kleines Köpfchen und sagte bei sich: Ich fürchte, mein Freund wird wohl verwöhnt werden, wo nicht gar stolz und übermüthig, wenn ihm wegen seines schönen Fellchens und seiner schwarzen Augen so geschmeichelt wird. Darum redete es einmal mit ihm des Abends, als es aus dem Hause zurückkam. Liebes Rehchen, sagte es zu ihm, ich freue mich, daß es dir so gut geht; du hast dich jetzt auf unserem Hofe eingewöhnt: du hast nichts mehr zu fürchten; denn jedermann vertheidigt dich; du bist geliebt und gepriesen von allen Hausgenossen, aber hüte dich, daß du dich nicht von deinem Glücke verblenden lässest. In dem Hause gibt es allerlei gefährliche Dinge, die du nicht kennst, bleibe daher lieber hier im Hofe auf ebener Erde, wie ich. Das Rehchen aber meinte, das hätte nichts zu sagen, denn es war über sein Glück schon ganz stolz geworden. »Was habe ich denn hier in dem einfältigen Hofe,« sagte es zum Perlhuhn. »Da hat man keine andere Gesellschaft, als die dummen Hühner, die zu Nichts taugen, als Eier zu legen, und dabei zu schreien, wenn man mich gerne im Hause sieht, warum soll ich da nicht hingehn? Ich habe noch nichts Gefährliches darin gesehn.«

Das bescheidene Perlhühnchen aber schüttelte wieder sein Köpfchen, denn es merkte, daß das Rehchen schon ganz hochmüthig geworden war, und daß es sich um seine Freundschaft nicht viel mehr kümmere. Darum schwieg es still, und sagte blos: »Rehchen, denke an mich, es wird dich einmal gereuen.«

Aber das Rehchen hörte nicht auf die Stimme des klugen Perlhühnchens, sondern fing an, dasselbe zu verachten. Wenn es Morgens aufstand, so lief es sogleich in das Haus zu den Kindern, stieg mit ihnen die Treppe hinauf, und sah ganz hochmüthig zum Fenster heraus; wann es dann wieder in den Hof herabkam, um darin spazieren zu gehen, so that es, als ob es das Perlhuhn gar nicht sähe, sondern lief an ihm vorbei, und achtete es nicht, ja endlich wollte es nicht mehr bei ihm wohnen, sondern es versteckte sich in dem Hause, wenn der alte Hausknecht die Thüren zuschloß, und schlief auf einem Teppich, der auf dem Boden ausgebreitet war.

Das Perlhühnchen aber betrübte sich sehr über die Undankbarkeit seines Freundes, aber es wagte nicht, ihm Vorwürfe zu machen. Aber dennoch konnte es nicht aufhören, es lieb zu haben, und für sein Bestes besorgt zu seyn. Darum, als es sah, daß das Rehchen immer mit den Kindern die hohe Treppe hinaufstieg, und sich an's Fenster setzte, sagte es wieder zu ihm: »Lieb' Rehchen, wenn du meinem Rathe folgen willst, so steige nicht so hoch; wer hoch steigt, der fällt auch hoch.« Aber das Rehchen lachte, und sprach: »Warum kümmerst du dich so um mich? Ich muß doch selbst am Besten wissen, was gefährlich ist oder nicht. Hier hat man eine gar schöne Aussicht, und die einfältigen Hühner da unten sind ganz klein, wie die Tauben.« Das Perlhuhn aber sah, daß alle seine guten Ermahnungen und Worte verloren waren. Hochmuth kommt vor dem Fall, sagte es, und schwieg still, und schlich sich in seinen Holzstall.

Aber was das Perlhühnchen vorausgesagt hatte, das traf leider ein. Das Rehchen saß wieder einmal oben am Fenster, und sah recht hochmüthig auf die Thiere im Hofe herab. Da kam ein starker Wind, und braußte durch das Haus, und schlug eine Thüre zu, so stark, daß das Rehchen voller Schrecken aufsprang. Da es aber so schnell nicht wußte, wo es hinspringen sollte, sprang es zum Fenster hinaus, und fiel mit dem Kopf auf einen harten Stein, und blieb todt liegen. Das Perlhühnchen aber schrie, so laut es konnte, um Hülfe. Es kamen auch die Kinder und Hans der Hausknecht, und schüttelten es, und stellten es auf seine Beine, aber es fiel immer wieder todt hin. Da trug man es in den Garten, und begrub es unter einen Hollunderbaum, der eben blühte. Das Perlhühnchen aber sagte: »O! Wenn du mir gefolgt hättest, so wärest du nicht gestorben,« und alle Jahre, wenn der Baum blühte, setzte es sich darunter, und weinte über seinen unglücklichen Freund.

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