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Schneeglöckchen

J. J. Rudolphi: Schneeglöckchen - Kapitel 18
Quellenangabe
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typefairy
authorJ. J. Rudolphi
titleSchneeglöckchen
publisherJohann David Sauerländer
year1826
firstpub1826
correctorreuters@abc.de
senderIngo Seewald-Renner
created20090326
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Nählädchen

Es war einmal ein Mädchen, das hieß Nählädchen, die war berühmt im ganzen Lande wegen ihrem schönen Nähen, und kein Mädchen auf zehn Meilen konnte so feine Stiche machen, wie sie, noch mit Nadel und Faden so schönes Bildwerk darstellen, als die berühmte Nähterin.

Nählädchen aber wußte es auch, wie schön sie nähte, und wenn sie am Sonntag ihr schneeweißes Schürzchen aus der Kiste nahm, und damit im Dorf herumging, so war sie nicht wenig stolz darauf, wenn alle Leute stehen blieben, und zu einander sagten: »ey seht doch, welch schöne Namen das Nählädchen auf der Schürze hat; das ist die Meisterin im ganzen Lande.«

Die Königin aber hörte von Nählädchens großer Geschicklichkeit, und ließ sie zu sich rufen. Da gab sie ihm ein großes feines Stück Leinwand, und sprach zu ihr: »Das Stück Linnen säume mir, und ziere es so gut du kannst; wenn es wird, wie ich wünsche, so sollst du gut dafür belohnt werden.« Da nahm Nählädchen das Linnen, und ging damit heim, und holte Nadeln und Faden, und fing an, es zu säumen, und nähte allerlei Figuren darauf, Rosen und Vergißmeinnicht und Pomeranzenbäume und Granatäpfel, und arbeitete so emsig, daß sie in ein Paar Tagen damit fertig war. Dann setzte sie ihr Häubchen auf, zog das gefaltete Schürzchen an, und ging zur Königin.

Die Königin aber war sehr erstaunt über die Kunst des Nähmädchens. »Hätte ich doch nimmer geglaubt,« sprach sie, »daß du so was schönes machen könntest. Komm, jetzt will ich dir auch deinen Lohn geben.« Da schloß sie einen Schrank auf, und nahm daraus ein goldenes Häubchen, das setzte sie dem Nählädchen auf, und nahm eine Schnur schöner Granaten, woran ein Goldstück hing, die legte sie ihr um den Hals, dann zog sie ihr ein seidenes Kleidchen an, und gab ihr ein Paar rothe Strümpfe und rothe Schuhe mit blauen Bändchen, und als sie ganz fertig war, stellte sie sie vor einen großen Spiegel, der ging vom Fußboden bis zur Decke, und sprach: »jetzt besieh dich einmal!« Nählädchen konnte sich nicht satt an sich selber sehen; sie drehte sich rechts und links, und schüttelte den Kopf, daß auch die Bänder recht flatterten, und hob den Fuß in die Höhe, um auch die rothen Strümpfe und Schuhe recht zu sehen. Dann bedankte sie sich bei der Königin, und nachdem sie ein Knixchen gemacht hatte, so gut sie es konnte, ging sie nach Hause. Von der Zeit an war Nählädchen ganz stolz, und wenn ihre Gespielinnen sie grüßten, so nickte sie so eben ein wenig mit dem Kopfe, und ging an ihnen vorüber; sie saß aber meistens zu Hause, und nähte an einer Leinwand, die sollte noch viel schöner werden, als die vorige war.

Nählädchen aber hatte eine Großmutter, die war sehr alt und konnte nicht mehr viel sehen; die saß hinter dem Ofen und erzählte allerlei alte Geschichten, und manchmal auch von einer wunderbaren Frau, die eine Fee war, und auf einem Berge wohnte. »Dort,« sprach sie, »hat sie ein Haus, und wenn sie daheim ist, so näht sie wie du, aber noch viel schöner. Da ist kein Baum im Feld, da ist kein Vogel im Wald, da ist kein Fisch im Wasser, den sie nicht schon wunderbar abgebildet hätte; ja so wunderbar weiß sie es zu stellen, daß man meinen sollte, es lebe, und wolle sich eben bewegen.« Und wenn dann die Großmutter so fortfuhr zu erzählen, da steckte Nählädchen ihre Nadel bei Seite, und saß in tiefen Gedanken. »Das wird doch auch nicht so arg seyn,« sagte sie endlich, »ich möcht es nur einmal sehen, und setze alles daran, ich will es eben so schön machen, wo nicht noch besser.« »Liebes Kind,« sagte die Großmutter, »bedenke, was du sagst. Einer Fee kannst du es unmöglich gleich thun, und wenn du noch zehnmal geschickter wärest, als du wirklich bist! Und dann nimm dich in Acht, daß sie es nicht erfährt, denn sie hat gar feine Ohren, und hört einem zu, wenn man sie gar nicht sieht; ich sage dir, vermesse dich nicht gegen die Bergfee.« Darauf erzählte denn die Alte gewöhnlich, wie mächtig diese Fee sey im Guten wie im Bösen, und wie sie schon oft die Bescheidenen herrlich belohnt, und die Hochmüthigen bestraft habe. Nählädchen aber hörte darauf nicht, sondern dachte daran wie sie sich mit der Bergfee in einen Wettstreit einlassen und sie überwinden wollte.

Eines Tags – es war eben ein schöner Sommermorgen, da sprach die alte Großmutter: »Kind,« sprach sie, »ich will mich ein wenig hinter das Haus setzen, damit die Sonne meine alten Glieder noch einmal wärme; bleib du indessen hier, und sey fleißig.« Darauf nahm sie ihren Stock, und schlich mühsam hinaus, und setzte sich auf einen Baumstamm, der auf der Erde lag, und sonnte sich; Nählädchen aber saß an ihrer Arbeit, und nähte emsig. Da klopfte es an ihrer Thüre, und herein trat eine alte Frau mit eisgrauen Haaren. »Guten Tag mein Kind,« sprach sie, aber man verstand sie nicht recht, denn ihre Zähne waren ihr fast alle ausgefallen. »Guten Tag,« sprach Nählädchen, »wollt ihr zu meiner Großmutter?« »Nein Kind,« sprach die Alte, »ich will zu dir.« Darauf setzte sie sich nieder, und sagte: »ich habe so viel gehört von deiner Geschicklichkeit und großen Kunst im Nähen, und wollte einmal etwas von deiner Arbeit sehen, und da ich es in meiner Jugend auch weit darin gebracht habe, so könnte ich dir vielleicht manches sagen, und dir helfen.« »Ich brauch Euch nicht zum helfen,« sagte Nählädchen ganz kurz: »was könnt denn ihr mit euren steifen Fingern und mit euren blöden Augen machen?« »Ey, ey, Nählädchen,« sagte die Alte, »sey nur nicht gar zu stolz, ich meine es ja gut mit dir, und so dürr meine Finger sind, und blöd meine Augen, so solltest du doch einmal sehen, was ich kann, wenn ich will.« »O ihr närrische Alte,« sprach Nählädchen, und lachte dabei, »meint Ihr, ich werde mich in einen Wettstreit mit Euch einlassen? Da will ich Euch ein altes Hemd geben zum Flicken oder ein Paar Strümpfe zum Stopfen, und das sage ich Euch, ich messe mich mit Niemand, als mit der Bergfee selbst, die eine gute Näherin seyn soll, und hoffe, den Preis über sie davon zu tragen.« »Liebes Kind,« sprach die Alte, »ich bitte dich, vermesse dich nicht gegen die Fee. Man sagt vielerlei von ihr, wie sie unsichtbar in den Häusern wandle, und Kindern, die sie gerne habe, stricken lehre und nähen, ohne daß sie's merken, und wer weiß, ob sie dir nicht unsichtbarer Weise geholfen hat an deiner Arbeit, womit du so viel Ruhm dir erworben hast bei der Königin. An deiner Statt würde ich die Fee bitten, dich noch mehr zu lehren, und würde es dankbar annehmen, wenn mir Jemand diesen Dienst erweisen wollte. Du solltest wahrlich mehr Ehrfurcht haben vor einem grauen Haupte, wie meines ist.« »Ihr seyd eine alte Schwätzerin,« sagte Nählädchen, »ich muß es doch am Besten wissen, wer mich's gelehrt hat, zu nähen. Ich selber und sonst Niemand, und ich sag's Euch noch einmal, die Fee soll selber kommen, und ich will mit ihr um die Wette nähen. Aber mit Eurer Weisheit verschont mich.« Sie hätte gerne gehabt, wenn die Alte fortgegangen wäre, da sie es aber doch für unschicklich fand, sie gerade fortzuschicken, so sagte sie: »nun, wenn Ihr denn doch so geschickt seyd, so laßt mich doch einmal etwas sehen von Eurer Arbeit.« »Ich habe jetzt gerade nichts da,« sprach die Alte, »aber wenn du mir zusehen willst, so will ich dir eine Probe davon geben.« Da griff die Alte in ihre Tasche, und zog daraus eine Citrone, die schnitt sie entzwei, und nahm daraus Nadel und Faden von verschiedenen Farben und einen Fingerhut; dann nahm sie eine andere Citrone, schnitt sie auf wie die erste, und zog daraus ein dünnes feines Gewebe, das war wie weißer Sammet, und so groß, daß es gar kein Ende nehmen wollte. Das befestigte sie an der Wand, und fing an zu nähen. Zuerst nähte sie einen großen Eichbaum mit grünem Laube. Auf seinen Zweigen hatten Vögel ihre Nester gebaut, und unter ihm saß ein Schäfer, der hütete eine Heerde Schaafe, die auf einer grünen Wiese gingen. Die Wiese lag in einem Thale, und vom Berge herab stürzte ein Wasserfall, und der Bach floß durch die Wiese zwischen Erlenbäumen und Weiden. In der Ferne sah man Leute, die mähten das Heu, und Mädchen mit gelben Strohhüten trockneten es, und Knechte legten es auf einen hohen Wagen mit vier Pferden bespannt. Ganz am Ende ragte auf einem Berge eine stattliche Burg empor, und dahinter senkte sich die Sonne zu ihrem Untergange, und ihre Strahlen brachen einzeln durch das dichte Laub des Eichbaums. Darauf fing sie ein neues Bild an, das war ein Wald, und Jäger waren darauf, Hirsche und Rehe, und viele Hunde verfolgten sie. Da sah man den schlauen Fuchs, wie er auf einen Baum kletterte, und das wachsame Kaninchen, wie es sich auf die Hinterbeine setzte, und ganz oben auf dem zackigen Felsen die Himmelsnachbarin, die Gemse und der langgehörnte Steinbock. Und auf dem dritten Bilde sah man eine Stadt und eine Kirche, und ein kleines Kind ward hineingetragen zur Taufe. Sein Schwesterchen trug es auf dem Arm, und war geschmückt mit blauen und rothen Bändchen, und auf dem Häubchen hatte es ein silbernes Kränzchen, aber der Vater und die Verwandten der Mutter gingen ehrbar daneben, und der Pförtner stand an der Kirchenthüre und hielt einen großen Bund Schlüssel in der Hand. Das alles nähte sie kunstreich in allen lebendigen Farben, und man meinte, man sehe die Sonne wirklich scheinen, und höre die Vögel singen, und sehe die Lämmer grasen und fühle das weiche Grün der Wiese. Zuletzt nähte sie rings herum einen Blumenkranz von Rosen, Traubenlaub und Bärenklau, und vollendete das Ganze in unbegreiflich geschwinder Zeit.

Nählädchen aber hatte ihr zugesehen mit einem Auge voll Neid und Eifersucht. Als die Alte fertig war, sagte sie mit gezwungenem Lächeln: »ja, meiner Treu, ich hätte nicht geglaubt, daß Ihr so künstlich nähen könntet; jetzt will ich es auch probiren, aber ich lasse mir nicht gerne zusehen, geht darum ein wenig da in die Kammer, ich bin gleich fertig.« Darauf nahm sie geschwind das Gewebe, was die Alte gemacht hatte, und wollte es hinaustragen, und ins Feuer werfen; als sie aber an den Heerd kam, stand die Alte schon da, und riß ihr das Gewebe aus der Hand. »O du undankbares Ding,« sprach sie mit zornglühenden Augen, und in demselben Augenblicke verwandelte sie sich in die königlich gestaltete Fee. »Sieh, ich war's, die dich unsichtbar unterwiesen hat, jetzt empfange deine Strafe.« Da ward aus Nählädchen auf einmal ein altes Mütterchen mit eisgrauen Haaren, und wenn sie sprach, so verstand man sie kaum, denn es fehlten ihr fast alle Zähne. Ihre Augen waren so blöd, daß sie fast nichts sah, und eine Brille tragen mußte, ihre Geschicklichkeit hatte sie ganz vergessen, und sie war froh, wenn sie mit grobem Zwirn ihre Hemden ausbessern konnte. Die Fee aber verschwand, um ein anderes Mädchen aufzusuchen, das dankbarer gegen sie wäre, als es Nählädchen war. –

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