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Schneeglöckchen

J. J. Rudolphi: Schneeglöckchen - Kapitel 17
Quellenangabe
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typefairy
authorJ. J. Rudolphi
titleSchneeglöckchen
publisherJohann David Sauerländer
year1826
firstpub1826
correctorreuters@abc.de
senderIngo Seewald-Renner
created20090326
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Die Geschichte von dem Raben und den Tauben

Es waren einmal ein Paar weiße Tauben, die lebten auf einem Hühnerhofe, und waren gar fromm und zahm; sie fraßen den Kindern aus der Hand und lebten mit allen Thieren, die auf dem Hofe waren, in Freundschaft. Selbst der alte Packan, der Hofhund, der sonst ein mürrischer Kerl war, sah ihnen ruhig zu, wenn sie um ihn herumliefen, und die Haferkörner aus dem Stroh lasen, auf dem er schlief. Die Tauben aber flogen von dem Hofe nicht weg, sondern des Hausherrn Töchterchen fütterte sie am Fenster, vor dem ein breites Brett befestiget war; dort warf sie ihnen Gerste hin und Wicken, und rief sie jeden Morgen und Abend zum Fressen. Am Nachmittag aber flogen sie auf einen Acker, der dicht neben dem Hofe lag, und lasen dort allerlei Gewürme und Saamen auf. Aber weiter entfernten sie sich nicht.

Wie sie einmal auf dem frischgepflügten Acker herumgingen, kam ein Rabe daher geflogen und setzte sich zu ihnen. Der Rabe aber hatte schon längst die Tauben um ihr stilles, ruhiges Leben beneidet, und hätte es gar zu gerne auch so gut gehabt. Darum sprach er zu ihnen: »Hört, ihr Tauben, wollt ihr mich nicht zu eurem Freunde annehmen? Ich will Euch gefällig und dienstfertig sein in Allem und ihr sollt nicht Ursache haben, über mich zu klagen.« Da sprachen die Tauben: »ja das wollen wir wohl thun, aber ob dich unsre Herrschaft auf dem Hof leiden wird, das ist eine andere Frage. Sie werden dir's gleich ansehen, daß du ein wilder Vogel bist!« »O laßt mich nur machen,« sprach er, »ich gebe mich für eine Taube aus, und eine schwarze Taube unter sechs weißen Tauben, das läßt recht schön.« »Nun, wir haben nichts dagegen,« sagten die Tauben, »du kannst mit uns kommen, aber vorher mußt du uns einiges versprechen.« »Fordert von mir, was ihr wollt,« sagte der Rabe, »nur nicht, daß ich meine Flügel soll beschneiden lassen oder den Schnabel zubinden, sonst will ich alles thun.« »Das verlangen wir nicht,« sagten die Tauben, »aber wir fordern etwas anders. Erstens seyd ihr Raben schmutzige Gesellen, und freßt alles, was euch vorkommt, das mußt du dir hier abgewöhnen; du darfst nichts fressen, als was man dir gibt, und auf dem Acker allenfalls ein Paar zarte Würmchen und Saamenkörner, aber schmutzige Dinge oder gar Aas darfst du nicht mehr anrühren, sonst wird dich unsere Herrin gleich am Geruch erkennen. Sodann seid ihr Raben gar diebische Gesellen, und stehlt, wo ihr könnt; das darf hier durchaus nicht geschehen, und du begnügst dich blos mit dem, was du bekommst. Und endlich, drittens verlangen wir, daß du dir die garstige Haare am Schnabel, deinen Bart abmachen lassest, damit du ein zahmes Ansehen bekommst.« »Das verspreche ich alles,« sagte der Rabe; »nur was meinen Bart betrifft, den laß ich mir nicht gerne nehmen.« »Das thun wir aber nicht anders,« sprachen die Tauben, »wir wollen eine Maus bestellen, die soll die Barbiersdienste thun.« Da gab sich der Rabe darein, und die Tauben riefen sogleich einer Maus, die ihre Freundin war, die kam, und biß ihm die Haare von der Wurzel weg, daß er ganz anders aussah. Der Rabe aber hätte gerne die Maus angepackt, als sie ihm so am Schnabel nagte, aber er getraute sich jetzt noch nicht, seine neuen Freundinnen zu beleidigen.

Darauf flogen sie mit einander auf den Hof. Da sprach des Hausherren Töchterchen zu ihrem Vater: »ey, sieh doch, Vater, da ist eine ganz schwarze Taube unter unseren weißen, wo mag die hergekommen seyn?« »Das ist keine Taube,« sagte der Vater, »das ist ein Rabe.« »Aber er ist doch so freundlich mit den Tauben,« sagte sie, »und sieh einmal, er hat gar keinen Bart, wie sonst die Raben haben.« Darüber verwunderte sich der Vater selbst, der Rabe aber, der das gehört hatte, gab sich nun alle Mühe, in allem als eine Taube zu erscheinen. Darum als er sah, daß die Tauben, wenn sie mit einander redeten, den Kropf aufbließen, und sich tief bückten, wollte er es auch so machen, und verbeugte sich tief, und hielt den Athem an sich, aber auf einmal aber machte sich seine Stimme Luft, und er krächzte, daß die Tauben erschrocken aufflogen. Aber um ihren neuen Freund nicht in Verlegenheit zu bringen, blieben sie doch bei ihm sitzen, und baten ihn, seine ungeschickte Höflichkeiten einstweilen noch zu lassen. Darauf streute ihnen das Mädchen Futter an's Fenster; es war ihm aber gar unheimlich, und er war froh, als die Tauben wieder wegflogen.

Nach und nach aber gewöhnte er sich an seine neue Lebensart, und ließ sich von dem Mädchen streicheln, wie die andern Tauben, und schien gar sittsam und bescheiden. Eines Tages aber saß er auf der Mauer, und sah auf dem Boden einen todten Maulwurf liegen. Da konnte er sich nicht enthalten, von seinem Fleische zu kosten. »Ich habe nun lauter mehlige Speisen gegessen,« sagte er, »ein Stück Fleisch wird wohl nichts schaden.« Er flog deswegen herab, und packte den Maulwurf. »Nun, was soll denn das geben,« rief ihm auf einmal eine Taube zu. »Hast du schon vergessen, was du versprochen hast? Geschwind lasse es liegen, oder wir jagen dich fort.« Da ließ er den Maulwurf liegen und flog wieder auf die Mauer; in seinem Herzen aber verwünschte er die strengen Tauben, die ihm gar nichts hingehen ließen. »Ich muß mich auf andere Art entschädigen,« sagte er, »aber ich muß es klüger anfangen.«

Da sah er eines Tages, wie die Hausfrau frischen Käse bereitete, und wie die Käse so auf dem Brett lagen, sie kamen ihm gar appetitlich vor: »davon muß ich meinen Theil haben,« dachte er, er ließ sich aber nichts merken, sondern flog mit den Tauben auf den Acker und suchte Würmer; auf einmal aber sagte er, er habe etwas vergessen. Er flog nun schnell an das Fenster, vor welchem die Käse lagen, und ließ sich's wohl schmecken. Als er satt war, flog er wieder weg.

Wie nun die Hausfrau nach ihren Käsen sah, merkte sie, daß ein Thier davon gefressen hatte. »Die Tauben können das doch nicht gethan haben,« dachte sie, »die sind so genügsam mit ihrem Futter, und haben mir noch nie etwas gestohlen, das muß die Katze gewesen seyn.« Die arme Katze hörte, was die Hausfrau gesagt hatte und kam miauend hervor, um ihre Unschuld zu bezeugen, aber die Hausfrau ergriff einen Besen und wollte sie züchtigen, da machte sie sich auf, und lief davon.

An einem andern Tage, als die Tauben mit dem Raben am Fenster saßen, und von dem Mädchen gefüttert wurden, sah er auf dem Tisch etwas Glänzendes liegen, das war ein goldener Ring, der dem Hausherrn gehörte. Der gefiel dem Raben, und er sprach: »den muß ich haben.« Darum, als die Tauben auf dem Felde saßen, sprach er: »ich habe etwas vergessen.« Dann flog er hin vor das Fenster, und da es offen stand, und Niemand im Zimmer war, flog er hinein und packte den Ring mit dem Schnabel, dann setzte er sich im Hof in eine Ecke, und wollte ihn verschlingen; da er das aber nicht konnte, so verscharrte er ihn in den Sand. Es hatte ihn aber Niemand gesehen, als die Katze, die unter dem Ofen gelegen und gethan hatte, als ob sie schlief.

Kurz darauf kam der Hausherr in die Stube, und wollte seinen Ring holen. Als er nicht da war, fragte er seine Frau, aber die wußte nichts davon, dann fragte er seine Tochter, aber die wußte auch nichts davon. »Den kann doch die Katze nicht gefressen haben,« sprachen sie, »das ist doch unerhört. Sie hat zwar schon manches weggemaußt, aber Ringe hat sie doch noch nicht gestohlen.« Da kam die Katze hervor und miaute und lief an die Thüre als ob sie sagen wollte, sie sollten mit ihr gehen. Aber der Hausherr besann sich lange, und sprach dann, »gebt acht, ob nicht die schwarze Taube, die doch nichts, als ein verkappter Rabe ist, den Ring geholt hat.« Die Katze aber miaute dabei immer stärker, daß ihr endlich der Hausherr die Thüre aufmachte, da lief sie ein Paar Schritte fort, und sah sich um, daß man ihr folgen sollte. Da ging ihr der Hausherr und die Hausfrau und ihr Töchterchen nach, voll Verwunderung, wo sie die Katze hinführen würde. Sie führte sie aber über den Hof in eine Ecke, dort krazte sie im Sand, und scharrte den Ring heraus. Jetzt sah man, daß der Rabe der Dieb gewesen sein mußte. »Wart, du sollst deine Strafe haben,« sprach der Hausherr. Als dann am andern Tage sein Töchterchen die Tauben wieder fütterte, ließ er ein Becken mit glühenden Kohlen auf den Tisch setzen. Als die der Rabe sah, dachte er, »davon muß ich auch meinen Teil haben.« Darauf flog er mit den Tauben auf einen Acker, und sprach: »ich habe etwas vergessen,« dann flog er vor das Fenster, und weil niemand in der Stube war, flog er hinein, packte eine Kohle und verschlang sie im Augenblick. Die Kohle aber verbrannte ihm den Hals und er konnte das Fenster nicht mehr erreichen. Da fiel er zu Boden und starb eines elenden Todes. Der Hausherr aber, der hinter der Thüre gestanden, und durch das Schlüsselloch alles gesehen hatte, nahm ihn, und warf ihn auf die Straße und sprach: »Der Dieb kann seine Natur nicht verläugnen, und wenn er auch äußerlich noch so sittsam ist.« Aber die Tauben, denen die Katze die ganze Geschichte erzählte, haben sich seitdem vor den Raben gehütet, und haben keine Freundschaft mehr mit ihnen geschlossen.

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