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Schneeglöckchen

J. J. Rudolphi: Schneeglöckchen - Kapitel 16
Quellenangabe
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typefairy
authorJ. J. Rudolphi
titleSchneeglöckchen
publisherJohann David Sauerländer
year1826
firstpub1826
correctorreuters@abc.de
senderIngo Seewald-Renner
created20090326
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Springpeterchen

Es war einmal ein kleines possirliches Kerlchen, das hieß Peterchen, das war ungestalt und so klein gewachsen, daß es sich einst im hohen Grase, wie in einem Walde verirrte. Dabei aber war Peterchen von aufgewecktem Geiste, und weil er hohe Sätze machen, und wie ein Eichhorn von einem Baum zum andern hüpfen konnte, nannte ihn Jedermann das Springpeterchen.

Als Springpeterchen so alt war, daß er aus der Schule entlassen wurde, dachte er daran, ein gutes Handwerk zu erlernen, damit er ordentlich durch die Welt käme. Es ging darum zu einem Schmied, der wohnte in einem Berg vor einem großen Wald. Zu dem kam er und sprach ganz keck: »Meister, was muß ich euch geben, wenn Ihr mich euer Handwerk lehrt?« Da sah ihn der Meister an und erwiderte lächelnd: »Nichts, Peterchen; aber sage mir, wozu soll ich dich denn brauchen? Was kannst du denn?« »Mehr als Brod essen,« sagte Peterchen. »Nun, wenn das so ist,« sagte der Schmied, »so will ich dich behalten.« Da nahm er einen Stein, und legte ihn in die Esse, und setzte Springpeterchen darauf, und sprach: »schüre mir das Feuer, das soll deine Arbeit seyn!«

Da schürte Peterchen das Feuer, und warf Kohlen hinein, und der Schmied freute sich, daß Peterchen schon so viel konnte. Wie aber das Eisen recht glühend war, sprang Peterchen aus der Esse, und ehe es der Schmied merkte, war er schon wieder da. – Er hatte aber einen Tropfen Wasser auf den Ambos getröpfelt, und als der Schmied das heiße Eisen darauf brachte, und mit dem großen Hammer zuschlug, gab es einen Knall, daß der ganze Berg davon erzitterte. Da sah sich der Schmied um, und sagte: »Peterchen, hast du das gethan?« »Ja, Meister,« sagte Peterchen. »Ich sage dir Peterchen,« antwortete der Schmied »du hast mich rechtschaffen erschreckt.« »Das glaube ich,« entgegnete Peterchen, »hab' ich euch nicht gesagt, daß ich mehr kann, als Brod essen?« Da bekam der Meister einen ordentlichen Respekt vor seinem Lehrjungen und sprach: »ich sehe schon, ich muß dich gleich weiter fördern; du bist zu gut zum Feuerschüren.« Darauf hob er ihn aus der Esse, und stellte ihn an den Blasbalg. Das war dem Peterchen recht, da konnte er springen nach Herzenslust; denn weil er so klein war, so mußte er immer in die Höhe springen, um die Stange zu erreichen. Er versah aber sein Amt so gut, daß ihn der Schmied täglich lieber gewann.

Einmal brachte man ein Pferd, und dabei waren zehn starke Männer, die sollten es festhalten, wenn es beschlagen würde, denn es wollte sich kein Eisen aufschlagen lassen. Da sprach Springpeterchen: »laßt mich nur gewähren, ich will dem Pferd etwas ins Ohr sagen, daß es ruhig stehen soll.« Da ward das Eisen geschmiedet, und als es ihm aufgeschlagen werden sollte, sprang Peterchen dem Pferde auf den Hals, und sagte ihm ganz leise etwas ins Ohr. Zu gleicher Zeit aber steckte er eine Fliege hinein, und hielt das Ohr zu. Da vergaß das Pferd über dem Summen, daß es beschlagen wurde, schüttelte den Kopf hin und her, nickte, und alle Leute sagten: »seht, das Pferd hat ihn verstanden,« und glaubten, wenn es den Kopf schüttle, so sage es nein, und wenn es nicke, so sage es ja; der Meister aber eilte sich, und schlug das Eisen auf, und sagte zu den Leuten, die verwundert herumstanden: »der kann mehr, als Brod essen.«

Zu einer andern Zeit aber brachte man einen Esel, dem sollte auch ein Eisen aufgeschlagen werden. Da lief Springpeterchen herbei, und sprach: »Meister, ich will ihm erst ins Ohr sagen, daß er stille steht!« »Das ist nicht nöthig!« sagte der Meister, »der steht schon von selbst still.« »So,« sagte Springpeterchen, »gebt einmal acht, ich will ihm jetzt sagen, daß er nicht still stehet, und Ihr sollt ihn mit all Eurer Kraft nicht halten können.« »Das möchte ich doch einmal sehen,« sagte der Schmied, und stemmte die Arme in die Seite. Da that Springpeterchen, als wolle er ihm etwas ins Ohr sagen, warf ihm aber zu gleicher Zeit eine glühende Kohle ins Ohr. Da wurde der Esel ganz toll, schlug den Schmied zu Boden, riß sich los, und lief davon. Da stand der Schmied auf, und sagte: »Peterchen, du hast bei mir ausgelernt, denn du kannst mehr als dein Meister, du kannst jetzt in die Fremde gehen.« Da machte Peterchen seinen Bündel, nahm Abschied von seinem Meister, und ging in die weite Welt.

Er war aber noch nicht weit gekommen, da stand er auf einem Berge, und darunter breitete sich ein großes Meer aus, und viele Schiffe gingen auf dem Meer, und andere liefen in den Hafen ein, und andere machten sich bereit, wieder abzusegeln. Da stieg er hinab, und mischte sich unter das Schiffsvolk, und blieb endlich vor einem großen Schiffe stehen, das eben in See stechen sollte. Die Leute aber trugen noch große Balken und schwere Steine hinein. »Wozu soll denn das dienen?« fragte er einen, und das war der Schiffsherr. »Das ist Ballast,« sagte der Mann. » Ballast, was ist denn das?« fragte Peterchen. »Je nun,« sagte der Mann, »weil unser Schiff sonst zu leicht wäre, darum legen wir allerlei schwere Sachen hinein, damit es hübsch im Gleichgewicht bleibt.« Endlich war das gehörige Gewicht im Schiffe, und man wollte die Anker lichten, aber Peterchen sagte: »dem Ballast fehlt noch etwas an Gewicht, so schwer ungefähr, als ich bin; wenn ich euch rathen soll, so nehmt mich auf euer Schiff; sonst wird's euch nicht gut ergehen!« Da lachte der Schiffsherr und sagte: »ja Bürschchen, komm, dich kann ich brauchen!« Da nahm er ihn auf's Schiff, das gleich darauf die Anker lichtete und absegelte. Springpeterchen aber kletterte an der Strickleiter hinauf, und setzte sich in den Mastkorb. »Da will ich wohnen,« sagte er, »hier bin ich in meinem Element.« Dort saß er denn am Tage und sah hinaus auf's weite Meer, und wo der Wind herkomme, und die Seevögel; am Abend aber kam er herunter, und aß mit dem Schiffsherrn und vertrieb ihm die Zeit mit allerlei lustigen Geschichten und Spässen. Das Schiff aber segelte glücklich, und kam bald in ein fernes Land; dort hielt sich der Schiffsherr eine Zeitlang auf, und kaufte allerlei kostbare Waaren wohlfeil ein, denn die Leute dort wußten die Kostbarkeiten ihres Landes nicht so zu schätzen.

Eines Tags aber war Peterchen auch ans Land gegangen, und als er am Abend heimgehen wollte, verirrte er sich, und kam in ein großes Kornfeld, das wollte gar kein Ende nehmen. Da half ihm seine Gelenkigkeit nichts, und wenn er auch in die Höhe sprang, so konnte er doch nicht über die Halmen hinaus sehen. Darüber ward es Nacht, und er mußte die Hoffnung aufgeben, heute noch auf das Schiff zu kommen. Er brach also einen Arm voll Korn ab, bereitete sich ein Lager, und schlief die Nacht ganz ruhig; am andern Morgen aber ging er weiter und kam bald an einen Weg, der ihn an's Meer führte. Als er aber dorthin kam, war das Schiff verschwunden, und wen er auch fragte, der konnte ihm keine Nachricht davon geben. Da dachte er, je nun, da mußt du eben hier bleiben. Wenn's ganz fehlt, so kannst ich mehr als Brod essen, und damit will ich mich schon durchbringen.

Darauf ging er der Stadt zu, und kam bald an eine Bude vor der Stadt, in der verkaufte man frische Würste und Weißbrod, und da er seit gestern nichts gegessen hatte, fing der Hunger an, ihn unwiderstehlich zu plagen. Er trat darum vor die Bude, und sprach zu dem Manne: »hört einmal: wollt ihr für ein Frühstück von mir lernen, wie Ihr es machen müßt, daß Euch die Würste nicht verderben, und das Brod nicht trocken wird.« »Ja freilich,« sagte der Mann, »komm her und sag mir's ins Ohr, daß es mein Nachbar nicht hört!«

Da ging Peterchen zu ihm, und sagte ganz leise: »Ihr müßt Eure Würste verkaufen, ehe sie schlecht sind, und euer Brod, ehe es trocken wird, so verdirbt Euch nichts.« Da sagte der Mann: »Höre Kerlchen, du bist ein Schelm, und weil du mehr kannst als Brod essen, so will ich dir auch was dazu geben.« Da gab er ihm ein großes Stück frisches Brod und ein Stück Schinken. Das ließ sich Peterchen trefflich schmecken, dankte dem Manne und ging weiter.

Darauf ging er an das königliche Schloß, und wie eben der König mit einem großen Gefolge herausritt, kletterte er auf eine Säule und stellte sich oben darauf, um von da alles recht gut sehen zu können. Auf die Säule aber wollte der König das aus Stein gehauene Bild seines Leibzwergen setzen lassen, der vor Kurzem gestorben war. Als der König daher ritt, sah er schon von Weitem dahin, und wunderte sich, daß das Bild schon fertig sey. Als er aber kam, zog Springpeterchen sein Käppchen vom Kopf und verneigte sich gerade wie es der Zwerg des Königs gethan hatte. Da war der König auf's Höchste erstaunt, und glaubte bald, der Künstler hätte da ein Wunderwerk gemacht, oder der Zwerg sey wieder lebendig geworden; er winkte ihm aber mit der Hand zu sich, da rutschte Peterchen flink an der Säule herab, und sprach zum König: »was befehlt Ihr?« »Wer bist du?« fragte ihn der König. »Ich bin ein Mensch,« sagte Peterchen, »der den Leuten die Wahrheit umsonst sagt, und keinen Dank dafür verlangt, übrigens heiß ich Peter.« »Dich kann ich brauchen,« sagte der König. Da ließ er den Schneider rufen, und ihm ein neues Kleid anmessen; darüber freute sich Peterchen ungemein, und wenn der König ausritt, so mußte er auf einem kleinen Pferdchen neben ihm reiten.

Er ging aber einmal mit dem Könige spazieren, da saß am Wege ein alter Bettler mit einem Bein, der sagte, er hätte in des Königs Dienst das andere verloren. Dessen erbarmte sich der König, und gab ihm ein sehr reichliches Almosen. Als sie von ihm weggegangen waren, zupfte Peterchen den König am Rock, und sprach: »Herr König, ich hab' Euch eine Wahrheit zu sagen.« »So,« sagte der König, »laß hören!« »Nun so wißt denn,« sprach Peterchen, »daß ihr ein großer Narr seyd.« »Was sagst du? Kerl! ich sey ein Narr.« »Ja,« sprach Peterchen, »das seyd Ihr, daß ihr dem Bettler da geglaubt habt. Meint Ihr denn, der Kerl hätte wirklich nur ein Bein, wie er sagt? der hat so gut zwei Füße, als ich, und holt Euch noch einen Hasen, wenn Ihr ihn laufen laßt.« »Aber Peterchen,« sagte der König, »wie ist das möglich, ich habe es selbst gesehen.« »Nun, Ihr sollt aber das Gegentheil davon sehen,« sprach Peterchen, »kommt nur mit, und stellt Euch da hinter den Busch, und seht zu, was vorgeht.« Darauf ging Peterchen zu dem Bettler, und sprach: »Der König hat sich bedacht, und gefunden, daß das Almosen, das er Euch gegeben hat, doch zu gering sey; Ihr sollt darum zu ihm kommen, er will Euch besser versorgen.« »Lieber Sohn,« sprach der Bettler, »das kann ich nicht, denn siehe, ich habe nur ein Bein.« »Ey nun,« sagte Peterchen, »so will ich Euch helfen, wenn wir unsere drei Beine zusammennehmen, wollen wir schon zum König kommen.« »Ja, lieber Sohn,« sagte der Bettler, »dazu bist du doch zu schwach; sage dem König, meinem Herrn, ich ließe ihm für seine Güte danken, er hätte mich schon reichlich genug belohnt.« »Ja das geht nicht,« sagte Peterchen, »Ihr müßt zum Könige, und er wird Euch noch einen viel besseren Lohn geben; wartet nur ein wenig, ich will des Königs Thürsteher rufen, wißt ihr, den mit dem Stock, der ist stark genug, um Euch zum König zu führen.« Damit that er, als ob er fortlaufen wollte; er hatte aber kaum dem Bettler den Rücken gewandt, als dieser sein Bein hervorzog, das er in die Erde gegraben hatte, und so schnell er konnte, davon lief. Da sah der König, daß Peterchen recht gehabt hatte, und gewann ihn täglich lieber.

Nach einiger Zeit brach ein Krieg aus, und der König schickte ein großes Heer ins Feld. Die Soldaten aber fochten glücklich, und trugen einen Sieg über die Feinde davon. Als ein Bote dem König diese Nachricht brachte, überhäufte er diesen mit Geschenken, und entließ ihn in Gnaden. Da dachte Peterchen, wenn der Mann die Wahrheit geredet hat, so hat er diesen Dank verdient, ich will doch sehen, ob ich nicht dem Könige auch eine Nachricht bringen kann, vielleicht belohnt er mich auch. Da nahm er den Boten bei Seite und sprach: »warte hie ein wenig!« Dann lief er schnell in den Taubenschlag und nahm eine Taube von ihren Eyern, und brachte sie dem Boten und sprach: »wenn das Heer wieder siegt, so binde der Taube ein rothes Bändchen um den Hals, und laß sie fliegen, wird es aber geschlagen, so binde ihr ein schwarzes an.« Da nahm der Bote die Taube und ritt eilig zum Heere. Nach ein Paar Tagen aber ward es geschlagen. Da nahm er ein schwarzes Bändchen, und band es ihr um den Hals, und ließ sie fliegen. Sie flog in einem halben Tage nach Haus, ob er gleich acht Tage zu der Reise gebraucht hatte. Als die Taube mit dem schwarzen Bändchen ankam, ging Peterchen sogleich zum König und sprach: »Herr König, ich hab' Euch eine Wahrheit zu sagen, und verlange keinen Lohn dafür.« »Und was ist denn das?« fragte der König. »Ich habe Euch zu melden,« antwortete Peterchen, »daß heute Morgen Euer Kriegsheer geschlagen werden ist; das Nähere werdet ihr in Kurzem erfahren.« »Wenn das wahr ist,« sagte der König, »so laß ich dich peitschen.« »So,« sagte Peterchen, »ist das mein Lohn, daß ich Euch die Wahrheit gesagt habe? In Zukunft werde ich wohl die Wahrheit schonen müssen.« Da lachte der König, denn er hatte das Ganze für einen Scherz gehalten. Nach acht Tagen aber kam ein Bote, der sagte, daß an dem Tage, Morgens das Heer sich etwas zurückgezogen hätte. Da merkte der König, daß Peterchen Recht gehabt hatte, ob er gleich nicht begreifen konnte, wie er es hatte wissen können. Da ließ er ihm ein neues rothes Käppchen machen mit schönen silbernen Schellen, worüber Peterchen sehr zufrieden war.

Endlich starb der alte König, und vermachte Peterchen ein kleines Häuschen mit allen Bequemlichkeiten. Dort lebte er noch lange, und erfreute alle, die ihn sahen, durch sein munteres, lustiges Wesen. Endlich starb er auch und vermachte er seine Kappe dem jungen König, und ließ ihm sagen, er möge sie dem Würdigsten geben. Aber es wollte sich kein zweites Peterchen mehr finden. Da ließ er das Peterchen in Stein aushauen und setzte ihm die Kappe auf, und wer ihn sah, der mußte über ihn lachen, ob er gleich nur von Stein war.

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