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Schneeglöckchen

J. J. Rudolphi: Schneeglöckchen - Kapitel 12
Quellenangabe
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typefairy
authorJ. J. Rudolphi
titleSchneeglöckchen
publisherJohann David Sauerländer
year1826
firstpub1826
correctorreuters@abc.de
senderIngo Seewald-Renner
created20090326
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Die Haidenfrau

Ueber eine große Haide ging einmal ein Mädchen mit einem großen Topf süßer Milch, die wollte sie in die Stadt tragen, und dort verkaufen. Unterwegs dachte sie allerlei, wie schön es doch wäre, in der Stadt zu leben, wo man nicht zu arbeiten nöthig hätte, und könnte sich kleiden in Silber und Seide und könnte fahren in Kutschen mit prächtigen Rossen, und glaubte, das könnte sie auch einmal werden. »Ist nicht schon manches arme Mädchen vornehm und reich geworden, wie mir meine Großmutter erzählt hat vor alten Zeiten? Freilich bin ich's noch nicht, aber was nicht ist, das kann noch werden. Ich will jetzt einmal denken, ich wäre es. Da wohne ich in einem großen Haus, das hat viele Thüren und Fenster, und vor den Fenstern stehen die schönsten Blumen, und hinter den Fenstern hängen kostbare Vorhänge, und hinter den Vorhängen sind kostbare Stuben mit prächtigen Tischen, Stühlen, Spiegeln und Schränken und in den Schränken hängen Kleider, ach so schön! Da nehme ich mir jeden Morgen eins heraus, und ziehe es an – nein, ich lasse mir's anziehen, denn ich habe ja viele Mägde, die mir thun, was ich will. Da ruf' ich der einen: Sybille, komm. Da kommt sie, und ich rede recht vornehm mit ihr, und befehl ihr, jetzt thu' sie dieß, und jetzt thu' sie das, und dann, wann ich angezogen bin, setz ich mich in eine Kutsche mit vier prächtigen Rappen und fahre durch die Stadt, und wenn ich an den Markt komme, da stehen meine Gespielinnen in ihrer einfältigen Dorftracht mit einem Topf Milch da; was werden die sagen, wenn sie mich sehen! O, die werden mich gar nicht mehr kennen, und wenn sie mich auch kennen, und zu mir sagen, guten Morgen Liese, so werde ich sagen, so heiße ich nicht, ich heiß jetzt Jungfer Lisette, und dann wend' ich ihnen den Rücken und fahre fort. Und dann geht's im Galopp durch die Straße, und vor's Königsschloß« – Da hüpfte die gute Liese, und ihr Milchtopf fiel auf die Erde und zerbrach in tausend Stücken. Sie that einen lauten Schrei und weinte und zerraufte sich die Haare, denn die Milch war das Einzige, was ihre arme Mutter zu verkaufen hatte.

Als sie aber so jammerte und weinte, und die Scherben ihres zerbrochenen Topfes zusammenlas, kam eine alte Frau daher gegangen, die trug ein Bündlein dürren Reises unter dem Arm und kam und grüßte sie, und sprach: »Was ist dir denn geschehen, daß du so weinst?« »Ach, seht ihr denn nicht,« sagte das Mädchen, »was geschehen ist? Ich sollte für meine arme Mutter einen Topf Milch in die Stadt tragen, und da bin ich über einen Stein gestolpert, und der Topf ist mir zerbrochen, und wenn ich heimkomme und habe das Geld nicht, so bekomme ich Schläge.« Da jammerte die alte Frau das Unglück des Mädchens, und sie sprach: »komm mit mir.« Da führte sie sie über einen Berg in einen Wald, und in dem Wald stand eine Hütte, da wohnte die Alte. In der Stube aber standen eine Menge Milchtöpfe, von denen nahm sie einen, und gab ihn dem Mädchen, und sprach: »Da nimm den Topf und trage ihn in die Stadt, und verkaufe ihn; wenn du aber mehr dafür bekommst, als gewöhnlich, so schenke das Uebrige einem Armen.« Da dankte ihr das Mädchen, nahm den Milchtopf, und trug ihn in die Stadt. Weil aber die Milch so gut war, bekam sie einen Kreuzer mehr dafür, wie gewöhnlich; da steckte sie ihr Geld in den Sack, und ging fröhlich ihrem Dorfe zu.

Auf dem Wege aber dachte sie, »das ist doch sonderbar von der alten Frau, daß sie mir anbefohlen hat, ich soll das, was ich mehr bekomme, einem Armen schenken. Wozu kann sie das gesagt haben? Ich bin selbst arm genug, und kann es brauchen. Den Kreuzer hebe ich mir auf, und an Neujahr bekomme ich noch einen Kreuzer, das sind zwei, und dafür kaufe ich mir ein rothes Bändchen auf meinen Strohhut, ach, das wird schön stehen! Was werden da meine Gespielinnen neidisch werden! Ey Liese, werden sie sagen, wo hast du denn das schöne Bändchen her? Das sage ich nicht! werde ich ihnen antworten, das braucht ihr nicht zu wissen.« Als sie das gesagt hatte, und eben an einen Kreuzweg gekommen war, da stand ein armer, alter Mann an der Straße, der war mit Lumpen bekleidet, und bat sie um eine kleine Gabe. Aber Liese that, als ob sie ihn gar nicht sehe, und ging schnell an ihm vorbei. Als sie aber auf den Hügel kam, setzte sie sich hin, und zog ihren Kreuzer hervor, und betrachtete ihn mit Wohlgefallen. Aber wie sie so da saß, kam ein großer Adler herbeigeflogen, der packte das Geldstück und wollte es ihr rauben. Da sie es aber nicht loslassen wollte, flatterte der Vogel, kratzte und biß, schlug ihr mit den Flügeln in's Gesicht, zerriß ihr die Wangen, dann packte er den Kreuzer, flog davon. Aber Liese weinte sich die Augen roth vor brennendem Schmerz, kam heim, und konnte sich eine Zeitlang gar nicht mehr sehen lassen, so sehr war ihr Gesicht verunstaltet. Ihre Gespielinnen aber nannten sie nachher immer nur die Narbenliese, von den vielen Narben, die sie im Gesicht hatte.

Aber zu einer andern Zeit ging ein anderes Mädchen über die Haide, die trug auf ihrem Kopf einen Blumentopf, darin war ein Nelkenstock mit vielen prächtigen Blumen, und wo sie ging, da stieg ein wohlriechender Duft von den Blumen auf, Schmetterlinge flogen ihr nach, setzten sich auf die Blumen und sogen den süßen Duft ein. Aber das Mädchen war traurig, denn ihre Mutter war krank, und sie war so arm, daß sie nichts hatte, als den Nelkenstock, den sie selber gepflanzt und gepflegt hatte. Aber als das letzte Brod verzehrt war, da sagte die Mutter: Mariechen nimm den Nelkenstock, und trag ihn in die Stadt, und verkaufe ihn, wir wollen uns Brod dafür kaufen. Da nahm das Mädchen den Blumenstock mit schwerem Herzen, und reichte ihn der Mutter noch einmal ans Bett, daß sie sich an seinem kräftigen Geruche labe, und ging mit ihm fort der Stadt zu. Unterwegs aber dachte sie mancherlei, wie arm sie doch sey, und wie Reichtum und Glück doch so ungleich vertheilt seyen, und vertiefte sich in ihren Gedanken und wie sie eben an einem Dornbusch vorbei ging, blieb der Nelkenbusch in den Aesten hängen, fiel zu Boden, und seine herrlichen Blumen brachen oder wurden zerknickt, und der Blumentopf zersprang in tausend Scherben. Da stand das arme Mädchen ein Paar Augenblicke in sprachloser Verwirrung, dann aber brach sie in ein lautes Jammern aus: »Ach, was soll ich jetzt anfangen, was soll ich meiner Mutter sagen, wenn ich heim komme, und wo soll ich das Geld hernehmen, um Brod zu kaufen?« Da las sie die abgebrochenen Blumen auf, und setzte sich an den Weg und weinte, und ihre Thränen fielen auf das Gras, und vermischten sich mit dem Thau, der darauf lag.

Wie sie aber so da saß, da kam eine alte Frau über die Haide gegangen, die trug auf dem Kopfe einen Korb mit grünem Grase, und kam, grüßte sie, und sprach: »was fehlt dir denn, daß du so weinst?« »Ach, seht ihr denn nicht, was geschehen ist,« sagte das Mädchen, »meine Mutter hatte einen einzigen Nelkenbusch, den sollte ich in die Stadt tragen, und für den Erlös ihr Brod mitbringen; da bin ich denn an dem Dornbusch hängen geblieben, und der Blumentopf ist mir auf die Erde gefallen, und ist ganz zerbrochen, die Blumen zerknickt, und meine Mutter liegt daheim und ist krank, und hat nichts zu essen.« Da jammerte die Alte die Noth des armen Mädchens, und sprach: »komm mit mir.« Da nahm sie sie mit sich, ging mit ihr über den Berg, kam in einen Wald, in dem Wald stand ein kleines Häuschen, hinter dem Häuschen war ein Gärtchen, darin standen eine Menge Nelken, roth, braun, blau und gesprenkelt. Da grub die Frau einen der schönsten Büsche aus, pflanzte ihn in einen Blumentopf, gab ihn dem Mädchen, und sprach: »Da nimm den Topf, trage ihn in die Stadt, verkauf ihn, die Hälfte des Geldes aber nimm, und wenn du über die Brücke gehst, wirf es ins Wasser und wo dir jemand begegnet, und dich um einen Dienst anspricht, so thu ihn.« Da dankte ihr das Mädchen, versprach ihr alles zu thun, wie sie gesagt habe, nahm den Blumentopf, und ging damit zur Stadt. Sie war aber noch nicht lange in den Straßen auf und abgegangen, da rief sie eine vornehme Frau zu sich, die verwunderte sich über die Schönheit des Nelkenbusches, und sagte: »Da hat mir vor ein Paar Tagen der Wind einen Blumentopf vom Fenster geworfen, da könnte ich den deinigen brauchen.« Darauf gab ihr die vornehme Frau zwei Silberstücke und sprach: »bist du damit zufrieden?« »Ich danke euch,« sagte das Mädchen und ging vergnügt damit weiter. Als sie aber aus der Stadt gekommen war, und über die Brücke ging, da dachte sie, es ist doch sonderbar, daß mir die alte Frau gesagt hat, ich solle die Hälfte des Geldes ins Wasser werfen. Wozu kann sie das gesagt haben? Wir sind selbst arm genug, und könnten es wohl brauchen, meine Mutter und ich. Ja, wenn es noch jemand nützte, dann wollte ich's gelten lassen, aber das ist gerade weggeworfen und verloren, und nützt keinem Menschen was.« Sie wollte schon vorbei gehen, da dachte sie, »es ist aber doch von mir nicht recht, wenn ichs nicht thue. Die gute alte Frau hat mir doch aus so großer Noth geholfen, und hat mir den schönen Nelkenstock geschenkt – wer weiß, ob ich für meinigen so viel bekommen hätte?« Da nahm sie das eine Geldstück, seufzete, und warfs hinab in den Fluß, dann ging sie eilig ihrem Dorfe zu.

Als sie aber an dem Ufer des Flusses hinging, und daran dachte, wie sich ihre Mutter freuen würde, da stand ein Fischer an seinem Kahn und hatte sein Netz ausgeworfen. Er war gerade daran, das Netz herauszuziehen, aber es war so schwer, daß er es allein nicht herausbringen konnte. Da rief er dem Mädchen, und bat sie, ihm zu helfen. Das Mädchen bedachte sich nicht lange, sondern ging hin, half ihm ziehen, und der Fischer that einen reichen Zug. »Da hast du auch etwas,« sagte er, nahm einen großen Fisch und gab ihr ihn. Da dankte ihm das Mädchen, und ging weiter. Als sie aber auf den Hügel gekommen war, begann die Sonne sich zu neigen, und sie eilte nach Haus zu kommen. Aber ein Vogelsteller saß am Wege, und rief dem Mädchen: »Siehe,« sagte er, »da ist ein Raubvogel an meine Schlinge gekommen, und hat mir sie zerrissen, willst du mir nicht knüpfen helfen? denn wenn ich nicht schnell damit fertig werde, so komm ich zu spät.« Da bedachte sich das Mädchen einen Augenblick, denn es war schon spät, und sie eilte, nach Haus zu kommen. Sie that es aber doch, half dem Manne, und als er fertig war, zog er einen Vogel aus seiner Tasche und sprach: »Es ist der einzige, den ich bis jetzt gefangen habe, ich will ihn dir aber für deine Gefälligkeit schenken, jetzt kann mir's nicht mehr fehlen.« Da nahm das Mädchen den Vogel, dankte dem Manne, und ging eilenden Schrittes weiter. Die Sonne aber ging unter, und es begann dunkel zu werden. Da eilte sie sich mehr und mehr; als sie aber an einen Kreuzweg kam, stand da ein alter Mann, der jammerte und rang die Hände. »Ach, sey so barmherzig,« sagte er zu dem Mädchen, »und helfe mir!« »Was fehlt euch denn,« sagte das Mädchen. »Ach,« antwortete der alte Mann, »da sollte ich für meinen Herrn einen Sack mit Erbsen holen, der ist mir aufgegangen, und es sind eine Menge Erbsen herausgefallen. Meine Augen sind aber so blöde, daß ich sie nicht mehr finden kann, und wenn ich sie nicht alle nach Hause bringe, so werde ich von meinem Herrn fortgejagt.« Da hatte das Mädchen Mitleid mit dem armen alten Mann und half ihm suchen, und als sie alle Erbsen aufgelesen hatte, wünschte sie ihm eine gute Nacht, und wollte weiter gehen. Aber der Alte sagte: »ich kann deine Gefälligkeit mit nichts belohnen, denn ich habe nichts Eigenes, aber vielleicht findet sich doch einmal Gelegenheit, wo ich dir dienen kann.«

Da ging das Mädchen weiter, und kam zu ihrer Mutter, als es schon ganz Nacht war. Ihre Mutter war sehr besorgt um sie gewesen, als sie aber gehört hatte, was ihr begegnet war, freute sie sich. Mariechen aber sagte: »jetzt will ich zurecht machen, was ich mitgebracht habe.« Da nahm sie den Fisch, schnitt ihn auf, und nahm sein Eingeweide heraus. Da schien ihr, als ob in dem Magen des Fisches etwas Hartes wäre, sie schnitt ihn darum auf, und siehe da, in dem Magen lag das nämliche Geldstück, das sie ins Wasser geworfen hatte. Sie kam und brachte es voller Freude ihrer Mutter, diese aber sagte: »Das muß eine wunderbare Frau seyn, die dir den Nelkenstock gegeben hat; wenn es nur keine Zauberin ist, geh, ich mag den Fisch gar nicht essen.«

Das Mädchen aber betrübte sich, daß der schöne Fisch verderben sollte; sie bereitete ihn aber doch zu, und als er fertig war, redete sie ihrer Mutter zu, und sprach: »ach seht doch, wie der Fisch so köstlich riecht, der schmeckt gewiß recht gut.« Da ließ sich die Mutter bereden, und aß ihn, und es ward ihr sehr wohl; den andern Morgen aber stand sie auf, und konnte wieder im Hause herumgehen.

Am nächsten Tage aber sagte das Mädchen: »ich will heute den Vogel zubereiten, den mir der Vogelsteller geschenkt hat.« Da nahm sie ihn, schnitt ihn auf, und nahm sein Eingeweide heraus. In dem Kropfe aber waren eine Menge kleiner Körner von verschiedener Größe. »Was mögen denn das für Körner seyn?« dachte das Mädchen, ich will sie doch einmal meiner Mutter zeigen. Aber die Mutter wußte es nicht, sie sagte aber, »wir wollen sie aufheben und sie im Gärtchen säen.« Als aber der Vogel zubereitet war, aß sie ihn, und sie wurde so gesund, daß sie aus dem Hause gehen, und ihr kleines Feld bearbeiten konnte, wie vorher.

So verging der Sommer; der Winter kam, Mutter und Tochter spannen Flachs, Wolle und ernährten sich redlich. Aber als der Frühling gekommen war, und jeder seine Felder bestellte, da grub die Mutter mit ihrer Tochter auch ihr Gärtchen um, und pflanzte allerlei Gemüße. »Ey sich doch,« sagte die Mutter, »da hätte ich bald die Körner vergessen, die du vorigen Sommer in dem Kropf des Vogels gefunden hast!« Da ging sie hin, holte sie aus dem Wandschrank, und säete sie in eine Ecke des Gartens. Nach einiger Zeit kamen allerlei Pflänzchen hervor, und sie wuchsen heran, und fingen an zu blühen. Es waren aber ganz köstliche Blumen. Die Büsche waren groß und frisch und aus den Stengeln wuchsen große Kronen hervor, und neigten sich zur Erde, wenn man sie aber aufhob, so sah man ein Paar Tropfen darin, wie Thautropfen, und alle Nachbarn, die vorbei gingen, blieben stehen, und sagten, seht doch, was für schöne Blumen das sind. Aber Niemand wußte zu sagen, was für Blumen das waren, oder wie man sie nannte.

Aber ein vornehmer Mann, der in der Gegend einen prächtigen Garten hatte, bekam einst ein Buch, in dem waren alle Kräuter und alle Blumen gezeichnet und nach der Natur gemahlt. Da schickte er dann seinen Gärtner aus in fremde Länder, wo die Pflanzen wuchsen, und ließ sie kaufen und in seinen Garten verpflanzen. Er hatte nach und nach alle bei sich einheimisch gemacht, bis auf eine, die nannte man Kaiserkrone, die konnte er nirgends finden, so viele Mühe er sich auch gab. Schon zweimal hatte sein Gärtner alle Länder durchreis't, er hatte überall gefragt und geforscht, aber die Kaiserkrone konnte ihm Niemand schaffen. Da ging der Mann einmal auf die Jagd, und kam an dem Gärtchen vorbei, wo Mariechen mit ihrer Mutter wohnte. Da sah er in der Ecke des Gartens die seltene Pflanze stehen, und sah, daß es die Kaiserkrone war. »Die muß ich haben,« dachte er. Da trat er hinein in das Haus, und fragte, ob sie ihm nicht eine der Kaiserkronen verkaufen wollten. »Von Herzen gern,« antwortete die Frau, und bat den vornehmen Mann, sich eine herauszusuchen, oder sie alle mitzunehmen. Er wählte aber nur eine und wollte nun der Frau ein ansehnliches Geschenk dafür machen, aber sie nahm nichts an. Inzwischen zog am Himmel ein Gewitter herauf und es fing an, zu regnen, so daß der Graf sich entschließen mußte, den Regen hier abzuwarten.

Unterdessen erzählte ihm die Mutter ihre Geschichte und besonders, wie sie zu den Kaiserkronen gekommen sey. Darüber verwunderte sich der Graf und sprach: »ich sehe an allem, daß ihr ein besseres Schicksal verdient; kommt mit mir auf mein Schloß, dort will ich euch versorgen.« Darauf ging er weg und schickte einen großen schönen Wagen, und die Mutter setzte sich mit Mariechen darauf und fuhren auf das Schloß. Dort wieß ihnen der Graf ein hübsches Häuschen im Garten an, und sie begossen die Blumen und fütterten die Hühner und lebten recht glücklich. Aber nach einiger Zeit ward einmal aus dem Hause ein goldenes Löffelchen entwendet, und der Graf fragte Jedermann darnach, aber Niemand wollte etwas davon wissen. Da faßte er den Verdacht, ob nicht Mariechen sich vergessen, und den Löffel entwendet haben sollte. Er ließ sich aber doch nichts merken, sondern wollte noch einige Tage warten. Am folgenden Tage aber kam ein alter Mann, der verlangte mit dem Grafen zu sprechen. Als er zu ihm kam, zog er das goldne Löffelchen heraus und sprach: »Das Löffelchen wird wohl euch gehören, Herr Graf, ich kenne es am Wappen.« »Und wo habt ihr es her?« fragte ihn der Graf. »Ich habe es von einem Mädchen,« sprach er, »die nennt man die Narbenliese, weil sie so viele Narben im Gesicht hat. Sie sagte, sie hätte es gefunden, und gab mir's, ich sollte es verkaufen; ich dachte mir aber sogleich, daß es nicht ganz richtig mit dem Finden sey, und hab's euch hergebracht!« Da schenkte der Graf dem Mann noch einmal so viel, als das Löffelchen werth war; die Narbenliese wurde aber als eine Diebin gefangen gesetzt; aber auf Mariechen verwendete der Graf von der Zeit eine große Sorgfalt; er ließ sie sehr gut erziehen, und sie lebte nachher noch lange sehr glücklich; der alte Mann aber war derselbe, dem Mariechen einst die Erbsen hatte auflesen helfen.

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