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Schneeglöckchen

J. J. Rudolphi: Schneeglöckchen - Kapitel 11
Quellenangabe
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typefairy
authorJ. J. Rudolphi
titleSchneeglöckchen
publisherJohann David Sauerländer
year1826
firstpub1826
correctorreuters@abc.de
senderIngo Seewald-Renner
created20090326
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Peter Siebensack

Es war einmal ein alter Bettler, der hieß Peter, der bettelte von Thüre zu Thüre, und was er bekam, das steckte er in einen seiner sieben Säcke, alles besonders; in den einen das Brod, in den andern das Fleisch, in den dritten das Geld, und so in jeden etwas Besonderes, und weil er gerade sieben solcher Säcke hatte, so nannte man ihn nur den Peter Siebensack.

Der alte Peter aber war ein gar genügsamer und zufriedener Mann, und dachte, wenn ich an zwei Thüren abgewiesen werde, so bleibt mir die dritte gewiß; ohne Mühe hat man einmal nichts in der Welt, und wenn gleich der König ein gar vornehmer und mächtiger Herr ist, so hat er doch auch seine Sorgen, und schläft vielleicht nicht so ruhig auf seinem goldenen Bette, wie ich in dem Laubstall meines Hausherrn.

Und er hatte sehr wahr geredet, der alte Peter Siebensack, denn der König, ob er gleich reich und mächtig war, so konnte doch nicht verhindern, daß nicht sein einziges, vielgeliebtes Töchterlein krank wurde, und trotz aller geschickten Aerzte am siebenten Tage starb. Da betrübte sich der gute König, und aß nichts und trank nichts mehr, und gedachte zu sterben vor bitterem Kummer.

Seine Diener aber suchten ihn zu trösten, und seinen Kummer zu lindern. Aber er sprach immer: »könnt ihr meine Tochter von den Todten erwecken?« »Das können wir nicht,« sprachen sie. »Nun, so laßt mich auch in Ruhe,« sprach er, »und erneuert nicht meinen Schmerz durch euern unmächtigen Trost.«

Des Königs Töchterchen aber ward begraben mit aller Pracht, wie es einer Königstochter geziemte, und das ganze Land trauerte, denn es war ein gar gutes und frommes Kind gewesen.

Am andern Tage aber ward dem Könige gemeldet, es sey ein weiser da, der verspräche, seine Tochter von den Todten zu erwecken. »Ruft mir ihn geschwind hierher,« sprach der König, »ich will ihn sprechen.« Da kam der fremde Mann, und neigte sich tief vor dem Könige, und fragte ihn, was er befehle. »Ich habe dir nichts zu befehlen,« sprach der König: »aber dich zu bitten. Ich höre, du seyst ein Mann, der Todten erwecken könne; wenn du mich lieb hast, so gib mir mein einziges Töchterchen wieder. Ich will dich belohnen, wie dich noch kein König belohnt hat.« »Das will ich recht gerne thun,« sprach der Mann, »und das Mittel ist nicht schwer. Ihr dürft nur die Namen von drei vollkommen Glücklichen auf den Grabstein eurer Tochter schreiben, und sie wird sogleich zum Leben erwachen.« »Ist das möglich?« fragte der König verwundert, »o so laßt uns sogleich hingehen, und sie erwecken.« »Das wird nicht so schnell gehen,« sagte der Weise, »nehmt euch doch erst die Mühe, die drei Glücklichen zu suchen.« »O, die werde ich nicht weit zu suchen brauchen,« sprach der König; »in meinem unermeßlichen Reiche sollten nicht mehr, als drei Glückliche seyn? Doch ich will thun, was du sagst, du sollst dich selbst davon überzeugen. Und damit Niemand aus Gefälligkeit gegen mich sich glücklich nenne, wenn er es nicht ist, so will ich mich verkleiden, und du sollst mit mir gehen.« Da zog der König das Kleid eines Bettlers an, und ging mit dem Weisen durch die Stadt. Sie kamen aber an einen prächtigen Pallast, darin wohnte ein vornehmer Minister des Königs. Eben, als sie hineingehen wollten, kam der Minister heraus, und eine große Zahl prächtig gekleideter Diener begleitete ihn. Der König zog seinen alten Hut vom Haupte, und sprach: »seyd doch so gut, und schenkt einem armen Manne eine Kleinigkeit.« Da winkte der Minister einem Diener, der zog einen Beutel hervor, und gab dem Bettler ein großes Silberstück. »Ich danke euch,« sagte der Bettler; »ihr seid aber doch ein recht glücklicher Mann!« »Das wollen wir dahin gestellt seyn lassen,« sagte der Minister, »wer weiß, ob ihr nicht glücklicher seyd, als ich.« »Wie?« sagte der Bettler verwundert, »habt ihr nicht durch des Königs Gnade diesen herrlichen Pallast mit seinen prächtigen Gärten, und habt ihr nicht mehr Goldstücke, als ich Brodkrümmen in meinem Bettelsack trage?« »Ja, guter Freund, das ist's eben; ich habe alles durch des Königs Gnade, wie ihr recht sagtet, aber bin ich deswegen glücklich zu nennen? Kann mir's der König nicht täglich wieder nehmen, und mich zu einem armen Manne machen? Es ist mir viele Macht gegeben, das ist wahr, aber wer einen Mächtigeren über sich erkennen muß, der ist nicht glücklich zu preißen. Nur der, der nicht von der Gnade eines Höhern abhängt, der ist der wahrhaft Glückliche.«

Mit diesen Worten ging der Minister weiter, und der König sah den Weisen mit einem Blick voll Verwunderung und Trauer an. »Hätte ich doch in meinem Leben nicht gedacht, daß dieser Mann so reden könnte! Ich habe meine Gnade reichlich auf ihn fließen lassen, ich habe ihn mit Schätzen überhäuft, seine Söhne und Töchter blühen heran, die Freude ihrer Eltern, und doch nicht glücklich?« Er schüttelte er sein graues Haupt, und eine Thräne fiel ihm über die Wangen. »Wenn das so ist,« sprach er, »so werden wir freilich die drei Glücklichen nicht so schnell gefunden haben, wie ich dachte. Aber ich will es nun klüger machen. Ich will seinen Ausspruch befolgen, und jemand aufsuchen, der nicht von meiner Gnade abhängt.« Er ging darauf mit dem Weisen vor ein anderes prächtiges Haus, in dem wohnte ein reicher Mann, der unermeßliche Schätze von seinem Vater geerbt hatte. Er bekleidete kein Amt, sondern begnügte sich mit seinen Freunden zu essen und zu trinken und herrlich zu leben. »Der ist gewiß der Glückliche,« sprach der König. Sie traten also hinein, und kamen zum Hausherrn. Er lag auf einem weißen Sopha, und vor ihm stand ein Tisch mit den ausgesuchtesten Speisen und Getränken. Die schönsten wohlriechendsten Blumen dufteten rings umher, und der Fußboden war mit feinem Rosenwasser benetzt. »Beneidenswerther Mann,« sprach der König im Bettlergewand; »ihr, der ihr im Schooße des Glückes lebt, habt die Güte, und laßt einem armen Manne etwas von eurem Ueberflusse zukommen.« »Kommt nur näher,« sprach der reiche Mann zu ihnen, »und setzt euch hierher; es soll niemand sagen, daß er hungrig von meinem Tische gegangen sey.« Er winkte darauf einem Diener, der brachte Beiden Teller, und legte ihnen von allen Speisen vor. »Ihr seyd doch recht zu beneiden,« sprach der König, indem er um sich her auf alle Pracht sah, »ihr seyd der glücklichste Mann, den ich je gesehen habe. Ihr seyd ein freier Mann, und hängt von Niemanden's Gnade ab, ihr könnt thun, was euch beliebt, und Niemand darf euch in eurem Glücke stören.« Da seufzte der reiche Mann, und sprach: »lieber Freund! mäßige dich in deinen Lobeserhebungen. Auch ich habe meine vielen und schweren Sorgen, und bin weit entfernt, mich für glücklich zu halten. Siehe, ich habe die geschicktesten Köche in der ganzen Stadt, aber trotz aller ihrer Geschicklichkeit verderben sie mir oft die Speisen, und mein Magen muß dafür entgelten. Dann darf ich nicht alles essen was ich will, und nicht soviel als ich will, denn ich habe schon einigemal die traurigen Folgen davon empfunden. Ist das nicht ein Unglück, wenn man bei allem Ueberfluß so enthaltsam leben muß, um sich keine Unverdaulichkeit zuzuziehen? Und dann bedenke, ich bin ein Mensch wie du; ich kann krank werden, welche Besorgniß? ja, ich kann sterben, welche Angst? O du bist wahrhaft glücklicher zu preisen als ich.« Da dankte der König dem reichen Manne für seine köstliche Tafel und ging weg. Unwillen beflügelte seine Schritte, und er sprach nicht eher, als bis er vor der Stadt war. »Komm,« sprach er, »wir wollen auf das Land gehen; in der Stadt sind die Menschen verwöhnt und verdorben, dort finden wir den Glücklichen nicht.« Sie durchwanderten nun ein Paar Dörfer, aber wo auch der König sich mit jemand in ein Gespräch einließ, und nach seiner Zufriedenheit forschte, hörte er nur Klagen und Unzufriedenheit. Da fing er an, daran zu verzweifeln, ob er wohl jemals die drei Glücklichen finden werde. Er ging stumm und in sich gekehrt einher, und setzte sich endlich müde unter einem Baume nieder, der am Eingang eines Waldes stand. Die Sonne senkte sich am Himmel herunter, und die Heerden verließen das Feld, und zogen ihren Ställen zu. Da wanderte durch den Wald ein alter Bettler, und sang sein Abendlied so froh und munter, als ob noch kein rauher Wind über sein kahles Haupt gegangen wäre, oder als ob ihn heute noch keine unfreundliche Hand von der Thüre zurückgewiesen hätte. Als er zu ihnen kam, grüßte er sie, und setzte sich zu ihnen nieder. »Wie geht's euch, mein Bruder,« sprach er zu dem König, »denn an euerm Kleide sehe ich, daß ihr einer meines Handwerks seyd.« »Schlecht,« antwortete der [König. Aber da rief der] Bettler, der kein anderer, als der Peter Siebensack war, »das sollte kein rechtschaffener Bettler sagen, daß es ihm schlecht gehe. Im Gegentheil glaube ich, daß es keinen glücklicheren Mann auf Erden gibt, als ein ehrlicher Bettler. Seht, wenn der Peter Siebensack so auf der Landstraße wandelt, und sieht die Vögel des Himmels lustig herumfliegen, so denkt er, er sey auch so ein Vogel, dem den ganzen Tag der Tisch gedeckt ist. Und er ist's auch. Ich bin noch keinen Tag hungrig schlafen gegangen, ja ich habe noch Ueberfluß gehabt, und schon manchen andern damit erquickt. Steht die Sonne am Himmel, so scheint sie auf den alten Peter so warm, als auf den vornehmen Herrn, und rieselt aus einem Felsen eine Quelle, so fragt sie nicht darnach, ob der König aus ihr trinkt oder der Peter Siebensack. Nein, es geht mir nichts über meinen Stand, und wenn ich durch ein Dorf gehe, so laufen die Kinder zu mir, und hängen sich an mich, und ich erzähle ihnen dann allerlei alte und neue Geschichten, die ich gehört oder selber erlebt habe. Dann geben mir ihre Eltern satt zu essen, und füllen mir meine Säcke für den Abend – seht da,« sprach er, und legte seine sieben Säcke vor sie hin, »da eßt, und laßt euch wohl seyn, und lernt von mir, wie man glücklich leben soll; ja, und wann auch der König käme, er sollte sich meines Abendbrodes nicht schämen, und ich würde mit seiner Krone nicht tauschen.« »Ist das euer Ernst, Peter?« fragte der König. »Ja, mein vollkommener Ernst!« antwortete er. »Ich bin in meiner Jugend weit in der Welt herumgekommen, habe viel Glanz und Herrlichkeit gesehen, aber das macht das Glück noch nicht aus. Ja ich bin selbst so ein Thor gewesen, und habe nach Reichtum und Macht gestrebt, und hatte es schon weit gebracht, aber ich verlangte immer mehr, und je größer mein Beutel wurde, desto schwerer drückten mich die Sorgen; da kam endlich glücklicher Weise ein Dieb, und stahl mir den Beutel, und mit ihm meine Sorgen; der Narr glaubte gewiß, ich würde mich zu Tode grämen – nein, das thut der Peter Siebensack nicht. Wer genug hat, um zu leben, der mag zufrieden seyn; aber wer noch mehr hat als er bedarf und will, und noch andern damit dienen kann, der ist wahrhaft glücklich zu nennen, und ich rechne mir's zur Ehre, unter die letzten zu gehören. Jetzt laßt euch wohl seyn; es soll Niemand sagen, daß Peter Siebensack nicht redlich mit ihm getheilt hätte.«

Er kramte nun seine Säcke aus, und theilte mit ihnen sein Brod und Fleisch, seine Butter und Käse und gebratene Kartoffeln und zuletzt ein Paar Borsdorfer Aepfel, und ein großes Stück Kuchen, das er von einer Bäuerin, die heute Hochzeit gehalten, geschenkt bekommen hatte. Den siebenten Sack schüttelte er lachend, und sprach: »Geld kann ich euch keins geben, denn ich habe selber keins; aber wenn ihr mit mir gehen wollt, so biete ich euch ein Nachtlager auf weichem Laub, daß noch kein ehrlicher Bettler auf weicherem geschlafen haben soll.« Der König aber, nachdem er mit dem Bettler gegessen, und ihm herzlich gedankt hatte, ging mit dem Weisen wieder der Stadt zu.

» Einen Glücklichen hätten wir,« sprach er, »aber ich zweifle sehr, ob wir die andern noch finden.« Und seine Besorgniß war nur zu sehr gegründet. Zwar wanderte er noch manchmal in allerlei Verkleidung in der Stadt und auf dem Lande umher, vergebens war es, daß er Boten durch sein ganzes Reich sandte, und nach Glücklichen forschen ließ, vergebens ließ er endlich öffentlich bekannt machen, daß, wer sich wahrhaft glücklich fühle, seinen Namen auf das Grabmal seiner Tochter setzen möchte – außer dem Namen von Peter Siebensack konnte er keinen finden. Da legte der König seine Krone und seinen Scepter ab, und übergab den Thron einem nahen Verwandten; er selbst aber lebte in stiller Zurückgezogenheit, und erwartete den Tod, der ihn mit seinem geliebten Kind vereinigen würde, und er erwartete ihn nicht lange. An einem Abend saß er nach seiner Gewohnheit auf dem Balkon seines Schlosses, um die Sonne untergehn zu sehen, da fingen seine Augen an zu ermatten, die müden Augenlieder senkten sich, und er schlummerte ein, um nie mehr zu erwachen.

Peter Siebensack aber lebte noch eine Zeitlang und war mit seinen lustigen Geschichten die Freude der Alten und Jungen. Endlich aber starb er, und man begrub ihn in den Garten in ein Grab, das er sich selber gegraben hatte. Seine sieben Säcke aber hinterließ er seinem Hausherrn und sagte: »wenn einer kommt, der so glücklich lebt, wie ich gelebt habe, dem schenkt sie.« Es ist aber seitdem keiner gekommen.

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