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Schneeglöckchen

J. J. Rudolphi: Schneeglöckchen - Kapitel 10
Quellenangabe
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typefairy
authorJ. J. Rudolphi
titleSchneeglöckchen
publisherJohann David Sauerländer
year1826
firstpub1826
correctorreuters@abc.de
senderIngo Seewald-Renner
created20090326
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Die Geschichte von der Henne und ihren drei Kindern

Es war einmal eine Henne, die saß auf ihren Eyern und brütete Tag und Nacht, und als die Zeit um war, hatte sie drei junge Hühnchen ausgebrütet, wie sie meinte, die nahm sie unter ihre Flügel, und wärmte, fütterte und liebte sie, wie eine Mutter ihre Kindlein liebt.

Nach ein Paar Tagen aber, als die Frühlingssonne so warm in den Hühnerstall hereinschien, und die Vögel auf dem Birnbaum so lustig sangen, da führte die alte Henne ihre Jungen heraus auf den Hof, und gluckte recht ernstlich dabei, und krazte und scharrte den Boden mit den Füßen, und wo sie ein Körnchen oder Würmchen fand, das zerhackte sie mit dem Schnabel, und warfs ihren Jungen vor. Wie sie aber die jungen Thiere so ansah, da kamen ihr sonderbare Gedanken, denn ihre Kinder waren einander sehr ungleich. Eines davon war viel größer als die andern; es hatte einen längeren Schnabel, als die Hühner gewöhnlich haben, und seine Füße waren viel größer als Hühnchensfüße, und wenn es pipte, so lautete es auch anders. Das andere hatte keinen länglichen Kopf und einen breiten Schnabel, und an den Füßen hatte es eine Haut zwischen den Zehen, wenn es ging, so wackelte es rechts und links, dabei blieb es nicht bei seiner Mutter, sondern lief an eine Pfütze, die im Hof war, und trank, und machte Miene, als wolle es hineingehen, und sich baden. Nur das Kleinste blieb bei seiner Mutter, und barg sich unter ihre Flügel, so oft ein rauher Wind über den Hof strich.

Als das die alte Henne sah, schüttelte sie den Kopf, und sprach bei sich selbst: »ich weiß gar nicht, was ich von meinen Kindern denken soll! Sie sind so ungleich an Gestalt und Gebehrde, und ich habe sie doch ausgebrütet eins wie das andere. Ich fürchte fast, sie werden sich einmal nicht gut mit einander vertragen!« Sie rief sie aber zu sich, und als sich der Himmel mit dunklen Wolken überzog, und die Sonne erlosch, führte sie ihre Kinder wieder in den Stall.

Aber je größer die Jungen wurden, desto mehr zeigte sich die Verschiedenheit, und die alte Henne erkannte, daß sie ein Hühnchen, einen Pfau, und eine Ente ausgebrütet hatte. Darüber betrübte sie sich anfangs sehr, nach und nach aber tröstete sie sich, und dachte: »nun, wenn meine Kinder sich auch nicht gleich sind in ihrer Gestalt und ihrem Wesen, so können sie doch einmal brav werden, und mir Freude machen!«

Als aber die Ente jetzt heranwuchs, und in der Pfütze im Hof lustig herumschwamm, und untertauchte, und dann wieder ans Land kam, und ihren Geschwistern mit lautem Quaken zunickte, da betrübten sich die beiden andern, daß sie nicht auch ins Wasser gehen, und mit der jungen Ente herumschwimmen konnten. Da gingen sie zu ihrer Mutter, der alten Henne, und sprachen zu ihr: »lehre uns doch auch ins Wasser gehen und schwimmen, wie es unsere Schwester, die Ente kann!« Aber die alte Henne sprach: »Das kann ich nicht, wenn ich auch noch so gern wollte. Sie ist eine Ente, und ihre Natur treibt sie ins Wasser, und es ist ihr wohl darin, aber euch würde es schädlich seyn, ja vielleicht gar den Tod bringen. Seht, ich lebe ja auch auf dem Lande, warum wollt ihr nicht bei eurer Mutter bleiben?« Damit trösteten sich die beiden, das Hühnchen und der Pfau, und blieben bei ihrer Mutter, der alten Henne; aber wenn sie ihre Schwester, die junge Ente auf dem Wasser schwimmen sahen, konnten sie sich doch nicht des Neides erwehren. Die alte Henne aber tröstete sie so gut sie konnte, und belehrte sie, daß jedes in seiner Art glücklich seyn könne.

Die Jungen aber wuchsen heran, und wurden größer und schöner. Besonders schön aber war der Pfau, dessen Gefieder weit das Gefieder seiner Geschwister übertraf. Sein Hals war blau, sein Rücken glänzte wie Gold, und sein Schweif war wie ein großer köstlicher Fächer, und wenn die Sonne darauf schien, glänzten hundert Augen in seinem Gefieder, und wer ihn sah, blieb stehen, und sprach: »ey, seht doch, was für ein herrliches Thier ist der Pfau! Er ist der König der Vögel!« Aber seine beiden Geschwister, das junge Hühnchen und die Ente, als sie die Farbenpracht des Pfauen sahen, und wie alle Menschen nur auf ihn deuteten, und nur von ihm redeten, wurden neidisch, und gingen zu ihrer Mutter, der alten Henne, und sagten zu ihr: »warum gibst du uns nicht auch so schöne Federn, wie dem Pfau? Alle Leute deuten nur auf ihn, und loben ihn, von uns spricht Niemand.« Da rief die alte Henne ihre Jungen zusammen, und sagte: »Ihr seyd unverständige, neidische Thiere. Jener ist ein Pfau, und die Natur hat ihm die schönen Federn gegeben, die seine Zierden sind. Das ist sein Vorzug, aber was hat er denn sonst? Hat er nicht häßliche Füße, und wie übel klingt seine Stimme, wenn er schreit? Ein jedes von euch hat seine eigenen Vorzüge und Fehler, die das andere nicht hat; so seyd doch verträglich unter einander, und liebt euch, wie gute Geschwister sich lieben sollen!«

Aber die verständigen Worte der alten Henne wurden nicht von allen ihren Kindern angenommen. Die Ente sagte trotzig: »geht, ich mag gar nicht mehr bei euch leben.« Damit ging sie aus dem Stall, und machte sich ein Nest in eine Ecke des Hofes unter ein Paar Brettern, und wohnte darin; der Pfau aber schämte sich auch, in einem so niederen, schlechten Häuschen zu wohnen, und flog auf den Birnbaum. Dort saß er, und putzte seine Federn, und sah auf die Vorbeigehenden mit stolzem Blick herab, als wollte er sagen: »Bin ich nicht der König der Vögel?«

Nur das kleine Hühnchen blieb bei seiner Mutter, der alten Henne, und pflegte ihrer, und wo es ein Körnchen oder ein Würmchen fand, das brachte es ihrer Mutter, die sich über den Neid und die Undankbarkeit ihrer beiden andern Kinder sehr betrübte.

Aber nach einiger Zeit ward einmal das junge Hühnchen nicht wohl. Das sah die Hausfrau, und betrübte sich, und sprach : »es sollte mir doch leid thun, wenn mein Hühnchen stürbe. Es ist so zahm und so bescheiden; es versorgt meine Küche mit Eyern, und wenn es stirbt, so weiß ich nicht, woher ich ein anderes nehmen soll; denn die alte Henne wird ohnedem nicht mehr lange leben. Aber wart, ich will es recht fleißig pflegen; vielleicht erholt es sich wieder.« Da ging sie hin, und bereitete ihm ein Futter von weißem Brod mit Milch und gehackten Eyern: sie that ihm auch heilsame Kräuter hinein, und kam, und streichelte es, und ließ es aus ihrer Hand fressen, und es erholte sich zusehends. Darauf setzte sie es in einen Korb, der mit weichem Heu gefüllt war, und kam jeden Tag, und brachte ihm von der zubereiteten Speise.

Als das aber seine Geschwister, die Ente und der Pfau sahen, wurden sie neidisch über das arme Hühnchen. Sie waren längst einander feind gewesen, und hatten sich gar nicht mehr angesehen; als sie aber sahen, wie sorgfältig das Hühnchen von der Hausfrau gepflegt wurde, und welch gute Speise es bekam, da gingen sie zusammen, und sagten: »ey, seht doch, was unsere Herrin mit dem einfältigen Hühnchen für eine Sorge hat! Seht doch, wie sie es streichelt, und wie sie ihm die besten Bissen bringt! So etwas kommt nicht an uns. Wir sind die Zierde des Hofes, jedermann lobt und bewundert uns, aber wir bekommen deswegen doch nichts Besseres zu fressen. Was hat denn das einfältige Ding für schätzbare Eigenschaften an sich, daß man sich so viele Mühe mit ihm gibt? Hat es schöne Federn? Nein! Hat es eine schöne Stimme? Nein! Kann es ins Wasser gehen oder in der Luft fliegen? Nein! Nun, was hat es denn?« »Es hat gar nichts,« fuhr die Ente scheltend fort, »und ich begreife nicht, wie unsere Herrin so ein unnützes Thier auf dem Hofe dulden mag.« »Höre,« sagte der Pfau, »ich will dir da einen Gedanken mittheilen, den du aber sorgfältig als ein Geheimnis bewahren mußt. Wir wollen sehen, daß wir das Hühnchen auf eine gute Weise vom Hof wegbringen, und dann sind wir die Herren! dann bekommen wir das Futter, das jetzt das Hühnchen bekommt, da wollen wir uns mästen. Dann wollen wir als Freunde zusammen leben, und uns um die alte grämliche Henne gar nicht mehr kümmern.«

»Ja, das wollen wir thun!« sagte die Ente. »Es fragt sich nur, wie wir es am Besten anfangen, daß es die Herrin nicht merkt.« »Laß mich nur machen,« sagte der Pfau, »ich will das Hühnchen bald vertrieben haben.« Damit flog er auf seinen Baum, und die Ente setzte sich auf ihr Nest hinter den Brettern, und sann mit boshafter Freude auf den Untergang des armen Hühnchens.

Als es aber Nacht war, und das alte und das junge Huhn schon lange auf ihrem Neste saßen und schliefen, da wurde der alte Sultan, der Hofhund von seiner Kette gelassen, damit er die Nacht über das Haus und den Hof bewachte. Er ging mit bedächtigen Schritten rings um den Hof, und beroch alle Ecken, ob nichts Verdächtiges da sey, wie er gewöhnlich zu thun pflegte. Da flog der Pfau von seinem Baum herab und setzte sich auf den Gartenzaun, denn er getraute sich doch nicht auf ebener Erde mit dem Hund zu sprechen, ob er gleich in ziemlicher Freundschaft mit ihm lebte. Der Hund aber sprach zu ihm: »Guten Abend Pfau! Was thust du denn noch so spät hier?« »Ich habe etwas mit dir zu reden,« sagte der Pfau, »das ich dir am Tage nicht gut sagen kann.« »Nun so sag es,« sprach der Hund, aber er dachte bei sich, »das muß doch etwas besonderes seyn, daß es der Pfau nicht am Tage sagen will.« Da sprach der Pfau: »Ich weiß nicht, ob du schon davon gehört hast, was für ein boshaftes Thier das junge Huhn ist. Man sollte es ihm freilich nicht ansehen, es sieht so unschuldig und bescheiden aus, aber in seinem Herzen hegt es arge Gedanken. Es verläumdet uns bei unserer Herrin, und hofft dadurch in große Gunst bei ihr zu kommen, und es ist ihm auch schon gelungen. Hast du noch nicht gesehen, wie ihm seit ein Paar Tagen die Hausfrau schmeichelt, und wie sie ihm das beste Futter gibt? An uns kommt so etwas nicht. Ist das nicht recht ärgerlich?« »Ja, das ist wahr,« sagte der Hund, »wenn alles so ist, wie du sagst, aber was können wir denn thun?«

»Was wir thun wollen? das will ich dir sagen,« antwortete der Pfau. »Das Hühnchen muß vom Hofe weg, und dann sind wir die Herren, und bekommen das gute Futter, was die Herrin jetzt dem Hühnchen gibt.«

»Aber was habe ich denn damit zu thun?« fragte der Hund. »O sehr viel,« sagte der Pfau, »du sollst uns eben helfen, um das Hühnchen fortzuschaffen.«

»Aber wie soll ich denn das anfangen?« fragte der Hund.

»Ach das ist leicht geschehen,« sagte der Pfau. »Morgen früh, wenn das junge Huhn aufsteht, denn es steht früh auf; es thut nur so, damit die Leute meinen sollen, es wäre so fleißig – und wenn es denn auf den Hof kommt, so thust du, als ob du es zerreissen wolltest; und bellst es recht an, dann wird es schon einen solchen Schrecken bekommen, daß es davon fliegt, und so leicht nicht wieder kommen wird. Die Herrin wird freilich ein Paar Tage darnach fragen, aber bald hat sie es vergessen, und wir werden ihr dann umso lieber.«

»Höre,« sagte der Hund, »das Ding kommt mir doch sehr bedenklich vor. Ob das Hühnchen uns, wie du sagst, bei unserer Herrin verläumdet hat, weiß ich nicht; warum sagst du das aber nicht eher deiner Mutter, der alten Henne, daß sie ihr Kind bestraft.«

»Ach, die ist so grämlich,« sagte der Pfau, »und partheiisch; sie hat mich und meine Schwester, die Ente, aus dem Stall gejagt, und nur das kleine Nestvögelchen, das Hühnchen, hat sie bei sich behalten.«

Der Hund hatte bisher ganz ruhig gesprochen, aber jetzt merkte er, daß nur der Neid aus dem Pfau redete, und daß er ein schändlicher Lügner sey. Denn er hatte es wohl gehört, wie sie mit ihrer Mutter sich gezankt, und wie sie dieselbe verlassen hatten. Darum bellte er auf einmal ganz laut und sprach: »Du solltest dich aber doch schämen, daß du so schändliche Lügen gegen deine Mutter ersinnst. Meinst du, ich hätte es nicht gesehen, wie stolz du gegen sie warst, wie du dich geschämt hast, unter einem Dach mit ihr zu leben? Und jetzt willst du, daß ich dir helfen soll, das arme Hühnchen zu vertreiben? Gewiß ist das nur der Neid, der aus dir spricht. Wahr ist's, das Hühnchen wird seit ein Paar Tagen von unserer Herrin besser gepflegt, als sonst. Allein was geht das uns an? Können wir wissen, warum die Herrin das thut? Ich bin mit meinen Knochen zufrieden, die ich jeden Tag bekomme, und ihr habt täglich satt zu essen, warum willst du das, was deine Schwester, das Hühnchen, bekommt, ihm nicht gönnen? Geh, und mach dich auf deinen Baum, und schäme dich!« Damit trollte der Hund seiner Hütte zu.

Aber der Pfau ärgerte sich, daß ihm sein Anschlag nicht gelungen sey. »Wir müssen es anders anfangen,« sagte er den andern Tag zur Ente, welcher er seine Unterredung mit dem Hofhund erzählt hatte. Darauf sprachen sie ganz leise mit einander, und machten allerlei Pläne, wie sie das arme Hühnchen vom Hof vertreiben oder gar umbringen wollten, wie die Ente das Hühnchen ins Wasser locken und darin ersäufen sollte. Da kam der Hausherr mit der Hausfrau auf den Hof, und sie redeten allerlei mit einander, von Krieg und theuren Zeiten. »Höre,« sagte der Hausherr zu seiner Frau, »es wird mir täglich schwerer, das viele Futter anzuschaffen, das diese Thiere fressen, wir wollen das Federvieh schlachten, und nur den Hund behalten, der nützt uns doch am meisten durch seine Wachsamkeit.«

»Du hast recht,« sagte die Frau, »ich habe das auch schon gedacht. Was nützt uns der Pfau und die Ente? Sie sind schön, das ist wahr; aber das ist auch alles, sie fressen und das Futter, und legen keine Eyer, wir wollen die unnützen Fresser gleich morgen schlachten. Die beiden Hühner wollen wir leben lassen, meinst du nicht?«

»Meinetwegen,« sagte der Mann, »es sind so fromme nützliche Thiere, und mit Wenigem zufrieden.« Damit gingen sie wieder in das Haus.

Aber der Pfau und die Ente hatten das Gespräch gehört, und waren in der größten Bestürzung. »Was sollen wir anfangen?« sagte der Pfau. »Wohin sollen wir uns retten? Ach, wir sind verloren!« »Ach liebe Schwester,« sagte der Pfau, »wir haben uns doch an unserer Mutter und unserer Schwester versündigt. Das ist die Strafe für unsern Undank.« »Ja,« sagte die Ente, »ich seh es ein, wir haben sehr unrecht gehandelt. Komm, wir wollen zu ihnen gehen, und sie um Verzeihung bitten, ehe wir sterben.« Sie gingen hin, und erzählten der alten Henne, was sie gehört, und gestanden ihr alle die bösen Anschläge, die sie gefaßt hatten, um das arme Hühnchen zu verderben.

Die alte Henne aber erschrack auf das Heftigste, und wußte sich vor Angst nicht zu fassen. Aber das junge Hühnchen sprach: »ich will euch erretten! Seht, hier liegt viel Stroh, davon machen wir euch ein Nest, und heute Abend kommt ihr herein, und wir decken euch ganz zu. Der Hausherr wird glauben, ihr seyet davon geflogen, und da es ihm nur darum zu thun war, das Futter zu ersparen, so wird er sich nicht sehr grämen. Wir wollen denn unser tägliches Futter mit euch theilen, und sehen, wie es weiter geht.«

Als der Pfau und die Ente diesen Edelmuth ihrer Schwester hörten, konnten sie nicht aufhören, ihr zu danken, sie gelobten ihr aber, für die Zukunft sich zu bessern, und die Liebe ihre Schwester mit gleicher Liebe zu vergelten. Darauf bereiteten sie sich das Nest in eine Ecke des Stalles, und als es Nacht war, kamen sie herein, und das Hühnchen und die alte Henne deckten sie zu bis über den Kopf, so daß man gar nichts von ihnen sehen konnte.

Am andern Morgen aber kam die Hausfrau in den Hof, und trug in ihrer Hand ein großes Messer, das wetzte sie auf der Schwelle der Hausthüre. Als es scharf genug war, ging sie hin an den Birnbaum, wo der Pfau gewöhnlich gesessen hatte, aber der Pfau war nicht mehr da. Da schüttelte sie den Kopf, und ging sie zu den Brettern, wo die Ente sonst saß, aber die Ente war fort. Da ging sie im ganzen Hofe herum, und suchte den Pfau und die Ente, und kam zum Hühnerhaus, und bückte sich, und sah hinein, aber es war nichts darin, als ein Haufen Stroh. Da rief sie ihren Mann, und sagte: »Seh doch, der Pfau und die Ente sind davon geflogen, ich kann sie nirgends finden!« »Je nun,« sprach der Mann, »laß sie davon fliegen, so sind wir doch die unnützen Fresser los; die haben gewiß gehört, was wir gestern zusammen gesprochen haben. Wenn bessere Zeiten kommen, so kauf ich dir einen andern Pfau, und eine andere Ente.«

Damit gingen sie wieder ins Haus. Der alten und jungen Henne hatte aber das Herz gebebt vor Angst. Sie waren froh, daß die Gefahr glücklich vorüber war, und wenn die Hausfrau kam, und warf ihnen Futter hin, so trugen sie ein Körnchen nach dem andern in das Häuschen, und theilten redlich mit dem Pfau und der Ente.

Sie hatten es schon lange so getrieben, da sah einmal die Hausfrau zu, wie die beiden Hühner das Futter in das Häuschen trugen, und verwunderte sich darüber. »Was soll denn das bedeuten,« sprach sie bei sich, »daß die Thiere ihr Futter so aufsparen? Ich will doch einmal näher sehen.« Da ging sie hinter das Häuschen und sah durch einen Spalt, und sah, wie der Pfau und die Ente aus dem Stroh hervorschlüpften, und wie die alte Henne das Futter in vier Theile theilte, für sich aber behielt sie das kleinste. Wie sie aber gefressen hatten, hüllten sie sich wieder in den Strohhaufen, und die Hühner deckten sie zu, daß man nichts mehr von ihnen sehen konnte.

Da rief die Frau ihrem Mann, und erzählte ihm, was sie gesehen, und wie die Henne ihre Kinder verborgen habe, und sie insgeheim füttere. Das konnte der Mann nicht glauben. Aber die Frau führte ihren Mann heraus zu dem Hühnerhäuschen, und er bückte sich, und sah hinein, und sagte: »ich sehe ja nichts als einen Haufen Stroh!« »Thu' das einmal weg,« sagte die Frau. Da wollte er es wegziehen, aber das alte und das junge Huhn fingen gewaltig an zu schreien, und mit den Flügeln zu schlagen; er nahm es aber doch weg, und da saßen der Pfau und die Ente beisammen, und dachten, jetzt müßten sie sterben. Der Mann aber sprach: »Fürchtet euch nicht, ihr sollt nicht sterben,« und aus seiner freundlichen Miene sahen die Thiere, daß es ihm Ernst sey. Da ging der Mann hin, und holte frisches Futter, und warfs hin, und rief ihnen, aber sie traten ganz schüchtern hervor. »Komm, wir wollen uns auf die Seite stellen,« sagte der Mann zu seiner Frau. Da kamen die beiden Hühner, der Pfau und die Ente, und fraßen, und waren lustig und wohlgemuth, und der Hausvater und die Hausmutter hatten ihre Freude an den Thieren. Von nun an aber lebten sie in einträchtiger Freundschaft, und keines war mehr stolz oder neidisch auf das andere, sondern sie beeiferten sich, ihrer Mutter, der alten Henne, zu dienen und ihrer zu pflegen, bis diese nach einigen Jahren vor Alter und Schwachheit starb. Wer aber an den Hof kam, und die drei Thiere sah, dem erzählte die Hausfrau ihre wunderbare Geschichte.

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