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Gutenberg > Joseph von Lauff >

Schnee

Joseph von Lauff: Schnee - Kapitel 22
Quellenangabe
pfad/lauff/schnee/schnee.xml
typefiction
authorJoseph von Lauff
titleSchnee
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
year1923
printrunAchtundzwanzigstes Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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21

»Das wäre es,« meinte Arnt Douwermann nach einigem Schweigen, »was einer der Ärmsten und Reichsten im Lande zu sagen hatte, und was er uns zu sagen hatte ... bei diesem Geschick kann man die Hände nur falten und das Übrige dem lieben Gott überlassen.«

Seine Stimme war brüchig geworden.

Alle sahen stumm und bedrückt vor sich hin. Die erlösende und erhebende Wirkung, die man von dem Inhalt der Chronik erhofft hatte, blieb aus. Was war alles gewesen?! Ein Menschenleben, gewiß, ein großes, ringendes Menschenleben, aber meistens nur Schatten, feierliche und entsetzliche Schatten und eine bange und lange Pilgerfahrt durch Moder und Goldstaub. Und der Goldstaub ballte sich hoch und war wie ein Alp, der lautlos heraufwanderte, und nahm den Atem hinweg und machte das Herz klopfen und legte sich heiß und lähmend auf den kleinen Kreis der einsamen Menschen.

Die Stille hielt an.

Da tippte Petrikettenfeier ten Hompel Herrn Bollig auf die Schulter und flüsterte: »Herr Bollig, gehen Sie schon und sagen Sie, bitte, zu Hause, wir würden bald kommen. In 'ner halben Stunde vielleicht ...« und als der Küster gegangen war, wandte sich der geistliche Herr dem Insichgekehrten zu, der noch immer die Aufzeichnungen nachdenklich zwischen den Fingern hielt, und meinte: »Allerdings bei diesem Geschick kann man die Hände nur falten; aber wie schwer es auch war, es ist doch immer ein Glimmern und Leuchten und ein herrliches Strahlen durch dieses Erdenwallen gezogen, und wenn die Schuldigen, wie der Psalmist verkündet, auch dahin gegangen sind, als hätten sie auf diesem Stern niemals gelebt und gesündigt – dem Meister blieb seine Palme. Die konnte niemand ihm rauben. Wir dürfen ihn glücklich preisen.«

»Glücklich preisen, Hochwürden? Das glauben Sie?!« fragte der Alte und hob sich langsam und schwer aus dem Sessel. Die Knöchel der linken Hand auf den Tisch gesteift, schüttelte er traurig den Kopf ... »Und seine Schande, sein Schmerz, was ist aus diesen geworden? Sie wissen, Jesus Sirach behauptet: Eine Tochter, die noch unberaten, macht dem Vater viel Wachens, und das Sorgen um sie nimmt ihm den Schlaf, weil sie jung ist, daß sie möchte veralten, oder wenn sie einen Mann kriegt, daß er ihr möchte gram werden. An einer andern Stelle gebietet er zornig: Wenn deine Tochter nicht schamhaft, so halte sie hart, daß sie dich nicht deinen Feinden zum Spott mache und die ganze Stadt von dir rede ... Und solches geschah ihm; denn er war nicht hart genug und sein Wachen vergebens, Hochwürden, und da kam das Entsetzen und rüttelte ihm den Verstand auseinander und pilgerte mit ihm durch die Zeiten hindurch und ist so bis auf unsere Tage gekommen. Nein, ein solcher Mann ist nicht glücklich zu schätzen. Der hat das Lachen verlernt und das Feiern und Trinken ... und will keine Musik mehr, es sei denn eine solche, die der Schreiner macht, wenn er den Sarg zunagelt.«

»Herr Douwermann,« rief der Dechant betroffen, »wie können Sie nur ... wie kommen Sie zu einer solchen Behauptung?«

»Weil ich sie sachlich finde, Hochwürden.«

Unvermittelt hob er den Kopf und machte einige Schritte bis in die Mitte des Raumes. Hier blieb er stehen. Er sah seine Tochter wie eine Statue sitzen. Dirk Vogels war bei ihr.

Der Alte trat näher.

»Nun – und deine Ansicht, Johanna?«

Aller Lebensmut war aus ihrem Antlitz genommen. Weder Heil noch Zuversicht lagen darin, aber der feste Entschluß prägte sich aus, in dieser Stunde der verzweifelten Qual ein Ende zu machen.

Sie riß sich auf und zerrte ihr dunkles Tuch fest um die Schultern.

Und wieder die Frage: »Nun – und deine Ansicht, Johanna?«

»Ich denke ähnlich über den Meister, wie Hochwürden es taten.«

»Und das Geschick seiner Tochter, wie bewertest du dieses?«

»Niemand entgeht seinem Schicksal,« stieß sie, nach Atem ringend, hervor. »Wer will es hindern, wenn die Stimme des Blutes gebietet? Der Mensch ist machtlos dagegen.«

Ihm war es, als führe ihm eine eiserne Faust an die Kehle.

»Du meinst also, die hungrige Liebe dürfe das Gesetz Gottes mit brutalen Nagelschuhen zerstampfen?«

»Ich meine ...«

Ein Schauer war in ihr.

Mit einem bekümmerten Laut brach sie ab, preßte die Lippen zusammen und machte eine Bewegung, als wollte sie fortgehen.

Er vertrat ihr den Weg.

»Du willst uns verlassen?«

Schwer wie Blei fiel ihm das Wort von den Lippen.

»Ja,« sagte sie ohne jede Erregung. »Ich habe noch einen Gang zu machen und eine kleine Mission zu erfüllen.«

»So! – du hast noch eine Mission zu erfüllen.«

Seine Worte zerfaserten.

»Und was Hochwürden anbetrifft – er war doch so liebenswürdig ...«

Ein heißes Rot überflog ihr Gesicht.

»Ich hoffe zu kommen.«

»Du hoffst nur?«

Sie wollte lächeln, eine rasche Antwort ersinnen, irgend etwas Gleichgültiges, Unverbindliches sagen – aber sie fand nichts; ihr gerader Sinn verwarf diese Mittel.

Da trat Petrikettenfeier zwischen Vater und Tochter.

»Tun Sie ihr den Willen, Herr Douwermann,« sprach er ihm zu. »Sie weiß schon am besten, weshalb sie noch fort muß. Und Sie, Fräulein Johanna ... also bis später. Wir warten. Sie finden uns hier. Und dann: wir wollen gemeinsam den Abend verleben.«

»Gut denn,« sagte der Alte hart und bestimmt, »nicht mein Wille geschehe, sondern der deine, sonst, das sehe ich ein, wird die Heiligkeit dieses Tages auseinandergerissen.«

Dirk Vogels suchte nach ihren Händen.

»Darf ich nicht mit dir?«

»Nein, Dirk, du würdest nur stören. Das wirst du später begreifen. Sei ruhig und laß mich gewähren.«

Sie hielt ihm den Mund hin; da zog er sie an sich und küßte sie innig.

Dann ging sie.

Abermals brummte die Turmuhr herunter.

»Also warten wir,« sagte Arnt Douwermann. Gespannt hörte er auf den Schall der sich verlierenden Schritte. »Warten wir ab, dann wird sich finden, ob ich noch nüchternen Geistes bin oder gegen Windmühlen kämpfe.«

Wieder lag er im Sessel und stützte den Kopf auf. Mit stieren Blicken suchte er den weiten Raum ab, der langsam verödete.

Vereinzelte Dochte legten sich matt auf die Seite.

Dirk Vogels lehnte an einem eingedunkelten Wandschrank und verfolgte das Abtropfen der tiefer brennenden Kerzen.

In der beklommenen Stille, die jetzt eingetreten war, hörte man nur ein verhaltenes Atmen und den unruhigen Fuß des Dechanten, der sich vergeblich abmühte, einen, wenn auch noch so matten Lichtstrahl in die geheimnisvolle Wirrnis zu tragen.

»Dirk,« rief plötzlich der Alte aus seiner Selbstqual heraus, »ich hatte es mir so schön gedacht ... Heute solltest du und Johanna ... Der erste Festtag war hierzu bestimmt ... Es wäre nach all dem Elend ein versöhnender Abschluß gewesen ... und nun ist sie von uns gegangen ...«

»Nur keine Sorge, sie wird schon wiederkommen,« meinte der Angerufene mit erkünstelter Ruhe; aber seine Stimme war mutlos.

»Meinst du?«

Arnt Douwermann hob zweifelnd den Kopf.

»Meinst du es wirklich? und wenn es so wäre, dann könnte ich das ewige Wachsein dran geben und endlich mal schlafen. Aber wenn sie nicht käme, wenn irgendeine dumme Geschichte ...«

Er schluckte die letzten Worte hinunter und knöchelte auf den Tisch, als müsse er seine bösen Gedanken in die Ewigkeit trommeln.

»Ja, Dirk, wenn etwas geschähe ...«

»Aber zum Kuckuck, was soll denn geschehen?«

Unwillig war der Dechant an seine Seite getreten.

»Nun ist's aber satt und genug. Sie zermürben sich und uns. Sie geben uns Rätsel zu lösen. Ich habe kein Verständnis dafür. Wollen Sie nicht selber die Aufklärung bringen?«

»Hochwürden,« preßte der Gequälte heraus, »wenn man so in der Seelennot steckt ... Es ist was Grausames, Angst vor der eigenen Angst zu empfinden.«

»Aber ich bitte Sie, mein lieber Herr Douwermann, warum sollten Sie denn in Seelennot stecken? Ich ersuche Sie nochmals, sich mir anzuvertrauen. Vielleicht kann ich helfen.«

»Ausgeschlossen, Hochwürden. Es gibt Dinge, die können das Licht nicht vertragen. Außerdem: man kann ihnen nichts anhaben. Sie sind wie die Boten der heiligen Feme. Sie wissen ja: Strang, Gras und Grein ... und solch ein Bote ist bei mir. Und wie ich mich auch drehe und wende: er folgt mir, setzt sich neben mich hin, steht mit mir auf, fällt über mich her und wirft mir zu guter Letzt den hanfenen Strick über den Nacken.«

Er würgte an seiner Binde herum und schluckte und schluckte. Seine Kehle war trocken wie ein dürres Holzscheit geworden.

»Hier bohrt das, Hochwürden, und hier ... es zieht seine Schlüsse und sagt mir: Von dort kommt es her ... und kommt aus dem Hause, wo das rote Gespenst sitzt.«

»Donnerwetter noch mal!«

Der Dechant fuhr auf.

»Herr Douwermann, so geht das nicht weiter. Sie sollen vernünftig sein, sich zusammennehmen, das Ungereimte Ihrer Gedanken hintansetzen, sich auf sich selber besinnen, sonst: es wäre besser gewesen, die Chronik wäre niemals gefunden.«

»Nein, Hochwürden, daran ist die Chronik nicht schuld. Sie ist wie die Bibel, wie der lebendige Baum der Erkenntnis. Sie verschleiert nicht, sondern zeigt alles mit vollendeter Klarheit. Man kann sich ein Beispiel dran nehmen. Wäre sie nur schon eher gefunden – viel früher, dann hätte sie wie die Jakobsleiter in den Himmel geführt. So aber – sie ist zu spät gekommen, die Chronik. Sie bringt mich dem Himmel nicht näher – und lindert nicht mehr und heilt nicht mehr. Sie ist einer Sichel vergleichbar, die ihre Zeit verpatzte und über eine blanke Stoppel dahinfährt. Man muß sich damit abfinden, weil alles zu spät ist. Höchstens noch: sie gibt zu denken, Hochwürden, und dieses Denken ist furchtbar.«

Die letzten Worte versandeten in einem öden Gemurmel.

Der Dechant schüttelte den Kopf und wandte sich an Dirk Vogels.

»Verstehen Sie das?« fragte er leise.

Dirk zuckte die Achseln und sah steif in die sterbenden Lichter. Seine gefalteten Hände gerieten in eine nervöse Bewegung.

»Es ist alles so seltsam, Hochwürden.«

Wiederum war eine lange und bange Viertelstunde vergangen.

Das Unbehagen hielt an.

»Ja, es ist seltsam,« brütete Petrikettenfeier ten Hompel erregt vor sich hin und nahm wieder seinen verlorenen Schritt auf. Das Dumpfe, Schwermütige, Ungewisse der gegenwärtigen Lage mußte sich auch auf ihn übertragen. Er hatte sich den heutigen Abend anders gedacht, so ganz anders. Zu einem solchen Abend gehörten glückliche Menschen und das feine Geläut klingender Gläser. Bei ihm und in seinem Hause war das von jeher Überlieferung und Sitte gewesen. An einem solchen Abend, da nahm man sein fröhliches Herz in die Hand, zeigte es seinem Himmel und Heiland und machte sich keine schweren Gedanken. Das verlangte der erste Feiertag der heiligen Weihnacht von jedem. Fröhliche Herzen und klingende Gläser! – nur so wurde gefeiert, nur so diente man seinem Herrn und Schöpfer. Hier jedoch? Man fühlte es deutlich: ein feiner Aschenregen fiel von der Decke herunter, und der Vorhang im Tempel riß mitten entzwei ... Herr Jeses noch mal! – einer solchen Karfreitagsstimmung mußte man mit heiterer Laune begegnen, ihr ein Paroli bieten ...

Ja, wäre das so einfach gewesen! Hier aber – hier war etwas aus dem Senkel gekommen, waren Dinge im Werden begriffen, die sich nicht aufhalten ließen, und so sprach er denn bedrückten Sinnes: »Wenn sie doch käme, ja – wenn sie doch käme!«

Aber sie kam nicht.

Der Alte schien sich inzwischen beruhigt zu haben. Wenigstens tat er so; er nahm wieder das Manuskript zur Hand, blätterte darin herum und las einige Stellen zum zweiten Male und mit fliegender Eile.

Fast die meisten Kerzen hatten die Augen zugemacht. Nur vereinzelte brannten noch und warfen ihr Licht auf den Tisch, an dem Arnt Douwermann das Sturmsegel einzog und seine Gedanken zu meistern versuchte. Bisher waren sie durch ein böses Wetter gegangen, jeden Augenblick gewärtig, zu kentern und in die Tiefe zu strudeln. Jetzt liefen sie sachter, als wäre Öl auf das unheimliche Wasser gegossen worden.

Er sah nach der Uhr.

»Jetzt müßte sie kommen,« sagte er nach einiger Weile und lauschte zur Tür hin, ob er ihren Schritt nicht vernähme.

Aber nichts ließ sich hören, weder in der Sakristei noch im Vorflur. Nur der Wind war stärker geworden, seufzte in den Ecken herum und machte sich an den bleigefaßten Rauten zu schaffen.

»Mein Gott, immer noch nicht!«

Das alte Grauen kam wieder, schlich sich an ihn heran und bevölkerte sein Fühlen und Denken mit herzlosen Bildern. Sie kamen nicht unvermittelt und aus heiterm Himmel herunter, waren vielmehr in der vergangenen Christnacht entstanden und setzten sich aus unzähligen Steinchen zusammen, die er in den letzten Wochen und Tagen eingeheimst hatte. Nur unscheinbare, kleine, leblose Steinchen! – und dennoch formten sich Bilder von vernichtender Schärfe, die sich allmählich vereinigten und zu einem einzigen wurden. Und dieses entsetzliche Bildwerk ...

Er riß seinen Rock auseinander.

»Hochwürden, wenn Sie hineingreifen wollten, wenn Sie beobachten könnten, was sich hier abspielt und meine Seele zermartert ... Und du, Dirk! – ich habe so meine schwere Besinnung, die ist mit der Peitsche hinter mir her und knallt mir den Verstand aus dem Schädel. Dirk, daß sie noch immer nicht kommt, das ist es allein nicht. Aber warum sie nicht kommt ... warum Sie überhaupt ging ... warum sie mir sagte: ich habe noch 'ne Mission zu erfüllen ... Was heißt das? Was bedeutet das alles?!«

Er schlug die Hände zusammen.

»Heilige Menschheit!«

»Herr Douwermann,« legte sich der Dechant ins Mittel, »ich werde irre an Ihnen. Sonst die verkörperte Ruhe, sind Sie, weiß Gott, jetzt in 'ne Narrenjacke gefahren.«

»Was – Narrenjacke?!«

Senkrecht riß der Alte sich auf und packte die Handschrift.

»Schon möglich, aber wenn Sie wüßten, Hochwürden ... Heute früh noch ... kurz nach der Messe ... Wenn ich das alles bedenke ... und hier diese Chronik...«

Er straffte sich und streckte das Manuskript in die Höhe.

»Erst war ein Nebel um mich ... ein handfester, greifbarer Nebel ... Die Chronik aber zerteilte die Schwaden, und wenn sie auch nicht helfen konnte und wollte – so nahm sie mir doch das Tuch von den Augen und kündete Sturm an. Wir werden's erleben ...« und wie abgestorben sanken ihm die Arme am Leib herunter, und seine Stimme kroch am Boden, als wären ihr die Gelenke gebrochen: »Ich glaube, Hochwürden, wir stehen vor einem Intermezzo alla danza macabra.«

Den beiden lief es kalt über den Rücken.

»Hören Sie auf!« rief der Dechant dazwischen. »Schreien Sie mir nicht den Tod in die Kirche.«

»Den Tod in die Kirche ...?!« stöhnte der Alte. »Nur keine Sorge. Der bleibt, wo er ist, und steht draußen und wartet.«

»Mensch. Sie ...!«

»Das ist meine Sache, Hochwürden. Sie sehen ja selber: sie kommt nicht und kommt nicht.«

»Warten Sie ab, und käme sie nicht, das wäre noch immer kein Grund, hier eine derartige Szene zu machen. Schon in Ihrem Interesse – Sie sollten sich schonen, Sie jagen ja einem leeren Phantom nach.«

»Wo mir der Ruin bis an den Hals steht – mich schonen?! Unsinn, verfluchter. Irgend etwas fällt über uns her, und ich als Vater – ich kann nicht mehr warten. Entweder so oder so ... und wenn ich selber ...«

Er wollte ins Freie.

Dirk Vogels hielt ihn zurück.

»Dirk, ich wollte mitleidig sein, deine Kreise nicht stören. Aber wie die Dinge jetzt liegen ...«

»Herr Douwermann ...!«

Der junge Mann war nicht wiederzukennen.

»Recht werden Sie haben,« stieß er hervor. »Unsere Ehre, so scheint es, meldet Bankerott an. Sie aber – auf alle Fälle: Sie bleiben. Ich gehe, und wäre es auch nur aus dem Grund, mich als erster für insolvent zu erklären. Bis gleich denn.«

»Also auch Sie?« rief der Dechant.

»Ja, auch ich,« sagte Dirk Vogels.

Alles in ihm war Nerv und Fiber geworden, und als hätte ein grenzenloses Leid ihn gefaßt, so griff er nach Hut und Mantel, stieß die Tür auf und jagte hinaus.

Verstört sah der Alte ihm nach, trat rücklings und ließ sich wieder in den Sessel fallen, haltlos, erschlafft und mit allen Zeichen eines verzweifelten Mannes.

Der Dechant stand hilflos neben ihm, und das kleine, sonst so joviale und lebhafte Männchen schrumpfte in sich zusammen. Auch er hatte seine Sicherheit und seine Tatkraft verloren. Er versuchte es, irgendeinen Halt zu gewinnen. Endlich gelang's ihm. »Herr Douwermann,« sagte er mit gütiger Stimme, »ich weiß nicht, was hier vorgeht; ich finde mich nicht mehr zurecht. Nur in weiter Ferne dämmert es auf, kaum wahrnehmbar, ungewiß und unzuverlässig wie ein mageres Irrlicht. Das hilft mir nicht und bringt mich nicht weiter, und ich möchte so gerne ... Ich möchte Ihre Hände nehmen und sagen: Herr Douwermann, gehen Sie mit mir, folgen Sie mir, und ist da etwas, was Sie quält und zermartert, haben Sie berechtigten Grund, das Leben schwer zu nehmen und sich Sorge zu machen – vertrauen Sie mir! Ich bin keiner von denen, denen die Neugier gebietet: Lege die Hand auf eines andern Wundmal. Ich gehöre nicht zu den Schwätzern und Gaffern, wenn einer in Not ist. Auch Sie sind in Not, und zugreifen möcht' ich. Herr Douwermann, ich sagte schon: Vielleicht kann ich helfen. Ich müßte nur wissen ...«

»Mir hilft kein Gott mehr, hochwürden. Ah! diese Erkenntnis, diese furchtbaren Dinge! Therese ist die erste gewesen. Die sah sie. Sie zeigte mir die infamen Gestalten und raunte mir zu: Da steigen sie auf, da schleichen sie näher ... aber wenn ich sie greifen wollte, dann zerrannen sie mir wie Spreu unter den Fingern, und ich wußte nicht, wie ich ihnen beikommen sollte. Da mit einem Mal ... In den letzten Wochen und Tagen inkarnierten sie sich; aber ich packte nicht zu und wagte den Kampf nicht. Ich glaubte an die Reinheit des Weibes, wie Sie und ich an den lebendigen Gott und die Auferstehung des Fleisches glauben. Desungeachtet – ich hätte zuschlagen müssen, ich hätte würgen und töten müssen, bevor es zu spät war. Nur – ich hatte den Mut nicht, die Hand zu erheben. Möglich, ich dachte: es würde sich geben, sich langsam verkriechen; möglich, ich wollte einem dritten die Not und das Elend nicht antun ... Heute jedoch kam es wieder gegangen, ganz offen und frech, und hatte die Schminke fortgewischt und die Maske beiseite gelegt. Da holte ich aus, um dem Versucher und Verführer das ekelhafte Handwerk zu legen. Das ist heute früh gleich nach der Messe gewesen ... Da drüben im Kirchenportal ... Johanna, ich und der dritte ... Da stand er und suchte mein Glück und mein Leben aus den Angeln zu stoßen. – Jetzt Ihr Urteil, Hochwürden. Bin ich ein Narr, jage ich einer blöden Idee nach, oder habe ich meine fünf Sinne beisammen?! Ich bitte um Ihre Ansicht, Hochwürden. Aber passiert ein Unglück, wagt der Mensch, mein Haus zu entweihen und mich in meinem Blut zu schänden – dann sei der Herr mir barmherzig. Den Hund schlage ich nieder!«

Der Dechant verfärbte sich und streckte abwehrend die Hände.

»Christus, Christus ...!«

»Ja, den Hund schlage ich nieder!« – und der Alte warf sich in die Brust und preßte die Faust auf die Rippen und stellte sich, wie aus Holz geschnitten, neben den Bildstock, das verhüllte Werk seiner Tochter.

Dann lachte er grimmig auf und zerrte mit eisernem Griff das Tuch herunter, daß es zerfetzte, und schrie und streckte die Hand aus: »Hochwürden – und das ist sie als Belialsgöttin, nackt, wie der Herr sie geschaffen, schamlos wie eine schweifende Kamelin in der Wüste. Und das hat der Unmensch verschuldet, der Verunglimpfer der christlichen Kunst, der Anbeter der heidnischen Moral und des heidnischen Taumels. Mit seinem Brevier hat er ihre Würde vergiftet, sucht er ihre Unschuld zu morden. Und damit hat's angefangen, Hochwürden – und damit hat's geendet – und damit ist ihm meine Tochter mit Leib und Seele verfallen, wenn nicht ein Wunder geschieht und Gott sie errettet.«

»Das wäre furchtbar! Armer Dirk Vogels! Und dennoch: Sie irren, Sie müssen sich irren.«

»Denken Sie an den zehnten November.«

»Was ...?!« rief der Dechant.

»Hochwürden, ich glaube: seit diesem Tage habe ich meine Tochter verloren.«

»Nein, nein, nein ...! Unmöglich, Herr Douwermann! Ich kenne doch Ihre Tochter Johanna. Ihre Hände könnten das Abendmahl reichen. Werden Sie endlich vernünftig, gefaßter. Sie wird schon kommen. Warten wir ruhig. Du sollst nicht verwünschen und fluchen, steht der Fluch nicht auf ehrlichem Boden. Man soll beide Parte hören, bevor man verurteilt, und das Wort gilt noch heute: Richter, richte gerecht, sonst straft dich der Himmel.«

In diesem Augenblick schlug die Sakristeitür hart gegen die Wand an, als hätte ein scharfer Wind dahinter gesessen.

»Gut,« sagte der Alte, »ich erwarte die Kugel. Ich bin auf alles gefaßt. Mag sie nur mitten durchs Herz gehn ...« und doch stolperte das Entsetzen über ihn fort, als Therese so ganz unerwartet und ohne Hut und Umhängetuch eintrat und sich an den Türpfosten lehnte.

Sie vermochte sich kaum auf den Füßen zu halten.

»Sie ...?!« rief der Ärmste.

Ihre Kraft schien zu Ende. Wie ein scheues, verfolgtes Tier sah sie aus. Sie gab keine Antwort. Sie nickte nur, deutete rückwärts und verbarg ihre Hände. Sie hörte nichts und sah keinen Menschen.

Endlich stieß sie einen trostlosen Schrei durch die Kehle.

Ihre Stimme ging röchelnd: »Herr Douwermann, daß ich's man sage ... Es ist ja doch nicht zu ändern ... Das mußte so kommen ... Das nahm seinen Weg wie der Tod zum Kirchhof ... Soeben ist mir Herr Vogels begegnet ... keine hundert Schritte von hier ... Ich sagte ihm alles; denn er ist ja der nächste dazu ... Er muß es ja wissen, und als er es wußte: er ist hinter ihr her ... Ob's aber gelingt ... Ach, du Herr Jesus ...!«

Arnt Douwermann war bei ihr, packte sie bei den Schultern, rüttelte sie und suchte ihr das Wort vom Munde zu reißen.

»Therese ...!«

Seine Stimme rollte.

»Ach Gott – ja, Sie sollen alles erfahren! Ich weiß nicht ... ich wollte gerade die Läden vorlegen ... da kam sie ... ging ins Haus ... in ihre Kammer hinein... dann wieder auf die Straße hinaus, als wäre das Gericht hinter ihr her ... Wohin, Fräulein Johanna? ... Sie gab keine Antwort... Johanna, Fräulein Johanna!... Ich hetzte ihr nach ... Himmel, wo war sie geblieben?! – Jetzt sah ich sie wieder... ganz deutlich ... immer geradeaus ... dann über den Markt fort ... wie genarrt und von Sinnen ... Dann durchs Hanselaerer Tor und der Unteren Schleuse zu ... Johanna, Fräulein Johanna! ... Aber sie hörte nicht und wollte nicht hören ... Mein Gott und mein Heiland! – ich konnte nicht weiter ... Aber da ... wo die Laterne brennt, die letzte am Feldweg ... an der Schleuse – da stand er ...«

»André ...?!«

Die Augen des Alten waren blutunterlaufen. Mit beiden Fäusten packte er zu und umgriff eine Stuhllehne, als müsse er eine Waffe haben, um sie auf die beiden zu treiben.

»Also André, der Lump, der Verbrecher?!«

»Er war es.«

»Und weiter – weiter, Therese!«

Er hatte Schaum vor dem Munde.

»Herr Douwermann, ich mußte mich halten, um nicht niederzubrechen. Was sollte ich noch? – Hier bin ich, und Herr Vogels weiß alles ... Die beiden aber – flüchtig sind sie geworden und gingen dem Rhein zu, und ich sage Ihnen« – und ihre Stimme schwoll an, zuckte und gellte – »der Rhein ist in Not! – Da passiert was ... da brennen die Feuer ...«

»Mögen sie brennen, mag er in Not sein! Hier brennen wildere Feuer, hier ist größere Not ...! – Herr, du mein Christus, hast du denn gar kein Erbarmen, so'n bißchen Erbarmen und Mitleid ...?!«

»Nein,« sagte Therese, und ihre Finger verkrampften sich, ihre Ohrgehänge kicherten leise, unheimlich, gespenstisch, »denn es ist endlich gekommen, was ich immer schon sagte: Der Mensch rasiert uns noch das Glück aus dem Hause. Nun tut er's!«

»Herr, du mein Schöpfer, Herr, du mein Jesus ...!« und Arnt Douwermann, der Bibelfeste, der Mann mit dem stolzen Namen und dem stolzen Geschlecht, der Mann mit dem Gemüt eines Kindes und den Augen eines von Gott Geliebten – er bäumte sich hoch und streckte sich aufwärts.

»Sehn Sie, Hochwürden! Ich bin fertig mit ihr. Hier steht ein Vater, der seine Tochter verleugnet, sie aus dem Gedächtnis der Lebendigen ausstreicht. Hochwürden, nun sagen Sie endlich: Bin ich bei gesundem Verstand oder nicht? Ich sah das Unglück, wie es anhub und kam ... und wisset, Hochwürden« – und der Alte verfärbte sich bis in die Haarwurzeln hinein – »nun geschieht meinem Hause und mir, was in der Chronik passiert ist! – Johanna, Johanna ...!«

Er taumelte, sank in sich zusammen ... und wären der Dechant und Therese nicht zugesprungen – wie eine mächtige, angehauene Kiefer wäre er zu Boden geschlagen.

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