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Schlumski

Agnes Harder: Schlumski - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleSchlumski
authorAgnes Harder
year1916
firstpub1916
publisherVerlag Friedrich Andreas Perthes
addressGotha
isbn
titleSchlumski
pages161
created20091008
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Schäferkaro

Als ich meine Augen aufmachte, sah ich gerade über mir ein strahlendes Knabengesicht und hörte eine jubelnde Stimme:

»Neumann, jetzt können sie sehen! Der Gelbe hier hat eben geblinzelt, ich habe es ganz deutlich gemerkt!«

»Schön, junger Herr. Aber legen Sie ihn man wieder zurück. Was seine Mutter ist, die Freya, die knurrt all.«

Die kleine Knabenhand, die mich fest und derb an der Haut im Nacken hielt, ließ mich fallen, und ich fiel auf einen runden dunklen Gegenstand, meinen Bruder Wotan. Als ich ihn berührte, erkannte ich ihn sofort wieder. Ich hatte mich bisher in meiner kindischen Blindheit neben ihm herumgedrückt, ohne ihn zu sehen. Meine Mutter brachte mich mit einem zärtlichen Knurren wieder in die richtige Lage und leckte mir mit ihrer weichen Zunge einmal über den Rücken.

»Hörst du, Neumann, sie knurrt«, sagte der kleine Hans. »Sie ist böse, daß ich Schlumski angefaßt habe. Und er ist doch so niedlich. Wie schade, Neumann, daß die vier anderen tot gemacht sind.«

»He, junger Herr, wir haben all so genug. Und 2 von diesen beiden muß auch einer fortgegeben werden, hat der gnädige Herr gesagt.«

»Welcher, Neumann?«

Ich horchte hoch auf.

»Das ist noch ungewiß, und das hat auch noch Zeit.« –

Jeden Tag kam Hans uns ein paar Mal besuchen. Es war sein letzter freier Sommer. Im Herbst sollte er einen Hauslehrer bekommen. Auch mein Bruder Wotan hatte nun seine Augen aufgemacht, und unter unserer Mutter hervor spähten wir nach dem Jungen aus. Freya nahm es nun nicht mehr übel, wenn er uns hochhob und zappeln ließ. Wir konnten nun schon derber angefaßt 3 werden, und zuweilen ließ uns die Mutter auf den Hof, damit wir uns die Welt betrachteten. Mächtig groß war sie. An dem Schuppen, in dem wir geboren waren, zogen am Morgen und am Abend die Schafe vorbei, eine ganze Herde. Die Lämmer sprangen munter um ihre Mütter herum, aber der Schäferkaro war fixer als sie und trieb sie zusammen. Der Schäferkaro war unser Freund nicht. Am Abend saß er gerade aufgerichtet, wie eine Schildwache vor dem Stall, und wenn Wotan und ich uns bei unseren Spielen in seine Nähe kollerten, rumpfte er verächtlich die spitze Nase. Er spielte nie. Er war immer stramm, wie im Dienst. Sogar die fettesten Hammel hatten Angst vor ihm, und ich habe wohl gesehen, daß er einmal einen gebissen hat.

4 Auch die Hühner gingen um den Schäferkaro scheu herum, als trauten sie ihm nicht, ob er gleich keine Miene verzog, wenn ein unerfahrenes junges Ding einmal an seinem Futtertrog pickte.

Er sah eben zu streng aus. Es waren ganz getrennte Gesellschaften auf dem Hof. Die feinsten waren die Puten. Die Mamsell, die viel zu sagen hatte unter dem Federvieh, wurde ganz verrückt, wenn es plötzlich anfing zu regnen, und die jungen Puten waren draußen. Dann lief sie herum und schlug mit ihrer Schürze und jagte sie. »Wenn sie naß werden, sterben sie«, jammerte sie, »und zu Weihnachten sollen sie doch fett sein und geschlachtet werden.« Alle Mägde mußten die jungen Puten treiben, bis sie in Sicherheit waren. Wotan und ich fanden es verächtlich, daß die Prinzessinnen nicht einmal ein paar Regentropfen aushielten. Wenn sie dann im Sonnenschein wieder an uns vorbeistolzierten auf ihren langen Beinen und die Augenlider so recht müde zufallen ließen und sich vornehm taten, dann bellten wir ihnen nach: dumme Puten! dumme Puten!

Nach den Puten kamen gleich die Enten. So vornehm wie die Puten waren sie nicht; aber sie hatten ein eigenes Hütemädchen, die schwache Trine. Die war aber nur schwach im Kopf, nicht auf den Füßen, und konnte ihnen nachlaufen und sie beisammen halten mit ihrem langen Haselnußstecken, an dem oben noch die Zweige standen, wie eine Fahne. Aber nur die jungen Enten! Die Alten gingen immer in feierlichem Zuge, eine hinter der andern zum Teich, und dabei quakten sie ihr Leiblied: 5

»Wir sind blaue Schweden
Und fressen einen jeden,
Frosch oder Schneck,
Quak, quak, quek, quek!«

Sie waren furchtbar stolz darauf, daß sie blaue Schweden waren. Darum gingen sie immer eine hinter der anderen und watschelte so würdevoll. Nein, auf die großen Enten brauchte die schwache Trine nicht aufzupassen, aber auf die kleinen. Die trieb sie immer zum Teich und wieder zurück, und sah, daß jedes seine Portion gehackte Nesseln bekam, und sorgte für sie. Aber weil sie doch eben nur die schwache Trine war, vergaß sie manchmal ihr Amt. Dann fiel ihr der Stecken aus der Hand und sie sah auf die Vergißmeinnicht, die am Teich wuchsen, und träumte mit offenen Augen. Und dann kam jedesmal eine alte Krähe, die auf dem abgestorbenen Weidenbaum am Ufer lauerte, bis die schwache Trine ins Träumen kam, und trug ein Entlein weg. Das gab einen Mordsspektakel! Wotan stieß mich mit der Nase an, wenn wir ihn hörten, und wenn dann die alten Enten an uns vorbeimarschierten und traurig mit den Schwänzen wackelten, dann bellten wir:

»Quack, quack, quack, quack –
Rächt euch doch an dem Krähenpack!«

Aber das konnten sie nicht. Sie waren so dick, daß ihre Flügel ihren Bauch nicht in die Luft tragen konnten.

Am gemeinsten waren die Hühner. Sie blieben auch meistens unter sich, oder gingen in den Garten, 6 auf die frischgesäeten Erbsenbeete. Und immerzu kamen Klucken mit Kücken. Es schien so, als sollte der ganze Hof mit jungen Hühnern überschwemmt werden. Hans sagte, er sähe aus wie eine Wiese mit Butterblumen, wenn die gelben Küchlein so über ihn hintrippelten.

Wotan und ich sahen das alles von unserem Schuppen an, und als wir größer wurden, war es unsere größte Freude, die Hühner zu jagen, immer im Kreise herum. Wir nannten das »blinde Kuh spielen«. Aber wir taten es nur, wenn gerade keiner von den Knechten und Mägden da war.

Nun gab es ein junges Huhn, das hieß Nackthälschen, denn auf seinem Halse wuchs nicht ein einziges Federchen. Nackthälschen wurde von all seinen Geschwistern gemieden und keines ging mit ihm zusammen. Auch seine Mutter kümmerte sich gar nicht um Nackthälschen. Es wurde immer vom Futter abgedrängt und wäre wohl verhungert, wenn nicht der kleine Hans ihm immer von seinem Frühstücks- und Vesperbrot abgegeben hätte. Dann stand er auf der Treppe der Veranda und lockte es:

»Nackthälschen, Schwarzröckchen,
Hol dir die Bröckchen!«

Und dann kam es angelaufen.

Wotan und ich, wir durften nicht auf die Veranda, aber immer, wenn Nackthälschen hinlief, ärgerten wir uns. Nackthälschen hatte uns nichts getan, aber wir konnten es nicht leiden. Und als wir immer übermütiger wurden, weil es uns so gut ging, da fingen wir an, Nackthälschen zu jagen. 7 Es hatte schreckliche Angst vor uns und lief und lief. Aber weil es nur schwach war, wurde es bald müde. Da schnappte Wotan zu und wollte es haschen. Aber wie er es im Maule hatte, streckte es seine Beine aus und war tot.

Nun bekamen wir einen gewaltigen Schreck und verkrochen uns. Es war nur gut, daß niemand auf dem Hofe war, als der Schäferkaro. Es hatte sehr geregnet, und die Schafe waren nicht ausgetrieben. Aber nun kam Neumann, der Gärtner, gegangen. Vor dem toten Nackthälschen blieb er stehen und sah sich um. Schäferkaro sah gerade aus, wie ein ehrlicher Mann. Der Gärtner nickte ihm zu und sah zu uns. Wir machten schnell die Augen zu.

»Ihr Rackerzeug«, schrie er da. Und nun nahm er ein Stück Holz und schlug auf uns los, daß unsere Knochen knackten. Wir winselten und baten, aber es half nichts.

Da kam der kleine Hans.

»Neumann«, rief er, »schlag doch Schlumski und Wotan nicht tot«.

Aber der Gärtner zeigte auf Nackthälschen. Da 8 fing der Junge an zu weinen und nahm das tote Huhn und sagte:

»Schlag zu! Schade um jeden Schlag, der vorbeigeht, sagt der Vater zu mir. Und ich will es begraben, und dem Lehrer sein Karl soll eine Predigt halten.« –

Am Abend lagen Wotan und ich neben der Pumpe, ganz windelweich geschlagen. Da kam der Schäferkaro, setzte sich vor uns hin, wedelte mit dem Schwanze, sah uns verächtlich an und knurrte:

»Nun habt ihr's! Aber das kann ich nicht länger mit ansehen. Zucht muß sein. Und ich werde euch erziehen. Ich selber. Ich bin der klügste Hund auf dem Hof, das wißt ihr doch. Wenn mein Herr sagt: Karo, heut treiben wir auf die Haferstoppeln, dann geht es auf die Haferstoppeln. Und wenn er sagt: Karo, heut über den jungen Roggen, dann zeig' ich den Weg. Ja, und ihr wißt, ob ich geachtet werde und die Nase hoch tragen kann. Und ich halte auf Ordnung und euch nehme ich nun in die Lehre. Morgens vor dem Austreiben eine Stunde, und abends nach dem Heimtreiben wieder eine. Und Sonntags während der Kirche ist Wiederholung. Ihr wißt noch nicht, wie das Hundeleben ist und seid übermütig.«

»Wie ist denn das Hundeleben«, fragte ich.

Da sah der Schäferkaro gerade aus über seine spitze Nase weg, und nun sah er fast ebenso aus, wie der Schäfer, wenn er die Brille auf der Nase hatte und den Strickstrumpf in der Hand und so ganz unbeweglich auf dem Stoppelfeld stand, und der Nebel wogte um ihn her.

9 »Das Hundeleben ist verschieden. Für uns, die wir auf dem Hof geboren werden, ist es meist nicht leicht. Aber es ist ehrenvoll. Denn kein Tier steht dem Menschen so nah, wie der Hund. Also sind wir die ersten von allen Tieren. Als der Schäfer noch jung war, und mein Großvater ging mit ihm hüten, da blieben sie in den langen Sommernächten draußen, auf dem Felde. Da stand eine Hütte auf Rädern, die konnte von einem Feld auf das andere gefahren werden. In der Hütte schlief der Schäfer. Und mein Großvater lag draußen und sah nach den Schafen, und der ganze Himmel war voll Sternen. Der eine aber war der Hundsstern. Da sieht man doch, wie wichtig wir Hunde sind, daß wir sogar einen eigenen Stern haben. Zu Weihnachten aber, wenn sich die Knechte im Schafstall das Erbsenstroh holen und den Pferdejungen damit einwickeln, der den Bären machen soll, wenn sie mit dem Schimmelreiter ins Herrenhaus gehen, dann erzählen die Knechte, unter dem Tannenbaum, den die gnädige Frau ansteckt, stehe eine Krippe. Und in der Krippe liege das Jesuskind. Und Hirten knieten davor und beteten es an. Dann nickt mein Herr, der Schäfer, mit dem Kopfe und sagt: ›ja, und der Schäferhund ist auch dabei‹. Na, da seht ihr's doch. Und morgen mit Sonnenaufgang geht der Unterricht los. Wir treiben doch nicht so früh aus. Es schadet den Schafen, wenn noch Tau liegt.«

So eine lange Rede hatte der Schäferkaro noch nie gehalten. Aber jetzt stieg der Vollmond über dem großen Heuschober empor. Und da erhob er sich und bellte ihn an. Denn er konnte ihn nicht 10 leiden. Er sagte, er hätte ein zu großes, rundes, rotes Gesicht. Und als der Karo anfing zu heulen, da fielen alle Hunde im Dorf ein. Nein, ihr glaubt nicht, wie sie bellen konnten! Wotan und ich, wir dachten, der Vollmond würde nun gleich vor Schreck herunterfallen, in den Ententeich. Aber er stieg immer höher und höher, über all die weißen, kleinen Lämmerwölkchen hinweg.

Wotan und ich krochen auf unsere Decke, denn wir durften noch nicht mitheulen. Erst beim ersten Vollmond nach unserer Mündigkeit, so um die Herbst-Tag- und Nachtgleiche. Aber unser Herz zitterte vor Freude bei dem Hundekonzert.

Am nächsten Morgen, als der kleine Hans kam, um mit uns zu spielen, da sagte er:

»Der Karo bellt nur so, weil er neidisch auf den Mond ist. Der weidet all die Sternlein am Himmel und hat also viel, viel mehr Lämmerchen als er. Und nun ärgert sich der dumme Karo.«

Und dann sang Hans ganz laut:

»Wer hat die schönsten Schäfchen?
Die hat der goldne Mond,
Der hinter unsern Bäumen
Am Himmel droben thront.«

Aber der Schäferkaro machte so, als hörte er nicht und saß ganz steif und sah geradeaus über seine spitze Nase. 11

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