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Schloß Douglas am Blutsumpf

Walter Scott: Schloß Douglas am Blutsumpf - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorWalter Scott
titleSchloß Douglas am Blutsumpf
seriesWalter Scott Romane
volumeBand 1
translatorErich Walter
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060920
projectid006598bc
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Walter Scott

Von Erich Walter

Walter Scott wurde am 15. August 1771 zu Edinburgh geboren als neunter Sohn des Sachwalters Walter Scott, eines Abkömmlings des altberühmten, in ferne Zeiten zurückreichenden »Clans« der Scotts und seiner Ehefrau Anne, eines Sprößlings der ebenfalls uralten schottischen Familie der Rutherfords. Ein echtes Kind der Hochlande und von Abstammung somit aus reinstem Schottenblut, entwirft er selber einmal von seinen Ahnen die launige Charakteristik: »Mein Großvater war ein Pferde- und Viehhändler und hat sich ein Vermögen erworben; mein Urgroßvater war ein Jakobit und Verräter (so hieß man sie damals) und hat ein Vermögen durchgebracht. Vor diesem kamen ein paar halbverhungerte »Lairds«, die auf abgehetzten Gäulen ritten und hinter denen noch abgehetztere Jagdhunde trotteten. Die knauserten mit Mühe von hundert Pächtern hundert Pfund heraus, duellierten sich, trugen die Hüte herausfordernd auf den Ohren und nannten sich »edle Herren«. Dann kommen wir zu den alten Grenzerzeiten, wo sie Vieh stahlen und an den Galgen kamen und so weiter, wo, wie ich fürchte, von Ehrsamkeit, im modernen Sinne des Wortes, kaum die Rede sein kann.«

Das beste Denkmal hat Walter Scott seiner Familie in seinen eigenen Werken gesetzt, in denen er fast alle seine Ahnen rühmend geschildert und verherrlicht hat – wie es dem alten Glanze eines so untadelhaften Stammbaumes gebührte, auf den selbst ein so hervorragender Abkömmling wie Sir Walter, der Vater des historischen Romans, mit Recht stolz sein durfte.

Der Vater Sir Walters war das erste Mitglied der Familie, der das Land verließ und in die Stadt zog. Sein Beruf als »writer« nötigte ihn hierzu. Diese »writers« sind Rechtsgelehrte zweiter Klasse – welche lediglich das Material für Prozesse vorbereiten und durcharbeiten, aber nicht persönlich an den Verhandlungen teilnehmen. Sir Walters Vater hatte sich 1758, 29 Jahre alt, mit Anne Rutherford verheiratet, einer Tochter des Mediziners Dr. Rutherford, die von hoher Bildung und poetischer Veranlagung war.

Der Ehe entsprangen zwölf Kinder, von denen die ersten sechs in zartem Alter starben. Das neunte, unser Dichter, war ein gesundes und kräftiges Kind, das aber von einer Krankheit im zweiten Lebensjahre her eine Lähmung des rechten Beines zurückbehielt – ein Körperfehler, den er mit seinem großen Nebenbuhler und Kameraden Lord Byron teilte, den er aber im Gegensatz zu der nervösen Verbitterung dieses Schöngeistes mit robuster Gleichgültigkeit ertrug.

Zu seiner Stärkung kam das Kind auf das Gut des Großvaters Robert Scott nach Sandy-Knowe. Der Aufenthalt hier ist für seine geistige Entwicklung von grundlegender Bedeutung. Hier war er auf dem Heimatsboden seiner Ahnen und seiner Poesie. Hier in der patriarchalischen Umgebung eines altschottischen Grundsitzes, im täglichen Anblick einer romantischen Landschaft, über der Sagen und Märchen webten, im täglichen Umgang mit Hirten und Mägden und andern echten Kindern des schottischen Volkes sog er tiefe Liebe zur Natur seiner Heimat und zu den Legenden seines Volkes ein.

Es zeigte sich jedoch, daß dieser Aufenthalt für sein Fußleiden nicht vorteilhaft war, und die Eltern schickten den Knaben mit seiner Tante Johanna nach Bath, wo er die heißen Quellen gebrauchte. Während des fast ein Jahr währenden Aufenthalts in diesem Modebad besuchte er eine Elementarschule und lernte lesen. Nach Edinburgh zurückgekehrt, kam er aufs Gymnasium. Er hat sich als Schüler nicht sonderlich hervorgetan, war aber groß in allen Spielen – gleichfalls eine Eigenschaft, die er mit Lord Byron gemein hatte. Unter seinen Kameraden war er besonders beliebt, weil er wie kein andrer allerlei Geschichten und Märchen zu erzählen verstand.

Vom 13. Lebensjahre ab besuchte er die Universität in Edinburgh, um seine humanistische Bildung zu vollenden. Dieses Studium währte drei Jahre und blieb infolge der Übereilung, die von Walters Vater ausging, unvollständig, obendrein wurde es noch durch eine Krankheit unterbrochen – die Sprengung eines Blutgefäßes, die ihn wochenlang ans Bett fesselte.

Diese Krankheit warf ihn, wie er selber sagte, »wieder ins Reich der Dichtung zurück«, und er benutzte diese Zeit unfreiwilligen Müßiggangs zur Vervollständigung seiner literarischen Kenntnisse. In diese Zeit fallen auch seine ersten dichterischen Versuche – lyrische und episch-romantische Stammeleien, die er später selber vernichtete.

Im Jahre 1786 nahm ihn der Vater als Lehrling in sein Geschäft auf und Walter wurde laut förmlichem Kontrakt auf fünf Jahre verpflichtet. In diese Lehrjahre fällt seine erste Jugendliebe zu Margareta, der Tochter des Baronets John Stuart Belcher. Die dem Mädchen gewidmeten Gedichte hat er später gleichfalls selber vernichtet.

Der Beruf seines Vaters vermochte ihn nicht zu befriedigen. Der Vater löste 1789 den Vertrag und erklärte sich damit einverstanden, daß Walter abermals die Universität bezog, um sich dem Studium der höheren Rechtswissenschaft zu widmen. 1792 bestand Walter dann die Advokaten-Prüfung und wurde in die Fakultät feierlich aufgenommen. Hiermit kam sein Jünglingsalter zum Abschluß, und er trat ins bürgerliche Leben ein.

»Sein Jünglingsalter«, schreibt Elze, »verrät in keiner Weise den künftigen Dichter, sondern zeigt nur den jungen Gentleman. Wir sehen da keine Sturm- und Drangperiode wie bei Goethe, keine gewaltsame Selbstbefreiung wie bei Schiller; keine jugendlichen Fehltritte und dadurch herbeigeführte Losreißung von Haus und Familie wie bei Shakespeare; keine die Schranken überspringende Eigenwilligkeit und wilde Melancholie wie bei Byron; alles bewegt sich bei ihm glatt und eben in dem natürlichen Geleise des gesellschaftlichen Lebens, und wer das Genie eines Dichters an dem gewaltsamen Durchbruche seines Jünglingsalters erkennt, der muß Walter Scott allerdings jeden Funken Genie absprechen. Scott hat nie mit der Gesellschaft gebrochen, und warum hätte er es gesollt? Das Feld für seine Tätigkeit und seinen Ehrgeiz war so geräumig, als er es sich nur wünschen konnte.«

Seinem Advokatenberuf widmete er sich mit großem Eifer, scheint es indessen nie zu einer großen Praxis gebracht zu haben. Von weit größerer Bedeutung war die Art und Weise, wie er seine Mußestunden verwertete. Seine literarischen Neigungen führten ihn zum Studium der deutschen Sprache, dem wir vorzügliche Übersetzungen von Götz von Berlichingen, mehreren Ritterschauspielen und namentlich einigen Balladen Bürgers (»Lenore«, »Der wilde Jäger«) verdanken. Die Gerichtsferien brachte er in seinem heimischen Hochlande zu, das er zu Roß und zu Fuß unermüdlich durchquerte, immer neu an dem alten Sagenbrunnen sich labend.

Im Jahre 1797 lernte Walter Scott Charlotte Margarete Carpenter (die englische Umbildung ihres eigentlichen Namens Charpentier) kennen, die Tochter eines französischen Beamten, dessen Witwe mit ihrem Kinde während der Revolution nach England entkommen war. Sie wurde im selben Jahre seine Braut und Gattin.

Die ersten zwei Jahre nach der Trauung verlebte das junge Paar in Laßwade im Esktale. Hier widmete er sich von neuem der Literatur und lieferte zu einer von Lewis herausgegebenen Sammlung »Wunderbare Geschichten« einige poetische Beiträge.

1799 wurde er zum Sheriff von Selkirkshire ernannt. Im Jahre 1802 veröffentlichte er dann, nachdem die Bekanntschaft mit dem Buchdrucker und Zeitungsverleger James Ballantyne den Anstoß dazu gegeben hatte, seine erste Arbeit, eine Sammlung schottischer Volkslieder unter dem Titel: »Die Volksdichtung des schottischen Grenzgebietes« in zwei Bänden, denen 1803 ein dritter folgte. Im Jahre 1804 verließ er Laßwade und zog nach dem Gute Ashestiel am Tweed. Die von seinem Oheim Robert ererbte Besitzung Rosebank hatte er verkauft und dafür das obengenannte Gut, gleichfalls einem seiner Oheime gehörig, der zur selben Zeit starb, in Pacht genommen. Hier vollendete er das schon in Laßwade begonnene Werk »Lied des letzten fahrenden Sängers«, das den Dichter mit einem Schlage berühmt machte.

Diese Dichtung ist der Anfang zu einer großen Reihe romantisch-epischer Dichtungen, die sich auf zwölf Jahre erstreckt: Marmion (1808), Die Jungfrau vom See (1810), Die Vision Don Roderichs (1811), Roteby (1812), Die Hochzeit von Triermain (1813), Der Herr der Inseln (1815), Das Schlachtfeld von Waterloo (1815) und Harold, der Furchtlose (1817).

Im Jahre 1812 war ein neues blendendes Gestirn am literarischen Himmel aufgegangen: ein Meteor, das durch sein blendendes Licht alle andern überstrahlte. Die ersten Gesänge von Lord Byrons »Thilde Harold« waren erschienen und hatten die Aufmerksamkeit nicht nur Englands, sondern der ganzen gebildeten Welt auf den jungen Dichterlord gelenkt, neben dessen poetischer Zaubermacht kein andrer bestehen konnte.

Den vorzüglichsten Beweis für seine eigne Reife erbrachte Walter Scott damit, daß er den Thron des Dichters diesem neuen ihm überlegenen Genius neidlos einräumte und die poetische Dichtung aufgab, indem er erklärte: »Ich habe die Poesie aufgegeben, weil Lord Byron mich aus dem Sattel hob, mich übertraf in Beschreibung starker Leidenschaften und in tiefer Kenntnis des menschlichen Herzens.«

Auch in Walter Scotts äußeren Verhältnissen war eine Änderung vor sich gegangen. Seine Werke hatten ihm bisher viel Honorar eingebracht, aber er hat es auch selber zugestanden, daß er nur um Geld schrieb, wie er denn auch ohne Rücksicht auf innere Neigung Arbeiten übernahm, die eine gute Einnahme versprachen. Passionen, die ihm zur zweiten Natur gehörten, wie Reiten, Jagen und Fischen, und jene ihm unentbehrliche Lebensart eines schottischen Edelmannes erforderten viel Geld, und Scott verstand es denn auch, in seinem stets praktischen Sinne sein Genie wie keiner vor ihm auszumünzen. Seine Honorare sind in der Tat enorm, und noch nie zuvor waren für Werke des Geistes ähnliche Summen herausgeschlagen worden. Aber die ständige Sorge, seine Kraft möchte erlahmen bei der Hast, in der er zu arbeiten pflegte, machte die poetische Ader bald versiegen, ließ den Dichter sich gleichzeitig nach einem einträglichen Amt umtun, und dies erhielt er in der Anstellung eines Sekretärs des Sitzungshofes, die mit einem Gehalt von 26&nbsp000 Mark jährlich verbunden war. Seine stets nicht sehr lohnende Rechtsanwaltspraxis gab er auf.

Zur gleichen Zeit kam er, ebenfalls in dem Bestreben, die ohnehin bedeutenden Erträge seiner Arbeiten zu steigern, auf den verhängnisvollen Gedanken, sich in dem Geschäft seiner Verleger als stillen Teilhaber eintragen zu lassen und sich an der Firma John Ballantyne & Co. finanziell zu beteiligen. Der Anfang dieses geschäftlichen Verhältnisses fällt bereits in das Jahr 1802. Durch größere Vorschüsse hatte er es seinem Verleger James Ballantyne ermöglicht, nach Edinburgh zu ziehen und sein Geschäft zu vergrößern. Das Verlangen, sich andern Verlegern gegenüber auf festen Fuß zu stellen, führte nun dazu, daß er den Bruder James Ballantynes, John, bewog, ein eignes Verlagshaus mit Druckerei zu gründen und ihn als stillen Teilhaber in dieses Geschäft aufzunehmen. Dies geschah 1809, aber schon vom Jahre 1805 ab hatte Scott etwa 9000 Pfund in die Druckerei und den Verlag von James Ballantyne hineingesteckt. Seine Teilhaberschaft an dem Geschäfte John Ballantynes blieb Geheimnis, bis der Zusammenbruch des Geschäftes zur Entdeckung des Verhältnisses führte. Zunächst brachte diese Geschäftsverbindung neue schriftstellerische Arbeiten größern Umfanges mit sich. Die riesenhafte Arbeitskraft Walters begann sich in ihrer ganzen imposanten Regsamkeit zu entfalten.

Die Gebrüder Ballantyne waren in der Tat des Dichters Verhängnis, und es ist unbegreiflich, wie der sonst so sehr mit praktischem Sinn begabte Mann so völlig in ihre Netze fallen konnte. Diese Leute haben in der Tat von seinem Gelde gelebt, und während der eine sich garnicht um das Geschäft kümmerte, verstand der andre nichts davon. Die Vorschüsse, die Walter Scott leistete, gehen ins Unberechenbare. Im Jahre 1813 wurde das Geschäft John Ballantynes aufgelöst, und für die über 200000 Mark betragenden Schulden mußte das Haus James Ballantyne & Co., das heißt vorzugsweise Walter Scott, aufkommen. Dennoch brach der Dichter seine Beziehungen zu den Ballantynes nicht ab. Nach wie vor unterstützte er sie in unbegreiflich leichtgläubiger Freigebigkeit.

Eine neue Epoche in Scotts literarischer Tätigkeit beginnt in dem Jahre 1814 mit dem Erscheinen seines ersten Romans »Waverley«. Der Erfolg war außerordentlich, und es kamen nun in erstaunlich schneller Folge jene historischen Romane auf den Markt, auf denen eigentlich das Verdienst und der unvergängliche Ruhm Walter Scotts beruhen:

Guy Mannering oder der SterndeuterDer AltertümlerDer schwarze ZwergDer alte Sterblich, engl.: Old MortalityDas Herz von MidlothianLucie von Ashton, Die Braut von LammermoorLegende von MontroseIvanhoeDas KlosterDer AbtKenilworthDer SeeräuberNigels SchicksalePeveril vom GipfelQuentin DurantSt. Ronans BrunnenDer Verlobte und Der TalismannErzählungen eines KreuzfahrersWoodstockChronik von Canongate: Die Witwe vom HochlandZwei ViehhändlerDie Tochter des ArztesRedgauntletDas schöne Mädchen von PerthAnna von GeiersteinGraf Robert von ParisDas gefährliche Schloß

Eine neue Epoche in Scotts äußerem Leben – um die biographischen Daten zu vervollständigen – beginnt mit dem Jahre 1812, wo er nach seinem neu angekauften Besitztum Abbotsford übersiedelte. »Abbotsford wurde nun der Mittelpunkt, um welchen sich Scotts Dichten und Trachten bewegte, der Zweck seines Lebens, auf welchen sich jede andere Tätigkeit unterordnend bezog. Er lebte und webte nur für Abbotsford; Abbotsford war seine Arbeit bei Tag und sein Traum bei Nacht. In demselben Maße, in welchem Scotts schriftstellerischer Ruhm an Ausdehnung zunahm, wuchs auch der Ruf von Abbotsford. Einer half den andern tragen und erhöhen. Der bekannte Ausspruch eines französischen Reisenden, Abbotsford sei ein Roman aus Stein und Mörtel, ist auch insofern zu einer Wahrheit geworden, als die ganze gebildete Welt sich dazu drängte und sich für berechtigt hielt, auch diesen Roman des großen Zauberers ebenso gut wie seine gedruckten zu lesen. Niemals ist der Wohnsitz eines Dichters, noch dazu bei seinen Lebzeiten, ein so besuchter Wallfahrtsort gewesen wie der Scotts, und man sagt schwerlich zuviel, wenn man behauptet, daß durch Abbotsford und seinen Erbauer Schottland der gebildeten Welt bekannt gemacht und aufgeschlossen worden ist.«

Die Jahre in Abbotsford bildeten den Höhepunkt in Scotts äußerm Leben und in seinem dichterischen Ruhm.

In diese Jahre fällt die Erteilung der Würde eines Baronets, der Ritterschlag, der Tod seiner Mutter, die Hochzeit seiner ältesten Tochter mit dem Advokaten und Schriftsteller Lockhart.

Auf diese Zeit des höchsten Glanzes folgte jäh das Unglück. Im Jahre 1826 brach das Geschäft Ballantynes zusammen, und Walter Scott sah sich über Nacht mit einer Schuldenlast von 2 1/2 Millionen Mark belastet. Auch des Dichters Gesundheit hatte durch plötzlich eintretende Magenkrämpfe eine heftige Erschütterung erhalten. Sein Unglück war kaum ruchbar geworden, als – ein Zeichen seiner großen Beliebtheit im ganzen Volke – eine Unzahl Anerbietungen zur Hilfeleistung einliefen, die er aber alle in selbstbewußtem Stolze von sich wies. Hier in diesem jähen Sturz zeigte er all seine Männlichkeit und Tatkraft. Er wußte wohl, daß er sein Unglück durch seine große Unvorsichtigkeit und Leichtlebigkeit zum Teile selber verschuldet hatte, nun wollte er auch selber dafür aufkommen. Er verpflichtete sich, die ganze Schuld durch seine Arbeit zu tilgen. Abbotsford, das er seinem Sohn Walter als Heiratsgut abgetreten hatte, wurde mit einer Hypothek von 200000 Mark belastet. Das Verlagsrecht der bisher erschienenen Romane wurde für 170000 Mark verkauft, der eben vollendete Roman »Woodstock« für gleichfalls 170000 Mark. So war im ersten Jahre schon fast ein Viertel der Schuld getilgt.

Die Weise, wie er nun arbeitete, mußte seine Kräfte übersteigen. Obendrein kam jetzt mancherlei Unglück über die Familie. Scotts Gattin starb am 15. Mai 1826. Eine Menge kleinerer und größerer Arbeiten (»Leben Napoleons« [360000 Mark Honorar], »Erzählungen eines Großvaters«, »Geschichte Schottlands«) liefen neben seinen Romanen her, und in der Tat hatte Walter Scott 1830 schon die riesenhafte Schuld um über die Hälfte abgetragen.

Aber nun brach auch seine Kraft zusammen. Ein Schlaganfall zerrüttete seine Gesundheit, von dem er sich nie wieder erholen konnte. 1830 mußte er sich seines Amtes entbinden und pensionieren lassen. 1831 erfolgte ein neuer Schlaganfall und eine gänzliche Entkräftung nötigte ihn, eine Reise nach dem Süden anzutreten.

Auf der Rückreise traf ihn am 9. Juni bei Rymwegen ein dritter Schlaganfall. Fast einen ganzen Monat mußte er noch in London warten, ehe er auch nur die Kraft hatte, sich nach Abbotsford zurückbringen zu lassen. Hier traf er am 9. Juli ein. Seine Lebenskraft war vernichtet, er lebte noch zwei Monate, die er ganz im Bette zubrachte. Am 21. September 1832 starb er. Er wurde an der Seite seiner Frau in der Abtei Dryburgh nahe am Tweed bestattet.

Sir Walter Scotts Poesie ist eng mit dem Lande verwachsen, aus dem sie geboren ist. Schottland – eine Heimat der Poesie wie bei uns das traute Schwabenland – hat eine große Zahl bedeutender Männer hervorgebracht, die auf allen Gebieten menschlicher Betätigung Verdienstliches, teils Erstaunliches geleistet haben. Walter Scott ist einer seiner größten Söhne. Man hat nicht mit Unrecht gesagt, er hätte das Interesse nicht nur der Engländer im großen und ganzen, sondern der ganzen Reisewelt auf Schottland gelenkt. Durch ihn wäre die Schönheit dieses eigenartigen Stückchens Erde erschlossen worden. Durch seine Werke vor allem – obgleich Burns und andere ihm vorangegangen waren – durch seine Epen und Romane, in denen die ganze zauberische Anmut, die rauhe Wildheit, das nebelschwere Düster der Berge und Schluchten und der sonnige Glanz der Seen sich widerspiegelt, sei der Strom der Schaulustigen in die einsamen Gebiete gelockt worden. Zum Teil trifft das zu – zum Teil kommt das Verdienst auch noch anderen Dichtern zu – in jedem Falle aber sind keines anderen schottischen Dichters Werke so weit in alle Welt gedrungen und haben das Lob und den Ruhm seiner Heimat so weit in alles Volk getragen, wie die Romane Walter Scotts. Sie zählen zu denjenigen Büchern der Weltliteratur, die am meisten gekauft und gelesen worden sind – sie zählen zu den bleibenden Werken, deren Reize über dem Wandel der Jahrhunderte steht.

Walter Scotts poetische Werke beschäftigen uns hier nicht, sie seien aber der Vollständigkeit halber hier genannt. Nachdem er die Gedichtsammlung: »Volksdichtung des schottischen Grenzgebietes« veröffentlicht hatte, ließ er 1805 »Das Lied des letzten fahrenden Sängers« folgen, 1808 »Marmion«, 1810 »Die Jungfrau vom See« – dasjenige unter seinen Epen, das am meisten Anklang gefunden hat – 1811 »Die Vision Roderichs«, 1812 »Rokeby«, 1813 »Die Hochzeit von Triermain«, 1815 »Der Herr der Inseln«, 1817 »Harold der Furchtlose«.

Zwischen diesen dichterischen Werken und seinen Romanen stehen »Pauls Briefe an seine Verwandten«, »Die Schlacht bei Waterloo«, eine sehr mittelmäßige Ode, das Drama »Das Haus von Aspern«, »Das Leben Napoleons« – ein heftig angefochtenes Werk, das zu Scotts Lorbeerkranz kein neues Blatt hinzuzufügen vermochte – eine »Geschichte Schottlands«, »Die Erzählungen eines Großvaters« und eine Menge kleinerer Arbeiten.

Die Reihe seiner Romane beginnt, wie aus der schon auf Seite 8 und 9 gegebenen chronologischen Reihenfolge hervorgeht, mit »Waverley«.

Diese Erzählung knüpft an die Kämpfe des Prätendenten Karl Eduard, an dessen Sieg bei Preston Pans und seine völlige Vernichtung bei Culloden durch Georg II. In seinen Gedichten war Scott auf entlegenere Zeit zurückgegangen und hatte seine Handlung im 16., im »Herrn der Inseln« sogar im 14. Jahrhundert spielen lassen – hier im ersten seiner Romane legt er die Begebenheiten in eine Zeit, von der es unter den alten Leuten noch Augenzeugen gab, denn die Schlacht bei Prestonpans fällt in das Jahr 1745. Die geschichtliche Episode von Alexander Stuart von Inverasyle, der den englischen Oberst Allan Whiteford von Ballochmyle gefangen nimmt und dann von ihm vom Tode errettet wird, läßt der Romancier sich zwischen seinem Helden Eduard Waverley, dem Oberst Talbot und dem Baron von Bradwardine abspielen. Hinein verwoben ist die Liebesgeschichte des Helden mit Rosa von Bradwardine.

Dem nächsten Roman »Guy Mannering« liegen zwei verschiedene Geschichten zugrunde. Die eine stellt die Erbschleicherei eines Oheims dar, welcher seinem Neffen nach dem Leben trachtet, um dessen Vermögen an sich zu bringen. Der Neffe ist aus einem Jesuitenkloster geflüchtet, in das der Vater ihn gebracht hat, ist gemeiner Soldat geworden und durch merkwürdige Schicksalsfügungen in seine Heimat, die Grafschaft Galloway, zurückgelangt, wo er endlich in sein Familienbesitztum eingesetzt wird. In diese Geschichte ist die zweite eingesponnen. Ein junger Mann, der in Oxford seine Studien beendet hat, hat auf der Reise einem eben geborenen Kinde das Horoskop gestellt und ihm vorausgesagt, daß es bis zu seinem einundzwanzigsten Lebensjahre viel Mühsal zu erdulden habe. Wenn es aber bis dahin sich die Tugend rein halte und schuldlos bleibe, werde ihm großes Glück zufallen. Der dieses Horoskop stellt, ist Guy Mannering, der Sterndeuter, und das Kind ist Harry Bertram von Ellangowan, der durch Schmuggler geraubt wird, allerlei Abenteuer besteht, nach Indien gelangt, dort als Soldat dient und endlich in die Heimat zurückkehrt, wo er als Laird von Ellangowan anerkannt wird. Die Erzählung spielt in der Jugendzeit des Dichters.

Der »Altertümler« kann als eines der besten Werke Scotts bezeichnet werden. Oldbuck ist ein leidenschaftlicher Sammler von Raritäten, der allerdings keine große Kennerschaft besitzt. Er zeigt sich uns als ehrbarer schlichter Mann, ein wenig derb und hagebüchen, aber doch nicht ohne edlere Züge. Neben ihm ist die Hauptfigur der wundervoll gezeichnete Landstreicher Edie Ochiltree – eine echt schottische Gestalt. Zu dritt kommt – abermals ein völlig eigenartiger Charakter – der heruntergekommene Edelmann Sir Arthur Wardour, der sich nicht eben als großes Geisteslicht präsentiert und dessen Tätigkeit darin besteht, Fische zu fangen, auf die Jagd zu ziehen, Pferderennen zu besuchen, auf Wahlversammlungen zu gehen und sich seines Stammbaumes zu rühmen. An weiblichen Charakteren sind zu nennen die Schwester des Altertümlers, die harmlose naive Nichte Marie Wac Intyre und Isabella Wardour. Die Handlung ist meisterhaft angelegt und in wundervoller Straffheit und Spannung durchgeführt.

Unter den als »Erzählungen meines Wirtes« bezeichneten war »Der schwarze Zwerg« die erste. Wir haben es hier nicht mit einer geisterhaften Person zu tun, nicht mit einem phantastischen Hirngespinnst. Der schwarze Zwerg hat wirklich gelebt, er ist 1811 gestorben und er hieß David Ritchie. Er war das Kind blutarmer Leute, und da seine Mißgestalt überall ihm Spott und Hohn zuzog und ihn zum Abscheu aller Welt machte, zog er sich in tiefe Einsamkeit zurück. In einem Tale der Grafschaft Perbles siedelte er sich an, und von den Erträgnissen eines kleinen Gartens fristete er sein Leben. Bei Scott heißt er Elshie und haust im Moor von Mucklestane. Auch hatte er ein Gesicht von grauer Farbe mit dichtem, schwarzem Barte, seine Augen sind von buschigen Brauen verdüstert, die Adlernase und die zurückliegende Stirn geben seinem Angesicht ein wildes, barbarisches Aussehen. Auch Elshie wird als mit Riesenkräften begabt und als völlig verwachsen geschildert. Der Charakter, wie man ihn von Ritchie berichtet, entspricht dem der Scottschen Figur. 1831 schuf ein französischer Dichter eine ähnliche Figur, die gleich berühmt in der Literatur geworden ist: Quasimodo in Viktor Hugos Notre Dame de Paris. Zehn Jahre später überraschte Charles Dickens, der große Nachfolger Scotts auf dem Throne des Romanciers, die Leserwelt mit einer wiederum völlig eigenartig aufgefaßten und dargestellten Figur eines Kretins: dem koboldartigen Ungeheuer in Menschengestalt Daniel Quilp im »Raritätenladen«. Alle drei großen Dichter haben ihren seltsamen Gestalten besondere charakteristische Züge zu geben gewußt, und wer diese drei äußerlich einander so ähnlichen Charaktere nebeneinander stellt und prüft, vermag interessante und in das Wesen ihrer Schöpfer dringende Schlüsse zu tun.

Als zweite der »Erzählungen meines Wirtes« erschien »Der alte Sterblich«. Unter diesem Namen war im Süden Schottlands, besonders in jener Gegend, die durch den Aufstand und dessen Niederkämpfung verheert worden war, ein echtes schottisches Original allgemein bekannt. Die Erzählung spielt zu einer Zeit, die für Schottland schwere Not und furchtbares Elend mit sich brachte. Nicht lange nach der Wiedereinsetzung wollte Karl II., wie er es in England getan hatte, so auch in Schottland die Hochkirche einführen. Seine strengen Maßregeln brachten die Schotten, die eifrige Presbyterianer und Anhänger des Covenant waren, in heftige Erbitterung, und sie widersetzten sich mit harter Energie. Hunderte von Geistlichen wurden ihres Amtes entsetzt, durchzogen das Land und predigten gegen die englische Staatskirche. Nun zog der König mit den Waffen gegen die Rebellen und General Dalziel warf sie im Jahre 1666 nieder in der blutigen Schlacht bei den Hügeln von Pentland. Aber der Widerstand war damit noch nicht gebrochen, und im Jahre 1679 wurde John Graham von Claverhouse nach Schottland geschickt, der einen entscheidenden Sieg errang und nun die mörderischste Verfolgung ins Werk setzte, die je ein Land verheert hat. Der ganze Westen Schottlands wurde verwüstet. Eine kraftvolle Gestalt des Romans ist Cameron, der Gründer der nach ihm benannten Sekte »die Cameronier«, der im Beginn der sechziger Jahre voll Todesverachtung zündende Reden gegen des Königs eigene Person gehalten hat. Gleich interessant dargestellt ist der eifernde Presbyterianer Balfour von Burley. Markante Gestalten der Gegenpartei sind Claverhouse und der Dragoner Bothwell.

»Robin der Rote« ist der berüchtigte Bandenführer Robert Macgregor Campbell von Glengylle in der Grafschaft Perth. Das Leben dieses Mannes führt uns in das Grenzerleben früherer Jahrhunderte zurück, an das es lebhaft erinnert. Rob hatte von dem Herzog von Montrose eine seiner Auffassung nach ungerechte Behandlung erfahren und sein Besitztum Craijodstane war ihm weggenommen worden. Um Rache zu nehmen, sammelte er eine Bande bewaffneter Burschen um sich, mit der er sich in der Umgegend der herzoglichen Güter herumtrieb. Bei hellem Tage machte er Streifzüge in das Gebiet seines Todfeindes. Die Landbewohner waren auf seiner Seite und hatten ihn lieb. Sie warnten ihn daher stets rechtzeitig vor jeder ihm drohenden Gefahr, so daß es – so oft auch Abteilungen von Militär gegen ihn ausgesandt wurden – nie gelang, seiner habhaft zu werden. Ungestraft führte Robin der Rote dieses Räuberdasein bis zu seinem Tode 1740.

Es folgte eine zweite Reihe der »Erzählungen meines Wirtes«, deren erster Band »Das Herz von Midlothian« war. Dies ist eine schlichte, aber sehr ergreifende Erzählung, der ein wahres Geschehnis zugrunde liegt. Johann Deans ist niemand anders als die im Volksmunde berühmte Helene Walker. Die Schwester der Helene war wegen Kindesmordes zum Tode verurteilt worden und sollte hingerichtet werden. Helene faßte den Entschluß, durch Vermittelung des Herzogs von Argyle dem König ein Gnadengesuch zu überreichen, sie machte sich auf und ging zu Fuß nach London. Es wäre ihr möglich gewesen, durch eine Lüge ihrer Schwester das Leben zu retten, aber davon wollte das charaktervolle Mädchen nichts wissen. Sie erlangte denn auch ihren Zweck. Die Schwester wurde begnadigt und ist nachher die glückliche Frau eines wackeren Mannes geworden. 1791 ist Helene gestorben.

Die zweite Erzählung in dieser zweiten Reihe ist »Lucie Ashton, die Braut von Lammermoor«, eine düstere Familiengeschichte. Auch sie beruht auf wahren Begebenheiten, denn die Heldin ist nach der bekannten Johanna Dalrymple gezeichnet. Diese, die Tochter des Lord Stair, war heimlich mit Lord Rutherford, in der Erzählung Lord Ravenswood, verlobt. Die Eltern waren gegen diese Verbindung und zwangen das Mädchen, ein Verlöbnis mit einem anderen Manne einzugehen. Das Mädchen fügte sich anscheinend und die Hochzeit fand statt. Aber nun verfiel die Unglückliche in Wahnsinn, griff ihren jungen Gatten tätlich an, verwundete ihn schwer und starb selbst nach einigen Tagen. Ihr erster Bräutigam hatte England verlassen und man hat nie wieder etwas von ihm gehört.

Auch die dritte Erzählung, »Die Sage von Montrose«, ist düsteren Charakters. Ihr geschichtlicher Hintergrund ist der große schottische Aufstand unter Montrose, der aber selber nicht die Hauptfigur des Romans ist. Dies ist vielmehr Allan Mac Aulay, der mit der Fähigkeit des zweiten Gesichtes begabte Sohn einer in Wahnsinn verfallenen Mutter. Die »Kinder des Nebels« – ein schottisches Räubergeschlecht – hatten den Bruder dieser in glücklicher Ehe lebenden Frau getötet, waren in Abwesenheit ihres Gatten auf ihr Schloß gekommen und hatten zu essen und zu trinken begehrt. Während des Mahles hatten sie den noch blutigen Kopf des gemordeten Bruders ihrer Gastgeberin mitten auf den Tisch gelegt. Über diesen Anblick gerät die Frau in Irrsinn, flüchtet aus dem Schlosse und bleibt lange verschwunden. In diesem Zustande der Geistesstörung gebiert sie Allan. Später findet man sie und ihr Kind. Allan ist nun infolge der unglücklichen Umstände seiner Geburt ein düsterer, unheimlicher Charakter, der bei sehr scharfem Verstande Anfälle geistiger Verwirrung hat und unter dem Banne lebt, selber einmal eine blutige Tat verüben zu müssen, und zwar an einem, dem sein Herz zugetan ist. Die Kinder des Nebels haben auch das Schloß eines Duncan von Campbell verwüstet und seine Kinder gemordet bis auf ein kleines Mädchen, das sie mit sich nahmen. Auf einem der blutigen Rachezüge der Mac Aulays gegen die Kinder des Nebels ist dieses Mädchen von den Aulays mitgenommen worden und ist nun unter dem Namen Annot Lyle bei ihnen aufgewachsen. Allan liebt sie, aber er hat einen glücklicheren Nebenbuhler, Lord Menteith, der dem Mädchen, von dem er sich geliebt weiß, nur deswegen nicht seine Liebe erklärt, weil er sie für ein Kind unbekannter, vielleicht verworfener Herkunft hält und als solches nicht zu seiner Frau machen kann. Aber das Geheimnis ihrer Geburt wird durch Ranald Mac Cagh, einen Sohn des Nebels und den Anführer jenes Raubzuges gegen Duncan, aufgedeckt, und Lord Menteith läßt sich mit Annot trauen. Am Tage der Trauung erscheint Allan Mac Aulay, fordert Menteith zum Zweikampfe auf und stößt ihm, als er sich weigert, den Dolch in die Brust. Dann flieht er und bleibt verschollen. Menteith wird geheilt und genießt noch lange Jahre des Glückes an der Seite seiner jungen Gattin. Neben den genannten Figuren ragt noch hervor die historische Gestalt des Herzogs von Argyle, von dem man auch sagen kann: »Durch der Parteien Gunst und Haß verwirrt, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte.« Eine sehr glückliche Gestalt, die aber vielleicht im Vergleich zu anderen wichtigeren mit zu großer Vorliebe ausgearbeitet worden ist, ist die prachtvolle, humoristische Landsknechtsfigur des Major Dugald Dalgetty von Drumthwacket.

Die bisher genannten Romane spielen in Schottland. »Ivanhoe« ist der erste, der auf rein englischem Boden und obendrein in sagenhafter Zeit spielt, nämlich gegen Ende des 12. Jahrhunderts. Die Hauptfigur ist Richard I. Löwenherz, der nach langer Gefangenschaft in Palästina in sein Land zurückkehrte. Wie er nun gegen die verlotterte Ritterschaft auftritt, wie er gegen seinen Bruder John, der sich bereits als König aufspielt, zu Felde zieht – das alles ist wunderbar anschaulich und höchst spannend geschildert. Wir sind Zeuge der allmählich sich vollziehenden Aussöhnung des Angelsachsentums mit dem Normannentum, dem es lange Zeit feindselig gegenüber gestanden hatte. Die volkstümliche Gestalt des Robin Hood, seines Bruders Tuk und andere Spießgesellen Hoods treten in dem Roman auf. Auch die hineinverflochtene Episode des Juden Isaak von York und seiner Tochter Rebekka ist im höchsten Grade ergreifend. All diese Vorzüge haben dieses Werk zu einem der beliebtesten und am meisten gelesenen des Dichters gemacht. Es ist mehrfach zu Jugenderzählungen verarbeitet worden, und noch heute gehört es zu den Zierden jeder Bibliothek und zur empfehlenswertesten Lektüre für jedermann.

Der Roman »Das Kloster« spielt in der Abtei Melrose, der Scott schon in seinem »Liede des letzten fahrenden Sängers« eine berühmt gewordene poetische Beschreibung gewidmet hatte. Auch der Turm von Smailholm wird zum Schauplatz der spannenden Handlung erkoren. Die Zeit des Beginns der Reformation und der Kampf des Protestantismus gegen den Katholizismus bildet den historischen Hintergrund. Scott hat hier versucht, das Märchenhafte und das Historische miteinander in Einklang zu bringen. Das Märchenhafte tritt in der geisterhaften weißen Dame von Avenel in Erscheinung, die öfters gespenstisch auftaucht und das Schicksal der handelnden Personen beeinflußt. Aber diese Verflechtung des Geisterhaften in ein historisches Gemälde – das auf dem Kontinent in Grillparzers »Ahnfrau« (1817) so großen Erfolg gehabt hatte – gefiel in England nicht, und Scott gab in der folgenden Erzählung der »Abt« diese Neuerung wieder auf. Der »Abt« spinnt die Begebenheiten des »Klosters« zum großen Teil weiter und kann als Fortsetzung dieses Romans gelten. Den geschichtlichen Vorwurf bildet die Vergangenheit der Maria Stuart und ihre Flucht aus dem Schlosse Lochleven.

Der Roman »Kenilworth« spielt am Hofe der Königin Elisabeth. Robert Dudley, Graf von Leicester, den Scott hier, einer alten Volksüberlieferung gemäß, als Verbrecher zeichnet, opfert seine Gemahlin Amy Robsad seinem Ehrgeiz auf und ermordet sie. Die Figur der Amy ist eine der schönsten Frauengestalten, die ein Dichter je geschaffen. Leicester trachtet nach der Hand der Königin selber, die Scott als Schotte in weit weniger günstigem Lichte hinstellt, als es wohl ein Engländer gewagt hätte. Sein Charakter ist mit scharfen Strichen hingestellt und gleichfalls eine Meisterleistung der Charakterisierung. Ebenso vortrefflich sind die Nebengestalten, unter denen der dämonische Barney und der gutherzige Tressilian hervorragen. Das Schloß Kenilworth steht noch heute in romantischen Trümmern, und alljährlich pilgern Reisende dorthin. »Kenilworth« ist gleichfalls einer der allerbesten Romane Scotts und erfreut sich in aller Welt, wo gelesen wird, hoher Beliebtheit.

Gar keinen Vergleich mit diesen Meisterwerken vermag das nächste auszuhalten: »Der Pirat«. Zwar sind Udaller und die Seinen lebenswahr und packend dargestellt, aber die Erzählung, die in ihren einzelnen Teilen an störender Zusammenhangslosigkeit krankt, ist voller Unwahrscheinlichkeiten und Flüchtigkeiten, und man erkennt in ihm eine jener Geschichten, bei denen die Überarbeitung des Verfassers auffallend ans Licht tritt und sein Genie nicht über die Flüchtigkeit hinwegzuhelfen vermag, sondern unter der Vielschreiberei gelitten zu haben scheint.

»Nigels Schicksale« führt uns an den Hof König Jakobs I. und gibt uns ein prachtvolles Bild des damaligen Lebens, das in der ganzen englischen Literatur unerreicht dasteht. Zu derartiger Höhe der Darstellungskunst großer vielgestaltiger Gemälde ist selbst ein Zola, ein Victor Hugo nicht gelangt. Die Gestalten des Königs und anderer geschichtlicher Persönlichkeiten sind ausgezeichnet, während man an den frei erfundenen Personen manche von Scotts schriftstellerischen Schwächen nachzuweisen vermöchte.

In der Zeit der großen Revolution, der Restauration und der papistischen Umtriebe unter Karl II. spielt der Roman »Peveril vom Gipfel«. Der erste Teil schildert die Schicksale des Barons Peveril, des puritanischen Majors Bridgeworth und ihrer Frauen, im zweiten Teil geht die Handlung auf die Kinder über, Julian Peveril und Alice Bridgeworth. Alice kommt an den Hof Karls II., und wir lernen nun hier den Grafen von Buckingham und die charaktervolle Gräfin von Derby kennen. Das zügellose Hofleben und die verrottete Gesellschaft der damaligen Zeit werden hier in meisterhafter Lebenswahrheit dargestellt.

Der Roman »Quentin Durward« spielt in Frankreich, wo der Schotte Durward unter Ludwig XI. sein Glück zu machen sucht. Die Handlung baut sich auf dem historischen Boden der Kämpfe zwischen Ludwig XI. von Frankreich und Karl dem Kühnen von Burgund auf. Der Stoff ist aus alten Chroniken geschöpft, die geschichtlichen Personen sind ausgezeichnet dargestellt, das ganze Werk streitet mit den besten Romanen Walter Scotts um die Palme. Gleich Ivanhoe und Kenilworth, gleich der Braut von Lammermoor und Waverley zählt es zu den am meisten gelesenen, und man darf Johannes Scherr wohl glauben, wenn er sagt: »Es ist eine der frühesten Erinnerungen meiner Knabenjahre, daß ich in den »Kunkelstuben« meiner dörflichen Heimat von den jungen Leuten abwechselnd Scotts Kreuzfahrer und Quentin Durward vorlesen hörte.«

»St. Ronans-Brunnen« erregte großes Aufsehen – es war ein Werk besonderer Gattung und läßt sich als Sittenroman der modernen Zeit bezeichnen – während »Redgauntlet« wieder zur Historie zurückkehrt. Dieses Werk ist gleichfalls den vorzüglichsten seines Verfassers zuzuzählen: der geschichtliche Hintergrund sind die Jahre des Niedergangs des Hauses Stuart. Dem Advokaten Squnders Hairford hat der Dichter große Ähnlichkeit mit seinem Vater verliehen.

Die »Kreuzfahrer-Erzählungen« enthalten die beiden Romane »Die Verlobte« und »Der Talisman«: der erstere fand wenig Anklang, um so mehr der zweite, der abermals Richard Löwenherz zur Hauptperson hat. Dieser englische Nationalheld wird uns hier im Morgenlande gezeigt, und den ganzen Zauber orientalischer Romantik hat der Dichter um seine Gestalt gewoben. Die Naturschilderungen sind, obgleich Scott nie den Orient bereist hat, mit bewundernswerter Phantasie entworfen, wenn auch nicht mit der unerreichten Treue, mit der Scott seine Heimat uns vor Augen stellt.

Der folgende Roman »Woodstock« ist bereits unter der drückenden Last des über den Dichter hereingebrochenen Unglücks geschrieben, aber seltsamerweise tragen die Personen hier weit mehr humorvolle Züge, als in den meisten anderen Romanen. Die Zeit ist dieselbe wie in »Peveril vom Gipfel« – die Zeit der großen Revolution und vor allem das Jahr der Hinrichtung Karls I. 1649. Flora Macdonald, die durch ihre Umsicht dem Prinzen Karl die Flucht ermöglicht, spielt eine Rolle. Abgesehen von den humorvolleren Schattierungen, macht sich aber hier bereits ein leises Nachlassen der dichterischen Schaffenskraft bemerkbar. Freilich mußte auch selbst eine so unerschöpfliche Fabulierungsgabe wie die Walter Scotts allmählich auf Schwierigkeiten stoßen, immer wieder neue interessante Stoffe zu finden.

Es folgte wieder eine Serie von Erzählungen unter dem Titel »Die Chronik von Canongate«, bald größeren, bald kleineren Umfangs, wie »Die zwei Viehtreiber« (Hochländer-Ehre), »Der Zauberspiegel«, »Das tapezierte Zimmer« (Eine Schreckensnacht) einbegriffen waren. Das erste größere Werk dieser Serie war die »Hochlands-Hexe«, ein ergreifendes Drama, in welchem Mutterliebe und Vaterlandsliebe in wilden Konflikt geraten. Der Sohn der Witwe, der sich unter die von England geworbenen hochländischen Regimenter hat anwerben lassen, wird von der Mutter aus Haß gegen England in den Tod gejagt.

Darauf folgte »Die Tochter des Wundarztes« (in der vorliegenden Ausgabe unter dem Titel »Ein Kind der Sünde« in Band 5) eine seltsam aufgebaute Erzählung, die die meisterhafte Fabulierungskunst ihres Verfassers, aber auch die Überspannung seiner Arbeitskraft deutlich erkennen läßt. Sie führt uns nach dem Märchenlande Indien, das damals im Höhepunkt des Interesses stand. Der Charakter des Richard Middlemas – des unglücklichen Kindes einer verführten Mutter – und die Gestalt seines Nebenbuhlers Hartley sind trefflich gezeichnet. Die Tochter des Arztes Gray, die von Middlemas, ihrem Bräutigam, der im Hause ihres Vaters unter geheimnisvollen Umständen vier Jahre vor ihr geboren und dort erzogen worden ist, nach Indien gelockt, aber von Hartley gerettet wird, ist eine treffliche Frauengestalt – an denen Scotts Romane ja überhaupt reich sind. Die Erzählung zeichnet sich durch spannende Entwicklung, ergreifende Szenen und prachtvolle Schilderung aus.

Als zweite Reihe der »Chronik von Canongate« erschien »Die schöne Maid von Perth«. Diesem Roman liegt wiederum eine historische Begebenheit zugrunde. Dreißig Mann vom Clan Hattam sollen, um eine alte Fehde zum Austrag zu bringen, gegen dreißig Mann vom Clan Kay vor den Augen des Königs kämpfen. Einer unter diesen Kämpfern ist geflüchtet, und ein junger Bürgerssohn von Perth ist für ihn eingetreten. In diese historische Episode spielt die Liebesgeschichte zwischen diesem Helden der Erzählung und der schönen Katharina, der Heldin, hinein.

»Anna von Geierstein« spielt wieder auf dem Kontinent, und zwar in der Schweiz – auch einem Lande, das der Dichter nie gesehen hatte. Die Kämpfe der Schweizer gegen die Österreicher und Burgunder interessierten den Dichter, er fand in ihnen offenbar einen Zug der Ähnlichkeit mit den schottischen Grenzerkriegen. Der Roman hat daher auch in der Schweiz großen Beifall gefunden.

Den Schluß von Scotts Tätigkeit bildete eine neue Serie der »Erzählungen meines Wirtes«: »Graf Robert von Paris« und »Schloß Douglas am Blutsumpf«. Der erstere Roman spielt in entlegenem Lande und in ferner Zeit, nämlich in Byzanz während des ersten Kreuzzuges. Der zweite Roman, der letzte, den Scott überhaupt geschrieben hat, spielt wieder in seiner Heimat, um das Schloß und sonstige Besitztum des ältesten aller Adelsgeschlechter, der Grafen Dhu Glas (oder, wie der Name zumeist geschrieben wird, Douglas). Einer der bedeutendsten und interessantesten Grafen Douglas, der erste des Beinamens Sholto, tritt hier in Gegensatz zu einer kraftvollen angelsächsischen Ritterfigur. Der Ringkampf beider Helden und Vertreter zweier in Blutfehde lebenden Grenzvölker wird freundlich aufgehellt durch die aus Liebe und unter Geleit eines fahrenden Sängers in das Kriegslager ziehende jugendliche Heldin aus altsächsischem Blute.


In diesen Werken ist die phänomenale Arbeit eines Riesen des Geistes niedergelegt. Man staunt über die große Fruchtbarkeit, wie sie nur wenig Dichtern beschieden gewesen ist. Der Reichtum an Stoffen, an spannenden Handlungen und Episoden ist großartig, der Reichtum an Charakteren ist großartig. Wenn man all diese Gestalten an sich vorüberziehen ließe, würde man eine Welt für sich haben, belebt von einer bunten Menge der verschiedensten Erscheinungen, vom Fürsten bis herab zum Strauchdieb, vom reichen Edelherrn bis herab zum verworfensten Bettler. Die meisten dieser Romane können vor der Kritik ehrenvoll bestehen, und mehrere unter ihnen sind derart hochstehende Meisterwerke, daß sie ihrem Verfasser einen dauernden Ehrenplatz in der Literatur aller Zeiten und Völker zuweisen. Neben diesem dichterischen Wert steht der historische Wert, der so bedeutend ist, daß ein so ernster und unbestechlicher Geschichtsforscher wie Schlosser sich veranlaßt gesehen hat, die Romane Walter Scotts unter die Quellen der englischen und schottischen Geschichte einzureihen.

Es ist von Interesse, diesem geistigen Bilde Walter Scotts eine Beschreibung seines Wesens als Mensch und seiner äußeren Erscheinung anzuhängen. Karl Elze entwirft in seiner Biographie ein treffliches Bild, und wir tun am besten, ihn als Autorität wörtlich zu zitieren:

»In seinem Privatleben bietet Scott durchaus ein Bild biederer und ritterlicher Männlichkeit dar. Pflichttreue und Wohlwollen zeichneten ihn in allen Verhältnissen des Familienlebens, als Sohn, Bruder, Gatte und Vater aus, wenngleich wir nur in dem Verhalten zu seiner Mutter, seiner ältesten Tochter und seinem ältesten Sohne eine tiefere Innigkeit zu entdecken vermögen. Wie er sich die ungeteilte Hochachtung und Liebe seiner Freunde, seiner Untergebenen wie seiner Mitmenschen überhaupt erworben hatte, haben wir zur Genüge kennen gelernt. Sein Umgang trug im Einklang mit seinen Ansichten über Schriftstellerei keinen literarischen Charakter, vielmehr zog er die aristokratischen und die praktischen Kreise des bürgerlichen Lebens vor. Von seiner Unterhaltung waren nicht nur seine eigenen Schriften ausgeschlossen, sondern er machte die Literatur nur ausnahmsweise zum Gegenstande derselben. Auch über Wissenschaft und Politik liebte oder verstand er sich nicht zu unterhalten. Daher mochte es auch kommen, daß seine Unterhaltung in gewissen Kreisen Edinburgs für alltäglich galt. Die Sentenzenarmut, die Carlyle seinen Schriften vorgeworfen hat, erstreckte sich auch auf sein Gespräch; auch hierin war er nicht reflektierend. Es gibt daher keine Tischreden von ihm, wie von Dr. Johnson oder Coleridge. Auch sind keine witzigen Einfälle von ihm berühmt geworden. Scott war der Ansicht, die höhere Art des Genies sei dem Talente der Unterhaltung nicht günstig. Der Charakter seiner Unterhaltung war, um ihn mit einem Wort zu bezeichnen, episch-antiquarisch, also vollständig im Einklang mit seiner Poesie und seinem innersten Wesen. Er war unerschöpflich und unnachahmlich im Anekdotenerzählen. Eine Geschichte rief immer die andere hervor, und Ballade folgte auf Ballade in endloser Folge. Hundert Federn, sagt Kapitän Basil Hall, können die Anekdoten nicht aufschreiben, welche Scott unaufhörlich »ausströmte «. Er konnte den Mund nicht öffnen, ohne daß eine Anekdote herauskam. Er war der König aller Geschichtenerzähler und verstand auch das Gewöhnlichste in einen Diamant zu verwandeln. Das Merkwürdigste und Liebenswürdigste dabei war, daß darin nicht das mindeste Gemachte, sondern alles durchaus natürlich war, und daß er sich niemals vordrängte oder gar die Unterhaltung an sich riß. Auch Scotts Briefwechsel ist selten literarischen Inhalts, sondern besteht meist aus gutmütiger, freundschaftlicher und scherzhafter Plauderei, soweit er nicht geschäftlicher Natur ist.

»Auch in Scotts äußerer Erscheinung glauben wir den sächsischen Typus deutlich zu erkennen. Er maß über sechs englische Fuß, war breitschultrig, fast herkulisch gebaut und besaß eine wahrhaft eiserne Muskulatur. Trotz seiner Lahmheit galt von ihm der Spruch: eine gesunde Seele in einem gesunden Leibe. Carlyle bezeichnet Scott ganz richtig als einen der gesündesten Menschen. Sein ganzes Wesen war in leiblicher und geistiger Hinsicht ein Muster von Gesundheit; nichts an ihm war krankhaft. Als Jüngling war er imstande, mit seinen langen Armen einen Amboß aufzuheben, doch, wie er selbst sagt, nur des Morgens vor dem Frühstück. Wir wissen, daß auch sein Geist in der Morgenstunde am kräftigsten war. Seine Hände, sagt er, seien fast die größten in Schottland, und wenn es Siebenmeilen-Handschuhe gäbe, so dürften sie dem Gegenstände am angemessensten sein. Seine Gesichtszüge beschreibt Miss Seward mit folgenden Worten: Weder die Konturen seines Gesichts noch seine Züge sind fein; seine Farbe ist gesund und einigermaßen blond ohne Röte. Wir finden bei ihm die Seltenheit braunen Haares und brauner Wimpern bei flachsfarbenen Augenbrauen, sowie einen offenen, geistvollen und wohlwollenden Ausdruck. – Nach Cunningham war seine Farbe allerdings frisch und rötlich. Das Haar war sehr weich und wurde später ganz weiß. Seine Augen waren klein und hellgrau, und die Brauen außerordentlich buschig. Die Oberlippe war zu lang, als daß der Mund hätte schön sein können. Die Nase war stumpf und das Kinn im Verhältnis zu klein. Alle Angaben stimmen darin überein, daß seine Züge etwas Kräftiges und Entschlossenes, zugleich aber auch etwas Gewöhnliches und Grobes hatten und in keiner Weise den Dichter verrieten; ebenso übereinstimmend sind sie darin, dass eine merkwürdige Veränderung mit dem Gesichte vorging, wenn es sich belebte, und daß alsdann Scotts Züge wie seine Stimme außerordentlich lebhaft und ausdrucksvoll waren. Seine Augen hatten dann eine geheimnisvolle Tiefe. In seinem Jünglingsalter und der Blüte seiner Mannesjahre war der Ausdruck seines Gesichtes viel öfter heiter als nachdenklich. Der Sonnenschein des Humors erleuchtete dann das ganze Gesicht. Oft nahm Scott eine außerordentlich komische Miene an, wobei die zahlreichen Linien um seine Augen tätig mitwirkten, und die Augen sich ebenso weit von unten wie von oben schlossen. Eine besonders charakteristische Äußerung seines befriedigten Gemüts war sein Lachen, von welchem Mr. Adolphus eine ausführliche Beschreibung gegeben hat. »Niemand,« sagt er, »machte wohl alle Steigerungen des Lachens mit so vollkommenem Genusse und einem so strahlenden Gesichte durch. Das erste Aufsteigen eines launigen Gedankens pflegte sich öfters, wenn er stillschweigend dasaß, durch eine unwillkürliche Verlängerung der Oberlippe zu äußern, begleitet von einem scheuen, unbeschreiblich komischen Seitenblick auf seine Nachbarn, welcher in ihren Blicken zu lesen schien, ob der Funke der Lustigkeit unterdrückt werden solle oder zur Flamme werden dürfe. In der vollen Flut der Fröhlichkeit lachte er in der Tat wie Walpole das Lachen des Herzens, allein es war nicht lärmend oder überwältigend, noch hemmte es den Strom seiner Rede; er konnte fortfahren zu erzählen und sich zu unterhalten, während seine Lungen »krähten wie der Hahn«, wobei die Silben in dem Kampfe immer emphatischer, sein Akzent immer schottischer und seine Stimme im Übermaß der Lustigkeit klagend wurde.«

»Der auffallendste Teil in Scotts Erscheinung war die Form seines Kopfes, welcher von den Augenbrauen fast kegelförmig aufwärtsstieg. Das Gesicht von den Augen abwärts maß nach Allan volle anderthalb Zoll weniger, als die Schädelhöhe oberhalb der Augen. Diese Höhe des Schädels macht den Eindruck, als ob da oben, über den niederen Geistestätigkeiten, ein besonders großer Raum für ein freies und erhabenes Gedankenspiel gewesen wäre. Scott verdankte dieser Kopfform einen von ihm selbst und von seiner Familie in Gebrauch genommenen Beinamen. Kurz nach Erscheinen des »Peveril vom Gipfel« ging er eines Morgens in der Halle des Parlamentshauses auf eine Gruppe jüngerer Advokaten zu, deren Mittelpunkt der seines stets schlagfertigen Witzes wegen bekannte Patrick Robertson bildete. »Still, Jungen,« flüsterte dieser seinen Genossen zu, »still, dort kommt Peveril, ich sehe schon den Gipfel.« Ein schallendes Gelächter folgte, und seitdem wurde Scott scherzweise Peveril oder der alte Peveril genannt.«

* * *

Über Walter Scotts Bedeutung als Dichter geben die folgenden Urteile aus der Weltliteratur ein vollständiges und umfassendes Bild:

Goethe: Walter Scott ist ein großes Talent, das nicht seinesgleichen hat, und man darf sich billig nicht verwundern, daß er auf die ganze Lesewelt so außerordentliche Wirkungen hervorbringt. Er gibt mir viel zu denken, und ich entdecke in ihm eine ganz neue Kunst, die ihre eigenen Gesetze hat.

Man liest viel zu viel geringe Sachen, womit man die Zeit verdirbt und wovon man weiter nichts hat. Man sollte eigentlich nur das lesen, was man bewundert, wie ich in meiner Jugend tat und wie ich es nun an Walter Scott erfahre. Ich habe jetzt den Rob Roy angefangen und will so seine besten Romane hintereinander durchlesen. Da ist freilich alles groß, Stoff, Gehalt, Charaktere, Behandlung, und dann der unendliche Fleiß in den Vorstudien, sowie in der Ausführung die große Wahrheit des Details! Man sieht aber, was die englische Geschichte ist und was es sagen will, wenn einem tüchtigen Poeten eine solche Erbschaft zuteil wird.

Überall finden Sie bei Walter Scott die große Sicherheit und Gründlichkeit in der Zeichnung, die aus seiner umfassenden Kenntnis der realen Welt hervorgeht, wozu er durch lebenslängliche Studien und Beobachtungen und ein tägliches Durchsprechen der wichtigsten Verhältnisse gelangt ist. Und nun sein großes Talent und sein umfassendes Wesen! Sie erinnern sich des englischen Kritikers, der die Poeten mit menschlichen Sängerstimmen vergleicht, wo einigen nur wenig gute Töne zu Gebote ständen, während andre den höchsten Umfang von Tiefe und Höhe in vollkommener Gewalt hätten. Dieser letztern Art ist Walter Scott.

 

Lord Byron:

Schottland, sei stolz darauf, daß er dein Sohn,
Dein Beifall sei sein erster, schönster Lohn!
Doch nicht mit dir nur soll sein Name leben,
Hoch über Welten mög er sich erheben!
Fällt Albion, so wird in ihm man lesen,
Was dieses Land in frührer Zeit gewesen;
Durch ihn wird dann noch Schottlands Ruhm erschallen,
Wenn es vielleicht in Trümmer schon zerfallen.

Scott ist ohne Frage der wundervollste Schriftsteller unsrer Zeit. Seine Romane sind eine neue Literatur in sich und seine poetischen Werke halten jeden Vergleich aus. Ich mag ihn gern wegen seines männlichen Charakters, der außerordentlichen Liebenswürdigkeit seines Umgangs und seiner Gutmütigkeit, besonders gegen mich persönlich. Möge ihm alles gedeihen – denn er verdient es. Ich kenne keine schriftstellerischen Werke, über die ich mit solchem Ungestüm herfalle, wie über ein Werk Walter Scotts.

 

Charles Dickens: Ich habe nie von irgend einem meiner eignen Charaktere geträumt, und mir kommt dies so unmöglich vor, daß ich wetten möchte, auch Scott hat nie von den seinen geträumt, so lebenswahr sie auch sind.

»Die Sage von Montrose« und »Kenilworth« habe ich eben mit dem größten Genuß gelesen, und ich denke, alle Welt muß gleich hohe Freude darüber empfinden.

 

Karl Elze: Shakespeare mag überhaupt nach dem, was wir wissen, in seinen Ansichten über den Wert der Literatur mehrfach mit Scott übereingestimmt haben. Eine natürliche Folge dieser Anschauungsweise war es, daß Scott nicht recht an poetische Unsterblichkeit glauben wollte und sogar einmal meinte, die von ihm gepflanzten Eichen würden seine Lorbeeren überdauern. Ob seine Eichen noch stehen, wissen wir nicht, das aber läßt sich jetzt prophezeien, ohne daß man fürchten muß, von der Zukunft Lügen gestraft zu werden, daß er nicht den Eichen, sondern gerade der von ihm gering geschätzten Schriftstellerei seine Unsterblichkeit verdanken wird.

 

Grillparzer: Walter Scotts Poesie ist eine Wahrnehmungspoesie, im Gegensatz zu der Anschauungspoesie. Man ist soweit gegangen, Walter Scott mit Shakespeare zu vergleichen, ja wohl gar zusammenzustellen. Etwas Verrückteres läßt sich wohl nicht leicht denken! Gerade das, worin man sie verwandt finden will: die Charakteristik, begründet die ungeheuerste Verschiedenheit. Alle Charaktere Shakespeares haben das bestimmteste Leben; durch eine geniale Anschauungsgabe, einen Blick in die innerste Werkstätte der menschlichen Natur aufgefaßt, entwickeln sie sich mit einem eigentümlichen Organismus, sie sind da; selbst ihre scheinbaren Widersprüche gleichen sie durch die siegende Beweiskraft der Existenz aus. Shakespeare gab seinen Personen keine Charaktere, sie stellten sich ihm schon mit einem vollständigen Charakter begabt vor. Scott macht Charaktere: manchmal mit mehr, manchmal mit weniger Geschick; immer will er vorher, eh er schafft, und seine gelungensten Züge können die Absicht nie verleugnen. Er ist ein scharfer Beobachter; was er beobachtet hat, weiß er lebhaft und gewandt hinzustellen, aber jede seiner Personen ist, genau betrachtet, eine Mehrheit von Zügen, die erst ein ordnender Verstand zur Einheit gebracht hat, indes bei Shakespeare alles aus der Einheit der innern Anschauung hervorgeht und aus dieser erst die Mannigfaltigkeit der oft scheinbar widersprechenden Eigentümlichkeiten hervorgeht. Was man durch Welt- und Menschenkenntnis, durch Studium der Geschichte und Psychologie, durch Beobachtungsgeist und Scharfsinn erlangen kann, hat Scott alles, und er sei gepriesen um deswillen!

Was die Anordnung der Fabel betrifft, so sind mir die Details darüber nicht so gegenwärtig, da ich leicht vergesse, was ich ohne besonderen Anteil lese. Meistens scheinen aber die Begebenheiten interessant zu sein (wobei freilich nicht entschieden wird, ob sie diesen Vorzug der Erfindungskraft des Verfassers oder der Treue des Chronisten verdanken, aus dem sie genommen sind). Die Verknüpfung derselben ermangelt selten der Konsequenz.

Die Wahrheit der Darstellung nun ist beinahe durchgehends sehr groß, und hierin liegt eigentlich das Hauptverdienst des Verfassers und der Hauptgrund seiner Wirkung auf das Publikum. Seine Schilderungen aller Art sind unübertrefflich.

 

Schopenhauer: Walter Sott, dieser große Kenner und Maler des menschlichen Herzens und seiner geheimsten Regungen! Walter Scott, in seinen »Erzählungen meines Wirtes«, schildert Szenen, die zwischen den verworfensten und scheußlichsten Straßenräubern in ihren Schlupfwinkeln vorgehen, mit einer Wahrheit und Lebendigkeit, die uns beim Lesen bis zur Angst bewegt, indem wir das Richtige und Treffende davon empfinden; und doch hat weder er, noch wir je dergleichen gesehen.

 

G. Brandes: Wenden wir uns zu einem besseren Manne, zu dem Dichter, der die eigentümliche britische Romantik auf dem Grunde der Volksnatur und Geschichte gestaltete, der nicht wie die Männer der Seeschule sich zum Renegaten machen mußte, um in religiöser und politischer Hinsicht konservativ zu werden, sondern der es ohne Haß oder Groll gegen die Geister der entgegengesetzten Richtung war, rein und ruhig von Naturell, edel und fest von Charakter, poetisch so übersprudelnd reich begabt, daß er länger als zwanzig Jahre hindurch alle Länder Europas mit einer gesunden und unterhaltenden Lektüre versorgte, und so tief und originell in seinen Anschauungen über Menschenrassen und Weltgeschichte, daß sein Einfluß auf die europäische Geschichtsschreibung nicht geringer ward als sein Einfluß auf die Romandichtung in allen zivilisierten Ländern. –

Walter Scott, ist doch der eigentliche Entdecker und Durchführer jener Lokalfarbe in der Dichtung, welche die Grundlage für die ganze Poesie des Romantismus in Frankreich wurde. Und nicht genug, daß er durch seinen historischen Sinn der Wegweiser einer ganzen Dichterschule ward, übte er auch durch seine anspruchslosen Romane den größten Einfluß auf die Geschichtsschreibung des neuen Jahrhunderts aus. Man darf nicht vergessen, daß Walter Scotts Ivanhoe Augustin Thierry auf den Gedanken brachte, hinter den Taten Chlodwigs, Karls des Großen und Hugo Capets den Rassenkampf zwischen Normannen und Sachsen und die Spuren einer französischen Eroberung als die wahren Ursachen der Ereignisse zu suchen. Dieser Dichter, dessen Blick für das Seelenleben der einzelnen Menschen nicht tief war, und welcher der modernen individualistischen Zeit gegenüber auf mancherlei Weise durch nationale, monarchistische und religiöse Vorurteile gebunden und befangen erschien, besaß kraft seines gewaltigen Naturalismus, sobald er die Menschen als Clan, als Volk, als Stamm oder Rasse vor sich sah, den schärfsten Entdeckerblick für die Natursubstanz in ihnen. Er, welcher gewohnt war, stets an den Gegensatz zwischen Schotten und Engländer zu denken, fand leicht und wie durch eine plötzliche Inspiration die Bedeutung des Rassengegensatzes zwischen Angelsachsen und Normannen, und seine Schilderungen erhielten dadurch ebenso große Bedeutung für die Völkerpsychologie, wie die Schilderungen Byrons für die Schilderungen des Einzelnen.

Joh. Scherr: Man hat Scott den Dichter des Adels genannt, und insofern nicht mit Unrecht, als er mittels seiner hinreißenden Erzählungsgabe der Romantik der Feudalwelt eine außerordentliche Popularität zu verschaffen verstand; allein weit entfernt, sich auf einen Stand zu beschränken, hat er alle Stände und Klassen mit objektiver Meisterschaft in dramatische Beziehung zu einander gesetzt, nicht als Stände wohlverstanden, sondern als Individuen, denn seine Figuren sind nicht nach einem Schema zugeschnitten, sondern frisch aus der Geschichte und dem Leben gegriffen, und daher die Masse origineller Charaktere, die er uns vorführt. Man könnte Scott ohne Anstand auch den Dichter des Volkes nennen, denn kein Dichter hat mit solcher Vollendung wie er die im Volke lebende wirkliche Kraft, Verständigkeit und Treue gezeichnet. –

Scott ist ohne Frage für den eigentlichen Begründer des historischen Romans anzusehen. Es gab zwar vor ihm Versuche in dieser Gattung, aber es waren eben Versuche, und zwar mißlungene, geblieben. Scott war der erste, welcher die Poesie der Geschichte in ihrer ganzen Macht und Größe aufzeigte und das poetische Bedürfnis mit dem pragmatischen Sinne der neuen Zeit aufs glücklichste vermittelte. Über den ästhetischen Wert des historischen Romans hat man viel gestritten, aber die gebildete Gesellschaft des Erdkreises hat über diese Frage ein für allemal entschieden. Scotts Romane besitzen in unvergleichlichem Grade – abgesehen von ihrer anerkannten historischen Treue der Sittenschilderung, ihrer vollendeten Kunst der Charakteristik, ihrer sittlichen Hoheit – die Eigenschaft, auf alle Bildungsstufen gleich anziehend und befriedigend zu wirken, so daß sie, während sich die Aristokratie Europas daran entzückte, mit gleichem Entzücken auch in der Blockhütte der amerikanischen Hinterwäldler und im deutschen Bauernhause gelesen wurden.

Karl Bleibtreu: Scott ist der Gründer des historischen Romans. Er war der erste, der die gewaltige Poesie der Geschichte urbar machte. Allerdings sind nur Kostüme und Äußerlichkeiten leidlich echt; Handlungen und Gefühle sind oft unhistorisch modern zugestutzt, wenn auch äußerlich die Redeweise entlegener Zeiten richtig getroffen scheint. Obschon uns Scott in alle möglichen Länder und Zeiten führt, ist der Kreis, in welchem er sich bewegt, in Wirklichkeit nicht groß. Mit dem hellen und achtsamen Auge eines fabulierenden Waidmanns ritt er in ebenmäßigem Trott über seine Grampians dahin, in patriarchalischem Behagen den Dingen seiner Heimat ins Herz schauend und mit der derben Bildlichkeit eines frischen Naturkindes, wie der alte Homer es war, sie gestaltend. Und in diesem höheren Sinne kann man auch von Scott sagen – wie von den eigentlichen Genies, zu denen er nicht gehört – daß er nur dichtete, was er selbst empfunden und durch lebendig in ihm fortwirkende Tradition selbst erlebt. Wohl sind diese bunten Mären nicht mit der unwiderstehlichen Nötigung der durch persönliche Anlässe befruchteten Triebkraft aus Weh und Jubel der eigenen Seele geboren. Aber so verwachsen fühlte sich Scott mit den Denkmalen und Überlieferungen seiner Heimat, unter welchen er beschaulich wie ein Antiquar in seinem Museum saß, daß ihm alle historischen Vorfälle in seiner Heimat ein Selbstgeschautes wurden.

Deswegen sind auch die eigentlichen schottischen Romane Scotts diejenigen, in welchen sich seine soliden Vorzüge entfalten. Und unter diesen stehen wieder weitaus diejenigen am höchsten, in denen eine nicht zu fern gelegene oder sogar nahe liegende Zeit geschildert wird.

Es ist ferner mit besonderem Nachdruck hervorzuheben, daß Scott auch der Schöpfer des modernen englischen Gesellschaftsromans geworden ist, indem er zuerst das bürgerliche Leben in treuherziger Breite darstellte und alle Gesellschaftsklassen in den Kreis seiner Gemälde zog. In der Tat, wenn wir die Fülle der von ihm geschaffenen Charaktere überschauen, so können wir nicht in Abrede stellen, daß – »Shakespeare allein ausgenommen« – kein Schriftsteller das menschliche Leben so umfassend darzustellen versuchte.

Ferner sei noch darauf hingewiesen, daß Scott die Gabe besaß, große politische Verhältnisse in anschaulicher Form zu entwickeln – worin er ebenfalls ohne Vorgänger dasteht und eine sehr gesunde Reaktion sowohl gegen das Ifflandsche Niederländern als gegen die erotische Idyllik der landläufigen Damenliteratur bildete. Nur Schiller, Kleist, Grabbe, Alexis, sowie einige Ansätze de Vignys sind gleichen Zielen gefolgt. Die ungemeine Klarheit, Leichtigkeit und Anschaulichkeit seiner wundersamen Fabulierungsgabe kommt Scott hier besonders zu statten.

Ja, dieser Mann, so beschränkt in seinem Privatleben, erhob sich weit über sich selbst, sobald das Medium der Geschichte ihn inspirierte. Fast alle Dichter erscheinen im tiefsten Sinne subjektiv; Scott aber gestaltete objektiv durch und durch, wie es dem geborenen Epiker ziemt.

Ein Ewigkeitsmensch war er nicht. Er verstand weder die Gegenwart, noch ahnte er die Zukunft. Allein wie wir Burns als einen Shakespeare des Liedes begrüßten, so könnte man Scott füglich einen Shakespeare der Fabulierung nennen. Und zwar der echten künstlerischen Fabulierung, welche man ja nicht mit der gequälten Phantasie-Auspumpung der Dumas und Sue verwechsele. Mit dem glücklichsten Takt eines reifen Künstlertums verschmolz er die verschiedenen Elemente des Lebens, das Tragische und Burleske, zu geschlossener Komposition. Und auch ein wundersames Talent psychologischer Kombinierung blieb ihm nicht versagt. Aus diesem Grunde verehren wir ihn noch heute als Vorbild.

Wenn wir aber somit den größten Romankünstler, den Meister epischer Erzählung im Sinne Homers, in Scott erkennen, so zeigt schon ein Vergleich mit Fielding und Richardson seine Schranken. Er streifte nur die Dinge und ging selten in die Tiefe. In der Breite der Lebensdarstellung hingegen wird er von keinem übertroffen. Julius Hart: Walter Scott, wie Robert Burns ein Schotte, schuf diese nationalpatriotische Geschichtsdichtung, die überall in Europa als etwas ganz Neues angestaunt und aufs eifrigste nachgeahmt wurde, besonders als Scott statt der Verserzählung Prosaromane auf den Markt warf. Das hatte Walter Scott von der deutschen Poesie schon gelernt: die rechte künstlerische Gestaltungsfreude an den Dingen selbst, den Sinn für das Sinnliche der Poesie. Und wenn er jetzt in großen Bildern die schottische Landschaft schildert, so ist sie kein Totes mehr wie bei den älteren, über das man philosophiert und moralisiert, sondern Hintergrund und Schauplatz großer Geschichtsereignisse. Scott schreitet über die Heiden und an den Seen nicht mehr wie ein englischer Nachmittagsprediger dahin, sondern wie ein rechter altgermanischer freier Mann, der seinen Sitz und seine Stimme im Volksrat hat, der die Geschichte seines Volles genau im Kopfe trägt und in den alten Büchern wohlerfahren ist. Er ist ein leidenschaftlicher Antiquitätensammler und weiß in allen alten Burgwinkeln vortrefflich Bescheid. Das Romantische an ihm ist vor allem die Freude an den alten Zeiten und der Vergangenheitskultus.

 

Julian Schmidt: Es gibt keinen Beruf, dem er nicht gerecht geworden wäre, sobald derselbe nur einen gesunden Inhalt hat. Er hatte ein Herz für das Volk, ein liebevolles Auge für seine Sorgen und seine kleinen Genüsse, und sein konservativer Sinn bezog sich auf alles, was der Erhaltung wert war.

 

Adolf Stern: Seine Stärke liegt in der Situationsfülle, nicht in der straff durchgeführten Handlung, in der Wiedergabe fertiger Charaktere, nicht in der schwereren Spiegelung innerlicher Charakterwandlung. Die Tiefen der Leidenschaft sind ihm vielfach, wenngleich nicht immer, verschlossen; bei aller Frische und Natürlichkeit steht er zu Zeiten dem Konventionellen näher als der Natur. So war er der Dichter und Erzähler einer in sich befriedigten Gesellschaft, einer Zeit mit festen Anschauungen und Zielen, und mußte mit dem Wachsen der Gärung, des leidenschaftlichen rastlosen Dranges nach dem Neuen, mehr und mehr in den Hintergrund der Teilnahme treten. Die wahrhafte Bedeutung Scotts kann natürlich durch die Launen der Mode nicht gemindert werden, kein Nachweis der Schranken seiner Begabung kann die Kraft und den Reichtum aufheben, den er innerhalb dieser Begabung entfaltet. Prof. Dr. Wülker: Das Hauptverdienst Walter Scotts, des Dichters wie des Romanschriftstellers, war seine große Natürlichkeit und seine außerordentlich naturgetreue Schilderung. Dadurch war er wie kein zweiter befähigt, Sittenbilder aus den verschiedensten Zeiten zu geben und der Begründer des Historischen Romans zu werden. Allerdings darf man von einem Dichter nicht verlangen, daß er sich stets eng an die Geschichte hält: er darf sie mit Sage umgeben, darf Gestalten eigener Erfindung neben die geschichtlichen stellen, wenn er den Leser nur lebhaft in den Charakter der behandelten Zeit zu versetzen weiß. Und dies verstand Scott meisterhaft. Daher gilt er noch heute für das Muster eines Romanschriftstellers.


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