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Schloß Avalon. Zweiter Band

Willibald Alexis: Schloß Avalon. Zweiter Band - Kapitel 9
Quellenangabe
authorWillibald Alexis
titleSchloß Avalon. Zweiter Band
publisherF. A. Brockhaus
year1827
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20180307
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Achtes Capitel.

Dieu de batailles! Woher käm' Ihr Feuer?
Ist nicht ihr Klima neblicht, rauh und dumpf,
Worauf die Sonne bleich sticht, wie zum Hohn,
Mit finstern Blicken ihre Früchte tödtend?
Kann ihre Gerstenbrüh, gesottnes Wasser,
Ein Trank für überrittne Mähren nur,
Ihr kaltes Blut zu tapfrer Hitze kochen?
Und unser reges Blut, vom Wein begeistert,
Scheint frostig?

Shakspeares Heinrich V.
   

Als der Ritter von Avalon, so schnell der Zustand seiner Gesundheit und der damalige der Wege von London nach den westlichen Grafschaften erlaubte, den königlichen Truppen zueilte, begegnete er der heimkehrenden Harriet. Stumm reichte sie ihm aus dem Wagen die Hand, die er mit Inbrunst an die Lippen drückte. Das bleiche Gesicht, die bittenden Blicke sprachen deutlicher als es Worte vermochten. Doch sagten sie beim Scheiden: »Ich bete, daß Ihr Euch nicht begegnet. Sollte Deine Sache siegen, sollte er in Deine Hand fallen, so denke, daß er Harriets Gatte war.«

Sie ließ den Schleier fallen und der Wagen rollte fort. »So ist das Bitterste überstanden,« sprach der Ritter und verfolgte seinen Weg nach Fevershams Hauptquartier. Auf seine Erkundigungen erhielt er nicht jedesmal die bestimmtesten Nachrichten, und schon hörte er das Kanonieren, welches eine bedeutende Action anzudeuten schien, als er, noch ungewiß über Fevershams Stellung, auf Nebenwegen dem Orte, wo die Schüsse hertönten, zuritt. Ein Reiter in vollem Carriere kreuzte ihm hier den Weg. Es war Robert Fletcher. Er rief seinen Namen, er eilte ihm nach, vergebens. Ungewiß über die Bedeutung des sonderbaren Auftritts, schloß er wenigstens so viel daraus mit Recht, daß er seiner verlassenen Spur folgen müsse, um die streitenden Parteien zu finden.

Bald schwieg das Kanonenfeuer, wogegen das Kleingewehrfeuer desto heftiger wurde. Trompeten und Trommeln, Pferdegetrampel, das Klirren der Harnische und Säbel, der wilde Schlachtruf wüthender Angreifer, das Jammergeschrei der Verwundeten tönte bereits, jetzt zum wilden Getöse vereint, jetzt einzeln zu ihm herüber. Schon mehr als zwei Stunden mußte das Treffen gedauert haben, als der Ritter von einem Sandhügel herab das Schlachtfeld erblickte. Die heiße Julisonne beleuchtete die Mordscene, Staub und Dampf, aus dem nur hie und da ein Helm, ein Küraß oder eine Standarte hervorblickte; alles verkündete, daß keiner von beiden Theilen in dem verzweiflungsvollen Kampfe an weichen denke. Daneben beleuchtete dieselbe Sonne den Kirchthurm und die neuen rothen Dächer des friedlichen Fleckens von Sedgemoor.

Einen Augenblick verweilte der Ritter hier, selbst, und die Pferde Athem schöpfen zu lassen. Er strengte sein Auge an, sein Dragonerregiment herauszufinden, und als er die rothen Röcke erblickte, gab er von neuem dem Pferde die Sporen. Bald begegneten ihm Verwundete, von Cameraden aus dem Treffen getragen; andere lagen dahingestreckt um zum letzten Male den warmen Strahl der Sonne einzuathmen. Ein solcher Sterbender rief den Ritter beim Namen; es war ein Officier, an dessen Seite er manchen Kampf in Schottland bestanden, und er konnte sich nicht enthalten, dem sterbenden Major Winram die Hand zu drücken:

»Etwas spät, Loscelyne,« sagte dieser, sich aufrichtend, »doch früh genug um das Blei in den Hals zu bekommen. – Sie meinten schon, Ihr wäret auch ein Sectirer und Rebell geworden. – Gott verdamm's, Hauptmann – eine schottische Hexe prophezeite mir einmal, ich würde durch die Kugel eines schottischen Presbyterianers fallen. – Da ich nun aus Schottland war, lachte ich drüber, und heut muß unter den Bauern aus Westen ein schurkischer Rundkopf, den ich in Schottland vergessen an den Baum zu knüpfen, die Büchse auf mich anlegen, und durch die Brust gings. – Gott verdamm's, es wäre doch besser, wäre man gegen die Franzosen gefallen, als in solchem Bürgerkriege, wo nichts als Bauern gegenüber stehn.«

»Wie stehts mit Monmouth?« fragte Raleigh scheidend.

»Ficht wie ein Löwe um Krone und Leben.«

»Dann Gott befohlen, Major Winram auf Wiedersehn drüben.«

In Schweiß gebadet erreichte er die Höhe, auf der die Generalität sich befand. Er meldete sich. Feversham zeigte ihm eine gerunzelte Stirn und wies ihn schweigend an Churchill.

»Ich wußte,« sagte dieser, »daß die Loscelyne niemals Verräther sind, und Ihr kommt gerade noch zur rechten Zeit, zu sehen wie unser alter Generalissimus ein blutiges Manoeuvre über uns abhält.«

»Käme das Wort aus eines andern, als Mylord Churchills Munde,« entgegnete Raleigh, »und zu anderer Zeit, triebe das Wort Verrath allein einen Loscelyne Genugthuung zu fordern. Wenn ich zu spät kam rechtfertigen mich meine Papiere.«

»Ihr werdet gerade zu recht kommen,« entgegnete lachend der Lord, »zur letzten Attaque.«

»Unmöglich,« sagte Feversham zu Churchill. »So lange Monmouth die Cavalerie commandirt bringen wir sie nicht zum Weichen. Wir opfern die besten Leute ohne Erfolg.«

»Mylord,« entgegnete Churchill mit einem boshaften Zuge um den Mund, »vermöge Eures Oheims Türenne seid Ihr freilich ein geborner Feldherr, wogegen mein Feldherrnstab nur in der Zukunft liegt; irre ich indessen nicht, gab Euch Seine Majestät den Auftrag den Herzog von Monmouth zu schlagen, und nicht ihn als König nach London zu führen. So wenigstens würde meines Erachtens der große Türenne, dem Ihr den Stab verdankt, die Befehle Seiner Majestät auslegen.«

Während des Wortwechsels beider Anführer fand Raleigh Gelegenheit sich vom Stande der Dinge durch den Augenschein und eingezogne Nachrichten zu unterrichten. Monmouths Fußvolk hatte einen wüthenden Angriff auf die links stehenden und von einem tiefen Graben gedeckten Grenadiere des Königs gemacht. Trotz eines zweistündigen Gefechtes stritt noch immer die Infanterie von beiden Seiten um den Besitz dieses Grabens, drinnen und von beiden Ufern wurde mit Erbitterung in Linien und in einzelnen Trupps gefeuert, während auf dem rechten Flügel die königlichen Dragoner nur geringe Vortheile über die zusammengeraffte Reiterei der Aufrührer erfochten hatten; denn hier hielt Monmouths persönliche Gegenwart, dessen Muth und Kriegserfahrung sich gleich groß bewährte, die sinkende Sache.

»Die presbyterianischen Schurken links,« rief Oberst Oglethorpe, »stehn wie exercirte französische Grenadiere, es scheint als habe Monmouth jedem sechzig Patronen Phlegma aus dem Lande der Minheers mitgebracht.«

»Commandirte nur Monmouth selbst die Bauern,« bemerkte Lord Oxford, der die Dragoner befehligte, »so wollten wir mit den Reitern schon fertig werden, da der König von drüben die große Klugheit gehabt hat, unsern Lord Gray dahin zu stellen.«

»Seinen besten Reiter und Streiter,« sagte Churchill, »den Robert Fletcher, soll er fortgejagt haben.«

»Weshalb?« fragte man. »Er hatte doch ein Renommee unter den Rundköpfen.«

»Auf dem letzten Ball in Bridgewater,« warf Feversham hin, »soll er zu schlecht getanzt haben.«

Man lachte. Alle aber wurden aufmerksam, als das Schießen auf der Seite der Infanterie nachließ. Die Dampfwolken verschwanden links, und man konnte bemerken, wie die Aufrührer dort ihre Büchsen umkehrten, und zu Schwertern und Piken greifend mit erneuter Wuth gegen die Grenadiere vordrangen.

»Sie haben sich verschossen!« tönte es jubelnd, eine Vermuthung, welche durch herbeisprengende Adjutanten zur Gewißheit wurde. Man sah Bestürzung unter den feindlichen Reitern. Monmouth an der Spitze einiger Funfzig sprengte nach seinem rechten Flügel, dort zu retten, was noch zu retten war. Die Grenadiere des Königs wurden noch einmal in den Graben zurückgetrieben und während drinnen das Gemetzel sich erneute, hieb der Herzog mit seinen Getreuen selbst in das geschlossene hintere Treffen der königlichen Infanterie ein.

Jetzt aber tönten die Trompeten zum Angriff für alle Dragoner der Garde. Neu von Lord Oxford und Lord Churchill gesammelt, trabte die stählerne Masse die Anhöhe hinab, auf die von ihrem Herzog und Hort verlassene Reiterei der Rebellen zu. Die vorhin so Beherzten drängten sich schüchtern in einen Keil zusammen, welches die freie Bewegung und den Erfolg der Kraftanstrengung der Eingeklemmten hinderte. Lord Gray, der Anführer, war selbst eingeschlossen, und, statt Befehle zu ertheilen, dachte er nur daran, hinauszukommen.

Unter dem Schmettern aller Trompeten hieben die Dragoner ein, fanden jedoch unter den vordersten Reitern, einzelnen Kernsoldaten aus Cromwells Heere, einen heftigern Widerstand als das schüchterne Benehmen der ganzen Masse erwarten ließ. Indessen hatte Lord Gray verschiedene Commandoworte, welche an Rückzug und Flucht erinnerten, mit so gellender Stimme ausgestoßen, daß sie durch alles Kampfgetöse zu den nächst und hintenstehenden durchdrangen. Man wandte, vielleicht in der Voraussetzung, daß die Dragoner durch die vorderen Reihen einen Weg zu ihnen gefunden hätten, die Pferde um, Lord Gray voran, und die nicht mehr durch einen Rückhalt geschützten oder zum Widerstand gezwungenen Reiter vorn wichen oder stiebten auseinander.

Raleigh, obgleich er noch nicht die Dragoneruniform anlegen können, war doch in den Reihen seines alten Regiments mit vorgedrungen, und stürzte sich mit der ererbten, oft erprobten Tapferkeit in das dichteste Gedränge. Jedoch war der Widerstand der Reiterei, wenn auch heftig, doch nur von kurzer Dauer. Durch ein geschicktes Manoeuvre Churchills wurde die ganze Masse der fliehenden und der noch Widerstand leistenden Reiterei der Rebellen, auf das eigene Fußvolk geworfen. Monmouth kämpfte mit dem Muth der Verzweiflung zum Theil hinter den feindlichen Truppen. Es war kein Mann da, welcher Reiter und Fußvolk, die in wilder Unordnung sich selbst mehr schadeten als halfen, Befehle gegeben hätte, geschweige denn einer, dessen Befehle durchgedrungen wären. Raleigh hatte eine von Monmouths Fahnen erbeutet, als die Flucht allgemein wurde, und die Signale zum Verfolgen gegeben wurden.

Die kaum aus dem Gedächtniß verschwundenen Bürgerkriege hatten Proben von Grausamkeit geliefert, wie sie nur selten in den Kriegen unter verschiedenen Nationen vorkommen. Im Kampf der Factionen war der Geist dieser Grausamkeit nicht entwichen. Hinrichtungen, Meutereien, Glaubenshaß hatten ihn eher genährt, daß er auf Gelegenheit wartete, sich zu entladen. In diesem einen Treffen von Sedgemoor und seinen Folgen floß mehr englisches Blut als unter der ganzen langen Regierung des vorigen Königs. Sobald die Trompeter das sonst für die Menschheit erfreuliche Zeichen, da es den Ausgang eines Kampfes bedeutet, ertönen ließen, begann eine Jagd, so verderblich als nur die in den Cheviotbergen in den grauen Tagen des Alterthums. Es begann ein Gemetzel, das erst zu enden schien, als kein Feind mehr zu sehen war. Alle Ordnung war gewichen. Die Dragoner gedachten der Tage der Verfolgung in Schottland, wo sie gleich blutigen Spürhunden über das flache Land ausgeschickt wurden, jeder mit der Machtvollkommenheit die aufgefangenen Conventikler ohne Prozeß, und wie es ihnen gefiel, umzubringen. In ihrem blutigen Handwerk zerstreuten sie sich so weit, daß es den Anschein bekam, als sei das siegende mit dem besiegten Heere zugleich auseinandergesprengt.

Auch Raleigh befand sich unter den Verfolgern. Ihm kam es erwünscht, sich von dem Orte zu entfernen, wo er dem noch fechtenden Monmouth hätte begegnen mögen. Die Trompeter, als wären sie inspirirt von unerschöpflichem Haß gegen die flüchtigen Rebellen, verlängerten so das Signal zum Verfolgen, daß man hätte glauben können, die Verfolger hätten die Verfolgten hinter sich zurück gelassen. Raleigh bedauerte es daß seine Kleidung ihm nur den Rang eines Freiwilligen unter den Dragonern anwies. So lange einzelne Trupps Widerstand leisteten, war er zwar der erste, welcher hinein, und sie auseinandersprengte; als den Verfolgern aber nur noch einzelne Unglückliche, verwundet, erschöpft, um Pardon bittend, begegneten, hätte er gern sein Ansehn als Officier geltend gemacht, sie zu retten. Jetzt vermochte er nur selten einen der ergrimmten und von doppelter Hitze durchglühten Verfolger zum Mitleid zu überreden. Wußte er doch selbst nicht, ob die Verschonten gefangen einem besseren Loose entgegen gingen. Obgleich er keine andern Feinde vor sich oder neben sich mehr erblickte, als die wenigen, welche verblutend oder erschöpft auf Feld und Weg verschmachteten oder mit klaffenden Wunden todt dalagen, sprengte er doch unermüdlich, nur von wenigen Reitern begleitet, querfeldein; denn hinter ihm, in weiter Ferne tönte noch immer der aufmunternde Nachruf der Trompete. Endlich versagten dem Pferde die Kräfte. Unfern einer Quelle, welche aus dem breiten grünen Rein zwischen zweien Weizenfeldern, unter dem Schutz wilder Rosensträucher, hervorsprudelte, sah er den letzten Feind, einen grimmig blickenden Cromwellianer, mit gespaltenem Schädel, und doch die Faust noch fest um den Griff des breiten Schwertes, liegen. Vermuthlich war er im Verlangen einen letzten Trunk zu schöpfen niedergesunken und an der früher empfangenen Wunde verblutet, und auch Raleigh gesellte sich in gleichem Verlangen zu dem Todten.

Der Anblick auch der blutigsten Schlacht erhebt das Gefühl, da jeder Zuschauer mehr oder minder ein Antheilnehmender ist; der Anblick einer Wahlstatt, wenn die noch blutenden Leichen von Freundeshand gesucht werden, ist ein zerreißender. Hier benimmt der Schmerz, der Gedanke an den Tod, die Vergleichung des Sonst und Jetzt auch den freudigsten Sinn. Aber wenn die Leichen fortgeräumt sind, wenn die heiße Sonne auf die zerstampften Kornfelder blickt, wo hie und da eine Aehre, der allgemeinen Verwüstung entgangen, ihr zerknicktes Haupt in die Höhe streckt, wo das Blut an dem glatten Boden trocknet, wenn der Geruch aus den leicht aufgeworfenen Gräbern uns entgegen dampft, und die Lumpen umher von der Vernichtung sprechen, dann bemeistert sich unser das dumpfe Gefühl, das in der Auflösung kein Ziel, in der Zerstörung keine Nothwendigkeit, überall nur das Grauen der Vernichtung, nirgends Frieden athmet. So gingen wir über die Felder von Waterloo, als die Leichen unter der dünnen Erdschicht zu modern begannen, und das Blut auf dem festgetretenen Boden trocknete. Die halbreifen Aehren waren von den Hufen der Pferde gedroschen; hier ragte noch ein Busch krauser Halme aus dem allgemeinen Untergange empor, als frage er die heiße Junisonne, ob das Gedeihen heiße? Man zeigte uns eine verdorrte Hand als Beglaubigung einer wunderbaren Begebenheit. So schnell war die Wirklichkeit in das Mährchen übergegangen. Aber der Huf des Pferdes, aus der Grube vorblickend, der Dunst des in der Sonne gährenden Blutes, die Weiden am zertretenen Abhange, niedergerissen, als würden sie noch von den Armen krampfhaft daran Hangender festgehalten, sprachen deutlicher von dem, was geschehen, als die zerlumpten Gestalten, Bilder des Elends, die sich an unsere Fußtritte hingen.

Raleigh stieg vom Pferde. Als er die heiße Stirn, an der Quelle liegend, trocknete, sah er sich in der weiten Ebene umher den einzig Lebenden. Die Reiter bei ihm verschwanden in blauer Ferne. Die Mittagssonne brannte herab, wo kein Baum in der ganzen Umgegend Kühlung wehte. Der todte Cromwellianer neben ihm grinste wie Banquo's Geist mit dem gespaltenen Schädel. Raleigh gedachte des Glaubens, daß die Elfen, wie um Mitternacht, auch in der heißen Mittagsstunde ihre Macht über den Geist des Menschen üben, er erinnerte sich, wie Quellen und Hagedornsträuche, unbebaute Reine und Graben zwischen Kornfeldern ihr Lieblingsaufenthalt sind, und wenn er seine glühende Schläfe anfühlte, den schnellen Pulsschlag zählte und den blutigen Gedanken folgte, glaubte er sein Hirn von solchen dämonischen Gewalten umfangen.

Kein Luftzug rieselte über die halb zerstampften Weizenfelder, die Aehren beugten sich schwer zu Boden. »Ein einziger Stoß von diesem Degen, der Hieb welcher meines stummen Nachbars Schädel theilte, auf den Einen, und das Elend wäre nicht geschehen! die Schnitter, statt den Trommeln der Rebellion zu folgen und am Wege niedergemäht zu liegen, mähten selber die jetzt mit ihrem Blut besprützten Aehren. Wär' er mir doch begegnet, der Kronen- und Herzenräuber, der das Heiligthum eines Volkes, das Heil des edelsten Wesens dem Muthwillen der Laune opferte, wär' er mir doch in den Weg getreten, träte er mir noch in den Weg!«

Unter diesen Gedanken hatte Raleigh sein Schwert in die Erde gestoßen, um es vom Blut zu reinigen. Als er es heftig herausziehend den Blick aufrichtete, rauschte es in dem Kornfelde vor ihm, die Aehren theilten sich, und Monmouth trat hervor, Raleigh starrte ihn an. Dann rieb er die Augen und fragte sich, ob es der Trug der erhitzten Einbildung, ob es der Feind sei, den die bösen Geister, gehorsam seinem Rufe, herbeigeführt hätten. Das Schwert zitterte in seiner Hand.

Monmouth hatte vergebens durch Löwenmuth die verlorne Schlacht wieder herzustellen versucht. Endlich ergriff auch er die Flucht, fast hinter den Feinden, welche die Seinigen vor sich hertrieben. Mit funfzig Reitern gelang es ihm sich durchzuschlagen, aber, wohin sie auch kamen, waren Dörfer und Meierhöfe schon besetzt, und Karabinerschüsse begrüßten den Fliehenden, vor kurzem mit dem Geläut der Glocken empfangenen König. Von allen Seiten beobachtet, angegriffen, lag jetzt mehr Gefahr als Schutz in der starken Begleitung. Er trennte sich auf offenem Felde von den treuen Männern, mit dem Händedruck des Dankes, er wünschte, aber er konnte nicht hoffen, daß jedem die Rettung gelinge. Nur Lord Gray, der sich zu ihnen gefunden, begleitete den unglücklichen Prinzen, Beide sprengten, ohne zu wissen wohin, bald in dieser, bald in jener Richtung; ihr einziges Ziel war die Dunkelheit der noch weit entfernten Nacht. Endlich stürzte Grays Pferd. Monmouth stieg, um sich nicht zu trennen, auch von seinem Ermatteten ab, und beide schlichen durch die Kornfelder.

Monmouth erblickte zuerst den Ritter, und sein eigenes erobertes Banner neben ihm an den Strauch gelehnt. »Schrick nicht,« rief er zu Gray zurück, »er ist von den Unsern, ich sehe die Fahne von Taunton.«

Er eilte auf Raleigh zu, dessen ihm entgegen gehobenes Schwert den Flüchtling von seinem verderblichen Irrthum nur zu bald unterrichtete. Zurückspringend blickte sich der Herzog nach seinem Begleiter um, Gray hatte aber schneller als sein Herr in Raleigh den Feind erkannt, und war in den Kornfeldern verschwunden. So blieb Monmouth auf die Hülfe seines Arms beschränkt, er zog den Degen, aber er fühlte im nämlichen Augenblicke, daß er zu ermattet sei, den Widerstand zu leisten, welcher sein Leben retten könne. Die Waffe sinken lassend rief er zu seinem Gegner:

»Ihr werdet einen leichten Sieg haben, Ritter, und einen der Euch doch einen Namen macht, denn Ihr tödtet Euer Vaterland.«

Raleigh sah den Mann vor sich, den er vor Allen hassen mußte, die blutigen Gebilde lebten in ihm. »Rache!« flüsterten die Halme, Strauch und Quell. Aber der Anblick des Verhaßten konnte ihm nur Mitleid einflößen. Blaß, mit Blut bespritzt, zerrissenen Kleidern, verworrenem Haar, ganz hülflos, stand der Mann vor ihm, der noch vor wenigen Stunden sich König von England träumte. Der liebenswürdigste Ritter des ganzen Reiches, der angebetete Götze bei allen Hoffesten, der Liebling der Frauen, von dem man sagte, keine Schöne vermöge seinen Bitten zu widerstehen, dieser Monmouth, mit Blut, Staub, Koth beschmutzt, würde jetzt wie ein Gespenst in den Ballsaal tretend die Fröhlichkeit verscheucht haben. Nur der Stern auf der Brust erinnerte an seine Geburt und Größe.

Monmouth konnte ein Held sein, aber er war nicht zum Helden geboren und erzogen. Wo ein ritterlicher Tod ihm drohte, mochte er sich begeistern, ihm kühn entgegen zu treten, aber ihm fehlte die Kraft ruhig dem Drohenden ins Auge zu blicken. Erzogen in den sanftem Vergnügungen und der Ueppigkeit des Hofes ging ihm die Kraft der Ausdauer gegen die Geschosse des Misgeschicks ab. Unterthan den Eingebungen des Moments zeigte er heut einen heroischen Trotz, um morgen zerknirscht und erschüttert sich selbst zu verrathen. Ihm entging es nicht, daß in dem Ritter, den er nicht erkannte, das Mitleid sich regte. Wie die Zauberkraft des Ehrgeizes im Augenblick den edlen Macbeth zum Königsmörder reifen läßt, überkam im Augenblick den königlichen Herzog kleinmüthige Todesfurcht. Er stürzte auf Raleigh zu, drückte seine Hand und wäre niedergefallen, hätte der Ritter es länger vermocht unerbittlich zu bleiben:

»Um der Barmherzigkeit des englischen Blutes willen, rettet den Sohn Eures Königs. Wer Ihr auch seid, denkt was in Eurer Hand ruht. Oben im Himmel blickt König Karl, mein Vater, herab und wird es Euch lohnen, auch wird mein Oheim Jacob nicht immer regieren, er selbst vielleicht verflucht nach Jahren den Moment, wo sein Neffe ihm zum Gericht überliefert ward.«

»Euer Hoheit bedenken nicht,« sagte Raleigh mit ernstem Ton, »daß ich meinem Könige Treue schwor.«

»Treue seinem Blut. Willst Du, daß es sich selbst verzehrt? Hat mich mein Oheim, muß er mich tödten; er muß, er wünscht es nicht. Mensch! der Fluch der Nachwelt ruht auf denen, welche die flüchtigen Prinzen Englands verriethen. Ich bin nicht der erste Fürst dieses Landes, der so bittet. Gedenke meines Vaters Karl, wie ihn die englische Eiche schützte, auch Karl der Erste irrte umher, der Löwe Richard schlich als Pilger ins Reich seiner Ahnen, Margarethe von Anjou fand Barmherzigkeit und loyalen Sinn bei einem Raubmörder, und der große Alfred bettelte als Harfner umher, bis er den Thron wieder erwarb. Alle, die ihnen wohlthaten, nennt dankbar die Geschichte, aber die Namen der Verräther –«

»Ich bin aus keinem Verrätherstamm,« fiel ihm Raleigh ins Wort.

»Doch werden sie Dich so nennen. Und wer mich jetzt haßt, weint blutige Thränen, wenn sie mich zum Hochgericht schleifen. Denke nach, Unseliger! Trat ich Dir bei einem Hoffest auf den Fuß, grüßte ich Dich nicht, als Du mich grüßtest; irgend etwas sucht und findet die Menge, Deine That dem Eigennutz zuzuschreiben. Gebrandmarkt bleibt Dein Ruf; und umhinge der König Deinen Leib mit dem eigenen Purpur, sie spüren einen Makel aus. – Du sinnst, heiliger Gott, es ist keine Zeit zum Nachsinnen. Jetzt oder nie. – Sie sind mir auf den Fersen.«

»Ich mag kein Verräther heißen,« rief Raleigh nicht ohne Heftigkeit aus, nachdem er eine Weile in die blaue Luft geblickt, »rettet Euch Herzog. Wenn auch nicht vor dem Könige, ich will es vor mir und einer Heiligen rechtfertigen. Fort, und spart dem Lande Euer Blut.«

Monmouth war niedergesunken, und stillte seinen Durst an der Quelle. Jetzt sprang er auf und drückte Raleighs Hand. Müde, vielleicht von dem plötzlichen Trunk in eine Art Rausch versetzt, sank er aber sogleich wieder zurück. Er besprengte das Gesicht und besah sich im Spiegel des Wassers.

»Das ist nicht der alte Monmouth, aber noch haftet er in diesen besternten Lumpen. Ritter, Ihr betet eine Heilige an; also seid Ihr ein Katholik, thut mir um diese Heilige, um Eure Seligkeit noch die Liebe an, tauscht mit mir die Kleider; um Gottes Barmherzigkeit willen Euren Rock, denn die Nacht, der beste Mantel für Geächtete, ist noch so weit weit.«

»Beim Namen dieser Heiligen darf ich nichts verweigern,« entgegnete Raleigh und gab dem Ritter seinen Oberrock.

»Verkauft den Stern,« rief der Unglückliche mit Bitterkeit aus, indem er sich umkleidete, »hier, er ist Euer, oder wollt Ihr recht wie ein Wucherer handeln, so bewahrt dies zerrissene Kleid eines Prinzen und Königs, bis sein Andenken im Preise steigt. – Es werden Zeiten kommen, wo sie Euch für einen Fetzen Summen bieten, denn gleich der Göttin auf der Kugel ist die Gunst der Menge; was ich heut verabscheue, liebe ich übers Jahr, und zürne denen, die mir sagen, ich hätte es einst gehaßt.«

»Braucht Euer Hoheit Geld zur Flucht,« rief der Ritter plötzlich, wie beleidigt von der Vorstellung, als könne er sich durch den Flüchtigen bereichern wollen, »so ist in diesem Beutel bis nach Holland genügendes Reisegeld.«

Monmouth lehnte das Anerbieten ab. »Bötest Du mir ein Stück Brot zu dem königlichen Trank dieser Quelle, es wäre mehr Werth als Gold.« Er warf sich noch einmal nieder, sog gierig die aus dem Wasserbecken niederrieselnde Fluth ein, sprang dann auf und eilte fort, nachdem er dem Ritter die Hand gedrückt. Doch wandte er sich nach wenigen Schritten um:

»Wie heißt Ihr, edler Mann; Euren Namen will ich in das Elend mit hinüber nehmen?«

Der Ritter stand einen Augenblick mit verschränkten Armen still. Die Brust schlug heftig, er vermochte nicht dem Drange zu widerstehn. »Mein Name ist Raleigh Loscelyne von Avalon,« rief er dem Flüchtigen zu, winkte ihm mit der Hand zu fliehen, und wandte sich, als wolle er den Dank und alle Erörterungen abwehren, schnell um. Monmouth schauderte, trotz der Schwüle der Luft, zusammen, und gehorchte der Weisung.

Erst als er aus dem Gesichtskreis sich verloren, athmete der Ritter freier auf. »Die bösen Geister sind überwunden, rief er froh aus, und legte sich wieder an der Quelle hin. Aber die Geister waren nicht ganz verscheucht. Sie erschienen wieder in mannigfaltigen Gestalten. So verfolgte er des Flüchtigen Tritte, sah ihn ergriffen – todt – Harriet frei. Da ermannte er sich, kühlte die Stirn in der Quellfluth und sprang auf.

Ein Trupp Reiter hatte ihn zu gleicher Zeit erblickt. »Ein flüchtiger Rebell!« rief man, und Monmouths Standarte sammt dem besternten Rock am Rosenstrauch, ein Allen aus der Schlacht wohlbekannter Anblick, bestärkte den Verdacht, als man den Ritter umzingelt hatte. Doch Raleigh rief mit der Fahne auf den Hengst sich schwingend: »Ich bin ein Loscelyne von Avalon und die Fahne ist meine Beute im Gefecht.«

Der Anführer der Dragoner, Lord Oxford, musterte bedenklich den Ritter. »Ein Loscelyne,« sagte er, »aber es ist Verrath im Spiele!«

»Verrath!« rief Raleigh hochroth aus, aber er mußte verstummen vor Oxfords durchdringendem Blick. Dieser ritt an ihn heran und sagte mit warnender Stimme leise:

»Jenes Kleid trug der Herzog, ich vermisse dagegen Sir Raleighs Rock, den ich beim Treffen im dichtesten Gedränge der Feinde leuchten sah. Vertrauen Sie mir, wo sich Monmouth versteckt, will ich eine Handlung des Erbarmens verschweigen, die in Verbindung mit andern Verdachtsgründen einen edlen Mann verderben kann.«

»Mylord,« sagte Raleigh, »ich bin der Stammhalter eines edlen Hauses, und setzten Sie, als General, Verdacht in meine Treue, bitte ich um strenges Gericht. Hier ist mein Degen, er ward nur für die Ehre gezogen.«

»Wohlan,« rief Oxford, »Sergeant, nehmt diesen Ritter in Verhaft und geleitet ihn in unser Quartier, indessen wir auch ohne seine Beihülfe das köstliche Wild aus seinem Lager aufstöbern wollen.«

Raleigh überreichte Fahne und Degen und folgte dem Sergeanten als Ehrengefangener. Seine Blicke trafen hinten im Zuge den Obersten Rumsey, der sich mit zwei Gesellen, welche eher Straßenräubern als königlichen Soldaten ähnlich sahen, eifrig besprach. Er winkte vertraulich dem Gefangenen, und schlug doch die Augen nieder, als der ernste Strahl aus denen des Ritters ihn traf.

Ein Anblick von mehr erschreckender Art begegnete ihm einige Zeit darauf. Oberst Kirk kam mit seinen blutigen Dragonern und dem noch blutigem Oberrichter Jefferies ihm entgegen, um bald ein Mordgericht in den westlichen Grafschaften zu halten, gegen welches die Verfolgungen der schottischen Fanatiker unbedeutend erschienen.

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