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Schloß Avalon. Zweiter Band

Willibald Alexis: Schloß Avalon. Zweiter Band - Kapitel 7
Quellenangabe
authorWillibald Alexis
titleSchloß Avalon. Zweiter Band
publisherF. A. Brockhaus
year1827
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20180307
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Sechstes Capitel.

Der Kaiser Nepos wurde vom Senat, von den Italienern und den Provincialen in Gallien anerkannt. Seine sittlichen Tugenden und seine militairischen Talente wurden hochgepriesen, und Alle, welche irgend einen Privatvortheil von seiner Regierung erwarteten, kündigten in prophetischen Gesängen die Wiederherstellung des öffentlichen Glückes an.

Gibbon.

 

Auf einem der Hügel, welche an der rechten Seite des Flusses in Tauntons Nähe einen freien Blick über die fruchtbaren Ebenen von Sommersetshire gewähren, hielt ein Reiter, um das Sattelzeug in Ordnung zu bringen. Obwohl gerade auf dieser Stelle einsam, war doch die Gegend ringsum belebt. Zahllose Schaaren Fußgänger und Hunderte von Reitern drängten auf allen Straßen der Stadt Taunton oder einer Art Lagerplatz vor derselben zu, und die bunten Hutbänder der Bewaffneten und Unbewaffneten, der Standarten, welche von jenem Lagerplatz, die Fahnen, welche von Tauntons Thürmen herabwehten, verkündeten ein Freudenfest, an welchem die ganze Gegend Theil nahm. Die Namen Monmouth, England, Protestantismus, erfüllten die Luft, und drangen selbst zu der Höhe des Reiters hinauf. Er stützte sich mit dem Ellenbogen auf den Sattel seines müden Pferdes und blickte dem bunten Treiben unter ihm mit anscheinend gleichgültiger Miene zu. Nur als er einen Reiter in weitem Priestergewande auf sich zu galloppiren sah, richtete er verwundert den Kopf in die Höhe, denn so weit sein Auge reichte, hatte er nur Puritaner erblickt, oder Bauern und Leute niederen Standes, welche gerade die Kleidung trugen, die ihnen der Zufall in die Hand spielte. Reiter in den hageren ledernen Kleidern, wie sie seit Cromwells Tode selten zum Vorschein kamen und einzelne presbyterianische Geistliche, ein noch seltnerer Anblick in den letzten Jahren, waren hie und da zwischen den in einfachem Schwarz und Grau gekleideten Bürgern und den bunteren Jacken der Bauerburschen hervorgetreten; auch ließ sich wohl mitunter ein Land-Squire, stattlicher geschmückt und an der Spitze eines kleinen Gefolges, erblicken, aber in der weiten Menge zeigte sich nichts, was an Diener der englischen Kirche erinnerte. Und doch sprengte jener Prälat unverkennbar in kriegerischem Eifer dem Lagerplatze der Empörer zu.

Er mußte bei dem abgestiegenen Reiter vorüber, und hielt hier ebenfalls sein Pferd an, weil es einen nicht ganz sanften Abhang hinunter ging, vielleicht auch um sich an dem, auf diesem Standpuncte ihm zuerst sich eröffnenden Anblick der hinströmenden Menge zu weiden. Denn er brach, der Gegenwart des Andern ungeachtet, in ein lautes Jubelgeschrei aus, und winkte mit einem Tuche hinunter, ohne daß er glauben konnte, es werde jemand aus der Entfernung darauf achten.

»Ei Herr Prälat,« sagte der früher Angekommene, »so unverhohlen erklärt sich ein Diener der hohen Kirche, welche doch eine Stütze des Königthums genannt wird, für die Rebellion?«

»Ich denke, Ihr werdet mir so etwas nicht zum Vorwurf machen, da wir Beide hoffentlich auf ein und demselben Wege sind. Oder spielt Ihr hier den Spion?«

»Mit Nichten Sir,« entgegnete der Erster«. »Ich habe meine eigenen Betrachtungen.«

»Und die sind?« fragte der Reiter im Prälatenkleide.

»Wie sie summen voll Lust gleich den Fliegen im Sonnenschein, ohne den Nachtfrost zu bedenken, der ihrer harrt, um alle zu erstarren, ehe wenige Stunden entwichen sind.«

So entgegnete der Andere, den ernsten Blick wieder auf die Ebene hinaussendend. Aber der Reiter wandte sich schnell zu ihm, und rief, ihm ins Gesicht blickend, aus:

»Wahrhaftig, das kann nur Master Trelawny sein, und ist es auch so gewiß, als ich kein Priester bin. Immer ernst, immer ein Verkündiger des Todes und des Strafgerichts, und, trotz aller warnenden Worte dagegen, ein so auserlesenes Werkzeug der Rebellion, ein so rühriger Unterhändler, ein so treu ergebener Diener von Monmouth –«

»Meint Ihr, Sir Robert Fletcher?« sagte Trelawny, der den verkappten Ritter ebenfalls näher in Augenschein genommen hatte. »Wer ein recht treuer Freund des Herzogs wäre, hätte vielleicht alle Gewalt angewendet, ihn von dem Unternehmen abzuhalten.«

»Thor!« entgegnete Robert. »Habt Ihr nicht die Sturmglocke in allen Dörfern gehört, nicht gehört, wenn Ihr es nicht selbst mit ansaht, wie er mit hundert Mann Englands Küste betretend, in vier Tagen vier Tausend Bursche um sich erblickte, alle bereit für ihn zu sterben? Seid Ihr blind oder wollt Ihr nicht sehen, wie unbärtige Kinder und Greise die Mistgabeln ergreifen, dem Retter des Vaterlandes zu dienen? Oder welcher Scrupel hemmt Euer eiskaltes Blut?«

»Jacob von Monmouth,« entgegnete Trelawny, »hat allen Anspruch, den er auf meine Dienste besessen, schon längst der Lady abgetreten. Ihm wäre ich zu nichts verpflichtet, und doch diene ich noch seinen Launen, indem ich das Wort für ihn bei seiner Geliebten führe.«

»Wo ist Lady Harriet?« fragte Robert.

»Das herrlichste Weib,« sagte Trelawny nach einer Weile, »eilt ihrem Verderben entgegen. Vielleicht ist es in diesem Augenblicke schon geschehen.«

»Ließ Monmouth sie zu sich entbieten?« fragte Robert.

»Nein! Er wagte es nicht. Doch sie jubelte wie ein Kind am Weihnachtsfeste, als die Nachricht mit Blitzesschnelle durch die Grafschaften drang. ›Er ist beim Herzog, und länger soll keine Erdenmacht mich von ihm trennen!‹ rief sie, und mir blieb keine Macht die Bethörte zurückzuhalten. – Hier eilte sie mir voraus, der leichten Gazelle gleich, die dem Tieger in den Rachen läuft. Ich mag nicht Zeuge des Momentes sein.«

»Und deshalb verweiltet Ihr an dieser Stelle?«

»Mein Sattelgurt war gesprungen. Nur noch acht Tage Verzug, und Alles hätte sich anders auflösen mögen.«

»Wolltet Ihr die Herzogin von Monmouth indessen vergiften?« fragte Robert spottend.

»In acht Tagen liegt Monmouth todt auf dem Schlachtfelde oder beherrscht England. Jenes mochte die Heldin ertragen und ein König weiß Auswege. Harriet kennt keine Furcht; sie möchte es ohne Thränen sehn, wie er vor ihren Augen ermordet wird, die große Seele könnte seiner entsagen, wenn es Englands Wohl gilt, aber sehn, wie sie von ihm getäuscht ward, der Augenblick vernichtet das Weib.«

Hastig fuhr Robert von einem Gedanken erschreckt auf: »Sie und ihn mit? So dürfen sie sich nicht sehn. Nicht heute sehn. Hinweg, ihr nach! Hindern wir das Zusammentreffen!«

»Glaubt Ihr, Andalusiens eifersüchtiges Blut rinne durch ihre Adern, sie werde, eine Furie, vor ihm hinstürzen, mit Thränen und Vorwürfen den Falschen zu Boden schmettern?« sagte Trelawny. »Fürchtet nichts! Sie ist Englands Tochter, und nur sie wird vernichtet, während der Wankelmüthige in ihren Träumen derselbe Heros bleibt, den der Wahnsinn ihr vormalte.«

»Und dennoch ist es unsere Pflicht, einem Auftritt vorzubeugen, der das Herz des Unternehmens vergiften könnte,« sagte Robert, und auch Trelawny hatte wieder sein Pferd bestiegen. Während Beide den Abhang hinunter ritten, erzählte der Ritter dem Arzte den Grund seiner wunderbaren Verkleidung mit kurzen Worten und so weit der Freudentaumel, der sich seiner bemächtigt hatte, dies erlaubte. Die Glocken in Taunton läuteten jetzt, und von allen Seiten drängte man herzu, bei dem Einzuge des Herzogs nicht zu spät zu kommen. Indessen erregte, einer ganz anders gefesselten Aufmerksamkeit ungeachtet, der so wenig zu seinem stürmischen Benehmen sich schickende Auszug des Ritters die spöttische und sogar unwillige Neugier vieler Pilger. »Was will der Priester unter uns?« tönte es von allen Seiten, und viele ernste Gesichter alter Parlaments-Soldaten verzogen sich noch feindseliger mit den Worten: »Was sucht der Baalsdiener unter den Kindern Israels?« Als das Geschrei ärger und von denen am lautesten geführt wurde, welche, am weitesten entfernt, auch am wenigsten von der Ursache unterrichtet waren, konnte Robert, auf den das Läuten der Glocken, das Jubelgeschrei der tausend Hoffnungsvollen eine berauschende Wirkung geübt hatte, sich nicht länger zurückhalten.

»Meine freien Landsleute,« rief er, »ich bin kein Priester, kein Baalsdiener, kein Knecht der Krone, ich bin ein Krieger wie Ihr, mein Wahlspruch heißt Monmouth und England! Monmouth und England rufe ich und mein Name ist Fletcher von Salton!«

Man hatte sich um den Redner gruppirt, und der Name Fletcher von Salton tönte wie ein Siegesgeschrei von tausend Zungen. Während man »Herunter mit dem Chorrock!« schrie, verstanden die wenigsten was sein jetziger Besitzer über den Grund der Maskerade sprach. Aber einzelne Worte von Einsperrung, Vorenthaltung des Degens gingen wie ein Lauffeuer umher, und während Jeder das seinige hinzudachte oder mit Worten hinzusetzte, wußten die Entfernteren, welche kein Wort von der Rede vernommen, alsbald, daß der ehrenwerthe Ritter von der Krone in einen Kerker geworfen, seinen reinen Glauben habe abschwören und ein Baalsdiener oder gar Katholik werden sollen, und die Näheren zweifelten, als die Kunde wieder zu ihnen zurück erscholl, nicht im mindesten daran. Verwünschungen und Geschrei des Entsetzens wechselten mit dem Jubelgeschrei seines Namens. Man verlangte laut, er solle den Chorrock dem Volke opfern, und während er noch einwendete, daß er keinen anderen darunter trage, zupfte man schon von mehreren Seiten an dem verhaßten Symbol des geistigen Despotismus, daß der Ritter es für gerathen hielt, freiwillig ein Opfer zu bringen, das ihm, wenn er es verweigerte, abgedrungen werden möchte. Kaum hatte er den weiten Rock abgeworfen, als man von hundert Seiten darnach griff und zerrte, und in wenigen Minuten hatte die heilige Wuth der presbyterianischen Menge des ehrwürdigen Sir Alexander Tennisons Amtskleid in tausend und aber tausend Stücke zerrissen.

Dagegen erschien Robert, obgleich für den Augenblick nur in Hemdsärmeln, in der Glorie eines Märtyrers für den Glauben, und nicht minder umlagert als der heilige Bernhard, nachdem er seinen Mantel zu Kreuzen für die Pilger nach Jerusalem verschnitten hatte. Besonders drängten sich die Reiter, von denen viele seinen Vater gekannt oder unter ihm gedient hatten, an ihn heran. Man hing ihm ein altes Parlamentsschwert mit breitem Riemen um, das einst Henderson sollte geweiht haben, man gab ihm einen Helm und laut forderte die Menge ihn auf ihr Oberst zu werden, damit das alte Regiment Fletchers von Salton wieder auflebe. So angefeuert hielt auch Roberts Enthusiasmus mit dem der Menge Schritt. Er zog ein weißes Taschentuch mit großen Blutflecken getränkt, heraus, befestigte es an eine Lanze und schwenkte, im Steigbügel erhoben, diese Standarte, daß man es weit umher sehen konnte:

»Freunde meines Vaters, Freunde der Freiheit, Freunde Englands!« rief er mit einer Stimme, die ein Schlachtgetümmel durchdrungen hätte. »Das sei fortan unsere Fahne. Englands bestes Blut röthet dies Panier, röther als das St. Georgenkreuz auf den königlichen Seegeln, röther als der Purpur des Königs, roth wie die Morgenröthe englischer Freiheit, denn es ist Russels Blut!«

»Russels Blut!« wiederholte tausendstimmig die Menge, Schwüre, Gelübde, Jauchzen erfüllte die Luft. »Monmouth wartet unser,« rief der Ritter, schwenkte das Banner, und gab dem Pferde die Sporen. Die Reiter zogen ihre langen Degen und folgten in gedrängten Rotten ihrem neuen Anführer, der sie abwärts von der Stadt nach dem Punkte hinführte, wo des Herzogs langer Zug Halt machte, um besser geordnet seinen Einzug in die von Jubel erfüllte Stadt zu halten.

Die Freude glühte auf der Stirn des Herzogs, der in ritterlicher Schönheit den Huldigungen von allen Seiten nur ein halbes Ohr lieh, während das unaufhörliche Glockengeläute von den Thürmen der Stadt und nahen Dörfer, die Triumphmusik der auf erhöhten Orten aufgestellten Musikchöre, das Geschrei der Kinder ihn in verzückte Träume einwiegte. Im Kreise seines reichgeschmückten Gefolges empfing er die Schlüssel der Stadt aus den Händen von Rathsmännern, welche den Befreier Englands zum Eintritt in die protestantische, ihrer Rechte beraubte Stadt einluden, und dann mit schlauem Blick die Hoffnung ausdrückten: Monmouth werde sich nicht weigern, sich und Taunton zur ewigen Ehre, Alt-England und dem wahren Glauben zum Heil, innerhalb Tauntons Mauern seinem Gott wohlgefälligen Unternehmen die Krone aufzusetzen.

Der Herzog reichte verbindlich die Schlüssel mit der Versicherung zurück, sie könnten von keinen besseren Händen bewahrt werden. Er sei nur ins Land gekommen, die Beschwerden abzustellen, die Papisten aus der Nähe seines Oheims zu entfernen, den Gesetzen und dem Parlamente die alten Rechte wieder zu verschaffen, und dann, wenn es ihm gelungen seine rechtmäßige Geburt zu beweisen, wolle er wieder, arm wie er gekommen, nur reicher durch die Liebe der Engländer, abziehen, wenn es der Himmel nicht anders beschlossen habe.

»Der Himmel hat es anders beschlossen,« rief Ferguson, der ihm zur Linken ritt, »er hat es anders beschlossen zum Heile Englands und des protestantischen Glaubens! der Königliche Jacob von Monmouth darf nicht zurückkehren.«

»Wer ein Engländer ist, läßt nicht von ihm,« rief Lord Gray, und zugleich öffnete sich der Kreis, um dem heransprengenden Reiterzuge Platz zu machen. »Der Himmel hat es anders beschlossen,« tönte es ringsum, und Robert Fletcher sprengte auf den Herzog zu, das seltsame Fähnlein senkend und rufend: »Willkommen mein Königlicher Herr auf Deinem engländischen Grund und Boden!«

Der Herzog schlang den Arm um den Ritter; das Uebermaas der Freude ließ ihn sogar die Lächerlichkeit in dem Aufzuge des Ankömmlings vergessen. Zu Erklärungen war keine Zeit.

»Der Anblick so vieler Freunde erhebt den Geist,« sprach er Thränen im Blick, aber Robert erwiederte:

»Das ist die kleinste Zahl. Ganz England steht für Monmouth auf, und wen der Tyrann nicht in Kerker und Ketten wirft, hebt seinen englischen Arm für den englischen Monmouth!«

Dies wurde tausendstimmig bejaht, während der Zug, in welchem die Ordnung nicht mehr zu erhalten war, unter dem Schmettern der Trompeten, dem buntgeschmückten Thore, auf dessen Zinnen und Mauern Kopf an Kopf sich drängte, zuströmte. Wo jener Zug sich hinbewegte, wurde die Luft nicht leer von wirbelnden Hüten und Mützen, und die Kehlen strengten sich zu einem Geschrei an, das, die Musik selbst übertönend, keinen Laut verstehen ließ.

Doch erwartete den Befreier erst innerhalb des Thores die Hauptfeierlichkeit. Zwanzig weiß gekleidete Mädchen, Töchter angesehener Bürger und Landedelleute, bewillkommten ihn mit Blumen und Kränzen, ohne die, welche aus allen Fenstern, sogar von den Dächern, auf ihn und seine Begleiter herabfielen. Nirgends mochte aber die Theilnahme größer sein, obgleich sie minder laut sich äußerte, als an den Fenstern eines kleinen Hauses, dessen alte Bauart es zwischen zwei thurmartigen Vorbauten versteckt hielt.

Hier stand Lady Harriet, den steinernen Mittelpfeiler des gothisch gespitzten Fensters umklammernd, und ließ keine Bewegung draußen aus dem Auge. Welche Heldenseele auch aus dem Auge leuchtete, wie auch die edle Gestalt, der feste Schritt, einen muthigen Geist verkündete, doch wechselte Purpurröthe mit Todtenblässe auf den Wangen, doch zitterten die Arme als die Massen sich durchs Thor wälzten, und als jetzt der Ruf erschallte: »Der Herzog!« schien sie an dem Pfeiler sich festklammern zu müssen, um der Versuchung zu widerstehen, die sie reizen könnte, sich hinunter zu stürzen. Eine Dame von hohem Alter befand sich in demselben Zimmer. Gram und Jahre mochten, wie die ehrwürdigen Züge verriethen, jedes lebhafte Gefühl in der Matrone ertödtet haben, und doch drängte sich eine Thräne der Theilnahme langsam durch die grauen Augenwimpern, wenn ihr Blick auf Harriets jugendlicher Gestalt ruhte. Mehrmals breitete sie die Arme nach ihr aus, als wünsche sie die Erwartungsvolle zurückzuziehen vom Zustande einer Spannung, dem einer Folter nicht unähnlich. Aber jedesmal ließ sie seufzend die Arme wieder sinken, indem sie wohl aus eigener Jugend sich erinnerte, daß die Erwartung, wenn auch die Qualen der Folter, doch zugleich die höchste Wollust umschließe.

»Theure Mistris,« sagte Harriet, »der uns den Rücken zukehrt ist der Herzog?«

»Meine Augen, Mylady, sind blind für die Entfernung; doch wenn er die Bibel empfängt, welche die Stadt ihm darreichen wollte, so kann es kein anderer sein.«

Monmouth, von einem reichen Mantel umwallt und einem breitkrämpigen mit dem schönsten Reiherbusch geschmückten Hute bedeckt, empfing mit huldreicher Artigkeit von einem blühenden Mädchen ein prachtvolles Exemplar der Bibel. Die Rede, welche die erröthende Schöne dabei hersagen sollte, bestehend aus einer Umschreibung der heftigen Proclamation, welche der Herzog im Sinne der presbyterianischen Fanatiker vor kurzem erlassen hatte, und die sich wenig für den reizenden Mund eines achtzehnjährigen Mädchens schickte, ging bei der Schüchternheit der Rednerin verloren. Sie hatte kaum einige Worte herausgebracht, daß der Herzog ein Vertheidiger der reinen protestantischen Kirche sein und den Papismus ausrotten solle, als Monmouth ihr die Bibel aus der Hand nahm und sie lächelnd Ferguson übergab. »Wir werden gewiß dafür sorgen,« erklärte er mit einer verbindlichen Handbewegung, welche für die Rednerin den Abschiedsgruß bedeutete, – »und Ferguson soll uns die Stellen aufschlagen, welche als Fingerzeige für uns geschrieben sind.«

»Mylady!« sagte die Matrone, zu Harriet herantretend. »Ihr seid im Fieber. – Ihr werdet krank allein von dem Anblick. Legt Euch nur einen Augenblick auf dies Ruhebett.«

»Seht!« sagte Harriet mit einer Stimme, die den Ton der Gleichgültigkeit nachahmte. »Jetzt reichen sie ihm die Fahnen. Ein muthiges Schwesternpaar entfaltet sie weit in der Luft, Monmouths Wappen und eine Krone darüber gestickt. – Ich muß doch die Fahnen sehen.«

»O Mylady,« entgegnete dringend die Dame, » dahin sehn Eure Augen nicht. Ihr blickt nach einem werthen Gegenstande aus, und könnt ihn nicht finden.«

Harriet wandte sich um, und stürzte der Matrone an die Brust. Ihr Busen pochte so heftig, daß die ängstlich Besorgte nach Hülfe rufen mögen, hätte Harriet sie nicht dringend zu schweigen gebeten. Mit der ruhigen Sprache der Herzlichkeit flüsterte sie der Lady zu.

»Auch ich kannte die Liebe, so sehr die grauen Runzeln meines gelben, welken Angesichts dem zu widersprechen scheinen; ich kann daher die Blicke der Liebe von denen neugieriger Freundschaft unterscheiden. Ihr sucht einen Geliebten, theure Lady. Saht Ihr ihn?«

»Ich sah ihn noch nicht,« sagte Harriet mit gezwungener Fassung sich wieder erhebend, »aber ich fürchte ihn zu sehn, eine entsetzliche Ahnung – und doch muß ich ihn sehen.«

Sie eilte ans Fenster, warf nur einen Blick hinaus, aber einen Blick, der die Seeligkeit des Lebens vernichten konnte. Monmouth schwenkte die Fahne, wie es schien mit einem Gelübde. Den Hut hatte er abgeworfen und das schöne Gesicht, glühend von der Begeisterung der Freude, schaute frei umher auf den Jubel des Volkes. »Er selbst!« schrie Harriet und stürzte hinweg, der mütterlich ihrer harrenden Matrone noch einmal in den Arm.

»Du kannst Dich täuschen meine Tochter,« sagte die würdige Dame. »Kenne ich zwar schon Dein Leiden nicht, doch mag die Hoffnung nicht fern sein.«

»Niemals – niemals Hoffnung! – Alles – Alles hin. – Hinab, hinab! bodenlos hinab die Hoffnung wie sie hoch gestiegen war. – Täuschung, kein Leben, kein Trost, keine Hoffnung.« –

Die Matrone hatte sie auf das Ruhebett geleitet und sich neben ihr hingesetzt, als sie mit schmerzlich ernstem Tone sprach:

»Wie hätte er so grausam sein können, seine schönste Schöpfung ins Leben zu rufen, wenn er dem Menschen nicht den Trost überall mitgeben können. Der Grund Eurer Schmerzen, Mylady, ist mir unbekannt, aber auch ich lernte was Elend heißt. Mein Gatte war der Oberst Lesly, unsere Ehe war der Sieg glühender Liebe über die Verhältnisse, und doch trennte Haß und Liebe unsern Herzensbund. Ich hatte gelernt den König wie den Gesalbten des Herrn verehren, indeß mein Gatte ihn als Despoten haßte. Ich mußte für das Heil des Königs und seines Hauses beten, indessen Lesly unter den Republikanern focht. Ich schenkte ihm in schmerzenvoller Geburtsstunde einen Sohn, indessen er das Todesurtheil über seinen König sprach. Ich war die Gattin eines Königsmörders, trostlos in seinem Glücke, elend in seinem Unglück. Er barg seine fluchbedeckte Stirne in Lausanne, und als ich sein trauriges Leben aufzuheitern kam, fanden uns drei irländische Bösewichter und durchbohrten ihn, in Hoffnung des Blutlohnes, vor meinen Augen. Die Mörder leben, und ich harre seitdem auf meinen Erlöser, aber der Tod zögert noch immer die zu holen, die mit dem Leben ihre Rechnung abgeschlossen hat.«

Harriet antwortete nicht, aber eine Fluth von Thränen machte der beklemmten Brust Luft. »Den ich so liebte, dem ich Alles opferte, so treulos, so verrätherisch! So verkennen, so vernichten; ein Herz zum Spiel der Lust erwählen, was für ihn sich hatte zerreißen lassen! Solcher Liebe ist alles möglich, sie kann den Todhaß versöhnen, Berge versetzen, Thäler ebnen, sie kann den Tod ins Leben wandeln, und solche Liebe wurde so gewürdigt! Würdige Frau stoßt mich von Euch – weit hinweg – ich bringe Eurem ehrlichen Namen Schande, und das Alles erfuhr ich heut – heut erst. Wo ist da Trost!«

»Wo Ihr ihn vielleicht am wenigsten sucht,« erwiederte die Wittwe. »Ihr freutet Euch über den Aufstand und die Errettung Englands, oder wie sie es diesmal nennen mögen; ich wurde alt und grau unter den Wunden, die der Bürgerkrieg meinem Vaterlande schlug, daß ich, unter welchem Namen er auch wiederkehrt, nur zittern kann. Sie jubeln rings umher und von allen Seiten läuft man dem jungen Monmouth zu, aber mich trieb das Herz den einzigen Schmerzenssohn in die Reihen seines Königs zu senden, wo er nun bald vielleicht fechten muß mit den nächsten Blutsfreunden. Seht, der Jubel und die Voraussicht zerreißt das Herz der alten Frau, und doch bin ich nicht ohne Hoffnung, denn ich weiß, daß mein bester Trost nahe ist, die Erlösung von allem Erdenübel.«

Harriet hatte in der Heftigkeit ihres Schmerzes nur bruchstückweise die Rede der Matrone mit angehört. Sie stand auf: »Trost, Trost, ich will, auch ich werde ihn finden – wahrhaftig – ich war voreilig, würdige Frau – gewiß es ist nicht so schlimm als Ihr dachtet, auch vielleicht als ich sagte. – Was that er denn anders, als was jeder Mann dieser Zeit sich erlaubt, und alle minder berechtigt als er! – Ich nannte doch keinen Namen? – Er ist kein Verräther, gewiß nicht«–

Ihr fieberartiges Selbstgespräch wurde hier durch das lauter werdende Getümmel draußen unterbrochen. Als Monmouth die Fahne geschwenkt hatte, und die Krone über seinem Wappen sich entfaltete, durchdrang ein lautes Freudengeschrei die Luft. »Ein Omen des Himmels!« rief man und der alte Ruf: »Der Himmel hat es beschlossen!« erneute sich, während das entfernter stehende Volk den Ruf der vordern nachmurmelte: »Die Krone schwebt über seinem Haupte!« Ferguson, hielt die Bibel aufgeschlagen empor, mit lauter Stimme verkündend:

»Es ist des Himmels Wille, hier steht es geschrieben: Am Morgen um diese Zeit will ich einen Mann zu Dir senden aus dem Lande Benjamin, den sollt Du zum Könige salben über mein Volk Israel, daß er mein Volk erlöse von der Hand der Götzendiener. Denn ich habe mein Volk angesehen, und sein Geschrei ist vor mich kommen.«

Monmouth blickte zu Ferguson um, und fragte: »Was willst Du Samuel Ferguson?«

Ferguson aber las weiter: »Da nun Samuel den Saul ansahe, antwortete ihm der Herr: Siehe, das ist der Mann, da ich dir von gesagt habe, daß er über mein Volk herrsche.«

Ein Moment der Stille herrschte bis Ferguson, die Arme emporstreckend, ausrief: »Wer wollte zweifeln, an dem Wink des Himmels, wer wollte lästern gegen Jehovas Wort!«

Während Monmouth den Blick zur Erde senkte, nahm der Geistliche einen vollen Kranz aus der Hand einer Jungfrau und drückte ihn auf das Haupt des Herzogs mit den Worten: »Der Gott Jehova erwählte ihn zum König des protestantischen Englands, der Gott Israels schütze den protestantischen Jacob von England.«

»Monmouth, König von England!« wiederholte die vom Jubel berauschte Menge. Die Mützen, die Tücher flogen noch einmal, kein Auge blieb trocken. Monmouth selbst weinte Thränen der Rührung. Nur die Ritter und Officiere aus seiner nächsten Umgebung blieben zurück, und sahen sich mit zweifelhaften Blicken an. Umsonst winkte Ferguson ihnen zornig, umsonst ritt er an Lord Gray und flüsterte ihm zu: »Beginnt!« aber Lord Gray zuckte die Achseln und blickte fragend auf die Andern. Da drängte sich Robert Fletcher ungestüm hindurch bis vor den Herzog, sprang vom Pferde, beugte vor ihm das Knie und ließ sein blutiges Banner in der Luft flattern:

»Jacob von York,« rief er mit lauter Stimme, »hat die Grundgesetze des Reichs gebrochen, darum hat Jacob von York die Krone verwirkt. Jacob von Monmouth, der nächste Erbe, Jacob von Monmouth, dem protestantischen Gotte Englands vertrauend, ist mit hundert Mann zum ›Schutz der Gesetze‹ gegen einen König mit vierzig Tausenden ›zum Schutz der Ungerechtigkeit‹ nach England gekommen, und die Heerführer der vierzig Tausende sind vor den Hundert geflohen; daran erkenne ich die Hand des Himmels, welche Englands Krone in die Hand des protestantischen Thronfolgers gelegt hat, darum huldige ich vor dem Angesicht des Himmels und des protestantischen Englands meinem Könige Jacob von Monmouth!«

Roberts Stimme drang weit durch die Kriegsschaaren, Ritter, Edelleute und Officiere drängten herzu, und stürzten auf die Knie, ja auf dem ganzen Marktplatz kniete das Volk nieder, so weit es der Raum zuließ. Dieses Schauspiel erblickte Harriet; sie hörte den aus weiter Ferne wiederhallenden Ruf: »Heil dem Könige Jacob von Monmouth!« und die gesunkenen Geister hoben sich wieder in ihr. Der Busen schlug stärker, aber es waren nicht mehr die Wallungen des Schmerzes, die Brust war freier geworden und die Seele Harriets leuchtete wieder aus den klaren Augen.

Draußen war eine feierliche Stille eingetreten. Frauen und Mädchen bewegten nicht die Tücher vom Gesicht, und selbst alte presbyterianische Krieger wischten die grauen Augenwimpern mit den rauhen Händen. Auch Monmouth kämpfte lange mit der ihn überwältigenden Rührung bis er Worte fand.

»Meine treuen englischen Freunde,« sagte er mit einer Stimme, die selbst aus dem Herzen kam, »so wahr ich Eure Sprache rede, so wahr mich ein englischer Vater zeugte, eine englische Mutter gebar, so wahr ich Euren Glauben theile, ich will ein Engländer sein, und als Engländer Euch regieren. Englands Ehre und Englands Glück sollen, wenn der Himmel mir Sieg gewährt, mein einziges Ziel sein, und mein schönster Ruhm, wenn Ihr mich den Vater meines Volkes nennt.«

Er sprang vom Pferde, und reichte die Hand seinen Getreuen, den Bürgern umher; in der allgemeinen Rührung vermochte man nicht mehr der Freude in Worten Luft zu machen. Harriet stürzte auf die Knie und faltete die Hände zu einem stummen Gebete.

»Er ist mein König, er ist Englands König!« rief sie dann rasch aufspringend, und fiel der Matrone um den Hals. »Was ist Entsagung der egoistischen Lebensfreude gegen einen solchen Moment? Theure Mistris, vergeßt Alles, was ich sprach, es war die Rede des Wahnsinns. Der Trost ist gefunden.«

Der Zug wogte langsam in die Hauptkirche, welche die Menge der Teilnehmenden nicht zu fassen vermochte, als mehrere Geistliche dort den Herzog als Gottgesandten empfingen. Noch an demselben Tage folgte die feierliche Proclamation, in welcher Monmouth den Königstitel annahm. Die Stunden bis zum Abende verflossen in Unruhe. Die Krieger, deren Menge die Häuser der kleinen Stadt nicht zu fassen vermochten, lagerten auf den Straßen, aber bei der freigebigen Bewirthung von Seiten der Bürger gewann es eher den Anschein eines öffentlichen Festgelages als den, einer von feindlichen Kriegern besetzten Stadt. Mit dem Abend begannen die Feuerwerke, Freuden- und Signalfeuer brannten auf den Bergen ringsum, und die vor wenig Wochen noch geächtet im Auslande umherirrenden Anhänger der Freiheit glänzten jetzt als vergötterte Helden auf dem Balle, welchen Tauntons Bürger dem neuen Könige mit dem Aufwand aller Kräfte gaben.

Trelawny war es erst spät gelungen, durch das Gedränge in die Stadt zu kommen, und erst am Abend fand er die Lady in ihrer Verborgenheit auf. Ihn begleitete Robert Fletcher. Blaß und doch schöner, als Beide sie je gesehn, fanden sie die Lady auf dem Ruhebett sitzend. Sie hieß die Eintretenden sanft willkommen. Dem gewandten Trelawny versagte die Sprache und er senkte gern den Blick als Harriet ihn der Anrede überhob.

»Der bittere Kelch ist geleert; es war eine Arznei Trelawny, so bitter als selbst Du sie nicht zu brauen vermocht, und es blieb doch kein Tropfen übrig, den Du mir nachschenken könntest. – – Entschuldige Dich nicht; Deinen Antheil an der Schuld verzeihe ich Dir, denn auch der Wahn, von Monmouth geliebt zu werden, war ein Glück!«

»Bei allem, was heilig ist,« fuhr Robert Fletcher dazwischen, »er liebt Euch noch, er wird Euch als König lieben, Ihr seid die Königin seines Herzens, und die Krone theilte er mit Harriet Wentworth, könnte er den ältern Bund mit der Erbin von Buccleugh zerreißen.«

»Mylady,« sagte jetzt Trelawny, noch immer gesenkten Blickes. »Es war ein kirchliches Band, das Euch an ihn fesselte, in Monmouths Sinn das einzig ächte, da er, kaum willensmächtig, jener Erbin die Hand reichen mußte, und es ließe sich zur Beruhigung Eures Gewissens beweisen –«

»Was beweisen!« herrschte die Lady ihn an, sich stolz erhebend. »Mich kümmern diese Formen nicht, nach denen meine kleinmüthigen Freunde ängstlich für mich suchen mögen. Er liebte mich, das genügt mir. Die Lust des Vaterlandes, sein ächter König, der große Mann, deß Brust überreich an Adel, Kühnheit, Liebe ist, so reich, daß ein Weib, sollte es seine ganze Liebe fassen, wahnsinnig würde, der Mann hat mir einen Theil seiner Liebe geschenkt, das ist für mich genug, und Euch und der Welt erlaube ich von mir zu denken, wie alle die Gesetze gebieten, denen Euer Geist Gehorsam schwor.«

»Noch weiß Monmouth nichts von Eurem Hiersein,« sagte Robert. »Darf ich Euren Namen ihm nennen, die Freude des heutigen Tages durch neue Freude zum Nichts zu machen?«

»So wahr Euch Monmouth, England, Eure Geliebte werth sind, er darf es nicht erfahren, – ich sehe ihn nicht wieder.« Sie hielt plötzlich inne, als habe sie zu viel verrathen, dann fuhr sie fort: »Den Befreier seines Vaterlandes darf keine Rücksicht auf der Bahn der Glorie hemmen. Er soll nicht wissen, daß ich hier bin, daß ich hier war, nennt auch niemals meinen Namen. Aber, Ritter, Euch gebe ich den theuersten Auftrag meines Lebens: Ihr, der Ihr heut zuerst gewagt, den heißen Wunsch Englands auszusprechen, seid auch fortan sein Hort und Schutz in der Schlacht. Von Robert Fletcher, von Saltons Sohn fordere ich Monmouths Leben.«

Sie reichte ihm die Hand zum Kuß und befahl Trelawny alles zum Aufbruch bereit zu halten, da sie noch diese Nacht Taunton verlassen wolle.

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