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Schloß Avalon. Zweiter Band

Willibald Alexis: Schloß Avalon. Zweiter Band - Kapitel 6
Quellenangabe
authorWillibald Alexis
titleSchloß Avalon. Zweiter Band
publisherF. A. Brockhaus
year1827
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20180307
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Fünftes Capitel.

Den folgenden Tag begab sich der Marquis mit allen den Seinigen auf ein Schiff nach Martinique, und nach ungefähr neunzehn oder zwanzig Jahren eines glücklichen Fleißes im Handel, nebst einigen unverhofften Erbschaften von weitläuftigen Verwandten ... kam er zurück, seinen Adel zu reclamiren und zu unterstützen.

Yoriks empfindsame Reisen.

 

In der Burg Avalon hatte der Wille über die zaudernde Natur den Sieg davon getragen. Der genesene Raleigh verließ die Thore des Schlosses seiner Ahnen, um den tapfern Arm seinem Könige wieder anzubieten. Bei der ersten Nachricht von Monmouths Landung galt es ihm nur auf den Schauplatz zu eilen, wo der verlornen Geliebten so viele Gefahren drohten, und sein Freund Robert, allem Vermuthen nach, eine thätige ihm verderbliche Rolle spielen würde. Als indessen die Nachrichten von dem Zulauf, den der Herzog gewonnen, durch das Gerücht weit übertrieben wurden, und die Proclamationen eine wirkliche Gefahr für König Jacob ahnen ließen, eilte er wieder in die Reihen der Krieger zu treten, um mit Blut und Leben der Sache zu dienen, welcher der Erbe der Loscelyne sein Dasein gewidmet hatte.

Die Stille einer peinlichen Erwartung, die er auf dem ganzen Wege bemerkte, fiel ihm noch mehr in London auf. Es gab hier eine Zeit, wo die Gemüther so gespannt auf dies rasche Unternehmen waren, welches in seiner Entwickelung auf ganz Europa von Einfluß sein konnte, daß selbst in dem ewig regen Geschäftsverkehr eine sichtbare Stockung eingetreten schien. Die große Mehrzahl der Einwohner war dem Unternehmen günstig, ohne es durch Wort oder That begünstigen zu wollen. Alle bisherigen Kämpfe gegen den Despotismus der Stuarts waren unter der Form des Gesetzes gestritten worden, dies war der erste offenbare Friedensbruch, den nur der Erfolg heiligen konnte, und im Kampfe der Rebellion mit dem Gesetze schien die Macht auf Seite des letztern zu stehn. So viele Verfolgungen um freie Aeußerungen hatten selbst Londons trotzigen Bürgern die Vorsicht, als eine vortheilhafte Waare empfohlen, und überall sah man auf den Straßen die Leute stumm neben einander gehen, während die neugierigen Blicke, die fragenden Augen eine Theilnahme verriethen, welche vor keinen Richter als strafbar gezogen werden konnte.

Das Gefühl einer traurigen Einsamkeit bemächtigte sich des Ritters in der einst von, ihm so verhaßten, Gewühl erfüllten Stadt. Sein Geschäft verzögerte sich. Die Cirkel des Hofes ekelten ihn an, und Freunde fand er nicht. Raleigh schweifte deshalb Stunden lang ohne Absicht auf den Straßen umher. Er sah die Placate an den Ecken, er sah wie die Augen der Vorübergehenden darauf hafteten, wie unwillkürlicher Schauder die Lesenden faßte, wie dann die Blicke scheu umher schweiften, zu sehen, ob kein Verräther in der Nähe sie belauscht habe, und es wurde ihm klar, daß es schon eine verlorene Sache sei, ob er gleich sich darüber nicht freuen mochte. Die weite Stadt erschien ihm wie ein Kirchhof; unwillkürlich richteten sich immer seine Schritte nach den Plätzen, wo vor kurzem noch so viel edles Blut geflossen war, und in jeder Straße traten ihm entgegen die bleichen Gestalten eines Essex, Russel, Algernon Sidney, eines Thomas Armstrong, der sein wüstes Leben durch einen christlichen Tod gebüßt hatte, und der vielen andern, die jenen im Leben und Tode nachgefolgt waren.

»Und dies Blut lockt Blut! Wie lange Reihen trauriger Schlachtopfer sehe ich noch im Nebel der Straßen daherziehn, ihr Haupt zu beugen! So soll Englands freier Geist in Meuterei ausarten, verbluten, und die Ausgezeichneten, die berufen waren durch stolzen Sinn dem Uebermuth eine unübersteigliche Mauer entgegen zu setzen, gaben das lockende Beispiel. Diese Blindheit, die bewußtlos ohne zu prüfen die Menge den leuchtenden Wenigen folgen heißt, welche zürnende Gottheit gab sie unserm Wolke als fluchbringendes Geschenk!«

Er stand an der Straßenecke gelehnt, einen der Plätze mit den Blicken überfliegend, wo kaum vor Jahresfrist Schaffote errichtet waren, als ihn ein Bettler ansprach. Er gehörte nicht zu den gewöhnlichen, welche mit hergebrachten Floskeln von ihren Marktplätzen herab jeden Vorübergehenden bestürmen. Es hätte noch ein Mann in seinen bessern Jahren sein können, wenn nicht das Elend ihn älter erscheinen lassen. Schon lange hatte er von weitem den Ritter betrachtet, war unschlüssig auf und ab gegangen und dann plötzlich auf ihn losgefahren, daß ein minder beherzter oder minder gegen äußere Gefahren gleichgültiger Mann einen räuberischen Angriff, zumal in der Dämmerungsstunde, hätte besorgen mögen. Scheu senkte der Bettler den Kopf und murmelte wenige Worte von Hunger und besserem Leben sonst. Sein zitternder Körper, die Verlegenheit und die Reste einer anständigem Kleidung sprachen mehr für ihn, und Raleigh reichte, von so vielen trüben Erinnerungen mitleidig gestimmt, ihm ein Goldstück. Eine Röthe überzog des Bettlers Gesicht. Er stammelte einige Worte des Dankes und verschwand so schnell, daß der Geber auf die Vermuthung gerieth, er beabsichtige wiederzukommen.

Dies war jedoch nicht der Fall, und Raleigh kam das Gedächtniß jenes ausgezeichneten Wüstlings in den Sinn, der im irren Verlangen nach dem Reiz des Neuen und Seltsamen es nicht verschmäht hatte, lange Zeit als Bettler London zu durchziehen. Auch er war gestorben, auf dem Todtenbette die Verkehrtheiten seiner Jugend bereuend. Raleighs Schritte hatten ihn, ohne daß er es wollte, vor jene Weinstube geführt, wo Rochesters Witz einst regierte. Trotz der schmerzlichen Rückerinnerungen konnte er sich nicht enthalten hineinzutreten; er wollte sehen, ob auch hier Alles ein so ganz anderes Aussehn gewonnen, wie in der Stadt. Der Aufenthalt weniger Augenblicke konnte ihn davon überzeugen. Zwar war es noch eine Weinstube, in der die Ausgelassenheit herrschte; die früheren edleren Begleiter derselben, Witz und Laune, waren aber entwichen. Trotz des vielen Trinkens herrschte eine dumpfe Stille, nicht durch Blitze des Witzes, durch widrige Ausbrüche trunkener Lust nur zuweilen unterbrochen. Der Wirth schlich, wenn er sich sehen ließ, gesenkten Hauptes umher, ihn beugte der Gedanke, Verräther, Zeuge und so der Grund des Todes von Männern geworden zu sein, welche man anfing als Märtyrer der englischen Freiheit zu preisen. Lord Howard, ein Mann, der nachdem er alles verschwendet, durch den Verrath seiner Freunde nichts als die Verachtung hinzugewonnen hatte, suchte in den dunklern Winkeln sein von Allen gemiedenes Dasein zu verbergen oder vermittelst des Glases sich selbst zu vergessen. Verabscheut von denen, deren Sache er verlassen, und von der herrschenden Partei übersehen, verzehrte er den Groll in sich, und spielte den Unzufriedenen mit der ganzen Welt, wenn ein Fremder sich ihm zufällig näherte. Noch ein Mitverschworner aus der Zeit des letzten Complottes fand sich zuweilen bei Shephard ein; doch verrieth eine Art Aufmerksamkeit, welche man ihm bezeugte, daß Oberst Rumsey noch nicht so in Nichtigkeit als jene Beiden versunken war. Er sprach weniger als sonst, der Kragen seines Mantels, der in die Stirn gedrückte Hut verbarg das Gesicht des Kriegsmannes, aber die Blicke aus den dunkeln Augen schienen dafür auch desto tiefer in die beobachteten Gegenstände einzudringen. Man bewies ihm alle äußere Zeichen der Ehrfurcht, aber Niemand rückte den Stuhl an seinen Tisch und das vertrauliche Gespräch verstummte in seiner Nähe.

Auch Raleigh fand sich wenig gestimmt mit Männern ein Gespräch anzuknüpfen, welche selbst zur Zeit ihrer unbefleckten Ehre wenig Anziehendes für ihn hatten. Man fragte ihn nach seiner Krankheit, Lord Howard rief ihm zu, er gleiche einem Schatten seiner selbst, und als er diese Bemerkung mit der allgemeinen, wie ihm Alles hier gleich dem Schatten von ehemals vorkomme, beantwortete, wurde er ein Thränodist genannt.

»Die Schuld liegt an uns ganz allein,« rief Howard, »wenn wir die Zeiten anklagen. Ich weiß nicht, warum das Leben jetzt schlimmer sein soll, als ehemals? – Ich bin noch, der ich vordem war, der Wein ist es auch, und die Narrheit auch. Was ändert sich sonst als die Lust der Narren?«

Alles schwieg, Howard war aber daran gewöhnt.

» Der Narr ist der größte, welcher weise, der Gottlose am gottlosesten, welcher fromm werden will! Rochester bildete sich ein ein König und Gott unter den Bettlern zu sein, und durch sein Ende hat er sich als ein kläglicher Bettler vor Gott bewiesen. Habt Ihr etwa, Sir Raleigh, seinen seeligen letzten Sermon mit dem vortrefflichen Doctor Burnet studirt? Seht, wollte ein Geistlicher wie dieser Burnet meinem Gedächtniß ein solches Armesünderhabit überziehn, ich kehrte als Gespenst zurück, ihn als Injuriant zu belangen, und sollte ich auch deshalb, falls ich zufällig in den Himmel käme, einen Wechsel auf die Hölle ausstellen müssen.«

»Lord Howards Wechsel werden weder im Himmel noch in der Hölle acceptirt,« bemerkte Jemand.

»Auch ich halte wenig von solchen Bekenntnissen auf dem Todtenbette,« sagte Raleigh, »wo das ganze Leben dem Bekenntnisse widerspricht. Was wägt dieser letzte Fieberanfall, frostig oder hitzig, in der Waage des ewigen Richters aus, wenn Gedanken und Handlungen seit der Geburt die Schaalen belasten? Wie kein Eid, den die Furcht erpreßt, gelten kann, wie soll diese Reue ohne heilige Erkenntniß, ohne belebende Wiedergeburt, die Schuld vertilgen? Wer die Kraft hatte, ein Sünder sein Leben hindurch zu sein, sollte nicht beim Scheiden noch die Schuld der Heuchelei auf sich laden.«

»Bravo!« schallte es von mehreren Seiten. Neben ihm flüsterte aber Jemand: »Wenn das auf den seligen König Karl gehn soll, so hütet Euch vor dem Manne grad gegenüber. Es ist Oberst Rumsey.«

Raleighs und Rumseys Blicke begegneten sich.

»Sir Raleigh Loscelyne hat Recht,« sagte der Oberst. »Diese unzeitige Buße entehrt den Mann, wie den Soldaten, der sich etwa vor der Schlacht als Quäker bekennen wollte. Wer seine Sätze das Leben durchficht, dem bleiben sie auch im Tode eine feste Brücke hinüber in das graue Land, aus dem Niemand uns verrathen hat, welcher Codex dort gilt.«

Der Ritter bezeugte keine Lust mit dem Obersten weiter zu verkehren. Rumsey stand indessen auf, und indem er langsam das Zimmer durchschritt, blieb er, wie zufällig, an dem Tische des Ritters stehen.

»Ihr sucht wieder Anstellung, Sir?« warf er fragend hin.

»Wenn Ihr davon gehört habt, brauche ich es Euch nicht erst zu verrathen,« erwiederte Raleigh kurz, ohne seine Geringachtung völlig verbergen zu können. Rumsey ließ sich nichts desto weniger neben dem Ritter auf einen Sessel nieder.

»Euer Freund Sir Robert Fletcher war auch in London.« Seine Blicke suchten trotz der nachlässig hingeworfenen Worte den Eindruck welchen sie auf des Ritters Gesicht machten. Als er aber hier das nicht las, was ihm genügte, fuhr er fort: »Er ist seit Monmouths Invasion verschwunden, und jeder getreue Unterthan aufgefordert sein Versteck anzugeben.«

Da Raleigh nichts weiter als ein trockenes »So« antwortete und die Handschuh zum Aufbruch ergriff, schien er ein anderes Gespräch anknüpfen zu wollen.

»Ihr habt Recht, Sir, es ist Alles hier nur ein Schatten von sonst. Wir hatten uns viel vom neuen Könige versprochen, er ähnelt dem alten, und wenn er auch keine Pension vom Sultan Ludwig in Paris bezieht, macht ihn doch sein Interesse zum fügsamen Statthalter des allerchristlichsten Machthabers. Selbst die Rebellion ist zahm geworden. Glaubte man nicht, ganz London würde aufstehn, wenn der geliebte Held des Volkes mit gezogenem Schwert an die Küste spränge, und es regt sich keine Hand. Wir entarten von allen Seiten, und wer ein englisch Herz hat, mag betteln gehn, wie jener Ehrenmann, dem Ihr vorhin ein Allmosen zuwarft.«

»Kanntet Ihr ihn?« fragte Raleigh.

»Ei der Mann war sonst in diesen vier Wänden wohl bekannt, obgleich ihm die Kellner jetzt die Thür weisen. Er war ein Poet, der viel für die königliche Sache gedichtet, und jetzt wohl verhungern mag, Gottfried oder Thomas Otway heißt er. Er hat vielerlei für die Comödianten geschrieben.«

»Thomas Otway ein Bettler!« rief Raleigh in schmerzlichem Erstaunen und ein auf Rumseys Wink herantretender Kellner bestätigte des Obersten Angabe, daß der bekannte Comödiendichter von seinen vornehmen Freunden verlassen, oder durch den Tod von Ihnen getrennt, schon seit mehreren Monaten im Bettlerhabit auf den Straßen gesehen werde. Er habe bereits mehreremal in Newgate gesessen, seine Gläubiger hätten ihn aber wieder frei gelassen, da die Unmöglichkeit sie je zu befriedigen zu Tage liege. Er werde jetzt immer, sobald er sich auf der Schwelle betreten lasse, fortgejagt, indessen müsse seine Noth sehr groß sein, da er, demungeachtet, sich zuweilen hereinschleiche, und zufrieden fortgehe, wenn man ihm nur ein Stück Brot reiche.

Raleigh hatte den Hut tief in die Augen gedrückt, und war aufgestanden, nachdem er den Kellner um die Wohnung des Unglücklichen befragt. Die Kellner besprächen sich unter einander, und endlich meinte der neu angetretene Unteraufwärter, er erinnere sich, daß sein Vetter, der Wirth zum goldenen Zepter zu ihm erwähnt, wie er einem Bettelpoeten eine Kammer eingeräumt habe. Rumsey erbot sich augenblicklich den Ritter nach diesem in einer finstern Quergasse gelegenen Wirthshause zu führen, und da Raleigh keinen Grund fand auszuweichen, gingen beide schweigend durch die dunkeln Straßen neben einander, bis Rumsey wieder begann:

»Es geht das Gerücht, Sir, einer von Robert Fletchers Freunden habe ihn der Gefahr entzogen und verberge ihn in seinem Schlosse. Das Gerücht wird um so wahrscheinlicher, als nach genauen Nachrichten Fletcher sich nicht unter den zu Monmouth gestoßenen Rebellen befindet. Wer aber des jungen Mannes unbesonnenen Eifer kennt, kann nicht zweifeln, daß er augenblicklich für Monmouth das Schwert ziehen werde; da es bekannt ist, daß Monmouth vornämlich auf ihn bei seiner Landung rechnete, da es endlich erwiesen ist, daß er mit hochverrätherischen Absichten durch die westlichen Grafschaften gereist ist, und auf seinen Namen Anwerbungen gemacht hat.«

»Wäre dem so, würde es mich freuen,« sagte Raleigh.

»Das Gerücht nennt auch den Freund,« fuhr Rumsey fort, »dem man allein den sonderbaren Freundesdienst zutrauen könnte, und zwar Sir Raleigh Loscelyne.«

»Das Gerücht lügt,« erwiederte dieser.

»Es mag lügen, doch stimmen alle Vermuthungen damit; und wenn Sir Raleigh Schwierigkeiten in London findet, so mag er sie diesem Gerüchte zuschreiben.

»Seid Ihr ein Agent des Kriegsamts?« fragte Raleigh kurz.

»Das nicht; und doch würde es der Weg sein, endlich den Lohn seiner Loyalität zu gewinnen und den Glanz des Hauses von Avalon zu erneuen, wollte Sir Raleigh auch dieser Verbindung mit einem Verräther entsagen, und einen Rebellen ausliefern, der sehr viel Redens von sich macht, ohne daß er eigentlich der Mühe werth ist, welche so bewährte Männer seinetwegen sich geben. Sir Raleigh, Ihr habt jenes Complott angegeben. Man weiß, Ihr murrt, weil Ihr keinen Lohn davon trugt, und man traut Euch deshalb nicht. Einen kühnen Entschluß gefaßt! Gebt mir, wenn Ihr selbst nicht mögt, Mittel den Fletcher von Salton zu fassen, und auf mein Soldatenwort, ich theile mit Euch die Belohnung. – Wollt Ihr, halbpart?«

Raleigh blieb stehen. Er faßte den Degengriff, und die Worte entstürzten dem Munde: »Elender Bub, ich bin ein Loscelyne von Avalon.«

Doch im selben Momente stieß er die halbgezogene Klinge in die Scheide zurück, während der Strahl seiner zornigen Augen selbst durch das Dunkel der Nacht Rumsey traf. Er wartete auf dessen Antwort, auf Alles gefaßt, sie blieb aber aus. Oberst Rumsey war ein tapferer Krieger; vom größten Feldherrn seiner Zeit, dem Feldmarschall Schomberg, mit diesem Zeugniß nach London empfohlen, hatte er auch hier bei jeder Gelegenheit sich als einen kühnen Mann gezeigt, und dennoch hatte das Schuldbewußtsein, der Gedanke an die verrätherische Feigheit so an seinem Muthe gezehrt, daß er nicht die Kraft fand dem Blicke des Entrüsteten zu begegnen, daß der Arm, der nie gezittert hatte, nicht an das Schwert greifen, daß er vernichtet nur lautlose Worte murmeln konnte, so lange der Ritter es für nöthig hielt, zur Aufrechthaltung der Ehre in seiner Nähe zu verharren. Als Raleigh, ohne Begrüßung ihm den Rücken gewandt und langsam in das Dunkel zuschritt, kehrte erst das entflohene Leben zurück. Als er zum letzten Male den Federbusch beim Laternenschein blinken sah, griff er an den Degen, knirschte mit den Zähnen und kehrte in das Weinhaus zurück.

Vier Treppen hatte der Aufwärter zum goldenen Zepter verdrossen den Ritter hinaufgeleuchtet, als er vor der fünften, welche sich wenig von einer Leiter unterschied, stehen blieb und auf eine oben befindliche Thür mit den grinsenden Worten: »Dort wohnt Herr Thomas!« hinwies. Raleigh hörte noch den hinunterspringenden Burschen sich spöttisch zu seinen Kameraden über den vornehmen Herrn auslassen, welcher den Bettelpoeten aufsuche.

»Wie wenige,« dachte er, »sind von dem allgemeinen Loose, dem verkannt werden, ausgenommen! Ist dieser gepriesene Dichter so tief gesunken, daß die Kellner einer Winkelschenke mit ihm Spott treiben, was konnte es mein Blut erhitzen, daß ein berüchtigter Verräther mich für nicht besser hält als sich selbst? Wir selbst sind es doch am Ende allein, die hier über uns Rechenschaft geben können. Die Sucht jener Heroen nach der zweifelhaften Ehre, Lieblinge des Volks zu werden, war es ja doch, welche sie fallen ließ. Ueberall giebt der Schein sein Zeugniß ab, daß, wer ein Mann in den Augen der Menge bleiben will, sein Leben lang vollauf damit zu thun hatte, den Schein zu retten. Und wahrlich es giebt höhere Aufgaben.« –

Er drückte die Thüre, an welcher das Schloß fehlte, als ihm auf sein Klopfen keine vernehmbare Antwort gegeben wurde, mit leichter Mühe ein. Der erste Anblick beim Schein der erlöschenden Lampe zeigte, daß ein solcher Aufenthalt des Jammers und des Todes keiner Schlösser bedürfe. Die Kammer, durch deren zerlöcherte Wände die Luft freien Durchzug fand, war von allem Hausrath entblößt, nur auf einem morschen Tische stand die Lampe und einiges Schreibgeräth. Auf dem Strohlager an der einen Seite, selbst als solches dürftig und kaum mit einem schmutzigen Laken bedeckt, saß der Bewohner dieser Zelle des Elends. Raleigh ergriff die Lampe und beleuchtete ihn. Aber auch diese Bewegung schien ihn nicht mehr aus der starren Gleichgültigkeit aufzustören. Er saß halb aufgerichtet und stützte den Kopf vermittelst der Ellenbogen. Sein überbleiches zerstörtes Gesicht verrieth, daß er eben convulsivische Krämpfe gehabt, welche seine letzten Kräfte mochten verzehrt haben. Ohne den Besuchenden anzusehn sprach er nach einer Weile: »Ich mach« keine Gedichte mehr,« und sank dann wieder hinten über.

Raleigh eilte hinunter und stürmte den Wirth aus der Zechstube mit der Nachricht heraus: daß sich ein Sterbender in seinem Hause befinde. Da er Geld gab, fand er keine Schwierigkeit, daß nach einem Arzt geschickt wurde. Raleigh beruhigte sich indessen nicht dabei, sondern drang in den Wirth ein Geständniß zu geben, wie Otway in diesen Zustand der Vernichtung könne gerathen sein, indem er ihn noch vor einigen Stunden völlig gesund auf der Straße verlassen.

»Ganz richtig Euer Gnaden,« sagte der runde Wirth, ohne sich aus seiner Behaglichkeit bringen zu lassen. »Vor ein Paar Stunden sprang der Schelm wie ein northumberländischer Windhund ins Haus, zeigte mir eine Guinee, die ihm Einer geschenkt, oder er mag sie auch Jemanden auf andere Art abgebettelt haben – und forderte Wein, Liqueur und Gott weiß was. Dann schleppte er, als ich ihm das Gold umgesetzt hatte, einen halben Bäckerladen herbei. Da er nun lange mag gehungert, so zweifle ich nicht, er wird den Vorrath auch auf einmal verschlungen haben, und wenn er das gethan hat, so erklärt sich das Fieber von selbst. Uebrigens lasse ich die Schuld mir nicht ganz aufs Gewissen laden, denn eine halbe Guinee habe ich für Auslagen zurückbehalten.«

Der Wirth watschelte lächelnd zu den ihn rufenden Zechkumpanen und Raleigh stieg, begleitet vom Kellner, der einige Stärkungen und Erfrischungen trug, zu dem kranken Dichter hinauf. Otway trank ein Glas Wasser und sagte dann:

»Lieber Herr, ich kann keine Gedichte mehr anfertigen. – Ihr seht es ja selbst – zu Carmen für Hochzeiten und Geburtstage bin ich zu traurig und wenn ich ein Gedicht auf ein Leichenbegängniß schreiben soll, wäre ich mir selbst der Nächste.«

»Mußte ein so kühner Geist dazu seine Feder hergeben, bestimmt Werke ans Licht zu fördern, welche auf die Nachwelt dauern sollen!« rief der Ritter.

»Grade diese wurden am besten bezahlt,« entgegnete mit gebrochener Stimme der Kranke. »Und ich hätte mein ganzes Leben nichts anderes schreiben sollen. Dünkel, Ehrsucht, alle die Teufel, die uns locken und verfolgen, wären dann ausgeblieben. Keine Seele wüßte von Thomas Otway als meine Kunden, und ich lebte zufrieden.«

»Otways Name wird fortleben,« entgegnete Raleigh, »wie ihn schon jetzt alle Freunde englischer Dichtkunst hochachten.«

»Und den Dichter verhungern lassen« – fiel Otway bitter ein. »Sie lachten mit mir und tranken mit mir, so lange ich lachen konnte und witzig sein. – Sie zogen mich wie ein Schaugericht an ihre Tafeln, ihren Gästen den Menschen zu zeigen der berühmte Verse mache und mit Rochester und Buckingham ihr Herkommen verachte. Aber als man sich satt gesehen und satt gelacht an meinem Witz, war man nicht zu Hause, wenn ich kam und die Thürsteher grinsten mir nach, wenn ich abzog. – O jene Brauer und Schneider, für deren Hauptaktionen ich Verse zusammenstoppelte, sind königlicher gesinnt, als alle Pairs des königlichen Englands. Daß ich noch heut lebe, das ist ihr Werk; sie sandten mir doch zuweilen ein Brot oder ein Glas Wein.«

Raleigh bot ihm Erfrischungen an, und wünschte, er möge, wonach er Verlangen trage, aussprechen.

»Wenn der kalte Todesschweiß auf der Stirne perlt,« entgegnete Otway, »hört das Verlangen auf. – Für mich kommt Alles zu spät. – O Ritter, Ritter, das ist das herrliche England, das loyale England, das sind Könige, das sind Fürsten, die so unsere Dienste lohnen! – Ich trat ihre Schwellen ab und lief die Füße wund nach einem gnädigen Lächeln, nach dem Blick eines Prinzen, dem Antlitz einer Prinzessin, ich versetzte sie in meinen Gedichten auf den Olymp und ward in den Koth getreten.«

Raleigh, der in Erwartung des Arztes auf einer Art Bank dem Kranken gegenüber sich niedergesetzt hatte, erinnerte ihn an ihr früheres Zusammentreffen, was der Dichter vergessen hatte. Als er aber erwähnte, wie Otway damals seine Hoffnung auf den Thronfolger, den jetzigen König, gebaut habe, rief jener mehr angeregt aus:

»Das war der letzte Stoß, der Thomas Otways Barke auf dem Meere des Lebens traf. Ja seht, Ritter, als die La Guyn mich verließ, setzte ich Alles daran, die Miß Sedley zu gewinnen, und sie hatte gewiß ein altenglisches Herz und hätte mich nicht verschmachten lassen. Als sie Gräfin von Dorset wurde, glaubte ich, das Glück lache mir noch einmal; aber da konnte sie ihren Witz nicht zügeln, verspottete die Jesuiten und kaum ist Jacob auf dem Throne warm geworden, muß sie fort. Es ist kein Verlaß auf Weiber und auf Könige.«

Raleigh mochte im Angesicht des Sterbenden der bittern Bemerkung nicht widersprechen; er fragte aber, ob Otway keine Versuche gemacht habe, sich dem neuen Monarchen zu nähern. Der Dichter ging nicht bestimmt auf die Frage ein. Verwünschungen mit Ausrufungen, welche an Reue erinnerten, wechselten, indem er sich auf seinem Lager umherwälzte.

»Dichter! Wer von unsern Großen kümmert sich denn um die Dichter im Vaterlande? Wenn die Castraten in den Palästen golden stolzieren, wenn die Schatzkammern sich öffnen für drei Töne einer fremden Sängerin, für den aufgehobenen Schenkel einer italienischen Tänzerin, mögen die Dichter verhungern zu den Füßen der Throne, die sie durch ihre Gesänge unsterblich machten. Wenn die Krämer reich werden von ihrem Nachlaß, wenn man Späne von den Tischen schnitzt, auf die ihre bittern Armuthsthränen flossen, dann läßt wohl ein großer Fürst ihnen ein steinern Grabmal setzen, von dessen Ertrage die darunter modernden einst hätten Nahrung haben, Weiber nehmen, Kinder zeugen können.«

»Guter Otway,« sagte Raleigh, »das ist nun einmal das Loos der Dichtkunst auf Erden, daß ihre Priester nachstehn müssen allen andern Künstlern, deren Schöpfungen mehr den Genuß des Moments bereiten. Weshalb aber murren, da es allgemeines Loos ist? – Das Reich der Dichter bleibt die Nachwelt. Wenn der Bildhauer, der Maler nur auf die ungewisse, verkümmerte Dauer weniger Jahrhunderte schafft, leben des Dichters Schöpfungen unverändert immer frisch selbst über die Sprache, in der sie geschrieben, hinaus. Die Bauten der Vorzeit, bestimmt zum Dienst der Gottheit, verwittern, während die Gesänge zu ihrem Preise heut so kräftig schallen, wie vor zweitausend Jahren. Selbst die begleitende Schwester der Dichtkunst, die Musik, scheint abhängiger von der Zeit und Entwickelung, und gleich wie nichts was die Kunst einst pfuschte, älter ist, als Homers unerreichte Lieder, so wird auch die Poesie in Ewigkeit dauern. Ihr verkümmertes Loos auf Erden soll die Dichter vielleicht mahnen, um jener Unsterblichkeit theilhaftig zu werden, nicht an der Zeit haftend, aus reinen Stoffen immer Frisches für die Ewigkeit zu bauen.«

Statt daß Otway, wie Raleigh gehofft, beruhigter worden wäre, hörte ihn der Ritter, das Gesicht ins Stroh verbergend schluchzen.

»Soll das Trost, oder Hohn sein? – Ich habe nichts Frisches, nichts Reines geschaffen. Die Kraft, die mir Natur gab, habe ich vergeudet. – Jede meiner Arbeiten wird mich vor dem ewigen Richter, wenn es einen giebt, verklagen, auf die tausend Bruchstücke deutend, die alle gute Steine waren zu einem hohen Palast und nun zu Hütten und Kloaken verbaut sind. – Ja, ich war einmal ein besserer Mensch, ich fühlte Kraft in mir zum Höchsten. Als ich London zum ersten Mal sah, die Weltstadt, wie breitete ich die Arme verlangend aus, welche Sehnsucht, welche Fülle von Lust, Vorsätzen, Hoffnungen! Ich lagerte mich hin auf den grünen Hügel und schwelgte an der Brust meiner Muse. Und das ging alles hin, in Taumel, Rausch, Lust! Die Theater, die uns überschütten mit dem heißen Guß triumphirender Lust, mit dem Eisbad der Verzweiflung! Die tausend Stricke und Netze, die sie um uns schlingen, daß wir nie zur Besinnung kommen. – Seht, so wurde Thomas Otway ein Nichts, ein Spott der Kinder, und so wird alles, was er in der Zeit schuf mit seinem welken Leibe modern.«

»Nicht Alles,« entgegnete der Ritter mit Wärme, »Die starren, wilden Gestalten Deines Erretteten Venedigs haben ein Leben, das über unser Aller Leben hinausdauern wird. Und es wird nichts vom Geist geschaffen, das nicht irgend wie, anregend, weckend fortlebt, wenn auch Gestalt und Name untergingen.«

»Wen tröstet das?« sagte Otway mit schwächerem Stimme. Dann sank er wieder zurück. Raleigh, bewegt, beugte sich über ihn und ergriff seine Hand. Die Kälte eines Sterbenden durchzuckte ihn, dem Kranken fehlte die Kraft sie zu drücken, doch versagte ihm noch nicht die Sprache.

»Soll der muthige Otway so enden!« entfuhr es dem Ritter. Der Dichter hatte die Worte noch gehört.

»Ein solches Leben verdiente ein solches Ende– wer so schwelgte, so überreich sich dünkte, muß so kläglich umkommen. – Und doch thut es wohl, noch von einer theilnehmenden Hand gedrückt werden.«

»Unglücklicher; hast Du keine Verwandte, keine liebende Seele, der Du Aufträge hinterlassen möchtest. Ich will ein treuer Bote sein –«

»Alles – alles vergessen, oder sie vergaßen mich – meine Eltern ruhen auf dem Kirchhof – die Liebe ging dem Genuß nach und floh nach dem Genuß – Freunde im Trinken –«

»So will ich für Dein Andenken sorgen.«

Raleigh fühlte einen schwachen Druck der gefaßten Hand: »Meine Muse war die einzige Freundin,« sprach Otway mit sterbender Stimme, die verlöschenden Augen auf den Tisch richtend, dann schloß er sie, und schlief. Der Arzt trat ein, und verharrte an dem Strohlager, während Raleigh ein auf dem Tische liegendes Manuscript durchflog, »An meine Muse« war es überschrieben. Voller Andeutungen auf den zerrissenen Seelenzustand des Dichters, voller Rückblicke auf die bessere Vergangenheit, sprach es doch keine Hoffnung aus, sich aus dem Schlamm zu erheben. Nach einer Weile benachrichtigte ihn der Arzt, daß der Kranke ausgelitten, man drückte dem Verlassenen die Augen zu und Raleigh ordnete mit dem Wirth und Arzt alles zu einer stillen Bestattung an. Mit dem Gedichte, das er späterhin herausgegeben, verließ er langsam das Haus. In seinem Hotel erfuhr er indessen, daß es ihm nicht vergönnt sei, dem unglücklichen Dichter die letzte Ehre selbst zu erweisen. Er fand einen Befehl sich schleunigst zu seinem Regiment zu begeben, das auf Eilmärschen nach dem Westen aufgebrochen war. Die verspätete Einhändigung des Befehls war theils dem Umstande, daß er den ganzen Tag in der Stadt umhergeschweift, theils der allgemeinen Verwirrung zuzuschreiben. Denn Monmouth hatte, wie er erst hier erfuhr, so reißende Fortschritte gemacht, daß man sich genöthigt gesehen, die Infanterieregimenter auf Wagen ihm entgegen zu schicken.

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