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Schloß Avalon. Zweiter Band

Willibald Alexis: Schloß Avalon. Zweiter Band - Kapitel 5
Quellenangabe
authorWillibald Alexis
titleSchloß Avalon. Zweiter Band
publisherF. A. Brockhaus
year1827
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20180307
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Viertes Capitel.

Aelian versichert uns in seinem Bericht über den Zoilus, jenen angeblichen Kritiker, der gegen Homer und Plato schrieb, und sich weiser als alle vor ihm dünkte, daß dieser einen langen Bart getragen, welcher ihm bis über die Brust gehangen, aber gar kein Haar auf dem Kopfe, den er vielmehr ganz kahl geschoren, damit ihm hier nicht die Nahrung für den Bart entzogen würde.

Spectator.

 

Die ersten Handlungen König Jacobs waren wenig geeignet die Abneigung zu bekämpfen, welche man gegen den katholischen Herzog von York genährt hatte. Trotz seiner im Staatsrath ausgesprochenen Versicherung, die Gesetze und die Religion des Landes zu schützen, verriethen seine Beschlüsse, daß es ihm mehr darum zu thun war, die Festigkeit seines Characters als eine Achtung vor den bestehenden Einrichtungen zu bekunden, welche ihm hierin Widerstand leisten mußten. So ließ er Einnahmen, vom Parlamente nur für die Lebensdauer des vorigen Königs zugebilligt, ohne sich um einen Rechtsgrund zu bemühen, fortdauern und zeigte in jeder Handlung, welche kühne Vorstellungen er von der Macht eines Königs genährt hatte. Was aber mehr als alle willkürlichen Maasregeln den Sinn der Menge empörte, war, daß Jacob einen Gesandten nach Rom schickte um wegen der Bekehrung Englands mit dem Papste zu unterhandeln. Dieser letzte Zweck war zwar nicht deutlich ausgesprochen, da aber die Gesetze jeden Verkehr der Art zwischen England und dem Oberhaupte der katholischen Christenheit als Verrath gegen die Kirche brandmarken, mußte das unbesonnene Unternehmen des königlichen Eiferers für eine Verletzung der festesten Grundlagen der englischen Verfassung gelten.

»Wenn er dergleichen im ersten Jahre seines Regiments thut, was geschieht dann im zehnten?« flüsterte man sich zu, und doch erhob sich selten eine laute Stimme, weil theils die Gerüste, mit so vieler Edlen Blut getränkt, noch in frischem Andenken lebten, theils aber eine große Partei, die schon durch jene Katastrophe an Einfluß gewonnen, unter der Regierung eines Königs, der die Sektirer Schottlands mit unerbittlicher Grausamkeit einst verfolgte, auf unumschränkte Macht hoffte. Im Stillen wurde viel gemurrt, aber die Geistlichkeit der hohen Kirche predigte für den König, und ließ alle Nichtconformisten schonungslos ihren Einfluß fühlen. Daher fand Robert Fletcher auf seinen Streifzügen durch die westlichen Landschaften die Gemüther in der Gährung, welche nur eines leisen Anstoßes bedarf, in Flammen überzugehn. Wenn er nach der Anweisung seines fürstlichen Freundes sich überwand, Frömmigkeit im Munde zu führen, hörte er vernehmbar die Stoßseufzer der Pachter und Bürger nach dem trefflichen protestantischen Fürsten über dem Meere, und er lächelte nicht ungefällig wenn von den Lippen der strengsten Puritaner das Lob des ehrenfesten Fletcher von Salton und daß sein Sohn in England sei, ertönte. Er konnte in jedem Maierhofe auf die gastfreiste Bewirthung rechnen, wenn er von den Zufällen bei der Krönung erzählte, daß der Thronhimmel eingestürzt und die Krone dem Könige über die Stirn ins Gesicht gerutscht sei. Mann und Frau sahen sich bedenklich an und die Großmutter citirte aus ihrem Winkel heraus einen Bibelspruch, wonach dies unfehlbar Entthronung bedeute.

Die Vernünftigem waren auf das eben berufene Parlament gespannt, die presbyterianisch Gesinnten und Whigs erwarteten jedoch wenig, indem die Mehrzahl der Mitglieder aus den bekanntesten Eiferern für die Gewalt der hohen Kirche und die Vorrechte des Königs erwählt worden.

»Indessen werden sie doch ihren protestantischen Glauben dem Könige nicht verkaufen, wenn es eifrige Männer der Kirche sind!« sagte ein Gast in der wohlbekannten Schenke zum protestantischen England, in welche Robert sein neuester Verkehr mit den kleinen Landbesitzern dieser Gegenden zuweilen führte, obgleich er seinen Namen und seine frühere Bekanntschaft durch Bart und Kleidung gern zu verbergen suchte.

Sandy fuhr bei jener Aeußerung zornig auf: »Eifrige Männer der Kirche! Worin besteht denn der Eifer als im Zehntennehmen, im Posaunenblasen und Orgeln, im Kutschiren mit Vorreitern und Livreen? Wo findet da in ihren kurzen, abgelesenen Predigten die durstige Seele einen Trunk, wo der Geist Labung, der nach Himmelsnahrung verlangt? Die Hunde werden besser gelabt mit den Brosamen ihrer bischöflichen Tafeln, als die ganze Gemeinde von dem Tische des Herrn, der ihnen anvertraut ist. Jetzt bücken sie sich und beugen sich und lauern auf die Worte des Gewaltigen, statt, wie es den Priestern Jehovas ziemt, ihnen fest ins Angesicht zu schauen. Sie streicheln den Baal, um gegen die Kinder Israels ausschlagen zu können, und wer verfolgt uns ärger, der blutgierige Papist, der unsere Leiber folterte, oder sie, die sich Christen rühmen und im Unglück auf ihre Brüder geisseln? Seht, meine Maria hatte ich, weil es hier nur Männer in meinem verwaisten Hause giebt, hingeliehen in den Dienst der Tochter des alten Tennison, aber als der würdige Gottesmann gestorben, und der Prälat ihr Vormund wurde, da nahm ich sie weg damit kein Gift in das reine Gefäß träufele.«

» Sie haben aber doch keinen Gesandten nach Rom geschickt, und um einen Legaten gebeten,« sagte ein anderer.

»Wo steht aber geschrieben, daß sie es nicht thun werden? – Wer einen Finger ihm reicht, der kann, wenn er danach greift, die Hand nicht mehr zurückziehn. – Werden sie denn nicht schon lau? – Sind sie nicht lüstern nach fetten Stellen? – Wer giebt den Dienern des Leibes die Kraft unserer Heiligen, wenn er mit der Folter droht? Die Fliegen fallen matt hin, wenn der kalte Herbst da ist. Sie, die so trotzig gegen uns sind, und sich blähen in weltlichem Uebermuthe, werden die Segel streichen, wenn der Wind aus Süden kommt. Und sitzt nun der Legat in England und der König runzelt neben ihm die Stirne, da, – mein graues Haar zum Pfande! – es schleicht Einer nach dem andern um den Meßtisch und sie fallen ab von ihrem Gotte, um des Zeitlichen willen.«

»Ei was!« sagte der Vorige. »Es wird Zeit haben, ehe aus Rom ein Legat kommt.«

»Aber der Abgesandte aus England ist hin!« rief Sandy mit erhobener Stimme. »Und das haben die geduldet, die sich eine Säule der Kirche nennen, aus eitler Furcht geduldet! Seht, der Antichrist in Babylon, jeder ihrer Kardinäle würde sich eher mit Füßen treten lassen, als dulden daß man eine Botschaft schickte zu den muselmannischen Ungläubigen, und unsere Bischöfe stehen vor des Königs Thüre, indessen er die Messe hört, und küssen ihm den Rock und bücken sich vor seinem Beichtvater, und wünschen dem Jesuiten gute Ueberfahrt nach London. Aber des Herrn Zorn wird über sie fahren, und vor dem sie kriechen, der wird ihnen eine Geisel werden.«

Alle Anwesende äußerten ihre Meinung über diese bedenkliche Gesandtschaft, und Robert, um die seine befragt, sprach die unter dem unterrichtetern Theil der Nation angenommene aus, wie Papst Innozenz XI als zu vernünftiger Staatsmann bekannt sei, um selbst der thörigen Hoffnung Raum zu geben, das erzprotestantische England, von nichts als dem Wunsche eines Königs unterstützt, in den Schooß der römischen Kirche zurückzuführen. Hier aber lautete eine solche Aeußerung wie Ketzerei.

»Der Papst vernünftig!« klang es von allen Seiten und alle Blicke kehrten sich nach dem Redner. Die ihm zunächst saßen rückten scheu mit ihren Schemmeln ab, und murrend ging der Ausruf: »Der Papst vernünftig!« noch einmal durch das Zimmer bis er unhörbar verhallte.

»Das muß weit gekommen sein in Alt-England,« sagte der erste Gast, »daß so etwas, in englischer Sprache, ohne Schamröthe und in Devonshire ausgesprochen werden kann.«

Man flüsterte sich allerlei Vermuthungen zu, und der Sohn des Wirthes fragte, mit einer kecken Miene am Tische des Gastes vorübergehend, woher der Gast des Landes sei? Robert, den die Sprache des religiösen Parteigeistes jedesmal in die Stimmung des Muthwillens versetzte und dem die Unwissenheit der Männer dieser Gegend mit den Vorfällen in London bekannt war, antwortete:

»Ei Freund, kennt Ihr mich nicht? Mich wunderte, daß Ihr so offen spracht, da Ihr doch wissen müßt, daß ich der Stallmeister des päpstlichen Legaten, Kardinal Bembo, bin.«

Da der in einen Pelz verhüllte Ritter sehr ernst blieb, gewannen die Versicherungen so vollen Glauben, daß kaum die folgende Rede des Stallmeisters ihn wieder bei den meisten schwächte.

»Ihr wißt, daß der Herzog von Monmouth wegen seiner großen Religiosität, die ihn in Gefahr brachte Pietist zu werden, von seinem höchstseligen Vater außer Landes geschickt wurde, um sich am Haag zu zerstreuen. Bei dem großen Einfluß, den Ludwig XIV bekanntlich zu Gunsten des lutherischen Glaubens dazumal über den Prinzen von Oranien ausübte, durfte er aber nicht länger dort verweilen, zumal als ihm ein Brief seines erlauchten Oheims, König Jacobs, auftrug nach Rom zu reisen, um dort wegen der Bekehrung von England zu unterhandeln. Unglücklicherweise war aber der Papst, als er im Vatican abstieg, auf inständige Vorstellungen Kaiser Leopolds, der dazu von den Türken und rebellischen Ungarn gedrängt wurde, gerade in dem Augenblicke protestantisch geworden. Die Kardinäle waren in großer Verlegenheit und der Herzog von Monmouth nicht minder, indem er nicht wußte mit wem er unterhandeln sollte. Da zogen die Kardinäle ihn und sich aus beiden und machten Monmouth zum Papst, den Papst aber zum Herzog von Monmouth. So ist jetzt aller Welt geholfen, denn der neue Herzog von Monmouth ist mit König Jacob noch von der Zeit her, wo er Papst war, gut Freund, der neue Papst aber ist, weil er sonst Herzog von Monmouth war, König Jacobs natürlicher Neffe. Von diesem neuen Papste und alten Monmouth bin ich nun ausgesandt, um England zu bekehren, und es ist seine Absicht daß die Whigs katholisch, die Torys aber calvinistisch werden sollen. Ihr seht meine Freunde, daß dies keine spaßhafte Sache ist, weshalb ich Euch inständigst ersuche künftig mit mehr Ernst die Religionsangelegenheiten zu betreiben, da der Papst sein großes Misfallen über die Munterkeit ausgedrückt hat, mit welcher Ihr Eure Betstunden abhaltet, und durchaus ein Edict gegen alles Orgeln, Tanzen, Walzen und Predigen erlassen will.«

Damit entfernte sich Robert eilig aus der Schenkstube, und ein Hagel von Verwünschungen tönte ihm durch die zugeworfene Thüre nach, aber zugleich stürzte das niedliche Wirthsmädchen aus einem Winkel herbei. Sie habe ihm etwas Dringendes zu sagen, flüsterte sie ihm verstohlen zu, und Robert der wohl bemerkt hatte, wie er bei der kleinen Presbyterianerin nicht in Ungunst stehe, wollte eben wieder den Fuß aus dem Steigbügel setzen, als der ergrimmte Vater aus der Thüre stürzte und ungestüm die Tochter zurück riß:

»Fort von dem amalekitischen Samariter. Willst Du Dich, willst Du Deinen Vater denen verrathen, die bei ihren Rohrteichen sangen und spielten, als Debohras Ruf vom Libanon rauschte? Hebe Dich weg, Verführer, und reite auf dem Wege der Spötter, bis Du kommst in das Land des Gerichtes, und dahin führt Dein Weg, wo alle Deine Mummerei Dir nichts hilft, denn ich weiß Du bist der ausgeartete Sohn des großen Streiters für den Herrn. Dein Vater hat sich im Sarge umgekehrt und mit den Nageln reißt er die Augen sich aus, aber seine Fürbitte ist umsonst, denn es steht geschrieben, Du sollst gedemüthigt werden vor den Heiden und Christen, darum peitsche Dein Roß, Simon Ischariot, der Herr Jehova ereilt Dich.«

Dem Vater waren mehrere Gäste gefolgt welche seiner Drohung schienen durch die That Gewicht geben zu wollen, und da besonders der kecke Sohn mit einem gewaltigen Knüttel sich ihm näherte, so hielt Robert es für das gerathenste, statt eines fruchtlosen Kampfes mit Leuten, die ihm für Thoren galten, seinen ersten Vorsatz auszuführen. Er grüßte mit verbindlicher Höflichkeit die starren Männer und sprengte davon, lange von den finstern Blicken der Presbyterianer verfolgt, die mit Ingrimm die Achseln zuckten, als der freche Gottesleugner der hübschen Wirthstochter noch aus der Ferne Kußhände zuwarf.

Bald fand er sich wieder in Londons geräuschvollen Straßen, Robert stand auf keiner Liste von Proscribirten, und dennoch war Fletcher von Salton ein so anrüchiger Name, daß die Behutsamkeit seine Führerin an einem Orte bleiben mußte, wo überall ein Sanson und Macnamara ihm an den Ellenbogen stieß, wo die tief liegenden Augen eines Obersten Rumsey durch jede Hülle hindurchblicken konnten. Aller Behutsamkeit ungeachtet, konnte er sich doch nicht enthalten, sich in die Gallerie des Unterhauses zu drängen, als die Gemeinen voll gespannter Erwartung auf eine Antwort des Königs schweigend beisammen saßen. Es war nicht mehr jene kühne Versammlung der ersten Männer des Volkes, ausgezeichnet durch Adel der Geburt und Gesinnung, durch Feuereifer für die Freiheit und Ungestüm eines alle Schranken durchbrechenden Parteigeistes. Es waren friedliebende Geister, die nur die Erhaltung der königlichen Macht und der kirchlichen Formen wünschten. Alles hatten sie als loyale Unterthanen zugebilligt und nur für die Aufrechthaltung ihres Glaubens gestritten. Eine dringende in den loyalsten Ausdrücken abgefaßte Bitte war an den König ergangen, die gesetzwidrige Dispensation vom Testeide bei der häufigen Anstellung katholischer Beamten zu unterlassen, und die Antwort Jacobs wurde jetzt ins Haus gebracht. In heftigen Worten schlug er das Gesuch ab, und der Geist des Entsetzens lagerte auf allen Gesichtern. Die Zuschauer blickten umher, wer zuerst aufstehen werde und ein Wort reden, das an die alten Zeiten des Parlaments erinnerte? Endlich erhob sich das Mitglied der Grafschaft Derby, Coke, ein schlichter, als treu der königlichen Sache bekannter Mann. »Ich hoffe wir sind insgesammt englische Männer,« sagte er, »und werden uns nicht durch ein Paar rauhe Worte erschrecken lassen.« Eine Todtenstille folgte. Aber so war der alte Geist einer Versammlung, die einst in übermüthigem Trotz die heiligsten Königsrechte mit Füßen trat, gewichen, daß sie ihre eigenen nicht achtend den Redner für die kühnen Worte in den Tower schickte.

Unmuthig verließ Robert das Haus, um den Platz aufzusuchen, wo er Agenten seiner Freunde von drüben zu finden hoffte. Seit lange waren Nachrichten von Monmouth ausgeblieben, welcher, dem Vernehmen nach, aus Antwerpen nach Brüssel zu den Spaniern fliehen müssen. Auch murmelte man von einer Expedition des unglücklichen Argyle im Norden, die nur in Verbindung mit einem gleichartigen Unternehmen des Herzogs gedacht werden konnte. Aber seine Aufmerksamkeit wurde unterweges von einem, Augen und Ohren beleidigenden, Schauspiele gefesselt. Auf dem Wege von Tyburn nach Newgate wälzte sich ihm eine ungeheure Menschenmasse entgegen, und als er auf einem Straßenpfeiler einen sichern Standpunkt gewonnen, sah er wie ein Mann über die mittlern Jahre hinaus, von widrigem Gesichte und mit halb abgestreiften, aus den Resten eines geistlichen Ornates bestehenden Kleidern unbarmherzig von zwei Bütteln gepeitscht herankam. Es war der berühmte D. Oates, der, an der Spitze der protestantischen Zeugen einst im papistischen Complotte geglänzt hatte. Des Meineids unter der neuen Regierung überführt, war ihm vom Parteihaß eine Strafe zudictirt, welche jedes Maas der Gesetze überschritt. Auf Zeitlebens zum Gefängniß und ungeheuren Geldsummen verdammt, sollte er in jedem Jahre dreimal an den Pranger gestellt und von Newgate nach Tyburn gepeitscht werden. Diese Züchtigung wurde aber mit solcher Grausamkeit in jedem Termine wiederholt, daß die offenkundige Absicht des Hofes, den Verbrecher zu tödten, nur dazu beitrug, die Gemüther zu empören. Der Bösewicht galt für einen Märtyrer des protestantischen Glaubens, jeder Schlag des Büttels für einen Streich gegen die Religion. Während Oates mit der Standhaftigkeit eines frechen Sinnes die Martern ertrug und die Hände zum Himmel ausstreckte, seine Unschuld, seine Leiden für die Religion betheuernd, schluchzten die Frauen im Gedränge und die Mütter riefen zu ihren Kindern: »So wird es Euch auch gehn, so wird es uns allen ergehn um des Glaubens willen.«

Laute Aeußerungen der Entrüstung tönten, ohne die Lauscher zu beachten, welche in den Haufen überall ihr offenes Ohr hatten, und Robert griff im Augenblick, wo ein heftiger Schlag des einen Büttels den Doctor, von Blut überströmt, zu Boden warf, unwillkürlich an sein Schwert, als ihm jemand auf die Schulter klopfte.

Ein Quacksalber im ganzen Ornat seiner Facultät an einer Seitenbude stehend zog ihn heran, in gebrochenem Englisch und Deutsch fragend, ob er nichts von seinen Medicamenten brauche? Als Robert dies verneinte, kreischte der Doctor, er wisse Tincturen die ihm ganz gewiß dienlich wären.

»Hier Aquavit gegen Anfälle von Podagra – hier gegen katholische Kopfschmerzen – hier Tropfen, die aufmerksam machen!« Immer leiser murmelnd flüsterte er dem Ritter jetzt ins Ohr: »Monmouthstropfen! Salben aus Holland, neu herübergekommen. Wollt Ihr mehr davon so erwartet Euch die Lady –«

Mehr vernahm er nicht, denn der Stoß einer neu heranfluthenden Menschenmenge riß ihn plötzlich von dem Tisch des Quacksalbers fort mitten ins Gedränge hinein, während der Arzt laut über den Verlust kostbarer Medicinflaschen, die dabei vom Tische herunter gestoßen wurden, jammerte. An Umkehren war nicht zu denken. In der Stimme aber glaubte er den Mann zu erkennen, welcher Monmouth in jener Nacht die Nachrichten aus Holland gebracht, und das Gesicht unter der ungeheuren Perücke erinnerte ihn an das jenes Hausirers, der einst bei seiner Heimkehr nach England die Hiobsposten aus London einer Schenke zum Besten gegeben hatte.

Er glaubte unter der Menschenmasse den Namen Monmouth nennen zu hören, und die Vereinigung aller Umstände sagte ihm, der Herzog sei wieder verkleidet in London und erwarte ihn bei Lady Harriet Wentworth. Kaum hatte er sich in eine freiere Querstraße hindurchgedrängt, als ihm ein Mann in Domestikenkleidung zuflüsterte, man erwarte ihn, und ein anderer ihn am Arme mit sich fortriß. In dem Thorwege eines finstern Hauses erklärten sie ihm fast zugleich mit der That, er müsse sich die Augen verbinden lassen, und als er, darüber unwillig, sich losmachen wollte, beschwichtigte ihn die Versicherung des Einen, er hätte noch nie einen Ritter zu einer schönen Dame geführt, der sich ein solches Experiment nicht willig gefallen lassen. Ihm schwebten die Vorstellungen: Lady Harriet und Monmouth vor, und bei diesen Gedanken, oder vielmehr ohne viel zu denken, ließ er es sich gefallen, daß man ihm eine grüne Kappe, wie zum Schutz für alternde Augen, tief über die Stirne ins Gesicht zog, ihm dann einen Mantel mit weiten Aermeln überwarf und auf den Kopf eine mit Pelz verbrämte Mütze stülpte. Beide Diener faßten ihn darauf wie einen Altersschwachen unter den Arm und leiteten ihn in eine Kutsche, die, sobald der Kutschenschlag eingeklinkt war, schnell davon rasselte.

Nach seinen gezählten Pulsschlägen war er schon über eine halbe Stunde gefahren und noch erfolgte keine Veränderung in seiner Lage. Vorsichtig hob er die rechte Hand, etwas um sich her zu fühlen; eine starke männliche versetzte ihm aber sogleich einen Druck, der, nach der Gebärdensprache unter gebildeten Nationen nichts anderes bedeutete, als er möge von diesem Vorhaben ferner abstehen. Auch stießen, als der Wagen über einen Eckstein prallend in eine schwankende Bewegung gerieth, seine Knie gegen andere Kniee, so daß jeder Zweifel ob er allein in der Kutsche sitze, verschwand, obwol die tiefste Stille fortdauerte.

Nach einer Weile wurde angehalten, das heftige Geräusch von Trommeln hinderte ihn aber selbst am Horchen, dem einzigen Mittel, um wahrzunehmen, was während der Viertelstunde des Stillstehens um ihn vorgehn mochte. Doch waren die Kniee vor ihm, als er mit den seinigen eine recognoscirende Bewegung machte, verschwunden, dagegen dünkte es ihm, wie Seide bei ihm vorüber zu rauschen. Als er sich räusperte, wurde ihm ein mehrstimmiges Pst! zugerufen. Gleich darauf flog der Kutschenschlag zu und der Wagen auf und davon. Die Bewegung schien ihm doppelt schnell zu gehn, plötzlich aber hörte das Straßenpflaster auf und während die Räder über Sand rollten, fand er die völlige Ruhe und Besinnung wieder über seine Lage nachzudenken.

Die Vorstellung, daß er zur Lady Harriet Wentworth und dem Herzog von Monmouth gebracht werde, war allmälig verschwunden, dagegen wollte sich durchaus keine andere, die sich irgend mit der Vernunft oder Wahrscheinlichkeit reimen ließe, einfinden. Je länger das Fahren dauerte, um so mehr stiegen Zweifel auf. Er war zum Entschluß gediehen, den gordischen Knoten der Ungewißheit auf Alexanders Art zu lösen, und hob deshalb den rechten Arm, die grünseidene Nebelkappe von den Augen abzustreifen, als pfeilschnell eine weiche kleine Hand seine männliche rauhe faßte und zurückriß. Obgleich kräftig, war der Druck doch nicht so stark um den Arm des Kriegers zu fesseln, er war dagegen so angenehm, daß Robert sich gern die Gefangenschaft gefallen ließ. Als er aber seinen linken Arm aufhob, um die Beschaffenheit der Fesseln zu untersuchen, welche in die Rechte seines rechten eingriffen, fühlte er auch diesen nicht mehr frei. Dem Eigenthümer ganz unbemerkbar hatte man ihn mit einem Wagenriemen festgeschnallt und während er seiner Entrüstung in einem Soldatenausruf Luft machte, konnte er deutlich ein Kichern, trotz aller Anstrengung es zu unterdrücken, vernehmen.

Er glaubte, jetzt sei der Zeltpunkt gekommen, das Schweigen zu brechen; da, wo man lachen könne, die Gefahr nicht dringend sein müsse, und machte seiner Neugier in hundert Fragen Luft, die indessen sämmtlich unbeantwortet blieben. Er hatte sich aber einmal vorgenommen nicht an Langeweile in der geselligen Einsamkeit umzukommen und versuchte auf alle erdenkliche Weise sich und die unbekannten Gesellschafter aufzumuntern. Er sang Lieder, von patriotischem bis zu sehr verfänglichem Inhalt herab, jedoch weder die ernsten noch die lustigen wollten zündend anschlagen. Da alle Theilnahme ausblieb, wurde endlich der Entschluß in ihm reif, ganz zu thun, als wäre er allein im Wagen. Er fluchte wie ein Soldat, hielt Selbstgespräche, gähnte, reckte sich aus, und wollte eben in der Wagenecke den Kopf zum Schlafen anlegen, als er an seinen Lippen eine Berührung fühlte. Es war zwar nicht, wie er zuerst geglaubt, ein anderes Lippenpaar, sondern nur ein Becher voll Wein. Sobald er diesen jedoch hinuntergeschlürft hatte und die weiche Hand die ihn ihm darreichte, fühlte, drückte er wenigstens auf diese einen Kuß und warf sich darauf in die Ecke zurück, wo er bald, vom Schlaf umfangen, das Abenteuer vergaß.

Als er erwachte, war man bemüht ihm aus dem Wagen zu helfen, der, wie er sich beim Hinuntersteigen überzeugte, jetzt ganz leer war. Ungleiches Licht glänzte ihm durch seine Kappe entgegen, aber eine Stimme verwies den Trägern, die Fackeln nicht so nahe zu halten, um den Augen des ehrenwerthen Herrn nicht wehe zu thun. Ob es der Wein oder der Schlaf im Wagen gewesen, der junge Ritter trat so verstört und schlaftrunken an den Armen der beiden Diener in einen Flur und die Steintreppen hinauf, daß er rings um sich das Bedauern der Dienerschaft um den würdigen alten Herrn vernahm. In einem kleinen Saale angelangt ließen ihn beide Diener los, und der Eine befreite ihn von der Kappe, während der andere fragte, ob er Licht bringen dürfe? Robert jagte ihm, da die Frage wie Spott in seinen Ohren klang, eine derbe Verwünschung nach, der Bleibende legte jedoch den Ausruf wie einen Schmerzens-Seufzer aus:

»Verlangen Ehrwürden vielleicht noch ein Tuch vor den Augen wenn das Licht incommodiren sollte? Andrews wird Dero Gnaden einen grünen Lichtschirm bringen. – Belieben Ehrwürden sich hier im Armstuhl niederzulassen.«

Robert hörte einen tiefen Seufzer mit einem Ausruf des Mitleids und als Andrews mit Licht und Lichtschirm eintrat, sah er eine wunderliche weibliche Gestalt nicht fern von ihm stehen und vielfältig knixend, halb französisch halb englisch, ihr Bedauern über den Zustand Seiner Ehrwürden äußernd. Was der phantastisch geschmacklose Putz, mit hohem Pariser Toupee und vielfach gekräuseltem Reifrock, bei der hagern alten Dame einen noch phantastischem Anstrich gab, war der bejahrte Mops, den sie unter dem Arme trug, mit dem Fächer den knurrenden besänftigend. Zierlich schritt sie zu Seiner Ehrwürden heran und wollte seine Hand zum Kuß ergreifen. Robert aber schleuderte, von dem entsetzlichen Gedanken ergriffen, es möchte die Hand der alten Dame sein, die er im Wagen an die Lippen gedrückt, die ihrige fort:

»Der Himmel bewahre, ehrenwerthe Dame; es ist nichts Ehrwürdiges an mir, da ich nicht mehr und nicht minder, als ein Streiter und Reiter bin.«

Die Dame war indessen, wie sich in der Folge ergab, halb taub und verstand das Englische kaum zur Hälfte, so daß man eine wunderbare Eingebung annehmen konnte, wenn sie auch nur zum Viertel den Sinn aus den Reden des Ritters begriff, welcher von der französischen Sprache nur wenige Floskeln erlernt hatte. Es war daher gar kein Wunder, als sie in ihren Complimenten fortfahrend, versicherte, Seine Ehrwürden sei immer ein Streiter für die Kirche gewesen, und, wenn auch erblindet im Dienst für das wahre Evangelium, doch noch ein Licht für den Protestantismus, obgleich Robert den Zusammenhang eben so wenig als den des ganzen Abenteuers begriff. Mademoiselle Maturin blieb, trotz der wenigen ihr gebliebenen Zähne, unerschöpflich. Der Ritter erfuhr, oder hätte doch, wenn er darauf Achtung gegeben, erfahren können, wie Mademoiselle Maturin, um den immer dringender werdenden Verfolgungen ihrer Religion zu entgehen, aus Frankreich geflohen, wie sie in England, dem ächten Vaterlande des calvinistischen Glaubens, schon lange eine Zuflucht gefunden, wie viel Thränen sie beim Andenken an das schöne Paris, und die dortige Galanterie vergossen habe, und wie viel Thränen sie beim Vortrag der trefflichen englischen Canzelredner noch immer vergieße, wie ihrem Mops die englische Luft nicht bekommen wolle, wie aber die Controversschriften der anglicanischen Geistlichen sie mehr erbauten, als die der Schweizer Reformatoren. Ein einziger Blick in den Spiegel gab dem Ritter mit einem Male eine bündigere Erklärung als die ganze Unterhaltung der Französin. Man hatte ihn nicht allein in das Kleid eines anglicanischen Geistlichen gesteckt, sondern ihm auch während des Schlafes im Wagen Schnurr- und Kinnbart abgeschnitten. Es war nicht mehr sein Gesicht, ein bleiches altes starrte ihm aus dem Glase entgegen und er kam aus einem Zustande der Bezauberung erst wieder zu sich, als seine Fingerspitzen, mit denen er auf dem ihm unbekannten Gesichte umhergefahren war, schwarz und weiß gefärbt zurückkehrten.

Es war Absicht bei diesem Zauberspiele, vielleicht eine ihm günstige. Lärm machen und die Verkappung abwerfen, konnte in diesem Augenblicke schaden, wenigstens brachte es keinen Nutzen. Der wohlthätige Anblick der dampfenden Schüsseln, für den kranken Prälaten aufgetragen, versöhnte ihn für den Augenblick mit seiner Rolle. Sein Zustand entschuldigte es, daß er sich inmitten der Komplimente und Knixe seiner französischen Gesellschafterin niedersetzte, wenn gleich der ungemeine Appetit, mit dem er den Speisen und Flaschen zusprach, sich weniger damit vertrug. Der Last, die Unterhaltung zu führen, war er überhoben, indem Demoiselle Maturin die Rede nicht ausgehen ließ und jedes verstandene und nicht verstandene Wort, das aus Roberts Munde hervorging, ja selbst dessen Verwünschungen über ihre Geschwätzigkeit, jedesmal durch eine Floskel mit einem Compliment für ihn zu verbinden wußte.

Der unangenehmen Gesellschaft überhob ihn erst der Diener, der mit dem Lichte bereit stand, ihn in sein Schlafgemach zu führen, und Robert war so unhöflich, ihm nach einer trockenen Verbeugung zu folgen, in wie feinen Redensarten Demoiselle Maturin auch ihr Verlangen ausdrückte, eine kleine Abendbenediction aus dem Munde Seiner Ehrwürden zu vernehmen.

»Schurken,« sagte Robert, als er unter Beihülfe des einen der neuen Kammerdiener seine Kleider ablegte, um ins Bett zu steigen, »heut bin ich zu müde um über das Abenteuer nachzudenken. Finde ich aber morgen Schurkerei im Spiele, so mache ich mich an dem bezahlt, dessen Kopf mir zunächst kommt.«

»Wie Euer Hochwürden befehlen,« sagten die Diener mit ernsten Gesichtern, und traten hinaus.

Als am andern Morgen Robert, von der Sonne geweckt, in die Kleider fahren wollte, vermißte er alle Stücke, welche an den Ritter erinnerten, auch das Schwert fehlte, nur der ehrwürdige geistliche Anzug lag vollständig neben dem Bette. Mit Verwünschungen und doch lächelnd fuhr er hinein und untersuchte nun den Ort, wo er sich befand. Es war ein kleines Zimmer in einem alten Gebäude, dessen einziges vergittertes Fenster nur zur Hälfte die Aussicht in's Freie, und zwar auf eine zum Park umgewandelte Anhöhe zuließ, während thurmartige Eckbauten von beiden Seiten den Winkel einschlossen, in welchen das Fenster hinausging. Die Sonne beschien Mauern und Berg, und dem Ritter dünkte es, er müsse diese Gegenstände schon einmal gesehen haben, obwohl er nicht wußte, wo sie hinbringen. Die einzige Thüre seines Kabinettes führte auf einen geräumigen aber ganz finstern Corridor, dessen festverschlossene Thüren ihn nur zu bald überzeugten daß er ein Gefangener sei. Schon bereitete er sich den ersten eintretenden Diener mit einem kriegsmännischen Griff in den Nacken zu bewillkommnen, um ihm ein Geständniß und die Mittel zu erpressen, seine Freiheit wieder zu erlangen. Er hatte aber seinen Aerger umsonst, denn, so hoch die Sonne auch schon über dem Berge stehn mochte, es erschien kein Diener, was ihn dann erinnerte sein Frühstück zu suchen, da nach der gestrigen Behandlung es nicht den Anschein trug, als wolle man den Gefangenen verhungern lassen. In der That fand er einen wohlbereiteten kalten Morgeninbiß, und hatte nach der Stillung des Hungers nur mit der Langenweile zu kämpfen. Zwar fielen ihm mehrere Bücher in die Augen und augenscheinlich in Bezug auf ihn waren in jedem die Blätter eingeschlagen, welche über die Geduld handelten. Allein es waren insgesammt geistliche Erbauungsbücher und grundgelehrte Controverspredigten. Wenn er einen Stoß dickleibiger Streitschriften – und es waren Folianten darunter – für die hohe gegen die katholische Kirche beseitigt hatte, begannen die noch heftigern Discurse der Bischöflichen gegen die Nonconformisten, und in Zeit einer halben Stunde war alle Unterhaltung, die er sich davon versprach, genossen und der unmuthige Ritter stürmte in seinem Zimmer umher, um noch vier volle Stunden zu warten, ehe sich die Thüre öffnete und eine Glocke erscholl die keine andere als die zum Mittagstisch seyn konnte.

Robert befand sich plötzlich in dem Zimmer von gestern, wo Demoiselle Maturin, Demoiselle Maturins Mops, Andrews, Johny, der zweite Diener, und eine wohlbesetzte Mittagstafel für ihn und Demoiselle Maturin warteten. Er beschloß die den Dienern zugedachte Folteroperation bis nach beendigter Mahlzeit zu verschieben und als er nach einigen Stunden die Freuden des Mahles, reichlich durch die erbaulichen Reden der alten Französin gewürzt, genossen, fand er sich eben so wenig zu den Tätlichkeiten aufgelegt, als vor dem Essen. Ueberdies bedachte er daß Andrews sowohl als Johny äußerst robuste Burschen waren, die Beide zu überwältigen außer seiner Macht stand, weshalb er dies Experiment bis zu dem Augenblick aufzuschieben beschloß, wo er des Einen allein habhaft werden könnte. Andrews und Johny mochten aber dasselbe gedacht haben und von den Beiden erschien deshalb keiner allein. So sah sich der Ritter genöthigt beim zweiten Zubettegehn einige ernste Drohworte an beide zu richten. Sie sollten bekennen, wer ihn hier gefangen halte, wer ihm das Recht dazu gebe, in welcher Absicht, auf wie lange? Er drohte mit schweren Anklagen, mit dem Zorn mächtiger Freunde, erhielt aber nie eine andere Antwort als die ehrerbietige Versicherung, daß Alles zu Seiner Hochwürden Befehl stehe und der Wunsch Seiner Hochwürden auf das pünktlichste befolgt werden solle. Aus der Französin war noch weniger eine Erklärung herauszubringen. Denn ihre bunte Unterhaltung bestand nur aus einer lebendigen Controverspredigt, dem Ritter noch widriger als alle gedruckten, und aus Seufzern und Elegieen über den feinen Ton der französischen Cavaliere und Geistlichen, wovon selbst alte und schwächliche keine Ausnahme machten. Aller Höflichkeit unerachtet fehlte es dabei nicht an strafenden Seitenblicken auf Robert, welche dieser indessen mit ritterlicher Gelassenheit anhörte.

So waren einige Tage für den Gefangenen verstrichen, zwischen Schlafen, Essen, Trinken, Nachsinnen und gefaßten und verworfenen Beschlüssen getheilt. Endlich war der Entschluß reif, alles Nachsinnen, als fruchtlos, zu verbannen, und mit Gewalt oder List zu versuchen, ob er sich befreien könne. Die Viertelstunden, welche Robert bei Tische allein mit der alten Französin verleben mußte, indeß die Diener auswärts beschäftigt waren, dünkten ihn die peinlichsten, jetzt gründete er darauf seine Hoffnung. Er wollte in einem solchen Zwischenraume die Alte, deren kreischende Stimme ihn verrathen mochte, knebeln, dann pfeilschnell zur offenen Thür die Treppe hinunterstürzen, wo er doch einen Ausgang zu finden glaubte. Käme ihm ein mit Geschirr beladener Diener auf den Stufen entgegen, wollte er ihn umwerfen, ein Umstand und Unfall, der seiner Flucht vielleicht noch förderlich werden konnte.

Mit den besten Vorsätzen und Geräthschaften zum Knebeln versehen, betrat er das Eßzimmer. Er betrachtete heut mit grimmiger Lust das ungeheure Toupee und allen fratzenhaften Schmuck der alten Närrin, als suche er darin die Berechtigung so unritterlich eine Dame zu behandeln. Indessen verstrich fast die ganze Mahlzeit ehe der erwünschte Moment erschien, wo beide Diener auf längere Zeit abwesend waren, und er benutzte die Zeit, die Gelegenheit abzusehn, wie am schnellsten und besten das Werk auszuführen sei. Nie war ihm Demoiselle Maturins Unterhaltung so unausstehlich gewesen, und doch gab er sich in der Spannung einer unruhigen Erwartung gerade heut zum ersten Mal Mühe, sie zu erwiedern, obwohl das Lächeln der Dame ihn hätte überzeugen sollen, daß er viele Fehlgriffe im Sprechen und Verstehen sich zu schulden kommen ließ. Jetzt hörte er Andrews und Johny, schwer mit Tellern und Schüsseln beladen, die Treppen langsam hinuntersteigen. Er griff nach der Serviette und einem Strick in der Tasche. Aber plötzlich redete Mademoiselle Maturin in klarem Englisch ihn an:

»Wonach suchen Sie, Sir Robert?«

Erschrocken ließ er den Strick fahren, und sah erröthend der Französin ins Gesicht. Hier blickten ihm ein Paar schwarze Augen schelmisch entgegen, wie sie das runzlige Antlitz einer sechzigjährigen Französin niemals zieren mochten.

»Nein, das kann nicht Demoiselle Maturin sein,« rief er aus, in das feine von der ungeheuren Frisur erdrückte Gesicht starrend.

»Nein, geehrter Sir Robert, eben so wenig als Sir Robert Fletcher, mir gegenüber, der gelehrte ehrwürdige Mann ist, in dessen Talar er sich eingemummt hat.«

»Miß Anna Tennison!« rief Robert nach einer Weile stummen Hinstarrens zu seiner Tischgenossin.

»Richtig gerathen! aber fürwahr etwas spät. Bester Sir Robert, das ersuche ich Euch als alte Freundin, verschweigt bei allem was Ihr liebt, – was mir indessen unbekannt ist – diese fatale Geschichte. Man würde Euch auslachen, wenn sie erführen, Ihr wäret in einem Wagen mit mir dreißig Meilen gefahren, und hättet an einem Tische mit mir allein gesessen, ohne mich zu kennen, und ohne ein vernünftiges oder recht unvernünftiges Wort zu einer hübschen jungen Dame zu sprechen. Die Leute in London machen auf alles Spottgedichte und es würde mich als Eure Jugendfreundin doch recht kränken, käme so eine Ballade heraus: ›Von dem ehrenwerthen Ritter Robertus, wie er als Prälat bei einer schönen Dame gesessen,‹ und noch dazu ein solcher Ritter, der ein altes Schwert von seinem Vater geerbt hat, mit dem der alte Herr ein Dragonerregiment commandirte. Nicht wahr Ihr habt doch den Degen von Herrn Fletcher von Salton geerbt?«

»So war es Miß Anna, mit der ich im Wagen fuhr?« sagte Robert, indem er die fortschwärmenden Sinne zusammenrief, und sich bemühte die Miene des galanten Ritters, wie sie das Zeitalter forderte, anzunehmen.

»Miß Anna Tennison,« erwiederte das muntere Mädchen, »Tochter des Sir William Tennison und Nichte Seiner Ehrwürden, des Sir Alexander Tennison. Aber vortrefflicher Sir Robert, Sohn des tapfern Republicaner-Obersten, Fletcher von Salton, Eure ritterlichen Manieren passen sehr schlecht zu dem ehrwürdigen Kleide, das Ihr angelegt habt. Ich hoffe, das ist nicht anders geschehen, als weil Ihr auf dem Wege der Erkenntniß seid, und meines Oheims treffliches Büchelchen auswendig gelernt habt.«

»Und Miß Anna war es,« rief Robert im Erwachen aus einem Staunen nach dem andern, »die täglich als Mademoiselle Maturin mit mir zu Tische saß?«

Anna schlug die Hände mit der Gebärde komischen Aergers zusammen: »Behüte der Himmel, Ritter Robert Fletcher, zum Paris seid Ihr durchaus verdorben. Erröthet, erröthet! Die zahnlose, sechzigjährige, runzel- und weisheitsvolle Demoiselle Maturin für die neunzehnjährige Anna Tennison zu halten. Ritter, Ihr nahmt Euch als Prälat ganz leidlich aus, aber jetzt begeht Ihr einen Fehlschuß nach dem andern. Werdet noch geistlich, lieber Robert.«

»Und die holde Anna Tennison war es, die mich aus London entführte, die mich hier gefangen hält,« sagte er schon mit mehr Wärme.

»Wenn Sir Robert Fletcher nichts dagegen einzuwenden haben, so habe ich mir die Freiheit genommen, ihn gefangen zu nehmen.«

»Was könnte ein Ritter gegen das Glück einwenden, Gefangener einer solchen Dame zu sein,« erwiederte Robert ihre Hand zum Kuß ergreifend. Sie aber zog sie zurück:

»Alles, nur keine Galanterie, Sir Robert; sie kleidet Euer Ehrwürden nun einmal durchaus nicht.«

»Doch welchem glücklichen Zufall verdanke ich diese ganz besondere Aufmerksamkeit der schönen Anna, da es nicht des Aufgreifens, Vermummens, Knebelns, einer nächtlichen Fahrt, und endlich eines Gefängnisses bedurfte, um mich auf ewig zu ihrem Gefangenen zu machen? Nur ein Blick, nur ein Wort war nöthig –«

»Lügner!« herrschte ihn das Mädchen an, »Seid Ihr nicht verkleidet durch ganz England gezogen um mir zu entweichen! Weshalb es mir beliebte Euch gefangen zu setzen? Ritter, Ihr wollt Gründe für die Laune eines freien Mädchens! Gut denn; ich wollte Euch behülflich sein, Euren eingefleischten presbyterianischen Sectengeist auszutreiben, und habe Euch mit solchen Büchern eingesperrt, daß, wenn Ihr sie jetzt, wie ich nicht zweifle, auswendig gelernt habt, damit auf einmal das Herz meines Oheims erobern könnt, – woran Euch doch Alles gelegen ist.«

»Der Grund genügt mir nicht,« sagte Robert.

»Nicht? – Wohlan, genügt Euch der unserer Könige: car tel est mon plaisir? Ihr seid zwar ein misvergnügter, puritanischer Rebell, aber ich habe es über mich genommen Euch zu einem gehorsamen, loyalen Unterthan zu bilden; und um Euch den Gehorsam zu erleichtern, will ich fürs erste selbst die Rolle König Jacobs übernehmen, da ich die weibliche Eitelkeit hege, daß Ihr lieber meinen Befehlen gehorcht, als denen des grämlichen alten Stuart.«

»Und wie lautet der erste Befehl der Königin meines Herzens?« sagte Robert sich vor der aufgestandenen Anna mit feierlicher Pantomime auf ein Knie niederlassend.

»Ich nehme Eure Huldigung an, Sir Robert. Aber das Herz spielt hier keine Rolle. Mein erster Befehl heißt: Euch in alle meine Launen zu fügen.«

»Und die erste Laune der Königin Anna lautet?«

»Daß Ihr mein Gefangener auf Euer Ritterwort so lange und unter solchen Umständen bleiben wollt, als es mir gefällig ist.«

»Auf Lebenszeit,« sagte Robert sich erhebend, »nur diesmal nicht, theure Anna, wo ein früher gegebenes Wort mich fesselt.«

»Rebell, verstumme!« sagte die Königin. Robert aber verstummte nicht.

»Ich stamme aus einer Rebellenfamilie, theure Anna. Und wenn auch Herrscherinnen, gleich Dir, geeignet wären, uns loyalen Sinn durch eine milde Regierung einzuflößen, ist doch das Blut beim Sohne meines Vaters noch so wild, daß es nicht unbedingt gehorchen will. Mein Vater glaubte nur halb, meine Mutter gar nicht an Elfen; ich selbst bin daher so ungläubig, daß ich eine Erklärung für jedes Wunder begehre, und erst wenn mir die genügt, weshalb ich aus London in diesen Zauberpalast verhext worden, bin ich ein so gehorsamer Unterthan, der nach gar nichts als den Wünschen seiner Gebieterin fragt.«

Die falsche Demoiselle Maturin ging in komischem Pathos einige Mal im Zimmer auf und ab. Dann mit einem Fächer sich anwehend sprach sie mit königlicher Herablassung: »Euer Wunsch sei gewährt, Sir. Erfahrt denn, blinder aufsätziger Rebell, die Gründe unserer Weisheit.«

Sie entfaltete ein Exemplar der Londoner Zeitung und las ohne den Namen zu nennen, daraus ein so getreues Signalement seiner selbst, daß Robert plötzlich hinein rief: »Genug, genug, das bin ich. Und was will man mit mir?«

»Euch gefangen nehmen, Euch den Proceß machen, als Verräther,« sagte die Dame, »und da Eure Freunde dies früher erfuhren als Ihr, hielt man es für gut Euch auf diese Weise den Augen Eurer Feinde zu entziehen. Eure sträflichen Absichten waren die Elfen, die Euch nächtlich auf unser Schloß vexirten.«

»Die Liebe war es,« rief Robert überwältigt, und preßte Annens Hand an seine Lippen. Sie aber riß mit komischem Eifer die Hand wieder zurück.

»Liebe? – Seid nicht thörig, lieber Robert, was habt Ihr mit der Liebe zu thun, ein Cavalier, der den Degen seines Vaters geerbt hat, und jetzt in einem Prälatenkleide steckt.«

»Spotte jetzt nicht Anna. Solche That, eine That, wo Du die eigne Sicherheit nicht bedacht, den Groll und die Furcht des Oheims überwunden hast, mich zu retten, verräth was über alle Erklärungen hinausgeht.«

»Daß ich doch nicht wüßte, lieber Robert. Ich dachte, als ich von der Verfolgung hörte, an jenen Tag, wo der kleine Robert, um mir den rothbackigen Apfel zu holen, über den Zaun in des Pachters Garten stieg, und von dem rohen Burschen heruntergeschüttelt, an den Ohren gezaust und zu meinem Vater gezerrt wurde. Damals weinte ich bitterlich, und that ein Gelübde, dem kleinen Robert einst die Schmerzen zu vergelten. Das ist die ganze Liebe.«

Robert, erwärmt von den Begebenheiten und auch etwas vom Weine, sprach unzusammenhängende Worte von »Liebe – unaussprechlicher Liebe von der Kinderzeit her – Schüchternheit,« und wollte noch einmal Miß Annens Hand erfassen, die aber statt dessen mit ihren beiden Händen die seinige zurückhielt, ihm besorgt an die Stirn fühlte und dann, wie mit dem Tone der Herzlichkeit und des Ernstes zu ihm sprach:

»Bester Sir Robert, was nehmt Ihr Euch so unnöthige Mühe mich und Euch zu täuschen? – Ich weiß ja recht gut, daß Ihr eine gute Absicht mit mir habt, Ihr wollt eine reiche Heirath schließen, das ist gar nicht zu tadeln, und Ihr haltet meine Hand für keine unebne Partie, wofür ich Euch dankbar verbunden sein muß, aber was die Liebe betrifft, lieber Robert, quält Euch nicht ab, verliebt zu scheinen.«

»Welche verdammte Hexe,« rief Robert, »hinterbrachte Euch jede thörige Aeußerung.«

»Meine Feen, wenn Ihr mich als Feenkönigin wollt gelten lassen.«

»Unsere Väter wünschten« – sagte Robert, wurde aber sogleich von Miß Annen unterbrochen.

»Wir sollten Mann und Frau werden. Das weiß ich Wort für Wort, lieber Robert, und achte unserer Väter Andenken. Wie hängt aber diese Sache mit der Liebe zusammen? Seht, wenn mein Oheim es für mich zuträglich hält, und ich selbst glaube, daß sich keine vortheilhaftere Partie für mich findet, so habe ich gar nichts dagegen. Indessen, sollte Euch etwas an der besprochenen Verbindung gelegen sein, lieber Sir Robert, so rathe ich Euch, benutzt die Zeit Eures Gefängnisses, studirt in meines Oheims Schriften und bewerbt Euch dadurch um seine Gunst. Ihr habt dazu vollkommen Zeit, denn Euer Gefängniß möchte nach den letzten Artikeln dieser Zeitung noch lange Zeit dauern können.«

Robert wurde erst jetzt wieder an die Ursach seines Hierseins erinnert. Er ergriff, wohl mit um seine Verlegenheit zu verbergen, die Zeitungen, und las eine Proclamation des Königs an alle loyale Engländer, getreu zu bleiben, auch in der Zeit der Versuchung, er las daß Jacob von Monmouth, bei Lime in Dorsetshire mit wenigen Kriegern gelandet, den letzten verzweiflungsvollen Streich wage das Königreich in Aufruhr zu bringen. Ein Preis von fünftausend Pfund, auf seinen Kopf gesetzt, deutete indessen darauf, daß er schon gefährlicher geworden sei, als die Proclamation zugab. Es folgten Nachrichten von Verhaftungen und Aufforderungen verdächtige Personen einzuziehen, unter denen auch er sich befand.

»Ich muß fort, Miß Anna,« rief er die Zeitung wegwerfend, »jeder Augenblick Verzug ist Hochverrath an Englands guter Sache. Anna, nimm den Dank eines Ritters, der nicht sprechen kann, wie Du es verdienst, den Dank des treuesten Jugendfreundes, wenn Du ihm verbietest mehr zu scheinen, doch jetzt laß den liebenswürdigsten Scherz, einen Scherz aufhören, der mich glücklicher macht, als der Ernst der ganzen Welt, ich muß zu Monmouth, meine Ehre ist verpfändet.«

»Nicht aus dieses Schlosses Mauern,« sagte Miß Anna mit dem kleinen Fuß in komischem Trotz auftretend. »Selbst wenn Ihr mich, Eure Gebieterin, binden wolltet, ständen draußen meine Vasallen, den gemüthskranken Prälaten, der sich für den Ritter Robert Fletcher hält, festzuhalten.«

»Mädchen, theure Anna, Du treibst den Scherz, die liebenswürdige Sorgfalt zu weit. Ich muß –«

»Warum müßt Ihr, Sir? – Rede und Antwort Eurer Gebieterin!«

»Monmouth ist verloren, wenn ihm kein Mann zur Seite steht. Eine schöne belebte Bildsäule, ein kühner Heros, vor dem die Masse zu Boden sinken und ihn anbeten kann, der aber eines Geistes neben sich bedarf, der ihn lenkt. Seit Sidney fiel, vertrete ich dies Amt, Arm und Sinn des Prinzen zu lenken. England ist verloren, jahrelange Anstrengungen sind dahin, wenn Monmouth fällt.«

»Stolzer Robert Fletcher!« sagte Anna Tennison, ihn groß anblickend. »Geist eines großen Unternehmens, Seele eines Königlichen Prinzen! Aber mein Stolz ist nicht geringer, denn es freut mich Monmouths Seele gefangen zu halten. – Der Grund genügt nicht Robert; denn Monmouths ehrgeiziges Unternehmen mag fallen, ich will ihn bedauern, aber nicht das Leben des Jugendfreundes in das gewagte Spiel setzen.«

»Anna!« sagte Robert, »schätze mich nicht gleich den entarteten Weichlingen Eures Hofes. Englands Heldenjugend, deren Name einst jenseits der Meere den fremden Müttern Schrecken einjagte, ist nicht ganz erstorben. Ein kräftiger Arm, ein großer Name, ein fester Wille vermag viel; bei St. Georg! ich traue mir etwas zu. Vor meines Vaters Namen erbleichte einst Jacob Stuart, der Name seines Sohnes mag ihn vom papistischen Throne stoßen und wenn das neue England aufjauchzt, wenn das Geschlecht, an dem die Auszehrung nagte, mit gelbem Antlitz in die Schiffe steigt, unserer freien Insel den Rücken kehrend, wenn Stadt und Land die Sieger auf den Armen trägt, wenn ich dann im stählernen Kleide der Ehre vor Tennison-Castle reite, an's Thor poche, und Anna Tennison erscheint –«

»Und Ihr dann, großmüthig« – unterbrach ihn das Mädchen – »Euch neigt, und mir großmüthig versprecht, obgleich ich nur die unberühmte Anna Tennison bin, mich großmüthig zu Eurer Ehegattin zu erheben, o über den großmüthigen Ritter Robert! – Nein Ritter! Erlaubt mir einmal allein für Euch zu sorgen; es ist auch eine Ritterthat, denn außerdem, daß ich einen harten Kampf mit dem hartnäckigen Oheim zu bestehn hatte, droht uns die peinliche Anklage, wenn es herauskommt, daß wir einen Hochveräther beherbergen. Darum laßt Euch die Lust vergehn bei dem großen Kriege in Dorsetshire Lorbeeren zu erringen und diesmal der Retter von England zu werden. Seht Robert, ich habe eine Ahnung, es wird schlimm gehn, und, ob nun schon von Liebe zwischen uns keine Rede ist, thäte es mir wahrhaftig leid, wenn ein alter Spielkamerad so traurig endete, und noch dazu einer, der mir eine so anständige Partie zugedacht hatte.«

Robert ließ sich nicht zurückweisen, er preßte Annens Hand an die Lippen und wollte kühner werden als Johny und Andrews eintraten. Das Mädchen riß ihre Hand zurück und Demoiselle Maturin war an die Stelle der lieblichen Anna getreten.

»Ums Himmels willen, ehrwürdiger Herr, der Wein hat Euch erhitzt. Bei Eurem Zustande, und besonders der Augen wegen, sollten Ew. Ehrwürden sich moderiren und vor allem Echaufement hüten. – Mit dem devotesten Dank für die heutige Conversation beurlaube ich mich, um mir die goldenen Sentenzen in mein Tagebuch einzutragen.«

Beim feierlich tiefen Knix von ihrer und der steifen Verbeugung von seiner Seite begegneten sich ihre Lippen. Sie flüsterte ihm zu: »Bedenkt daß bei jedem Versuche zu fliehn, mein und meines Oheims Leben auf dem Spiele stehn.« Er lispelte in schmerzlichem Verlangen, den Namen »Anna!« aber Anna war verschwunden.

Aus allen Romanen, die er gelesen, vom Amadis von Gallien bis zu denen der Fräulein Scudery hinab, erinnerte sich Robert keiner mit der seinigen ähnlichen Lage eines Verliebten. Die Dame, die das Ziel seiner Wünsche war, hatte durch einen mit der äußersten Gefahr verbundenen Schritt eine Zuneigung zu ihm verrathen, wie er sie in seinen kühnsten Wünschen sich nicht träumen gedurft. Sie, die Geliebte, hielt ihn gefangen, und dennoch trieb ihn eine ungewisse Pflicht, für die er sich kein Gesetz anzugeben wußte, hinweg. Er kämpfte die Nacht hindurch, endlich hatte jene Pflicht gesiegt, nicht ohne Unterstützung der Liebe. Der Gedanke, als Annens Gefangener, in weichlicher Ruhe ihre Gunst sich erwerben, die Vorstellung in einem Kleide, das ihm zuwider war, vor dem munteren Mädchen wie zum Spott erschienen zu sein, trieb die Röthe der Schaam in des Ritters Gesicht. Die Aussicht ihre Gunst mit Schwert und Roß zu erobern spornte ihn zur Flucht. Nachdem er erfahren, welches Schlosses Mauern ihn umgaben, traten auch die Erinnerungen der Kinderzeit vor, und er erinnerte sich des Thurmwinkels, auf welchen sein Fenster hinausging. Nur die jenseits auf der Höhe gekappten Bäume hatten ihn früher getäuscht. Er erinnerte sich häufig beim Versteckspiel in diesen Winkel getreten, ja am Gesimms bis an das Fenster geklettert zu sein, und als der frühste Morgen graute, hatte er die Gitterstangen ausgehoben und war vermittelst seines zerschnittenen Bettuches die Mauer hinuntergeklettert.

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