Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Willibald Alexis >

Schloß Avalon. Zweiter Band

Willibald Alexis: Schloß Avalon. Zweiter Band - Kapitel 4
Quellenangabe
authorWillibald Alexis
titleSchloß Avalon. Zweiter Band
publisherF. A. Brockhaus
year1827
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20180307
Schließen

Navigation:

Drittes Capitel.

Ach, gnädger Herr, gefahrvoll ist die Zeit!
Die Tugend wird erstickt vom schnöden Ehrgeiz
Und Nächstenliebe fortgejagt vom Groll;
Gehäßge Anstiftungen walten vor
Und Billigkeit ist aus dem Reich verbannt.
Ich weiß, ihr Anschlag zielet auf mein Leben;
Und wenn mein Tod dies Eiland glücklich machen,
Und ihre Tyrannei beenden könnte,
Ich gäb es dran mit aller Willigkeit.
Doch meines ist nur ihres Stücks Prolog,
Mit Tausenden, die noch Gefahr nicht träumen,
Ist ihr entworfnes Trauerspiel nicht aus.

Heinrich VI.

 

In einer Barke, wo ein einziger alter Lootse zugleich den Steuermann machte und das Segel regierte, fuhren zwei Kriegsmänner die Themse hinab. Der eine saß tief im Mantel eingeschlagen an der Spitze des Kahnes, während der andere, sich an den Mast lehnend, die Gegend umher musterte. Wolken des Unmuths waren auf beider Stirn gelagert. Jetzt gleitete der Kahn an der majestätischen Wasserseite des Towers vorüber. Seine Zinnen waren von der untergehenden Sonne geröthet, während die winklige Schattenseite desto dunkler zurücktrat.

Der Mann vorn im Kahn starrte lange auf die mannigfaltigen Bauten, bis er mit einem tiefen Seufzer wieder sein Gesicht in beiden Händen barg. Der Stehende machte die Bemerkung:

»Wie viele unserer Vorfahren, welche die Geschichte Englands Stolz nennt, saßen in den alten Thürmen, bluteten auch darin, um Meinungen, so verschieden als die babylonische Sprachverwirrung in ihrer Bauart. Stolze Feudalherrn, kühne Plebejer, Könige, zarte Ladys und verruchte Bösewichter! Die Verbrechen wechselten, wie die allein selig machenden Religionen und Secten in unserm gesegneten Königreiche. Ja ich glaube, wenn die Religionsmeinungen und Parteien, deren wegen gläubige Leute einst in den Tower gesperrt wurden, insgesammt durch ein Parlamentsstatut verdammt würden, so müßte alle Religion in England aufhören.«

»Wie ein Dieb aus London fliehen zu müssen!« murmelte der Andere vor sich hin.

»Mylord konnten nichts anderes erwarten,« entgegnete der Stehende, »da Sie wie ein Dieb gekommen waren.«

»Sir Robert, mir ist nicht scherzhaft zu Muthe.«

»Dann muß es allerdings schlimm sein, wenn Ew. Hoheit diesen Muth verloren haben,« sagte Robert Fletcher.

Besorgt blickte der andere, des Ritters Gönner und Niemand anders als Jacob, Herzog von Monmouth, auf den laut Sprechenden, ihn durch Winke auf die Anwesenheit des Schiffers aufmerksam zu machen. Robert aber sagte:

»Der Mann ist stocktaub für Hoheit und Niedrigkeit und verräth es Eurem Oheim York selbst dann nicht, wenn ich vor die Hoheit etwas Königliches setze.«

»Robert, Du hättest mich sollen ruhig stehen lassen; ich hätte den ärgerlichen, finstern Mann, der mir des Vaters Liebe am Sterbebette stahl, durch meine Blicke vernichtet. Er zitterte, er wandte sich ab –«

»Um Befehl zu geben seinen Neffen zu greifen,« fiel Robert ein.

»Das Volk murrte ringsum,« sagte Monmouth, »die Meßgewänder, die Kruzifixe waren Dolchspitzen in ihren Augen. Ich glaube, nur mich zu nennen hätte es gebraucht, und sie hätten mir ein Lebehoch vor Yorks Ohren und Augen gebracht.«

»Und dabei,« sagte Robert, »hätte es sein Bewenden gehabt. York hätte Befehl gegeben Ew. Hoheit in den Tower zu führen, und keine Seele wäre dagegen aufgestanden. Ein Reiterregiment, Hoheit, mit guten Kürassen, breiten, langen Degen und exacter Disciplin ist besser als Londons ganze Populace.«

»Dir jauchzte noch nie die Menge zu, Robert. Es ist ein seliges Gefühl, wenn das bunte Meer, der Mützen und Kappen unter uns wogt, unser Name in den Lüften schwebt, wenn jede gute Seele glaubt, Felsen auf unser Glück bauen zu können, daß wir selbst am Ende glauben auf Felsen zu stehen.«

»Unter dem Volke glaube ich immer zu viel puritanische Stimmen zu vernehmen,« warf Robert lächelnd ein, »was mir dann alle Lust benimmt, sobald ich denke, die Stimmen haben auch Psalmen gesungen.«

»Ritter Ihr solltet Euch bekehren,« rief der Herzog ernsteren Tones. »Ich liebe es nicht, daß Ihr Eure Laune gegen jene frommen Leute, die ich besonders achte, auslaßt. Macht Euch vertraut mit ihren Grundsätzen, die doch wohl gut sein müssen, da sie ihnen eine solche Liebe für Gesetz und Vaterland einflößen.«

»Wenn Ew. Hoheit mein Lehrer sein wollen, will ich probiren, ob ich mich zwingen kann. Doch müssen Ew. Hoheit die Grundsätze geändert haben, denn so erinnere ich mich einer Unterredung zwischen Hochdenselben und dem seligen Thomas Armstrong über diesen Artikel –«

Monmouth konnte sich eines Lächelns nicht erwehren, obgleich es mit einem Seufzer verbunden war. »Laß die Todten ruhen, Robert! Er bereute seinen schlimmen Wandel, seine Spöttereien, und schwor den Freigeist völlig ab, ehe der Arme meinetwillen den letzten Gang antrat.«

»Bis dahin, Königliche Hoheit, mag auch uns noch die Erleuchtung kommen,« erwiederte Fletcher.

»Im Ernst, Sir Robert,« sagte der Herzog, »nehmt wenigstens einen religiösen Schein, und gewöhnt Euch einige von den Worten an, welche bei den Presbyterianern beliebt sind. So etwas kann ja nicht schwer fallen, und ist durchaus nöthig, da alle unsere Hoffnungen auf den unterdrückten Nonconformisten beruhen.«

»Drei Regimenter Dragoner!« rief Robert, komisch aufseufzend, »und ich wollte allen Puritanern die Friedseligkeit der quäkenden Rundhüte gönnen und doch Euer Hoheit auf den Thron von England setzen.«

»Das spricht der junge Bursche,« sagte Monmouth, »als wäre er der Königsmacher Warwick. Rebellion ist ein Wort geworden, so leicht auf den Lippen der Menschen, als auf des Säuglings das stammelnde Verlangen nach der Mutter Brust. Ich bin des vielen Blutes überdrüssig, das für den Namen Freiheit und Religion seit drei Königen vergossen ist.« –

»Nun nur noch einmal, Hoheit, und dann Friede.«

Monmouth versank wieder in sein voriges Brüten; es war aber kein ruhiger Zustand des Sinnens, denn häufig fuhr er in die Höhe, wie krampfhaft durchzückt, und ließ die Blicke umherschweifen, eines der Lichter verfolgend, welche bei der zunehmenden Dunkelheit zu beiden Seiten oder auf dem Strome sichtbar wurden. Ungehindert waren sie aus der Stadt gekommen, und jetzt stand der Herzog auf, die im Dunkel immer mehr verschmelzenden Massen der Hauptstadt nicht aus dem Auge zu verlieren. Die Giebel, Zinnen und Thurmspitzen waren noch deutlich gegen den gelben Wiederschein der untergegangenen Sonne zu unterscheiden, das Tagesgeräusch erstarb allmälig.

»Gute Nacht London!« rief er, »soll ich Dir ein ewiges Lebewohl sagen, wie jüngst mein Vater? – Es ist eine schöne Stadt, Robert, und ich möchte nirgend anders leben. Am Haag schläft man ein, in Paris regiert Ludwigs Laune, daß keine Plaisanterie und kein Witz in den Salons aufkommt, der sich nicht vor dem pedantischen Dictator des guten Geschmackes bückt. Welche Freiheit und Munterkeit dagegen in Whitehall! Mein Vater war der liebenswürdigste Wirth und Alles, was Witz hieß, hatte dort freien Zutritt, selbst wenn er gegen ihn gerichtet war. Er war so nachsichtig, und hätte nicht York, wie sein böser Dämon um ihn geschwebt, auch die letzte Katastrophe wäre ohne Blut abgelaufen.«

»Er war so nachsichtig,« sagte Robert, »daß er das ganze England übersah, wenn es sein Vergnügen galt. Bei Gott, ich sollte denken, wenn es drüben ein Fortleben giebt, die Geldsäcke aus Frankreich für die er Englands Interesse unserm Erbfeind verrieth, müßten centnerschwer am Tage der Auferstehung auf Karls Brust lasten.«

Monmouth schwieg, und wiederholte dann mehreremale: »Es soll anders werden!«

»Alles?« fuhr Robert heraus: »Ob sich Alles wieder gut machen läßt?«

Die Frage schien den Herzog tiefer zu verwunden, als es der Ritter mochte gemeint haben. »Die Todten sind selig,« sprach er vor sich hin. »Sie zürnen uns am wenigsten, dort, wo es keine nächtlichen Fluchten mehr giebt, wo die Ehre nicht mehr gekränkt wird, wo keine Kronen in den Wolken schweben, nach denen wir greifen. Die sind zu bedauern, denen wir den Dolch ins Herz stießen, und die doch leben mit dem unheilbaren Schmerze. Solche liebesiechen Gemüther, die der ganzen Natur ihr Leid klagen, die ganze Natur zum Zeugen der Treulosigkeit anrufen, und doch von Gram verzehrt, schweigen. – Robert, wie stehst Du mit der Tochter des alten Sir William Tennison?« fragte er nach einer Pause.

»Ich stehe so,« entgegnete dieser, »daß wenn ich vor ihr den Hut abziehe, sie mir einen tiefen Knix macht, und wenn ich reden will von unserer alten Freundschaft, sie sich erinnert, wie ich vom Schulmeister Schläge bekommen; und wenn ich sie an unsere Väter erinnere, und was beide wünschten, dann verweist sie mich mit unendlicher Holdseligkeit zum Oheim, der mir die Glaubensartikel abfrägt.«

Monmouth lachte: »Ich möchte Dich einmal so stehen sehn, guter Robert, wenn Du die Augen senkst und den Hut zwischen den Fingern drehst bis die Tressen schwarz werden.«

»Der – hole den Affendienst!« rief Robert und stampfte mit dem Fuß so gegen die Seite des Kahns, daß dieser in's Schwanken gerieth. »Das Blut läuft einem Soldaten heiß über die Backen, wenn er sich so bücken und gerade stehn muß.«

»Dir fehlt nur die gute Schule,« sagte Monmouth. »Unter den Presbyterianern lernt man eben so wenig als im Lager mit Damen umgehn. Ihnen gerad ins Gesicht gesehn, gesprochen, daß sie roth werden müssen, und dann etwas Keckheit. Aber mein Ritter, wenn Du durch Schmachten Deine Dulcinea erobern willst, so präparire Dich auf eine recht tröstliche Langeweile.«

»Wahrhaftig!« rief Robert mit Heftigkeit aus. »Fletcher von Saltons Sohn hat zu dem Hofedienst keine Lust. Ich gehe nicht mehr hin, um von der Tochter geneckt, vom Vormund gehöhnt zu werden.«

»Recht so!« fiel Monmouth billigend ein. »Die Dame soll auch den Ritter nicht vergessen.«

»Ich will sie erwerben,« fuhr Robert fort, »und dies mein Schwert soll dann mein Fürsprecher sein.«

»Du hast es ja wohl geerbt von Deinem Vater?« sagte der Herzog mit unterdrücktem Lächeln. »Wenn ich mich recht entsinne, erzähltest Du mir schon einmal von dem Degen Fletcher von Saltons.«

Die Anspielung schien diesmal den jungen Krieger mehr in Harnisch zu bringen, als es die leicht hingeworfene Spötterei in der Absicht des Herzogs sollte.

»Es soll lange genug den Namen des alten Fletcher von Salton geführt haben,« rief er heftig und so aus, daß Monmouth merken konnte, der fortgesetzte Scherz könne zu übeln Folgen führen. »Ich habe einen hohen Eid geschworen, daß es bald den des jungen Fletcher führen soll. Dauert es mir hier im Lande zu lang und sind die Leute unwürdig, zu feig, etwas zu thun was Englands Namen wieder in die Sterne versetzt, gehe ich auswärts. Aber beim Himmel, heim will ich einmal kommen, mit diesem schlechten Schwerte an der Seite und dann an Miß Annens Thüre klopfen und ein einfaches Ja oder Nein fordern.«

»Bravo, das ist wie ein Mann gesprochen,« sagte Monmouth, »und die Gelegenheit wird sich finden.«

Die Nacht war eingebrochen, die Kälte wurde empfindlich auf dem offenen Fahrzeuge, und beiden so wenig auf die schnelle Flucht vorbereiteten Rittern war es sehr angenehm, als die erleuchteten Fenster und Schiffslaternen in der Gegend von Gravesand ihnen entgegen schienen. Sie legten an, Robert suchte den Weg nach einer bestimmten Schenke, wo er zu seiner Freude alsbald den Holländer auffand, dessen Schiff zur Aufnahme des Herzogs bereit stand. Monmouth mochte nicht in die Herberge eintreten und schritt, die Kälte zu vertreiben, im Schatten der Nacht auf und ab. Es hatte sich jemand zu ihm gesellt, während Robert ein Geschäft mit den Schiffern abzumachen ging, und wenn er beide Gestalten über die von den hellen Fenstern erleuchteten Flecken vorüberschreiten sah, glaubte er das demüthig, schlaue Gesicht schon zu kennen, auf dessen Mittheilungen der Herzog mit besonderer Achtsamkeit zu hören schien.

Als er nach einer Weile dem Herzoge zu melden kam, daß Alles zur Abreise bereit sei, fand er den Fremden nicht mehr, dagegen die Stirn des Flüchtlings, auf der die Fröhlichkeit nicht leicht entwich, mit dichten Runzeln umwölkt. Monmouth zog ihn in's Dunkel tiefer hinein und hub, nachdem er einige Schritte mit ihm gegangen, an:

»Es soll Alles anders kommen, als ich dachte. Wir finden im Haag nicht mehr die Aufnahme, die wir erwarteten. Der treffliche, besonnene, protestantische Oranien – hat sich auch besonnen. Er läßt seinem Schwiegervater Jacob zum Thronantritt gratuliren, vermuthlich sehr richtig bedenkend, daß die Krone Englands ihm anheim fällt, wenn Jacob ohne Söhne stirbt! – Eine kühle, kühne Berechnung, die mir einen recht kühlen Empfang sichert. – Verdammte kühle Februar-Politik!«

»Der Fürst von Oranien konnte doch unmöglich mit Eurem Oheim aus dem Grunde brechen, weil dieser das Glück hatte der nächste Thronerbe zu sein. Unternehmungen wie die, auf welche Ew. Hoheit und ich ausgehen, verlangen Männer gleich uns, die nichts zu verlieren, und Alles zu gewinnen haben. Nur solche Würfe, wo man das Letzte einsetzt, Freiheit, Blut, begünstigt Fortuna, und schlägt denen ein Bein, welche sich die Hinterpforte offen lassen. Er wird Euch liebevoll aufnehmen.«

»Bis mein Oheim ihm befiehlt mich auszuliefern.«

Er ging wieder heftig einigemal auf und ab, bis er sich abermals zu Robert wandte:

»Und dennoch muß ich hinüber. Mir bleibt nichts übrig als die Gelegenheit dort abzuwarten. – Wenn er mich auslieferte! Entsetzlich. – Es gilt allen Argwohn vermeiden, darum darfst Du nicht mit. – Dein Name gilt schon für eine ganze Rebellion. – Bleibe hier, verbirg Dich, thue was Dir gut dünkt, verläugne mich, wenn sie Dich fragen, schmähe auf mich und –«

»Und das Uebrige,« fiel Robert ein, »überlaßt Ihr mir zu denken und zu thun, damit ich nicht als Zeuge gegen Euch auftreten kann.«

Monmouth war in solcher Bewegung, daß er Roberts Vorwurf nicht hörte, oder verstand. Er drückte ihm die Hand, und zog ihn mit sich nach dem Schiffe. Robert folgte ihm bis auf das Verdeck, um die Befehle zu vernehmen, welche dem Scheidenden vielleicht noch in den Sinn kämen. Aber Monmouth blieb einsylbig von der Aussicht auf die Zukunft mehr erschüttert, als Robert sich erinnerte ihn von den traurigsten Begebenheiten, die ihm unmittelbar begegnet waren, niedergedrückt gesehn zu haben. Er setzte sich, und starrte auf die Dunkelheit rings umher, aus der nur hier und dort einzelne Lichter hervortauchten. Als er wieder anhub, hatte seine Stimme den klaren Ausdruck des Schmerzes errungen. Die angeborene Munterkeit war entwichen, aber auch jene Bitterkeit und leidenschaftliche Angst, die kaum noch darin vorgewaltet hatte, schien der ruhigern Betrachtung gewichen.

»So verlassen war ich noch nie! – Mein Vater todt, hingerichtet die Freunde, in deren Mitte ich aufwuchs mit den Träumen der Macht, Größe und Freiheit! Im Vaterlande ohne Anhalt und in der Fremde ohne Zuflucht, gleiche ich dem Piraten, der auf dem schaukelnden Bret im Ocean die letzte Heimath findet. Nicht hochgeboren und nicht niedrig, nicht makellos und doch auch nicht ganz verworfen, schwanke ich umher bis mich der Strudel fassen wird. – Ja, es ist Nacht ringsum, Robert, und mich dünkt, auf meiner glänzenden Bahn dunkelt es auch. – Bald mag es so weit kommen, daß ich das letzte Bret ergreifen muß und nun – in die finstre Nacht hinein.«

Er stand auf, und stützte sich auf den Kriegsmann. Dieser fühlte eine Thräne aus den Augen des Herzogs rinnen, als er mit weicherer Stimme sagte: »Es ist thörig, in das Verderben rennen wollen, wo uns das Leben lacht: Es gälte nur die Eitelkeit überwinden, die den Namen führt Ehre, Standhaftigkeit. – Wenn ich suchte mich mit ihm zu versöhnen! – Ich schriebe ihm aus Holland – auch er müßte eine gewisse Unterwerfung dem ungewissen Erfolge vorziehen. – Wir sind nahe verwandt, und er kann ja nicht so ganz ohne menschliches Gefühl sein, da er mein Oheim ist.«

Robert ließ unwillkürlich los: »Und England!« rief er. »Soll das Vaterland, Alles, was wir träumten, redeten, die Geister, die wir beschworen aus Alterthum und Vorzeit, wie eine schlechte Pertinenz in den Kauf gegeben werden, für den Preis eines bequemen Lebens, eines süßen Schlafes, eines Todes in feuchten Betten und verpesteter Krankenluft! – Bei Gott, Hoheit, – oder nicht mehr Hoheit, denn Ihr wollt sie fahren lassen, – warum bliebt Ihr nicht in London, wo Ihr das alles bequemer hattet, mit Titeln, Genuß und Reichthum. – Ich habe noch nicht die hundert tausend Klagen vergessen, die wir hörten, die Bedrückungen, die Kränkung so alter Rechte als das Menschengeschlecht selbst, ich habe geschworen, bei heiligem Blute, und hätte ich auch nicht geschworen, ich hielte doch das Wort, das ich mir selbst gegeben. Möge diese Hand verdorren wenn sie nichts that zur Rettung des Vaterlandes, was die Nachwelt preisen kann.«

Monmouth antwortete nicht. Als aber der Schiffer in flämischer Sprache das Zeichen zur Abfahrt gab, und Robert sich trennen wollte, drückte er ihm die Hand.

»Robert, wärst Du so oft wie ich, von dem Wellenspiel des Schicksals hinauf und herunter getragen worden, Dir käme auch der Zweifel, ob die launenhafte Gunst nun nicht zu Ende, ob die Klippe nicht fern sei, an der Du zerschmettern sollst. – Noch einmal, wohlan!«

Robert schüttelte die Hand des Herzogs mit mehr Kraft, als die Regel der Zeremonie erlauben mochte. »Möge es dahin kommen, daß Jacob mit seinen Pfaffen so vermummt wie wir, so in nächtlicher Weile einst entflieht, ich will ihm die Flucht nicht erschweren, denn dann ist der glücklichste Moment erschienen, und ich sehe Englands Krone auf dem würdigsten Haupte.«

Der Herzog zückte wie vor einem Gesichte auf, aber er blieb stumm, und stieg in den innern Raum hinab, während Robert die Strickleiter hinabkletterte und mit dem Kahn des Uferwirthes, der noch Lebensmittel in das Schiff gebracht hatte, ans Land zurückfuhr. Die Nacht war mit diesen Zubereitungen fast verstrichen, und als der Morgen anbrach, setzte sich Robert in Bereitschaft zu den Reisen, welche er durch die westlichen Provinzen unternehmen wollte.

Das gemiethete Pferd wurde von den Stallknechten des Wirthshauses eben vor der Hausthür gestriegelt und gesattelt, und Robert pfiff sich ein Morgenliedchen, die Ungeduld zu vertreiben, als der alte Lootse von gestern Abend an ihn herantrat. Sein schlaues Gesicht schien zu verstehen zu geben, daß er vielleicht noch etwas über die Belohnung erwarte. Doch täuschte sich der Ritter, indem der alte Schiffer ihn bei Seite ziehend flüsterte:

»Nicht wahr, Sir, mein Kahn fuhr gestern etwas Königliches? Meine alten Augen müßten mich sehr täuschen, oder es war der Herzog von Monmouth. – Solch ein Gesicht braucht man nur einmal zu sehen, um es immer wieder zu kennen.«

Der Alte mochte in Roberts Blicken eine bejahende Antwort lesen, aber auch zugleich das Mißtrauen. Er drückte ihm deshalb die Hand und die Thränen standen ihm in den erblindenden Augen.

»Leib und Seele! ich möchte ein junger Herr sein, wie Ihr, um einem solchen Prinzen dienen zu können. Solch ein Stolz, solche Liebe, solche protestantischen Züge, die könnten das alte Blut wieder jung machen. – Seid unbesorgt, Sir, ich verrathe den nicht, auf den wir Alle hoffen, und sollten sie auch die spanische Inquisition einführen, und Meine alten Glieder auf die Folter spannen! – Seht, wenn der König wird, und die papistischen Gräuel aus dem Lande geschafft werden, ich klettere selbst noch auf den Mast, und stecke die Fahne der Freude auf!«

»Woher glaubt Ihr meinen Gefährten zu kennen?« sagte der Ritter, ohne die Vermuthung des Alten zu bestärken oder zu bestreiten.

»Wie sollte ich ihn denn nicht kennen!« antwortete dieser, wie beleidigt. »Es ist ja der königlichste Prinz so lange England steht. Seht, Sir, im zweiten holländischen Kriege, damals, als uns die ostindische Flotte im Nebel entging, damals kam die Fregatte, auf der ich diente, nicht ins Gefecht, aber späterhin, als wir darauf des Ruyters Admiralsflotte angriffen, und die Kugeln pfiffen, wie das seit dem Untergang der spanischen Armada nicht auf dem Meere gehört worden, dazumal erhielt ich die Blessur, die mich lange niederwarf, und den rechten Arm lähmte. Als ich wieder aufstand war ich ein Invalide, und wie sie einen Mann in London achten, der seinen rechten Arm nicht hat, das brauche ich Euch nicht zu sagen. Seht, Sir, bei dem großen Aufzuge des hochseligen Königs, kam ich in's Gedränge, die Burschen aus der Stadt stießen mich, ich that, was ich konnte mit meinem linken gesunden Arme, und sagte ihnen auch etwas auf meine Art. Da aber ging es an ein Raufen und Stoßen und gerade in dem Augenblick war es, wo Seine Hoheit, in der schönen Gardeuniform vorüberritt, daß Alles glänzte und bauschte von Gold und man den rothen Rock mit einem Fernrohr suchen konnte. Seht, der König und der ganze Hof hatten mich nicht gesehen, aber der Herzog von Monmouth der sah mich gleich. Da wandte er sein Pferd zu den Kerlen um und sagte: Laßt doch, Leute, den alten Seemann in Ruhe; er hat ja nur einen Arm! – Seht, Sir, das hat er gesagt. Das ist ein Prinz, das ist ein königlicher Herr, so leutselig, und gar nichts Papistisches in ihm; er kennt seine Leute und Tag und Nacht denkt er ans Vaterland, und ich bin nur ein schlichter Mann und verstehe gar nichts von der Gelehrsamkeit – das aber laßt Euch sagen, wenn ihn nicht die Papisten vergiften, so wird der König von England.«

Robert lächelte und drückte dem Alten ein Geldstück in die Hand. Er dankte mit einem treuherzigen Druck:

»Gott vergelt' es Euch! – Ich bin zwar taub, aber ich habe wohl aufgepaßt, wie Ihr mit dem Herzog im Kahn geredet habt. – Ich konnte es wohl an den Mienen absehn, wie Ihr Euch beriethet um den protestantischen Glauben, und ein Blinder mochte es an seiner Stirne lesen, was er für Plane hatte. Nun Gott befohlen Sir, wir sehn uns zu 'ner bessern Zeit wieder, wo Gott mehr Ehre geschieht im Lande als in diesen schlimmen Zeiten.«

Er ging, und Robert, der ihm mit nachdenklichem Lächeln nachgeblickt hatte, schwang sich auf den Gaul, den er mit Hülfe der peitschenden Stallknechte nicht ohne Mühe in gelinden Trab brachte.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.