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Schloß Avalon. Zweiter Band

Willibald Alexis: Schloß Avalon. Zweiter Band - Kapitel 3
Quellenangabe
authorWillibald Alexis
titleSchloß Avalon. Zweiter Band
publisherF. A. Brockhaus
year1827
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20180307
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Zweites Capitel.

Beflort den Himmel, weiche Tag der Nacht!
Kometen, Zeit und Staatenwechsel kündend,
Schwingt die krystallnen Zöpf am Firmament,
Und geißelt die empörten, bösen Sterne,
Die eingestimmt zu dieses Königs Tod
– – – – – zu groß lang zu leben
England verlor so würdigen König nie.

Shakspeares Heinrich VI.

 

Immer dichtere Massen drängten sich die Treppen des königlichen Schlosses hinauf, Einlaß zu erhalten zu den Trauersälen, welche beim Andrang der Neugierigen und Leidtragenden nur den Erwählten geöffnet waren. Doch gelang es auch minder Berechtigten die Wachen zu umgehen, und die schwarzen Säle mit den dicht behangenen Fenstern, der, trotz alles Goldes, düstern Stickerei, den feierlichen Kerzen und den dumpfen Gesichtern zu betreten. Inmitten lag auf dem Paradebette die todte Majestät, Krone und Scepter zum Haupt, dessen blasses finstres Antlitz mit den geschlossenen Augen den Kerzen Hohn sprach, die es noch beleuchten wollten. Dumpf kreiste um den Sarg die stumme Menge, ein Bild der entsetzlichen Gleichgültigkeit; starre Blicke auf allen Gesichtern, Theilnahme fast nur, insofern sie mit der Furcht verschwistert war. Die Hellebardiere vergönnten Niemand herauszutreten und der Strom durfte nicht anhalten, um nicht, in Stocken gerathend, die Ordnung zu stören. Dennoch fanden Einzelne in den Nebenhallen Gelegenheit, ihren Meinungen Luft zu machen, während die Wache den Blick wohl zuweilen abwandte, wenn ein Vornehmerer näher an den Sarg tretend, den Zügen des Todten ein Lebewohl zurief.

»Es war ein guter Mann,« sagte ein beleibter Bürger, der mit seinem Nachbar dem Gedränge seitwärts auswich.

»Er hatte wieder ein lustiges Leben eingeführt in England, und ließ es nicht ausgehn, so lange er lebte,« setzte der Nachbar hinzu.

»Aber manches Andern Leben ließ er ausgehen, das gut war, wie eines in England,« äußerte der Dritte hinzutretend.

»Auf seinem Todbette soll's ihn gereut haben,« meinte der Erste.

»Davon will nichts verlauten,« sprach der Dritte. »Er hat nicht an die Nation, nicht an London und nicht an die protestantische Kirche gedacht. Als der Tod ihn überkam, waren seine letzten Worte: Sie möchten der armen Nelly was geben, daß sie nicht verhungere.«

»Ei was,« sagte der Erste, »er lebte und ließ leben.«

»Den Katholicismus!« fuhr der Dritte heraus. »Unsere Geistlichen wies er fort, und ließ einen Benedictiner kommen, den Pater Huddleston, und so ist er aus der Welt gegangen, wie ein klarer Papist, daß seine Seele ewig verloren bleibt.«

Der Erste riß die Augen groß auf und öffnete den Mund halb seinen Zweifel auszusprechen, der Zweite aber kam ihm zuvor, die Aussage des Dritten bestätigend. »Ja Gevatter, das ist nun wohl gewiß. Ihr seid zwar heut erst aus Chester zurückgekehrt, mich wundert aber, daß sie es Euch nicht gesagt haben, denn jedes Kind weiß darum und der neue König hat gleich die beiden Schriften drucken lassen, worin der alte Karl die Religion abgeschworen.«

Der Erste schlug, nachdem er vergeblich nach Worten gesucht, den ganzen Unwillen mit einem Male auszudrücken, mit der Faust gegen einen Pfeiler: »So soll London noch mal brennen, und sie wollen uns durchaus die Religion nehmen!«

»Eben,« fiel der Dritte ein, »hat York, den sie jetzt König Jacob den Zweiten nennen, hier eine Stunde am Sarge gekniet, und ich habe es mit eigenen Augen gesehen, wie er die Hand auf den Leichnam legte, und einen fürchterlichen Schwur that, uns papistisch zu machen, und England in die Hände des Antichrists zu spielen.«

»Schrecklich!« rief der Erste, jener aber fuhr fort:

»Und jetzt ist er in die Messe gegangen, denkt Euch, ganz öffentlich in die Messe, und die Thüren der Kapelle wurden weit aufgerissen, daß alle Welt sehen soll, wie sie die babylonische Hure ohne Schaam und Schande anbeten. Da hat er das Abendmahl darauf genommen –«

»Messe gelesen, in London Messe gelesen!« rief der Erstere, die Augen verdrehend.

Ein Hellebardierer, von ihren lauten Exclamationen herbeigezogen, wies sie zur Ruhe und zum Saale hinaus. Der Dritte zeigte zwar auf mehrere Personen, welche ganz aus der Reihe getreten wären und dicht am Sarge ständen und sprächen, der Wachthabende wollte aber auf diese Einwendungen so wenig achten, daß er geradezu versicherte, was Gentlemens und Ladys thäten sei nicht jedem Schneider aus der City vergönnt. So schieden die drei und mit ihnen mehrere Bürger, welche stumme Theilnehmer des Gespräches gewesen, mit lauten Verwünschungen und gegenseitigen Betheuerungen, daß es mit dem Protestantismus und Englands Freiheiten vorbei wäre.

Aus dem langen Zuge trat eine Dame heraus und beugte sich über das Gesicht des Todten. Die Hellebardiere wagten nicht sie zurückzuziehen, da der hohe Anstand der edlen Gestalt auf eine hohe Geburt deutete. Man las eine so ernste Theilnahme auf ihrem Gesichte, als sie lange auf die starren Züge blickte, daß Viele auf die Vermuthung geriethen, sie gehöre zur Zahl der Frauen, welche in dem Todten die Trennung eines innigeren Verhältnisses als das zwischen Fürsten und Unterthanen beweinten. Harriet hatte den König während seines Lebens nie, oder nur in solchen flüchtigen Momenten gesehn, wo die Züge des Menschen vor dem Staat des Monarchen verschwinden. Jetzt zog sie ein Etwas hin, das sie sich zu erklären nicht vermochte. Alle Gedanken an die Eitelkeit irdischer Größe, an den Untergang der Majestät, die sie zurückschaudern gemacht beim ersten Anblick der ausgeputzten Leiche, einst des Bildes der Macht, jetzt der Schwäche, waren gewichen. Die Züge des Todten in ihrer starren Kälte kamen ihr wie befreundet vor, und sie weinte so lange davor, daß sie der Gegenstand der Aufmerksamkeit Aller geworden wäre, hätte nicht der Arm eines Mannes die regungslos vor sich Hinstarrende zurückgezogen. Gezwungen wandte sie sich um, aber ein neuer Anblick machte sie stutzen, noch ehe sie gewahr worden, wer ihr hülfeleistend den Arm geboten, und sie durch sanften Zwang nöthigte, dem Zuge zu folgen.

Jemand, in einem hohen spanischen Kragen, hatte sich zu Füßen der Leiche niedergeworfen und schien mit gefalteten Händen zu beten. Alles drückte in ihm eine heftige Bewegung aus. Was ihn umgab, der mit Menschen, mit den Augen von Neugierigen angefüllte Saal, das Ceremoniell, alles schien über die Gefühle, welche sich des Trauernden beim Anblick der Leiche bemeisterten, vergessen. Gleich als wäre er berechtigt wie der erste Leidtragende, kniete er, die Leiche mit der Stirne berührend. Die schwarze Perücke sollte sein jugendliches Gesicht verstellen, aber Harriet blickte hindurch. Ein Angstschrei entflog ihr. »Er ist es!« wollte sie ausrufen, aber die Worte blieben auf der Lippe, als ihr Begleiter sie schon mit Gewalt mitten in das Gedränge hineingerissen hatte. Sie wollte widerstreben, zu ihm zurück, aber der Begleiter ließ sie nicht los; auch wäre es vergeblich gewesen gegen den Strom sich hindurch zu arbeiten.

»Um Gottes Willen! Ihr verderbt ihn, Euch, uns Alle,« flüsterte ihr der Ritter zu, in welchem sie, bei der Kerze eines Seitenpfeilers, Sir Robert Fletcher erkannte.

In eine dunklere Fensternische mit dem Ritter gelangt, stürmte sie in ihn: »Er war es gewiß? – Ist er jetzt sicher? – Des Königs Tod hebt die Verfolgung auf? – O peinigt mich nicht mit Schweigen!«

»Mylady, zu leugnen, daß er es ist, hieße die Liebe blind schelten. Aber der angebundene Vogel, auf den der Schütze zielt, ist sicherer als Euer – Gatte in England. Bei allem was Euch heilig ist, schweigt, kennt ihn nicht – der Wahnsinn führte ihn hierher, jetzt gerade hierher. – Er muß zurück und gleich – ehe er Euch gesehn, denn York giebt das halbe Königreich für seinen Kopf.«

»Aber ich kam nach London ihn zu sehen,« entgegnete Harriet heftig, »ich muß zu ihm. Sehe ich aus wie eine Verrätherin oder eine Wahnsinnige, die im Unmaaß der Liebe den Geliebten in's Verderben reißen kann?«

Alle Widerreden Fletchers hätten in diesem Augenblicke nichts über die Lady vermocht, wären nicht die Umstände selbst dem für die Folgen des Zusammentreffens beider Geliebten besorgten Ritter zu statten gekommen. Es erhob sich ein solches Gedränge, daß Harriet, sobald sie die sichere Bucht verlassen, hineingerissen und wider ihren Willen nach dem Ausgang des Saales gezogen wurde. Robert konnte es als Glück rechnen, daß es ihm nach vielen beherzten Stößen gelungen war, sie auf der Treppe wieder einzuholen. Hier war noch viel weniger an ein Innehalten zu denken, und als beide auf offener Straße angelangt, wurde der Strom, in dem sie willenlos fortgetrieben, durch den Zuwachs einer großen, einem neuen Schauspiele in der Nähe zueilenden Menge verstärkt. Harriet sah sich nach ihrem Wagen um, weder dieser noch ihre Leute waren indessen zu erblicken, und der Ritter konnte sie nicht verlassen, nach ihnen zu suchen, ohne sie der Gefahr preis zu geben, allein in der rohen Volksmenge zu bleiben. So ließen sich beide noch eine kurze Strecke auf der offnen Straße fortdrängen um Zeugen zu werden, wie König Jacob II. in feierlichem Aufzuge die Messe verließ.

Aller Prunk, den der vorige König, weil er ihm unbequem dünkte, und die Augen des vielleicht noch der republikanischen Zeiten gedenkenden Volkes zu aufregenden Vergleichungen reizen mochte, gern vermieden hatte, war von Jacob hervorgesucht, um seinem ersten Auftreten, als Bekenner des Glaubens, welchen die Gesetze des Königreichs geachtet hatten, vollen Glanz zu leihen. König Karl war nach einer langen Lüge, so lang als sein Leben, erst am Grabesrande mit dem Bekenntniß der Wahrheit hervorgetreten. Jacob hatte, als die Gesetze schwer darauf lasteten, als Verfolgungen und Verlust der Thronfolge ihn bedrohten, als Bruder und Freunde ihn wenigstens zum Schein der Nachgiebigkeit beschworen, frei seinen Glauben bekannt, und fest dabei ausgeharrt. Er glaubte jetzt sich und der heiligen Sache, als deren Märtyrer seine Beichtväter ihn erhoben, den Triumph schuldig zu sein, ohne zu bedenken, daß dieser Triumph als Todesstoß für alles das galt, was dem Engländer heilig war. Auf dem herben, strengen Gesichte glänzte eine Freude, die nur wenige mit ihm theilen konnten, da sie nicht das Zeichen väterlicher Gesinnung für die Tausende war, deren Wohl in seine Hand gegeben, sondern die Lust des Triumphators beim Anblick der Ueberwundenen ausdrückte. Neben ihm die Königin, eine noch jugendliche, zarte Gestalt. Sie hatte viele Gefahren mit ihm als treue Gattin erduldet; und die dunkeln Augen der Italienerin funkelten von derselben ersten Lust, welche die des Königs belebten. Einige Geistliche, unter ihnen der Vater Peter, die nie bisher gewagt in ihrer Ordenstracht in Londons Straßen zu erscheinen, schritten hinter dem Königlichen Paare in allem Staate, welchen ihre Kirche an Festtagen verordnet. Die unsichere Freude drückte sich in ihren umherirrenden Blicken, in ihren wankenden Tritten aus. Aber mit gesenkten Häuptern folgten mehrere katholische Lords, als fühlten sie, daß der übereilte Triumphzug des Bekenners ihrer Kirche und ihrem Glauben nur bittere Früchte bringen müsse.

König Jacob war in Englands Seekriegen als Held aufgetreten; man gab ihm willig den Namen des Engländers, weil er die Ehre des Vaterlandes, so lange gekränkt durch den französischen Einfluß unter dem zweiten Karl, wieder aufzurichten versprach; noch tönten die Worte, die er im Staatsrath gesprochen: Englands Gesetze und Englands Kirche aufrecht zu erhalten, beruhigend in aller Ohren; er war ein König, in den jungen Tagen seiner Macht, wo auch der Argwöhnische hofft, weil der Glaube Alle belebt, daß die Morgensonne heller leuchte, als die untergegangene, – und doch erhob sich keine Stimme zu seinem Preise. Stumm zog das Volk die schmutzigen Mützen; in verlegenem Trotz blickten die nächststehenden auf den bunten Zug, und ein dumpfes Gemurmel lief durch die dichten Massen. Nur die Trompeter hinter dem Gefolge erlogen den Jubel. Das Gerücht von einem Gelübde des Königs, England binnen Jahresfrist katholisch zu machen, gewann von Munde zu Munde fliegend, bei diesem Anblick einen Glauben, den alle Vernunftgründe dagegen ihm späterhin nicht zu nehmen vermochten.

Das Volk hatte eine Gasse gebildet für den langsam einherschreitenden Zug. Die Lady, vom Ritter auf einen Schwellenstein geführt, konnte hier mit mehrerer Sicherheit das Schauspiel übersehen. Auf der andern Seite der Gasse, noch entfernt vom Zuge, tauchte jetzt ein Kopf hervor, dessen Anblick Harriets ganze Aufmerksamkeit fesselte. Es war ihr Gatte. Unbeweglich stand er und betrachtete den seinem Standpunkt sich nähernden Feierzug. Schmerz, Unwille, wilde Entschlüsse schienen auf der ernsten Stirn gelagert, und der Gedanke an Sicherheit verbannt. Sie zog, ohne ein Wort zu sprechen ihren Begleiter mit sich fort, dem Zuge voreilend. Jetzt betrachtete sie den sorglos Dastehenden, jetzt die Blicke des Königs, die er forschend über die Menge hinschweifen ließ: ob er Freunde, ob Feinde finde? Der Zug war dicht an dem Unbesonnenen. Er verbarg sich nicht unter der Menge. Wie eine Bildsäule stand er in nachlässiger Stellung und die Lippen warfen sich auf. Harriet hätte durch die Gasse brechen, zu ihm stürzen mögen, ihn fortzureißen aus den Blicken des Monarchen, die dem Geliebten Tod bringen konnten. Der gefürchtete Augenblick kam. Der König warf seinen Kopf umher und seine Augen trafen den aufrecht stehenden Spanier. Er fuhr zurück, er sah wieder hin, und die aufgeworfenen Lippen des Zuschauers verzogen sich zu einem trotzigen Lächeln. Harriets Busen pochte, als wolle er die Hülle zersprengen. Ein tiefer Seufzer, dann stieß sie einen Schrei des Entsetzens aus, so laut, daß der König, der kaum drei Schritte von ihr entfernt stand, ihn vernahm. Dies lenkte seine Aufmerksamkeit für den Augenblick von dem stolzen Gesichte ab.

»Was giebt es?« rief er in das Volksgewühl blickend.

»Eine Lady ist in Ohnmacht gefallen,« war die Antwort.

Harriet lehnte sich, von einer Matrone unterstützt, um die ihr in der That schwindende Kraft des Bewußtseyns wieder zu sammeln. Des Königs Auge, durchaus nicht unempfänglich für Frauenreitze, verweilte mit Wohlgefallen auf ihrer Gestalt.

»Eine Lady so allein! – Wer ist die Lady?«

»Der Ritter, welcher sie hergeführt, hat sie, unbegreiflicher Weise, plötzlich verlassen,« antwortete man. »Sie drängte mit großem Ungestüm, Euer Majestät nicht aus dem Auge zu verlieren, immer mit dem Zuge fort.«

»So groß ist die Liebe und die Hoffnung bei Ew. Majestät Unterthanen,« sagte Vater Peter hervortretend.

»Zumal der Unterthaninnen,« flüsterte Sunderland mit verbindlicher Verbeugung dem Könige zu. »Dem ritterlichen Jacob widersteht kein Frauenherz.«

»Die Lady erholt sich bereits,« sagte die Königin in italienischer Sprache. »Auch würde es eine üble Vorbedeutung sein,« bemerkte sie zum Beichtvater des Königs, »wenn unser erster Aufzug zur Feier der wahren Kirche durch den Anblick einer ohnmächtigen Dame unterbrochen würde.«

Der Beichtvater theilte den Kern der nützlichen Bemerkung dem Könige mit, dessen Auge sich wieder nach dem Punkte gerichtet hatte, von wo ein Blick seinem Blicke begegnet war, der allein fähig gewesen wäre, die ganze Lust des Auftritts ihm zu verbittern.

»Don Ronquillo,« wandte er sich zum spanischen Gesandten, »habt Ihr Jemand aus Eurem Gefolge dort bemerkt?«

»Wer zur Gesandtschaft gehört, war mit in der Messe. Auch sah ich keinen der in London anwesenden Unterthanen Seiner katholischen Majestät heut als Zuschauer.«

»Wollte es mich doch fast bedünken,« sagte der König zu Sunderland gewendet, »als hätten mich von dort die weibischen Züge unsers sogenannten Neffen Monmouth angeblickt! – Aus jenem Haufen ragte das Gesicht in einem spanischen Mantel halb verhüllt hervor.«

»Euer Majestät höchstseliger Bruder,« flüsterte Sunderland, »hatte so viel Glück beim ganzen Geschlecht der Miß Lucie Waller, daß wohl mancher Bruder des Herzogs von Monmouth Londons Pflaster tritt, ohne auf seine mit den Königlichen Stuarts verwandte Züge, die thörigen Prätensionen der Legitimität zu gründen.«

»Doch war es ganz sein Auge, seine Nase, das verwöhnte Lächeln des Glückskindes schwebte um die Lippen. Man muß Nachsuchungen halten –«

»Die ihn gewiß bei einem holländischen Käse, oder einer hübschen Flamänderin in Antwerpen finden werden,« entgegnete Sunderland, einige Befehle an den Officier der Leibwache austheilend.

»Mir kommt es wahrscheinlicher vor,« sagte Churchill, »wenn Ew. Majestät eine solche Person mit Mammuths- oder Monmouths- Zügen entdeckt haben, daß diese nicht von der väterlichen Majestät, sondern von der gemeinschaftlichen Mutter herrühren, da die süße Miß Lucie ein offenes Herz für die Menschheit, nämlich die männliche, besaß.«

Der König griff diese bittere Anspielung auf den zweifelhaften Ursprung des Herzogs mit Wohlgefallen auf. »Es gab Leute,« sagte er, »die da meinten, Monmouth gliche weit weniger meinem seligen Bruder, als dem Rebellen Algernon Sidney, den jene Waller auch einst beglückt hatte. Er leitete den erwachsenen Knaben wenigstens wie ein Kind am Gängelbande.«

»Nur kommt die Untersuchung über die Vaterschaft leider zu spät; der Ritter müßte denn als Geist von drüben her citirt werden,« warf Churchill lachend ein.

Indessen hatte sich der Zug weiter bewegt, und während man Anstalten traf nach dem Spanier zu suchen, war die Lady vergessen worden. Sie hatte sich von der Matrone unterstützt in einen Thorweg geflüchtet, ohne von dem Gespräche der Königlichen Begleiter ein Wort zu vernehmen. Die mitleidigen Bürgersleute besprengten und rieben die Ermattete mit Wasser und Weinessig, so daß sie sich allmählig wieder erholte. Einige Worte des Gespräches welches sie bruchstückweise mit anhörte, wirkten nicht minder dazu, die volle Kraft des Geistes zurückzurufen.

»Das arme Geschöpf,« sagte die Mutter, »sie hat vermuthlich einem der Herrn vom Hofe angehört, der sie nun hat sitzen lassen.«

»Aber, Mutter,« sagte eine der Töchter, »die feinen Kleider; ich wette die sind aus Paris. Sie sieht auch gar nicht danach aus.«

»Es wurden wohl honetterer Eltern Kinder in die Netze gelockt. Lieber Gott, sie machen ja auch nichts Arges daraus bei Hofe,« rief die Mutter.

»Man konnte es bis zur Herzogin bringen!« meinte die andere Tochter.

»Wie es sich traf. Wer manche, die es schon bis sechs Pferde und Vorreiter gebracht hatte, wurde auch mir nichts dir nichts wieder abgeladen, und starb auf dem Miste, – Die hier wirds auch nicht bis zur Herzogin bringen.«

»Sie sieht so edel und schön und stolz aus, Mutter, daß man meinen könnte, sie wäre schon Herzogin.«

»Die vom Hofe werden sie genau genug kennen, sonst wären sie nicht so ruhig vorübergegangen, oder es wäre schon wieder ein Herrchen hier mit bunten Hacken, oder sein Lackei, und erkundigte sich nach dem Bissen.«

»Die schöne Miß Sedley hat auch nicht ausgehalten,« sagte eine Nachbarin, »seit York König geworden; die Königin hat sich hinter den Beichtvater gesteckt, und da hat sie Knall und Fall übers Meer gemußt, wie sehr es Jacob auch ans Herz ging.«

»Das sind die Früchte vom Papismus!« rief die Mutter händeringend.

»O es wird weiter kommen,« sagte die Nachbarin. »Wenn sie uns die Religion und den reinen Glauben genommen haben, so kommen ihre Priester und meinen, Alle, die von Evangelischen getraut sind, wären keine Eheleute, unsere Kinder Bastarde, und wir müßten uns noch mal trauen lassen.«

»Daß Gott erbarm!« schrie die Mutter. »Am Ende könnten wir noch ehrlos aus der Welt gehn, wenns unsern Männern einfiele, sich nicht wieder trauen zu lassen.«

»Und die Mädchen stecken sie in die Klöster!«

Beide Töchter schrieen laut auf.

»Da ist gar keine Rettung vor,« sagte die Nachbarin, »wenn nicht die protestantische Thronfolge bei Zeiten dran kommt. Warum hat nun nicht der alte König Karl den guten Herzog von Monmouth, der doch sein leiblicher Sohn war, nicht im Lande behalten und zum König gemacht? Es hätte ihm nichts gekostet, als daß er erklärt hätte, wie er mit der Mutter Ringe gewechselt. Er hätte ein Paar Seelen retten und das ganze Reich glücklich machen können.«

»Dafür erklärt er lieber,« fiel die Mutter ein, »daß er katholisch war, was ihn doch drüben, wie so ein kluger Mann es einsehen mußte, in Ewigkeit verdammt.«

»Und der gute, protestantische Herzog von Monmouth,« sagte die Nachbarin, »sitzt nun drüben in den Stuben voll Tabacksdampf bei den Holländern.«

»Der würde,« rief die Mutter aus, »und wenn seine Gemahlin, die Herzogin, es ihm tausendmal durch die Beichtväter steckte, seine Geliebte nicht fortschicken. Da hätten die Beichtväter nichts zu sagen.«

»Hat er denn eine Geliebte?« fragten die Tochter.

»Die Leute sagen's und er soll auch so mit ihr getraut sein.«

»Dann hat er ja zwei Frauen!« schreckten die Mädchen auf, die Nachbarin nahm aber zu ihrer Beruhigung eine erklärende Miene an.

»Seht, das verhält sich hier anders. Der gute Herzog war in seiner Kindheit im papistischen Irrglauben auferzogen. Damals mußte er die reiche Erbin von Buccleugh heirathen. Nun aber, als ihm das Licht aufgegangen, und er protestantisch geworden, kommt ihm natürlich alles das, was er dazumal hatte thun müssen, in seiner Gottlosigkeit vor, und er glaubte, er müßte sich noch einmal christlich und protestantisch verheirathen.«

Mutter und Töchter schienen nicht ganz in das Argument der Nachbarin einzugehen, als der Vater, ein stämmiger Bürger, hereintrat, und, mit Unwillen auf die im Hause aufgenommene Fremde blickend, zu schelten begann. Er schien, was die Mutter als Vermuthung ausgesprochen, für Gewißheit anzunehmen, daß die Verlassene zum Gefolge des Hofes gehöre.

»Sollen wir unser Haus zur Herberge machen, für Alles was der Hof abwirft? – Wenn Hoffart und Sünde doch einmal hier Quartier aufschlagen wollen, können wir es ja besser haben, wenn wir unsre eignen Töchter am Hofe in die Lehre geben. Sie werden schon früh genug doppelt reif werden durch die Sünde und den Papismus, und dann logiren wir noch einen Beichtvater ins Haus, um die Bekehrung voll zu machen. – Aber – noch will ich den Hausherrn spielen, bis die Verkehrung eintritt, und bis dahin alles hinauswerfen, was am Papismus gerochen hat.«

Er näherte sich mit sehr entschiedenen Schritten der Lady, daß Mutter und Töchter, die Verletzung des Rechtes der Gastfreundschaft besorgend, auf ihn zusprangen, um ihn zurückzuhalten. Aergerlich suchte er sich aber von ihnen loszumachen.

»Zurück! – Wollt Ihr die Dirne ins Haus aufnehmen, damit wir einen papistischen Spion drin aufziehen? – Eben spüren sie nach dem frommen protestantischen Herzog.«

»Wie? Monmouth?« riefen die drei Frauen mit einer Stimme aus. »Ist er zurückgekommen?«

»Man hat ihn in einer Gasse gesehen mit noch einem andern Ritter, in einem spanischen Kragen. – Auf die wird jetzt Jagd gemacht, wenn man sich nicht geirrt hat, denn Andere meinen, der Ritter sei gar nicht der Herzog gewesen.«

Harriet war aufgesprungen und sog die Worte aus dem Munde des Bürgers mit funkelnden Augen: – »Wohin sind sie? – Wo sah man sie?«

Kaum daß sie die Worte ausgesprochen, bereute sie schon ihre Unvorsichtigkeit. Sie verschluckte die folgende Frage, ordnete hastig Haar und Kleider und trennte sich dann mit Danksagungen für die genossene Pflege und der Versicherung, sie werde zu Hause erwartet. Erstaunt blickten ihr die Anwesenden nach und der Hauswirth sagte:

»Entweder ist sie nicht bei Sinnen, oder sie will den Herzog auftreiben um ihn anzugeben, oder aber sie ist selbst in ihn vernarrt gewesen.«

Kaum hatte Harriet die Schwelle des Hauses verlassen, als sie auch diesen übereilten Schritt bereute. Der leitende Gedanke war gewesen, dem Ritter nachzueilen. Schon in der Thür war ihr die Thorheit eines Entschlusses, der auf jede Art nur zum Verrathe führen konnte, klar geworden. Sie hätte bleiben und einen Wagen sich bestellen sollen. So war sie jetzt aufs neue auf offner Straße beleidigenden Vermuthungen ausgesetzt, und, bei ihrer Unkenntniß der Wege genöthigt bei Vorübergehenden Erkundigungen einzuziehen. Glücklicher Weise traf sie, um die nächste Ecke biegend, einen ihrer Diener, welcher sie zu dem in der Nähe harrenden Wagen geleitete. Man hatte nichts von Verhaftungen gehört, und auch beim Nachhausefahren schweiften ihre Blicke vergebens zu beiden Seiten des Kutschenschlages hinaus. Der Spanier und der Ritter begegneten ihr nirgends.

Der Tag verging für die Lady in peinlicher Spannung. Ahnungen durchzuckten die Erwartungsvolle, denen sie doch keinen Raum geben wollte. Das Rollen jedes Wagens, jeder klirrende Schritt eines im Mantel Verhüllten rief sie an's Fenster. Das Schreien der Gassenbuben galt für den Tumult bei seiner Gefangennahme, und wenn eine Glocke im fernsten Stadtviertel anschlug, war es das Sturmgeläut beim Anfang einer Rebellion. Lorenzo hatte diesen Tag bestimmt mit ihr zusammenzutreffen, aber der Tag war längst verstrichen, zwei Kerzen leuchteten schon lange auf dem runden Teppichtisch, als sie langsame Tritte von der Treppe herauftönen hörte. Diesmal galt ihr der Besuch, die Thüre öffnete sich, aber als der Mann behutsam den Mantel aufschlug, war es nicht Lorenzo.

»Trelawny!« rief sie mit unsicherer Stimme, aus den ernsten Blicken des Mannes Antwort auf die Fragen suchend, welche sie auszusprechen keine Worte fand. »Kommt er? – Steht er unten?«

»Er steht nicht unten, Mylady.«

»Aber Du kommst von ihm, Du sollst mir sagen, wann er kommen wird.«

»Er wird nicht kommen.«

»Eiskalter Bote trüber Nachrichten,« rief sie nach einer Pause – »wardst Du von meinen Feinden gedungen, oder treibt Dich Deine abscheuliche Lust, so tropfenweise mir das Gift einzugeben? Ist Lorenzo meiner überdrüssig? Sprich. Er brauchte es Dir nur aufzutragen, Du verständest die Botschaft wie ein Chemist zu zersetzen und wie Eispillen so zur rechten Zeit einzugeben wenn die Hoffnung glüht, daß Du sagen könntest, ich hätte mich selbst getödtet.«

»Tödtet diese Hoffnungen, Mylady, wenn Ihr fühlt, daß sie Eures Lebens Gift werden.«

Harriet warf sich in das Ruhebett zurück, und sprach, mehr für sich als zum Boten: »Ich sollte ihn sehn, wie den Geliebten, dessen Bild die Hexe am Allerheiligenabend im Spiegel hinzaubert; aber wenn die Liebende sehnend die Hände nach ihm ausstreckt, ist er zurück über die fernen Meere verschwunden. – Wohlan, ich habe die Hoffnung verbannt, er sei für mich auf ewig verloren; doch nun heraus mit Deiner Unglücksbotschaft. Ich gewann Muth; freue Dich nicht, Trelawny, mich noch einmal mit Deinem kalten Hohn im Fieberpallast meiner Phantasieen zu überraschen. Durch meine Kälte will ich selbst Deine überbieten.«

Die Lady erhob sich und ging mit stolzen Schritten das Zimmer auf und ab, ohne während des Folgenden den Boten auch nur eines Blickes zu würdigen.

»Mylady, Euer Gatte hat, um plötzlichen Nachstellungen zu entgehen, London schnell verlassen müssen. Euch nicht mehr zu sehn, war für ihn der größte Schmerz bei dieser plötzlichen Flucht.«

Trelawny schwieg, in Erwartung, die Lady werde etwas darauf erwiedern; als sie aber schweigend auf und abzugehn fortfuhr, setzte er hinzu:

»Es war nicht der Entschluß der Klugheit, der den Unbesonnenen diesmal – und so früh nach London führte. Er setzte Alles auf das Spiel, und doch ehrt der Beweggrund das Herz des Mannes.«

»Wollt Ihr moralische Betrachtungen anstellen, Master Trelawny, so wählt in meiner Gegenwart einen andern Gegenstand als den Gatten, den ich verehre,« sagte die Lady.

Der Arzt schlug die Arme über einander und ließ seine Blicke lange auf Harriet ruhen. Eine ungewohnte Wärme schien über die Züge zu fliegen, welche seit Jahrzehnten ihre starren Formen nicht verlassen haben mochten. Man hätte glauben mögen, eine Thräne stehle sich aus den grauen Augenwimpern, als er mit einer Bewegung, welche ihn der Lady näher brachte, ausrief:

»Unglückselige Frau! – Solche gränzenlose Ergebung, eine Liebe, die, im Nachschein der bessern alten Zeiten, in unseren wie ein Keim im Winter erscheint, ein Vertrauen, so arglos, daß es die Arglist betrügen könnte, wodurch hat alles dies solch ein Schicksal verdient! – Ja, Mylady, bereitet Euch auf Prüfungen. Ich ertrage es nicht mehr langsam Euch hinzumartern mit Hoffnungen und Todesnachrichten. Edelste Frau, unter allen, die ich kannte, werdet Ihr die festeste sein, wenn das eine Wort alle stolze Schlösser Eurer Hoffnungen niederreißt?« –

Harriet hielt inne, mit ihrem Blick den Redner durchbohrend: »Lorenzo untreu! – Er liebt mich nicht mehr, er sucht sich loszureißen – er gab Dir Gift, das Gift der Rede mich zu tödten – rede –«

Trelawny schwieg gesenkten Blickes. Die Lady fuhr fort:

»Elender! Du wagst es nicht die niedre Verläumdung über die Lippen zu bringen. So fängt sich die Arglist selbst. Schweig, ich vergebe Dir, denn Lorenzo steht zu hoch, als daß Trelawnys Schmähung ihn beleidigen könnte.«

»Mylady!« sagte der Arzt mit herausbrechender Bewegung. »Mögt Ihr so fest stehn am Tage des Gerichts wie an dem heutigen.«

»Hat mein Gatte Euch gewürdigt, mir Befehle durch Euch zu senden?« fragte Harriet rasch.

»Er heißt Euch London wieder verlassen und auf dem Lande harren bis die Glocken schlagen werden, des Herzogs von Monmouth Rückkehr nach England verkündend. Sollte indessen die Lust Euch länger in der Stadt fesseln, bittet er Euren Umgang nach meinem Rathe zu wählen, da das Gold seinen Feinden jedes Geheimniß entdeckt, was ihm theuer war.«

»Ich gehe auf meine Güter,« sagte die Lady, und winkte ihm sich zu entfernen.

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