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Schloß Avalon. Zweiter Band

Willibald Alexis: Schloß Avalon. Zweiter Band - Kapitel 2
Quellenangabe
authorWillibald Alexis
titleSchloß Avalon. Zweiter Band
publisherF. A. Brockhaus
year1827
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20180307
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Erstes Capitel.

Wenn an dem Bett des Siechen eine Freundin
Die Pulse zählt, horcht auf des Athems Züge,
Der Wimpern leisem Zucken ängstlich folgt
Und aus der blassen Wangen Furchen liest
Wie vieler Sommer frisches Grün das Auge
Des theuren Kranken noch erfreuen mag – –

Draytons Every man.

 

Ehe der liebliche Avon sich in die Severn ergießt, erhebt sich das südliche Ufer zu einigen steilen Höhen, die, einst mit den Burgen normannischer Markgrafen geschmückt, stolz in das Walliser Land hineinblickten. Da wo, das Kalkspathufer, abgespült von einem in den Avon fallenden Giesbach, sich fast jählings über den Fluß erhebt, steht die Burg Avalon, von ihren Besitzern mit kleinlicher Sorgfalt Jahrhunderte hindurch in dem alten Zustande erhalten, bis ein großer Theil während der parlamentarischen Kriege in Schutt verfiel. Doch hatte der letzte Besitzer es sich angelegen sein lassen die erhaltenen Theile in bewohnbaren Zustand zu setzen, während die niedergerissenen Mauern, üppig übergrünt vom Unkraut, von aussen auch jenen Theilen den Charakter der Zerstörung mittheilten.

Aber der hohe runde Thurm, der dem Pulver widerstanden hatte, schaute noch jetzt so kühn wie ehemals über das flache Land hinaus, und das Wappen der Loscelyne glänzte wieder, neu eingehauen, über seinem Thore. Dieser Thurm gab die Richtung an, welcher eine Gesellschaft Reisender zu Pferde folgte. Scharf schnitten die Linien des rothen Gebäudes gegen den reinen Winterhimmel ab, und auch die Spitzbogen der Schloßbauten mit ihren Eckthürmchen traten vermöge ihrer hohen Lage schon hervor, als noch Meilen die Reisenden von der Burg trennten.

»Weht nicht eine Fahne auf dem Thurme?« sagte die Dame, welche dem Zuge voranritt.

»Es wird das Banner der Loscelyne sein,« bemerkte Jemand aus dem Gefolge, ohne daß es sich entschied, indem die Reiter, einen buschigen Hohlweg betretend, für geraume Zeit die Burg aus dem Auge verloren. Mit der wieder gewonnenen Höhe trat auch der Thurm mit seiner Fahne deutlich vor die Augen und die Sonne glänzte so hell darauf, daß man die Farbe erkennen mochte. Die Dame fragte erschrocken zurück, ob ihr Auge sie täusche, man antwortete ihr aber einstimmig, es sei eine schwarze Fahne. Die Dame trieb nun ihr Pferd an, bis in weiter Entfernung auf der hellen festgefrornen Straße ein Reiter ihnen entgegen kam.

»Ob es Trelawny ist?« sagte sie, erschöpft inne haltend, und jetzt erst bemerkte die Dienerin, welche zu ihr heransprengte, die Thräne in dem fest auf den Thurm gerichteten Auge ihrer Gebieterin.

»Er wird es sein – er ist es,« antwortete man, und die Erwartungsvolle schien aus den Bewegungen des Reiters den Ausschluß lesen zu wollen, nach dem sie verlangte. Er ritt ihr zu langsam, und noch einmal das Gefolge hinter sich lassend, eilte sie ihm entgegen, der nun auch seinen Fuchs aus dem Schritte brachte, als er die wallenden Federn des Hutes, den von der raschen Bewegung gewehten Pelzmantel der Reiterin erblickte.

»Kam ich zu spät?« rief sie ihm zu. »Fruchtete alle Sorgfalt nichts, und der Dulder hat ausgelitten?«

»Er schläft, Mylady, schon seit zwölf Stunden, eine Ruhe, die alle Aerzte als Wohlthat ihm wünschten.«

»Grausamer, was heißt das? Deine Ruhe kann zu Tode martern. Wohl mag dem Getäuschten der ewige Schlaf eine Wohlthat sein; aber wissen will ich mit dürren, dürren Worten, ob er befreit wurde?«

»Sir Raleigh Loscelyne lebte noch vor einer Stunde, als ich ihn verließ,« sagte der in einen einfachen grauen Rock gekleidete Reiter, mit gezogenem Hute und ernsten Mienen die Befehle der Lady erwartend. »Auch lebt er noch in dieser Stunde, wenn anders die Anzeichen eines gesunden Schlafes, des ruhiger gehenden Pulses, des regelmäßigen Athmens nicht täuschten, oder eine höhere Macht anders beschlossen hat.«

»Was bedeutet dann die Trauerfahne auf dem Thurme?« rief die Lady, ihre Bewegung verbergend, indem sie die Augen auf die Burg heftete.

»Daß König Karl II. von England,« sagte Trelawny feierlich, »vor den Thron des ewigen Richters gefordert ist.«

Das herangekommene Gefolge der Lady hatte die letzten Worte vernommen. Ehrfurchtsvoll entblößten die Männer das Haupt und eine Pause folgte, bis die Dame ausrief:

»So plötzlich! noch in voller Kraft um das Gute zu fördern, und mit dem Bösen zu kämpfen, ohne beides zu wollen.«

»Mitten im Willen,« fuhr Trelawny fort, »mitten unter guten Vorsätzen überkam ihn das Bluten und ein Schlagfluß raffte den König dahin.«

»Grausamer Tod, warum so schnell?« sagte die Lady.

»Um zu zeigen, daß der Wille des Menschen nichts ist, wenn er gegen einen höheren streitet,« sprach Trelawny mit erhobener Stimme; ein Blick der Lady ließ ihn jedoch sogleich wieder in das vorige ehrerbietige Schweigen zurück versinken.

»Mich dünkt,« bemerkte sie, »man sandte Euch zu mir, mit Eurer ärztlichen Kenntniß mich zu unterstützen; in keiner Art aber mir Eure Gedanken über Willenskraft und Nichtkraft aufzudringen.«

Der Arzt wandte sich in unterwürfiger Stellung zu den Reitern um, und mischte sich unter sie, der Dame folgend, bis diese ihn wieder zu sich heranwinkte. Er berichtete was man von dem schleunigen Tode des Königs wußte, auch daß er als Katholik gestorben sei, und ohne Anordnungen für das Wohl seiner Völker. Dann mußte er nähere Auskunft über den Zustand des Kranken, dessen Aeußerungen im Zustande des Wahnsinns, Hoffnung und Schmerz betreffend, geben, und das Gespräch verrieth, wie er genau mit den Verhältnissen und Gedanken der Lady vertraut war.

Nur als der Trupp in dem Wirthshause unterhalb der Burg abgestiegen war, entspann sich ein Wortwechsel zwischen Beiden, aus dem hervorging, daß der Leibarzt nicht die Meinung seiner Gebieterin theilte.

»Laßt Euch, Mylady, mit der bisher angewandten Sorgfalt und Vorsicht genügen. Eure Boten bringen Euch Nachricht von jedem Atemzuge des Ritters; es wird Euch gemeldet, wenn er Euren Namen ausspricht, die Arzneien gehen fast durch Eure Hand. Wozu die übertriebene Angst, ihn selbst sehen zu wollen? Eine Mutter könnte für ihr Kind nicht besser sorgen –«

»Als die bezahlten Diener?« entgegnete bis Lady spöttisch fragend. »Schon oft sagte ich Euch, Trelawny, daß mein Wille und meine Pflichten außer dem Bereich Eurer Pflege und Kenntniß liegen, und mir sagt meine Pflicht, daß ich den Unglücklichen selbst pflegen sollte, der aller Freuden des Lebens durch mich beraubt wurde.«

Trelawny senkte den Blick ohne zu verstummen: »Wenn indessen mein Gebieter –« warf er zaudernd ein.

»Kleinliche Seele, denkst Du, mein Lorenzo sei eifersüchtig auf den armen Betrogenen –«

»Und dann des Ritters eigener Zustand,« fuhr der Arzt fort, »möchte eine Aufregung, die selbst Mylady erschüttern dürfte, nicht wünschenswerth machen.«

»Er schläft ja wie Du sagst, ich will ihn im Schlafe sehen, ich will und mein Wille ist, wie ich glaube, hier für mich das einzige Gesetz.«

Der Untergebene mußte verstummen; auch in das Zimmer des Kranken, dessen gothische Fenster sorgfältig mit grünen Decken verhangen waren, jeden blendenden Lichtstrahl zu verbannen, durfte er ihr nicht folgen. Der Schlummernde athmete unruhig. Das abgehärmte Gesicht mit den geschlossenen Augen im grünen Lichtschein zeigte das Ebenbild des Todes. Die Lady setzte sich neben sein Bett, und berührte sanft mit der weichen Hand seine glühende Stirn. Da es ihm wohlzuthun schien, fuhr sie mit der Bewegung fort, bis er, ruhiger athmend, von der Fieberhitze verlassen wurde. Er schlug die Augen auf, um sie sogleich wieder zu schließen. Auch die hervorgemurmelten Worte zeugten, daß der irrende Geist sich beruhigte. Jetzt rief er ihren eigenen Namen, so dringend, so sehnsüchtig, daß sie nicht mehr vermochte eine ruhige Zuschauerin des Elends zu bleiben. Kniend warf sie sich vor einem Sessel nieder, das Gesicht zu einem stillen Gebet verbergend.

»Klage mich nicht an, unglückseliger Freund, wenn Du drüben angelangt bist,« flüsterte sie, über sein Bette gebeugt, ihm zu, und hauchte einen Scheidekuß auf die trockenen Lippen. »Der Ewige wird milder richten, als die Hartherzigen hier, die in den Formen erstarren.«

Sie eilte, schnell umgewandt, der Thüre zu, aber der Kuß hatte den Schlummernden geweckt:

»Harriet! Harriet!« rief er mit schwacher Stimme, die Arme emporstreckend, »fliehe nicht von mir – wie viel Jahrhunderte, ehe sie Dich wieder zu mir lassen!«

Harriet kehrte um und legte die abgestorbene Hand des Kranken an ihren Busen, unfähig jetzt einen Laut zu äußern. Er phantasirte weiter.

»Sie haben mir tausend Proben aufgelegt. – Durch den eiskalten Strom schwamm ich Dir nach, aber Du warst es nicht selbst, die mir drüben winkte, es war eine Elfe, die mich auslachte. – Auch in die brennende Stadt habe ich mich gestürzt, und klomm Dir nach, da brach der glimmende Balken und wir stürzten beide hinunter, Du lachtest laut auf. – Immer riß Dich der Bösewicht fort, wenn ich schon den Saum Deines Kleides faßte – und nun sollte ich meinen Gott und meinen König abschwören, – aber, vergieb, Heißgeliebte, das konnte ich nicht über's Herz bringen; nein und wahrhaftig nicht, Harriet!« –

Heiße Thränen strömten aus den schönen Augen auf den Arm des Fieberkranken, der sich mit aller Anstrengung aufzurichten strebte.

»Harriet, bei den ewigen Sternen, verlange das nicht von mir. Reiß mir das Herz aus, und braue einen Liebestrank, wenn er Dich verlassen will; rufe mich an Dir beizustehen, ihn festzuhalten, und schlummerte mein Leib unter dem Eis am Nordpol, mein Geist soll Dir erscheinen. – Sie nennen Dich eine Königin, aber traue nicht, es ist eine Krone von falschem Golde. Bei Himmel und Erde, ich habe alle Tage gebetet, – und davon bin ich auch so matt und krank – stark solltest Du werden, wenn wir Alle und Du und ich Alles werden klar sehen, wie es aussteht, wenn der Trug ans Tageslicht kommt, und die Arglist nackend vor der Unschuld steht.«

Er hatte dies mit erhobener Stimme gesprochen, daß man es draußen hören mußte. Trelawny öffnete die Thür und näherte sich mit Medicamenten dem Bette. Es war als erwecke sein besorgtes Antlitz den Kranken aus seiner Vision. Erschöpft ließ den Kopf auf das Kissen zurück sinken, und starrte den Eintretenden an:

»Ich kenne Dich – ich weiß Alles, Alles – sei unbesorgt. Man hat mir ein Geheimniß vertraut, und die Medicin, die mir der Doctor eingegeben, heißt: es verschweigen. – Ich will ja schweigen, aber wenn das Weltgericht angeht, und die Posaunen tönen, und man mich vor des Ewigen Schranken fordert, Zeugniß abzulegen, dann muß ich sprechen, wie ich vor des Königs Gericht sprechen mußte. ›Wie heißt der Mann,‹ ruft der Richter, ›der dies bleiche Wesen, die Zierde meiner Schöpfung, die Königin der Frauen vernichtete?‹ Soll ich antworten, Herr, das weiß ich nicht? Soll ich wie Kain lügen: Herr ich kenne den Mörder nicht?«

Trelawny warf einen dringenden Blick auf die Lady: »Euer Anblick, Mylady, facht die Flammen des Wahnsinns nur noch stärker an, statt Trost und Linderung in die verbrannten Adern zu hauchen.«

»Ihr habt Recht,« flüsterte sie und faßte seinen Arm das Zimmer zu verlassen. Aufs neue erhob aber der Kranke seine bittende Stimme und zwar in so gebrochenen, die Seele durchschneidenden Lauten, daß sie zaudernd stehen blieb:

»Bei des Himmels Barmherzigkeit, fliehe nicht, nur jetzt fliehe nicht. – So kläglich ich aussehe, ich bin Raleigh Loscelyne, ein Loscelyne kann jedes Ungemach überwinden, und jetzt sammle ich Kraft und Willen, den Fieberwahn fortzuschütteln. Harriet, Heißgeliebte, nur wenige Minuten Ruhe und ich will so geduldig mit Dir sprechen, wie ein Sterbender. Es ist ja vielleicht auch die Todesstunde, verlasse mich nicht.«

Als er sich vergewissert zu haben schien, daß die Lady bleiben würde, legte er sich abermals zurück. Harriet mußte ihm ihre Hand reichen, welche er, wie das Unterpfand ihres Versprechens, in seinen beiden festhielt. Dann schloß er mit freundlichem Blick die Augen, und ein Wink der Lady entfernte zum zweiten Male den besorgten Zeugen dieses seltsamen Auftritts.

Nach einer Viertelstunde ungetrübter Ruhe erwachte Raleigh; das Fieber war vor dem stärkern Willen gewichen und die dunkeln Augen glänzten so heiter, als nur die Folgen einer langen Krankheit zuließen.

»Es ist doch wirklich – alles Wahrheit?« – hub er langsam an. – »Immer fürchtete ich, es sei wieder ein neckender Traum, der Dich so oft mir so nahe brachte, daß ich nur die Arme auszustrecken brauchte, Dich zu besitzen – und dann war Alles verschwunden. – Aber was weinst Du? – Doch nicht um mich? – Ich bin nicht mehr krank; nur etwas unmännliche Schwäche, die mich noch an das Bette fesselt. Die Winterluft in dem alten Schlosse ist so rein und gut, daß ich noch heut gesund ein muß, Dir die Gegenden zu zeigen. Es ist sehr gütig, daß Du mich besuchst – sehr gütig –«

Harriet sammelte ihre Kräfte und drang in ihn die seinigen zu schonen. Sie habe auf ihrer Reise unmöglich vor dem Thurme von Avalon vorüberziehen können, ohne den Genesenden zu sehen, und im Laufe des Gesprächs suchte sie durch hingeworfene Aeußerungen ihm die Meinung beizubringen, daß er, der ihrigen zufolge sich wirklich in jenem Zustande befinde. So gleitete die Unterhaltung, meist von Ihrer Seite, um den Kranken zu schonen geführt, über gleichgültige Gegenstände hin, welches in Raleigh, je klarer sein Bewußtsein dabei wurde, eine mit dem Fieber nicht verwandte Unruhe zu erzeugen schien. Endlich fuhr er, mitten aus dem ersterbenden Gespräch mit der Frage hinaus:

»Und wohin, Lady Harriet, das Reisekleid deutet auf eine weite Reise?«

»Nach London.«

»Nach London!« wiederholte der Kranke, mit dem Blicke in ein Hinstarren versinkend. »Nach London ein so junges, schönes Frauenzimmer. London ist sehr gefährlich für die Unerfahrenen –«

»Lieber Raleigh, Ihr schwärmt noch im Fieberwahn, ich bin es ja die nach London geht; Ihr saht mich schon oft in London.«

»Ganz gewiß,« entgegnete Raleigh. »Doch, was treibt Dich jetzt in das wirre Gewühl, wo die Räder rasseln, die Kaufleute und Marktkrämer schreien, unaufhörlich, daß der Kopf wund wird von dem bunten Treiben?«

Die Lady hätte gern geschwiegen, da sie die Nachwirkung des Fiebers in dieser Vorstellung bemerkte, aber der fragende Blick Raleighs haftete so fest auf ihren Lippen, daß sie, im Augenblick unfähig zu einer Lüge, nicht umhin konnte, mit der Wahrheit herauszurücken. Sie sagte mit leiser Stimme:

»Mein Gatte hat mich nach London beschieden.«

Aber es schien als riefen die Worte alle entwichene Fiebergluth zurück, indem Raleigh heftig auffuhr: »Dein Gatte in London? – Was will Dein Gatte in London? – Er ist fern, fern über dem Meer – London ist gefährlich, dort fließt das Blut in Strömen, und Verrath, Arglist, Tücke lauern hinter jedem Steine.«

»Wohl ist Lorenzo,« fiel Harriet ein, »über dem Meere, er war in Holland. Geächtet, oder freiwillig verbannt suchte er dort Zuflucht. Aber seine neueste Botschaft ruft mich nach London, und bald, Raleigh, – rief sie, ohne den Triumph der Freude bergen zu können, – wird die Zeit kommen, wo Harriet Wentworth nicht mehr in ihrer Einsamkeit sich schüchtern verbirgt, erröthend vor dem Anblick der Matrone, vor dem unbefangenen Auge der Jungfrau, vor dem forschenden Blick des Mannes, wo sie stolz auftreten wird an der Hand des schönsten Mannes, des stolzesten Engländers, des kühnsten Patrioten. – Ja, auch Du mußt Dich freuen, stolzer, großmüthiger Raleigh, denn das Glück ist so groß, daß ich es allein nicht fassen kann. Mit jedem Engländer möchte ich es theilen, denn es wird eine Zeit kommen für jeden Engländer, wo die Brust nicht Laute findet, den Jubel des Stolzes zu sprechen und zu singen.«

Raleigh schwieg, den Blick zu Boden gesenkt. Endlich fragte er mit klangloser Stimme:

»Was ist das für eine Zeit, wo jeder Engländer sich freuen wird?«

»Dir darf ich ja nichts vertrauen,« sagte Harriet lächelnd, »denn wir sind Feinde, aber gewiß, Lorenzo kehrt nicht allein, er kehrt nicht zurück, um zu knieen unter dem Despotismus. Ich sehe die stolzen Banner der Freiheit wehen, und nur so viel heut: Er ist bei dem Herzog von Monmouth.«

Auch dies regte den Hinstarrenden wenig auf: »Monmouth!« murmelte er vor sich hin. »Monmouth will dem großen England den Frieden bringen, den er in der eigenen Brust nicht kennt! – Die Versöhnung mit dem königlichen Vater mislang, – das weiß ich noch von damals, als ich gesund war – er hielt fest an dem Andenken der hingerichteten Freunde, und mußte fliehen, aller Würden beraubt. Gebe Gott, die Treue für die Unglücklichen wäre nicht sein größtes Vergehen. Ist er mit dem Vater versöhnt? Man wollte mir gar nichts sagen, als ich krank war.«

»Karl Stuart wird jetzt keinen Groll gegen seinen Sohn hegen,« sagte die Lady ausweichend, und erhob sich um dem Kranken die nach der aufregenden Unterhaltung nöthig gewordene Ruhe nicht länger zu entziehen. Sie schützte indessen, um den Bitten Raleighs auszuweichen, die Eile vor, welche sie nach der Hauptstadt treibe. Die schmerzvolle Theilnahme für den Zustand des Leidenden, mochte nicht den Strahl der Freude unterdrücken, der gegen ihre Absicht die edlen Züge belebte. Eine große Aussicht, der Triumph der Hoffnung, sprach sich in den funkelnden Augen aus, und beim letzten Scheidedruck überströmte sie das Gefühl in den Kranken zu dringen: »Er müsse gesund werden, um ganz die Freude theilen zu können, die ihrer warte.«

Dann stürzte sie hinaus; Raleigh rief ihr nach: »Unglückselige! Umstrickt Dich denn immer fester und fester die Täuschung, damit wenn der Schleier gewaltsam fortgerissen wird, das gräßliche Licht der Wahrheit Dich zu Boden schmettert! – Nein, ich mag es nicht auf mich nehmen, dies herrliche Wesen zu vernichten. Auch dies trügerische Dasein ist schön, diese Schwärmerei liebenswürdig; dieser kühne Stolz ein Kind des Himmels. Möge der Wahn bis an Dein Ende dauern, denn ich weiß nicht wie Du ihn überleben willst.«

Trelawny trat nach einer Weile ins Zimmer, und fand den Ritter blaß und matt hingesunken, er bedurfte der Erholung, aber die Fiebergluth schien entwichen. Er verschwieg diese Bemerkung dem Kranken nicht:

»Und doch wünschte ich,« rief dieser, »sie käme wieder, das ganze Leben würde ein hitziges Fieber, wo doch Hoffnung und Genuß mit der Qual wechseln, als dieser ewige Frost der hoffnungslosen Aussicht, das ausgetobte Meer mit den Schiffstrümmern, fruchtlosen Anstrengungen, traurigen Entdeckungen –«

»Giebt es neues Unglück?« fragte er nach einer Pause. »Stürmt das Meer wieder auf, noch nicht satt von den tausend zerschellten Fregatten stolzer Entwürfe, bedeckt mit den kopflosen Leichen? Sprich, will das unschuldige Opferlamm noch einmal in ihrer Barke trotzend die wilde See befahren? Sprich, Giftmischer, wem liefert Ihr sie in den Rachen?«

Trelawny blickte, ohne Zeichen des Unwillens ernst vor sich hin. »Sie geht, so freiwillig, als je Eitelkeit einen vom Fleisch Gebornen glauben ließ, er handle nach eignem Willen.«

»Es giebt einen neuen Aufruhr?« fuhr Raleigh wild heraus.

»Wo ist je die gebrechliche Menschennatur ohne Aufruhr?« antwortete Trelawny.

»Deine Blicke sagen mehr, als Deine Zunge verrathen will. Heile mich Arzt bis dahin, oder bei Gott ich besteige mit den hagern Wangen, ein fleischloses Gerippe, den blassen Tod des Wahnsinns in den hohlen Augen, mein Pferd, und reite, ein Gespenst, unter die Wahnsinnigen. – Jetzt sich empören wollen, wo England, ein blutig gesporntes Roß, nach Ruhe seufzt, jetzt will Rebellion das matte Pferd besteigen! Arzt gieb Deine Tränke der Rebellion ein, denn sie ist wahnsinnig.«

»Was Euch nicht länger verschwiegen werden darf,« sagte der Arzt, »vernehmt es mit Ruhe: König Karl ist nicht mehr unter den Lebenden.«

»So gieb mir doppelte Tränke ein,« fuhr der Kranke auf, »denn die Zeit ist golden. Vernunft und Männer sind noth in England und die Besonnenheit darf nicht krank liegen, wo Alles geschäftig ist, Haß dort und hier der Rausch, das Ehrwürdige zu stürzen.«

Trelawny bat hierauf um seine Entlassung, indem seine Pflicht ihm befehle, morgen der Lady nach London zu folgen. Er schiede um so leichter, als der nur der Ruhe bedürfende Zustand des Genesenden seine Gegenwart entbehrlich mache.

»Ziehe ihr nach,« rief Raleigh, »braue am Complott, aber vergiß nicht, daß Du einst wirst Rechenschaft geben müssen, für die Seele eines Engels, ehe ihr Verführer sie umstrickte. Hattest Du daran Theil, nur den kleinsten Theil, so rechne, kein Fegefeuer kann Deine Seele weiß brennen, die Hölle ist nicht heiß, keine Qual auserlesen genug Dich zu strafen.«

Trelawny verbeugte sich ruhig. Die Lady war durch die leeren Gemächer geschritten; nur der Saal, in dem die lebensgroßen Bilder der Loscelyne hingen, fesselte sie. Musternd schritt sie an den geharnischten Kriegern in Lebensgröße vorüber, und die starren Blicke aus den alten ernsten Gesichtern, schienen mit schmerzlichem Wohlgefallen auf der hohen, schönen Gestalt zu verweilen, als trauerten sie, daß diese niemals in ihre Reihen treten könne. Neben jedem Ritter stand seine Gattin, in der ernsten Frauentracht der alten Zeiten. Den greisen Krieger, den die See verschlungen, hatte die kindliche Pflicht des Neffen malen lassen, wie er, an den Mast sich lehnend, die hochherzigen Scheideworte den sinkenden Schiffsleuten zuruft. Zwei Silberlocken flatterten auf dem kahlen Scheitel, die Worte schienen auf den halb geöffneten Lippen im Ersterben. Neben ihm hatte die seltsame Sorgfalt des Hausverwalters ein Bild Raleighs, in seiner Jugend gemalt, hingehängt. Froher Muth sprach aus den kecken Zügen, aus dem seelenvollen Auge. Fast war es jener Raleigh, wie er zuerst vor Harriet erschienen, um ihre Gunst werbend. Alle Ritter-Bilder blickten nach der Seite, wo die Gattin neben ihnen stand, auch Raleighs Stellung hatte der Maler so aufgefaßt, aber seine Blicke fielen auf eine leere Nische, es war die letzte im Saal.

»Ich war es werth, in diese ehrwürdigen Rahmen einzutreten,« rief Harriet, mit erhobener Brust noch einmal die ganze Versammlung musternd, und dann, die Augen auf die leere Nische geheftet. »Hier an seiner Seite, und er wäre noch der lebensfrohe, der jugendliche Gott. Flucht mir nicht, Ihr Geister einer andern Welt, wenn Euer Enkel als Gespenst Euren Reihen sich anschließt. Nicht ich trage die Schuld, auch ich unterlag dem Walten eines mächtigeren Schicksals, das mich noch heben mag, um auch ihn zu heben.«

Es war aber nur eine erkünstelte Fassung. Sie vermochte nicht mehr den Blick der Bilder zu ertragen, sie selbst schien sich aus der Nische mit verzerrten Zügen entgegen zu treten, der Mund sich strafend zu öffnen, es schien als wolle ihr das Spiegelbild die Aussicht auf eine ferne Zukunft öffnen. Da barg sie das Gesicht in beiden Händen und flüchtete vor der mächtiger werdenden Phantasie hinaus ins Freie.

Aus der Zerstörung athmete der Geist der Hoheit; die kühnen Pfeiler, Bogen, die Mauern, dicht am Abgrund aufgeführt, der in die Blaue hinaufschießende Thurm, die reine Winterluft stärkten wieder den Sinn der Lady. Sie las den Wahlspruch der Familie über dem Portal:

Libre y leal!

und ihn sich wiederholend verließ sie die Burg Avalon.

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