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Schloß Avalon. Zweiter Band

Willibald Alexis: Schloß Avalon. Zweiter Band - Kapitel 12
Quellenangabe
authorWillibald Alexis
titleSchloß Avalon. Zweiter Band
publisherF. A. Brockhaus
year1827
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20180307
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Elftes Capitel.

Die Herzogin sieht, wie er naht
So müde, schüchtern, und nicht bat.
Und schnell empfiehlt auf ihr Geheiß
Der Page den Dienern an den Greis.
Denn sie auch kannte Misgeschick –
Obgleich geboren hoch im Glück.
Schön, mächtig, – ist ihr Aug noch roth,
Denn – – starb den Henkertod!

Lied des letzten Minstrel.

 

Der Untergang bedeutender Männer, welche in ihrem kräftigen Streben Haß und Bewunderung aufregten, wird selten die allgemeine Teilnahme finden, welche dem tragischen Ausgange solcher Charactere niemals fehlt, die man als Hingeopferte bezeichnet; obgleich dieses schuldlose Leiden häufig seinen Grund mehr in der Schwäche hat, als in der Reinheit der Gesinnung. So hat der Sturz von gewaltigen Männern, wie Friedrich Barbarossa und Kaiser Friedrich der zweite, voll hoher Bedeutung für die Entwickelung der Weltgeschichte, und an sich voll tragischem Interesse, nie die allgemeine Theilnahme erregt, welche der traurige Ausgang des letzten Heldenjünglings aus dem Hohenstaufenschen Hause gefunden. Während die Namen der beiden großen Friedriche nur in der Geschichte fortleben, erregt des in der Blüthe hingerichteten Konradins Gedächtniß noch jetzt die Theilnahme der Menge. So fielen Russel, Essex, Sidney, bedeutend in ihrem Wirken und hoch von der Nachwelt als Märtyrer der englischen Freiheit gefeiert; auch bedauerten die Ihrigen den Fall so tugendhafter Männer, als aber Monmonths Todesurtheil bekannt wurde, Monmouths, der überwiesen dastand des Hochverraths, Urheber eines blutigen Bürgerkrieges, da feuchteten sich Aller Augen, und wer nicht den frühen Ausgang des liebenswürdigsten Engländers, des geliebten Sohnes eines Königs bedauern mochte, galt selbst bei dessen Feinden für hartherzig. Seine Erscheinung war immer harmlos gewesen, nie hatte er durch starren Willen den Parteihaß gereizt, und wo ein Haß gegen ihn loderte, versöhnte ihn der Gedanke an seine Jugend, Schönheit und das gegen ihn gezückte Beil. Aber wenn Alle erweicht wurden, blieb Einer unerbittlich, der König, die Fürbitten verstummten, denn er hatte ja selbst dem knieenden Monmouth nicht gewährt, nicht dem Neffen gewährt, den des Königs gnadebringende Nähe Hoffnung nähren lassen.

Der Todestag des Herzogs, der achtzehnte Juli, rückte heran. Trotz der starrenden Piken und Büchsen, trotz des Pferdehufs der Reiter füllten sich schon am grauenden Tage die Höfe des Towers. Die weiten Hallen vor seinem Gefängniß waren so von Männern und Frauen besetzt, daß kaum einige kleine Gemächer für diejenigen frei blieben, welche näherer Antheil an sein Schicksal fesselte, denn erst heut wurde es ihnen vergönnt von ihm Abschied zu nehmen.

Hier drängte sich ein Prälat an der Hand einer verschleierten Dame durch das Gedränge. Es war Sir Alexander Tennison, dem das traurige Amt zugetheilt, worden, den Herzog auf das Schaffot zu begleiten. In dem kleinen gewölbten Kabinet vor dem Gefängniß blieb die Dame stehen, und flüsterte ihm zu:

»Vergeßt nicht, ehrwürdiger Herr, daß ich Eure Nichte bleiben will. Monmouth darf es nicht erfahren, daß ich hier bin, er darf mich nicht sehen.«

»Weshalb aber Mylady,« sagte der Geistliche, »sich allen den Gefahren des Drängens und Stoßens aussetzen, wenn Ihr nicht von ihm Abschied nehmen wollt?«

»Sehen will ich ihn, einmal den letzten Blick des letzten Engländers einathmen; doch will ich nicht die letzten Stunden dem Helden durch eine Erinnerung trüben, die seine große Seele von dem Gedanken an den Heldentod abzieht.«

Sir Alexander schüttelte den Kopf. Seit Lady Harriet Wentworths heimliche Vermählung mit Monmouth ruchbar geworden, war es sein Lieblings-Plan, durch eine fürchterliche Ausmahlung dieser gesetzwidrigen Verbindung seinen Mahnungs- und Bußworten an den Herzog größern Eindruck zu geben. Da aber die Lady, – welche er in der Hoffnung gern mitgenommen, sie, gleich dem Feuerwerk hinter der Kanzel, durch welches jene französischen Missionare ihren Zuhörern die Schrecken des Fegefeuers vergegenwärtigten, als letzten Schreckschuß dem Verstockten entgegenzustellen, – selbst schon auf dem Herwege so wenig Lust bezeugt hatte, die letzten Gedanken des Herzogs durch eine Thränenfluth zu verbittern, mußte er den schönen Plan auf- und sich, auf die Kraft der eigenen Worte verlassend, in Monmouths ihm jetzt geöffnetes Zimmer begeben.

Er fand den Herzog schon in dem grauen Sterbekleide, und neben ihm einen Mann, dessen schreckenerweckende Nähe sonst wenig für die Prachtzimmer der Großen geeignet, zu jener Zeit dort nicht ungewöhnlich war. Monmouth hatte ihm einige Goldstücke gezahlt mit einer Ermahnung, die den starken rauhen Mann so bewegt hatte, daß er nicht fähig war zu sprechen. Als Monmouth den Geistlichen erblickte, trat er ihm ernst entgegen, und wer beide Männer in diesem Augenblicke mit unbefangenem Auge betrachtete, hätte irre werden können, wer hier der Trostbringer, und wer der ermahnenden Worte bedürftig sei.

»Ehrwürdiger Herr!« sagte er ihm die Hand reichend, »der Bischof von Ely hat mich in den letzten Tagen mit seinem geistigen Zuspruch beehrt und ist gestern von mir geschieden, mit der Versicherung, daß ich ein guter Protestant und auch dem Glauben der hohen englischen Kirche zugethan sei. Nach einer wochenlangen Unterhaltung über göttliche Dinge, nachdem ich ihm meine Zweifel und meine Reue bekannt, hoffe ich gestern mit meinem Gott abgeschlossen zu haben, um heute als christlicher Engländer, und will es Gott als Mann in den Tod zu gehen. Wollt Ihr mich, ehrwürdiger Herr, dahin begleiten, so nehmt meinen herzlichen Dank für diese Liebespflicht, kommt Ihr aber noch einmal meine Sünden zu recapituliren und den Glauben mir abzufragen, so bedenkt, daß meine Minuten gezählt sind, und hört auf die Bitte eines Mannes, dem sonst nicht leicht ein Engländer eine Bitte versagte, wenn er Euch ersucht, nicht seine letzten Stunden zu verbittern, da es sein letzter Wunsch ist als Held zu sterben.«

Der Prälat zählte die Quadersteine des Fußbodens und drehte das Gebetbuch und das kleine Büchelchen »Ueber die Ordination der Geistlichen« minutenlang in der Hand umher, ehe er einen der Punkte aus dem schön stilisirten Sermon aufgefunden, dessen Concept schon am Morgen unwiederbringlich von den Flammen seines Kamins verzehrt worden. Allein es wollte sich keine neue Rede daraus hervorspinnen. Das Extemporiren gehörte nicht zu Sir Alexanders stärksten Eigenschaften. Er stotterte Verschiedenes und reichte in der Verwirrung das besagte Büchelchen dem Herzoge hin, obgleich es doch in seinem Plane lag erst ganz zuletzt damit hervorzurücken. Monmouth warf lächelnd einen Blick auf den Titel und schien einen neuen Sieg über den Beichtiger gewonnen zu haben, als er sagte:

»Ich kenne das Buch, ehrwürdiger Herr; gewiß ein vortreffliches Buch zu seinem Zwecke. Hätte ich je an der canonischen Ordination Ihrer Bischöfe und Prälaten gezweifelt, würde ich hierdurch allein zum Glauben gezwungen werden, wie ich auch nicht zweifle, daß dieser Glaube Euch so hoch in der Gunst meines königlichen Oheims stellen wird, daß die reiche Rectorstelle am Oxforder Magdalenäum dem gelehrten Sir Alexander nicht entgehen kann.«

Eine Röthe flog über Sir Alexanders Gesicht, doch ermannte er sich wieder, als der Herzog, um die Verlegenheit des würdigen Mannes zu beschwichtigen, gutmüthig in dem Büchelchen blätterte.

»Gnädigster Herr, der Tod kommt wie ein unerwarteter Gast in das Haus des Armen –«

»Ganz gut,« unterbrach ihn der Herzog die Uhr herausziehend, »das Gleichniß paßt aber hier nicht, da ich stündlich in Erwartung stehe und mit dem Glockenschlag zehn bestimmt von der Welt scheide.« –

»Und so froh und munter, gnädigster Herr,« sagte der Prälat mit mehr Wärme, »da Ihr doch eines großen Verbrechens geständig seid? Fesselt es denn Eure Schritte nicht am Boden, klebt es denn nicht den Geist fest an diese Erde, daß Ihr die göttliche Fessel, die Euch an die Füße Eures Gottes und Königs kettete, die Unterthanenpflicht, zerrissen habt? Was wäre denn die Welt ohne Gehorsam, was wäre sie denn ohne die königlichen Richter, die Gott als seine Stellvertreter gesetzt hat? Schwindelt Ihr denn nicht vor dem Gedanken an den Thron des Ewigen, da Eure Hand noch vom Blute klebt, womit Ihr den Thron seines Statthalters stürzen wolltet.«

Monmouth schwieg einige Augenblicke, dann sagte er ernst, und nicht ohne Beimischung von Bitterkeit: »Ehrwürdiger Herr, ich habe das Blut bereut, das meinetwillen vergossen ist, das geheiligte Recht der Könige habe ich anerkannt, und ich bekenne, daß ich auf Erden mit Recht die Strafe leide. Aber der ewige König sieht mit andern Augen als die auf Erden seine Gesetze auslegen. Er sah kühne Männer uralte Throne stürzen und ließ es zu, daß Jahrtausende lang der Name Brutus als ein Ehrenname die heiligsten Erinnerungen weckte, Alexander, Cäsar wurden groß durch Gewalt und die heiligsten Königsgeschlechter kamen durch Mord und Hinterlist auf den geraubten Thron. Wir nennen es Erfolg, was entscheidet, dort oben mag es ein Gesetz sein, was aber kein Prälat der hohen Kirche entziffert. Der arme Monmouth nimmt den Namen eines Rebellen ins Grab, aber es kann, es wird ein anderer gegen dieselbe Willkür als Kämpfer ihm folgen, und wenn er glücklich ist, preist ihn die Nachwelt als den Gerechten.«

Der Prälat sprach noch etwas von dem passiven Gehorsam, der unbedingten Unterwerfung und der Oxforder Declaration, worauf ihm Monmouth ins Wort fiel:

»Ich achte die Universität, und wünsche, daß Sie einen Alexander Tennison bald unter der Zahl ihrer ersten Rectoren zähle, weil sie alsdann hoffentlich eine vernünftigere Erklärung wird ergehen lassen. Aber nun, werther Sir, sprecht nicht mehr vom passiven Gehorsam und klagt nicht mehr über Nichtachtung der hohen Kirche; sonst glaube ich Euer Fluch und Groll rührt von dem einen armen Chorrock her, den meine erbitterten puritanischen Reiter zerrissen.«

Hier endete, nicht eben zu des Geistlichen Verdruß, die letzte Unterredung desselben mit Monmouth, denn die Herzogin wurde mit ihren Kindern angemeldet. Sichtlich verfärbte sich der Gefangene und schien eine Fassung zu sammeln, welche er für den letzten Schritt in diesem Leben schon gewonnen hatte. Er drückte die Hand des Prälaten mit den Worten:

»Hier kommt eine Mahnerin, deren Anblick allein mich eines Vergehens bitterer anklagt, als alle Artikel Eures Glaubens.«

Eine hohe, majestätische Gestalt, noch jugendlich, mit schönen aber ernsten Zügen, trat ein. In ihrem Blicke erkannte man die Herrscherin. Sie hätte einem griechischen Bildhauer zum Modell einer Göttin dienen können, aber ihr Anblick entflammte nicht, obgleich der gebietende Strahl des Auges durch den Spiegel einer ruhigen Seele gemildert schien. Die Herzogin führte zu beiden Seiten ihre Kinder, zarte Töchter, und das Bild der Mutter ließ den Gedanken an die zürnende Gattin und Fürstin nicht aufkommen.

Die Geschichtschreiber sind über die letzte Zusammenkunft der Herzogin von Buccleugh mit ihrem Gatten uneinig. Nach Einigen war sie herzlich, nach andern fand sie gar nicht statt, indem Monmouth sich geweigert die gekränkte Gemahlin wiederzusehen. Die letztere Meinung ist unbegründet und mehr von den Feinden des Herzogs, namentlich durch die Stuartspapiere ausgesprengt. Wir selbst fanden im Schlosse Newark in dem Archive der edlen Familie Buccleugh, als uns in unserer Jugend ein liberaler Zutritt vergönnt war, eine eigenhändige Schrift von Monmouths Gattin, nach welcher diese Zusammenkunft wirklich statt gefunden hat. Welches aber die nähern Umstände derselben gewesen, scheint der Nachwelt ein Geheimniß bleiben zu sollen, denn auch der Geistliche wurde entfernt und hörte nur noch, wie die Herzogin nach einer feierlichen aber stummen Begrüßung von beiden Seiten den schweigenden Gatten anredete: »Monmouth, wir sahen uns lange nicht.« Monmouth erröthete und faßte ihre Hand, wie beschämt von nicht erwarteter Milde, und doch schien aus seinen Augen ein Etwas zu sprechen, das nicht auf unbedingte Unterwerfung deutete.

Nach einer Stunde führte man die Kinder hinaus in das Vorgemach. Nur Harriet stand hier allein in der Fensternische. Sie konnte dem Drange nicht widerstehen, Monmouths Kinder an ihr pochendes Herz zu drücken. Den Schleier zurückwerfend stürzte sie auf das jüngste zu, es knieend in ihre Arme zu schließen. In dem Augenblicke rauschte die Mutter herein. Die Thränen vermochten nicht den klaren Blick der Herzogin zu trüben.

»Wer ist die Lady?« fragte sie eine Kammerfrau, welche die von Harriets heftiger Bewegung erschreckten Kinder an sich zog, ohne Auskunft geben zu können.

Harriet erkannte die Herzogin. Schmerz und Stolz kämpften mit tausend Gefühlen ohne Namen in ihrer Brust. Sie fühlte sich herabgezogen zu den Füßen der Beleidigten, ohne das stolze Bewußtsein in sich zu verläugnen:

»Verlangt nicht meinen Namen, gnädige Frau, ich bin eine Räuberin, die in Eure Rechte trat, die Euch das köstlichste Gut entzog, und jetzt doch keinen Vorzug behalten hat, die mit Euch, Ihr mögt sie verachten und zurückstoßen, den ungeheuren Schmerz theilt.«

Eine unwillkürliche Regung des Stolzes ließ die Herzogin sich aufrichten und eine Bewegung machen, als wolle sie die Knieende verlassen. Aber ein Blick auf Harriets Schönheit, auf Schmerz und Stolz im großen Auge, auf die bittende Stellung zwang sie wieder zu verweilen.

»Lady Harriet Wentworth!« sagte sie zögernd.

»O Ihr seid reich, und ich bin sehr arm,« rief Harriet, »Ihr seid Mutter, vierfach verjüngt lebt Monmouths Andenken mit Euch fort. Ihr dürft Monmouths Namen führen. Wenn Ihr alt werdet zeigen die Engländer auf Euch und flüstern: ›Das war die Gattin des Mannes, der für uns blutete,‹ indeß sie auf mich mit den Fingern weisen und sagen: ›Das war die, welche seine Liebe der edlen Herzogin entwandte!‹ Vom ganzen Monmouth nehme ich nichts als den Schmerz hinüber in die lange Wüste des Lebens ohne ihn.«

»Steht auf, Lady Harriet, hier ist nicht Euer Platz. Monmouths Vermächtniß vor mir, seiner Erbin, erhob Euch höher. Vor mir erklärte er Harriet Wentworth f ür seine Gattin im Angesicht des Himmels

»Hat er das, und mir genügte doch seine Liebe? – Der Grausame gegen Euch! O entgeltet mir das nicht.«

»Nein Lady, er war beredt, und schlug den Herzogstitel und die Mutter so hoch an wie Ihr gegen die Liebe. Doch auf, Lady!« – sie trat wirklich an Harriet heran und suchte sie aufzuziehen – »die köstlichen Minuten schwinden, eilt zu ihm hinein, er verlangt nach Eurem Scheidekuß.«

»Niemals; allen Rechten entsagte ich auf ihn. Er soll mich nicht wiedersehn, Englands edelster Mann soll nicht erinnert werden in des Lebens heiligster Stunde an seine Schwäche. Der Lebende gehört Euch, aber am Todten gönnt mir den Theil, der ganz England zukommt, sein Gedächtniß.«

Die Herzogin war gerührt: »Mylady,« sagt« sie, »der Herzog wird hier durchkommen. Steht auf!«

»Erlaubt mir nur einmal seine Kinder, Eure Kinder, ans Herz zu drücken. Die Unschuldigen wissen ja noch nicht, daß ich eine Verbrecherin bin gegen ihre Mutter; ich will ihnen kein Gift, keinen Zauber einhauchen, keinen Haß, nur die Verehrung, wie sie für ihren Vater jedem Engländer die Brust entflammt und glaubt mir, edle Herzogin, in keines Busen lodert sie höher als in meinem.«

Die Herzogin führte die beiden Töchter, die sich verwundert und scheu über den seltsamen Anblick an sie festklammerten, zu der schönen fremden Frau. Sie beugte sich, küßte Harriets Stirn, und war verschwunden als diese aufblickte. Aber die Kinder waren geblieben, indem auf der Herzogin Befehl zwei Kammerfrauen warteten, bis Harriet sie von sich ließe. Es schien als spreche die knieende Lady einen Segen über die vier schuldlosen Häupter, als ein Geräusch aus den anstoßenden Gemächern die Wärterinnen zwang die Kinder zu sich zu rufen. »Ihr Vater darf sie nicht noch einmal sehen,« flüsterte man, und Harriet war allein. Die Kinder, froh wieder zur Mutter zu kommen, hüpften lustig in ihren weißen Festkleidern die Treppen hinunter, um den Schmerz der Menge zu vergrößern: »Sie freuen sich, und ihr Vater wird hingerichtet,« raunte man sich zu.

»Nicht noch einmal sehen!« diese Worte der Kammerfrau dröhnten noch Harriet ins Ohr, als es zu spät war den Entschluß auszuführen und der frühere Vorsatz schon vereitelt war. Monmouth trat am Arm des Geistlichen durch das Kabinet. Er blieb stehen und Harriet hörte im einen Augenblicke die Worte, die er zum Prälaten sprach: »Das ist nicht Eure Nichte!« im nächsten lagen beide sich fest in den Armen. Doch nur auf wenige Momente regierte die Macht der Leidenschaft über den Sieg, dessen die Lady sich rühmen zu können hoffte. Sie riß sich los und trat, die hohe Gestalt voll ehrfürchtiger Scheu, zurück.

»Meine Harriet,« flüsterte Monmouth, die Hand bittend ihr entgegen reichend, »warum erst jetzt – erst hier?« Die Worte verstummten, aber sein Blick sprach von Vergebung. Da sprang Harriet hinzu, ihr Auge strahlte das alte Feuer, und faßte seine Hand:

»Nichts von Vergebung, Monmouth, nichts von Beschämung. Die Rechnung zwischen uns ist ausgeglichen, und noch ist der Ueberschuß von Deiner Liebe so groß, daß er mich ins weite Leben begleiten wird. Ich wollte Dich nicht wiedersehn, seit ich wußte; daß Du mir nicht mehr gehörst, aber der Himmel wollte es anders. So sei es denn, Dich zu versichern, wie Dein Andenken heilig, rein, groß in mir fortleben wird –«

»Harriet!« sagte Monmouth. »Alles vergeben?«

»Ich kenne keine Schuld des königlichen Herzogs von Monmouth.«

Jetzt begann von den Thürmen des Towers die Trauermusik zu spielen, die Blicke der Umstehenden mahnten den Herzog an den Aufbruch.

»Muthig!« sagte Harriet. »Muthig, echter Sohn der Könige Englands, zeige Monmouth, daß Du die Despoten im Tode wie im Leben verachtest. Keine Thränen, keine Rührung, keinen Abschied unter den Zückungen des Schmerzes, denn Du stirbst nicht; wie Deine Seele droben, so lebt Dein Name hier ewig! Lebe wohl Monmouth.«

Ein Händedruck der Heldin und sie schieden. Es läuteten die Glocken, und der Trauerzug verließ den Tower. Man hatte nur neugeworbene Soldaten zum Dienste bestellt, aus Furcht vor den alten Grenadieren, welche einst unter dem Mann gefochten, der jetzt zum Tode geleitet wurde, und doch herrschte die Rührung auch hier vor. Das Schluchzen verbreitete sich bis zum Tower-Hill, nur ein Auge blieb trocken, Monmouths. Er trug durch den Tod einen Sieg davon, den er im Leben häufig verscherzt hatte.

Aber noch auf dem Schaffotte quälten ihn die Formen der Gesetze. Der Geistliche mußte von ihm eine öffentliche Erklärung seiner Reue und Buße fordern. Die Schrift welche er den Sheriffs übergab, genügte nicht. Die Kirche verlange, sagte der Prälat, er solle seinen Abscheu vor dem Aufruhr und der Empörung offen dem Volke bekennen, er solle den König um Verzeihung bitten, er solle Gattin und Kinder der königlichen Gnade empfehlen. Monmouth hatte sich den meisten Forderungen unterworfen, er hatte seine Reue erklärt, aber finster auf die Forderung: eine Rede an das Volk zu halten, geantwortet: er sei nicht um zu reden, sondern um zu sterben gekommen; er hatte, als der Prälat den hergebeteten Psalmen mit den Worten endete: »Herr beschirme den König!« sein »Amen!« gesprochen, bei der letzten Aufforderung riß aber der Faden seiner Geduld. Rasch und mit Bitterkeit fuhr er auf:

»Was haben denn diese verschuldet? Doch muß es sein – bittet für sie in meinem Namen; sie werden gewiß Gnade finden, denn ich kränkte sie, und wer mein Feind heißt, ist dem Könige willkommen.«

Er zog darauf den Prälaten heran und sagte leise: »Gott möge es Eurer hohen Kirche vergeben, wie sie die unglücklichen Sectirer verfolgt, wie sie mich in den letzten Stunden durch Dogmen gequält hat; aber wenn die Waage umschlägt, ehrwürdiger Herr, wenn dieselbe königliche Willkür, deren göttlichen Ursprung Ihr jetzt, weil sie Euch streichelt, gegen Eure Feinde anpreiset, sich gegen Euch wendet, wenn Ihr Euch in den Staub getreten krümmt, dann murrt nicht, dann denkt an Monmouths Todesstunde!«

Der Herzog kniete nieder, und die ganze Versammlung verrichtete mit ihm das stille Sterbegebet, dann entkleidete er sich und drückte dem Scharfrichter die Hand. »Mache es besser mit mir als mit Lord Russel.« Hier verließen viele den Platz, unvermögend dem letzten Augenblicke des geliebten Mannes zuzusehn. Sie sahen nicht mehr die Qual, welche die tiefe Rührung, die sich selbst des Nachrichters bemächtigt hatte, dem Opfer bereitete. Unter ihnen befand sich ein Mann, dessen Leben, ob er schon weit entfernt, anscheinend theilnahmlos dem traurigen Schauspiele zugesehen, doch am nächsten unter allen mit Monmouths Schicksal verknüpft war.

Sir Raleigh Loscelyne hatte zwar in London auf Verwenden angesehener Freunde seines Hauses gegen Stellung einer bedeutenden Bürgschaft, die Freiheit für den Augenblick wieder erlangt, allein der Prozeß war ihm noch nicht gemacht, und Alles schien sich zu seinem Untergange verschworen zu haben. Der König mochte seine Verwendung für Essex noch nicht vergessen, der Versuch Monmouth zu retten, würde als Theilnahme am Hochverrath gegolten haben, wäre nicht der loyale Character seiner Familie zu bekannt gewesen. Rumsey hatte den Angeber gespielt und Neider, welchen die reichen Güter von Avalon entgegenlachten, verfehlten nicht den Verdacht gegen ihn zu verstärken. Was ihn aber in Jacobs Augen am schuldigsten hinstellte, war jene unbeugsame Starrheit, mit der er der protestantischen Partei anhing, eine Starrheit, in welcher der loyalste Unterthan einem Könige gegenübertrat, der, starr in ähnlichen Ansichten, nichts mehr schätzte als loyale Unterthanen, aber keinen höhern Wunsch hegte, als England zu bekehren. So erlag Raleigh einer schweren Anklage des Hochverraths, über deren Ausgang seine Anwalde den Kopf schüttelten, während das Volk, wenn er durch die Straßen wandelte, auf ihn mit den Fingern wies als jenen, der die protestantischen Lords verrathen.

Langsam entfernte er sich, als feßle ihn der Gedanke, daß Monmouths Schicksal sich noch ändern könne. Aber als nach der fürchterlichen Stille weniger Minuten mehrere Schläge, ein Schreien und dann das dumpfe Murmeln hinter ihm verkündete, daß der nicht mehr sei, der als sein bitterster Feind im Leben gehandelt hatte, beflügelte er die Schritte, den kalten Schauer, der ihn überlief, nicht Herr über sich werden zu lassen. Durch die grauen verlassenen Höfe des Towers flog er die öden Treppen hinauf, die zu suchen, welche mit dem einen Gute, das sie hingeopfert, alles verloren hatte.

Er fand sie noch, als wäre in den letzten sechzig fürchterlichen Minuten nichts vorgegangen, in dem einsamen Vorgemache. Halb saß sie, halb kniete sie auf dem steinernen Boden, das Gesicht in den kreuzweis gefaltenen Händen verbergend. So hatte man sie niedersinken gesehn, als des Herzogs letzte Tritte auf den Stufen verklungen waren. Es schien als habe ein geistiger Schlaf sich ihrer bemächtigt. Sanft nannte der Ritter ihren Namen, dann stärker, bis sie erwachend aufsprang.

»Was bringt Ihr Gutes, Raleigh?« sagte sie, ihm die Hand reichend, aber ihr Ton hatte nichts Klagendes, und ihr Auge schaute klar. Raleighs gesenkter Blick antwortete, daß er nichts Gutes wisse.

»Ich lese auf Deinem Gesichte,« sprach sie mit der vorigen Ruhe, ja mit Heiterkeit, »daß Du nichts Gutes zu melden hast. Er ist todt – weiter nichts? – Sein Tod, das ist ein altes Mährchen. Hast Du keine schlimmern Botschaften, so kann ich Dir bessere aus der Zukunft melden.«

»Theure Lady,« sagte der Ritter, »kann Euch das trösten, so wißt, nie wurden so viel Thränen um ein gekröntes Haupt, um einen Märtyrer in England vergossen, das ganze Volk schluchzt.«

Harriet erhob sich mit einer drohenden Bewegung: »Das elende, feige, schlechte Volk! Was gab ihnen das Recht um ihn zu weinen, den sie verlassen haben? Heute begreife ich es, Raleigh, warum Ihr das Recht eines Despoten höher achtet, als das Recht der Freiheit; die elenden Sclavenseelen, die ihn sinken ließen, verdienen nicht frei zu sein.«

Unter Raleighs Schutz verließ sie den Tower. Der Ritter erinnerte sich nie die Lady so ruhig und gefaßt gesehn zu haben. Die unbedeutendsten Gegenstände schienen, wenn auch nicht ihre Aufmerksamkeit zu fesseln, doch zu erregen. Sie war es heut, die ihn aufheiterte, ihn über seine Plane, seinen Prozeß befragte, und seinen Rath über die eigenen Angelegenheiten erbat. So wagte er es, beim Scheiden am Abende mit einem Antrage hervorzutreten, den er sonst noch mondenlang in der Brust verschlossen hätte.

»Mylady!« hub er an. »Als Monmouth auf seinem letzten Wege an mir vorüberging, warf er mir einen Blick zu, dessen Bedeutung ich zu verstehen glaubte. Am bittersten mochte ihn die Erinnerung quälen, die ohne Schutz zurückzulassen, die er grausam – hingeopfert hatte. Sein Blick bat, bei mir bedurfte es nicht der Bitte, wo das eigene Glück mit ihrer Gewährung eins geworden ist.«

Er ergriff feierlich Harriets Hand. Sie blickte ihn ruhig eine Weile an, ohne die Hand zurückzuziehen: »Wie, Raleigh, Ihr seid ein Edelmann aus normännischem Blute, ein Loscelyne von Avalon, und wißt, wie mich die Welt nennen wird.«

»Die Loscelynes kümmerten sich nie um die Menge. Gott, König und ihr eigenes Urtheil galten ihnen allein. Und bei Gott, wären die Mütter in unserm Geschlecht wie Du gewesen, es stünde höher. Und hätte Monmouth Dich auch nicht als Gattin erklärt, Du stündest so heilig, rein vor mir, daß ich den Fehdehandschuh der ganzen schlechten Welt unserer Ritterschaft hinwerfen wollte für Deine Ehre. Bei Gott, noch ist es Raleighs höchstes Gut, was er damals den höchsten Wunsch nannte und hier erwartet er Deine Entscheidung.«

Harriets Auge flammte Feuer, sie drückte fest die Hand des Ritters, und riß sie dann hinweg. »Raleigh, ist es noch Dein thöriger Wunsch, so liegt die Erfüllung weit, und außer meinen Kräften. Dies Herz gehört mir nicht mehr, es gehört dem Vaterlande. In jener feierlichen Stunde, die sein Blut fließen sah, fielen die Schuppen von den Augen, ich sah einen Befreier des unterdrückten Englands seine Küsten betreten, Monmouths verklärter Geist trug die siegreichen Fahnen, Blumen entsprossen dem Boden, den sein Blut gedüngt, der Himmel war klar und ein Hallelujah tönte aus allen Stimmen über das Eiland. Da gelobte ich bei Monmouths seeligem Geiste, nicht der Freude, nicht dem Glücke, nicht der Liebe zu leben bis das große Werk vollbracht, bis Monmouths Geist wiedergeboren ist in dem glücklichen, in dem freien England. Wann die Zeit kommt, wo der Despot fallen wird, ich weiß es nicht, aber kommen wird sie und dann erst ist Harriet glücklich und frei, dann erst darf sie ihr Glück mit dem treusten Freunde theilen.«

Sie drückte einen Kuß auf Raleighs Stirn und eilte hinweg. Der Ritter schlang sich in den Mantel: »Zum zweiten Male von ihr getrennt! Damals durch einen Mann aus irdischem Stoffe, dem Gift und Eisen schaden konnte, diesmal durch einen Wahn, den kein Stahl verwundet, den kein Pfeil trifft, kaum der des Todes. Arm ist die Vernunft und der Wahn ist reich. Wer sollte nun nicht den Wahn herbeiwünschen, um stumpf gegen alle die schmerzenden Pfeile zu bleiben!«

Als er heim ging, begegnete ihm an den Pforten des Towers die Bahre mit der Leiche des Herzogs. Beim Schein der Fackeln nahm man sie aus dem Scharlachtuche und legte sie in den zinnernen Sarg. Wenige folgten ihr bis in die Gruft, es tönte kein Glockenschlag von den Thürmen und keine Salve verkündete, daß die sterblichen Reste von Englands Generalissimus beigesetzt wurden.

 

[Ende des 2. Bandes]

 

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