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Schloß Avalon. Zweiter Band

Willibald Alexis: Schloß Avalon. Zweiter Band - Kapitel 10
Quellenangabe
authorWillibald Alexis
titleSchloß Avalon. Zweiter Band
publisherF. A. Brockhaus
year1827
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20180307
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Neuntes Capitel.

Was? Kann Sir Karl Grandison das nicht thun, was in der Macht eines Mannes steht? Sie haben mich mit dem Titel einer Schwester beehrt, Sir. Bei der Zärtlichkeit dieser Verwandtschaft erlauben Sie mir, zu sagen, daß ich die Wirkungen des Muthwillens des Generals fürchte. Hiernächst fühle ich für Sie, was für Schmerzen es Ihrem menschlichen Herzen machen muß, noch einmal bei den Leiden der unnachahmlichen Clementine gegenwärtig zu sein.

Richardson. Sir Karl Grandison.

 

Bald glaubte der königliche Flüchtling die Gegend verlassen zu haben, welche zum Schauplatz für die Schlacht und die Verfolgung gedient hatte. Es begegneten ihm nicht mehr die Körper seiner Getreuen, die Felder waren nicht mehr von den Hufen der Dragoner zerstampft, aber selten zeigte sich ein lebendes Wesen, denn die Furcht hatte die Landbewohner weit entfernt, und wo er auf einen einsamen Meierhof stieß, war er verlassen und festverschlossene Thüren und Fensterladen blickten ihn ungastlich an. Er hätte es auch nicht gewagt, des Hungers und Durstes ungeachtet, so lange es helle war, jemand anzusprechen oder in ein Haus zu treten. Zuweilen schreckte ihn auch noch der Hufschlag vom Nachsetzen heimkehrender Dragoner. Dann warf er sich in die Kornfelder und sah wie die Reiter ihre Gefangenen an Stricke gebunden unbarmherzig neben sich her schleppten. Auf den Gesichtern der Reiter und denen der Armen war das Schicksal der Letztern deutlich geschrieben; es erwachte wohl in ihm die Regung aus seinem Versteck hervorzutreten und sich selbst anzugeben als den Urheber ihres Leidens, ihre Freiheit erbittend, aber ihm fehlte die Kraft, und er beruhigte sich mit der Vorstellung, daß sein Verderben schwerlich das ihrige abwenden möchte.

Endlich ward es dunkel. Die Lichter eines Dorfes strahlten einladend dem Flüchtling entgegen. Er schlich sich durch die Hecken und im Schatten der Häuser durch die große Straße. Sehnsüchtig blickte er durch manches erleuchtete Fenster in die friedliche Wohnung; er hätte in dem Augenblicke alle Ansprüche auf Englands Krone, auf Volksgunst, hingegeben für das Recht dort einheimisch zu sein; aber er wagte nirgend anzuklopfen. Wenn Landleute vorüberkamen, drückte er sich an die Mauern um selbst durch ihr Gespräch neue Qualen zu dulden, denn es betraf nur ihn; man ließ ihn schon gefangen sein, oder es war doch alle Aussicht aus der Insel zu entkommen für ihn verloren. Andere, die aus den benachbarten Städten heimkehrten, berichteten, wie Kirks Dragoner bereits gewüthet, und ihr Commandeur die Gefangenen ohne Gericht an den Thoren habe henken lassen.

Am Ausgang des Dorfes verrieth das hellere Licht und der mehrere Lärm die Schenke, in welcher die Dorfpolitiker über die Ereignisse des Tages urtheilten. Grays, Saltons, Monmouths Namen gingen über die Lippen der Pachter wie die von Roggen und Heu. Die Einzelthaten erschienen hier ins Ungeheure übersetzt und der Zufall wurde zur wohl motivirten Wirkung. So hatte Fletcher mit Absicht seinen Beleidiger gereizt, erschossen, um Gelegenheit zu finden zum Feinde überzugehen; Monmouth selbst war längst gefangen und nach London gebracht, ja vielleicht gar nicht einmal bei der Schlacht gewesen, und die Nachsuchung war blos ein politisches Spiegelgefecht um den Westen durch die Dragoner in Schrecken zu setzen. Jeder Dummkopf hatte ein unwiderlegbares Urtheil über Monmouths Plane, über seinen Charakter zur Hand. Diese Urtheile waren so albern, sich selbst widersprechend, und dabei so spitzfindig gegen die Wahrheit des Augenscheins herausgefunden, daß der Herzog hätte lächeln mögen.

»Diese dummdreisten Burschen,« dachte er an den Fensterpfeiler gelehnt, »spielen mit unserm Ruf und unsern Namen, wie mit Ballkugeln, indessen wir in unsern stolzen Träumen glaubten, ihnen wie Heroen zu erscheinen! Verlohnte es sich nun wohl Großes zu unternehmen, damit unser Edelstes so wiedergekäut auf Kind und Kindes Kind vererbt wird!«

Mehr als das Gespräch zog ihn der Anblick der dampfenden Schüsseln an. Die Brotrinde, welche ein wohlgemästeter Pachter seiner Dogge hinwarf, hatte er mit Guineen bezahlt, aber zwei im Winkel sitzende Dragoner verwehrten ihm den Eintritt. Jetzt schlich ein Bauer neben ihm vorüber, er schien aus der Hinterthür des Hauses zu kommen. Als der Schein des Lichtes auf ihn fiel, erkannte er Grays Gesicht. Mit großen Schritten eilte dieser aus dem Dorfe zu entkommen und wollte auf der Feldstraße draußen eben um die Hecke einbiegen, als ihn Monmouth von hinten faßte. Der verkleidete Lord sank zusammen und fast auf den Boden, hätte ihn Monmouth nicht wieder losgelassen.

»Um St. Georgens Barmherzigkeit, was wollt Ihr mir anthun; ich bin ein Invalid aus Bridgewater und habe mir das Stückchen Brot zum Nachtmarsch erbettelt.«

»Ihr seid Lord Gray,« flüsterte ihm der Herzog zu.

»Bei den Schätzen von Alt-England,« rief der sich krümmende Lord, »ich weiß, Ihr seid Macnamara, verrathet mich nicht. Ich kann Euch belohnen.«

»Nicht Macnamara, nur der Herzog von Monmouth,« erwiederte dieser im vorigen Tone, »will Euch auch nicht verrathen, Gray, sondern nur um die Hälfte Eures Brotes bitten.«

»Wie, Monmouth, Ihr? – Ich glaubte, der Irländer wäre mir schon auf den Fersen. – Um Gottes Willen, flieht, flieht, wir müssen uns trennen, sonst sind wir beide verloren. – Der schurkische Irländer sah mich, als mich der Hunger in die Küche trieb.« –

»War das nicht Einer der vortrefflichen protestantischen Zeugen?« fragte Monmouth.

»Freilich, ich habe ihn damals so oft instruirt, daß sein Habichtsauge mich im Dunkeln wiedererkennt. – Lebt wohl Monmouth, ich kann nichts mehr für Euch thun.«

»Auch nicht mir die kleine Hälfte Eurer Brotkürste geben?« fragte Monmouth, mit derselben herablassenden und freundlichen Stimme, die ihm so oft in seinem Glücke die Herzen gewann. Hätte man eine Laterne an Grays Gesicht gehalten, man würde ihn erröthen gesehn haben. Er theilte eilig das kleine Stückchen Brot, reichte die größere Hälfte dem Herzog und verschwand hinter den Hecken.

Die Nacht war so dunkel, daß sich der Herzog genöthigt sah mit dem gezogenen Degen an der Stelle eines Stockes den Boden zu untersuchen. Doch war diese Finsterniß vielleicht seine alleinige Rettung, denn er mochte kaum einige Hundert Schritte vom Dorfe entfernt sein, als es dort laut wurde, Fackeln leuchteten und einzelne Pistolenschüsse fielen hier und dort, wie Signale der Suchenden, welche sich nicht zu weit von einander entfernen wollten. Gleich dem gejagten Thiere eilte Monmouth in der Dunkelheit über Felder und Wiesen hinweg, bis er ein hügliches Terrain gewann, das ihm eher einen Schlupfwinkel für den Fall versprach, daß die nächtlichen Verfolger ihn hier ereilten. Aber sie schienen seine Spur verloren zu haben, oder der Grays gefolgt zu sein. Das Fackellicht war verschwunden und die Nacht in weiter Ferne todtenstill.

Wird die Anstrengung einer drohenden Gefahr zu entgehen allzugroß, so überwindet der Stumpfsinn häufig die Furcht. Monmouth mochte nicht weiter fliehen, in dem Augenblicke entschlossen den Tod, oder was Schlimmeres ihm bestimmt sei, zu erwarten. Er setzte sich auf die kalte Erde nieder, den Rücken an eine einsame Birke, den Kopf auf beide Arme stützend. Doch wehrte die kühle Nachtluft, vielleicht auch die zu große Aufregung den Schlaf ab. Er sah den Mond blutig aufgehn und verfolgte ihn, wie er langsam am Himmel emporstieg. Als er genug leuchtete, die Gegenstände umher zu erkennen, fand er, daß kein Platz weniger geeignet sei, ihn seinen Verfolgern zu verbergen. Er saß auf der einen Seite eines wenig über die Fläche ringsum erhöhten Erdstrichs, der, vermuthlich seines unfruchtbaren Bodens wegen, nicht beackert, nur hie und da eine Bircke und Sträuche großen Farrenkrautes trug. Sollte er im Stande sein weiter zu fliehen, mußte er einige Stunden Schlaf genießen. Im Suchen nach einer verborgenen Lagerstätte fand er einen Graben, welcher die Gränze zwischen den beackerten Feldern und dem Hügel bildete. Er eilte hinab, da er aber, ohne zu untersuchen hineinsprang, fand er zu spät, daß schon Jemand vor ihm denselben Ort zu seiner Lagerstätte erwählt hatte.

Wild fuhr der Schlafende auf und blickte, die Haare aus den Augen streichend, um sich: »Gefangen nehmen,« rief er, »noch habe ich mein Schwert. Heran, wenn Ihr wagt.«

»Auch ein Mann,« entgegnete Monmouth, »der empfindet, welch ein Gut das Leben ist. Freund, ich wollte weder Euer Leben noch Eure Freiheit; nur ein Plätzchen für die kalte Nacht bei Euch im Graben.«

Beide standen sich einander gegenüber. Der Mond beleuchtete ihre entstellten Gesichtszüge und die Flüchtlinge erkannten sich. »Monmouth!« – »Robert Fletcher!« tönte es aus Beider Munde zu gleicher Zeit. Ein schmerzlicher Händedruck folgte. Der jüngere Ritter, gestärkt durch den Schlaf, hatte sich zuerst wieder gesammelt. Er las mit Entsetzen in des Herzogs Erscheinung das Schicksal des Tages. Monmouth hatte sich wieder hingesetzt und das Haupt sinken lassen, als schärfe der Anblick des Freundes die stumpf gewordene Erinnerung.

»Ist Alles dahin?« fragte Robert.

»Alles, alles,« entgegnete der Herzog, und eine Pause folgte.

»Wenn Alles dahin ist, Königthum, Richteramt, das schöne Heer,« begann darauf Robert vor dem Herzoge stehend, »darf der Geächtete doch wieder vor Monmouth hintreten; er ist nicht mehr verbannt.«

»Wo warst Du Robert, wie kommst Du hierher?«

»O ich bin so lange, so unermüdet geritten,« entgegnete Robert nicht ohne Bitterkeit, »daß, hätte mein Thier nur etwas mehr Kraft gehabt, und England wäre nicht umgürtet vom Meere, ich wohl um die Erde gespornt wäre, denn ich fand nirgends Versuchung anzuhalten. Ich weiß auch nicht, wohin ich geritten bin, es konnte mir ja gleichgültig sein, denn Freunden hatte ich nirgends zu begegnen. Ich hörte die Kanonen und Flinten und es kam mir nur alles zu kalt und träge vor für eine Action, wie ich sie wünschte; da ist denn endlich das Pferd, das sonst doch ein stattlicher Karrengaul, wie nur einer aus Kent, war, hingesunken, und ich fand es nicht der Mühe werth, mich weiter als das Thier nach einem Bette für die Nacht umzusehen. Es liegt sich ganz gut in der Grube für einen Geächteten, und wenn Euer Gnaden mir auch diesen Posten noch nehmen wollen, will ich vor dem Morgenroth auf und davon gehen.«

»Robert!« sagte strafend der Herzog. »Das kleine Unrecht, das ich Dir angethan, ist hart gebüßt.«

»Ihr habt mir Unrecht gethan,« fuhr Robert freudig auf, »Unrecht! mein Herzog räumt es ein! Dann vergebt jedes bittre Wort. Nur das aus Eurem eigenen Munde, und ich scheide in Frieden.«

»Freilich that ich Dir Unrecht, guter Robert. Wo Kriegszucht ein Heer erhalten soll, durftest Du die Beleidigung des Reiters nicht ungerächt hingehn lassen. Ich war zu schwach, zu besorgt vor dem Unwillen der Menge; ich wich den Rücksichten der Politik, was nie ein König sollte, wo es gilt ein Recht zu schützen.«

»Mein König! mein großer König!« rief Robert übermannt aus, und stürzte sich vor Monmouth nieder, dessen Knie umschlingend.

»Mit dem Könige ist es vorbei, guter Robert, ganz vorbei. Es ist kaum der Schatten des alten Herzogs von Monmouth übrig geblieben, und wahrhaftig das ist wenig nach solchen Hoffnungen, nach solchen Schritten! Hänge Dich nicht an mich, Robert, fliehe was Du kannst, denn meine Nähe zieht, wie der Magnet die Verfolger an.«

Robert blieb in der vorigen Stellung. Die Nachricht hatte ihn mehr als das eigene Unglück erschüttert. Monmouth erzählte ihm in der Kürze den Hergang der Sache.

»Hätte ich wenigstens mitfechten können, es wäre doch ein Trost; aber nun so ruhmlos umher zu irren, mit einem Namen, der geächtet, einem Muth, der noch nicht gebeugt ist, ohne Hülfe, ohne Aussicht in dem todten England.«

»Es ist sehr kalt,« sagte Monmouth sich in den Rock einhüllend. »Hast Du keinen Trunk bei Dir, nichts zu essen? es sind an vier und zwanzig Stunden, daß ich nichts genossen.«

»Nichts, Hoheit, gar nichts. Ich hatte an meinem Aerger zu würgen und fand immer neue Kost.«

»Robert Du spottest, was ist denn noch von Hoheit an mir?«

»Könnte ich für Euch stehlen, rauben, morden! – Ich will mich in die nächsten Gehöfte schleichen.«

»Bleibe hier Robert, wage nichts. Es sind schon zu viele durch mich unglücklich geworden, ich mag die Blutschuld nicht vergrößern.«

»Legt Euch nieder, ich suche auf den Feldern umher.« Ehe Monmouth die Lippen zum Widerspruch öffnen konnte, war der Ritter fortgeeilt und der erschöpfte Flüchtling wurde als Zugabe seiner Schmerzen noch eine Stunde lang von der Angst gefoltert, daß der Getreue den Rückweg verloren haben könnte. Er mochte kein Zeichen geben, sich den Spürhunden nicht zu verrathen. So verlebte er zwischen Schlaf und Wachen, Träumen, welche die Schreckbilder des Tages ihm noch schrecklicher vormalten und dem grauen naßkalten Bilde der Wirklichkeit ringsum, eine peinvolle Stunde. Der Werth eines Freundes und der Theilnahme war ihm nie klarer geworden; der Gedanke, daß Robert in die Hände der Dragoner könne gefallen sein, quälte ihn mehr als die Vorstellung, daß er selbst überfallen würde. Er dachte daran aufzustehn und selbst nach ihm zu suchen, aber die Kräfte versagten.

Endlich näherte sich ein schwarzer Punkt auf der grauen Oede, es war ein Mensch, er kam auf ihn zu, es war Robert. Meilenweit war er umhergeirrt und brachte doch nichts als einige Rüben zurück. Für den Verschmachteten dünkten sie ein Mahl, wie er es nie an seiner herzoglichen Tafel genossen. Aber mahnend stand Robert neben ihm:

»Wir dürfen nicht länger zaudern,« sagte er, »zwar merkte ich nichts von Verfolgern in der Nähe, aber es ist eine so flache Gegend ringsum, daß bei Tageslicht an ein unbemerktes Entkommen nicht zu denken ist. Zudem lichtete der Himmel sich schon im Osten.«

»Fliehe Du, treuer Paladin,« sagte der Herzog, »ich kann nicht mehr; ich versuchte meine Kräfte, aber die kalt gewordenen Gelenke versagen den Dienst.«

»Ihr müßt fliehn,« rief Robert heftig, »Ihr seid verloren.«

Monmouth schüttelte den Kopf: »Ich überlasse mich der Vorsehung, was sie mit mir beschließt.«

»Die Sprache der trägen Lässigkeit,« sagte Robert. »Habt Ihr denn noch so viel Vertrauen in diese christliche Vorsehung, die Essex, Russel, Sidney auf dem Gerüste, wie gemeine Verbrecher, enden, die Euch niederwarf und den blutgierigen Wahnsinn triumphiren ließ? Laßt ihr Christenthum den armseligen Quäkern und Puritanern, die ihre Seligkeit in Worten und Sprüchen finden; ich vertraue allein auf Willen und Kraft. Die Heiden zeugten so viel Helden als wir Betbrüder und Betschwestern, und Rom war groß bis das Christenthum es klein machte.«

»Ich bleibe hier,« sagte Monmouth, ohne sich auf Widerlegung der bittern Polemik des Freundes einzulassen. »Fliehe Du Robert. Suche einen Hafen zu gewinnen, ehe Dein Name und Conterfei an jedem Pranger angeschlagen steht.«

Unruhig schritt Robert auf und ab. Der Tag graute. »Ich will gehn,« sagte er endlich, »aber nicht um das Königreich zu verlassen ohne Euch. Verbergt Euch hier, und ist Eure Vorsehung mir günstig, finde ich Mittel um wiederkehrend Euch und mich zu retten.«

Monmouth reichte dem Getreuen einen Beutel mit Gold und beschwor ihn auf seine Sicherheit bedacht zu sein. Er legte sich darauf in den Graben und Robert bedeckte ihn mit welken Dornsträuchern und ausgerissenen Stauden Farrenkrauts, daß der Graben versteckt blieb.

»Farrenkraut soll unsichtbar machen,« flüsterte Monmouth lächelnd dem Geschäftigen zu. »Du machst den Volksglauben wahr.«

»Daß er wahr bleibe!« rief Robert scheidend dem Herzoge zu, und entfernte sich schnell, nachdem er zuvor den Stand der Birken, um den Platz wieder zu erkennen, genau betrachtet hatte. Monmouth verfiel sogleich in den tiefen Schlaf, dessen seine erschöpfte Natur bedurfte.

In dem Dorfe, an dessen Hecken Monmouth und Gray sich trennten, war indessen bald darauf ein Trupp Dragoner angelangt, an dessen Spitze Lord Lumley stand. Schon wollte er seine Leute von dem vergeblichen Verfolgen in das zum Nachtquartier bestimmte Städtchen zurückführen, als Oberst Rumsey ihn beschwor erst den Bericht seiner Agenten zu hören, welche diese Gegend auf sein Geheiß durchstreift hatten. Wenige Secunden darauf stand auch schon Macnamara vor dem Befehlshaber und berichtete wie er Lord Gray deutlich in der Küche der Schenke als Bettler verkleidet erblickt und es nur unterlassen habe mit Hülfe der Dragoner den Lord sogleich zu ergreifen, da sich am Fenster draußen ein anderes Gesicht gezeigt hätte, welches einer noch weit wichtigern Person angehören können.

»Der Irländer ist feig wie Lord Gray!« rief Rumsey unmuthig zum Befehlshaber.

»Aber vielleicht klüger und aufrichtiger,« sagte Macnamara den Hut schwenkend. »Denn als ich, wie die Katze nach der Maus hinter ihm herfuhr, sah ich ihn um die Dorfhecke mit noch einem Manne biegen.«

»Ihnen nach!« commandirte Lord Lumley, »Fackeln gebracht, und ihre Spuren im Sande verfolgt.«

Mit Kienbränden und Fackeln statt der Schwerter in den Händen sprengten die Reiter aus dem Dorfe; der Irländer mit der Schnelligkeit eines Rehes und den Augen eines Luchses ihnen vorauf. Er folgte den Fußtritten längs der Hecke und als sie dort sich verloren weiter über das Feld. Er fühlte häufig, wo er den Augen nicht traute, mit den Händen, daß es zuweilen den Anschein gewann, als kröche er auf allen Vieren und käme doch schneller fort, als die Reiter.

»Führt uns der Bube auch nicht auf falsche Wege, daß wir die richtige Spur verlieren?« warf Lord Lumley mistrauisch zu Rumsey hin.

»Euer Herrlichkeit,« entgegnete dieser, »es stehen fünf tausend Pfund auf Monmouths Kopf; da irrt ein Irländer wenigstens nicht mit Absicht.«

Macnamara machte Rumseys Prophezeihung nicht zu Schanden. Er führte gerade auf den Ort los, wo Gray nach einem angestrengten Laufe sich hingeworfen hatte. Gray sah den sich nähernden Fackelschein schon von fern, er hörte den Hufschlag der Pferde; er hatte noch, begünstigt von der Dunkelheit, aufspringen und gleich dem gejagten Hirsche einen neuen Zufluchtsort aufsuchen mögen, aber er zog es vor, wie der Hase, glatt in eine Furche hingestreckt der Hoffnung zu vertrauen, daß die Jagd bei ihm, ohne ihn zu bemerken, vorüber jagen dürfte. Allein je näher die Verfolger kamen, um so fürchterlicher wuchs die Angst. Aus Furcht vor dem Moment, wo man ihn erblicken möchte, schrie er, als Macnamara noch zehn Schritt von ihm entfernt suchte, laut auf, und der Irländer hatte ihn am Kragen gefaßt, ehe er seine Thorheit bereuen konnte.

»Hätten Euer Herrlichkeit sich mir nur früher anvertraut,« sagte Macnamara, »würde ich wahrhaftig für ein besseres Nachtlager gesorgt haben. Es ist eine Sünde und eine Schande, daß ein Pair von England so schlecht gebettet liegen mußte.«

»Macnamara!« flüsterte Gray ihm dringend zu. »Beim heiligen Patricius, ich zahle Dir tausend Pfund, – die Hälfte sogleich, wenn Du mir zur Freiheit verhilfst. Ich will Dein Gewissen beschwichtigen, wie Keiner.«

»I das hätte keine Noth, Euer Gnaden,« sagte der Irländer. »Tausend Pfund, dafür hätte ja der heilige Patricius und alle heilige Irländer ein Auge zugedrückt, zumal da Ihr nur Lord Gray seid und nicht der Herzog von Monmouth. Aber welcher Teufel hieß Euch so schreien, daß die Dragoner es hörten, und ein Mensch nun beim besten Willen nicht ehrlich sein kann.«

»Werther Macnamara, thue als hättest Du geschrieen.«

»Bester Lord, von Herzen gern, aber für meinen Kopf zahlt keine Seele einen rothen Pfennig.«

Alles weitere Unterhandeln war unnöthig, da die Dragoner mit den Fackeln den Platz umzingelt hatten.

»Mylord Gray!« sagte Lord Lumley heransprengend. »Es thut mir weh, Euer Herrlichkeit in diesem Zustande zu erblicken. Doch da man weiß, daß der Herzog mit Euch geflohen ist, so erschweret Eure Gefangenschaft nicht durch längeres Läugnen. Umhergesprengt!« sprach er zu den Reitern, »Monmouth muß in der Nähe verborgen sein.«

Gray nahm die Worte des Commandeurs zu Herzen und berichtete, wie sich der Herzog bereits am Dorfe von ihm getrennt und eine andere Richtung eingeschlagen habe. Macnamara schien die gute Laune zu verlieren. Unter freigebiger Ertheilung des Namen Dummkopf zu sich selbst, schlug er sich an den seinigen und war schon wieder auf dem Rückwege nach dem bezeichneten Platze der Trennung, als Lord Lumley noch, minder von Grays verrätherischer Offenherzigkeit überzeugt, an dem alten Platze umhersuchen ließ.

Die aufgehende Sonne beleuchtete die erneute Verfolgungsscene. Lord Oxford und Oberst Kirk waren, auf die erhaltene Nachricht mit Schützen und andern Dragonern hinzugekommen, um die Jagd von neuem zu beginnen. Die Umgegend von Ringwood war meilenweit umstellt; so eng, daß kein schnelles Wild entkommen wäre, und doch brannte schon die Vormittagssonne und alles Suchen schien fruchtlos. Gray wußte nicht genau den Ort anzugeben, wo der Herzog sich von ihm getrennt hatte, und Macnamara wurde durch die auf den grünen Krautfeldern sich verlaufenden Spuren irre. Kirks Vorschlag, zwei schottische Bluthunde aus dem benachbarten Edelhofe loszulassen, verwarf Lord Churchill mit Unwillen, indem er bemerkte, um hier Bluthunde zu haben, brauche man nicht erst nach Schottischen zu suchen.

Der Irländer bemerkte, als er schon ermüdet von der vergeblichen Anstrengung, die Hände auf dem Rücken, umherschlenderte seinen Freund Sanson still für sich einer Richtung folgen. Verstohlen folgte er ihm und klopfte mit schallendem Gelächter dem Brillenträger auf die Schulter.

»Gefunden, Magister die fünftausend Pfund? – Siehst Du nicht, daß Du einem Pferdehuf nachläufst – es ist der leibhaftige Satan, der meinen gelehrten Collegen am Narrenseil führt, da er doch wissen muß, daß der Herzog schon fünf Meilen von hier sein Pferd zum Teufel gejagt hat, der es dann unserm Vetter Stallknecht geschenkt hat.«

»O Scharfsinn des grünen Erin!« sagte Sanson, ohne sich stören zu lassen. »Ein Irländer glaubt nur an die Sonne, wenn er sie mit Augen blank sieht.«

»Wessen Huf ist denn das?« fragte Macnamara aufmerksamer.

»Mindestens,« entgegnete Sanson, »von einem rebellischen Bauernpferde, also die Spur eines Flüchtlings. Zweitens bin ich diesem Hufe an die zehn Meilen gefolgt, und habe gerade so viel Nachricht eingezogen, um zu wissen, daß unser alter Bekannter, Robert Fletcher, in der Tour wie toll und blind umhergesprengt ist. Führte mich daher die Spur zu diesem, so war das wenigstens eben so viel als zu Deinem Lord Gray, wenn es nicht gar zu dem königlichen Hirsch leitet.«

Macnamara schnalzte mit den Fingern; in stummer Erwartung folgten Beide den deutlichen Spuren, bis Sanson ein vernehmbares »O weh!« ausrief, als er den gesattelten Gaul eines Yeoman auf dem Boden hingestreckt erblickte. Der Irländer schoß darauf los, und hatte im Zeitraum zweier Secunden alles befühlt, besehn und berochen, was ihm zur weitern Erkundigung nöthig dünkte.

»Nimm Dich aber in Acht!« sagte Sanson zu ihm, als er mit seinen Kreuzschritten an dem mit ziemlich hohem Farrenkraut bewachsenen Felde entlang hüpfte, »die Pistolen fehlen in den Halftern; Du könntest ein Denkmal von ihm in die Waden bekommen.«

Der Irländer sprang, wie von einem plötzlichen Anblick erschreckt, zurück. Sanson stand ihm zur Seite. »Ein verdeckter Graben!« – »Es schnarcht etwas.« Beide blickten umher und als sie einige von ihren Bewegungen angelockte Reiter auf sich zukommen sahen, rissen sie beherzt Farrenkraut und Dornen hinweg. Aber alle Vorsorge war unnöthig. In festem Schlaf versunken lag ein Flüchtling am Boden, das Geräusch hatte ihn nicht einmal geweckt.

»Monmouth selbst!« rief Macnamara, »Schurke, warum mußtest Du mir folgen! der treue Freund.«

»Fünftausend Pfund!« rechnete der Irländer, »Monmouth zahlte wohl das Doppelte, wenn wir ihn laufen ließen.«

»Verdammter Hund! wenn Du nicht geschrieen hättest; es ließ sich noch so manches bei dem Handel verdienen, das geht nun alles quitt.«

»Monmouth gefangen!« tönte es von einem Posten zum andern, und ehe noch der Unglückliche, was ihm bevorstand, ahnete, sprengten schon die Anführer der verschiedenen Truppen heran. Er schlief noch; wie den Löwen scheute man sich ihn zu wecken. Endlich sprangen einige Schützen in den Graben hinab, und rüttelten ihn, seinen Namen rufend. Er hörte nicht. »Laß mich, guter Robert, noch ein wenig schlafen, dann wollen wir fliehen.«

Churchill, der die Worte gehört, wandte sich um, und wischte die Thränen aus dem Auge, das nur lachen zu können schien. Die Unbarmherzigen wollten aber ihrer Beute gewiß sein, und Monmouth mußte wachen. Der lange Schlaf auf dem kalten Boden hatte die Gelenke steif gemacht, die ungewohnte Anstrengung einen Fieberfrost erzeugt. Er sank um, als er sich aufrichtete, und wollte die Augen nicht aufschlagen. Alte Krieger, die einst unter ihm gedient, in ihm den Stolz des englischen Heeres verehrt hatten, mochten den Anblick nicht ertragen. Man hob ihn auf, man warf ihm einen Mantel auf sein Bitten um, ob die Mittagssonne gleich hoch am Himmel stand, und als er sich nun umschaute und die ganze schreckliche Wirklichkeit an die Stelle des Traumes trat, siegte die Schwäche so über den Helden, der kaum noch durch seinen Muth ein Königreich erschüttert hatte, daß er weinte.

Die Absicht der gemeinen Krieger, die ihn umgaben, errathend, riß er sein Kleid auf und rief ihnen zu: »Nehmt mir Alles, ich bin Euer Gefangener; wollte der Himmel ich wäre ein Kriegsgefangener; und möcht' es der Czar von Moskau sein, es wäre besser in seine Hände gefallen, als in meines Oheims.«

Man fand zwei hundert Guineen bei ihm. Er reichte die goldene Uhr hin. Auch den Orden des Hosenbandes zog er aus der Busentasche und als sein Auge zufällig Rumsey traf, reichte er ihm das Band hin: »Nehmt Oberst; der König mein Oheim belohnt Euch wohl für den großen Dienst mit dieser Ehre. Nehmt; Ihr bedürft der Ketten und Orden, um Eure Schande zu bedecken.«

Ein Officier reichte den Orden an Lord Lumley; der klägliche Anblick des Verzweifelnden erweichte die rauhsten Herzen. Die Wachen traten zurück und wandten dem Gefangenen den Rücken, die Edlen, einst die Genossen seines Glückes, verschwanden. Wer, in dessen Brust eine Regung des Mitgefühls lebte, mochte den so vom Glück Niedergeworfenen ansehn? Zugleich aber waltete die Furcht ob, durch gezeigtes Beileid des Königs Zorn auf sich zu laden. So verbrachte der Unglückliche noch eine Stunde in der fürchterlichsten, trostlosen Einsamkeit bis der Wagen erschien, der ihn in die Hauptstadt bringen sollte, in welche er gehofft als Triumphator und König eines ihn vergötternden Volkes unter dem Geläute der Glocken einzuziehen.

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