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Schloß Avalon. Erster Band

Willibald Alexis: Schloß Avalon. Erster Band - Kapitel 9
Quellenangabe
authorWillibald Alexis
titleSchloß Avalon. Erster Band
publisherF. A. Brockhaus
year1827
pages302
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20180307
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Siebentes Capitel.

Percy.
Mich dünkt, mein Antheil, nördlich hier von Burton
Ist Euren beiden nicht an Größe gleich.
Seht wie mir da der Fluß herein sich schlängelt,
Und schneidet mir von meinem besten Lande
Ein Stück aus, einen großen halben Mond.
Ich will sein Bett an diesem Platz verdammen.
Und hier soll dann der silberklare Trent
Im neuen Bette schön und ruhig fließen.
Er soll sich da so scharfgezackt nicht winden.
Und eines reichen Landstrichs mich berauben.

Glendower.
Nicht winden? Doch er soll; ihr seht, er thuts.

Shakspeares Heinrich IV.

 

Wer ihn im Mondenschein dahintraben gesehn, nicht sein Pferd regierend, sondern den Launen desselben folgend, hätte glauben können, der Geist eines Abgeschiednen mache einen nächtlichen Ritt längs den bleichen Weiden der Heerstraße, und nicht der reiche Erbe der Loscelyne ziehe heim auf die Stammgüter seiner Väter.

»Giebt es vielleicht, wie die Natur Geschöpfe werden ließ, die nur bestimmt scheinen mit ihrem Leben der grausamen Gier anderer zu fröhnen, auch Menschen,« sagte Raleigh bei sich, »die geboren werden zum Leiden? – Die Alten kannten ganze Geschlechter, auf denen der Fluch der Götter lastete, und es giebt Philosophen, welche eine Unvollkommenheit der Natur, ein thörichtes Spiel bei unserer Schöpfung aus dem Unglück beweisen wollen, welches das Leben von Männern verfolgte, die ein besseres Loos verdienten. Dann gehöre ich zu denen, welchen das Schicksal in ihr Schuldbuch von diesseits nichts auf die gute Seite schrieb. Von dem Jenseits berichten uns die Theologen; haarklein wissen sie dort Strafe und Belohnung, aber von der Ausgleichung im Diesseits, im Leben das wir kennen, das wir chemisch in seine Elemente zerlegen, zucken sie die Achsel. Wer nicht zu den Heroen gehört, die es sich zur Lust rechnen, mit dem Schicksal Lanzen zu brechen, wie heißt dessen Aufgabe im Leben?« –

Seine Gedanken schweiften noch einmal musternd über das ganze vergangene Leben. Dann sprach er rasch zu sich: »Mein Ziel steht mir vor Augen. Das Glück der Liebe, das Glück der Freundschaft hat mich verlassen. Was bleibt dann dem Verwaisten, als die Sache für die meine Väter bluteten! Dem königlichen England widme ich mein Leben. Täuscht mich nicht der Blick, so müssen Ungewitter heran ziehen, ähnlich denen, welche das Königthum untergruben. Die Treue sei mein Panier!«

Von dem Gedanken erwärmt gab er, ohne es zu wollen, dem Rosse die Sporen, aber einer fieberhaften Wärme folgte bald ein fieberhafter Frost. So viele Körperanstrengungen, so viele Seelenkämpfe wirkten nachtheilig auf den Leib zurück. Bald überfiel ihn ein solches Fieberschütteln, daß er nicht länger auf dem Pferde auszuharren vermochte. Nur mit Mühe gelangte er bis zu einem einsamen Pachthofe, unfern den Vorstädten Londons. Kaum daß man ihm vom Sattel hinuntergeholfen, verlor er die Besinnung, und das heftigste Fieber übte die Herrschaft über Körper und Geist aus.

So oft Raleigh erwachte, befand er sich in einer unansehnlichen Kammer. Mit Freundlichkeit von einer der Frauen im Hause gepflegt, schien man es nicht für nöthig erachtet zu haben, ärztliche Hülfe bei ihm anzuwenden. Man hielt ihn, wie er aus einzelnen Reden schloß, anfänglich für nicht viel besser, als einen Freibeuter auf offener Straße. Dann nach dem Gutachten der milder Urtheilenden für einen reisenden Handlungsdiener. Von seinem Stande konnte niemand etwas ahnen, da, was daran erinnert hätte, beim Schiffbruch verloren gegangen war, er es aber bis jetzt beim Andrang ernsterer Sorgen nicht für nöthig geachtet hatte, den Mangel zu ersetzen. Alles jenes bemerkte er jedoch nur in wenigen lichten Zwischenräumen, denn Frost und Hitze des Fiebers tödteten das Bewußtsein, und auch selbst, wenn sie ihn verlassen, lag er in einer Starrsucht, die ihm kaum zur Hälfte erlaubte, auf das, was um ihn her vorging, zu achten. Durch die Sprache sich mitzutheilen, verbot ihm durchaus sein Zustand. Oft traten Männer mit ernsten Blicken in die Kammer, und ihre mit seiner Pflegerin gewechselten Worte deuteten darauf, daß ihnen seine Anwesenheit nicht erwünscht sei. Die Reden der Alten, wobei sie gemeiniglich auf den hülfs- und besinnungslosen Zustand des Kranken deutete, beschwichtigten sie indessen. Man sprach davon ihn fortzuschaffen. Sie aber wehrte dies ab mit der Bemerkung, daß der Transport den Tod des Kranken unmittelbar herbeiführen würde, und man beruhigte sich endlich mit der Versicherung, daß er die Krankheit doch nicht überleben werde.

Eines Tages erwachte er durch ein Geräusch in seiner Nähe. Man schloß die Thüre seiner Kammer, welche nach einem größern Zimmer führte, zu, eine Vorsicht, die ihm ganz neu war. Da ihn die Wärterin verlassen, so erregte dieser Umstand Besorgnisse im Kranken, welche durch das Gespräch neben ihm nicht vermindert wurden.

»Seid ihr aber auch gewiß Rumbold, daß es keine Verstellung ist? die Sache gränzt an Tollkühnheit, in dem Hause, wo wir zusammentreffen einen Kranken aufzunehmen – und dicht am, Zimmer, wo er uns behorchen kann.«

»Seid versichert Keiling,« entgegnete der Angeredete, »daß der Kranke unschädlich ist. Ehe es zum Ausbruch kommt, liegt er unter der Erde und bis dahin starr wie eine Leiche auf ihrem Paradebett. Ich hätte ihn gewiß nicht aufgenommen, wäre ich zu Hause gewesen, aber meine alte Schwiegermutter, die eine Quäkerin ist, würde den Himmel in Aufruhr bringen, wenn ich ihn fortstieße.«

Der andere schien sich zu beruhigen und murmelte nur etwas vom: auf der Hut sein, um ihn augenblicklich niederzustoßen, wenn er erwache.

Raleigh's Unruhe wuchs und mit ihr spannte sich wieder die Kraft seiner Sinne, daß er der aufmerksame Zeuge eines Auftritts wurde, der, hätte die Natur sich so beeilen können, allein fähig gewesen wäre, ihm wieder zum vollen Gebrauche seiner Sinne zu verhelfen.

Das Zimmer füllte sich mehr und mehr, alles Männer, deren Zungen verriethen, daß es keine Neulinge in der Welt waren. Man sprach mit gepreßter Stimme, oft aber verrieth ein voller rauher Ton die in den Busen kochende Lust. Einige gaben sich als Krieger zu erkennen, andere schienen Männer des Gesetzes, die Mehrzahl dem Handelstande oder der Klasse freier Landbesitzer anzugehören. Die Unterhandlungen hatten einen lebhaften Fortgang der gezwungenen Sprache ohngeachtet. Doch zuckte es mit unter wie ein Blitz, wenn einer der Anwesenden unzufrieden mit der zuvor ausgesprochenen Meinung die seinige kund that; dies waren die Momente, welche Raleigh über den Zweck der Zusammenkunft das meiste Licht gaben.

»Shaftsbury's eilige Flucht hat alles verdorben, was wohl und weise angeordnet war,« sagte eine Stimme, welche die Rumbolds zu seyn schien, »alle unmittelbare Verbindung zwischen uns und den Lords hat dadurch aufgehört. Wenn ich mich melden lasse, weiset mich der Thürwärter schnöde ab; wie wollt ihr das vertheidigen, Master Ferguson? – Es ist nichts mit den Aristokraten.«

»Eine höchst nöthige Vorrichtung,« entgegnete der Angeredete. »Um jeden Verdacht zu entfernen, darf niemand aus der City, der bei Hofe im üblen Geruch steht, zu den Lords, jeder Volksfreund unter ihnen ist mit sieben Spionen umgeben, und jeder Tritt wird dem Könige berichtet; dafür stehe ich für den Herzog von Monmouth.«

Es entspann sich ein Streit über des Grafen Shaftsbury Flucht, hier schalt man ihn einen Verräther an der guten Sache, dort pries man seine Vorsicht. Ein Kriegsmann lachte so verächtlich in das Gezänk, daß man gezwungen wurde, ihn nach seiner Meinung zu fragen.

»So wahr ich Rumsey heiße,« hub er an, »der Graf hat recht daran gethan, denn, wo kein Verlaß auf Soldaten und Officiere ist, ist der beste Feldherr verrathen. Was zauderten sie wo es galt. Der vielgeliebte Tugendheld mochte kein Blut, der Ritter Sidney keine Ritter niederhauen, und ich weiß nicht, was die andern für Gründe zum Aufschub angaben, aus dem Westen oder Osten herbeigeholt, wo der Aufstand noch nicht fertig wäre. Shaftsbury mochte protestiren, er wollte zehn tausend wackere Bursche in London allein stellen, aber sie nannten ihn einen Hitzkopf. Hol der Henker die Aristokraten! Es ist kein Verlaß auf Edelleute, wo es das Wohl des Volks und der Freiheiten des Landes gilt. Der König muß ihnen bei einem Hofball den Rücken zukehren, das bringt sie eher in Harnisch als wenn er allen Städten ihre Charten und England seine große nimmt.«

»Aber der Herzog!« entgegnete jemand.

»Es ist noch der beste von ihnen, obschon der Vornehmste, weil kein ächt aristokratisches Blut in ihm fließt. Die Mutter war unsers Gleichen; darum bleibt er ein halber Mann für uns und ist ein ganzer, so lange seine Hoffnungen von uns abhängen.«

»Stimmt er denn für's Rasiren der Garden?« fragte eine andere Stimme. »Neulich musterte er sie.«

»Er hätte nichts dagegen, Oberst Walcot,« entgegnete Ferguson; »ihn dauern nur die hübschen stämmigen Bursche, die er einst selbst einexercirte, und zu dem die vielen Christenseelen. Auch fürchtet er, es könne seinem Vater dabei etwas Uebles geschehen.«

Man schwieg und murmelte. Ein anderer bemerkte: wenn einmal geschossen würde, und York hatte sich dem Teufel verschrieben, so möchten leicht die Kugeln, die ihm gelten, den König treffen. Einige schlugen vor mit Silber die Büchsen zu laden, weil der Satan nur gegen Blei Versicherung gebe. Die Officiere lachten und baten den, der es in Vorschlag brachte, seine Schottischen Grillen fahren zu lassen, wenn es Englands Wohl gelte, und Rumbold wurde angegangen, für den tüchtigsten Heuwagen zu sorgen, der den ganzen Weg versperrte, wenn er umfiele.

Ein anderer drang, vor allem die Pferde in Bereitschaft zu halten, daß man gleich nach dem Losfeuern die Flucht ergreifen könne.

»Auch vielleicht, ehe man getroffen hat?« fragte spöttisch Rumsey's Stimme. »Ich stehe, bis ich aus diesem Fenster Yorks Blut die Straße herab rinnen sehe. Mein Arm ist fest, und meine Büchse trägt gut; aber bei Gott, wenn Carl Stuart zwischen mir und dem Papisten hintritt, so warte ich nicht, sondern drücke los. Wer aber zittert, wenn es die Freiheit des Volks gilt, und mit den Augen blinzelt beim Pulverdampf, dem rathe ich lieber vor der Expedition sich auf und davon zu machen.«

Alles dies hörte Raleigh nur Bruchstückweise, indem der Lärm drinnen, so wie das leise Gespräch der Meisten, es auch einem mit der vollen Kraft seiner Sinne Begabten würde unmöglich gemacht haben, der ganzen Verhandlung zu folgen. Seine Augen hafteten fest auf der Thür, aber das Blut circulirte heftiger und heftiger, je wilder die Vorschläge von drinnen tönten. Die Starrsucht verließ ihn allmälig, gesprengt vom Entsetzen und dem Willen alle seine Kräfte aufzubieten zur Hintertreibung eines so mörderischen Complottes. Aber mit der Rückkehr der Körperkräfte verließ ihn die Besinnung. Das Fieber kehrte so heftig wieder, daß, wie er nachher erfuhr, er mehrere Tage im Rasen gelegen. Auch hier waren lichte Augenblicke, ehe er sich aber alles vernommenen erinnern konnte, und mit dem sehr erklärbaren Zweifel fertig wurde, ob es nicht ein Traum gewesen, begann das Fieber von neuem.

Er erwachte noch einmal, vermuthlich lange Zeit nachher. Der Lärm aus der Nebenstube schien nur die Fortsetzung der vorigen Versammlung anzudeuten. Es waren dieselben Stimmen, nur daß man die Meinung von Wenigen bei dem allgemeinen Getöse unterscheiden konnte.

»Dort kommt Ayloff hastig gelaufen,« sagte jemand, die Thür ging auf und schlug zu. Fragen bestürmten ihn, aber dem Erschöpften schien der Athem zur Antwort zu fehlen.

»Alles verloren,« platzte er zuletzt heraus »durch Eure Unachtsamkeit. Es brennt im Schloß zu Newmarket. Aber der König und der Papist sind fort.«

»Fort!« tönte es aus aller Munde.

»Fort hier am Reyhause vorbei, und der König allein im Wagen mit York – kaum zehn Menschen darum. Es wäre ein Kinderspiel gewesen ihn lebendig zu fangen. Wir haben verspielt!«

»Tod und Hölle!« riefen einige. »Warum hast Du uns das gethan?« ein andrer.

»Das kommt, weil wir auf die Lords achteten.«

»Wir eilen ihnen nach!« riefen andre.

»Etwa um mit unsern dreißig Gäulen,« sagte Rumseys Stimme spottend, »den König in Whitehall zu belagern?«

Aber viele schrieen: »Ihm nach! Ihm nach!« und Raleigh glaubte an die Ausführung dieser Drohung. Er strengte die letzten Kräfte an. Sie waren in der Ruhe des Bettes ihm wieder gewachsen, oder er glaubte es doch. Frei stand er außerhalb des Bettes, warf die Kleider um, und untersuchte das Fenster. Es ging auf und die Höhe war nicht bedeutend. An einem Fruchtspalier gelang es ihm, sich hinunter zu lassen, und glücklicherweise ohne bemerkt zu werden, da der Streit der aufgebrachten Verschwörer das unbedeutende Geräusch seiner Flucht übertoste. Doch sah er sich vom Hause ausgeschlossen, da die Thür wohl verwahrt worden. Zu seinem oder einem andern Pferde im Stalle zu dringen, war unmöglich, und er hielt es um so gerathner sich davon zu machen, als er jemand am Fenster glaubte bemerkt zu haben. Dunkelheit konnte ihn nicht verbergen, da es der frühe Morgen eines unfreundlichen Sommertages war. Er schritt daher, so viel seine Kräfte vermochten, nach den nächsten Gehöften, und forderte hier einen Wagen. Da man jedoch auf dem Felde beschäftigt war, konnte seinem Wunsche nicht sogleich gewillfahrt werden, und er beruhigte sich, als er mehrere Trupps Constabler und Soldaten von der Stadt her nach Newmarket vorbeieilen sah, um beim Brande Hülfe zu bringen. So war, der König gesichert, und eine Anzeige kam noch zur rechten Zeit, die nicht mehr dringende Gefahr abzuwenden. Auch sah er bei gespannter Aufmerksamkeit nichts von dem gefürchteten Trupp und schloß daraus mit Recht, sie hatten ihr thörichtes Vorhaben aufgegeben.

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