Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Willibald Alexis >

Schloß Avalon. Erster Band

Willibald Alexis: Schloß Avalon. Erster Band - Kapitel 8
Quellenangabe
authorWillibald Alexis
titleSchloß Avalon. Erster Band
publisherF. A. Brockhaus
year1827
pages302
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20180307
Schließen

Navigation:

Sechstes Capitel.

   Die Primel wächst wohl in dem Schnee
Das Heideröslein auf der Höh,
Die Butterblum im tiefen Klee,
   Wo wachsen denn die Rosen?

   Im Garten wächst ein Rosenstrauch,
Und Rosen an dem Strauch,
Und bei den Rosen Dornen auch
   Und auch ein flinkes Mädchen.

   Im Garten hinterm Rosenfleck
Da steht das grüne Gartenheck;
Und hinterm grünen Gartenheck
   Da lauscht ein flinker Bursche.

   O weiße Primel, rothe Ros!
O Gartenheck, o grünes Moos!
Nun brechen wir vom Zaune los
   Um Euch die Rosen und Myrthen.

Altes Lied.

 

Je näher Raleigh dem Punkte kam, wohin ihn sein Herz zog, um so mehr verzögerte er die Reise. Er sah von einer Höhe die Thürme des Schlosses, sein Herz pochte, es drängte ihn hinzueilen zu ihr, deren Bild dem Ritter über Meer und Land gefolgt war, ob er sich gleich gestehen mußte, daß es eben nur das Bild war, welches er bisher als sein unantastbares heiliges Eigenthum betrachten durfte. Ueber Thäler und Bäche flog der Geist dahin nach den von der Sonne erleuchteten Zinnen, er gab seinem Pferde die Sporen den Gedanken nachzueilen, und hielt doch nach wenigen Minuten inne, um noch eine Nacht, noch einen Tag zu zögern.

Jetzt lag an diesem mit Hoffnung, Furcht und Zweifel durchkämpften Tage das hohe Schloß vom Mondenstrahl beleuchtet vor dem Reisenden, nur eine grüne Ebene trennte ihn noch von der Geliebten. Während er darüber hinsprengte, überschlich ihn der Wunsch, das Schloß leer zu finden. Sie mochte verreiset sein, noch könnten Tage, Wochen vergehn, ehe die Entscheidung seines Schicksals kam!

Aber es war Licht in dem hohen Gebäude, in dem Flügel, den sie bewohnte, es glänzte aus ihrem Zimmer. Noch fand er instinctartig durch Gräben und Hecken den Weg zur Hinterpforte. Sie stand offen, wie vor dreien Jahren als Harriet ihn zur bittern Abschiedsstunde erwartete. Er band sein Pferd an einen Baum und schlich durch die Taxushecken des Gartens im Dunkel fort, bis er unter ihrem Fenster stand. Er horchte; kein Laut tönte von oben herunter. Nur die Nachtigallen schlugen und die Fontaine plätscherte im Mondenschein. Sehen mußte er sie, lauschen, und wären dadurch die Gesetze der Ritterehre verletzt.

Nur ein niedriges Gesimms brauchte der Erwartungsvolle mit einiger Vorsicht zu ersteigen, um in das Fenster zu blicken; er schwang sich hinauf und sah doch nicht hinein, denn er mochte noch nicht die Augen aufschlagen, wie er sich angab, weil die Silberlampe darinnen ihn blendete. Aber die Furcht wich dem Verlangen; die von der Decke herabhängende Ampel blendete nicht länger, sie strahlte im großen Zimmer, um Raleighs Augen, indem sie das Ziel seiner Wünsche beleuchtete, fest zu bannen.

Es war ein im Geschmack jener Zeit prachtvoll eingerichtetes Gemach. Die hohen Wände mit schwerem Damast roth tapezirt, waren mit spanischem, reich vergoldetem Täfelwerk ausgelegt, und ausgesuchte Schildereien hingen in ernster Würde umher. Selbst die Krystallbecken der reichen Silberlampe konnten nicht überall das Dunkel verscheuchen, welches die erleuchteten Gegenstände nur noch großartiger hervorblicken ließ. Alles athmete einen verwandten Sinn der Bewohnerin, welche auf einem indischen Lager von grüner Seide leicht dahingestreckt ruhte. Die hohe Gestalt, im vollen Silberstrahl der Lampe, alle Anmuth des Gliederbaues entfaltend, bildete einen seenartigen Anblick im Gegensatz zu dem schweigenden Düster, das im Gemache nur hie und da Erscheinungen ahnen ließ, die einer solchen Gebieterin würdig waren. Sie las, aber der Gegenstand im Buche konnte sie nicht allein fesseln. Der Busen wogte, die Arme, entblößt von jeder neidischen Hülle, zitterten, und das große Auge der Ruhenden suchte nach dem Gegenstande, der ihre Sinne fesseln konnte, umher, ohne ihn in der Schrift zu finden. Wenn eine Fliege am Gebälk aufschwirrte, wenn ein Nachtvogel gegen die hellen Scheiben flog, schreckte sie, richtete den zarten Leib mit Blitzesschnelle auf und das Auge, schweifte umher, bis das Gefühl der Täuschung die Röthe der Erwartung von Stirn und Wangen schwinden ließ. Mehr als einmal traf ihr Blick den Lauscher, ohne ihn zu bemerken. Ihm entging keine Regung; er hätte das kalte Steinbild sein mögen, das wenige Schritte entfernt, vom Monde beschienen immerwährend zu ihr hineinblickte.

Gern wäre Raleigh die ganze Nacht in der Stellung geblieben; aber wie hätte er die kalte Ruhe der Bildsäule erheucheln können! In ihm wogte es, und er eilte nach der Fontaine, am Geplätscher des Wassers jene Ruhe zu finden, deren er bedurfte um vor ihr zu erscheinen. Das Geräusch war dem Ohre der Erwartungsvollen nicht entgangen. Der hohe Fensterflügel ward aufgerissen. Mit ausgebreiteten Armen, mit wallendem Busen, die weichen, lockigen Haare in schöner Unordnung, lehnte sie sich hinüber, und in ihren Augen hätte man die alte Kraft lesen mögen, welche der Glaube des Nordens begabten Frauen verlieh, Gestalten der unsichtbaren Natur zu schauen.

»Bist Du es?« sprach ihr Mund oder auch nur ihr Blick. – Raleigh verstand den Sinn, ohne auf die Laute zu achten; er bejahte die Frage, mit Worten oder nicht – das wußte er nachher selbst nicht anzugeben – aber er stürzte die verborgene Wendeltreppe in die Höhe. Er brauchte nicht alle Stufen bis zu ihr hinaufzueilen. Harriet flog ihm entgegen, lag sprachlos einen Moment in seinen Armen, und Raleighs Rausch der Lust war zu mächtig, einen Gedanken zu fassen, während er die an seiner Brust ruhende Geliebte die letzten Stufen hinauf geleitete. Im Zimmer machte sich Harriet sanft von ihm los und flüsterte mit ihrer Silberstimme: »Warum bliebst Du so lange?« Raleigh wußte noch nicht wie ihm geschehen; er zog seinen Hut, der Strahl der Lampe traf sein Gesicht und Harriet schauderte zurück mit dem Ausruf, der alles Entsetzen zu umfassen schien: »Jesus, er ist es nicht!«

Eine Pause banger Erwartung verstrich. Raleigh trat zurück, der Urtheilsspruch war gefällt. Es dünkte ihm der Moment zu sein, worin über sein ganzes Leben entschieden war; und doch wollte er sich ermannen und die Ruhe erheucheln, die für immer entflohen schien. Aber er wankte, die Körperkraft, durch lange Anstrengung erschöpft, versagte ihm den Dienst, er lehnte sich an einen Pfeiler und kühlte die Stirn an dem kalten Ebenholz. Lady Harriet gewann vor ihm die völlige Besinnung wieder: ein Strahl der Ahnung war dem Schrecken gefolgt.

»Unglücklicher, wer bist Du,« rief sie und zog den Stummen hervor? Sie blickte in sein von Schmerz entstelltes Gesicht, sie erkannte die Züge wieder und mit zitternder Stimme preßte sie den Namen vor: »Raleigh Loscelyne?«

»Ja, Raleigh Loscelyne steht vor Euch, Mylady,« sagte er langsam; »es könnte ihm ein Trost sein, daß Lady Harriet die Züge des Glücklichen, des von der Hoffnung Berauschten noch in dem tief Gebeugten wiedererkennt, wäre es nicht ein trostloser Trost, da ihm die Hoffnung fehlt.«

Die Lady verhüllte ihr Gesicht und lehnte ihr Haupt auf das Kissen des Ruhebetts. Wenige Minuten der Ruhe schienen ihrer Seele neue Kraft zu geben. Sie stand auf, näherte sich dem Ritter und ergriff seine Hand:

»Raleigh,« sagte sie mit einem Tone, den ein ruhiger Schmerz verklärte, »ich bin Dir untreu geworden. Ich könnte hundert Gründe anführen warum? Ich könnte sagen: nie habe ich gelobt das Herz das Dir nicht gehörte Dir zu bewahren. Ich könnte sagen: wer kann unter den Männern an Karls Hofe Treue erwarten, wenn der Liebende drei Jahre schweigt? Sagen könnte ich: ich glaubte Dich verschollen in fernen Welttheilen – aber es wäre Lüge. – Raleigh, uns ziemt es offen zu sprechen. Ich gab Dir keine Hoffnung, wenig Hoffnung mit Worten, als Du schiedest, und doch hätte Dir mein Blick mehr vertrauen können. Ich nannte Dir Probejahre, oder welcher grillenhafte Einfall mich zu thörichten Worten trieb, und doch, hättest Du da in meinem Herzen gelesen, es lautete drinnen: ich liebe Dich. – Damals, Raleigh, o ich liebe Dich noch, wie man ein hohes edles Wesen liebt, wenn unser Herz einem andern gehört. Raleigh, ja ich liebe unaussprechlich, ich bin beglückt, bin selig, und doch dünkt sie mich kein Vergehen gegen Dich, weil sie über die Liebe hinausgeht, die nur an sich selbst denkt. Nun,« fuhr sie nach einer Weile fort, »stehe ich vor Dir, nachdem ich mein ganzes Bekenntniß abgelegt, wie es von keinem Verbrecher gefordert wird, und erwarte Dein Urtheil.«

Raleigh stand wie ein Vernichteter, er fühlte den warmen Druck der Hand, der ihm doch nicht galt, er sah die Geliebte vor sich so innig, wie er einst sein Alles darum gegeben, sie zu sehen, und doch hatte er jetzt sein Leben geopfert, sie wäre wieder jene kalte, stolze Lady Harriet geworden, die ihn Jahre lang in banger Erwartung schweben ließ. Er verneigte sich, er drückte die Hand an seine kalten Lippen, und stammelte, er müsse sie verlassen, der Platz gebühre nicht mehr ihm; wolle die Lady ihn eines Wortes würdigen, werde er morgen um Zulaß bitten. Harriet ließ sich nicht zurückschrecken. Sie drückte des Ritters Hand an das Herz. Sie überwand ihren Stolz und sprach:

»Nicht diesen zürnenden die Brust durchschneidenden Ton. Laß uns so nicht scheiden. In Deinen Zügen las ich, Du bist derselbe edle Raleigh geblieben, der sein eigen Glück gering achtete, wenn es galt das Glück der Geliebten, der Sache, welcher Du Treue geschworen. Raleigh! sei mein Bruder! Sei ganz mein Vertrauter, Ich schwöre Dir zu: ohne Jenen hättest Du das heiligste Recht auf mein Herz.«

Raleigh blieb. Er drückte Harriets Hand noch einmal an den Mund und eine Thräne seit langer Zeit die erste, rollte darauf.

»Du bist müde, erschöpft. Laß mich Dich als Schwester pflegen, Du darfst nicht so wieder fort, ich muß Balsam auf die Wunden träufeln, wenn ich es vermag. Bleibe hier, beim Schwure der Ritterschaft, ich vertraue mich Dir wie keinem Wesen auf der ganzen Welt.«

Sie leitete ihn zum Ruhebette und beide setzten sich, es verging eine neue Pause. Beide hatten sich so viel zu sagen und keiner mochte beginnen.

»Wer ist der Glückliche?« stammelte endlich der Ritter, und sein Blick schweifte dabei zum Fenster hinaus. Sie griff ihn auf. Mit Blitzesschnelle erzeugte der Gedanke den Gedanken, sie stürzte ihm zu Füßen, umfaßte seine Knie und preßte die Worte in krampfhafter Angst heraus:

»Du darfst ihm nicht begegnen, Du darfst ihn nicht tödten, nicht eher weiche ich von hier bis Du mir das gelobt.«

Der Ritter versuchte mit sanfter Gewalt sie aufzuheben: »Wenn Harriet Wentworth nöthig findet mir ein solches Gelübde aufzuerlegen, bin ich des Vertrauens nicht werth, das sie mir schenken will. Lady, ich bitte mich zu entlassen!«

Sie ließ von ihm los und sprach, die Stirn mit der Hand bedeckend: »Vergieb, wenn ich irre geredet; noch nie überströmten mich so viele bange Ahnungen, so viele Besorgnisse. Ich bin überglücklich, aber die Ueberglücklichen verlieren leicht die Besinnung. Bleib, lieber Raleigh, ganz und gar vertraue ich auf Dich. Damit alle Zweifel schwinden, alle Hoffnungen, wenn Du sie noch genährt, wisse: er ist mein Gatte. – Ein Geheimniß ist heraus, fuhr sie nach einer Weile fort, dessen Zeuge außer Dir nur der Himmel ist.«

»So schnell!« sagte der Ritter vor sich hin, nach einer langen Pause des Nachdenkens. »Du erwartest den Beglückten, die Pforte war offen, er mag in dieser Stunde kommen.« Dann, als wäre alle Leidenschaftlichkeit in wenigen Augenblicken entwichen, fragte er mit weit ruhigerm Tone: »Darf ich ihn erwarten? Ich gelobe Dir, Harriets Gatte ist mir heilig.« Sie senkte den Blick; »Zum ersten Male,« hub sie darauf an, »muß ich erröthen, weil ich nicht so ganz offen sein darf als ich es gelobte. Beim Himmel ich möchte ihn Dir zeigen, ich möchte ihn der ganzen Welt zeigen, aber ich darf nicht. Glaube mir Raleigh, nicht Furcht daß Ihr Euch feindlich begegnet, nicht Scheu daß meine Wahl mir Unehre bringt, läßt mich Dich bitten ihm auszuweichen, er hat Gründe weshalb ihn niemand sehen darf.«

»Aber wer ist der Beglückte, soll auch sein Name mir verschwiegen bleiben?«

»Deine Brauen werden noch mehr von Argwohn runzeln,« entgegnete sie, »wenn ich Dir sage, auch mir muß er den Namen, den er vor der Welt führt, verschweigen. Ich nenne einen, aber ich weiß daß es ein falscher ist; ich mußte die theuerste Erinnerung an einen Namen knüpfen. Was kümmert mich, welche Titel und Namen sie ihm draußen beilegen, wenn ich weiß, wer für mich Lorenzo ist.«

»Beim Himmel, Harriet,« unterbrach sie Loscelyne hastig, »wen liebst Du, wer wurde Dein Gatte, ist denn der Mensch so reich, daß er des Standes, Namens, der Geburt entbehren darf und doch mit dem Rest unseres dürftigen Erbtheils das Köstlichste erwerben kann?«

Das entflohene Roth, nicht das Erröthen der Scham, kehrte auf Harriets Wangen zurück. Höher richtete sie sich auf und Stolz leuchtete wieder in den großen blauen Augen: »Auch bei Raleigh Loscelyne bedarf es des Namens um zu gelten? selbst sein hoher, kühner Geist verlangt jene Schranken in denen sich die Mittelmäßigkeit bewegt? Wie ich Dich kenne Raleigh, so kenne ich ihn; kein Blättchen seiner stolzen Seele blieb mir verschlossen, ganz gab er sich mir hin, er theilte sein Alles mit mir, sein reichstes Besitzthum war sein stolzes Herz. Welch ein Bettel ist der Name dagegen, und wäre es der eines Königs?«

In den Furchen seiner Stirn, in seinem gesenkten Blick las sie keine Zustimmung zu ihren kühnen Folgerungen. »Du lobtest sonst,« fuhr sie fort, »meinen scharfen Blick, mißtrau' ihm auch jetzt nicht, ich habe geprüft und strenger geprüft als je –«

»Und schwände auch,« unterbrach er sie, »das ganze Meer von Zweifeln: – wie Lady Harriet einen Namenlosen kennen gelernt, wie ein Namenloser im Stande gewesen alles in ihr zu verdrängen, was ihr sonst theuer war, wie ein Namenloser, ganz ihrer würdig, ihre Hand erringen können; warum dieses geheimnißvolle Dunkel? Um Dich zu besitzen, welcher Würdige überwände nicht alle Rücksichten, wenn ein Weib so viel wagte! Harriet, in Deiner schönen Einsamkeit, in der Schönheit des Alterthums, in den Geschichten unserer Vorzeit, worin Du schwärmst, lerntest Du nicht kennen die beredten Abenteurer, die Wüstlinge unseres Hofes? –«

»Nein!« unterbrach ihn Harriet, in ihrem Auge den Stolz des Sieges, » die lernte ich nicht kennen, aber die Männer, welche Englands Stolz sind und den Helden des Alterthums gleichen. Bei meinem Oheim Lovelace sah ich Algernon Sidney den englischen Brutus, den würdigen Russel, den edlen Grafen Essex. Ich sah die Männer, welche den Baum unserer Freiheit, den köstlichsten Stamm dieses Eilands, dessen Zweige die Stuarts behauen, dessen Wurzeln die fremde Politik untergräbt, festhalten. Du warst fern Raleigh in den Zeiten ihres Triumphes – jetzt hat man sie wieder erniedriget, damit ihre Namen einst heller leuchten unter Englands Heroen – aber wärst Du zu den Zeiten ihres Triumphs bei uns gewesen! Wenn ihre Namen von den Lippen des Volks zum Himmel getragen wurden. Raleigh! das waren Momente, wo die Erde zum Himmel wurde.«

»Traurige zehn Jahr,« murmelte der Ritter für sich, »sahen wir diesen Himmel in Englands Republik. – Harriet, Du weißt,« fuhr er zu ihr fort, »ich darf die Ansichten dieser Männer nicht theilen. Doch hinweg über unsern alten Zwist in dieser heiligen Stunde.«

»Nein, nicht hinweg über das Heiligste,« fuhr Harriet auf mit flammenden Blicken, und riß ihn vor ein Gemälde. Sie nahm einen Armleuchter und hielt ihn an Van Dyks Meisterbild: die Kinder Karls des ersten. Dann auf ein daneben hängendes Portrait dieses Monarchen. »Sieh in die herben Züge dieses Königs. Sieh, wie sie forterbten in den jugendlichen Mienen dieses Karl, dieses Jacob, dieser Marie. Sieh, wie sie sich die Hand bieten in dem unseligen Trotze zu verharren, ein herrliches großes Volk untergehn zu lassen in den Launen ihrer Herrschsucht!« –

Raleigh konnte sich eines Lächelns nicht erwehren: »Ich sehe nur schuldlose Kinder, Harriet, ohne Absicht und Gedanken als an ihre Kinderspiele.«

Die Lady griff den Ausdruck auf: »Wohl ist das ganze Leben dieses Königs ein Spiel, ein Spiel in dem er die Ehre Englands so verpfändet, wie König Richard, sein Ahn, das ganze England als Pfand versetzte. Und in ganz England giebt es keinen alten Gaunt, der mit Donnerworten seine Sünden ihm ins Ohr raunte und in die Dromete stieße, daß er aus dem ewigen Lasterschlafe erwachte. Spielende Züge sind es, aber dahinter birgt sich die Blutgier, und die Freundlichkeit gleicht der des Tigers wenn er ein Lamm belauert.«

»Sind es diese Schmähworte, durch welche er das Herz der Schwärmerin gewann?«

»Der Weg zu meinem Herzen,« hub Harriet an, »ist die Freiheit des Vaterlandes. Diese Meinungstrennung, Raleigh, ist die einzige zwischen unseren Seelen, und doch bildet sie eine unübersteigbare Kluft. Dieß Herz ist dem Wohl des Vaterlandes gewidmet, und wie die Frauen aus der Römerzeit Portien sein durften, wäre es ihnen jetzt nur vergönnt auf dem Wege einer Montespan, Maintenon und Portsmouth ihr Vaterland zu verderben?«

Der Ritter schwieg, und sein Blick schweifte hinaus über den Garten auf die monderleuchtete Wiese. Zwei Reiter bewegten sich heran; auch Harriet hatte sie in demselben Augenblick entdeckt. Sie warf ihm einen Blick zu, den er verstehen mußte.

»Lebe wohl,« sagte er, indem er sie noch einmal ans Herz drückte mit einer Inbrunst welche über die Leidenschaft hinaus war. »Würdig wärest Du die Gattin eines großen Königs zu sein; und Gott gebe, daß es ein würdiger Mann.« – Er drückte ihr hastig den Scheidekuß auf die Stirn, und eilte hinaus, daß sie nicht mehr die mächtig in ihm aufsteigenden Zweifel gewahre. Noch ein Lebewohl hauchte sie ihm nach, als er die letzten Stufen der Treppe erreicht hatte, und der Unglückliche, den sie um alle Wünsche betrogen, vereinigte jetzt alle Wünsche zu dem einen, daß sie nicht das Opfer eines Betrügers geworden.

Aber die frommen Wünsche vermochten nicht einen Argwohn zu übertäuben, zu dessen Bestärkung nach seiner Meinung alle Anzeigen sich vereinigten. Er kämpfte einen seltsamen Kampf zwischen dem geleisteten Versprechen und der Verpflichtung für Harriets Wohl selbst ein ihr unvorsichtig gegebenes Wort nicht zu achten. In ihm sprach es laut, er müsse den Mann kennen lernen, der Harriets Herz und Hand gewonnen, um von ihrem Glück sich zu versichern. Eine andere Stimme aber sagte: »Weshalb ihn kennen lernen, da es zu spät ist die Betrogene vor dem Gatten zu warnen? Ist es nicht vielleicht Rachsucht, und Neid, die mich treiben den Räuber meines Glückes kennen zu lernen?«

Mit diesen Gedanken war er bis an die Gartenpforte gekommen. Langsam band er sein Pferd los, als er bemerkte, daß es zu spät sei, ungesehen von den beiden Reitern hinauszukommen. So war er gezwungen, in das Dunkel der Gartenmauer zurücktretend, ein Zeuge vom Eintritt des Glücklichen zu werden. Die Reiter, des Terrains kundiger als er, trabten an ihm vorüber in den Garten hinein. Der eine mußte an einer Stelle vorbei, wo der durch eine Oeffnung der Taxusmauer vorbrechende Mond auf seinen Oberleib fiel. Raleighs Blicke, wie durch einen Magnet angezogen, verfolgten jede Bewegung der beiden Männer. Sein Leben hätte er in dem Augenblicke geopfert, wäre es nicht Robert Fletchers Gesicht gewesen, das mit der Zuversicht der Freude vor sich hinblickte. Die lächelnde Bewegung um den Mund, das ruhige Spiel des Auges, die nachlässige Art, wie er auf dem Sattel saß und den Zaum regierte, alles verkündete den Mann, der seines Glückes gewiß ist, und über die noch in Zweifeln befangene Welt lächeln kann. Versteinert blieb er stehen, bis er beide vom Pferde steigen hörte. Dann vernahm er noch das Klirren der Sporen auf den steinernen Stufen der Wendeltreppe. Langer aber hatte ihn kein Reiz und kein Gebot zurückgehalten. Er schwang sich aufs Pferd und sprengte hinaus mit den Worten:

» Sie ward nicht betrogen, aber ich ward es zwiefach. In derselben Stunde verlor ich die einzige Geliebte und den einzigen Freund.«

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.