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Schloß Avalon. Erster Band

Willibald Alexis: Schloß Avalon. Erster Band - Kapitel 5
Quellenangabe
authorWillibald Alexis
titleSchloß Avalon. Erster Band
publisherF. A. Brockhaus
year1827
pages302
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
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Drittes Capitel.

Aus dem Wasser kam ein bleicher Mann
Und klomm die schwanke Leiter an,
Ich reichte ihm die Hand entgegen:
»Du Blasser, über Dich Gottes Segen.«
Schwer seufzte auf der blasse Mann,
Daß mir das Blut in den Adern gerann.
Und als er oben am Borde stand,
Hat er sich noch einmal umgewandt,
Und als er es sah grau, todt und leer
Da seufzt' er noch einmal und dann nie mehr.

Richardsons Grandison.

 

Die Schenkstube war leer geworden. Noch hörte man den Hufschlag der Reiter, und das Rasseln der Wagen als die Hausgenossen schon aus ihren Verstecken hervorkamen um die Spuren des Unwesens wegzuräumen. Sandy trat zur Tochter, welche mit Sorgfalt den unsaubern Tisch, an dem Middletown gesessen, scheuerte:

»Was strengst Du die Kräfte an, Marie, den Flecken zu säubern, der doch eitel Staub und Wasser ist, das vergeht und trocknet wenn der Wind kommt. Aber an diesem Stuhl scheine und reibe und Du wirst ihn nicht rein bekommen, da der Antichrist darauf gesessen.«

Robert Fletcher konnte, trotz allem Ernst des Vorganges und im Eifer des Alten, seine scherzhafte Ansicht nicht unterdrücken: »An Eurer Stelle, Sandy, stellte ich den Stuhl von nun an auf einen Ehrenplatz im Winkel und auf dem Schilde draußen löschte ich das protestantische England aus und schriebe dafür Stuhl des Herzogs von York. Die Geschichte wird bekannt, und Ihr werdet dafür ein reicher Mann.«

»Lieber wollte ich,« rief der Wirth voll Zorn, »wie Hiob am Wege liegen und verschmachten, als die Frucht essen von der Saat der Ungerechtigkeit. Wenn mein eignes Kind sich hätte hingestreckt vor dem, der das goldne Kalb anbetet, mit meinen eignen Händen hätte ich es dem Herrn können opfern, und den Stuhl sollte ich bewahren und ausstellen zum Angedenken an Israels Schmach und den Sieg der Babylonier? Ich stand am Kamin und zitterte und sah das Beil im Winkel an, und das Haupt des Sissera. Wäre da der Geist in mir aufgegangen, ich hätte seine Trabanten, seine Jesuiten und seine Hunde, die alle genährt werden mit dem Blute aus des Herren Volke, nicht gescheut, und wäre geworden was Jael ist in Israel, aber – die Cedern rauschten nicht über meinem Haupte.«

Robert wollte Abschied nehmen, als die Thür sich öffnete und zwei Fischer einen Mann mit verstörtem Wesen, herabhängenden nassen Haaren und triefenden Kleidern hereinführten. Auf den ersten Anblick erkannte man einen Schiffbrüchigen, und während er unfähig zu sprechen, am Feuer auf eine Bank gesetzt wurde, unterrichteten seine Begleiter die Anwesenden, wie sie ihn unter den ans Ufer getriebenen Leichen halb lebend aufgefunden hatten. Trotz aller Entstellung und den über das Gesicht schlaff herabhängenden Haaren, erkannte man, daß der junge, schön gewachsene Mann einem höhern Stande angehöre. Robert war es unmöglich, jetzt die Schenke zu verlassen, um so mehr, als der Gerettete, nachdem ihm die Kleider ausgezogen waren, wieder zum Bewußtsein kam. Etwas Gebieterisches zeigte sich in seinen ersten Bewegungen und mit einer seltenen Kraft des Willens schien er die mangelnden Körperkräfte ersetzen zu wollen.

Er raffte sich auf, versicherte seinem Prinzen nacheilen zu müssen und machte einige Anstrengung im Zimmer auf und ab zu gehen. Die Kraft versagte ihm, doch wollte er nichts von Beistand wissen und forderte nur einen Becher Wein, der jene ihm wiederbringen würde. An Jacobs Stuhl, der noch immer unberührt in der Mitte stand, sich lehnend, strich er das Haar zurück und trank. Aber die Schwäche überkam ihn, das Glas entfiel der Hand, und er sank, von Roberts Arm aufgefangen, in den Lehnstuhl.

»Da sieht man,« murmelte Sandy, »das Blut der Sündigen und Verstockten läßt nicht von einander, denn schau Marie, wie Herr Fletcher ihn ans Herz drückt, als wären es Blutsverwandte.«

»Es mögen Freunde sein,« entgegnete leise Marie.

»Freunde des Hochmuths und der Sünde, Freunde in der Feindschaft gegen die Heiligen.«

Der Schiffbrüchige schlug wieder die Augen auf, sein erster Blick fiel auf Roberts übergebeugten Kopf, und sein erstes Wort war: »Robert Fletcher!« Robert antwortete » Raleigh!« Beide betrachteten sich noch einen Augenblick schweigend; dann, als habe er durch den Anblick des Freundes neue Kraft gewonnen, sprang Raleigh auf, stand in wenigen Momenten frisch und kräftig da, als wäre gar nichts vorgefallen und schüttelte des Freundes Hand: »Willkommen Robert in England.« »Willkommen Raleigh unter den Lebendigen! Aber ist es Raleigh oder sein Schatten, der blühende lockige Raleigh, nach dem die Schönen an's Fenster traten, wenn er vorüber trabte? Der melancholische Zug, der dem Apollo einen eigenen Reiz gab, ist fürchterlich über das ganze Gesicht gezogen. Mensch, hat das der eine Seesturm gethan?«

Raleigh starrte vor sich hin: »Wir sind beide um drei Jahr älter geworden, seit wir uns nicht sahen. Drei Jahre wirken viel, zumal in einer Zeit wie diese, um alle die Jugendträume schwinden zu machen, und das setzt Falten, wenn nichts schlimmeres.«

»Aber jetzt setze Dich selbst,« drang Robert in den Ermatteten und sorgte für alles zu seiner Pflege dienliche. »Du darfst nicht fort, ich betheure es Dir und sollte ich die Kraft des Stärkeren brauchen, deren Dasein Du mir doch heute einräumst, da ich nicht ins Wasser gefallen.«

Raleigh betheuerte fort zu müssen, da ihn der Herzog erwarte. Diese Erinnerung goß aber nur Oel in Roberts flammenden Eifer.

»Jenem Herzoge nach, der meinen Raleigh ruhig ertrinken ließ, indessen er seine Priester und Hunde wärmte? – Heiliger Gott, wie war es möglich, daß sie Dich zurück ließen? Wäre ich es gewesen, gut, es hätte dem Sohne des Republikaners gegolten, aber Dich, die Blume der loyalen Ritterschaft, einen Cavalier ohne Furcht und Tadel, aus einem Hause, das den Stuarts über das Meer in die Verbannung folgte, das einen Papisten ausroch, und die Puritaner immer haßte.« –

»Doch, doch!« sagte der Gerettete.

»Immerhin, Raleigh! Aber erst drei Becher Glühwein, ein trockenes Hemde, trockene Stiefeln, dabei ein Pferd und das Herz dem Freunde ausgeschüttet. Alsdann magst Du dem Leibhaftigen selbst in Carriere nachreiten, wenn Dich durchaus danach gelüstet.«

Robert zeigte, daß es ihm Ernst sei. Raleigh ließ sich in einem Zustande stummen Starrsinns, was jener verordnete, gefallen, ja lächelte sogar über Roberts muntere Aeußerungen. Als dieser ihn in den Bettverschlag geführt, wo der Schiffbrüchige einige Stunden nach seiner Anordnung ausruhen sollte, drückte er ihn mit Heftigkeit an die Brust, ein leidenschaftliches Benehmen, welches Robert an dem tieffühlenden aber in Glück und Leid gleich verschlossenen Freunde völlig fremd war.

»Bewahre Dir der Himmel Deinen Frohsinn!« sagte er, ein Wunsch, der für den Ritter ein überflüssiger zu sein schien, denn als er den Ermatteten eingeschlossen, wandte er sich mit aller Lust so laut es seine Absicht, ihm den Schlaf zu gönnen, erlaubte, zu den Hausgenossen zurück. Marie mußte aufs neue wärmende Getränke bereiten, Sandy ein Pferd auftreiben und er selbst theilte den Inhalt seines Mantelsacks an Kleidern und Wäsche, um mit der Hälfte dem Schiffbrüchigen auszuhelfen.

»Nicht mir verdrossen,« rief er dem Wirthe zu, »das Pferd für den besten Ritter in England gezäumt! Obgleich ein Royalist, Tory, Dragoner und sogar ein Hochkirchler, wie Einer, hat meinen Freund doch das bischen Salzwasser heute zu einem Kopfhänger gestempelt, als wäre er in Euren Moorheiden getauft worden. Aber glaube mir, Sandy, treibt dem Ritter weder der Wein das Salzwasser, noch der Ritt die Grillen aus, meine ich, Du hast ihn mit Psalmen oder mit dem Klepper behext, und kehre zu Dir wieder, um Dich vor des Königs Gericht zu fordern.«

»Ihr werdet zu mir wiederkehren,« entgegnete Sandy mit dem prophetischen Tone, dessen sich seine Glaubensgenossen bei jeder Versicherung so gern bedienten, um ihnen den Anschein höherer Eingebung zu leihen. – »Ihr werdet wieder zu mir kehren, wenn es der Herr gebeut, und ich lade Euch vor das Gericht des Königs der Könige, wenn Ihr gefallen seid auf dem Wege der Spötter und hülflos daliegt, von den Gottlosen verlassen.«

Es war kaum eine Stunde vergangen, als der junge Mann, für den das ganze Haus, auf Roberts Drängen, thätig war, wieder heraustrat. Er beschleunigte den Abschied von der Schenke, worin ihm auch der letztere nicht im Wege stand, da Robert im Zwiegespräch auf der Heerstraße Eröffnungen vom Freunde erwartete, welche die Gegenwart der Zeugen im Wirthshause zurückhielt. Beide waren schon eine geraume Strecke in der Niederung fortgeritten, ohne daß Robert, so begierig er war, Nachrichten aus dem Vaterlande, das er so lange nicht gesehen, aus Freundes Munde einzuziehen, eine Frage gewagt hatte. Raleighs Ernst schien ihm so heiliger Art, die Stunde des Wiedersehens so bedeutend, daß alles was er hätte sagen können, ihm zu unbedeutend vorkam. Darum zögerte er, von Raleighs Seite die Anknüpfung des Gesprächs erwartend. Als dieser aber fortwährend schwieg und die Brust ihn preßte, begann er mit einer Frage, die ihm so gleichgültig klang, daß er erschrak, als er sie ausgesprochen hörte.

»Warum sahst Du die kleine Presbyterianerin mit so feierlich teilnehmenden Blicken an, und drücktest ihr beim Abschied ein Goldstück in die Hand? Etwa eine Bekanntschaft aus alter Zeit?« Raleigh erwachte aus seinen Träumen, ohne daß des Freundes schelmisches Lächeln, in ihm ein ähnliches Gefühl erregt hätte.

»Eine Presbyterianerin? – aus Schottland?« rief er, und setzte, als der andere dies mit dem Bemerken bejaht hatte, daß der Vater, um den dortigen Verfolgungen zu entgehen, vor zwei Jahren nach England gekommen, hinzu: »dann täuschte mich die Aehnlichkeit nicht. Es war das Mädchen, was ich vor drei Jahren dort rettete.«

»Du warst in Schottland?« – fragte Robert.

»Drei Jahre lang, unter den Dragonern des Herzogs. Dort wurde das weiche Herz hart, und ich verlernte das Weinen beim Anblick von Elend. Meine Leute hatten drei Frauen bei einem nächtlichen Conventikel ergriffen und schleppten die armen Wesen kalt und starr aus Ermattung vor des unbarmherzigen Major Winram Dragonergericht. ›Wollt Ihr dem Covenant entsagen? War der Todtschlag des Erzbischofs von St. Andrews Mord?‹ schnaubte er ihnen entgegen und die armen halb wahnsinnigen Wesen mochten vor Schrecken nicht antworten. Da ließ er, es war Ebbe, und wir standen in der Nähe des Firth von Forth, drei Pfähle in den nassen Sand rammen, an den äußersten die älteste binden, ein Weib von fünf und sechszig Jahren, an den Mittlern ein Mädchen von achtzehn, vorn ein dreizehnjähriges Kind. Die Fluth wogte mit dem Abend heran und der Barbar trabte am Strande umher. ›Noch ist es Zeit,‹ schrie er der Alten zu – ›rufe: Gott erhalte den König!‹ als die Wellen schon ihre Knie umspülten. Sie rief es nicht und sang Psalmen, bis sie erstickte von dem Wasser, das über ihren Scheitel zusammenrauschte.«

»Und Du, und Du?« rief Robert.

»Ich war herangesprengt, hatte mit aller Kraft der Rede den völlig Trunkenen beschworen und nichts bewirkt als Spott und die Freilassung des Kindes, das ich in des Wirths Tochter wieder erkannte.«

»Was wurde aus dem Mädchen?«

»Sie sang mit der Alten. Als aber deren Psalm hinter ihr verstummte, überkam die Erbarmungswürdige Todesangst. Sie rief: Es lebe der König! und mit Lebensgefahr sprengten zwei Dragoner in die Fluth und banden sie los, als schon die steigende Fluth ihren Gürtel berührte, auf dem Lande kam sie aber die Reue an, und wie ich erfahren, hat man sie dann sogleich mit einem Stein ersäuft.«

»Heiliger Gott!« rief Robert und barg die Entrüstung in einem gellenden Pfeifen. »Ich hätte den Hund niedergehauen.«

»Du mußt wenig von uns in Schottland gehört haben,« fuhr Raleigh mit der gelassenen Ruhe fort, welche nur den innewohnenden Schmerz übertäubte, »wenn Du den armen Major Winram der nichts that, als was ihm geboten worden, so verdammen willst. Hättest Du die Hunde gesehen, losgelassen auf die Unglücklichen, die trunkenen Richter und Henker in einer Person, gesehen, wie jeder Dragoner den Armseeligen, der einen Flüchtigen bei sich aufnahm, niederschießen konnte, wie sie zu Dutzenden, die Whigs, gleich Laternen, an die Bäume hingen und dazu die Folterbänke, auf denen die Wahnsinnigen geröstet und zerquetscht wurden, ihren Glauben abzuschwören, da hörte man sie oft den Tod wünschen, und der kühle Tod in den Wellen wäre auch nicht der schlimmste, aus diesem Elend hinauszukommen.«

»Sie wollten Dich auch ersaufen auf dem Glocester?« fiel Robert hastig ein, »etwa weil Du nicht rufen mochtest: ›Es lebe der König!‹«

Beide waren auf eine Strandhöhe gelangt, wo sie vom Meere sich trennten, Raleigh schwieg, aber seine zusammengepreßten Augenbraunen, die Thräne, welche sich, der Anstrengung sie zu unterdrücken ungeachtet, hervordrängte, der Blick auf das Meer und die Bewegung sprachen statt seiner:

»Dort birgt die Welle, wo sie sich schäumend an dem Riff bricht, einen Auftritt, fürchterlich und erhebend. Das Bild wird mit unverlöschten Farben noch im blinden Alter vor mir stehn. Es war kein geringer Verlust für England, auch mein Oheim, Robert, war auf dem Schiffe.« –

»Sir Philipp Loscelyne?« sagte Robert. »Warfen sie ihn aus der Schaluppe, und als er sich schwimmend festklammern wollte, stießen sie ihn da zurück und hieben ihn auf die Hände, um Hunde und Priester warm zu betten?«

Raleigh hatte, den Blick auf die bezeichnete Stelle im Meere unverwandt richtend, wenig von der heftigen Rede des Freundes vernommen. Er fuhr in ruhigem Tone fort:

»Als die erste Todtenblässe des Schreckens dem Verlangen nach Rettung gewichen war, als die Ordnung aufgehört hatte, und nur der Trieb zu leben, regierte, drängte sich der Greis auf das Verdeck. Halb krank, – die alten Wunden schmerzten ihn – rief er den Geist des alten Commandeurs noch einmal zurück. Gebieterisch hielt er die rohe Menge ab, sich in die übervolle Schaluppe zu stürzen und als die Kähne nun absegelten, als die Gewißheit mit jedem Momente stieg, daß wir rettungslos verloren waren, als wir die Vielen, die vergebens den Böten zugeschwommen waren, mit den Wellen im Todeskampf erblickten.« –

»Ich hätte eine Büchse auf die Feigen abgedrückt die Euch im Stiche ließen,« unterbrach ihn Robert.

»Du hättest ihn sehn sollen,« sagte Raleigh und sein Auge funkelte, »wie er dastand, eine Ruine aus besserer Zeit, die kleine Gestalt, gebeugt vom Alter, die wenigen grauen Locken ein Spiel der Winde, aber in den Augen flammte noch einmal der alte Heldengeist auf. Starr verfolgte er mit den Blicken den Kahn des Herzogs, indessen das zu Thieren ringsum gewordene Volk die Fässer zerschlug, sich wälzte, murrte, jauchzte. Jetzt sah man die Schaluppe am Strande, den Herzog auf festem Boden, und die dem Tode Geweihten fluchten und verwünschten den Tag. Aber Loscelyne erhob sich, und mit donnernder Stimme rief er Matrosen und Soldaten. › So dürfen wir nicht untergehen,‹ sagte er zu mir, ›im Augenblick, wo der Himmel einen Stuart gerettet hat.‹ – Die Matrosen drängten heran, zuerst vom dumpfen Trieb der Neugier gelockt, Einen zu hören, der in solchem Augenblicke noch an anderes als sich denken konnte, dann gefesselt von der Macht der Rede. Wenige Worte, aber goldne, sprach der Greis von der Seligkeit der Treue, von der Seligkeit des Todes für seinen Fürsten. Er beschwor den Tag bei Worcester, wo er an der Spitze der Cavaliere sich in den gewissen Tod stürzte, er mahlte das Exil jenseits der Seen, Englands Glorie unter seinen alten Königen. Immer mehr verklärte sich das Gesicht, als er vom Stolz verkannter Treue, von der Belohnung sprach, seinem Fürsten zu dienen, auch wenn man voraus weiß, der Dienst werde nur bittere Früchte tragen. Die rohen Buben wurden fortgerissen, die Trunkenen noch einmal trunken von einem Gedanken. Da schwenkte der alte Cavalier seinen Hut und schleuderte ihn in die Höhe: ›Es lebe der König! Es lebe das Haus Stuart!‹ Hundert Stimmen wiederholten den Ruf, die Mützen flogen in die Luft und als der Stoß kam, der dem Wrack den Rest gab, war Klage und Tod schon überwunden.«

»Und Dein Oheim Loscelyne? – der alte Ritter?« fragte Robert nach einer der stillen Erinnerung geweihten Pause.

»Als ich eben ein Bret erfaßt, sah ich, wie ein Balken den grauen Scheitel zerschmetterte.«

»Friede mit seiner Seele! die Stuarts belohnen ja ihre Treuen nicht besser. – Und Du mein Raleigh? – Gütiger Himmel, Philipp Loscelynes letzter Enkel starb in Paris. Wär' es möglich? Aus dem Ritter seines Schwertes, aus dem tugendreichen, aber güterarmen Raleigh wäre der Erbe des Loscelynes geworden. So bist Du Herr von Avalon?«

»Ich glaube, nur Gewalt könnte mir das Erbrecht entreißen.«

»Victoria denn!« jubelte Robert, seinen Rappen tummelnd. »Vergieb mir, werthester Freund, daß ich nicht so entsetzlich betrübt sein kann über den Tod des alten Herrn, der doch einmal sterben mußte, und lange hatte umher suchen können, ohne einen so prächtig loyalen Tod, der Aufsehn in der Welt machen wird, zu finden. Meinen Raleigh reich und mächtig als Herrn von Avalon zu begrüßen, das ist der fröhlichste Eintritt in Alt-England.«

»Auch ich« erwiederte Raleigh, »bin nicht undankbar gegen den Glücksfall, da die Erbschaft mir den Vorwand leiht, mich zurück zu ziehen.«

»Vom Hof oder von der Armee?«

»Von beiden. Diese Politik, die eine heilige, gerechte Sache unterstützen soll, ekelt mich an, weil sie die Sache entehrt, und alle die großen Maasregeln für das Königthum, behangen mit diesen schlechten Gründen, mit dem Scheine der Heuchelei, mit dem Trotz der Willkür, wie die Künste eines Taschenspielers erscheinen läßt.«

»Das klingt übel aus dem Munde eines Royalisten, eines Loscelyne von Avalon.«

»Du warst im Ausland, Robert, und doch wird auch da hinüber die Klage erklungen sein, von den feilen Richterstühlen, von dem blinden Verfolgungsgeist, wie der königliche Argyle, weil er mächtig, zum Tode, die Tochter, weil sie den Vater in ihren Kleidern durchhalf, zur Peitsche verurtheilt ward. Noch Freund, sind es Schrammen, die mehr kitzeln als schmerzen, aber wenn diese Unterdrückungen dauern, wenn der Geist der Freiheit, dort in dumpfen Fanatismus, hier im Sectionsgeist ausathmet, und kein milder, versöhnender Arzt tritt auf, dann werden es Wunden die Verblutung drohen.«

Robert war abermals eine Weile schweigend an des Freundes Seite fortgeritten, nicht ohne lebhaften Antheil zu verrathen: »Ich habe von dem edlen Argyle gehört, Raleigh, aber es war mein Vorsatz, alle die bösen Gedanken mir aus dem Sinn zu schlagen, die das Herzblut eines Menschen, der heißes hat, ins Sieden bringen. Man warf mir am Rheine vor, ich wäre ein Raufbold, der kein schlimmes Wort ungerochen hingehen läßt, doch ich that das Gelübde, als ich die weißen Küsten des Vaterlands erblickte, so vernünftig zu werden, daß ich mir die Ohren verstopfte, und den Ingrimm herunterschluckte. Allein, wenn Du meinst, es sei an der Zeit gegen den Despotismus das Schwert zu ziehn, so weißt Du, Fletcher von Saltons Sohn kann nichts dagegen haben.«

Er klopfte an seinen Degengriff; Raleigh lächelte.

»Meinst Du, wir Beide, die heut gleich ein Paar irrenden Rittern heimkehren, sollten sogleich ein neues Abenteuer beginnen und Ritter der Freiheit werden, so vergötterte Männer des Volkes, denen sie die Pferde ausspannen, und um deren Namen sie die Mützen in die Wolken schleudern. – Bester Freund, die Zeiten sind sogar vorüber, wo die Republikaner für ihre Sache das Schwert zogen. Heut gilt es für die Freiheit Complotte aussinnen und falsche Zeugen dingen. Kannst Du intriguiren wie Shaftsbury, sonst bleibe daheim.«

»Ich sagte es für den Fall, wenn es gilt,« erwiederte Robert, »und wiederhole, daß ich ein friedfertiger Mann bleiben will, aber wenn es zum Aufstand bläst, den Degen Fletcher von Saltons führe.«

»Ich,« sagte der Freund, in den vorigen Ernst zurückfallend, »führe den der Loscelyne von Avalon, der nie anders als für Englands Könige gezückt ward, und es bleiben soll, so lange ein Loscelyne lebt, und es Könige in England giebt.«

»Meinethalben!« rief Robert aus, als der erste Nachklang von Raleighs Rede verhallt war. »Quäker, Wiedertäufer, Puritaner und andere bibelfeste Leute sollen nicht das Regiment führen, und wenn es keinen vernünftigen Mittelschlag giebt, mögen, des Herrn von Avalon und meines Freundes Raleigh halber, seine Stuarts regieren, von denen es heißt, sie wären im Unglück so vernünftig, als toll im Glück. Der Himmel sei gepriesen, mein Glück hängt nicht von ihnen ab.«

»Wir waren Thoren,« sagte der Erbe der Loscelynes, »die köstlichen Stunden des ersten Wiedersehens mit Klagen zu verschwenden. Dort trennt sich schon unser Weg und noch habe ich nichts von Roberts Aussichten erfahren.«

Robert richtete sich im Steigbügel auf und warf einen so frohen Blick umher, als seien die Ländereien, die er überschaute sein neues Eigenthum. »Mein Glück, Freund Raleigh, blühet, wenngleich von einer andern Seite, als Deines. Mein Vater hat mir zwar nichts hinterlassen, als seinen Ruhm und den bewußten Degen, von dem ich übrigens gar nicht mehr sprechen mag, um nicht als ruhmredig verschrieen zu werden. Aber ich dürfte mir nächstens beim Wappenstecher ein Petschaft bestellen, wo das Wappen der Fletcher um einige Felder erweitert wäre. Was meinst Du zu einer reichen Heirath?«

»Bist Du deshalb nach England verschrieben?«

»Es möchte etwas richtiges in dem Ausdruck liegen,« entgegnete Fletcher auflachend, wobei eine leichte Röthe seine Züge überflog, »gewiß ich bin verschrieben. Da das Herz mitzog, so wurde der Wechsel bestens acceptirt, und der schlechte Reiterwamms möchte sich nächstens in ein Brautkleid umwandeln. – Du siehst mich so merkwürdig an, meinst Du etwa, es sei zu früh, daß der wilde Kriegsmann sich in das Joch der Ehe spannt? – Was sagst Du aber, wenn es eine Liebe wäre, älter als unsere Freundschaft, ja als unsere Bekanntschaft. – Sahst Du nie des alten William Tennison schwarzäugige Tochter? – Sie wird mein –«

» Miß Anna Tennison?« – sagte Raleigh nachdenkend.

» Gerade dieselbige, Freund Raleigh, wie der Wälische Pfarrer Evan sagt, und Du siehst in mir den glückseligsten Mann, oder vielmehr Bräutigam.« –

»Ist das so ganz gewiß – bist Du von den Tennisons ganz überzeugt?«

»Quäle Dich nicht mit Zweifeln,« unterbrach ihn Robert, »ich trage es schriftlich in der Tasche.«

»Ich will Dich nicht mit Zweifeln quälen. Glück auf, wir sehn uns in London wieder, Glück auf Robert Fletcher! Wir bedürfen beide des Glückes.«

Er drückte ihm die Hand, und hatte den Rücken gewandt, ehe Robert bemerkt, daß sie an einen Scheideweg gekommen. Verwundert blickte er dem eilig Fortsprengenden nach, der eine schmerzliche Rührung, wie es schien durch die letzten Worte angeregt, im plötzlichen Abschied verbergen wollte, auch Robert ritt davon, nicht ohne sich von Zeit zu Zeit nach dem Freunde umzublicken. Er sah wie Raleigh das nämliche that. Es schien, als drücke ihn etwas, das er dem Freunde noch mittheilen möchte, aber es war zu spät. Mit jedem Schritte trennte sie ein doppelt großer Raum und jeder ging für sich seinem Schicksal entgegen.

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