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Schloß Avalon. Erster Band

Willibald Alexis: Schloß Avalon. Erster Band - Kapitel 4
Quellenangabe
authorWillibald Alexis
titleSchloß Avalon. Erster Band
publisherF. A. Brockhaus
year1827
pages302
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
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Zweites Capitel.

Plötzlich zerriß ein schreckenvoller Schrei,
Der aus dem Meer aufstieg, der Lüfte Stille,
Und schwer aufseufzend aus der Erde Schos?
Antwortet eine fürchterliche Stimme
Dem grausenvollen Schrei. – Es trat uns Allen
Eiskalt bis an das Herz heran. Aufhorchten
Die Rosse und es sträubt sich ihre Mähne,
Indem erhebt sich auf der flüchtgen Ebne
Mit großen Wellen hoch ein Wasserberg,
Die Woge naht sich, öffnet sich und speit
Vor unserm Auge in den Fluthen Schaums
Ein wüthend Unthier aus –

Racine. Phädra.

 

Wir haben erfahren, daß der junge Robert Fletcher der Wirthstochter einen herzhaften Kuß zum Abschiede geben wollen, daß der presbyterianische Sinn des Mädchens sich aber gegen diese Zumuthung sträubte. Wie Herbst und Frühling zu einander passen, waren die Zeiten der finstersten Sittenstrenge und der ausgelassensten Lüsternheit aufeinander gefolgt. Wer unter der vorigen Herrschaft der presbyterianischen Republikaner ein tugendhafter Mann gewesen, glaubte mit der restaurirten Monarchie alles, was er an Vergnügungen in der langen Zeit entbehrte, jetzt nachholen zu müssen. Liederliches Leben galt für das Zeichen eines guten Royalisten und die Sittlichkeit, vormals eine versöhnende Begleiterin des Fanatismus, war jetzt als seine Mitschuldige geächtet.

Robert Fletcher war weder Puritaner gewesen, noch gehörte er jetzt zu ihren vom Glücke begünstigten Verfolgern. Aber auferzogen unter den strengen Lehren der harten Männer hatte der muthige Knabe eher Abneigung als Liebe für sie empfangen, und übte gern, sobald er zur Freiheit gelangt war, kecken Trotz gegen die trüben Regeln aus, welche den Frohsinn seiner Jugend so oft gestört hatten. Die Neigung lockte ihn selten, den ausgelaßnen Zechgelagen beizuwohnen, in denen man alles für sittlich hielt, was der Witz erfinden konnte, allein der Uebermuth trieb ihn häufig, vor den strengen Presbyterianern verwandte Grundsätze zur Schau zu tragen. Deshalb war sein Dringen um so ernstlicher als Mariens Widerstreben stärker wurde, und der puritanische Vater drinnen ihn ermüdet hatte.

»Allerliebstes Mädchen, Deine Lippen sind zu einladend; einen Bräutigam hast Du nicht, wie Du mir verrathen; daher bei meinem Cavalierwort, ich besteige nicht eher mein Roß, bis ich einen Kuß erhalten.«

»Wir sind Presbyterianer, Herr Ritter, und gehören nicht zu der sündigen neuen Zeit. Mein Vater, wenn er es sieht« –

»So heb' ich Dich, mein Kind aufs Roß, und wir reiten, gleich einem Liebespaar aus der alten Zeit über Moor und Berg.«

Schon glaubte Robert, als das Mädchen den Kopf ihm zuwandte und aus den Augen ein schelmischer Blick auf ihn fiel, der puritanische Sinn sei dem ritterlichen Geiste gewichen, aber wenige Worte aus dem losen Munde brachten eine ganz entgegengesetzte Wirkung hervor:

»Nicht zu Miß Annen, Eurer Braut, Sir Robert?«

Robert ließ das Mädchen fahren. »Weiß denn hier jede Creatur wer ich bin?« sagte er in einem Tone, der Scherz bedeuten sollte, aus dem aber der Ernst herausklang. »Ich könnte Wunders denken, welch ein verwünschter Prinz in des armen William Fletcher von Salton armen Sohne verborgen steckt, daß ihn jedermann erkennt, wie lange er auch aus England fort war! – Gott zum Gruß denn, liebes Mädchen; und wenn Du auch eine Zauberin bist, doppelt mit Deinen Augen und mit Deinem Wissen, will ich nicht Dein Angeber werden.«

Er streichelte den Hals seines bei der Liebesscene ungeduldig gewordenen Rappen und schwang sich in den Sattel. Marie erinnerte ihn verstohlen an sein gegebenes Cavalierwort und ein unbefangener Beobachter hätte an ihrem Ton bemerkt, wie das Mädchen jetzt nicht so strenge gegen den Ritter würde gewesen sein. Sie stellte sich am aufgerissenen Thorflügel, wo Ritter und Rappe so dicht vorüber mußten, daß Fletcher nur den Kopf herunter zu beugen brauchte, um die Purpurlippen der Puritanerin zu berühren. Aber er ritt fest und gerade vorüber, zog ehrfurchtsvoll den Federhut ab, und war schon eine Weile fortgeritten, als ihn erst das Zuschlagen des Thores an das Mädchen erinnerte.

»Ich habe mein Cavalierwort gebrochen,« rief er ihr lächelnd zurück. »Du trägst die Schuld, wenn das Meer ein Ungeheuer ausspeit, um den meineidigen Ritter zu strafen.«

»Auf dem Wege, Herr Ritter,« rief Marie ihm nach, »kehrt Ihr selbst zum Meere zurück. Hinter dem Hügel und dem Nebel, liegt die offene See.«

Robert hatte eine Strandhöhe erstiegen und sah wirklich das Meer zu seinen Füßen, wie es der vor dem mächtiger werdenden Winde zerfließende Nebel allmälig enthüllte.

»Gütiger Himmel!« rief er, »da ist ja schon das Ungeheuer, von dem ich eben fabelte. So nahe am Strande die ungeheure Masse – das kann kein Schiff sein; es ist Neptuns Ungeheuer, das auf Theseus Gebot aus dem Meere steigt, um den Sohn Hypolit zu verschlingen, wie das in Monsieur Jean Racines Tragödie in Paris mit großer Seelenruhe declamirt wird, während der Vater sich das Haar ausreißt. – Bei Gott ein Dreimaster und ein verlorner.«

Ohne länger an den Dreimaster oder Theramens Erzählung zu denken, setzte Robert die Spornen in seinen Rappen, daß der feuchte Ufersand baumhoch hinter ihm in die Luft flog. Der vom Winde gewehte Meeresschaum flog um den Reiter und sein Pferd, und die Welle sprützte an den Schenkeln des muthigen Thieres. Gern wäre er weiter gedrungen, um dem vor seinen Augen sinkenden Schiffe Rettung zu bringen, aber der Wille fruchtete nichts gegen das mächtigere Element! Es war ein schönes großes Schiff, mit Englands königlicher Flagge, das kaum zwei Büchsenschüsse vom Ufer auf einen Riff getrieben mit den Wellen kämpfte. Der Wind trug das Angstgeschrei der Unglücklichen herüber. Fletcher sprengte verzweiflungsvoll am Strande entlang, aber es war eine öde Küste, mit wenigen Fischerhütten, und Sandy's Haus fast die nächste Wohnung. Er ließ sein weißes Tuch hoch in die Luft wehen, es konnte den Schiffbrüchigen wenigstens die Hoffnung verlängern, wenn er auch wußte, das es eine trügerische war.

Indessen hatte sein Hülfsruf oder eigene Wahrnehmung eine Anzahl Zuschauer herbeigezogen. Man arbeitete, zwei Fischerkähne flott zu machen, doch mit wenig Hoffnung, da die See hoch ging, auch das Schiff, bis sie es erreichte, mußte gesunken sein. Wer darauf achtete, konnte die Aeußerungen, wild durcheinander, vernehmen:

»Unbegreiflich, wie die Fregatte hierher gerathen!« – »Im Nebel ist sie durch die Sandbänke gefahren, wo noch kein Schiff entkommen.« – »Sie kommt von Schottland!« – »Wie sollte sie der Wind bis in unsere Wasser getrieben haben?« – »Für den Kopf des Capitains gebe ich nicht einen Schilling. Er hat das Leben vor der Admiralität verwirkt.« – »Vor der ist er sicher, es kommt keine Maus davon.« – »Doch doch, sie haben die Schaluppe los gemacht. – »Seht welch ein Schauspiel!«

Noch trieb Nebel und Regengewölk vorüber, und die hohe See verbarg häufig den auf keinem hohen Standpunkte stehenden Zuschauern das gestrandete Schiff. Wenn man es aber sah, ließ sich der immer gefährlicher werdende Zustand desselben nicht verkennen. Ein Schauspiel furchtbarer Art bot sich Roberts Auge dar. Auf dem Verdeck des Schiffes drängte sich die Mannschaft mit allen Zeichen um Hülfe flehend, während die Strickleitern zur Schaluppe von der Menge Aller, welche in der Hast ihre Flucht suchten, beschwert wurden. Er sah durch das Fernrohr seines Nachbars und bemerkte, wie alles zurückgestoßen wurde, um einem Manne Platz zu machen, vor dem sich selbst das rohe Schiffsvolk in diesem Augenblicke der Gefahr ehrfurchtsvoll beugte. Der Mann, ein Stern glänzte auf dem Oberrocke, hatte jetzt die Schaluppe erreicht, aber sie war schon halb besetzt. Man winkte, schrie, fluchte, drohte von oben. Die Wellen gingen höher und man glaubte die Schaluppe sei verschlungen; im nächsten Augenblicke kam sie wieder zum Vorschein. Der Mann mit dem Stern und mehrere Männer mit Federhüten befanden sich darin, während man andere ringsum mit den Wellen kämpfen sah. Die Ruderer arbeiteten, den Kahn vom sinkenden Schiffe abzustoßen, aber von dort aus erscholl ein fürchterliches Jammergeschrei, das der Wind bis ans Ufer trug. Man schien die Schaluppe noch festhalten zu wollen, während die Aufgenommenen ihre Blicke darauf richteten, schnell das Land zu erreichen. Ein noch lauterer Schrei drang durch die Luft, als man vom Bote aus, die Stricke kappte, und auf der nächsten Welle hoch emporgetragen die befreite Schaluppe dem Strande zu die Spitze kehrte.

Das Geschrei auf dem Schiffe schien einer doppelten Natur, Freude, vielmehr Rausch und Unwillen; man löste noch einige Kanonen, es war der letzte Hülferuf der Unglücklichen. Das Schiff sank immer tiefer und die Schaluppe flog leicht der Küste zu. Noch versuchten einzelne Schwimmer, am Bord sich anklammernd, aufgenommen zu werden. Man stieß sie fort. Gegen andere, welche hartnäckiger auf ihr Recht der Selbsterhaltung bestanden, schwangen sich Säbel, und die Unglücklichen fielen in das Wasser zurück, um von der nächsten Welle verschlungen zu werden.

»Wer Angehörige darunter hätte!« rief Robert aus.

Neben ihm stand der Oberst, der bisher kein Wort geäußert, dafür aber desto eifriger durch das Glas hinausgeschaut hatte: »Es möchte ganz England darauf einen Angehörigen haben, wenn mich mein Auge nicht trügt!«

»Der Himmel stehe uns bei!« rief der Wirth, »wenn nicht die Schaluppe Dragoner aus Schottland trägt.«

»Es riecht papistisch, Sandy, vom Meere her.«

»Das wilde, rothe Gesicht, Oberst, ist Graf Middletown. Was bringen sie aus Schottland her?«

»Vermuthlich den Herzog von York, Jakob, den glorwürdigen Bruder Seiner Majestät König Karls – den Vertheidiger des Glaubens, nota bene des Katholischen – den Thronfolger Englands–«

»Den Mordbrenner von London, den Henkersmann aus Schottland! den Würgengel der Heiligen,« fiel der erhitzte Wirth ein.

»Vielleicht bläst er die Schaluppe um, ob Ichs gleich nicht wünsche« sagte Rumsey leiseren Tons. Sandy fuhr ihn heftiger an:

»Und weshalb fürchtet Ihr Euch, Oberst Rumsey, einen christlichen Wunsch auszusprechen? Werdet Ihr lau? – Wollt Ihr Ischarioths Rolle spielen?«

»Aus keinem andern Grunde, als weil, wenn York umkommt, es mit der Freiheit aus ist. Sobald die Furcht vor dem papistischen Thronfolger verschwunden, läßt sich die Nation von Karl alles gefallen.«

»Von einem heidnischen, atheistischen Könige?«

»Wenn es nur kein papistischer ist. Alles andere verträgt sich in England.«

»Der Herr über Israel wird seine Wunder thun« sagte Sandy, die Hände über einander legend und auf das Meer mit einer Ruhe hinaus schauend, als gelte es der Entscheidung einer gleichgültigen Sache.

Alles Gespräch und alle Bemerkungen wurden durch den lauten Jubelruf von der dem Lande sich nähernden Schaluppe unterbrochen. »Es lebe der Herzog von York!« rief die Mannschaft und schwenkte die Hüte bis auf den einen, dem es galt. Dieser saß steif auf einer Bank, gestützt auf die Schulter seiner Begleiter und blickte starr auf die nahende Küste. »Es lebe der Herzog von York!« wiederholte die am Ufer versammelte Menge den Landenden entgegen, und die Fischer steuerten mit ihren Kähnen auf die Schaluppe, das Landen zu erleichtern. Aber in dem Augenblicke, wo der erlauchte Schiffbrüchige, halb von seinen Begleitern und einigen Fischern durch das flache Strandwasser getragen, mit den Sohlen den nassen Boden betrat, ward Aller Aufmerksamkeit von ihm ab auf das sinkende Schiff gezogen.

Schon drang das Wasser bis zu den Kanonenlöchern, die Mannschaft stand auf dem Verdeck, und was von Matrosen noch Kraft fühlte, war auf die schwankenden Mastbaume geklettert. Sie sahen weit hinaus auf Land und Meer, und nirgends Rettung. Aber sie sahen den Herzog und seine Begleiter gelandet. Mit dem Fernrohr erblickte man, wie sie auf dem Verdeck die Hüte schwangen. Die Matrosen auf den Masten ließen die rothe Flagge wehen, schwenkten ihre Mützen in die Luft, um sie nie wieder zu fangen, und der Jubelruf: »Es lebe der Herzog von York!« tönte vom Wasser gedämpft herüber. Dann rüttelte ein Windstoß an dem geborstenen Schiffe, die Wellen schlugen über das Verdeck, die Masten schüttelten die daran hängenden Matrosen ab; wenig letztes Angstgestöhn drang bis ans Ufer und in einigen Minuten sah man nur noch Trümmer der königlichen Fregatte.

»Brave, loyale Bursche!« sagte der Mann im Sterne, nachdem seine Augen eine Weile auf dem leeren Flecke gehaftet hatten, und wandte sich mit einem befehlenden Blicke nach der Hütte. Wieder auf die beiden gelehnt, welche schon im Kahne den Prinzen unterstützten, und von denen der Eine ein bejahrter Mann, der Andere noch den Jünglingsjahren näher war, schritt er langsam, und ohne sich um die ehrfurchtsvoll zurückweichende Menge zu kümmern, dem Gehöfte zu. Ein peinliches Schweigen herrschte ringsum. Robert, vom Pferde gestiegen, folgte, es am Zaume fassend, der Menge, welche sich hinter dem Prinzen, halb neugierig, halb theilnehmend, drängte. Seine Begleiter, meist stattliche Figuren, deren Anstand, trotz den Spuren des kaum erlittenen Unfalls, eine hohe Geburt bekundete, schienen mit dem Prinzen an gleicher Starrsucht zu leiden.

An der Thüre hielt der Herzog inne, und, wie zur Besinnung kommend, fragte er mit heiserer Stimme: »Ist der Capitain gerettet?«

»Capitain Ayres!« rief der ältere Begleiter, von stolzem Wesen, dessen Gesicht von den Heldenthaten im Flaschenkriege etwas ungemein Wildes erhalten hatte, und dessen ritterlicher Anstand an einer soldatesken Rohheit litt. »Capitain Ayres! Heran, wenn er nicht so klug gewesen zu ertrinken.«

Die Stimme des Rufers war an sich eine rauhe, der Blick der Augen konnte nicht leicht ertragen werden; die Verstörtheit des ganzen Aufzuges, welche dem Grafen Middletown – diesen hatte Sandy in des Herzogs Begleiter erkannt – ein noch furchtbareres Ansehn gab, machte, daß Alles scheu vor ihm zurück wich. Nur Einer der Geretteten schlich langsam mit gesenktem Haupte heran, und stellte sich schweigend vor den Herzog.

»Ob wir ihn aufknüpfen lassen, Königliche Hoheit?« fragte Middletown, mit etwas gedämpfterer Stimme. »Er ist aus Yorkshire, wo die Whigs und Königsmörder zu Hause sind. Er mag die Fregatte mit Willen auf die Sandbänke geführt haben.«

Der Herzog blieb, ohne eine Miene zu verziehen, stehen, bis ein anderer Begleiter bemerkte: »Wären wir in Schottland, wo Eure Königliche Hoheit die Gesetze restaurirt haben, würde ich für die Procedur stimmen, doch hier in England ist der störrige Geist des Parlaments noch nicht so weit entwichen, um vor unangenehmen Nachsuchungen unbesorgt zu sein.«

»Ihr habt recht, Mylord Perth,« sagte der Herzog über die Schwelle tretend, »sorgt daß der Capitain gut bewacht in den nächsten Hafen geschickt wird, und vergeßt nicht den Bericht für die Admiralität.«

Als der Gefangene abgeführt und die Geretteten in die Wirthsstube getreten waren, wurde Robert hinten am Aermel gezupft. Es war sein früherer Begleiter, wieder im Reisemantel, den Hut weit übers Gesicht gezogen. Einige Schritte bis um die Ecke des Zauns, wo Rumsey sein Pferd angebunden hatte, folgte ihm Robert und fragte ihn dann nach seiner Absicht.

»Wegreiten Herr Fletcher! – Wo die Großen in eine Hütte treten, ist es mir immer, als müßte das niedere Dach einbrechen und die erschlagen, welche nicht so groß sind. Wollt Ihr mit?«

»Ich hege keine solche Furcht.«

»Wäret Ihr Eures Vaters ächter Sohn, so duldete es Euch nicht länger als mich in der Nähe eines Stuart.«

»Die Republik ist aus, Oberst Rumsey.«

»Der junge Cavalier will seinen Vater im Grabe beschimpfen. Und seid Ihr auch kein Republikaner, so seid Ihr doch ein Engländer, ein Protestant, ein freier Engländer; das sind drei Dinge, die spornen sollten.«

»Eben darum will ich hier bleiben, und fürchtet nicht, mein ehrenwerther protestantischer Oberst,« setzte Robert lächelnd hinzu, »daß mich die papistische Atmosphäre drinnen anstecken wird. Darin bin ich, wie mein Vater, ein Republikaner, ja sogar ein Independent, daß ich nach Niemandes Pfeife tanzen will, selbst nicht nach der des Oberst Rumsey.«

Dieser hatte indessen sein Pferd bestiegen; von oben sagte er aber noch leise, jedoch mit eindringender Stimme: »Schlagt meine Rede nicht in den Wind, Herr Fletcher, und glaubt nicht alle Leute, die für Englands Freiheiten und Englands protestantische Religion fechten, seien wie jener puritanische Sauertopf. Die Schotten sind der Freiheit nicht werth, weil sie sie nicht zu genießen verstehen. Es giebt noch Männer in England, die Blut und Leben um eine alte Sache wagen, und, seit sie einmal verloren ging, gelernt haben, wie man sich ihrer freuen kann, ohne dabei Psalmen zu singen. Saht Ihr wie York ans Land stieg, den herben Blick, das saure Gesicht? Seine Getreuen ließ er ersaufen und um ihn waren Hunde und papistische Kahlköpfe. Statt Gott für die Rettung zu danken, knirschte er mit den Zähnen, daß es nicht Schottland war, wo er den unschuldigen Capitain hatte an den nächsten Baum knüpfen lassen!« –

»Bemüht Euch nicht das auszumalen,« sagte Robert, »ich habe Alles selbst mit angesehn.«

»So wird Fletcher von Saltons Sohn gesehen haben, daß von solchem Regenten keine Hoffnung für England blüht. Mit Stolz sage ich es, ich bin ein alter Republikaner; werdet auch einer, Herr Robert, und Ihr mögt das neidische Glück, das Euch zum jüngsten Sohne machte, aussöhnen. Auf Wiedersehen, Herr Fletcher; denn daß wir uns wiedersehen, und Ihr kein geduldiges Schaf in England bleibt, sagt mir Euer Gesicht.«

Der Oberst trabte davon, Fletcher aber eilte, da die Wolken einen neuen Regenschauer herangetrieben hatten, in die Schenkstube zurück, wo Mariens Vorsprache ihm einen Platz im Winkel verschaffte, in welchem die Hausgenossen alle Hände voll zu thun hatten mit den Vorbereitungen zur Bewirthung der hohen Gäste. Der Wein wurde in Kesseln zum Glühwein umgewandelt, und auch das Ale mußte, mit Rum vermischt, in irdenen Töpfen ans Feuer, um, wo der Wein nicht ausreichte, die erstarrten Glieder der Seeleute zu erwärmen. Gedankenlos, oder so voller Gedanken, daß die erschlafften Züge sie nicht mehr ausdrücken konnten, saß in der Mitte des Zimmers auf dem besten Stuhle der Herzog. Seine Augen starrten in die Kohlen, und warfen nur selten forschende Blicke auf die Umstehenden. Etwas Schläfriges charakterisirte sein nicht schönes Gesicht, doch schien die Eckigkeit der Züge eine herbe Strenge anzudeuten. Gestalt, Antlitz und das ganze Wesen Jacobs verriethen keinen Mann von ausgezeichnetem Geiste, es sprach sich aber eine Festigkeit darin aus, welche wohl fähig schien, für eine einmal gefaßte Idee alles daran zu setzen, ohne erst die Mittel mit dem Widerstand abzumessen.

Sein Schweigen zwang zum Schweigen, wie auch auf den Gesichtern der meisten Hofleute zu lesen war, daß sie ihrem Unmuth in Witz und Sticheleien gern Luft gelassen hätten.

Namentlich machten sich zwei Gruppen um die beiden hochberühmten und gefürchteten Restauratoren und schottischen Regenten bemerkbar; denn Graf Middletown, der größte Säufer seiner Zeit und der Herzog von Lauderdale, Gestalt und Sitten nach ein Ungeheuer, intriguirten eben so feindlich gegen einander, als sie in Grausamkeiten gegen die schottischen Presbyterianer noch kaum gewetteifert hatten. Dennoch war beider Ansehn schon im Sinken; man sah, daß sie einer vergangenen Zeit angehörten, und der junge Lord Churchill mit dem Glanz aller Lebensfreuden auf der Stirn, aufwärts stieg in der Gunst bei der einen Sonne, um die sich alle diese Gestirne bewegten. Dennoch brach oft der alte Zwist, aufgeregt durch das gebrannte Wasser, das bei Middletown schon den völligen Sieg über das Seewasser davon getragen, aus, und nur Yorks mürrische Blicke konnten die Zänker beschwichtigen.

Eine peinliche Stille herrschte darauf, daß Robert einzelne Worte eines Gesprächs vernehmen konnte, welches nicht weit von ihm leise zwischen zwei Männern geführt wurde, deren Wesen von dem der andern Krieger und Hofleute bedeutend abstach.

Der eine, ein Mann von vierzig Jahren, einfach in einen braunen Oberrock gekleidet, und mit einem schwarzen Käppchen auf dem Kopfe, hatte etwas mildes in seinen Zügen, ohne daß aus ihnen Herzlichkeit sprach. Er spielte den Beobachter, und seinen Blicken schien nichts zu entgehen, aber aus den forschenden Augen leuchtete nicht jener Scharfblick hervor, welcher den selbst schaffenden Geist verräth. Der andere, ein wohlgenährtes kleines Männchen, ähnlich einfach gekleidet, schien sich noch kaum von seinem Schrecken zu erholen. Er saß tiefseufzend auf einem Schemmel und streichelte, während er sprach, den Rücken eines schönen weißen Jagdhundes.

»Sind viele umgekommen, Vater Peter?« fragte er den andern.

Dieser richtete die Blicke gen oben und faltete die Hände vor sich: »Man glaubt bis hundert und funfzig, die alle das Leben für ihren Prinzen ließen.«

»Hundert und funfzig, das ist sehr viel. Die arme Bessy ist noch ganz naß,« seufzte der Wohlgenährte und klopfte das Wasser von dem Rücken des Thieres: »Hundert und funfzig ist viel.«

»Alles aber nur Protestanten,« flüsterte der Milde mit aller Sanftmuth, deren seine Sprache fähig war. Der Kleine erschrack jedoch so darüber, daß er die trägen Blicke nach allen Seiten umherschweifen ließ, ob Niemand die Worte aufgefangen habe. Dann sagte er misbilligend und mit noch leiserer Stimme: »Aber, Vater Peter, denkt Ihr nicht an Colemans Schicksal?«

»Damit ist es vorbei,« lächelte der Milde mit dem vorigen Gleichmuthe. »Seit der König das störrige Oxforder Parlament auseinander jagte, sind Zeugen und Kläger gegen uns verschwunden.«

Hier unterbrach der vornehme Gast das von Niemanden, als Robert, und auch von diesem nur bruchstückweise behorchte Gespräch mit der Frage: »Ist die Bessy gerettet?«

»Ja Euer Hoheit!« entgegnete der Kleine und führte den Hund zum Herzog. »Sie hat sich recht gegrämt, als Euer Hoheit so starr vor sich hinblickten, und das arme Thier, – wollte sagen Euer Hoheit Favoriten – nicht erkennen mochten. Die Kleine schwamm süperbe, als der ungeschlachte Andrews selbst in den Kahn sprang und das Thier zappeln ließ. Wir zogen sie herein, das Thier wollte sich aber erst hier erholen. Ich fürchte, es wird von der Geschichte etwas abbekommen.«

»Wo ist Andrews?« fragte der Herzog.

»Der ist dann ersoffen, Königliche Hoheit.«

Der Herzog schwieg eine Weile, ins Feuer auf dieselbe Weise starrend, wie die ganze Zeit über, dann hörte man im vorigen Tone eine neue Frage: »Ist die Käthe ersoffen, und der Leonard?«

»Nein, Euer Hoheit, sie sind alle herausgezogen. Die Käthe ist nicht einmal naß geworden, ich trug sie in meinen Armen die Leiter herunter. Doch hat sich das arme Thier erstaunlich erschreckt. Ich habe sie draußen in der Scheune untergebracht. Die Bauern müssen sie mit wollenen Decken reiben; sonach wird es sich schon geben. Nur die kleine Jolly hat daran glauben müssen, dem kleinen Dachshund war das Wasser zu salzig, sie hatte ehemals zu viel Zuckerwasser bekommen.«

Der Herzog wehrte den weitern Erguß des treuen Hundewärters mit einer Bewegung der Hand ab, nachdem schon Vater Peter sich ihm besorgt genähert hatte, seinen thörigen Reden Einhalt zu thun. Der Glühwein war zu rechter Zeit fertig geworden, und während die Hunde draußen erwärmt wurden, schritten ihre Gebieter drinnen zu demselben Werke. Middletown ermahnte die Cavaliere ritterlich das Seewasser auszuspülen, und die Höflinge thaten ihm Bescheid, als wären sie im Zelt unter den Bechern auferzogen. Toast's wurden ausgebracht in rascher Steigerung. »Der König!« – »Der Herzog von York!« – »Das Haus Stuart!« – »Eine glorwürdige Nachkommenschaft des Herzogs!« Allgemeines Leben begleitete diese Sprüche. Lauderdale erhob sich hierauf und sprach mit einer Verbeugung gegen den Herzog gewandt: »Ein unterwürfiges Parlament!« Auch hier verriethen nur Wenige durch leises Nachsprechen, daß ihnen der Wunsch zu gewagt scheine. Jetzt aber stand Middleton auf, und donnerte: »Gar kein Parlament!« Jacob, der bisher kaum auf die ausgebrachten Toasts gehört hatte, warf hier einen Blick in die Höhe nach dem Redner, senkte jedoch gleich wieder das Auge, als er bemerkte, in welchem Zustande sich Middletown befand und wie die Hälfte der Anwesenden schwieg. Der Lord ließ sich davon nicht abhalten noch loyalere Sprüche auszubringen, Jacob aber flüsterte zu dem neben ihm stehenden Vater Peter:

»Als hätte die Seeluft die Männer furchtsam gemacht. In Schottland würde das Parlament den Toast begleitet haben; hier verziehn meine getreuesten Lords die Gesichter bei einem loyal gemeinten Wunsche.«

Der Angeredete antwortete nur durch einen tiefen Seufzer und Achselzucken, es dem Herzog überlassend die Trostesworte daraus zu entziffern, welche er für gerathener hielt bei sich zu behalten.

Middletown wüthete indessen fort und fort, ohne daß man im allgemeinen Lärm und unter den wild von allen Seiten ausgebrachten Wünschen, besonders auf die seinigen geachtet hätte. Jacob zog Churchill heran und sagte ihm: »Mit allen Toasts sind sie so freigebig bis auf den einen, der ihnen gar nichts kostete.«

Der Vater Peter, der das Gespräch mit angehört hatte, senkte den Blick, und murmelte, es sei zu früh. Auch Churchill sah man die Verlegenheit an, dann aber, wie sich plötzlich besinnend, ergriff er ein Glas, hob es hoch in die Höhe und rief: » Englands Bekehrung!«

Wäre der Wunsch auch lauter gesprochen worden, als es der Fall war, hätten doch nur Wenige bei dem allgemeinen Lärm das eigentliche Wort verstanden, denn Middletown hatte immerwährend neue Toasts auf der Zunge. Es war eine völlige Sprachverwirrung unter den Trinkern eingerissen, und der harmonische Einklang der Gläser verdeckte nur die völlige Verschiedenheit der Gesinnungen. Man sahe Jacobs Günstling einen Toast ausbringen, bei dem Jacob das immer ernste Gesicht zum Lächeln verzog und begleitete ihn um so eher, als Englands Name Einigen hell heraus klang. Wenige haben gesehen, daß Jacob bei dieser Gelegenheit Churchills Hand drückte, aber Niemand als Vater Peter hörte die ihm zugeflüsterten Worte: »Wenn England bekehrt ist, kann Lord Churchill für den heut verlorenen Hut auf einen Herzogshut rechnen.«

Churchill verneigte sich tief und als sein Mund am Ohre des Prinzen streifte, flüsterte er hinein: »König Jacob der Bekehrer!«

Indem paukte Middletown auf den Tisch und brüllte einen allgemeinen Tod aus, allen Presbyterianern, Conventiklern, Pietisten und Republikanern. Die Worte gingen ihm aus. Der Herzog erhob sich schnell und nach der Thüre. Die Wagen waren noch nicht da; man bestieg einige Pferde, Middletown wurde von zwei andern hinausgeführt und versicherte, dies sei der schönste loyalste Tag seit der Restauration. Lord Churchill aber wurde von einem andern Lord angehalten mit der Frage:

»Mylord, was meint Ihr mit Englands Bekehrung?«

»Was ich damit meinte? – Ei, edelster Marquis, was sich jeder unter der Bekehrung denkt. Etwa den Untergang aller Cromwellianischen Reste, des Republikanismus, das Aufblühen des Handels, der Künste, Wissenschaften, kurz, was Euch gefällig ist, und vor Allem, wie sich von selbst versteht, den Untergang des falschen Glaubens.«

»Und was ist der falsche Glaube.«

»Mylord, alles zu Gunsten, aber danach fragt mich nicht. Was uns zu wissen noth ist, steht in den Gesetzen, das Übrige überlasse ich den Theologen.«

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