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Schloß Avalon. Erster Band

Willibald Alexis: Schloß Avalon. Erster Band - Kapitel 3
Quellenangabe
authorWillibald Alexis
titleSchloß Avalon. Erster Band
publisherF. A. Brockhaus
year1827
pages302
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20180307
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Erstes Capitel.

Doch wie, o Heimath, denk ich deines Ruhms,
Entschwunden während beide Karls regierten,
Als Raubsucht und Zerstörung wild umschweifend
Den Greis nicht schonten, nicht des Kindes Thränen.
In jenen Schreckenstagen klagte schutzlos
Umirrend seine Noth des Landes Pfleger
Und nicht mehr tönte an des Yarrows Ufern
Des Schäfers Lied von Fels zu Felsen hallend.

Langhorn. Genius and Valour.

 

Ein graues Gewölk hatte den Horizont umzogen, daß ein des Weges nicht Kundiger ihn leicht in der flachen Küstengegend verlieren konnte, wo sich hundert Fußpfade und Fahrgleise, mit Gras und Haidekraut überwachsen, kreuzten. Mehrmals strich der Reiter, welcher einem dieser Gleise folgte, die naß herabhängenden Vorderhaare aus der Stirn, um sich im Bügel erhebend umzuschauen. Nirgends mochte er indessen ein Gehöft oder eine breitere Straße entdecken, und wider Willen sah er sich immer wieder in der Nähe des Meeres, wie er auch landeinwärts glaubte geritten zu seyn. Kalt und durchnäßt von dem unaufhörlich herabrieselnden Regen gab er endlich unmuthig seinem Pferde die Sporen, daß es ihn hinführe, wohin der Instinkt es leite.

Nachdem er so, ein Lied vor sich brummend, eine Weile geritten, sprengte ein anderer Reiter hinter ihm her, doch hörte er seine Stimme früher, als er ihn selbst aus dem Nebel deutlich unterscheiden konnte.

»Sir, beliebts Euch einen Reisegefährten mitzunehmen, so haltet etwas inne.«

Der erste Reiter folgte der Aufforderung, obschon es ihn zu reuen schien, als er den andern, einen finstern, ältlichen Mann, dessen Federhut, weiter Mantel und gute Bewaffnung für einen minder muthigen Wanderer in dieser einsamen Gegend keine willkommene Erscheinung gewesen wäre, herantraben sah. Jugendlicher Muth und ein Frohsinn, der selbst die ersten Folter-Grade der Drangsale ertragen durfte, sprach sich in dem Gesicht des vordern Reiters auf den ersten Blick aus. Dennoch suchte er mit der rechten Hand sich unter dem Mantel den Weg zum Schwertgriff unverschränkt zu erhalten, denn in den Zügen des Ankömmlings lag für ihn etwas so Unheimliches, daß er, auch nachdem beide eine Strecke Weges geritten, und er aus den Reden des Kriegsmannes wenigstens ersehen, daß er keinen Buschklepper begleite, sich nicht ganz der Besorgniß eines Ueberfalls entschlagen konnte.

Beide hatten sich bald verständigt über ihre gegenseitige Absicht die nächste Herberge so schnell als möglich zu erreichen. Doch blieb der jüngere Mann, wie geneigt er auch sonst zum Sprechen war, dergestalt einsilbig, daß der Aeltere sein Mißtrauen bemerken mußte.

Lächelnd sagte er: »wir fürchten uns doch nicht vor Buschkleppern und reisigen Straßenrittern? Dergleichen Ungethüme sind ja, so Gott will, seit der glorwürdigen Restauration unseres erlauchten königlichen Hauses der Stuart, denen Gott ein ewiges Leben verleihe, aus unserer Insel verschwunden. Räuber und Republik sind ausgerottet, und wer wollte nicht mit uns rufen: Es lebe König Karl II.!«

Es lag etwas in dem Tone des Reiters, das den jüngern Mann an der Aufrichtigkeit seiner Aeußerung zweifeln ließ. Doch rief er mit ihm das Lebehoch mit etwas gelüftetem Hute aus, ohne sich zu weiterer Vertraulichkeit hinreißen zu lassen. Bald zeigte sich ein Gehöft und sein Begleiter versicherte ihn, in der Schenke Zum protestantischen England werde er alles erhalten, was nur ein protestantischer Reitersmann nach dem längsten Morgenritt über eine neblige Haide bei Regenwetter verlangen könne.

»Muß denn alles in England protestantisch oder katholisch seyn?« murmelte der jüngere Mann vor sich hin. »Ich glaubte das unselige papistische Complot sei endlich ausgestorben. Mir gällten die Ohren davon über den Kanal, bis ich so müde war, daß ich schon bei dem Namen einschlief.«

»Glück für Euch, Sir, daß Ihr erst jetzt zurückkehrt. Ein wenig früher, und eine solche Aeußerung hätte Euch leicht ein Halsband zugezogen, so fest, daß Ihr es selbst nicht wieder aufknüpfen können.«

»Ich weiß es,« rief der andere ärgerlich aus. »Es war eine Albernheit, zu glauben daß die wenigen Katholiken alle Protestanten umbringen könnten. Eine Schande für England, daß diese blinde Volkswuth das Blut so vieler Unschuldigen kostete.«

»Doch nur von Papisten, und wäre es nicht geschehen, hätte es ebenso an die Kehlen guter Protestanten, eben derer gehn mögen, die dieses schöne papistische Complott angeschürt haben und so lange zu unterhalten wußten.«

»Man sollte das Gedächtniß dieser Schande ewig vergraben und darüber weinen, daß seit unserer glorwürdigen Elisabeth keine Partei sich glaubt halten zu können, als durch despotische Verfolgung der andern.«

»Ihr seid doch kein Papist geworden auf Euren Reisen im Auslande?« fragte der Ältere.

»Wäret Ihr jünger, solltet Ihr mir auf diese Frage mit dem Degen antworten,« entgegnete der Jüngere trotzig.

»Euer Blut, junger Herr, ist für unser heutiges England zu hitzig. Ist es aber nur die Kälte und Nässe, so geduldet Euch ein wenig bis zur Schenke; da ist alles protestantisch. Der Wirth ist ein frommer Mann, ein Schottländer, der seine Bibel Wort für Wort auswendig weiß, weshalb ihn die Dragoner von dort ausgetrieben.«

Die Reiter waren jetzt in die äußere Umzäunung des Gehöftes gelangt, drinnen aber hörte man ihr Pochen nicht, oder mochte es nicht hören, indem ein dumpfes Geräusch heraustönte.

»Sie singen einen Psalm,« sagte der ältere Reiter, »und verstehe ich recht, sind sie erst beim zweiten Verse. Es steht also nun bei uns, ob wir den ganzen Psalm hier im Regen mitsingen wollen, oder über das Thor klettern, denn der alte Sandy hört nicht vor dem Amen auf.«

»Es würde ein übler Platz sein, auf dem Pferde, bei Regen und Wind, den Gottesdienst verrichten.«

»Vor dreißig Jahren dachte man in England anders, junger Herr, und in Schottland denken die frommen Leute, welche Gott mehr achten, als die Menschen, noch jetzt, daß es sich schickt zu Pferde oder zu Fuße, beim Regen oder beim Schneegestöber, bei Hunger und Durst, wenn es des Herren Sache gilt, frohen Muthes ein Hallelujah anzustimmen.«

Trotz dieses Lobes der frommen alten Zeit war der Sprecher abgestiegen und hatte, auf einen Pfosten kletternd, glücklich einen Thorflügel eröffnet, daß beide Reiter ihre Pferde in den Hof führen, und unter einem Vordach vor dem Regen wenigstens von oben bewahren konnten. Jetzt kam auch das erwünschte Amen heran, und Sandy öffnete behutsam die Haus- und Stubenthüre, um sich zuvor von den Eigenschaften seiner Gäste zu überzeugen, ehe er ihnen die seiner Wirthschaft vertraute. Der ältere Mann trat, ohne sich um diese fragenden Blicke zu bekümmern, festen Schrittes über die Schwelle und der jüngere Reiter folgte ihm. Sandy musterte sie von Kopf bis Fuß, und die herben Züge des alten Mannes erheiterten sich erst wieder, als der Aeltere ihm zunickte und in vertraulicherem Tone fragte: »Alter Sandy kennst Du mich nicht mehr?«

»Beim Himmel, Oberst Rumsey!« entgegnete dieser mit einem Anflug freudigen Erstaunens. »Der Herr behüte die für ihn das Schwert gezogen! Kannte ich Euch doch kaum wieder, seit ich Euch vor den langen Jahren bei Marston Moor gesehen, wie des Herren Cherubim vor den Pforten des Paradieses mit dem flammenden Schwerte. Ihr habt seitdem viel von Euch reden gemacht. Aber was soll der Cavalier an Eurer Seite?« setzte er leiser mit mißbilligendem Tone hinzu.

»Hört einmal, Sir Robert, er nennt Euch einen Cavalier! Vor dem Cavalier brauchst Du Dich nicht zu scheuen, Sandy. Es ist der jüngste Sohn eines jüngeren Sohnes, da ist das Cavalierblut schon dünn wie der Beutel geworden. Auch ist er nicht Schauspieler, hat keine Pfründe und keinen Posten, die verlorene Erbschaft aufzufrischen; kurz wenn ich sage, es ist der Sohn des alten Fletcher von Salton, der mit Algernon Sidney an der Spitze der eisernen Dragoner Cromwells die Cavaliere seinen schweren Arm fühlen ließ, so magst Du denken, daß Dein Schemmel nicht verunehrt wird.«

»Ihr kennt mich? – Woher kennt Ihr mich?« fragte der jüngere Gast verwundert.

»Euch habe ich heute auf der Haide zum ersten Male gesehen; aber Euren Vater kannte ich besser, und als ich in des jungen Herrn Gesicht blickte, mochte ich nicht die Augen verkennen, die mir so oft entgegen strahlten, wenn es hieß: Für Christus und seine englische Republik! Ja, Sir Robert Fletcher, so war es damals. Jetzt dient England den Fürsten der Heiden und neigt seinen Kopf vor den Fremden.«

Robert Fletcher wußte, worauf diese Anspielung ging. Er war durch Frankreich gereist und oft mußte das Blut des Engländers aufwallen, wenn er von Ludwig XIV. Allmacht vernahm, wenn er hörte, wie mit Ludwigs Geld Englands König bezahlt wurde, um sein freies Vaterland von Frankreich abhängig zu erhalten. Er senkte den Kopf, zog die Lippen ein und forderte in unwilligem Tone vom Wirthe was die Schenkwirthschaft einen vom Regen Durchnäßten Erwärmendes darbot. Dann rückte er in einen Winkel zurück und überließ die Fortsetzung des Gespräches dem Obristen und Wirthe, welcher jenem, vermuthlich weil er kein Cavalier war, mit besonderem Eifer aufwartete.

»Ja, Oberst Rumsey, jene Zeiten sind vorübergegangen, und der Wind hat mit dem Staube den Samen des Unkrauts herüber geweht, daß die Distel jetzt wuchert, wo die Weizenfelder des Herrn blühten, und die Nessel ihr Haupt erhebt. Die Heiligen liegen nun und schlafen, und als Richard Cameron mir das Schwert umgürtete, ehe er bei Airmoß für Gottes Sache fiel, da glaubte ich nicht aus Schottland fliehen zu müssen, um in England, wo nie der wahre Christenbund sein Haupt erhoben, mein eigenes zu verbergen.«

»Ist in Schottland gar nichts mehr zu machen, Sandy?«

»Nichts, nichts« – sagte Sandy kopfschüttelnd – »Die Nation hat den alten Covenant verlassen, der Adel wurde lau, die Prediger beugten sich vor den Gewaltigen, da kam die Prüfung über uns, und seit General Monk, sonst ein herrlicher Streiter für den Covenant und den Herrn, aus Schottland mußte kommen, um Karl Stuart die Krone wiederzugeben, seitdem –«

»Ist er Herzog von Albemarle geworden,« fiel Rumsey ein, »und hielt es bequemer als Herzog fluchen und trinken, als in den Conventikeln zu beten. Ja, wer Herzog werden könnte!«

»Der Heiden Vögte,« fuhr Sandy fort, »kamen über Israel, und die Bleichen und Magern wurden roth und voll von dem Blute des Volkes. Der Tieger Middletown würgte im Saufe die Lämmlein, das Ungeheuer Lauderdale vertrieb ihn von der allgemeinen Schlachtbank, um in jedem Hause eine Folterbank für die Gläubigen zu errichten, und die Schlächter Turner, Claverhouse und Dalziel wurden losgelassen auf die Unbewaffneten, wenn sie des Herren unverdrehtes Wort wollten hören auf dem Felde.«

»Ihr hättet Euch immer etwas bücken können vor den Gewaltigen. Etwas Klugheit und Nachgiebigkeit gegen das neue Bisthum und vielleicht wäre jetzt die Zeit, wo kein Meßgewand in Schottland zu sehen und England gesäubert wäre von der Englischen Kirche.«

Der Wirth fuhr entsetzt zurück: »Hingestreckt sollten wir liegen vor dem goldenen Kalbe und dem Baal unsere Kinder opfern, um Jehova zu dienen! – Hier, Oberst Rumsey,« er riß aus einem Schranke eine verrostete Pistole, »hier ist das einzige Besitzthum, das ich aus dem Lande meiner Väter mit herübergebracht. Kostbarer ist das schlechte Eisen, als das Gold an den Kronen David's und Salomo's. Diese Pistole drückte Balfour von Kinloch, Burly, der gewaltige Streiter vor dem Herrn, in jener Nacht ab, wo sie den Apostaten überfielen und Sharp, den Bischof, erschlugen. Diese Pistole, Oberst Rumsey, hielt Burly in der Hand als er betete auf den Knieen, und Gott dankte, daß er ihm zugeführt habe den Sünder an dem Herrn und seinem Volke, so er verrathen um ein Bisthum.«

»Und doch,« sagte Rumsey, »war alles Euer Schottisches Morden und Rebelliren Thorheit. Es verstand ja keiner von Euch ein Commando; wie die wehrlosen Schafe wurdet Ihr zusammengehauen, aufgeknüpft, untergetaucht, und die Schlinge ward immer enger zugezogen.«

»Aber wir hatten den wahren Glauben, Oberst Rumsey, der zwar in England wenig gilt, wo Leute, die vorgeben, Gottes Knechte zu seyn, und für die Freiheit zu streiten, trinken und fluchen, des Sonntags singen, in die Theater gehn und in den bischöflichen Kirchen zuhören.«

»Man zwang Euch auch dazu,« sagte Rumsey, und Fletcher glaubte auf seinem Gesichte ein Lächeln zu erblicken. Der Wirth senkte den Blick und hub dann mit leiserer Stimme an:

»Wir sind alle sündige Menschen und der Herr hat mich gezüchtigt. Dreimal wohnte ich den Feldconventikeln bei, wo das Wort des Herrn aus Alexander Pedens Munde wie der Regen aus den Wolken auf uns niederträufte und wie Thau in der Wüste erquickte. Die Späher hatten mich gesehn und ich mußte ungeheure Summen von meiner Armuth zahlen. Da wurde das Fleisch schwach, ich blieb daheim und begleitete, auf den Knieen betend in meinem Kämmerlein die zwei tausend Prediger, die um ihren Glauben hinausgestoßen waren von den Dienern des Baal und herumirrten in der Wüste. Auch das wurde nicht geduldet. Zwölf Dragoner legte man in meine Hütte, weil ich nicht die Kirche besuchen mochte, die unsauber geworden von dem Prälatenthum. Sie soffen Tag und Nacht und des Sonntags. Meine Armuth wurde verzehrt, meine Frau fiel auf das Siechbett; da wurde ich noch schwächer, und ging in die Kirche, um meine Kinder nicht zu Bettlern zu machen. Ich habe nie den Diaconus angesehen, nie ihm zugehört, ich sang Psalmen für mich, und wenn das nicht ging an dem unreinen Orte, so machte ich meine Rechnungen, und doch hat mich der Herr für die Sünde gestraft auch nur über die Schwelle getreten zu sein. Richard, mein Aeltester, mochte den Gräuel des schwachen Vaters nicht mit ansehn, er zog von dannen über meine Schwelle und sah des Vaters Haus nicht wieder. Bei Bothwell-Bridge kämpfte er mit den letzten heiligen Streitern die in Schottland aufstanden, er ward gefangen, er sollte rufen: ›Es lebe König Karl!‹ und dann war er frei, aber er sagte: ›Ich kann nur beten für seine Reue,‹ und endete wie ein Märtyrer. Beide Beine zwängte man meinem Richard in die eisernen Stiefeln; man trieb die glühenden Keile hinein und zerbrach ihm beide Beine, aber er pries Jehova und rief die Zeit aus, wo Schottland werde frei sein und der alte Covenant erneuet.«

»Und da seid Ihr geflohen?«

»Nein, Oberst Rumsey, ich hielt aus. Ich ließ mich von den Dragonern in die Kirche schleppen, und wenn die Orgel, diese Trompete des Antichrists, donnerte, so rief ich Jehova an, seine Blitze herabzusenden und seine Donner zu schleudern auf das Haupt des gottvergessenen Karl Stuart, auf das Haupt der Schlangenbrut, auf das Haupt des Prälatenthums, das unsere heilige protestantische Kirche unterthan macht den Menschen.«

Rumsey blickte sich wie besorgt umher und seine Blicke hafteten auf Robert, der aber so eifrig der Schüssel mit Rostbeef und dem Rumgebräu zusprach, als wolle er ein für ihn unangenehmes Gespräch im leiblichen Genuß überhören.

»Nein,« schrie Sandy, »mögen Sie es auch hören; Petrus verläugnete den Herrn, daß er für ihn gesteinigt würde. Ich will ihn nicht noch einmal verläugnen, sprechen wollte ich hier in England, wie sie es nie gehört haben von ihren Bischöfen und Prälaten und Diaconen.«

»Aber was brauchtet Ihr denn aus Schottland fortzugehn?« unterbrach ihn Rumsey. Sandy blickte vor sich nieder und sagte nach einer Pause:

»Das war nur von wegen des letzten Edictes, wo sie die Frauen auch zwangen in die Kirchen der Bischöfe zu gehen. Seht, Oberst, ein Mann bleibt ein Mann, auch unter den Priestern der Heiden, denn er braucht nicht zuzuhören auf ihr sündiges Predigen, aber mit einer Frau ist das anders, eine Frau hört immer zu, und meine Frau, Ihr wißt, meine Frau –«

»Eure Frau hat Euch mit dem Pantoffel fortgetrieben, und ihr gehorchtet als christlicher Ehemann,« sagte Rumsey, so weit auflachend, als die finstere Complexion seines Gesichtes dies erlaubte. Sandy schien mit der Wendung des Gespräches unzufrieden und hub, nachdem er dem Cavalier ein frisches Glas eingeschenkt und sich etwas entfernter von Rumsey niedergesetzt hatte, von neuem an:

»Wenn Euch die Streiter für den Herrn in Schottland lächerlich dünken, sollte es mich freuen, hättet Ihr Besseres in England aufzuweisen? Mit dem papistischen Complott ist es aus, Oberst, rein aus. Drei bis vier Jesuiten sind hingerichtet, das war die ganze Frucht, und die alte Schlange hebt wieder ihr Haupt empor.«

Rumsey saß unbeweglich an den Stuhl gelehnt und spielte mit dem Griff seines langen Degens, doch schien ein Zug um die Lippen die Antwort auszusprechen, daß noch nicht alles aus sei. Nach einer Weile sagte er: »Mit dem papistischen Complot ist es aus, die Geschworenen glauben den Zeugen nicht mehr, aber das englische Volk glaubt noch immer daran.« –

»Die Exclusionsbill ist nicht durchgegangen,« fuhr Sandy fort, »ein heidnischer König sitzt auf dem Throne und der katholische Herzog von York lauert auf seinen Tod, um dem Antichrist das Königreich in die Hände zu spielen, was freilich auch nicht viel schlimmer wäre als der prälatische Baaldienst.«

»York ist sogar zurückberufen,« sagte Rumsey, »Karl verlangt nach dem Bruder, um ihm eine Portion des Volkshasses auf die Schultern zu laden. Er muß schon aus Schottland unterweges sein.«

»Das bluttriefende papistische Ungeheuer!« rief der Wirth entsetzt aus. »In Schottland hat er an den Folterbänken der Heiligen gestanden und kalten Blutes ihre Qualen gesehen. London hat er Anno 66, dem Antichrist zu Gefallen, verbrannt, kommt er jetzt ganz England anzustecken?«

»Still guter Freund!« entgegnete der Oberst mit einem bedeutenden Winke. »Solche Reden stammen aus der Zeit des gesegneten papistischen Complottes. Dazumal regnete es Belohnungen, jetzt schleppen sie Dich vor Gericht als Lästerer gegen die Majestät.«

Der Schotte betheuerte sein Recht mit einigen Sprüchen aus der Schrift und holte selbst eine Bibel aus dem Schranke, um, wo ihm Gründe und Worte fehlten, eine belegende Stelle zu finden. Rumsey wehrte den Bibelfesten mit der Hand ab. »Nicht doch, Meister Sandy, die Zeit ist vorüber, wo diese Waffen galten. Man witzelt darüber in London.«

»Aber es giebt doch noch Männer in der großen Stadt, die da nicht sitzen im Rathe der Spötter, noch wandeln auf den Pfaden der Gottlosen. Wo sind die englischen Sprecher des Volks, wo ist Lord Russel, wo ist Algernon Sidney, der Gottes Fahne trug im Heere des Parlaments, wo der Herzog von Monmouth? Er lehnte sich zwar auf gegen die Heiligen und schlug sie bei Bothwell-Bridge, aber der Geist hatte ihn seitdem erleuchtet: wo ist der Mann, der wie ein verirrtes Schaf heimkehrte zur Heerde, Graf Shaftsbury, der Redner in Israel, der, wie Jonas im Bauche des Leviathan, in den Lastersälen des Hofes gesteckt, daß er jetzt dagegen reden kann, dem Wolke eine Feuersäule aufzustecken, zur Warnung?

»Seit vier und zwanzig Stunden nicht mehr in England,« sagte der Oberst. »Der Fuchs hat bei Zeiten gerochen, daß sie ihm den Bau umstellten. Sein Schiff segelt mit vollem Winde nach Holland, und ich ritt nicht eher vom Strande, bis ich es über Kanonenschußweite erblickte.

Sandy faltete die Hände gen Himmel. »Entflohen! Wer soll dann England schützen und den protestantischen Glauben, wenn die Heiligen ermordet werden und die Gerechten entfliehen?«

Er schlug vor zu beten für die glückliche Flucht des Grafen, und einen Psalm zu singen vor Jehova. Robert Fletcher, den das Gespräch über die Maßen ermüdet zu haben schien, und der deshalb so oft zu Trinken und zu Essen verlangt, daß es augenscheinlich war, wie er nur den Discours unterbrechen wollen, hatte die letzte Zeit mit der niedlichen Wirthstochter gescherzt. Jetzt aber ging ihm die Geduld bei diesen religiösen Aussichten völlig aus, und mit allem Geräusche eines bewaffneten Reitermannes, das sehr wenig zur beabsichtigten Unterhaltung paßte, brach er auf, und schied mit den Worten:

»Sehr werthe Herren, an Eurem politischen Discours, benebst Rindfleisch und Rum habe ich mich schon dergestalt gesättigt, daß Ihr nicht verlangen könnt, ich solle auch noch Eure geistige Speise zu mir nehmen, zumal da mein Magen nicht zu den besten und Euer Beten nicht zu den verdaulichsten Gerichten gehört. Drum Gott befohlen und auf besseres Wiedersehen. Nur noch eins, Ihr sprecht von Algernon Sidney: Wo trifft man ihn?«

»In London« sagte Rumsey und Sandy strich seufzend das Geld ein, zu diesem dabei bemerkend, Cavalierblut könne nicht aus der Art schlagen, die Sünde sei ihm eingeboren und der wahre Glaube immer nur im Volke gewesen. Der Oberst äußerte gesenkten Blicks: Man sollte darum die Gewalt im Staate nur solchen Männern anvertrauen, die sich durch ihr Verdienst emporgeschwungen. »Amen!« sagte der Wirth »und durch die Gnade des Herrn ausgezeichnet sind im Volke. – Da geht nun solch ein junges Blut seinem Verderben entgegen. Nicht wahr, Oberst, der Cavalier reitet nach London, um in den Komödien- und Weinhäusern die letzte Schaam abzustreifen und das Gedächtniß der Väter zu vergessen, die einmal gewürdigt wurden zu streiten für des Herrn Sache!«

»Gewiß, Sandy, doch sieh, er küßt recht herzhaft Deine Marie, die ihm den Steigbügel hält.«

»Es werden die Zeiten kommen, Oberst, wo die Heiligen werden zu Pferde sitzen, und die Cavaliere ihnen die Steigbügel halten.«

»Was das Mädel sich ziert, Sandy; er ist doch ein schmucker junger Bursche und sie beugt sich und dreht sich so verschämt, als ginge es um Ehr und Seligkeit. Frisch zu, Sir Robert! Das Mädchen gäbe es Euch herzlich gern, wenn Niemand zusieht.«

»Oberst Rumsey« sagte der Presbyterianer ernst. »Marie ist ein gottesfürchtiges Mädchen. Aber Euch spuken noch immer die wilden Grundsätze der Independenten vor.«

»Redensarten, alter Sandy, ich bin ein solcher Feind des Papstthums, als ich ein Freund bin der Republik, und wenn die Tage kommen, wird man uns hoffentlich für Gottes Sache in einer Reihe erblicken!«

»Gottes Sache denn, für Gottes Sache ein Gebet!« rief der Wirth und schellte, um die Hausgenossen zusammen zu rufen. Aber wie stark er auch schellte, es kam weder Marie, noch ihr Bruder, noch die alte Base und auch nicht sein Knecht, alle sonst gewohnt beim leisesten Ton des wohlbekannten Rufes zum Gottesdienste langsamen ehrbaren Schrittes, die Psalter unter dem Arm, einzutreten. Draußen war etwas vorgegangen, was die Aufmerksamkeit der eifrigen Puritaner mehr angezogen hatte, als das ihnen auf dem fremden englischen Boden Heiligste, der wahre, ächte Gottesdienst. Was dies war, bleibt zu berichten dem folgenden Capitel vorbehalten.

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