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Schloß Avalon. Erster Band

Willibald Alexis: Schloß Avalon. Erster Band - Kapitel 2
Quellenangabe
authorWillibald Alexis
titleSchloß Avalon. Erster Band
publisherF. A. Brockhaus
year1827
pages302
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
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Ein Abenteuer.

Es war das erstemal, daß ich mit einer englischen Landkutsche fuhr, und – nicht mit dem Reisezweck hinter'm Berge zu halten – Lichtenberg in der Tasche, wollte ich Beobachtungen anstellen. Gar kein Feind unserer alten deutschen Postwagen, bin ich von jeher der Meinung gegen den göttinger Professor gewesen, daß ein Roman, der nun einmal auf dem Postwagen sich entwickeln muß, durch das Rütteln und Schütteln zu einem weit bessern Plan gedeihe, gerundet, verschlungen und abgeschliffen, als wenn der in Federn hängende Kasten sanft und eben über die gedielte Chaussée dahinrollt. In unsern Diligencen pflege ich zu schlafen. Wie z. B. hätte an Plan und künstlerischer Einheit der Postfahrtroman eines Joseph Andrews, oder die ganze Lebenspostreise eines Roderik Random gewinnen mögen, hätten sich die Jünglinge auf einer deutschen ordinairen Post einschreiben lassen? Beide Romane sind nun kaum mehr als ein langer, langer Faden zwischen Ausfahrt und Einkehr, mit Notizen über die Ausspannungen unterwegs.

Nur etwas Schlimmes war dabei. Gedenkend unseres trefflichen Moritz, wie er von dem Wolkensitz oben in die Schoßkelle hinabrutschte, hatte ich mir bei Zeiten einen Platz drinnen belegt und wirklich den besten ohne Connexionen und Fürsprache eines Parlamentsgliedes erhalten, denn ich war der einzige Passagier. Konnte es aber etwas Uebleres für meinen Zweck geben? Denn um mich selbst in einer leeren englischen Postkutsche zu beobachten, hatte ich nicht den Platz im hamburger Dampfboot bezahlt, war nicht deshalb unterwegs seekrank geworden, und hatte nicht, als sich der Sturm bei Helgoland erhob, nach einer Schiffstonne gesucht, um, wenn das Dampfboot spränge, darauf wie unser Bertram die beliebige Retourfahrt nach Kuxhaven anzutreten, oder die weitere Tour nach Harwich fortzusetzen.

Oben war ganz ordinaires Volk. Ich steckte wol mitunter den Kopf hinaus, aber ein junger Handelsjude mit einem Jargon, halb Deutsch, halb englisch, ärgerte mich, da ich ihn ja ebenso gut in Deutschland hätte hören können. Er stritt sich mit einer Klempnerfrau über die Einführung der Jesuiten in Frankreich, ob Canning Haiti hätte anerkennen sollen, und ob die Banda-Oriental Denen von Buenos-Ayres, oder Don Pedro von Brassilien zukomme. Nur darin waren Beide einig, daß die Katholiken nicht emancipirt werden dürfen. Als ich aber gar erst erfuhr, daß die Klempnerfrau, eine geborene Holländerin, jetzt nach dem Tode ihres Mannes in ihr Geburtsland zurückkehre, verging mir die Lust an den englischen Beobachtungen, und ich lehnte mich, den englischen Chausséestaub verwünschend, in den Winkel zurück, gemächlich die Beine über die ganze Kutsche ausstreckend.

Als ich diese nicht ganz sanft von fremder Hand erniedrigt fühlte, ward ich zwar bald inne, wie die Gesellschaft sich allerdings unterwegs vermehrt hatte; aber, abgesehen daß kein einziges hübsches darunter war, welche langweilige holländische Gesichter! Der eine war auch in der That, wie mein Jude bei der nächsten Station mir sagte, holländischen Schlages, kein unbekanntes, aber ein gar nicht anziehendes Gesicht, dürre Ellenbogen, ein grauer, abgetragener Rock, ein Paket in ein Kattuntuch gewickelt, blaue Strümpfe, Schnallenschuhe und ein Paar rothschielende Augen in dem matten Gesichte; der Mann war mir zuwider, wenn er sich auch nicht hätte Doctor nennen lassen, wozu er, ich wollte wetten, ebenso wenig ein Recht besaß als ich. Unsere Ellenbogen berührten sich; meine Knie übten dagegen das Wagenrecht mit einem Manne, der mir immer unerklärlich geblieben ist und den mein Jude durchaus zu einem Jesuiten machte. Weshalb mir die Artigkeit, ihn zu portraitiren, verbietet, mag sich der Leser selbst aus der Folge entnehmen. Ein Elegant, dessen Kinn in der Halsbinde ertrank, saß meinem Doctor gegenüber; dies war der einzige Mensch, der sprach, aber leider, obgleich selbst nett und rein, nur ungewaschenes Zeug, wenn er nicht mit dem Juden eben Geschäftsverkehr trieb, denn er war ein »Reisender« und versicherte viel auf seine Ehre.

Die Leute waren nicht Whigs, nicht Torries, nicht Reformers, sie waren Kosmopoliten. Brauchte ich deshalb nach England zu kommen? Nicht einmal das Gespräch über die letzten Wahlen brachte Meinungen und Eifer hervor. Man würdigte mit gleicher Mäßigung Hunt, Cobbet, Wellington, Canning und die schöne Miß Wilson. Was konnte ich Besseres thun, ich schlief. Man rüttelte mich auf, ich glaubte, es waren Highwaymen, aber auch das nicht einmal; der Schirrmeister fragte mich ärgerlich, ob ich denn nicht frühstücken wollte, der Wirth habe auf mich gerechnet. »Nein!« rief ich noch ärgerlicher, alle englische Schirrmeister, Reisende und Wirthe bis zu dem »zum Hosenbande« hinauf verwünschend. Doch fesselten einige Goddams, jetzt in England so selten als die Highwaymen – ein Umstand, der es heutzutage einem deutschen Romanschriftsteller unendlich schwer macht, englische Sitten zu schildern – meine Aufmerksamkeit.

Ein junger Herr, dessen ganzes Wesen von den Sprungriemen an den oben weiten, unten engen Beinkleidern bis zu Manchetten und Toupée den reichen Gentleman, wo nicht gar den Nobleman anzeigte, knallte seine vier schneeweißen Doggen mit der Reitgerte zusammen. Er liebkoste die Fanny, ließ die Bessy springen und theilte zwei reichgekleideten Jokeis Befehle aus. Als er aber selbst in die Kutsche, mit sechs Füchsen und Vorreitern, springen wollte, hatte ich schon mit aller Wärme der Empfindung seine Hand ergriffen.

»Mein Gott, kennen Sie mich denn nicht?« rief ich deutsch. Er schüttelte den Kopf. »Ich bin ja gewissermaßen Ihr Vater.« Der Nobleman sah mich wild an, klappte auf seinen Hut mit der Rechten und rief: »Goddam, Sir, I don't understand your language!« Er sprang in den Wagen, ich sah noch Ginievra's blasses Gesicht, ihre schönen Augen warfen mir einen teilnehmenden Blick zu, dann knallten die Jokeis, die Postillione bliesen, und der schönste Postzug war wie ein Traum an mir verschwunden.

Der Unerklärliche lächelte, als wir wieder im Wagen saßen. »Es ist kaum glaublich, wie schnell Sir Bertram Walladmor ein Engländer geworden.«

»Nur der verteufelte oder verdeutschte Name Bertram«, sagte der Reisende, »klingt hinter dem Sir wie eine Faust auf's Auge.«

»Er ahmt seinem Landsmann, dem Herzoge von Koburg, nach«, meinte der Unerklärliche, »der auch unsern Namen Cobourgh nicht annehmen wollte aus deutscher Caprice.«

»Und demungeachtet«, sagte der Doctor, »hat die engländische Sprache Vornamen, so fast als Eigennamen klingen, einen Sir Hudson Lowe, welches auf Deutsch einen Sohn bedeutet, der einen Hut trägt. So kommt auch der Name Sir Raleigh in einer sehr estimablen Familie vor.«

»Das sind Privilegien altadeliger Häuser«, sagte der Reisende. Der Unerklärliche meinte, die Deutschen fingen an, stolz zu werden, eine der lächerlichsten Prätensionen, da doch nichts in ihnen originell sei. Ich wurde roth, der Doctor hustete und kam auf das erste Thema zurück.

»Wer möchte auch denken, daß der reiche Gentleman dieselbe Person sei mit dem armen Schlucker, der, mit kaum hundert Pfund Banknoten in der Tasche, auf der famosen Tonne in England anschwamm, oder vielmehr angeschwemmt kam?«

»Ueberhaupt«, bemerkte der Unerklärliche, »beträgt sich der englische junge Walladmor weit anständiger als der deutsche.«

Ich konnte mich nicht mehr halten. »Meine Herren, das hängt denn doch nur von den Begriffen vom Anstande ab. Es ist wahr, der englische Bertram stößt seinen Rival auf der Tonne mit dem Fuße von sich, der deutsche nur mit der Faust; der englische fodert Port, der deutsche nur Porter; der deutsche war ein deutscher Romanschreiber, wogegen der englische ein Nichts ist (ein Bearbeiter des Romans für deutsche Bühnen hat ihn sogar zu einem Chirurgus gemacht); doch, wer gab dem englischen Biographen das Recht, die deutsche wahrhaftige Lebensgeschichte des jungen Mannes so zu, was wir verhunzen nennen, daß Bertram, Ginievra, Nichols sich selbst nicht wiedererkennen in den vornehmen Tressenkleidern und den Stelzenworten aus der französischen Tragödie?«

Der Unerklärliche pochte mit seinem Bambusstock heftig auf den Boden. »Die Achtung, junger Herr!« rief er, und seine Augen hafteten auf mir, »die Achtung vor der Familie Walladmor, welche der deutsche Biograph ganz aus den Augen gesetzt hatte.«

»Darum mußte«, rief ich, »der Schleichhändler Nichols ein Oberst in südamerikanischen Diensten werden, weil es sich für eine Miß Walladmor nicht geziemt hätte, einen so gemeinen Menschen zu lieben; darum läßt man den wackern Nichols, der jetzt so treffliche Dienste unter Lord Cochrane in Griechenland leisten könnte, in einem der colombischen Gemetzel umkommen; darum – doch was alle Verstümmelungen anführen? Aber womit vertheidigen Sie es, daß Miß Ginievra, zu einem sanften Lamm geworden, endlich bei'm Sturm der Burg erschossen wird?«

»Weil es sich nicht schickt«, unterbrach der Unerklärliche, »daß eine Dame in der Liebe changirt.«

»Changirt nicht auch der junge Waverley von der Flora zur Rosa?«

»Aber eine Dame!« rief der Unerklärliche.

»Aber es ist Factum«, erwiderte ich, »denn Bertram hat sie doch geheirathet und fuhr eben an ihrer Seite fort.«

»Und zwar zum großen Pferderennen nach Worcester,« fuhr der Unerklärliche parodirend fort, »denn kaum daß er sich etwas englisirt und das Deutsche verlernt, ist er ein Pferdefreund geworden und fehlt bei keinem Wettrennen mit zwölf Jokeis und ebenso viel Pferden.«

»Und die zarte, romantisch gebildete Ginievra muß mit ihm durch die Ställe wandern?«

»Ist Accord. Eigentlich wollte er eine Schwimmanstalt anlegen, da er bekanntlich im Wasser, besonders auf Tonnen, und wenn es gewittert, eine eigne Virtuosität besitzt; das dünkte aber dem Vater nicht gentleman like genug. Gegen die Fuchsjagd eiferte Lady Ginievra; so hat man sich denn vereinigt, daß er ein Pferdeliebhaber geworden; der alte Morgan liest in den Zeitungen von seinen Siegen, und die Dame begleitet ihn auf die Roßmärkte und zu den Wettrennen.«

»Heilige Vernunft!« rief ich; der Doctor räusperte sich:

»Dieses erklärt sich Alles aus dem Weltgeist.«

»Was ist der Weltgeist?« fragte der Reisende. Der Doctor hustete noch mehr, ehe er mit gefalteten Händen, die Blicke zur Decke gerichtet, anhub:

»Der Weltgeist läßt sich nur aus dem Geiste erklären, der in der Welt sich entwickelt.«

»Als Sie damals in den schottischen Bergwerken laborirten, werthester Herr Dousterwivel«, fiel der Unerklärliche ein, »gehörte der Weltgeist noch nicht zu Ihren nähern Bekannten.«

Der Mann, nach dessen Original ich so lange vergeblich in Deutschland gesucht, daß ich, gleich allen meinen Landsleuten, schon an seiner deutschen Abkunft zweifelte, hatte ich nicht einen Vetter von ihm unter dem Namen Schulz, als Schenkwirth auf Stubbenkammer in Rügen gefunden – neuerdings sind mir noch mehre Vettern bekannt geworden – der berühmte Dousterwivel erröthete; er wischte den Schweiß von der Stirn, ehe er schmunzelnd fortfuhr:

»Der unbedeutende, bescheidene Mann ist zu größerer Ehre gekommen, als worauf er nach seinen Verdiensten Anspruch hatte. Hat doch der ehrenwerthe Sir Walter Scott einen artigen Scherz mit mir getrieben, als er mich zu einem Schatzgräber machte. Ja wol grub ich nach Schätzen, aber nach Schätzen der Weisheit, die niemals reich machen, am wenigsten meine deutschen Landsleute, welche es nun einmal nicht verstehen, die gewonnene Weisheit in Fabriken zu benutzen.«

»Aber der Weltgeist?« sagte der Unerklärliche.

»O der versteht Alles zu benutzen. Sehen Sie, verehrteste Herren, der würdige Baronet, oder, richtiger gesprochen, der große Unbekannte, stellt mich als einen Illuminaten dar, oder Rosenkreuzer, und doch soll ich zugleich in jenem Alterthümler ein Agent der französischen Republik sein. Damals also Illuminatismus von zwei sehr verschiedenen Seiten, die doch der Weltgeist in's Gleiche gebracht hat. Dann kam der kategorische Terrorismus, darauf der militairische Despotismus, oder die Continentalsperre. Hierauf entwickelten sich, nachdem der Idealismus in die Brüche gerathen war, der Patriotismus, der Katholicismus, unter Vermittlung des Magnetismus und des Tugendbundes, und der Vandalismus. Als wir nun die Tugend mit der Victoria wieder im Lande hatten, kam der Demagogismus mit dem Pietismus; und der heftige Liberalismus, der sich vielfach turnirte mit dem Loyalismus, unterlag dem Legitimismus. Und während wir noch zweifelhaft waren, ob wir dem Zeitgeist annoch dienen sollten, war der Weltgeist mit einemmale obenauf, dieser Weltgeist, der es mir erklärlich macht, weshalb ich allen den genannten Ideen mit meinen schwachen Kräften gleichmäßig gedient und doch mich nicht versündigt habe gegen den Weltgeist, der jetzt wieder in einem kritischen Disput mit der Ironie sich befindet.«

»Und alle diese Ideen haben Sie mitgemacht, Herr Dousterwivel, ohne von Indigestionen incommodirt zu werden?« sagte der Unerklärliche.

»Der Herr gab mir die Kraft dazu, oder vielmehr«, – setzte er hinzu, als besänne er sich, daß die Aeußerung nicht mehr an der Zeit sei, – »ich habe mir aus der Anschauung des Universi die Kraft dazu entwickelt.«

»Und Sie verloren sich niemals selbst in den Durchgängen?«

»Niemals«, und dies sagte er mit einer philosophischen Zufriedenheit, die so von der Defensive in die Offensive überging, daß ein allgemeines Murren entstand und der Reisende einige Goddams heraus donnerte. Ich rückte von meinem Landsmann, fürchtend, in seine Verschuldung und Strafe mitverwickelt zu werden; nur der Unerklärliche nahm seine Partie.

»Freund«, sagte er, »und doch hat auch bei Ihnen die Ironie schon dem Weltgeist ein Bein untergestellt. Ist ja doch unser gemüthlicher Dousterwivel, wie wir neuerdings erfahren, der eigentliche Biograph des jungen Walladmor!«

Dousterwivel spitzte die Ohren und hob betheuernd die spitzen Finger seiner rechten Hand in die Höhe: »Ich ein Novellist! Ob dies nicht wieder eine schön ersonnene Ironie des witzigen Unbekannten ist? Habe die letzten Jahre meines Lebens lediglich mit der Philosophie mich beschäftigt und sollte ein so unphilosophisches Buch geschrieben haben, wo die Personen ganz und gar nicht in das Schema, wie man sie haben will und soll, hineinpassen! Hat man doch genug zu thun, die Menschen, die wir vorfinden, in der historia mundi so zu pressen und zuzustutzen, daß sie für's Systema mundrecht werden, und sollten annoch zu unserer Qual neue anomala erfinden?«

Und indem der Schurke mit Worten und Gründen die Autorschaft ablehnte, sagte doch jeder Blick: Ich bin es und wünsche, daß man mich dafür hält. Eben wollte ich ihm scharf mit Fragen zu Leibe gehen, damit Jedermann erfahre, daß Dousterwivel betrügerisch die gutmüthige Leichtgläubigkeit des Waverley-Autors gemisbraucht, als der Unverschämte in seiner Frechheit fortfuhr:

»Es ist seltsam, wie die Sucht nach einem berühmten Namen auch aufrichtige Personen zur Unwahrheit verführt. Jener Prediger schrieb den gedruckten ›Man of feeling‹ mit Correcturen und Rasuren ab, um als Autor zu gelten; und der würdige echte Autor Mackenzie lebt noch heutiges Tages in Edinburg. So giebt es in Berlin einen jungen Mann, dem man in Deutschland den Walladmor allgemein zuschreibt, und dieser Mann, mit Namen Wilibald Alexis, weiß so jesuitisch zu leugnen, daß er dadurch den Glauben, er sei der Verfasser, weit mehr verbreitet, als wenn er es eingestände, wo es ihm doch nicht Jedermann zutrauen würde. Wenn man es ihm auf den Kopf zusagt oder ihm schmeichelt, lächelt er, blickt zur Erde und erwidert: ›Ich muß bestreiten, doch kann ich Niemand wehren, das zu glauben, was ihm beliebt.‹ Nun bitte ich Sie sehr, verehrte Herren, gibt es eine boshaftere Art, einen ehrlichen Mann um sein literarisches Eigenthum zu bringen?«

Mit Wilibald Alexis bin ich ebenso wenig als mit Dousterwivel zufrieden wegen des vornehmen Tones, mit dem er die zweite Auflage des »Walladmor« bevorwortet, da ich ihm doch in der That nichts Anderes aufgetragen als die Correctur. Indessen nahm der Unerklärliche für mich das Wort:

»Master Dousterwivel, der Proceß muß sich bald entscheiden, denn, so viel man in England und auf dem Continent weiß, hat der Waverley-Autor seit Jahren dem Walladmor-Uebersetzer ein zweites Manuskript übersandt, daß es in der That Wunder nimmt, wie seit 1823, wo der erste Theil des Walladmor erschien, drei Jahre verstrichen sind, ohne daß ein Wort von dem neuen Roman verlautet.«

»Vielleicht vermuthet man«, platzte ich heraus, »der neue Roman solle auf der bekannten Dampfmaschine des Herrn Dousterwivel in's Leben treten. Mich, – ich verrieth mich wie Master Burchell, mich – ich wollte sagen, den deutschen Uebersetzer, kann eine so kränkende Zumuthung des Waverley-Autors ebenso wenig kränken, als ich glauben konnte, daß diesen die Erscheinung des Master Malburn beleidigen sollte. Ich – ich wollte sagen, der Autor des ›Walladmor‹, erträgt es ebenso gern, wenn man über ihn lacht, als er sich selbst gern Persönlichkeiten hinmalt, über die man lachen möge. Allein eine solche Verstümmelung, als der englische ›Walladmor‹ erduldet, daß weder die satyrische Tendenz gegen die Scottomanie, noch die Charakteristik wieder zu erkennen sind, offenbar aus falscher Schonung für den schottischen Dichter – wenngleich von einer geschickten Feder –«

»Der Herr«, unterbrach mich der Unerklärliche, »gibt uns eine affectvolle Erklärung, daß ein Schriftsteller nie in Affect gerathen solle. Doch, das Kunststück war so gut gerathen, Herr Dousterwivel«, wandte er sich zu diesem, »weshalb inne gehalten? Eine Fabrik, die nur ein Exemplar hervorbringt, und wäre es ein Meisterstück, macht schlechte Geschäfte.«

»Wie alle deutsche Fabriken, wollen sie concurriren mit englischen, und wären die Waaren 752/3 Procent besser«, schrie der jüdische Handelsmann zu uns in schiefer Richtung.

»Das kommt von einem Schwabenstreiche«, antwortete Dousterwivel noch auf die vorige Frage.

Was ein Schwabenstreich sei, verlangte man zu wissen.

»Unter einem Schwabenstreich«, sagte Dousterwivel, »verstand man ehedem eine jede Handlung, so in Schwaben vorging, welcher man dann keine besondere Raison zutraute, sintemalen es sprichwörtlich hieß, denen Schwaben käme die Vernunft erst im vierzigsten Jahre. Selbiges hat sich nun zwar als verleumderisch erwiesen, indem eines Theils uns der Dichter Ludovicus Uhland gezeigt, was unter Schwabenstreichen zu verstehen, nämlich gewaltige Schwertstreiche eines alten schwäbischen Ritters; andrerseits mir aber verschiedene junge Männer bekannt sind, welche nicht allein Vernunft besitzen, sondern auch zierliche Poemata in gebundener Rede entwerfen, Beides vor dem vierzigsten Jahre, wie z. B. ein gewisser Karl Grüneisen, auch ein anderer witzbegabter Doctor, so bereits im zwanzigsten, außer etwelchen satyrischen Werken, einen ganz lesbaren Brief aus Paris über eine deutsche Sängerin geschrieben. Jetzund aber nennt man Schwabenstreiche in Deutschland die Sentenzen zweier Justizhöfe, welche den Verleger eines Schriftstellers verurtheilt haben, dieweil dieser einen fingirten Autornamen angenommen, den bereits ein anderer vor ihm für sich fingirte. Sie begreifen nun wol von selbst, meine Hochverehrten, wie die Continuation solcher Scherze aus Furcht vor Schwabenstreichen nicht wohl thunlich war. Denn, gesetzt, ich schreibe unter dem Namen Dousterwivel, so kommt jener Dousterwivel aus dem ›Alterthümler‹ und sagt, er habe das specielle Recht, Dousterwivel zu heißen und als Dousterwivel zu schreiben. Wir recurriren Beide in dem Proceß Dousterwivel contra Dousterwivel an den großen Unbekannten; da aber dessen Name selbst unbekannt ist, wer entscheidet vor unsern Gerichten, wer der wahre Dousterwivel ist, und wer blos den Namen führt?«

»Es ist ja nicht überall Schwaben«, sagte der Unerklärliche.

Ich mußte mich meiner schwäbischen Landsleute annehmen; ich rühmte ihre reiche Geschichte, die auch zu den Nachkommen aus den Strömen, Bergen, Felsen und verfallenen Burgen, geschwängert durch tausend heilige Erinnerungen, lebendig spricht; ich lobte ihre Dichter, den freien und treuen Sinn des biedern Völkchens, ihr Remsthal, ihre grünen Berge, ihre klangvollen Lieder, ihren Wein, ja, ich verteidigte selbst ihre Justiz: »Ist nicht Uhland ein Advocat, und mögen nicht die beiden Gerichtshöfe, als sie den Buchhändler verurtheilten, weniger an den Fall gedacht haben als an seine andern Sünden? Ließ nicht derselbe Bibliopole die Memoiren der Henriette Wilson übersetzen? Ist er es nicht, der Ihren Walter Scott so tief erniedrigt, daß er das Bändchen für 21/2 Silbergroschen verkauft? Schon wegen dieser Injurie gegen den großen Dichter und die Ehrbarkeit des deutschen Buchhandels verdient er die Strafe, und Ihre schwäbische Justiz volle Ehrenrettung.«

»Wissen Sie so viel Lobens von Ihren Landsleuten zu machen«, sagte der Unerklärliche, mich possirlich fixirend; »weshalb schreibt man nicht bei ihnen schwäbische statt schottischer Romane?« Man kann sich vorstellen, wie ich schon lange von unerklärlichen Zweifeln befangen war, erstens, wie der Mann wisse, daß der Waverley-Autor ein zweites Manuscript uns zugeschickt, und zweitens, daß ich ein Deutscher sei. Da nun in der letzten Erkennung für mich gar nichts Schmeichelhaftes lag, indem die Engländer nach dem Portrait meines Nachbars Dousterwivel sich das Bild der Deutschen entwerfen, so erwiderte ich dem Unerklärlichen, ohne ihm und uns schmeicheln zu wollen:

»Man fährt in der Welt auf ordinairen Posten, oder auf Diligencen, auf Chausséen, oder Sandwegen, aber der Erkenntniß kommt man überall näher. In Schwaben gibt es Berge wie in Schottland, auch werden dort wie hier die Mühlen vom Wasser wie vom Winde – Letzteres seltener in den Bergen – getrieben. Schon im ›Walladmor‹ sprach Master Malburn von einer edinburger Dampfmaschine, die Dampfmühlen sind aber in Schwaben zur Zeit noch nicht gebräuchlich, und es steht dahin, ob sie, wenigstens die literarischen, vermöge Lord Cochrane's griechischer Dampfexpedition von dort mit den neugriechischen Moden bei uns Eingang finden werden; allein, um historische Romane zu schreiben, dazu gehört mehr als Maschine und Dampf. Wasser haben wir die Fülle, Wind nicht minder, sie hätten es schon zur Noth ohne Dunst gethan; überdem lautet es in einem neuen satyrischen Gedichte:

Köpfe junger Philosophen
Geben den erwünschten Dunst.

Aber der Stoff! Hektor von Griechenland ist uns mehr bekannt als jeder Kaiser des römischen Reiches, und was über unsern Großvater hinausgeht, findet, als otaheitische Geschichte vorgetragen, bessern Glauben. Es gäbe zwar einen Ausweg. Einen Roman von Ludwig dem Baier, dem großen Kurfürsten von Brandenburg, Christian von Braunschweig als aus dem Englischen übersetzt, in die Welt zu schicken; allein, Würdigster, bedenken Sie die Kritik! Nein, ich hege andere Hoffnungen; es muß erst ein allgemeines Volksinteresse erwachsen, und die Zeit ist da.«

»Sie meinen Napoleon, die Anstrengungen des deutschen Volkes in Ihren Freiheitssiegen?«

»Nicht doch, das ist längst vergessen; aber Siege, neue Siege, die das Nationalgefühl beleben! Kennen Sie unsere Henriette?«

»Die schöne Sängerin«, erwiederte der Mann der unbegreiflicher Weise Alles wußte. Doch mir war das nicht genug.

»Schön, anmuthig, reizend – das ist nichts gesagt. Wie faßt man die verkörperte Einigung alles Liebreizes und aller weiblichen Vollendung in einem Worte zusammen? Unsere Henriette, sagen wir, und wissen, was wir meinen.«

»Wir haben auch Henrietten«, fiel der kalte Mann ein, »die wir die unsern nennen, als die Henriette Wentworth, Henriette Byron, der Henriette Wilson zu geschweigen.«

Mein Jude rief herunter, so weit übergelehnt, um am Gespräche Theil zu nehmen, daß wir fürchteten, er stürze über: »Es ist nur die Einzige in der ganzen Christenheit!« Und ich, den die Vergleichungen des Unerklärlichen aus dem billigen Gleichmuth gebracht, rief hinauf: »Und England kaum Werth, sie zu hören.« Und doch fuhr ich fort, damit England wenigstens Etwas von ihr hören möchte: »Nur den Moment wünschte ich Ihnen herzuzaubern, als die Schüchterne, unbewußt, wie die ganze Stadt sie anbete, demüthig in die Bureaus geht, selbst, wie sie nach frühern polizeilichen Anordnungen im Süden nicht anders glaubt als daß es sein müsse, ihren Reisepaß zu besorgen. Ein junger Mann, den lange die ehrfurchtsvollen Wünsche im verschwiegenen Busen verzehren, folgt ihr seufzend von fern; er sieht, wie Beamte, ergraut am Schreibtisch, bei'm Anblick der Fee aufstehen; Calculatoren halten in der halb zusammenaddirten Seite inne; Männer, die funfzig Jahre studirt haben, grob zu sein gegen Bittsteller und Untergebene, beugen den geraden Nacken, die Mundwinkel verziehen sich, sie stottern Floskeln hervor, einst in der Jugend gebraucht, als sie um die Gunst einer Holden oder eines gestrengen Präsidenten anhielten. Nur die Lippen braucht sie zu öffnen, und ihr ist gewährt. Sie verbeugt sich dankend und kehrt um; die Arbeitstische werden verlassen, mit den Federn in der Hand folgen ihr Subalterne, Directoren, Cassenboten. Da erblickt sie den Jüngling. Sie nickt ihm freundlich zu, und, erröthend über den Andrang der Neugierigen, bittet sie ihn um seinen Arm, Der Glückliche führt die mit niedergeschlagenen Augen, verlegen durch die Straße der Gaffenden, Einherschreitende bis an die Kutsche; und, als die Kutsche fortrollt, ihm noch in's Ohr ihr freundliches: ›Ich danke Ihnen recht sehr!‹ dröhnt; als die Schirrmeister versichern, sie ist ein Engel und die Postillione ihr staunend nachblicken, da glaubt der junge Mann an die Existenz eines Himmels, den er lange bezweifelt.«

»Das war ein Bild«, sagte der Unerklärliche. »Vermuthlich eigne Erfahrung?«

Mein Jude oben seufzte herab; der Reisende horchte mit offenem Munde; Dousterwivel faltete die Hände. Ich verwünschte den prosaischen Unterbrecher.

»Ein zweites Bild. Sie tritt zum letztenmale vor ihrer Reise auf. Rauschender Beifall, so oft sie erscheint, der Schluß jeder Arie ein Freudenfest. Blumen, Kränze, Gedichte fallen aus den Logen ihr zu Füßen; ein Gefühl der Freude auf allen Gesichtern. Es ist eine Stimme, die Stimme des ganzen Publicums, die sie hervorruft; sie dankt gerührt, selbst freudig, aber mit heiterer Ruhe; sie ist einer solchen Theilnahme in dem Hause, dessen Glanz nur ein flüchtiger Abendschimmer ist, gewohnt. Doch jetzt enteilt sie, sie will hinüber in ihre stille Wohnung; die ganze Stadt drängt sich auf dem weiten Platze, eines letzten Blickes der Scheidenden sich zu erfreuen. Schüchtern tritt sie zurück. Ehrwürdige Männer mit ergrauten Haaren, längst mit väterlicher Liebe ihr zugethan, überreden sie, dem Volke diese letzte Freude nicht zu rauben. Von ihnen geführt, schwankt sie hinüber. Tausend und aber tausend Hurrahs steigen zu den Lüften; Fackelschein, geworfene Mützen, Blumen auf ihrem Wege. Die Menge ist noch nicht befriedigt. Sie soll am Fenster erscheinen. Helden und Hohe, selbst die schönsten Frauen stimmen in den allgemeinen Wunsch. Es ist kein Neid vorhanden. Die Ueberselige weint am Halse einer Freundin. ›Gott, was die Leute von mir wollen! Man darf doch hier auch nichts für sich thun und denken.‹ Vermittler, aus den Ersten der Stadt, froh, unter die nähern Bekannten gezählt zu werden, sprechen umsonst von der Bescheidenheit und Schüchternheit der Gefeierten; das Volk besteht darauf, es will sie noch einmal sehen. Sie erscheint auf dem Balcon, Thränen im Auge; sprechen kann sie in diesem Augenblicke nicht, die das Meer aller Töne in ihrer Brust umschließt. Ein lauter Ausbruch des Entzückens, daß das Glockenspiel der nahen Parochie nicht gehört wird, dann eine Todtenstille der Rührung. Wildfremde drücken sich die Hände, man sinkt sich an die Brust; die Droschkenfuhrleute weinen. ›Es gibt doch noch Enthusiasmus im deutschen Volke!‹ hört man einen Gelehrten rufen. Ein bejahrter Mann wischt die Thränen aus dem Auge und spricht zürnend: ›Wenn solch ein Anblick unsere Jugend nicht entflammt, was soll aus ihnen werden, wenn sie Greise sind!‹ Ein feindlich Gesinnter geht langsam durch das murrende Volk. Man wetzt die Zähne, und in erhabener Stellung sieht man würdige Männer die, schnell geballte Hand langsam entkrümmen: ›Es ist gut, daß er fort ist. Nur einen Augenblick langer hier, in unsern Jünglingen ein Tropfen echten Mannesbluts, und – Blut hätte fließen müssen.‹«

»Ja,« sagte Dousterwivel, »es war ein kritischer Moment.«

»Einige wollten,« sagte ich, »sie geleiten, das wäre aber ein Attentat gegen das ganze Volk gewesen, dessen Segenswünsche ihr folgten. Nun hätten Sie die Bangigkeit auf allen Gesichtern lesen sollen, bis die ersten Nachrichten aus Paris einliefen. ›Ob sie reussiren wird?‹ – ›Hat sie gesiegt? In dieser Minute tritt sie in der Seinestadt zum erstenmale auf‹, so fragten sich die Blicke Bekannter und Unbekannter. Es kam die erste Post. Das Blatt entfiel dem Lesenden, die Augen gingen ihm über. ›Wir haben gewonnen! Deutschland hat obgesiegt!‹ Der Rausch der Siegesfreude malte sich auf allen Gesichtern. Wiederum drückte man sich die Hände. Die Diplomaten in den Salons, die Bedienten unter der Treppe; es gab nur eine Unterhaltung – Sie. Ich sah den prosaischsten Marqueur auf den Umschlag der Journale Gedichte kritzeln. ›Es ist man nur wegen der Ehre für's Vaterland!‹ Man wurde während der Zeit schlecht bedient. Wer wünschte sich nicht mit jenen jungen Deutschen nach Paris, die sich die Hand, das Auge voll Freudenthränen, im Parterre drücken und zujauchzen konnten: ›Wir sind Deutsche!‹ – Zeitungen über Zeitungen; das Nationalgefühl noch einmal belebt; die Zeit wieder da, als die Buben mit den Extrablättern umherliefen, mit gellender Stimme kreischend: ›Extrablatt von dem neuesten Siege der Preußen über die Franzosen!‹ Warum gab man auch nicht solche Blätter aus? Hatte doch eine Deutsche, ohne allen Beistand als ihren eignen Reiz, über Frankreich gesiegt; sie hatte ergrimmte Factionen, Liberale, Aristokraten und Ministerielle zur lauten Bewunderung vereinigt, noch mehr – sie hatte das Höchste erreicht, sie hatte Deutsche für Deutschland enthusiasmirt!«

Ich hatte während meines eignen Enthusiasmus gar nicht bemerkt, daß der meiner Reisegesellschaft auf einen andern Gegenstand gerichtet war. Man blickte zum Fenster hinaus auf einen entfernten Punkt. Vergessen habe ich freilich zu bemerken, daß wir, in westlicher Richtung uns fortbewegend, schon einmal in blauer Ferne die Berge von Wales vor uns erblickten. Auch jetzt zeigten sie sich wieder am klaren Horizonte, aber die Aufmerksamkeit schien mehr auf einen spitzen Thurm gerichtet, der zur Rechten auf einem Höhenzuge als gewaltiger Meilenzeiger für Grafschaften und Reiche in die Luft sich erhob. »Nicht wahr, die kahlen Höhen von Wales sehen anders aus als man sich gedacht?« flüsterte der Unerklärliche, mir auf's Knie klopfend.

Kannte der Mann mein Verhältniß zum Walladmor? Sein sarkastisches Lächeln sprach dafür. Ich fragte ärgerlich: »Der Thurm dort ist?«

»Der Thurm von Avalon«, entgegnete der Andere.

»Avalon!« rief ich im freudigen Erstaunen voll Stolz und doch nicht ohne Vorsicht, ob ich sie noch hätte, an meine Papiere in der Tasche klopfend, »Avalon der Familie Loscelyne?«

»Richtig!«

»Avalon in der Nähe von ****?«

»Ist die nächste Station.«

Als wir dort angelangt waren – der Wagen fuhr pfeilschnell, und eine dreistündige Rast, bis die nächste Landkutsche abging, erlaubte einem Reisenden, dem Notizen für sein Tagebuch wichtiger waren als ein Mittagbrot, alle Muße zur Befriedigung seiner Neugier – kaum angelangt also, als ich auch schon den nächsten von dem rothwangigen Wirthsmädchen mir lächelnd beschriebenen Fußweg nach den Ruinen einschlug. Ohne mich ein einzigesmal umzublicken, stand ich in Zeit einer halben Stunde am Fuß des Berges. Brauche ich Dir noch, geneigter Leser, zu schildern, wie ein verfallenes altes Schloß aussieht? So hyperromantisch gelegen als Walladmor ist Avalon nicht, auch ist weit Weniger erhalten, und die Rübenbeete ziehen sich den Berg hinauf bis in die verfallene Mauer hinein, ja der Hopfen rankt sich an ihnen auf statt des Epheus. Aber die Nelkenbeete zwischen dem Schutt, ja, auf den Mauern selbst, gewähren einen reizenden Anblick; und wenn man auf die andere Seite des Schlosses tritt und über das ziemlich jähe Ufer in den Avon sieht und, dessen Lauf verfolgend, Stratford, Shakspeare's unsterblichen Geburtsort, und die majestätischen Thurms des Warwick-Castle zu erblicken glaubt, möchte man doch den Aufenthalt hier dem monotonen Novembersitz auf Walladmor vorziehen. Sieht man doch, daß selbst Bertram, der nach allem Romantischen jagte und, überdies im Besitz der interessanten Ginievra, sich dort langweilte und ein Fuchsjäger und Pferdefreund wurde.

Glaube nicht, daß ich wie toll und blind durch das alte Gemäuer rannte, unterirdische Gewölbe aufstöberte und, indem Molche und Nachteulen hinausflogen, in einer geheimen Truhe die pergamentene Urkunde meiner Geschichte fand. Ich trug bereits das Manuscript in der Tasche und alle Eingänge zu dergleichen Kellern, mit Bretern vernagelt oder in schmuzigen Winkeln, reizten nicht die Lust. Auf den Thurm wäre ich vermittelst der Leiter darin zwar gern gestiegen. Der Wirth aber, der den Schlüssel verwahrte, war auf dem Felde. Für einen Schilling hätte ich einen Boten zu ihm, und für zwei Schillinge seine Einwilligung gehabt, jedoch kostete der zweite Bote nach dem nächsten Edelhofe, wo der Besitzer Sir Tobias H*** die Obereinwilligung ertheilen konnte, drei Schillinge, ein Douceur von fünf Schillingen an den Intendanten desselben hätte mir diese gewiß verschafft; da aber außer den elf Schillingen, ungerechnet das Douceur des Aufschließers und Führers, drei Stunden vergangen, und die Post wieder abgegangen wäre, mußte ich das wohlfeile Vergnügen der freien Aussicht aufgeben. Was indessen noch sonst von dem Schlosse zu sagen ist, wird der geneigte Leser in der Geschichte selbst finden, da ich auch für Solche, die keine Einleitungen lieben, eine Beschreibung des Schlosses von Avalon aufsparen muß. Freute ich mich doch fast mehr an dem Anblick des Wiederaufblühens als dem der Zerstörung; und ringsumher wohlbestellte Saaten, Mühlen in voller Thätigkeit, getrieben von den rauschenden Wellen des Avon, umgrünte Meierhöfe, lachende Blumengärten, und die hübschen frischen Gesichter!

Bei'm Worte Gesichter: als ich mein Gesicht in eine Luke steckte, zu sehen, was dahinter wäre, nickte mir ein anderes entgegen, und zwar des Unerklärlichen. Ich mußte im Umsehen gar gewahr werden, daß auch Dousterwivel und der Reisende zwischen den Ruinen umherschritten und Gesichter zogen, indem sie die Gesimse in ihr Tagebuch eintrugen, ohne in Gefahr des Lord Elgin'schen Verrufs zu kommen, da es nur mit Bleistift geschah. Ich muß dabei selbst ein sehr ärgerliches Gesicht gemacht haben, denn der Unerklärliche lachte verstohlen, und nachher faßte er mich unter den Arm und führte mich bei Seite.

»Haben wir nicht diese Scene schon einmal im ›Walladmor‹ gehabt?«

»Freilich«, erwiderte ich ärgerlich, »es fehlt dort nicht an Ruinen, Burgen und Aufpassern.«

»Nein, Verehrtester, die specielle Scene zwischen uns Beiden, als ich Sie in den Morästen von Merioneth am Galgen belauschte.«

»Sir Thomas Malburne?

»Ein Name nur von Ihrer Erfindung, über die ich mich wenig zu bedanken habe.«

»Sie«, rief ich, und zog ihn in den Winkel, den wunderbaren Mann ganz zu fassen. »Sie sind der große Unbekannte?«

»Bester Freund, hüten Sie sich ja vor den Wiederholungen – ich könnte aus eigner Erfahrung sprechen – dasselbe Gespräch, dasselbe Erstaunen kommt ja schon im ›Walladmor‹ vor. Ich bin es; bin ich Ihnen darum mehr bekannt, als was Ihr Scharfsinn schon aus meinen Reden in der Landkutsche schließen konnte? Wir haben Geschäfte und keine Zeit zu verlieren; um daher schnell zur Hauptsache zu kommen, summire ich die Introduction unserer Unterhaltung dahin: ›Sie kommen, nachdem Sie drei Jahre mein Manuscript in Händen haben, nach England, um Localitäten und Personalitäten kennen zu lernen; Sie wollen auch mich kennen lernen; Sie wollen fragen und befragt werden: wohlan denn, die Katechisation soll anheben.‹«

»Erlauben Sie mir erst zwei Fragen: Woher erkannten Sie mich, da wir doch bisher unsere Correspondenz nur durch Buchhändler ohne Zusendung unserer wahren Namen und Portraits führten?«

»Bester junger Freund, wie erkannte Malburne den Bertram? Und ich hoffe, Sie trauen dem Unbekannten, den die Welt groß nennt, etwas mehr Verstand zu als Ihrem Malburne, an dem wir ein gerechtes Aergerniß genommen haben.«

»Wie ich«, fuhr ich dazwischen, »an der Rückübersetzung des ›Walladmor‹, die, in Ihrem beliebten Gleichniß zu bleiben, wie die ausgequetschte Orange genau mit derselben Haut, Schale, Fasern, Kernen, aber ohne Saft aussieht. Weshalb thaten Sie mir dies an?«

Er lächelte: »Was geht mich die Rückübersetzung an, und, wenn sie mich etwas anginge, Verehrtester, so bleibt das mein Geheimniß. Aber nun medias res und zum Ernste. Steckten Sie in Griechenland oder in Afrikas Mitte diese drei Jahre? Bedenken Sie, wie viel dreibändige Romane man in drei Jahren liefern kann, mein Entwurf war so vollständig, die Historie so plan und klar und –«

»Und«, fiel ich ihm in's Wort und zog mit stolzem Selbstgefühl aus beiden Rock-, Brust und Hosentaschen die Manuscripte hervor; ich wollte auch die Weste aufknöpfen, allein er ließ es nicht zu.

»Bemühen Sie sich nicht, ich bezweifle nicht Ihren Fleiß.«

»Denken Sie«, hub ich an, »die mir gestellte Aufgabe habe eine Bagatelle wie bei'm ›Walladmor‹ betroffen? Kennen Sie deutsche Gründlichkeit, die sich nicht mit Citaten und Anmerkungen begnügt, sondern die Quellen in succum et sanguinem vertirt? Die Bibliotheken von Göttingen, von **, von *** wurden nicht umsonst durchstöbert. Keine der von schwerfälligem Witz dickleibigen Memoiren jener Zeit entging meiner Aufmerksamkeit; ich kann sagen – indem ich die Papiere zusammenraffte – mit dem Studium der drei Jahre darf ich keck vor den strengsten Richter treten.«

Der lächelnde Blick des Unbekannten verrieth mir, daß meine Zuversichtlichkeit bei ihm keine Zuversicht auf meine Arbeit hervorgebracht habe.

»Der strengste und einzige Richter ist das Publicum; Romane schreiben wir zu dessen Vergnügen und nicht um unsern Fleiß zu zeigen. Dem Publicum gefiel die flüchtige Bagatelle des Walladmor.«

»Wollen Sie den Roman nicht anerkennen«, rief ich empfindlich, »so wage ich, damit unter eignem Namen vorzutreten.«

»Bewahre!« rief er. »Ich liebe nur nicht die Caprice junger Autoren, die ihr letztes Werk immer für das beste erklären. Das Stück Arbeit mag ganz gut zu seinem Zweck sein für einen deutschen Markt. Ueberdies würde es sich wenig schicken, wollte ein Fremder diesen Hauptpunkt unserer Geschichte behandeln, eine Periode, so wichtig für England und durch England für die cultivirten Staaten, daß man von ihr sagen kann, wie es in Ihrem alten Gedichte, der ›Klage‹, heißt:

Es ist dui größiste Geschicht
Dui zer Werlde je geschah.«

Das erwärmte mich wieder: »Ich glaube, die Helden so aus der Geschichte in den Roman und aus Ihrem Englisch in unser Deutsch übersetzt zu haben, daß man sie in ihrer reichen Eigenthümlichkeit wieder erkennen soll. Mit einer Treue, die man eine deutsche nennen kann, folgte ich ihrem durch geschichtliche Thatsachen documentirten Charakter; es sind die Helden, wie sie in Ihren Annalen glänzen, die hier wieder auftreten; ich legte keine Schminke den Fehlern der Lieblinge auf, ich bemühte mich nicht, die bösen noch schlimmer zu machen, indem ich ihren bessern Handlungen schlechte Motive ersann; ich habe überhaupt nichts ersonnen. Den Männern der Zeit sind die Reden in den Mund gelegt, die uns die Memoiren aufbewahren, die Thatsachen sind getreu wie gegebene Juwelen in eine Krone gesetzt, und das Interessanteste ist vielleicht immer das wirklich Geschehene. Heilig waren mir die geschichtlichen Ueberlieferungen, und mein ganzes Streben war: nicht die Zeit zu mir herzunöthigen, sondern mich selbst in jene gegebene Zeit zu versetzen.«

Der Unbekannte hielt sich die Ohren zu:

                 »Halt inne, Freund,
Das ist zu viele Tugend auf einmal.

Es soll mich freuen, wenn Sie nicht das Retorsionsrecht ausgeübt haben gegen unsere liebe Miß Jane Porter, welche in ihrem ›Christian von Braunschweig‹ etwas unverzeihlich mit der Historie und den Charakteren der Deutschen umgesprungen ist.«

»Hatte ich verfahren wollen wie diese gute, nicht talentlose Dame, welche die fürstlichen Helden unserer Reformationskriege zu Banditenanführern macht, so wäre auch Ihr großer Oranien zu einem Gaudieb geworden, oder Ihr Jakob zu einem Abimelech und Herodes vor Bethlehem. Aber konnten Sie so etwas besorgen, großer Mann, weshalb überließen Sie überhaupt einem Fremden die Ausarbeitung einer Geschichte, die, nach Ihrer eignen Aeußerung, an Bedeutung den historischen Inhalt aller Ihrer Novellen überwiegt?«

»Für Alles in der Welt sind Gründe und Ursachen.« Noch muß ich anführen, daß der große Unbekannte hier sehr bedächtig eine Prise nahm. »Ich könnte Ihnen hunderterlei Gründe angeben, Verehrtester Freund, und es wäre doch kein einziger wahrer darunter; ich könnte Ihnen sagen: Ihre Uebersetzung des ›Walladmor‹ habe mir so gefallen, daß ich Sie für fähiger als mich selbst hielte; allein, Würdigster, was würde Ihre Wahrheitsliebe zu einer solchen Schmeichelei sagen? Ich könnte auch versichern, ich wäre Ihnen so gewogen, daß ich Ihnen lieber als mir den Ruhm und Vortheil gönnte; doch Sie würden über die grobe Lüge erröthen, da ich Ihnen für die kleine Unverschämtheit, mich als hinkenden Teufel neben dem Galgenreiter aufzuführen, eher eine artige Beschämung zudenken muß und zudenke. Daher, alle Lüge entfernend, als Ehrenmann zum Ehrenmann gesprochen: sind Sie mit der Rolle der Katze zufrieden in der Fabel mit dem klügern Hausthier? Mein harmloser und unsatyrischer Freund, es ist die schwierigste Aufgabe für einen Novellisten, diese große Geschichte zu einem interessanten Roman umzuarbeiten, und doch mußte es geschehen, sollten meine historischen Romane nicht wie Speichen eines Rades ohne Achse umhergehen. Man liest, wie die Stuartsanhänger sich in meinen Romanen vergeblich bemühen, die alte königliche Familie wieder auf den Thron zu setzen, auch wie sie vor der Katastrophe tyrannisirt haben; doch von der Katastrophe selbst erfährt Niemand etwas, der nicht seinen Hume nachliest.«

»Was bei den Romanenlesern nicht zu vermuthen ist«, sagte ich.

»Soll ich nun, fuhr er fort, mein schönes Capital von Ruhm hintansetzen, indem ich dieser schwierigsten Arbeit meinen Namen voransetze, ohne ihm eine Hinterthür offenzuhalten? Deshalb, carissime, sind Sie mein Uebersetzer. Sie sollen mein chiaro obscuro bleiben für alle zweideutige Partien. Gelingt es, so trete ich Ihnen aus Erkenntlichkeit einen Theil des Ruhmes von meinem ›Woodstock‹ ab; mißlingt es – ja, lieber junger Mann, weshalb haben Sie Ihre Kräfte nicht geprüft, ehe Sie sich an eine Aufgabe wagten, die mir selbst zu schwer war? Nebenbei« – das flüsterte er mir in's Ohr – »werden Sie leicht einsehen, wie ich, vermöge meiner, wenn auch gemäßigten Tory-Grundsätze, nicht zu allen Partien den Namen leihen könnte, und endlich, was die Monmouth-Geschichte anbelangt, so erlaubten meine Verhältnisse zur Familie Buccleugh noch weniger eine partie honeuse mit liebenswürdigen Farben zu malen; doch, krönt der Erfolg das Werk, so sein Sie versichert, ich will kein hartherziger Vater sein, der sein Kind nicht anerkennt; es soll meinen Namen haben.«

» Name« – fiel ich ein – »ja, das Buch muß einen haben, der Titel fehlt; wissen Sie einen?«

Er räusperte sich; wir waren indessen den Berg hinabgestiegen. »Vielleicht: ›Lehrreiche Folgen der Unvorsichtigkeit?‹ oder: ›Der Krug geht so lange zu Wasser, bis er bricht.‹«

»Oder lieber gar«, rief ich: ›Wer's Glück hat, führt die Braut heim?‹«

»Nun, man könnte ihn auch nennen, wenn Sie mit so einfachen nicht zufrieden sind: ›Der mitternächtliche Dolch‹, oder: ›Die rieselnde Blutspur unter den Trümmern des westlichen Thurmes‹; man sieht ja wieder Romane mit solchen Titeln im leipziger Meßkatalog.«

»Doch nur aus Quedlinburg«, sagte ich.

»Wie wäre es«, rief er, »kommt nicht Master Dousterwivel im Buche vor? Der Name ›Dousterwivel‹ würde locken.«

»Vielleicht in einer neuen Incarnation«, sagte ich; »in der gegenwärtigen haben die Dousterwivel nur unter einander Reiz und Verständlichkeit und Anziehungskraft.«

»Wohlan«, rief er stehen bleibend, »nach diesem Schlosse Avalon soll er heißen.«

»Aber das Schloß kommt ja kaum ein paarmal darin vor?«

»Was thut das? Der Name macht das Glück des Romans aus; je faßlicher, kürzer, klangvoller, um so besser. Was paßt der Name Kenilworth zum Romane? Und was machte das Glück des ›Walladmor‹, als der klappende Name, gerundet wie kaum der Waverley, mit drei vollen Vocalen und zwei L!«

»Avalon oder Schloß Avalon«, rief ich, »es sei!« Wir schlugen ein. Auf dem Rückwege konnte ich meine Besorgniß nicht verhehlen, daß Dousterwivel und der Reisende in gleicher Absicht mit mir die Burg besucht hatten.

»Dousterwivel«, sagte der große Unbekannte, »ist ein ingenieuser Kopf, und ich weiß nicht, ob wir nicht selbst ihm durch unsere Zumuthung der Walladmor-Autorschaft die Idee an die Hand gaben. Aber sind Sie ein Genie, kräftig und jung, und fürchten Master Dousterwivel als Mitarbeiter?«

»Aber auch der reisende Commis copirte Wappen, Sinnspruch und Thurm.«

Er lachte laut auf. »Halten Sie auch den für einen Literatus, weil er in einer Postkutsche mit dreien Andern zusammen sitzt?«

»So gut aus meinem Nachbar«, erwiderte ich, »der berüchtigte Dousterwivel, und aus meinem Gegenfüßler der berühmte Unbekannte geworden, kann ich erwarten, daß aus diesem näselnden Elegant der Held unserer Geschichte wird.«

Am Posthause angelangt, fanden wir den Commis im lebhaften Handel mit meinem Juden über eine Partie Havannahcigarren. Jupiter und Juno, Himmel und Erde wurden beschworen, Dichterfloskeln und grammatikalische Schnitzer dienten hier, die Waare herauszustreichen, dort, Fehler ihr anzusinnen. Malburne – in Ermangelung eines bessern Namens – klopfte mir auf die Schulter: »Ihr Held!«

Zeit, das Postregister nach dem Namen des Heros zu befragen, war nicht mehr, da des Kutschers Peitsche bereits zum zweitenmal knallte. Auf der kühlem Nachmittagsfahrt ordnete ich die Reisefrüchte des heutigen Tages in Gedanken; ich notirte mir Fragen, dem großen Unbekannten bei'm Abendquartier vorzulegen. Mir durfte er nicht verschweigen, wer er sei; hatte er mir doch, als ich vorhin leise auf die Hoffnung anspielte, es von ihm zu erfahren, die Hand bejahend gedrückt. Man muß auf meiner Stirn die Freude gelesen haben, klüger als alle meine Landsleute und ganz England heimzukehren. Er und ich blieben stumm, auf Dousterwivel und den Commis zu lauschen. Jener schlief, dieser hatte eine so fatale kaufmännische Miene, daß ich mich vor mir selbst schämte, nur in Gedanken ihn und den Helden meines Romans zusammengestellt zu haben. Wie Leute seiner halben Bildung zu thun pflegen, wenn ihre bescheidenem Gesellschafter stumm bleiben: er suchte zu imponiren. Er sprach von den Rittern von Avalon wie von Leuten, die mit ihm hinter einem Ladentisch gestanden; Rebellion, Restauration, Revolution, große Familien, es war, als habe er ein historisches und heraldisches Recht, darüber allein zu urtheilen. Lauter erhob er jetzt die Stimme:

»Dort hinter jener Hecke ist der Platz, wo Fletcher von Salton die Pistole dem Rundkopf auf die Stirn knallte. Der Schuß hielt England um drei Jahre länger in der Sclaverei.«

»Ist die Stelle so bekannt?« rief ich freudig überrascht, und steckte den Kopf zum Wagenfenster hinaus, um zu sehen, daß nichts zu sehen war. Wußte ich doch kaum in dem Augenblicke, ob das Factum, von dem der Mensch sprach, mein Eigenthum sei oder der Geschichte angehörte.

»Bekannt oder nicht bekannt«, antwortete Jener, sich zurückwerfend; »da Fletcher von Salton mein Ahnherr war, ist es mir bekannt.«

Ich rief erstaunt: »Fletcher von Salton aus der Familie –«

»Der Salton's von Tennison-Castle«, entgegnete Jener.

»Ein Nachkomme des berühmten Salton, der auch mit dem Ritter von Avalon –«

»In Freundschaft lebte«, fiel mir Jener in's Wort. »Ich weiß nicht, was Sie daran Sonderbares finden, da meine Familie und deren Geschichte in England zu wohl bekannt ist, obschon Hume in seine Geschichte nichts weiter aufgenommen, als den einen Pistolenschuß, und noch dazu sehr oberflächlich.«

»Warten Sie«, rief ich, »die Ehre Ihrer Familie wird durch einen Roman, worin Ihr großer Ahnherr keine unbedeutende Rolle spielt –«

Ich hätte mehr verrathen, als ich vor meinem Buchhändler, mir selbst und dem Unbekannten verantworten können, hätte ich nicht einen Tritt auf meine Zehen gefühlt; ein sehr deutlicher Wink, zu schweigen. Der Commis lächelte sehr vornehm:

»Der Roman nimmt aber doch ein glückliches Ende, denn mein Ahnherr, der übrigens, was das Vermögen unserer Familie anbelangt, nicht besonders für seine außerordentlichen Dienste belohnt wurde, war ein äußerst fideler Mann, der so viele Kinder erzeugte, daß unsere Familie fast etwas zu groß geworden, und der nichts weniger leiden konnte als das Pinseln und Winseln, und am allerwenigsten zu einem solchen Romanenheld taugt wie die in den Walter Scott'schen, die nichts thun und sich Alles gefallen lassen. Sie können sein Portrait in Tennison-Castle sehen, wo ich ihm als Kind einen großen Schnurbart angemalt habe, welches der Großvetter Squire dergestalt übelnahm, daß weder Vater noch ich seit meinem elften Jahre hineinkommen durften.«

Ich mäßigte mich, weiter mit Fragen in ihn zu dringen; Dousterwivel hörte auf die Antworten mit gespannter Aufmerksamkeit; und sollte ich die Notizen für unsern Originalroman dem Emissair des wiener Nachdruckers preisgeben? Ich drückte dem jungen Fletcher die Hand und fragte ihn verstohlen, als Dousterwivel sich einen Augenblick fortgewandt: »Heute Abend erfahre ich doch mehr von Ihrem berühmten Ahnherrn?«

»Stehe zu Diensten«, lautete es, und der Unbekannte lächelte mir freudig zu.

Welche Bilder stiegen in dem Ueberglücklichen auf! Der Wagen schaukelte und wiegte so anmuthig, während die Abendluft kühlend hindurchstrich. Das glückliche England, mit dem Wiederschein hundertundvierzigjährigen Friedens auf den Gesichtern seiner frohen Bewohner, ging wie die Bilder einer Laterna magica an meinem linken Kutschenfenster vorüber. Alles im Rosenroth der Abendsonne. Selbst das Geschwätz des Kaufdieners harmonirte mit der Behaglichkeit, welche mich in den süßesten Schlummer wiegte. Noch lange, nachdem die Augen fest geschlossen waren und die Sinne in höhere Regionen überschweiften, hörte ich das Geplapper; es wurde aber zum Geräusch der Handmühle, ohne Sinn.

Dousterwivel lag neben mir wie ein Automat, dessen Uhrwerk abgelaufen ist. Das Gesicht fiel immer mehr ein, die Haut sank widrig zurück auf den künstlichen Knochenbau. Des Reisenden Kinn und Mund war in die Halsbinde versunken, der ganze Mensch, – seine Kleider – war zur Vogelscheuche geworden, in der nur die Handmühle unermüdlich klapperte. Nur der Unbegreifliche lebte, ja, das aus Beiden entwichene Leben schien das seine verstärkt zu haben. Die Augen leuchteten einen heiligern Ernst; die sarkastische Maske fiel mehr und mehr ab; er richtete sich auf und sah mich lebhaft an.

»Nicht wahr«, hub er an, »Sie meinten es nicht so schlimm mit mir, wie es Viele ausgelegt haben?«

Eifrig erwiderte ich: »Das können nur Solche behauptet haben, denen der Sinn für das Hohe und Würdige abgeht; oder jene Verständigen und Scharfblickenden, die es nicht begreifen können, daß der Dichter, wenn er mit der Welt spielt, sich nicht von der Welt ausschließt; Jene, denen es auf immer versagt ist, in dem bacchantischen Freudentaumel mitzutanzen, wo die Menschen Federball spielen mit der Erde, ohne daß sie deshalb sich für erhabenere Wesen dünkten als alle vom Staube Geborene.«

Er drückte mir die Hand und stand vor mir – an eine Kutsche war nicht mehr zu denken, wir befanden uns, glaube ich, auf einem hohen Felsen. »Sie haben so gut die Maske lächelnder Gleichmuth in jenem Buche bis zu Ende behalten; Sie haben über sich selbst zu lächeln vermocht, was so Wenige vermögen, ja nicht einmal begreifen, wie es Jemand kann: warum können Sie, junger Mann, nicht auch im Leben jene Maske umbehalten, wenn der egoistische Hochmuth gegen Sie in's Feld treten wird?«

»Merken Sie mir«, rief ich erschrocken aus, »Besorgniß oder Empfindlichkeit an?«

»Sie sind«, antwortete er, »nach Ihren Blicken ganz der jugendliche Autor, der mit seligem Vertrauen auf den Werth des neuesten Werkes aus dem Schacht seiner Arbeitsstube hervortritt und nun die Blicke ängstlich nach der allgemeinen Anerkennung umherwirft. Wenn sie nun fehlt, Guter? Wenn man Ihrem gediegneren Studium nicht denselben Beifall zollt als Ihrer Laune? wenn man die Elemente dieser und jener Arbeit für eins hält und sagt: Einmal war der Scherz gut, pikant und überraschend; wiederholt, verliert, er seine Würze. Ich weiß, was Sie darauf zu erwidern haben: Jenes sei ein flüchtiger Scherz gewesen, Dieses sei eine große ernste Arbeit, die Frucht einer Lebensanschauung, der Sie nur aus Gründen wieder jenes Gewand des Scherzes geliehen. Aber, Bester, wer liest Erwiderungen und wer will Gründe, wenn er Nachmittags, ausgestreckt auf's Sopha, einen Roman verschlingt? So würden auch Befreundete sprechen; wenn nun aber auch die Feindlichen die Stimmen erheben, froh, den Gegner mit den eignen Waffen schlagen zu können; wenn endlich – schlimmer als Feindestadel – ein Freund gähnend das Buch bei Seite legt –«

»Halten Sie inne«, rief ich entsetzt, »dann war er schon vorher müde.«

»Es sollte ihn aber wecken, wenn es jene Kraft der Laune, der lebendigen Darstellung besitzt.«

»Wecken!« rief ich, »ja, es soll, wie mich die Geschichte weckte, auch die heiligen Erinnerungen an eine Zeit wecken, in der sich großartig alle die Verirrungen und Bestrebungen abspiegelten, die hundertfältig in neuerer Zeit wieder in's Leben traten, ohne so große Repräsentanten zu finden und ohne zu dem gedeihlichen Schluß zu kommen wie in jener glorwürdigen Periode der englischen Geschichte. Sollte man auch nicht mit mir denken und fühlen wollen – unsere Zeit ist ja mehr mit dem Sinn für anmuthige als große Erscheinungen begabt – sollte meine Arbeit verfehlt sein, so würde mich schon das Studium trösten, das mich mit jenen Heroen jener segenbringenden Epoche befreundete.«

Indem ich noch ferner vom Wecken sprach, wurde ich selbst aufgeweckt. Der Conducteur leuchtete herein, ob es gefällig sei herauszusteigen. Ich war der Einzige im Wagen.

»Sind die drei Herren schon im Quartier?« fragte ich.

»Haben Sie das nicht einmal gemerkt«, erwiderte der Schirrmeister erstaunt, »daß sie schon in der vorigen Station abgestiegen sind?«

»Und sie kommen nicht wieder?«

»Dann wären sie ja nicht abgestiegen.«

»Schlafen – fest schlafen und träumen!« rief ich verwünschend. »Daher kommt es!« Nur ein vortreffliches Gericht Forellen, ein Plumpudding, ein wohlbereiteter Hase, und guter (echter?) Madeira vermochten, mich zu trösten über eine Schwachheit, der ich es allein zuzuschreiben habe, wenn ich noch heute nicht weiß, wer der große Unbekannte ist.

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