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Schloß Avalon. Erster Band

Willibald Alexis: Schloß Avalon. Erster Band - Kapitel 16
Quellenangabe
authorWillibald Alexis
titleSchloß Avalon. Erster Band
publisherF. A. Brockhaus
year1827
pages302
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
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Vierzehntes Capitel.

Und darauf hat er dem Lord Mayor
   Gesendet einen Brief,
Worin er, was er selbst beging,
   Und Saras That beschrieb.

Ergriffen ward sie augenblicks,
   Und mußt nach Ludlow hin,
Wo man sie richtet und sie henkt
   Die schnöde Mörderin.

So starb die edle Königin
   Und war nicht mehr zu retten,
Und seines Mords in Polen halb
   Hängt Barnwell man in Ketten,

So endet mancher junge Mann,
   Der nach den Huren jagt,
Und um 'ne volle Börse wohl
   Sein Leben nächtlich wagt.

George Barnwell.

 

Wer je bei reger Phantasie ein wohlgetroffnes Portrait Algernon Sidneys gesehen, dem tritt das Bild aus dem Rahmen hervor, der Mund öffnet sich, die geraden edlen Züge des ehernen Gesichtes gewinnen Leben, und der Geist des Mannes, der wieder in die längst ihm entrissene Hülle zu treten scheint, kann uns die Scheu einflößen, welche dem willensstarken Manne im Leben unbekannt blieb. In seinem Wesen sprach sich der kühne Stolz und die hohe Sitte eines Cavaliers, des Sohnes des Grafen Lester, vereint mit dem freien Sinn und ungebeugtem Starrsinn des Republikaners aus. Man hatte ihn niemals bittend gesehen, wogegen wer sich mit ihm unterhielt, den Anschein eines Bittenden gewann, während Sidneys kühnes Auge den Inhalt der Bitte, schon ehe sie ausgesprochen war, zu durchdringen, und seine Zunge bereit schien, den Beschluß darauf auszusprechen. Viele die ihm keine ähnliche Kühnheit entgegen zu setzen hatten, vermieden ihn deshalb, und man sagt, der König selbst habe zu ihrer Zahl gehört, woher sich der besondere Haß, den er gegen den Ritter an den Tag legte, hergeschrieben.

Auch Robert Fletcher theilte diese Befangenheit als er im Begriffe stand das hohe Gemach zu verlassen, welches Sidneys Gefängniß im Tower bildete. Wäre es nicht Fletchers Degen und Hut gewesen, man hätte eher ihn für den angeschuldigten Verbrecher gehalten, als den von der langen Haft ungebeugten Ritter, wenn dieser mit großen Schritten das Zimmer maß. Das Gespräch schien ihn aufgeregt zu haben, dennoch blieb eine großartige Ruhe in seinem Tone und er munterte Robert auf, seinen Geist über die Trauer der Zeit zu erheben.

»Ich danke Euch, Robert Fletcher, daß Ihr so viel daran gesetzt, mich in meiner Haft aufzusuchen, aber noch lieber ist es mir, daß Ihr Euch nicht tiefer in unsere Angelegenheiten einließet, denn es müssen Männer übrig bleiben, und ich vertraue, meines Freundes Fletcher von Salton Sohn soll ein Mann werden.«

»Wie soll,« rief Robert aus, »Englands Jugend einst zum Manne reifen, wenn die einzigen, welche ihr Stolz, ihre Lehrer sind, mit einem Schlage hinsinken!«

»Um des Himmels und Eures Vaters Willen, Robert, werdet kein Thränodist. Wenn Ihr Quäker werden wollt, und über die gottlosen Zeiten klagen, dann wächst freilich der Baum der Freiheit nicht wieder. Es ist gut, wenn unser Angedenken hoch bei Euch steht, aber lernt uns übertreffen. Jede Zeit bringt ihre großen Männer hervor, und die blutigen Beile der Tyrannen lichten nur den Wald, damit andere Stämme noch luftiger in die Höhe schießen. Es ist Albernheit, um den Tod eines ausgezeichneten Mannes weinen, denn wo der Sinn kräftig ist, muß innerhalb keiner hundert Jahre ein ähnlicher, wo nicht ein größerer aufstehn? und nur, wo das ganze Volk sich aufs Weinen, Beten und Händeringen legt, verkommt der Geist in dem allgemeinen Jammer. – Das war der Rost« – fuhr er nach einer Weile fort – »der an dem Eisen der Republik nagte. Heldengeister, wie die Eures Vaters, statt sich zu stärken an den großen Bildern der Vorzeit, trugen ihre Postillen und Gebetbücher im Pistolenhalfter. Ohne mit heiserer Stimme einen Psalm abzukrächzen, wagte man keinen Reiterangriff, und der Infanterie mußte man erst von David und Simson vorpredigen, ehe sie auf das schlichte englische Commando horchten. Darum waren die Römer und Griechen so frei und groß, weil keine Priester die Herrschaft sich anmaßend, die Vernunft bei ihnen am Gängelbande gefangen hielten. Von den Priestern kommt alles Elend über die Welt und wird nicht eher aufhören bis der Verstand sich durcharbeitet durch den Sektenstreit der Freiheit, zu der er geboren ward. Nur noch wenige Jahre der echten Republik und der Pflug wäre, trotz den fanatischen Conventiklern und Episcopalen, über die Kirchen gegangen, aber es war noch nicht die Zelt gekommen. Das bleibt Euch vorbehalten, Robert, und stärket Euch dazu durch die Beispiele der Alten. Aristides und Brutus waren meine Vorbilder.«

» Wir brauchen nicht so weit ins Alterthum zurückzugehn,« sagte Robert mit Beziehung.

» Doch Robert! Wir sind besser als der Pöbel, aber nicht gut genug, als daß unsere Nachfolger genug thaten, wenn sie nicht besser würden. Euer erstes Gesetz sei, ergreift keine Maasregel halb. Ich hatte nicht die Kraft ein ganzer Brutus zu sein, ich wollte Engländer daneben, vielleicht auch Cavalier, bleiben, deshalb sitzen noch Könige auf Englands Thron und zwar Stuarts.«

Ein Lächeln des Hohns flog bei den letzten Worten über Sidneys stolze Lippen. Robert wollte sprechen, aber alles, was er vorbringen konnte, kam ihm gegen die Größe des Mannes so nichtig vor, daß er stumm blieb, indeß Sidney, die Hand auf seine Schulter legend, ihn anredete.

»Noch Eines. Dein Wille ist gut, Dein Muth zu loben und die Einsicht, was zu thun ist, wird kommen. Der Name, den Du trägst, kann viel bewirken. Was Du unternehmen sollst, darüber will und kann ich nichts vorschreiben, denn durch sich selbst soll der Mann zum Manne werden. Aber ich warne Dich, hänge Dich nicht blindlings an Monmouth und seinen Anhang. Ich lenkte ihn und in meinen Händen war der Herzog eine gute Waffe für die Freiheit; aber er muß immer gelenkt werden, und wir wissen nicht wem er in die Hände fällt. Halifax soll an ihn geschrieben haben, einen Fußfall zu thun, um Karl Stuarts Gunst wieder zu gewinnen. Obgleich er ein zu gutes Herz besitzt, seine Freunde zu verrathen, will ich nicht dafür stehen, daß er das Allmosen der Gnade annimmt. Darum stehe für Dich und traue auf Dich allein.«

Robert drückte feurig die Hand des Helden, aber noch einmal bot er in dringenden Worten was in seiner Macht stände, an, die Rettung zu versuchen. Der Ritter wies ihn lächelnd zurück.

»So gewiß der Aldebaran das Auge des Stieres ist, stirbt Algernon Sidney durch das Schwert des Nachrichters. Wenn Russel, der nie einem Stuart das Haar krümmte, von redlichen Geschwornen schuldig erfunden ward, wie soll eine Rotte meineidiger, besitzloser Schurken, die unter den wüthenden Jefferies über mich urtheilen werden, den alten Republikaner, den Todfeind des Hauses Stuart freisprechen? Der Gedanke, daß Karl Stuart mich begnadigen sollte, gränzt an Wahnsinn, ja ich könnte erdrosseln wer für mich bitten wollte. Da nun Flucht aus dem Tower unmöglich, auch mein Leib zu stark ist, einem Krankheitsfall zu erliegen, Sidney übrigens nicht wie Essex enden mag, so kannst Du mich schon wie einen betrachten, dessen blutigen Kopf der Henker dem Volke zeigt mit dem Rufe: ›Dies ist der Kopf eines Verräthers!‹ – Dabei ist nichts schreckliches. Ein Tod für die gute alte Sache, schmerzlos, schnell, vor Aller Augen und im Angesicht des Himmels, welcher Mann wollte den nicht dem marklosen Hinwelken vorziehn! Viele meiner Ahnen starben so, Könige, Englands erste Helden und edle Frauen. Mein Tod wird mehr für die Freiheit wirken, als es mein Arm vermochte. Für die kurze Todeszückung werde ich in Englands Nachwelt leben, mein Name wird gefeiert werden unter denen des Harmodius und Aristogiton und deshalb sage mir wie ein Mann dem Manne, ohne Thräne, ohne Wehmuth Lebewohl.«

Sidney drückte Fletchers Hand und entließ ihn mit einem so klaren Blicke, als habe nie der Schmerz über sein Gesicht gezuckt und nie der Zweifel seine starke Seele entmutigt. Doch rief er ihm noch nach:

»Das Getümmel draußen bedeutet, daß Lord Russel zum Tode geführt wird. Versäumt nicht das herzstärkende Schauspiel; sein Tod ist zu beweinen, den so viel schöne Bande ans Leben knüpfen; er wird wie ein Held sterben und wie ein Christ, ich möchte Euch nicht den doppelten Anblick gewähren. Wenn sein Blut sprüht denkt an England!«

Die Vorbereitungen zu Russels Hinrichtung waren fertig und im Vorsaal harrten die Angehörigen des Lords auf seine Abschiedsworte. Die Zahl seiner Freunde und Getreuen war so groß, daß sie nur einzeln zu ihm hineingelassen werden konnten, ja daß die Mehrzahl alle Hoffnung die Hand des Geweihten zu drücken und die letzten Worte mit ihm zu wechseln, aufgebend, sich freute durch die geöffneten Flügelthüren wenigstens seine letzten Momente zu belauschen. Der Lord und seine Gattin waren so festlich, wie zur feierlichsten Handlung ihres Lebens geschmückt. Die Lady war vom letzten Versuche für des Gatten Leben heimgekehrt, der König hatte sie auf den Knieen liegen lassen, jetzt lag sie in Russels Armen, um im letzten Erguß des Schmerzes die Ruhe und Sammlung zu gewinnen, welche ihr Gatte nie verleugnet hatte.

»Wenn die ungeheure Summe von hundert funfzig tausend Pfund,« sagte Doctor Burnet, »welche Euer erlauchter Vater, der Herzog von Bedford, dem Könige durch die Portsmouth anbieten ließ, nichts vermochte, so darf Mylady nicht erstaunen, daß die Bitten der tugendhaften Tochter Southamptons fruchtlos an des Königs Ohr verhallten, da keine Stimme unlieber dort vernommen wird, als die der Wohlthäter.«

»Wir wollen uns nicht die letzte Stunde verbittern, lieber Freund,« sagte Russel, »die Bitterkeit des Todes ist jetzt überwunden, wir haben uns das Wort gegeben, keine Thräne nach dieser Umarmung zu vergießen.«

Die Lady richtete sich hier auf und beide standen, Hand in Hand, so heiter da, als sei es ein schöner und heiliger Augenblick, aus dem viele Früchte für das Leben entspringen würden. Jetzt aber trat Jemand, in einem großen Oberrock eingeknöpft, durch die Menge in Russels Gemach. Auf seinen Wink wurden die Flügelthüren geschlossen, und als dies geschehen, trat er mit einer Heftigkeit, aus welcher der tiefste Schmerz sprach auf Russel zu und drückte ihm die Hand. Es schien, als fehle ihm der Athem um zu sprechen, der Lord aber rief erstaunt aus:

»Sehe ich recht, es kann nicht sein. Was will Ew. Durchlaucht hier bei dem zum Tode Verurteilten?«

»Es war mir nicht möglich,« sagte Monmouth, »früher zu kommen. Ich wollte unterhandeln aus der Ferne, aber die Henker eilten.«

»Wärt Ihr in der Ferne geblieben! Unbesonnener, wie Viele im Vorzimmer kennen Euch. Was stört Ihr uns, was wollt Ihr?«

»Euch retten.«

»Es ist zu spät,« sagte Russel, »in jeder Hinsicht zu spät, denn ich bin schon todt, da ich den herben Schmerz der Trennung überstanden habe und doch Manns genug bin, den kurzen Druck des Stahls nicht zu fürchten.«

»Ich will mich angeben,« sagte Monmouth, »Eure Erhaltung zur Bedingung machen, wenn ich mich überliefere.«

»Es hilft mir nichts,« entgegnete Russel, »daß meine Freunde mit mir sterben. Heut in der Dämmerung bot Mylord Cavendish,« auf den er hierbei zeigte, »mir an, die Kleider mit ihm zu tauschen, ich lehnte das gefährliche Spiel ab. Darum nehmt meinen herzlichen Dank, Sir, aber dringt nicht weiter in einen todten Mann. Erhaltet Euch dem Vaterlande, versöhnt Euch mit Eurem Vater, und wirkt, was wir in unserer Blindheit nicht vermochten, zur Versöhnung hin.«

Es lag in Russels Worten eine Festigkeit, welche verkündigte, daß alles weitere Dringen fruchtlos sei. Auch unterstützte Niemand seiner nahen Freunde, die Bitte des Herzogs. Er trat zurück. Aber Russel näherte sich ihm freundlich, und flüsterte ihm mit einem leisen Händedruck zu:

»Man spricht von Unterhandlungen, wo Halifax den Vermittler spielt. Geht sie ein, Herzog, werft Euch dem Könige zu Füßen, denn ein Sohn soll nie, auch für die heiligste Sache des Vaterlandes, gegen den Vater im Harnisch stehen. Versprecht es mir, dann brauche ich nicht mit der Sorge zu scheiden, daß der Rettungsversuch Euch ins Unglück stürzte.«

Monmouth flüsterte ihm zu: »Ich habe an meinen Vater geschrieben, die Stunde ist schon bestimmt. Erlaubt mir dann den letzten Augenblicken des tugendhaftesten Mannes beizuwohnen.«

Es folgte eine feierliche Pause. Russel zog seine Uhr heraus. Man meldete die Sheriffs, welche ihn zum Schaffot führen sollten. Er zog, während sie eintraten, gelassen die Uhr auf, und sagte dann: »Jetzt ist meine letzte Rechnung mit der Zeit abgeschlossen, und ich habe nur an die Ewigkeit zu denken.«

Auf Burnets Wink knieten Alle nieder, und Burnet sprach das Gebet, das Russel nachsprach. Als die Bitte für das Wohl des Vaterlandes kam, erhob er seine Stimme, und die alte Begeisterung des Parlamentführers schien zu erwachen in der heiligen Handlung, indem er flehte, daß der Himmel die Gräuel des Papismus von diesem Eilande in alle Ewigkeit fern halte. Nachdem Alle aufgestanden, küßte er noch einmal mit feierlicher Ruhe die Lady, drückte den Umstehenden die Hand und folgte den Sheriffs, in der angeordneten Reihe.

Im Vorzimmer hielt ihn noch manches wohlbekannte Gesicht, bleich oder in Thränen schwimmend, auf; er tröstete und ermahnte, seine Worte fing man auf, wie Tropfen Weihwassers, aus der Hand des Bischofs auf die versammelten Gläubigen gesprengt. Am Ende des Saales trat er auf Jemand zu, der in dem Mantel eingehüllt, ein unbeobachteter Beobachter bleiben zu wollen schien:

»Sir Raleigh Loscelyne!« redete er ihn an, indem er dem Ritter die Hand drückte: »Wäre es auch Euer Zeugniß, was mir den Tod gebracht, ich schiede ohne Groll. In so bewegter Zeit, muß es uns mehr freuen unter den Gegnern tugendhafte Männer zu finden, als wären wir die wir scheiden, allein die Besonnenen, und zurück blieben die Ruchlosen.«

Nachdem die Menge schon die Treppe hinunterwogte, trat auch Monmouth, wieder fest in seinen Rock eingeknöpft, an Raleigh heran. Er prüfte den Ritter mit einem seltsamen Blicke, aus Theilnahme, Scheu und Unwille gemischt. »Bei Gott, Sir, ich hätte es Euch nicht verargt, wenn Ihr in gerechtem Unwillen den Stand Eurer Hoffnungen verläumdet, verschwärzt, ihn hinterrücks umgebracht hättet, aber nur der Himmel kann es verzeihen, wenn Eure Rachsucht England seine besten Männer kostet. Ladet nicht die Schuld auf mich, aber ich that Euch wehe und mag Euch deshalb nicht zürnen.«

»Täuschen meine Augen nicht, sagte Raleigh, stehe ich vor Seiner Durchlaucht von Monmouth; aber ich verstehe den Sinn der Rede nicht.«

»Redet mit Eurem Gewissen; ist es wahr, was man von Eurer Tugend spricht, so wird es ein stärkerer Ankläger gegen Euch werden als Monmouth, der mit dem eigenen nicht in Frieden lebt.«

Er eilte mit einem Blicke hinweg, der Raleigh in den größten Zweifeln würde zurückgelassen haben, hätte sein gegenwärtiger Seelenzustand dergleichen erlaubt. Er folgte dem Zuge, welcher vom Tower durch die volkreichsten Gassen nach den Lincoln's Inn-Feldern sich schlängelte, und auf denen hie und da schmerzlicher Jammer mit den Verwünschungen gegen den Rebellen wechselte, jenachdem die Factionen ihre Anhänger ausgestellt hatten. Nicht ohne Absicht war der Richtplatz so weit vom Gefängniß verlegt. »Man wollte der widerspenstigen Stadt ihren geliebten Anführer, einst den Gegenstand aller ihrer Hoffnungen zeigen, wie er nun der äußersten Strenge der Gesetze unterlag.«

Als Russel die Stufen zum Schaffot hinaufstieg, überwältigte aber der Jammer jedes andere Gefühl, das Schluchzen wurde allgemein, die härtesten Männer, auch die ihm feindlich gesinnten, wischten sich die Augen. Der Verurtheilte überreichte den Sheriffs seine Todesrede, und legte dann mit derselben Ruhe, welche ihn während des ganzen Prozesses nicht verlassen, sein Haupt auf den Block. Der Scharfrichter war bewegt, der erste Schlag war unsicher, erst beim zweiten rollte der Kopf eines der edelsten Männer, welche England je groß werden ließ, auf das Schaffot, der Rumpf sank herunter.

Eine lange feierliche Pause folgte. Nachdem die furchtbaren Ceremonien, welche das Gesetz beim Hochverrath verordnet, beendet waren, stürzte das nach Reliquien begierige Volk hinzu. Aber mit mehr Ungestüm als Alle drängte sich ein Jüngling hindurch und tauchte sein weißes Tuch in den Blutstrom; hoch erhob er es dann gen Himmel und rief ohne sich um die Menge zu kümmern, aus:

»Bei dem reinen Blute dieses reinen Märtyrers, gelobe ich, nicht zu ruhen bis ich England einen Dienst geleistet, der diese Schmach erlöscht. Der Arm soll nicht rasten, der Geist nicht ruhen, bis Willkür und Despotismus gebändigt sind und das freie England mit Abscheu hinblickt auf die Thaten aus den Zeiten der Schmach!«

Beim allgemeinen Tumulte konnte man darauf rechnen, daß Robert Fletchers unvorsichtiger Ausruf überhört wurde, und doch faßte ihn ein starker Arm von hinten und zog Ihn ins Gedränge zurück. Da Robert an dem Druck zu fühlen glaubte, daß es der eines Befreundeten sei, gab er nach, ob ihn schon der Andrang von Hüten, Köpfen, Tüchern den Mann nicht sogleich erkennen ließ. Als sie glücklich um die Ecke in eine kleine Quergasse, wo sich das Gedränge verlor, gebogen waren, ließ dieser ihn los und wollte sich mit den nicht freundlich vorgestoßenen Worten: »Unbesonnener! die Spione der Regierung lauschen in jedem Auflauf, und notirten sie Eure Worte, seid Ihr verloren.« schnell entfernen. Aber Robert hielt ihn fest:

»Raleigh! Um Gottes Willen! Kranker, bleicher Freund, was willst Du so unfreundlich enteilen.«

»Es wäre besser,« sagte Raleigh, »wir begegneten uns nie wieder im Leben.«

»Beim – weil mich die blutigen Schandtaten empört haben, oder welches Misverständniß waltet sonst zwischen uns?«

Raleigh sah ihm scharf ins Gesicht, als er aber den unerschrockenen Blicken seines ehemaligen Freundes begegnete, sagte er: »Es ist kein Mißverständniß. – Meine Augen sahen Robert Fletcher in jener mondhellen Nacht wie einen Dieb, – wie einen beutefrohen Räuber in mein heiligstes Besitzthum eindringen. – Mein Erbe hätte ich darum gegeben, wäre es Täuschung gewesen.«

Robert sah ihn groß an, ohne wie es schien ihn zu verstehen.

»Vielleicht verschwieg man es Dir, Unseliger, Lady Harriet Wentworth war meine Braut.«

»Harriet Wentworth!« fuhr Robert auf – »Unglücklicher Freund, wenn Dein Glück am Blicke des einen Weibes klebt. Sie ist für Dich verloren.«

»Du bist ihr Gatte,« sprach Raleigh schnell heraus. »In Deinen Blicken las ich Dein Glück, als Du in den Garten sprengtest.«

»Ich wünschte, Dir könnte mit der Täuschung gedient sein. – Ich war nur der Begleiter eines Größeren.«

»Wer war es?« fuhr ihn Raleigh an.

»Der Herzog von Monmouth,« sagte Robert mit gesenktem Haupte.

Raleigh verhüllte sein Gesicht mit einem Ausruf des Schmerzes. Robert fühlte ganz die Tiefe der geschlagenen Wunde. Er umfaßte den Freund, bis dieser sich ermannend mit klangloser Stimme ausrief:

»So täuschte meine Ahnung mich nicht; die Unselige ward betrogen; das herrlichste Weib auf dieser Insel, werth eine Königin zu sein.« –

Er sprach das kränkende Wort nicht aus; Robert aber sagte, indem er den Freund langsam fortführte, wie tröstend: »Doch ist sie Königin in Monmouths Herzen, und befreite ihn der Tod von der Gattin, die ihm Convenienz und der Königliche Wille des Vaters einst zuführte, ich zweifle nicht, er würde sie zur Herzogin vor den Augen der Welt erheben.«

 

[Ende des 1. Bandes]

 

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