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Schloß Avalon. Erster Band

Willibald Alexis: Schloß Avalon. Erster Band - Kapitel 15
Quellenangabe
authorWillibald Alexis
titleSchloß Avalon. Erster Band
publisherF. A. Brockhaus
year1827
pages302
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20180307
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Dreizehntes Capitel.

   Siegfried, der Herre, saß mit süßen Minnescherzen
Bei seinem schönen Weibe, so froh von ganzem Herzen,
Sie drückte seine Hände mit ihrer weißen Hand
Bis er vor ihren Augen, sie wußte nicht wie, verschwand.

   Und da sie mit ihm spielte und nun ihn nicht mehr sah,
Sprach so zu ihren Leuten die schöne Königin da:
»O Wunder, sagt, der König, wo ist er hingekommen.
Und wer hat seine Hände aus meinen mir genommen?«

 

Verhaftungen waren auf Verhaftungen gefolgt und schon hatte die blutige und eilfertige Gerechtigkeitspflege jener Tage verschiedene der Theilnahme an der Verschwörung im Rye-Haus, – so hieß der Meierhof, in welchem sich die Verschwörer versammelten, – überwiesene Verbrecher dem Strange geopfert, um Bahn zu brechen für die größeren Opfer, nach welchen die erbitterten Sieger verlangten. Ein allgemeiner Schrecken hatte sich über das Land verbreitet und selbst das trotzige London zitterte als es die Paladine seiner Freiheit, deren Namen wie Trompetenstöße den Kriegern des alten Parlamentsheeres tönten, im Tower ihr Gericht und Urtheil erwarten sah. Wer Rechte besaß, welche an Freiheit erinnerten, legte sie freiwillig zu den Füßen des Throns nieder, und die Niedergeschlagenheit und Hoffnungslosigkeit war so groß, daß die Auswanderungen von neuem begannen und die Nichtconformisten nur noch Amerika als das Land betrachteten, um ihrem Gott frei zu dienen. So konnte man es wagen, London selbst zum Zeugen der Gewaltschritte zu machen, welche unter dem Mantel der Gerechtigkeit die letzten starren Häupter beugen sollten, die dem despotischen Willen der Stuarts entgegenarbeiteten; ja man freute sich des Schauspiels und hoffte die für gewiß erwarteten Hinrichtungen als Symbole des letzten Triumphs der königlichen Sache so öffentlich als möglich vor den Augen von Londons Bürgern zu feiern.

Raleigh Loscelyne hatte diese Schreckenszeit nicht unthätig verlebt. So oft auch der kaum unterdrückte Krankheitsstoff wieder ausbrechen wollte, ward er von des Ritters rastlosen Anstrengung und Sorge für in die Verschwörung verwickelte Freunde gewaltsam zurückgehalten, ohne daß die Hoffnung eines glücklichen Erfolgs, als wohlthätiger Balsam für die Wunde des Herzens ihn heimgesucht hätte. Nach langen fruchtlosen Bemühungen war es ihm durch Halifax Fürsprache gelungen Zutritt beim Könige zu erlangen; Karl hatte aber gegen ihn wie gegen alle, die ihn mit Gnadengesuchen in dieser Sache angingen, jene herbe Strenge gezeigt, welche nach dem Urtheil seiner nähern Umgebungen den Grundzug in des Königs Charakter ausmachte, der nur durch den Leichtsinn und die Vergnügungssucht im Leben gemildert erschien. Selbst dem Witz war er diesmal unzugänglich geblieben, und die Bitten der Portsmouth hatten ebensowenig als die neckenden Schmeicheleien der La Guyn vermocht, so daß Halifax im Anfall des Unmuths sich nicht enthalten konnte, die Achseln zuckend zu rufen:

»Ew. Majestät wollen durch das viele Blut den starren Grund der Stadt erweichen, ohne zu bedenken, daß auch das Schloß von Whitehall auf Londons Boden steht.« Der König erwiederte:

»Das ist Jacobs Sorge, denn so lange ich in Whitehall wohne, halten noch die Mauern. Mein Bruder York verdient die kleine Entschädigung für alle Angst, die ihm die Exclusionsbill verursachte; will er sie genießen, muß er auch für die Folgen stehn.«

Man schrieb auch allgemein die harten Maasregeln dem Eifer des katholischen Herzogs zu, und der berühmte Dichter Waller äußerte: »Das Parlament wollte, daß York nach Karls Tode nicht herrschen solle; zum Trotz läßt ihn der König schon während seiner Lebzeiten regieren.«

Raleighs Eifer unterließ keinen Versuch. Er wußte, nur von der Seite des Herzogs war der König diesmal zugänglich. York hatte ihn einst ausgezeichnet, und obgleich in Jacobs Seele keine wahre Zuneigung Wurzel fassen konnte, baute er doch auf den königlichen Sinn des Thronfolgers und auf das Herz für Englands Wohl und Ruhm, das Jacob durchaus nicht abzusprechen war. In seinem militairischen Kleide als Hauptmann der Königlichen Dragoner erschien er im Audienzsaale und trug seine Bitte für Esser dem Prinzen vor. Mit starren Blicken und regungslos hörte ihn York an. Erst als er schon eine Weile ausgeredet hatte, entgegnete der Prinz mit demselben Tone und derselben Haltung:

»Hauptmann Loscelyne! Man hatte Euch den Kabinetsbefehl zugestellt, London nicht zu verlassen bis Ihr Zeugniß gegen die Verräther ablegtet, und Ihr seid zum Grafen Essex geritten ihn zur Flucht aufzumuntern. Die Loscelyne von Avalon würden hingeritten sein ihn lebendig oder todt zu fangen. Ein Soldat verläßt nicht seinen Posten, ein ächter Royalist zeigt nicht die Rebellen an, um sie nachher zu verbergen, ein Königlicher Ritter läßt nicht den Lindwurm entlaufen wenn er mit der Ferse sein Haupt zertreten will, und ein Stuart hält bei der Sache aus, der er sein Leben widmete, auch wenn ihm selbst der Untergang dabei drohte.«

Die strengen Blicke des Fortgehenden sagten, daß mit den Raleigh zu Gebote stehenden Mitteln den eisernen Entschluß beugen zu wollen, an Thorheit gränze. Aber die Hoffnung verließ ihn nicht, da die mittelbare Einwirkung noch offen blieb. In der Nische eines der Vorgemächer stand ein schlicht gekleideter Mann, dessen Blicke beständig den Boden suchten, obgleich Wangen und Stirn und auch die Augen, wenn sie wagten frei umher zu schweifen, eher die ungemessene Freude des Triumphes ausdrückten, als die demüthige Ermattung, deren äußere Anzeichen er gern schien bewahren zu wollen. Ein Staatsmann vom höchsten Range verschmähte es nicht dem Vater Peter die Aufwartung zu machen, und Sunderland schien ebenso erfreut über das Resultat der mit dem Beichtvater gepflogenen Unterhaltung als dieser über die Artigkeit des Grafen, welcher ihm, mit der verbindlichsten Verbeugung Abschied nehmend, die Hand drückte.

Raleigh nahm ohne Umstände den Platz des Ministers ein, und zwang sich zu einer Freundlichkeit, deren er den eitlen Priester nicht würdig achtete. Dem Vater schien der Anblick des gerüsteten Kriegers nicht so erwünscht, als ihm der des geschmeidigen Hofmanns gewesen. Dennoch faßte er, sobald er ihn erkannt, dessen eine zwischen seine beiden Hände und freute sich, nach einem innigen Drucke, des Glückes, den Mann vor sich zu sehen, welcher mit ihm an demselben Tage ein Zeuge der rettenden Vorsicht geworden. Er forderte ihn auf den Himmel zu preisen, der zu jener Stunde, wie in so vielen andern dieser rebellischen Zeiten, seine wunderbare Einwirkung gezeigt habe.

»Ehrwürdiger Vater,« entgegnete der Ritter, »so wenig als jemand auf Erden weiß ich, ob ich dem Himmel für meine Rettung danken soll. Wäre ich auf dem Wrack geblieben, wäre ich untergegangen mit den schönsten Gefühlen für die Königliche Sache, ohne das Blut zu sehen, das für diese reine Sache versprützt werden soll.«

Der Vater senkte die Blicke auf seine gefalteten Hände. »Wie viel Blut ist in diesem England für eine heiligere Sache geflossen, wie viele Gebeine heiliger Märtyrer deckt diese Erde, wie klebt es noch an den Steinen dieser übermüthigen Hauptstadt! – Können wir da wohl klagen, wo es dem Herrn erst jüngst gefallen, so schuldlose Männer einer Volkswuth zu opfern, wenn das Schwert der Gerechtigkeit auf die gottlosen Anstifter des Mordes fällt. Wir sollten im Gegentheil jubiliren und die Irrbahnen erkennen, auf die wir in unserer Blindheit geriethen, deren Endziel kein anderes war, als Bürgerkrieg, Königsmord und Atheismus.«

»Ehrwürdiger Vater, ich zähle mich zur hohen Kirche,« unterbrach ihn Raleigh.

»Gewiß ist die Kirche, zu der wir uns alle bekennen sollten, die hohe Kirche, da sie die höchste ist. Allein auch diese hohe Kirche, die der stolze Engländer so benennt, um, wie ihn das Meer allein vom Continente scheidet, auch im Glauben stolz für sich allein zu stehen, ist ja nur eine unartige Schwester der Römischen. Auch sie schreibt ja den Ursprung ihrer Bischöfe vom heiligen Petrus her, und es möchte die Zeit nicht fern sein, wo wir die jüngere wieder zu ihrer älteren Schwester heranziehn, und ihr willig den kleinen Trotz vergeben, damit sie nur nicht umkomme im Gedränge der Sektirer. Zeigte nicht der Himmel eben ein Wunder als das Feuer in New-Market ausbrach, das des Königs erlauchtes Haupt und das des unerschrockenen Bekenners vor den Nachstellungen der Ruchlosen bewahrte!«

»Diese Milde des Himmels sollte auch die Sieger Milde lehren,« entgegnete Raleigh.

»Sollen jene Verführer,« sagte Peter nicht ohne Heftigkeit, »nicht dafür bluten, daß sie den rohen Pöbel auf die wenigen Bekenner loshetzten?«

»Schon so offen, ehrwürdiger Vater, reden Sie von der Bekehrung Englands!« sagte Raleigh, nicht ohne Absicht mit erhobener Stimme, und warf sich in eine militairische Haltung zurück, die ihm sonst fremd war. Der Vater Peter schrak zusammen, und blickte besorgt im Zimmer umher, ob Niemand ihr Gespräch belauscht haben könne; dann fixirte er Raleighs Gesicht, und murmelte einige Worte heraus, die halb wie Entschuldigungen, halb wie Protestationen klangen. Der Ritter sah gewonnenes Spiel, indem über den furchtsamen Sinn des Beichtvaters das Schrecken des papistischen Complottes noch volle Gewalt ausübte.

Jetzt kam die Reihe des Handdrückens und Protegirens an ihn. Vater Peter, obgleich ein Jesuit, besaß doch weder die gemeinhin seinem Orden zugeschriebene Schlauheit zur Verbreitung seines Glaubens, noch den Scharfsinn eine wirkliche Bekehrung von der Achtung, welche die geschmeidigen Hofleute seinen Lehren schenkten, zu unterscheiden. Seine Eitelkeit ließ ihn im Gegentheil auch da wirklich Bekehrte erblicken, wo man bei gewissenhafterem Sinne Erklärungen vermeidend ihm nur eine negative Aufmerksamkeit schenkte. Das Bild des bekehrten Englands schwebte ihm seit dem Sturz der Volkspartei vor Augen. Aber je chimärischer die Hoffnungen eines furchtsamen Sinnes hinausschweifen, um so leichter sind diese Luftschlösser zusammenzustürzen. Selbst Raleighs Versicherung, verschwiegen zu sein, mehrte nur die Angst des Beichtvaters und der Ritter konnte mit seiner Bitte einer Verwendung für Essex um so leichter vorrücken, als die schmeichelhafte Darstellung des Bittstellers, daß des Grafen Leben ganz in des Beichtigers Hand liege, wie ein angenehmer Balsam auf die von der Furcht gerissenen Wunden wirkte. Obgleich Peter nur mit Seufzern antwortete, fuhr Raleigh doch fort, wie Essex, gewiß minder schuldig als die strafbaren Verräther, schon jetzt von Mißmuth und Reue heimgesucht werde, wie die puritanischen Grundsätze, deren man ihn beschuldigte, in dieser Stunde der Noth nicht mehr Stand hielten, wie eine religiöse Eroberung einem talentvollen Manne nicht schwer fallen könne.

Der Vater verneigte sich mit Wohlgefallen, ohne dem Ritter Muth zu machen: »Und würde dieser Mann wirklich in Hoffnung der Bekehrung verschont, welche lasterhaften Reden er auch im Parlamente gegen die Bekenner führte, seine Begnadigung würde da ein Stein des Anstoßes sein, wo jener Lord Russel, den sie als ein Muster der Tugend anpreisen, wiewohl er das Haupt der gottlosen Faction ist, den Weg zum Schaffot antreten muß.«

»Er ist ja noch nicht verurtheilt,« konnte sich Raleigh nicht enthalten einzuwerfen, obgleich ihn das Wort im nächsten Augenblicke wieder gereute.

»Desto schlimmer, wenn er nicht verurtheilt würde, wie wir doch zum ewigen Heil dieses Reiches hoffen dürfen. Dann schiene ihre Ruchlosigkeit von so trefflichen Freunden des Vaterlandes, wie Sir Raleigh, nur entdeckt, damit die Faction allen Gesetzen Hohn spräche; wie uns denn noch immer ein großer Kampf bevorsteht, da Monmouth entschlüpft, und wenn er auch wieder eingefangen würde, doch zu fürchten ist, daß die große Milde seines erlauchten Vaters ihn der hundertfach verwirkten Straft entzieht.«

»Ehrwürdiger Vater, wenn Sie jene Milde ohnedies besorgen, wen ehrt sie mehr, als die Diener des göttlichen Wortes. Wenn eine Macht, welcher England bisher nur die harte Stirn des Trotzes entgegensetzte, ihren ersten Einfluß damit begönne als Stifterin des Friedens aufzutreten, wenn sie ihre Hoheit zuerst im Strahle der Versöhnung zeigte! Die Sonne nöthigte dem Manne in der Fabel den starren Mantel ab, in welchen ihn der Sturm immer fester wickelte. Essex ist ein Mann von Einfluß; für seine Befreiung würden tausend Dankopfer auf die Altäre gelegt werden, sein Beispiel würde Nachfolger haben, deren Werth mit ihrer Anzahl um den Vorrang kämpfte.«

Der Vater machte eine Bewegung, welche zeigte, daß er über den Vorschlag nachdenke und Raleigh fuhr ermuthigt, doch mit leiserer Stimme und den Beichtvater tiefer in die Nische drängend, zurück.

»Schon länger hatte ich eine Angelegenheit mit dem würdigen Vater Peter zu besprechen, den ich doch als das Haupt der katholischen Kirche in England betrachten kann. Bei der wilden Verfolgung gegen Ihre unschuldigen Glaubensgenossen während der letzten Complottgeschichte, gelobte ich, sobald mir die Mittel würden, eine bedeutende Summe zur Unterstützung der Leidenden. Jetzt als Erbe meines Oheims erlaube ich mir vorläufig in Vater Peters Hände diese kleine Gabe zu legen, mit der Bitte sie ganz nach Willkür zum Besten Ihrer Kirche und deren Diener zu verwenden. Sobald meine Einkünfte geordnet sind und der Himmel meine Wünsche durch die Fürbitten eines so frommen Mannes erhört hat, lautet mein Gelübde auf ein doppelt schweres Opfer.«

Der mit Dublonen fest gestopfte Beutel zog die breite Hand des Beichtvaters nieder. Nicht ungefällig hob er den Blick und sagte, nachdem er das leere Zimmer noch einmal gemustert hatte:

»Segen und Glaube kommt oft von daher, von wo wir mit unsern schwachen Sinnen eher den Unglauben und den Fluch vermuthet hatten. Deshalb ist die Gabe nicht minder zu preisen, die uns die Mannigfaltigkeit seiner Wege verkündet. Von einer gewissenhaften Anwendung dieses Opfers« –

»Bin ich überzeugt,« fiel ihm Raleigh zuvorkommend ins Wort, »so wie, daß, wie ich hier den Quell des Glaubens, ich auch den der Hoffnung für mich möge gefunden haben.«

Mit einem nochmaligen Händedruck wollte er sich entfernen, als der Vater ihm ins Ohr flüsterte:

»Für des Grafen Essex Leben, kann Sir Raleigh unbesorgt sein.«

Froher als ihn Jahre gesehen, und froher als er selbst in der letzten Zeit sich vorgestellt, es je werden zu können, verließ der Ritter den Palast des Herzogs, als ihn die Gestalten zweier Constabler an den traurigsten Dienst erinnerten, den er dem Vaterlande leisten sollte. Er wurde gemahnt vor den Geschwornen zu erscheinen, um Zeugniß abzulegen, wider einen Mann, den ihm der Ruf als einen der edelsten Englands nannte, dessen Tugend so hell leuchtete, daß selbst der Parteihaß ihm keinen Fehler als den Parteihaß vorhalten konnte. Die Zeit, welche er der ernstern Sorge für Essex Leben abgespart, hatte er, wiewohl vergeblich, verwandt, sich von diesem lästigen, und, wie er meinte, zwecklosen Dienste loszumachen, da er Lord Russel kaum von Angesicht kannte und nicht das Geringste über sein Verhältniß zu den Verschwörern auszusagen wußte. Aber man bedurfte unter der Zahl der Elenden, deren Zeugniß zur feilen Marktwaare geworden, Männer von Ansehn und anerkannter Rechtlichkeit, und Raleigh hatte deshalb schon mehreremal zwischen Sanson, Macnamara und Leuten dieses Gelichters, was er einst im Fieber gehört, wiederholen und beschwören müssen.

Die halbe Stadt war in Westminster zusammengedrängt, und kaum gelang es den Constablern, den Zeugen bis in die Gerichtsschranken zu bringen. Diesmal hatte sich indessen der Schauplatz verändert. Sanson und Macnamara waren bereits abgetreten, und trotz der Parteilichkeit, welche in der Halle vorherrschte, standen sie gleich Gebannten, deren Nähe verpestet, unter der Menge, daß selbst Macnamaras freche Heiterkeit verstummte und Sanson den finstern Blick nicht von der Erde zu erheben wagte. Männer mehrerer Bedeutung saßen auf einer Bank und er sah den Kaufmann Shephard und Lord Howard bereit, um die Frucht des geretteten Lebens, den Mann durch ihre Aussagen aufs Blutgerüst zu bringen, der sie einst mit dem Freundesnamen beehrte. Der Oberrichter, ein strenger Royalist, obgleich er dem neben ihm stehenden Jefferies, der ihm bald in seinem Amte folgen sollte, noch nicht strenge genug zu verfahren schien, rief jetzt den neu eingetretenen Zeugen auf. Raleighs Aussage ging ein Resumé des Richters vorher, welches für die Glaubwürdigkeit der eben vernommenen Zeugen nicht ungünstiger ausfallen konnte, denn er versicherte die Versammlung, der ehrenwerthe Ritter werde die Wahrheit alles von den Beiden Vorgebrachten aus freien Stücken bekunden.

»Da sei der Himmel für,« rief Raleigh empört aus, »daß ich zum Bürgen für die Verläumdungen dieser Gesellen werde; wie ich auch hier, was ich in Walcots und Hones Proceß aussagte, wiederholen muß, daß meine ganze Wissenschaft einem Fiebertraume gleicht, im Fieber geschöpft ist und mit Fieberbildern geschwängert.«

»Auf Eure Aussage, Sir Raleigh, mußten Walcot und Hone den Galgen besteigen,« sagte der Oberrichter. »Befiehlt Euch vielleicht Euer Gewissen nur gegen Plebejerblut gewissenhaft zu sein und treten andere Rücksichten ein, wenn es an das Leben von Männern aus hohem Adel geht? Bedenkt, daß hier wie dort des Königs Sache gefördert wird, daß Ihr vor dem hohen Gerichte in Westminster steht und der Gott der königlichen Sache Eure Worte hört.«

Jefferies warf ihm einige boshafte Blicke zu und bemerkte lächelnd zum Oberrichter, der junge Mann scheine Lord Russels Blicke nicht ertragen zu können. Es möchte Zauberei im Spiele sein, da die unschuldigen Seelen die Augen des Parlamentsführers so wenig als die Vögel die der Klapperschlange auszuhalten verstanden. Trotz des Hohnes dieser Bemerkung fand Raleigh etwas Wahres darin, denn während er mit schwacher Stimme, abgebrochen und unwillig, was er auf dem Krankenbette mit angehört, wiederholte, waren Russels Blicke unverwandt auf ihn gerichtet. Ohne Unwillen, selbst ohne Strenge, schaute ihn der Lord an. Die Blicke lasteten aber auf ihm wie Blei, sie drückten die Worte nieder, die er aussprechen wollte, und es war ihm, wie wenn er einer entsetzlichen Last sich entledigt habe, ohne deshalb freier zu werden, als er nach abgelegtem Zeugniß sich auf hie Zeugenbank niederließ.

Noch deutlicher wurde ihm diese zauberhafte Kraft des Angeschuldigten, als der Mann, welcher bis dahin mit verschränkten Armen und gesenktem Haupte in einer Ecke gestanden, hervorgerufen wurde. Rumsey richtete den Kopf auf, aber sobald sein Auge das des Lords traf, fuhr er, wie vom Anblick eines Medusenhauptes getroffen, zurück. Fast dieselbe Wirkung blieb, so oft er versuchte, ihm ins Gesicht zu sehen, oder auf seine Fragen zu antworten. Der Mann, welcher sonst der Rede gleich mächtig vor Hohen und Niedern war, konnte jetzt nur unzusammenhängende Sätze hervorbringen und die Verwirrung ging so weit, daß seine Antworten häufig nicht auf die Fragen paßten, ja es den Anschein gewann, als stehe er nicht als Zeuge, sondern als Angeklagter vor den Schranken und das Verbrechen, das er zu vertheidigen habe, sei der Treubruch. Raleighs Aussage und die aller vor ihm Vernommenen sollte zum Beweise der Existenz einer Verschwörung dienen, Rumsey und die mit gleicher Schüchternheit sprechenden Shephard und Lord Howard bekundeten Lord Russels Theilnahme an derselben.

Mit einer Ruhe, welche die Unsicherheit der Zeugen beschämte, hörte Russel ihre Aussagen an, daß Raleigh vor Bewunderung hingerissen, mehr als einmal ausrufen mochte: »Er ist unschuldig!« Aber der Lord selbst, als er zum Worte kam, sprach minder günstig für sich, als der Feind seiner Sache es für ihn würde unternommen haben.

»Es scheint eine fruchtlose Mühe,« sagte er, »alle diese Männer und ehrenwerthe Herren über Dinge zu vernehmen, die ich selbst vor dem geheimen Rathe schon zusammenhängender einräumte. Es sei fern von mir, eines jener Geständnisse zurückzunehmen und zu leugnen; aber Ihnen, meine Herrn, kommt es zu, über die Beweggründe nach Ihrem Gewissen zu entscheiden. Man hat Sie aus den erbittertsten Gegnern der Sache, welcher ich diente, auserwählt, aber gern unterwerfe ich mich Ihrem Spruche, da Sie Engländer sind, welche Ehre und Gerechtigkeit Ihres Vaterlandes keiner Parteiansicht opfern können. Mein Eifer für unsere heilige Verfassung liegt vor den Augen der Welt, aber eben so feierlich betheure ich, daß er nie so weit mit der Ehrfurcht und Treue für den König in Streit gerieth, um zu den Vorsätzen zu schreiten, deren man mich beschuldigt. Nie habe ich meine Einwilligung zu dem schändlichen Plane gegeben, den König zu ermorden, nie war es meine Absicht zur Erhaltung unserer Rechte einen Aufstand zu begünstigen, dessen Anfang es sein mußte, die Garden niederzumetzeln.«

Ein Zeuge, zu Gunsten des Angeklagten erhob sich hier. Robert Fletcher sprach für den Lord, indem er dessen Worte gegen den von Rumsey und Armstrong gethanen Vorschlag, die Garden anzugreifen, mit einem feurigen Redefluß wiederholte, welcher vermuthen ließ, daß seine eigene Begeisterung für den Angeklagten diesem Worte lieh, welche er nie gesprochen. Der königliche Anwald machte darauf aufmerksam, daß Robert Fletcher, der selbst kaum der Anklage entgangen, weil man das Blut der noch minder Verhärteten sparen wolle, auch geringe Glaubwürdigkeit beiwohne, wenn er, zumal in dem Zustande der Erhitzung, für einen Freund spreche. Robert gerieth aber durch diese Bemerkung in ein Feuer der Entrüstung; er warf in immer gesteigerten Ausdrücken Richtern und Zeugen den niedrigsten Verrath vor und ging so weit, zu behaupten, daß, wenn von einer sträflichen Verschwörung die Rede sei, ein Lord Howard, ein Rumsey vor den Schranken stehen und Lord Russel gegen sie Zeugniß ablegen müsse.

Rumsey warf ihm einen vernichtenden Blick zu, und Jefferies verzog seine widrigen Gesichtszüge zu jenem Lächeln, welches späterhin das Todeslächeln genannt werden konnte, da es der sichere Vorbote war, daß der grausame Richter ein Opfer erkoren hatte, das weder Unschuld noch Wunder retten sollten. In dem Augenblicke, wo Roberts Freunde für ihn besorgt werden konnten, ging ein Flüstern durch die Halle, welches die Aufmerksamkeit Aller, zu denen es gelangte, mehr in Anspruch nahm als der Zeuge, welchem Russel selbst nur mit Besorgniß zuhörte. Der königliche Anwald ergriff das Wort mit einer Gebärde, welche den Dank gegen den Himmel ausdrücken sollte.

»So hat der allmächtige Gott des königlichen Englands aufs neue verkündet, wie er über den König wacht und seine loyalen Unterthanen! Die gräuliche Verschwörung an der noch eben ein Zeuge zu zweifeln wagte, hat sich selbst entdeckt, der von Gift aufgeschwollene Molch ist an dem eigenen Gifte erstickt. Meine Herrn! alle Vertheidigung Mylord Russels ist fruchtlos, da die Verschwörung sich selbst vernichtet hat. Im Tower schwimmt Graf Essex in seinem Blute. Nachdem es mit allem Verrathe gegen andere aus war, hat er sich selbst verrathen und mit selbstmörderischer Hand die Kehle durchschnitten.«

Einen Augenblick herrschte dumpfe Stille durch die menschenreiche Halle, dann wechselte der Schrei des Entsetzens mit dem dumpfen Gemurmel der Verzweiflung, des Unglaubens und der Gleichgültigkeit; Thränen brachen erst später hervor, am lautesten die erlogenen, lächeln sah man aber Niemand bis auf Jefferies, welcher mit musternden Blicken den Eindruck beobachtete, den diese Nachricht auf die Geschwornen hervorgebracht. Einige Stimmen murmelten etwas von »Mord« und Lord Howard, der eben aufgerufen war, erklärte weinend, »der Schmerz über den Tod des besten Freundes lasse ihn nicht zu Worten kommen.«

Raleigh aber war aufgesprungen und hatte durch das Gedränge hindurch sich Bahn gebrochen, bis er in einen neuen Strom gerieth, der ihn nach dem Tower führte. Nur seinem kriegerischen Kleide und einem Bekannten, welcher dort die Wache befehligte verdankte er den Zutritt. Durch die erschrockenen bleichen Gestalten, durch die Wachposten, deren Zweck aufgehört hatte, drang er vor, von leiser Hoffnung, daß das Gerücht nur halb wahr sei, hindurch in das Gemach, und noch lag Essex im Blute schwimmend auf dem Fußboden, fast regungslos neben ihm die Gräfin. Sie reichte, als sie Raleigh ansichtig ward, diesem stumm und kalt die Hand, und auf seine Anrede, in deren Ton sich der Argwohn aussprach: »Wagte Jemand die mörderische Hand an den Edlen zu legen, so soll keine Gnade seine Greuelthat straflos machen,« antwortete sie tonlos:

»Der Thäter steht schon droben vor dem Throne und erwartet den Richtspruch der ewigen Gnade.«

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