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Schloß Avalon. Erster Band

Willibald Alexis: Schloß Avalon. Erster Band - Kapitel 14
Quellenangabe
authorWillibald Alexis
titleSchloß Avalon. Erster Band
publisherF. A. Brockhaus
year1827
pages302
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20180307
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Zwölftes Capitel.

Des Lebens Bühnlein ist ein kleiner Hügel,
Nur zollhoch überm Grab, der Menschen Heimath,
Wo schon die Menge weilt; wir schaun umher;
Der Gräber Inschrift lesen wir und seufzen,
Und seufzend sinken wir, und sind, was wir beweinten.
Beklagen, selbst beklagt, ist Menschenloos.

Young's Nachtgedanken.

 

Die Schauer einer dunkeln Novembernacht waren über die Gegend ausgegossen, als Raleigh, noch halb krank, auf dem schnellsten Pferde, welches der ererbte Marstall darbot, über die verlassenen Landstraßen dahin trabte, seinen Diener oft weite Strecken hinter sich lassend. Als der Morgen graute und weder Roß noch Reiter der Erschöpfung länger zu trotzen vermochten, genoß er in einem entfernten Wirthshause einiger Stunden Ruhe, um sogleich wieder den jetzt beschwerlicher werdenden Weg auf minder besuchten Nebenstraßen fortzusetzen. Der Reitknecht mußte gegen Mittag zurückbleiben, nicht ohne seinen Herrn vorher zu ermahnen, ein so fortgesetzter Ritt könne ihm ans Leben gehn; worauf jener mit schmerzlichem Lächeln erwiederte: »Aber wenn ich ihn nicht fortsetze, steht das Leben eines Freundes auf dem Spiele.« Sein Pferd war schon am frühen Nachmittage untauglich und er durfte es als Glück preisen, einen schlechten doch festen Klepper in dem Flecken, wo er es zurücklassen mußte, kaufen zu können, mit dem er gegen Abend sich dem Ziele seiner Reise näherte.

Graf Essex Schloß lag, als er aus dem Waldrande trat, vor ihm in der Dunkelheit des ausgebreiteten Thales. Nur die hohen Eckthürme ragten noch mit scharfen Linien in die Abendluft hinaus; die Flügel und andern Massen des Hauptgebäudes waren schon eins mit dem sie umgebenden Dunkel geworden, hätte nicht hie und da ein Licht aus den unregelmäßigen Fenstern geleuchtet. Als der Reiter etwas langsamer den Hohlweg hinabgestiegen war; trat er bald in den von hohen Kastanien beschatteten Weg, welcher zum Hauptportale in vielen Windungen führte. Der Wind rauschte in den halb entblätterten Kronen der alten Bäume und die Nachtvögel flatterten aufgeschreckt um des Reiters Haupt. Ihm war es unheimlich in dem tiefen Wege, der sich endlos hinzuziehen schien, obgleich bei jeder Krümmung die Lichter vorflimmerten. Alles Spornens ungeachtet mochte aber das ermattete Thier in dem aufgewühlten Sandboden nicht aus dem Schritte kommen.

So langte er nach einem Ritte, wo ihm die Minuten Stunden dünkten, vor dem Schlosse an. Das Portal war offen, die Pförtner waren eingeschlafen, alles athmete den Zustand einer sorglosen Sicherheit. Er war schon in den Vorhof gesprengt, ehe ihn einige Diener bemerkten, denen er vom Pferde abspringend die Sorge desselben mit der Frage vertraute: »Der Lord ist doch zu Hause?«

»Freilich – er wird ja nicht ausgeritten sein,« war die Antwort der aus dem Schlaf Aufstarrenden.

Raleigh stürzte dem Diener, der ihn hatte melden sollen, voraus in den Saal, in welchem er den Freund sonst im Kreise seiner Familie zu erblicken gewohnt war. Auch jetzt fand er den Grafen darin, aber allein an einem mit allerhand Instrumenten bedeckten Tische sitzend. Dürftig schien das Licht zweier Wachskerzen in der weiten Halle. Auch das Feuer des Kamines war im Erlöschen. Durch den hastigen Eintritt des Ritters aus seinem Nachdenken erweckt, richtete Essex den Kopf in die Höhe und warf fragende Blicke aus den schönen dunkeln Augen, ohne daß die Ruhe aus dem von feierlichem Trübsinn umzogenen Gesicht entwich. Der Ernst darauf, weit über die Jahre des schönen Mannesalters hinaus, schien die Frucht trüber Erfahrungen und eines gereiften Denkens. Dennoch hatte der Trübsinn wenig von jener Bitterkeit zurückgelassen, die häufig die edlen Züge von Männern entstellt, deren Lebenslauf nur eine Fortsetzung herber Erfahrungen war; im Gegentheil drückte sich eine freundliche Milde auf der freien Stirn mit dem gescheitelten Haare aus, welche von einer Fassung Kunde ablegte, die ihre Herrschaft auch über den Schmerz behaupten konnte, wenn er am heftigsten über die edlen Züge hinzuckt.

Essex blickte eine Weile den sprachlos sich ihm Nähernden an, bis sein festes Auge aus dem Helldunkel des Zimmers die entschwundenen Züge des Freundes herausgelesen hatte:

»Eine schöne Täuschung, willkommen Raleigh Loscelyne.«

Nach einem innigen Händedruck, dem einzigen Ausdruck der Theilnahme, dessen Raleigh für den Augenblick mächtig war, fuhr Essex, zur selben Ruhe, aus der ihn der Eintritt des Freundes aufgescheucht hatte, zurückkehrend, fort:

»Raleigh, Eure Hand ist fieberhaft warm, der Puls schlägt heftig, und, täuscht mich das schwache Licht der Kerzen nicht, so sprechen die eingefallenen Wangen, die eingesunkenen Augen, eine Krankheit aus. Setzt Euch nieder, genießt der Ruhe, mein Freund ist in Gefahr.«

» Mein Freund ist in Gefahr,« wiederholte Raleigh. »Essex ist in Gefahr, in dringender Gefahr. Ich ritt aus London als Unglücksbote und hoffte den nicht mehr zu finden, an den meine warnende Botschaft gerichtet ist.«

»Ich bin unterrichtet,« erwiederte Essex, »von Raleigh Loscelynes Ankunft in London und fest erwartete ich vom Freundeseifer den Dienst.«

»Mylord, so wißt Ihr Alles? – Der Eilbote, der meine Ankunft meldete, muß auch von der entsetzlichen Entdeckung Euch Kunde gebracht haben, und Ihr flieht nicht – so ist es falsch, – Ihr könnt gegen die verläumderischen Anklagen das Schild Eurer Unschuld erheben und siegreich gegen Neider und Verfolger auftreten.«

»Wer kann dies im heutigen England?« – fragte Essex mit einem bittern Lächeln auf den Lippen, – »und wenn Christus selbst noch einmal die Erde heimsuchte, und auf den Bergen predigte, würden die Zeugen gegen ihn aufstehn, und die Geschwornen ihn schuldig finden.«

»Mylord Essex,« sagte Raleigh, »seid Ihr so rein, wie ich es von meinem großen ritterlichen Lehrer erwarte, so sollen alle Ränke umsonst gegen Euren erlauchten Namen arbeiten. Meine Familie blutete für die königliche Sache. Wollen auch Karls Minister nicht hören, der König selbst darf, er kann seine Getreuen nicht ganz vergessen. Ich eile zu ihm und Essex muß triumphiren.«

»Das kam aus dem Herzen,« sagte Essex mit einem sanften Händedruck, indem er eine Weile schweigend auf Raleighs Gesicht blickte. »Mein Raleigh wußte nicht, wem es galt, als er voll Eifer den Undankbaren zu dienen, die Vertheidiger seines Vaterlandes verrieth und die alten Wunden aufriß. – Still Freund, ich weiß, Ihr handeltet, wie Eurer Vater Sohn, und nun steht Ihr schaudernd, entsetzt vor dem Abgrunde, wohin der blinde Traumglaube Euch führte. Ich habe Euch nie Verräther gescholten, wie die Andern, ich wußte, Ihr mußtet grade so handeln, und grade so mußte es kommen.«

»Verräther!« rief Raleigh, und sprang auf, das Gesicht mit beiden Händen verbergend. »Nein, Essex darf mich nicht Verräther nennen. Rückgängig will ich Alles machen; zu Halifax, Sunderland; sie wollten nichts von der Verschwörung wissen. Ich widerrufe den Fieberwahn. Sie helfen.«

»Die Ohnmächtigen! Sie haben genug zu thun den Rasenden zu halten, der in seiner Blindheit ins Verderben rennt!«

»Ist dort keine Aussicht, dann Mylord keinen Augenblick verloren! Hinweg, ehe der Verhaftsbefehl an Eurem Schlosse pocht.«

Graf Essex erhob sich von seinem Sitze: »Weshalb fliehen? Wohin fliehen? Wir fliehen, wenn wir uns einer Schuld bewußt sind; ich weiß von keiner Schuld. Meine Gedanken kann ich vor dem Ewigen droben, meine Handlungen vor den unparteiischen Richtern Englands vertheidigen. Ist aber die Zeit gekommen, wo man Gedanken vor die Richterstühle dieses Landes zieht, wo die Geschwornen sprechen nach dem Winke des Despotismus, wer stellt mir dann den Bürgen, wenn ich heute siege, daß es der Laune einfällt, morgen meine Gedanken schuldiger zu finden? Nur eine ewige Verbannung, und Essex mag nicht außer dem Vaterlande sterben, dem er sein Dasein widmete.«

Essex maß das Zimmer, die Bewegung verbergend, Raleigh schwieg eine Weile; bis die vorgestoßenen Worte: »Mylord Russel und Algernon Sidney wurden entwichene Nacht gefangen,« den Grafen mehr als alle Ueberredung des Freundes zu ergreifen schienen.

»So weit schon!« rief er tonlos aus. »Meine Freunde meinen, ich sähe die Welt an mit einer schwarzen Brille, und mein Argwohn schweife über die Gränzen hinaus, welche die Schwachheit auch dem bösen Willen steckte; und doch – das vermuthete ich noch nicht. Sind ihre Netze so weit ausgestellt, um Männer dieses strahlenden Verdienstes zu fangen, ohne zu fürchten, daß jedes englische Herz sich empört, dann ist es nahe dem Ende, das wir fürchteten, und nicht die Kraft hatten abzuwehren.«

»Es mag nur ein Schreckschuß sein,« sagte Raleigh, doch Essex fuhr fort:

»Es waren die Häupter des Volkes, die einzigen, welche noch nicht vor einem zornigen Blick zusammenschreckten, sie müssen fallen, soll der Despotismus auf Englands Thron furchtlos sitzen. Es galt einen Vernichtungskampf. Ich höre das Beil klingen, ich sehe ihre blutigen Häupter fallen. Raleigh, täusche Dich nicht, sie sind schon todt. Der Stolz Englands, die Blüthe seines Adels, die wenigen Lichtpunkte, die in diesem Zeitalter der Verderbniß aus dem Schlamm feiler Bestechlichkeit aus dem Halbdunkel des Lasters, der Feigheit und Schlafsucht hervorragten! Wenn ihr Blut auf Londons Straßenpflaster längst verspritzt ist, dann werden sie's erkennen, daß England mit ihnen unterging.«

Essex warf sich in einen Lehnstuhl und verbarg das Gesicht, Raleigh aber stieg das Blut in die Wangen. »Mylord, es waren Eure Freunde, auch edle, vielleicht sogar große Männer, wie aber soll das königliche England, Jahrhunderte lang der Stolz Europas wegen seiner Krieger, Staatsmänner, Gelehrten, seiner Werke und Erfindungen, die Königin der Meere, die einst einer Welt siegreich getrotzt, hochgerühmt wegen des freien königlichen Sinnes seiner Kinder, wie soll dies England so schwach stehen, daß der Tod zweier Edlen seine ganze Macht, Ruhm, Ehre, Glanz in einem Augenblicke auslöschte?«

»Das war ein stolzes Bild der Vorzeit; jetzt Raleigh, muß ein Blinder vor dem grauen Gemälde zusammenschaudern, das dieser zweite Karl hingeworfen hat. Es heißt das sterbende England. Seht, wie er ans Land sprang, der Jubel von Dovers Felsen die Brandung übertönend, hallte bis Calais hinüber, und kaum ein Jahr und alle diese Freude des Volks war vom Lüstling vergessen. Die grauköpfigen Krieger, Narben und Mangel für ihre Treue ihr einziger Besitz, traten die Füße wund vor seiner nur dem frechen Witz zugänglichen Schwelle. Seht das Spiel der Cabalen, das englische Volk ein bunter Fangeball der Einflußreichen, die Kriege mit Holland, damit Protestanten untereinander sich aufreiben und der blutgeschwollene Papismus einschleiche in das gereinigte Königthum!«

»Dem Wahne kann man überall Gespenster zeigen,« fiel Raleigh ein.

»War die Wuth der Königin Maria, – waren die Gräuel der Bartholomäusnacht ein Wahn?« rief Essex, zum ersten Male heftiger werdend, aus. »Nein Raleigh, der freie Engländer hat nichts mehr zu fürchten als den Papismus. Schon ward die Testakte ein Pergament, das die Hand der Willkür zerreißen kann. Schon hat der katholische Thronfolger einen Riß hineingethan, die Jesuiten kriechen aus ihren Schlupfwinkeln hervor, man rüstet in Rom, man frohlockt in Paris, und keine Elisabeth sendet einen Drake der siegesstolzen Armada entgegen. England, das stolze England, wo der freie Geist waltete, von dem Kampfe mit der Hyäne ermattet, beraubt seines besten Herzblutes, versinkt in Schlaffheit und wird was Spanien jetzt ist, das Jammerbild, das Italien uns zeigt.«

»Wovor der Himmel es bewahre,« rief Raleigh aus, »wenn seine alte Verfassung es nicht vermag.«

»Was war fester gegründet als Londons Freiheiten? Aber es stürzt, was Recht heißt danieder. Raleigh weißt Du, wir waren Zeugen, wie an einem Tage das Gebäude von Dänemarks Freiheit hinsank, wie bestochene Volksvertreter die Jahrhunderte alten Rechte der Dänen demüthig der Krone überreichten. Du fuhrst voll Unmuth auf und meintest, das Volk verdiene die Schmach, weil es ruhig der Schande zusehe« –

»Ich war ein Kind, unterbrach ihn Raleigh, »mich kränkte das Gefühl der Entwürdigung, ohne daß ich die Sache verstand.«

»Und wo ist größere Entwürdigung,« fiel Essex ein, »wo ein kräftiger König, den seines Volkes Wohl gewidmeten Willen durchzusetzen arbeitet, oder wo ein König sein Volk einem fremden Monarchen verkauft? Verkauft sind wir, Raleigh, an die Politik Frankreichs. Der übermüthige Ludwig, begierig Europas Fürsten knieend zu seinen Füßen zu erblicken, zahlt Englands Könige eine Pension und Karl Stuart, der, an der Spitze seiner Engländer, eins mit ihnen in Glauben und Vortheil durch Europa eine Gebieterstimme erheben könnte, Karl Stuart freut sich, Frankreichs Launen gehorchend, mit dem Wohl seines Volkes, wie ein schlechter Verwalter mit anvertrautem Gut, zu spielen. – Schweigt Ihr? – Wo der Schmachruf der Nation vergebens empor ruft zu dem edlen Loscelyne, da tönen doch die Trompeten von Crecy und Agincourt dem Engländer ins Ohr.«

»Das göttliche Recht der Könige,« sagte Raleigh nach einer Pause, »bedarf keiner Vertheidigung, auch wenn die Schwäche des Vertreters es entwürdigt. Wer es aber nicht erkennt, wer glaubt, es gäbe ein Recht: Gewalt mit Gewalt zu vertreiben, den mahnt die heilige Pflicht der Selbsterhaltung, sich nicht freiwillig zu opfern. Mylord rettet Euch Eurer Sache, und spart England ein entsetzliches Schauspiel.«

Essex, zur vorigen Ruhe zurückkehrend, schüttelte langsam den Kopf: »Wozu Widerstand und Flucht, wenn die Lebenskräfte versiegten? Jenes graue Bild ist so endlos wie das Elend, mit dem der Sterbliche in der Spanne Zeit, die Leben heißt, zu kämpfen hat. Was soll man ringen mit einem Uebel, wenn nur ein anderes aus dem Blute erwächst, was ringen, wenn Undank und Verkennung unser Lohn sind? Ist es nun nicht eine Thorheit vor dem Weisen, so lange sich abzuquälen, dieses Elend zu verlängern? Wozu daher fliehen, wenn der Tod an die Thür pocht?«

»Mylord Essex?« fuhr Raleigh auf.

»Der Name Essex,« entgegnete der Graf schnell, doch ruhig einfallend, »gehört in Englands Geschichte nicht zu den Glücklichen. Auch ich werde bluten. Hinsinken werden wir, gleich welken Häuptern in dem allgemeinen Herbste, auf den der Winter folgt, und ist es ein Glück, so will ich es preisen, daß ohne die Nacht zu erblicken, wir beim letzten Strahle der frostigen Sonne die Augen schließen.«

»Mylord, ein Christ glaubt an eine milde Vorsehung und England nennt Euch einen Christen.«

Essex ergriff rasch und mit Nachdruck Raleighs Hand: »Sie waltet über uns, aber willst Du ermessen, woher der Donner kommt, wohin er verschwindet, und wann er wiederkommt? Für die Bahnen und Verhältnisse jener Vorsehung ist unser Auge zu schwach. Von Ahnungsschauer ergriffen, können wir uns in den Staub werfen, und mögen hoffen, aber der Sterbliche soll nicht ihre ewigen Verhältnisse auf sein klägliches Daseyn berechnen. Wie der Wurm in unserm Auge, so sind wir, so lange der Staub an uns klebt in den Augen der Mächtigern. Nur wenige wandeln im Sonnenschein. Ist doch das Leben nur ein fortgesetztes Sterben. Glücklich schon, wer, hinaus über den geisttödtenden Kampf der ungeheuern Mehrzahl mit dem Mangel, Leiden anderer Art die Würmer seines Lebens nennen mag. Der sterbende Krieger auf dem Schlachtfelde, von Durst, Hitze geplagt, der Kranke, dem alles Ekel erregt, dessen ungeheurer Schmerz keine Linderung kennt, der verlassene Liebende, der Vater, dessen Kinder vor ihm hinsterben, der gestürzte Minister, der entthronte König, der Patriot an der Galeere, das sind die Aristokraten unter den Leidenden. Der Tod wartet nicht wie bei den Poeten bis das Glück noch einmal kommt mit Rosenfingern den Dulder zu streicheln. Der Sclave giebt unter Peitschenschlägen den Geist auf, der Verwundete verdurstet, der ungeheure Schmerz sprengt die Brust des Siechen. Schau auf die verzerrten Gesichter der Leichen, und frage sie nach Versöhnung und Trost.«

»Wie wäre das Leben so trostlos,« sagte Raleigh, »daß wir im Zustand des Wachseins kein Gesetz, keine Regel wüßten, um den Geist im Unglücke aufrecht zu erhalten? Der von Wahn Bethörte und der Leichtsinnige wären dann die einzigen Glücklichen und es wäre die Aufgabe des Lebens, jenen Rausch so lange zu erhalten, bis die kalte Hand des Todes uns weckt.«

»Glaubt Raleigh,« fiel Essex ein, »wir könnten ihn nach Wohlgefallen fortschicken und beibehalten? Dieser Wahn ist unser unzertrennlicher Schatten, und verwebt sich mit allem was uns heilig scheint. Das ist die milde Gabe, die uns der Schöpfer mitgab, die Schmerzen des Lebens zu stillen; diesen Himmelsbalsam dürfen wir nicht verwerfen. Auch Du ringst umsonst nach Freiheit davon. Mögest Du erst spät oder nie erwachen um zu sehen, wie auch der Glaube Deiner Väter an die göttliche Sache des Königthums einem Wahne glich. Ich bin erwacht aus dem meinen. Die goldnen Träume an Englands Volksfreiheit, von der ewigen Republik Albions sind entwichen« –

»Entwichen,« – fiel Raleigh heftig ein, »entwichen ist die Chimäre? O dann gebt Raum der Wahrheit. Werdet eine Säule des Königlichen Englands, ein Ritter für die Sache, die ihren heiligen Ursprung nie verläugnet, auch wenn es den Anschein gewinnt, als seien die Nachfolger der Patriarchen zu Despoten ausgeartet.«

Essex lächelte sanft: »Mit jenem Wahne hing mein Leben zusammen; der schöne Wahn ist hin, die Flamme des Lebens ist erloschen! – Und wenn, der uns geschaffen hat, ruft, sollen wir ihm folgen,« setzte er bedeutungsvoll hinzu. »Des Tagelöhners Leben ist aus, wenn seine Arme nicht mehr Kraft haben das Holz zu spalten, das Leben des Gelehrten, wenn die Denkkraft aufhört, des Staatsmannes, wenn seine Plane zersplittern, sein Vaterland stirbt, das Treiben der ganzen zurückgelegten Bahn, die seine besten Kräfte kostete, ihm anfängt als Thorheit zu erscheinen.«

»Dann?« – unterbrach ihn Raleigh hastig mit einer halben Frage.

»Dann mag er dem Rufe folgen, und die letzte Willenskraft zu einer That sammeln, wodurch er zum ersten und letzten Male das Recht ausspricht, das ihm die Natur über sich selbst ertheilte.«

Ihr Gespräch wurde hier unterbrochen durch den Eintritt der Lady Essex. Eine würdevolle Gestalt, den hohen Wuchs von einem schwarzen, faltenreichen Kleide umflossen, mit einem Antlitz, auf dem der Schmerz mit dem Adel der Seele stritt, nahte sich mit feierlichen Schritten. Der erste Blick, den Raleigh, nach der stillen Begrüßungsformel, auf ihre Züge warf, überzeugte ihn, auch sie sei eingeweiht in die Todesgedanken des Gatten. Auch Essex war in jene Farbe gekleidet, und wenn Raleigh die beiden ernsten Gestalten betrachtete, dünkten sie ihm Wesen, die schon einer andern Welt angehörten. Sie reichte Essex schweigend einen eröffneten Brief, er las ihn langsam, indessen sie mit Adlerblicken seine Züge beobachtete. Alles Heroische in ihrer Fassung verschwand indessen, als Essex den Brief, sei es aus Schwäche, Erschütterung oder Zufall, nachdem er ihn beendet, fallen ließ. Sie stürzte ihm um den Hals, und alle erkünstelte Festigkeit war verschwunden. Raleigh konnte sich nicht enthalten, indem er den Brief aufhob, einen Blick hinein zu werfen. Ein Freund unterrichtete die Lady durch einen Eilboten, daß der Verhaftsbefehl, mit einem Trupp Soldaten, ihn ins Werk zu setzen, mit dem Ueberbringer der Botschaft zugleich London verlassen hatte.

Noch einmal versuchte die Lady ihre Fassung, die stolze Haltung wieder zu gewinnen, indem sie auf den fremden Zeugen blickte. Es war vergebens. Ihre Blicke, Thränen und Bewegungen sprachen deutlicher als ihr Mund.

»Es gilt einen Entschluß, Essex, wie wir uns trennen, ob für das Leben, oder in der Hoffnung uns wiederzusehen! – Die Nacht begünstigt die Flucht. – Sollten die Beamten schon heute kommen, werde ich sie aufzuhalten, zu täuschen wissen. Entscheide –«

» Jetzt erst entscheiden! – War mein Entschluß nicht die reife Frucht einer ernsten langen Ueberlegung, und Du theiltest jeden Gedanken, als treue, christliche Gattin und jeder Beschluß, den ich faßte, war auch der Deinige.«

»Essex, versuche nicht den Himmel; er zeigt uns die Wege zur Rettung. Ein leichter Wagen, die schnellsten Pferde stehn bereit – Essex, man wünscht es, daß Du fliehst, man will Dich schonen, man will nicht Deinen Tod; weshalb sonst zögerten sie bis jetzt?«

Essex führte die Gattin an den Tisch, und deutete schweigend auf verschiedene astronomische Geräthschaften. Mit leiserer Stimme setzte er dann hinzu, ohne daß Raleigh die Worte entgangen wären: »Wenn wir sterben müssen, ist es nicht besser ehrenvoll sterben, als ereilt auf der Flucht? Ich möchte niemals enden wie Cicero.«

»Müssen? Müssen, Essex?« sagte heftig die Lady. »Können diese Präparate nicht lügen? Die Verzweiflung gränzt an den Witz. Der Witz macht diese Berechnungen lächerlich, vermag es nicht auch die Verzweiflung? Sie lügen; Du hast Dich verrechnet.«

Essex erwiederte nichts, aber Raleigh sah, daß der Moment über die Berechnungen gesiegt hatte. Die Lady umschlingend, trat er ans Fenster und blickte hinaus auf den gestirnten Himmel.

»Wenn droben die glänzenden Körper gar keinen Antheil nähmen an unserm Schicksal, wenn die Harmonie zerstört wäre zwischen dem Ganzen und den Theilen, und wir doch frei handeln dürften, – dann könnte man Hoffnung schöpfen. – Halt, hörtest Du nichts in der Ferne? – Schon wieder.«

Aufmerksam gespannt horchte die Lady zum geöffneten Fenster hinaus. Raleigh trat an das daran stoßende. Der dumpfe Tritt von vielen Pferden im Sande war dem erfahrenen Officier leicht vernehmbar. Auch gab es Metallklänge, und sein geübtes Auge glaubte zwischen den Stämmen der Kastanienallee das Schimmern von Kürassen in weiter Reihe zu entdecken. Seinem Zweifel folgte die Ueberzeugung. Eine Trompete schmetterte und das Wirbeln vieler Trommeln antwortete durch die stille Nacht. Das Schloß war umzingelt. Als er zurücksah, fand er Essex und seine Gattin fest umschlungen.

Man hörte Soldatentritte auf der steinernen Haupttreppe, die Flügelthüren öffneten sich, ein Officier trat ein und forderte den Grafen im Namen des Königs auf sich zu ergeben und dem Commando sogleich nach London zu folgen. Lady Essex hatte in wenigen Momenten jene heroische Fassung wieder gewonnen, die jeden Lügen gestraft, der gesagt hatte, sie habe geweint. Mit aller Würde dem Officier sich nähernd, fragte sie:

»Wir sind darauf vorbereitet, Sir. Ich hoffe Ihr Verhaftsbefehl wird Ihnen nicht verbieten, auch mich als Gefangene nach London zu geleiten, da ich Gedanken und Rathschläge meines Gemahls theile.«

Der Officier verneigte sich die Bitte gewährend.

Schweigen herrschte in dem weiten Schlosse. Die Diener mit Thränen in den Augen sagten scheu in ehrfurchtsvoller Entfernung ihren Gebietern ein stummes Lebewohl, die Soldaten betrugen sich mit Achtung und Raleigh vermochte kein Wort hervorzubringen indem er die Hand des Lords als er in den Wagen stieg, drückte und eine heiße Thräne darauf rollte. Er fühlte den Druck erwiedert, die Lady flüsterte ihm ein Wort des Dankes zu und der Wagen rasselte davon, begleitet von dem Dragonertrupp. Raleigh bestieg eine Miethkutsche und folgte ihm langsam auf dem Wege nach der Stadt.

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