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Schloß Avalon. Erster Band

Willibald Alexis: Schloß Avalon. Erster Band - Kapitel 13
Quellenangabe
authorWillibald Alexis
titleSchloß Avalon. Erster Band
publisherF. A. Brockhaus
year1827
pages302
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
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Elftes Capitel.

Die Zusammenkünfte sollten in verschiedenen Häusern statt finden, besonders aber bei Shephard, einem angesehenen Weinhändler in der City. – – – Shephard sagte aus, sein Haus sei vor allem von Ferguson in Vorschlag gebracht worden zur heimlichen Zusammenkunft der Verschwörer, so wie, daß er, um alle seine Leute entfernt zu halten, ihnen selbst aufgewartet habe.

Hume's Geschichte von England.

 

Es war der junge Mann, welchen Raleigh heute Morgen in der Antichambre des Ministers als den geachteten Dichter Thomas Otway kennen gelernt. Aber sein ganzes Wesen war verändert, und dem Rausch der Freude schien der der Verzweiflung gefolgt zu sein; auch deutete der unordentliche Anzug und das wilde Feuer in Augen und Wangen darauf, daß er dem Rebensaft, schon ehe er in diese Weinstube getreten, zugesprochen habe. Er hatte noch die letzten Nachklänge des auf den König scherzweise ausgebrachten Toastes vernommen, und stürzte sich in einen Armsessel mit einem Ausrufe, der fast wie eine, jenen Glückwunsch parodirende Verwünschung klang. Bald wurde er der Mittelpunkt des Kreises, aus dem jeder Einzelne mit ihm bekannt schien. Scherzhafte Spöttereien und freundliche Aufmunterungen verhallten aber auf gleiche Weise an seinem Unmuth, bis er nach dem Genuß einiger Gläser Wein das Sprachvermögen wiedergewann, welches sich indessen mehr in einem Monologe Luft machte, als in Antworten auf die an ihn gerichteten Fragen.

»Das haben wir von unserer Demuth, von unserer Treue, das heißt der Lohn für Loyalität! – Reicht mir ein Glas Wein – es giebt keinen englischen Wein, keine englische Treue, kein englisches Talent, keinen englischen König! Alles Ausländern! Geld, Künstler, Maitressen, Könige, alles bekommen wir über das Meer her. Wer mag für England arbeiten? – Ich will ein Türke werden. Der Großherr und der Pascha wirft doch dem Poeten einen Gnadenpfennig hin oder er läßt ihn hängen aber er lacht ihn nicht aus.«

»Armer Toms!« sagten mehrere Stimmen. »So ist es aus mit der Gnade, mit der lang genährten Hoffnung!«

»Herr Shephard!« rief Rochester zum Wirthe. »Eine Flasche Madera meinem neuen Unterthane. Sein König hat ihm heut das Betteldiplom geschenkt, und ich will es Toms vergeben, daß er mehr Zutrauen zu Karl Stuart als zu mir gezeigt hat.«

Der gekränkte Dichter hörte noch immer wenig auf die Rede der Zechenden. Wie erschöpft im Armsessel ausgestreckt, stieß er Verwünschungen und Klagen bunt durch einander gemischt aus, die den Zuhörer zugleich zum Lächeln und zur Theilnahme zwangen.

»Alle meine Hoffnungen hingeschmettert – alle Entwürfe meiner kühnen Jugend. Jahrelang baute ich daran.«

»Was Deine Jugend betrifft,« sagte Rochester, »so drückt sie Dich nicht zum Umfallen, da Du ein Knabe bist, an dem schon manches graue Haar durch das braune vorblinkt, während das Fett ungebührlich an Bauch und Kinn herauswächst.«

»Ihr seid Lords,« fuhr Otway fort, »und braucht den Finger nur aus der Wiege auszustrecken, um an den Thron zu reichen. Eine Schande daß Ihr nicht weiter seid, wenn Ihr vorgebt Witz zu haben. Ich arbeitete zwanzig Jahr mich zu heben, um gesehn zu werden, Tag und Nacht war das mein Gedanke. Ich habe alles dafür geopfert, mein irrdisch Gut, die Ehre, die Unschuld, den Frieden meiner Seele –«

Ein lautes Gelächter beantwortete hier die Seufzer des Dichters. Lord Howard rief: »Warum hast Du alle Deine Hoffnungen auf einen Sonnenblick vom Thron gebaut?« Von allen Seiten aber drang man in ihn, was ihm in der Audienz begegnet wäre zu erzählen. Es kostete Mühe, ehe sich der Dichter so weit sammelte, um folgenden abgebrochenen Bericht zu erstatten.

»Ihr mögt denken, wie mein Herz schlug, als es hieß, die Stunde ist da, wo Du Deinem Glück entgegen gehst. Unruhig wanderte ich unter den Alleen umher, die an Chiffinch-Hause stehen, jeden Pulsschlag zählend, um nicht zu früh oder zu spät einzutreffen. Ich dachte mir alle mögliche Anreden des Königs, um eine Antwort sogleich bereit zu haben, und bescheiden zu erscheinen, indem ich das Compliment ablehnte. Endlich winkt mir ein Kammerdiener von Chiffinch. Ich folge ihm die Hintertreppen hinauf. Jede Stufe ist glühendes Eisen, meine Füße und Hände sind aber kalt wie der Tod. Durch eine Tapetenthür trete ich ins Zimmer, das von Wohlgerüchen duftet, aber der König, den ich mir vorstellte, wie er mir entgegentreten und die Hand zum Kusse reichen würde, fehlt. Einige Herren, Halifax war darunter, saßen im Winkel und unterhielten sich, andere standen. Endlich sah ich am Clavier die La Guyn; sie spielte und sang, was ich in meiner Angst ganz überhört hatte. Neben ihr stand, mit dem Rücken mir zugekehrt, ein Mann so schlecht angezogen, wie es sich fast nicht für den Ort schickte, der klopfte ihr mehrmals auf den Nacken, wenn sie gut gesungen hatte. Als endlich eine Arie zu Ende war, gähnte er und sie drehte den Kopf um. Sie erblickt mich, winkt mir näher zu kommen. Sir, das ist der Thomas Otway, sagte sie zu ihm, und der Mann – war der König. Er blieb am Clavier gelehnt stehen, und sah mich nicht unfreundlich an. Ich machte meine Verbeugung und er sagte: Wie hieß doch Ihr letztes Stück? – Sir! das gerettete Venedig! erwiederte ich. Es wäre das höchste Glück meines Lebens wenn es meinem Souverain nicht ganz misfallen hätte. – Er lächelte, und nun hört was er sagte: Es war mir zu wild und bunt. Ihre früheren Stücke Alcibiades und Don Carlos waren weit ordentlicher nach den Regeln. Reisen Sie nach Paris, dort können Sie lernen Ihre wilde englische Phantasie zügeln. – Ich stand wie eine Bildsäule da, man hätte mir keine Sylbe mit der Folter ausgepreßt. Wie ich nun hoffe, der König wird noch etwas sagen, faßt ihn die Nelly am Arm und zieht ihn an's Clavier und sagt, sie wollte ihm drei Tage kein freundliches Gesicht machen, wenn er noch einmal so unaufmerksam wäre. Ehe ich es mich versehe, spielt sie und singt und der König schlägt dazu den Takt auf ihrem Nacken. Da giebt mir Chiffinch einen Wink, es wäre Zeit mich zu entfernen und mir war als bekäme ich im heißen Fieber ein kaltes Sturzbad.«

Fast schien es, als hege Raleigh allein für den Dichter mitleidige Theilnahme. Die Aeußerungen der Uebrigen deuteten nur den Spaß an, welchen der unerwartete Ausgang und die Täuschung seiner kühnen Erwartungen verursachte. Otway dagegen hatte seinen Unmuth während der Erzählung durch Glas auf Glas aufgefrischt.

»Du machst kein Glück mehr durch Weiber und bei Weibern,« sagte Rochester. »Laß sie in Ruhe und lege Dich allein auf den Witz, er ist ein festeres Fundament für den Mann.«

»Und diese Creatur,« fuhr Otway durch eine erwachende Erinnerung noch mehr erbittert auf – »drehte ihr Köpfchen als ich an der Thür war, lachte mich aus und schlug mir ein Schnippchen hinter des Königs Rücken. – Es ist kein Verlaß auf Weiber. Mein ganzes Unglück kommt von ihnen. Jedermann offen im Glück, und flugs den Rücken gewandt, wenn es ihn verläßt.«

»Ei, man dreht sie wieder um, und wartet nicht auf ihren Willen« warf Howard vor sich hin.

»Sie standen schon lange auf dem Sprunge Dich zu verlassen, Thomas,« sagte Rochester. »Die Gräfin Eveline, und das war doch Deine vornehmste Liebe, denn Du trugst sie immer im Munde, meinte neulich, Du würdest so welk wie der Herzog von Buckingham.«

»Die blonde Operntänzerin mag ihn auch nicht mehr,« fiel Howard ein, »und wenn Malvina und Doris ihm nicht mehr frei Quartier geben, kann er nur die Nächte auf der Straße zubringen.«

»Doris ist nach Paris gegangen,« bemerkte Lord Gray.

»Mehr Wein!« rief Otway. »Denkt Ihr, daß alle meine Aussicht auf Maitressen gebaut ist? – Ich war auch tugendhaft in meiner Jugend – meine Eltern waren brave loyale Leute – bis ich nach London kam und das Lustschloß meiner Hoffnungen auf den Bretern errichtete. – Da lernte ich Euch kennen. Ihr wart es, die mich immer tiefer in den Schlamm stürztet.«

»Moralische Abhandlungen! Thomas will ein Moralist werden!« scholl es von mehreren Seiten.

»Und forderte ich Alles wieder, was Ihr von mir vergeudet,« rief Otway aus, »was bliebe an Euch? – Meine besten Einfälle wurden mir bei Euch gestohlen, meine Unschuld, meine Jugend, die kühnen Entwürfe fürs Leben schlug ich zu Seifenblasen zu Eurer Spielerei; und was gabt Ihr mir dafür? – Eure Maitressen, deren Ihr übersatt wart, Euren Wein, Euren Spott. Glaubt aber nicht, daß nun alles vorbei ist. – Herr Shephard, eine Flasche Champagner, die Lebensgeister wieder zu wecken!« –

»Schreibe französische Tragödien, Toms!« sagte Rochester.

»Wein her, Herr Shephard!« schrie Otway. »Nein, denkt nicht daß ich knieen werde. Noch ist der Dichtergeist frei. – Wein her, Herr Shephard! – Ich will Euch Trotz bieten, ich stehe auf der Bühne, die englische Nation kennt meinen Namen. – Ich will die Bühne aus dem Schlamm herausziehn. –«

»Werde ein Prediger bei den Quäkern Toms,« rief ihm Howard zu.

»Der Herzog von York,« fuhr Otway immer heftiger fort, »hat noch ein englisches Herz. Miß Sedley ist mir gewogen; sie vermag jetzt Alles über den Herzog, dann lach' ich Euch aus, wenn die neue Sonne aufgeht. – Aber zum Teufel, Shephard, Champagner! Champagner! Hund, wo ist Dein Herr?« fuhr er einen Kellner an, der Ihn mit ungewissen Blicken maß, ob er seinen Befehlen nachkommen solle?

»Der Herr ist oben,« erwiederte der Diener, und allerdings lag in seinen Blicken etwas, das auch bei einem minder Erhitzten Mistrauen hätte erregen können. Der Dichter gerieth in die äußerste Wuth:

»Oben ist Dein Herr! – Was macht Dein Herr oben? – Denkt er, weil mich der König und die Nelly betrog, daß er auch das Recht hat, mich zu betrügen? – Der elende Krämer will sich zurückziehn vor mir, der ich sein Haus in Ruf brachte. – Der elende Krämer soll herunter kommen – er soll Abbitte leisten. Er soll Englands Dichtern Satisfaction geben.«

Der Diener wollte sich, wohl an ähnliche Scenen gewöhnt, zurückziehn, Otway aber, der jede seiner Bewegungen mit dem Argwohn eines Trunkenen verfolgte, stürzte auf ihn los, faßte ihn am Hals und drückte ihn an einen Pfeiler: »Schurke bekenne, was macht Dein Herr oben? Will er mich verläugnen?« Ein wilder Lärm herrschte im Zimmer. Raleigh stürzte dem Dichter nach, um den Kellner aus seinen Klauen zu befreien. Dies gelang ihm zwar, jedoch wurde Otway dadurch nur mehr gereizt.

»Ich muß den Schurken aufsuchen, der mein ganzes Vermögen hat, diesen jämmerlichen Kleinkrämer, diesen Factionisten, Himmel und Hölle! der mir eine Flasche Champagner verweigert. Und sollte die City noch einmal brennen!«

Er machte sich Platz zur Thüre, riß die Kellner, die sich ihm in den Weg stellten, nieder, und erst am Fuß der Treppe gelang es Raleigh ihn zu ereilen. Indem dieser mit ihm rang bemerkte er zuerst, wie sich allmälig das früher überfüllte Weinhaus geleert hatte. Ein Geist der Unruhe sprach sich auf allen Gesichtern aus. Ein Kellner zog Lord Gray bei Seite und Raleigh hörte, wie er ihm die Worte zuflüsterte:

»Um Gottes Willen haltet den Trunkenen zurück. Der Herr wartet den Lords oben auf, und sie munkeln draußen von der Wache. Das Lumpenvolk hat sich zerstreut.«

Gray drückte den Hut über das Gesicht und verschwand im nämlichen Augenblicke. Alles was noch im Hause war, schien theils mit dem Tumult draußen, theils mit der Sorge beschäftigt, den Grafen Rochester in seinen Wagen zu helfen, welcher, jetzt auch im Zustande geistiger Auflösung, unaufhörlich befahl ihn zur Marquise *** zu bringen, da er sein Ehrenwort gegeben, heut die Stelle des Marquis zu vertreten. So blieb Raleigh allein die Sorge für den trunkenen Dichter überlassen, welchem die Wuth der Verzweiflung und des Trunkes neue Kräfte geliehen hatte. Er stürmte die schmale Wendeltreppe hinauf unter furchtbaren Drohungen gegen den schäbigen Bürger, den Weinverfälscher, den Rebellen. Raleigh hielt ihn von hinten umfaßt, wie wir auf dem Theater den treuen Horatio sehen den Prinzen Hamlet umschlingen, damit er nicht im Ungestüm des nervösen Reizes dem Geiste in die Arme falle, und wurde so von dem Dichter mit in die Höhe gezogen. Sie mochten auf diese Art kaum die Hälfte der nur sparsam von den auch in der untern Weinstube allmälig erlöschenden Kerzen erleuchteten Treppe zurückgelegt haben, als oben eine Thüre aufging und mehrere hohe in Mäntel verhüllte Gestalten in rascher Folge ihnen entgegen die Stufen herabstiegen, daß bei der engen Beschaffenheit des Durchgangs die Hinaufsteigenden und Herunterkommenden sich fast berührten.

Otway, über alle Rücksichten hinaus, und von einer Wuth ergriffen auch die entferntesten Gedanken auszusprechen, jubilirte: »Vornehme Herren steigen herunter und wir steigen hinauf. – Ein gutes Omen Sir! – Was suchen die Lords im Hause des Weinschenkers? – Ich kenne sie. Das war Algernon Sidney, ich kenne ihn am geharnischten Tritt – Himmel und Gnade, das riecht nach unehelichen Söhnen und nach einem Herzog von Monmouth! – Herunter, herunter Ihr Herren, das ist Mylord Russel. – Ihro Herrlichkeiten mögen bei Hofe bestellen, wenn dahin Ihr Weg geht, ich sei Thomas Otway, der Poet, und hier gäbs eine entdeckte Verschwörung und ich könnte eben so gut Ein errettetes England schreiben, als ein Errettetes Venedig

Die verhüllten Gestalten rauschten schnell an ihnen vorüber, und doch glaubte Raleigh zu bemerken, wie einige bei den hervorgelallten Worten des Trunkenen zusammenfuhren. Eine entsetzliche Ahnung bemeisterte sich seiner, zu der alle Umstände, deren er sich erinnerte, nur zu wohl paßten. Waren es wirklich die Männer, welche die Weinbegeisterung dem Dichter in den Verhüllten erblicken ließ, so deutete die Vereinigung aller Umstände auf eine traurige, folgenreiche Begebenheit. Die dunklen Worte der Verschwörer traten ihm vor Augen, sie schienen ihm klarer zu werden, dazu kamen Halifax Worte, alles was er über den gährenden Zustand der Gemüther und der Häupter der Volkspartei vernommen, und der Wunsch durchzuckte ihn, er hätte damals nichts belauscht, oder was er vernommen, als die Eingebungen des Fieberwahnes in seiner Brust verwahrt.

Alles dies waren jedoch nur zückende Gedanken, der Drang des Augenblicks erlaubte ihm nichts weniger, als weiter darüber nachzusinnen, denn schon standen sie oben auf dem Flur, und Raleigh mußte alle Kraft aufbieten den Dichter zurückzuhalten eine Thür zu sprengen, »um in das Nest der gotteslästerlichen Verschwörer einzudringen und dem schurkischen Wirth seinen Verrath vorzuwerfen.«

In dem Zimmer, das die Männer verlassen, wurde sehr laut gesprochen, es schien aber nicht die Raleigh wohlbekannte feine Stimme Shephards darunter zu sein. Dagegen erkannte er nur zu gut die rauhe, welche in dem Meierhofe unter den Verschwörern das Vorwort geführt hatte, und deren Eigenthümer Oberst Rumsey dort genannt wurde. Mit der äußersten Heftigkeit drang dieser hier in einen andern, der, wie es schien, nur von dem Sprecher noch zurückgehalten wurde:

»Redet mir nicht von den bedächtigen Memmen! Sie haben mich nicht getäuscht – ich wußte voraus, daß es so kommen würde. Seit Jahren zauderten sie und es gab immer einen Grund zum Aufschub – jetzt ist der Nord, jetzt der West nicht bereit, jetzt Argyle nicht fertig, jetzt Russel nicht aufgelegt. – Höll und Teufel wir sind verrathen – Ich bin fertig, bereit, aufgelegt, noch wimmelt es in der City von den Buben, die Shaftsbury zusammenbrachte, ich bin aufs äußerste gebracht, und wage das äußerste. In Deinem Willen Robert, liegt mein Schicksal, die Entscheidung ruht auf einer Messerspitze, auf der einen Seite ist roth, auf der andern schwarz, es kommt im Grunde auf eins heraus.«

»Russels Worte,« sagte der andere, und Raleigh konnte Robert Fletchers Stimme nicht verkennen, »waren so eindringend und männlich schön, daß alles wilde Feuer erloschen ist. Die Garde müßte niedergehauen werden, und der Himmel bewahre daß so viel unschuldiges Blut über mich komme.«

»So fahre der Geist Deines Vaters in Dich, Robert Fletcher von Salton. Bist Du ein Quäker? – Das theure, hochadlige Blut! sprechen können sie, um das Volk zu gewinnen, aber wenn es Gut und Blut gilt fürs Vaterland. – Robert, ich will es allein unternehmen, aber bis Mitternacht oder nie, denn es wäre ein Wunder, wenn sie uns hier nicht aufsuchten. Entscheide Dich, sonst bei Gott –«

So weit, und auch dies nur abgebrochen, hatte Raleigh vernommen, als ein anderes Getöse von der entgegengesetzten Seite erschallte. Feste dumpfe Tritte und der Klang von Waffen wurde vernehmbar. Aengstlich gespannt horchte er darauf, der Treppe zugewandt, während Otway tobte und auf den aus einer Seitenthür schüchtern hervortretenden Kaufmann Shephard losfahren wollte. Als er ihn mit Mühe wieder umfaßt hatte, stürzte Rumsey aus dem Zimmer heraus, bei Raleigh vorbei und die Treppe hinunter. Die Soldaten waren schon eingetreten. Wenige Minuten darauf stiegen sie die Treppe hinauf und Rumsey an der Seite des Officiers machte den Wegweiser.

»In jenem Zimmer, Mylord, beriethen sie sich. Bis vor wenigen Minuten hielt man mich fest, wo ich mich mit Gewalt losmachte. Die Mehrzahl wird sich zerstreut haben.«

Man riß die Thüre auf, und der Officier rief hinein: »Widerstand ist fruchtlos, meine Herren. In des Königs Namen verhafte ich Sie um Hochverrath.«

Es war im Zimmer ganz dunkel, keine Antwort erscholl, auch verkündete nicht das geringste Geräusch, daß Leute darin seien.

»Fackeln, Lichter herauf!« befahl der Officier, und seinen Befehlen wurde augenblicklich Folge geleistet, um einen der verwirrtesten Auftritte zu beleuchten.

»Corporal! mit zwei Mann voran für den Fall, daß sie thörigen Widerstand leisten!« kommandirte der Officier, aber es zeigte sich bald, daß Niemand darin war. Ein Fenster war geöffnet, es gewann allen Anschein, daß der letzte, der zurück geblieben, sich in das kleine Sackgäßchen hinabgelassen hatte. Raleigh athmete freier über diese Entdeckung. Der Officier überflog ein mit Namen beschriebenes Papier und warf die Aeußerung vor sich hin:

»Es wird Graf Essex sein.«

»Um Vergebung Mylord!« entgegnete Rumsey, »Graf Essex war nicht bei der Versammlung.«

Eine Todesblässe überzog Raleighs Gesicht bei dieser Nachricht. In demselben Momente fiel auf ihn der Blick des Officiers, dessen Verdacht noch durch die wunderbare Stellung, in die er durch das Ringen mit dem Dichter gerathen war, vermehrt wurde.

»Hier ist noch ein Verschwörer, der uns entwischen möchte. Ihren Namen und Ihren Degen, Sir.«

Raleigh reichte ihm den Befehl des Geheimen Rathes, nach dessen flüchtiger Durchlesung und einer kurzen Musterung des Ritters der Befehlshaber sich höflich mit den Worten zu ihm neigte: »Sie verzeihen, Sir, meinen Irrthum. Vermutlich leitete Sie die löbliche Absicht hierher, noch mehr zu Gunsten der Krone über dieses verdammungswürdige Complott in Erfahrung zu bringen. Sie haben, wie sich versteht, völlige Freiheit zu gehen und zu bleiben.«

Man blickte den Ritter von allen Seiten an, und er glaubte flüstern zu hören: »Es ist der Angeber!« Otway kam jetzt an die Reihe geprüft zu werden; schon sein Aeußeres verrieth indessen, daß er nicht zu den gefährlichen Feinden der Krone gehörte.

»Ich bin ein Dichter!« rief er, »ein loyaler Dichter, Thomas Otway, habe jetzt erst die Verschwörung entdeckt – hätte ich sie früher entdeckt, würde ich sie früher niedergedonnert haben.«

Der Officier warf einen fragenden Blick auf Rumsey, der mit gesenktem Blicke trotzig mitten in der Gruppe stand. Es bedurfte nur eines Kopfschüttelns um den Dichter frei zu lassen. Zitternd aber stand ein kleiner Mann mit einem Schlüsselbunde in der Hand und suchte sich an das Geländer zu lehnen.

»Das ist?« fragte der Officier.

»Der Kaufmann Shephard!« fiel Rumsey schnell ein. »Wenn Euer Gnaden mir vergönnen ein Wort mit ihm zu wechseln, zweifle ich nicht, er wird sich bereit finden, der Krone mit seiner ausgebreiteten Kenntniß in dieser Sache wichtige Dienste zu leisten.«

»Man lasse sie zusammen!« verordnete dieser, und nachdem ein Trupp unter dem Corporal zur Durchsuchung der obern Zimmer zurückgelassen war, begab man sich die Treppe hinunter in die große Weinstube zurück. Hier blickte der Officier an einen Tisch sich niederlassend die Liste noch einmal durch und fuhr plötzlich mit der Frage auf: »Man habe doch Niemand seit der Besetzung des Hauses hinausgelassen?«

»Niemand, bis auf den Ritter,« erwiederte ein Unterofficier, »bis auf den Ritter, dem Eure Herrlichkeit die Freiheit gelassen zu bleiben und zu gehn. Er drängte sich mit ungemeiner Hast hindurch zur Thür hinaus und um die Ecke, daß wir fast angestanden sind ihn nochmals festzuhalten.«

Die Stirne des Officiers verfinsterte sich: »Rumsey, wenn der Entwichene ein fremdes Papier vorgeschützt, wenn ich hintergangen worden und es Lord Howard gewesen, der aller Anzeige nach im Hause war.«

»Mylord,« entgegnete der Oberst, »der Ritter war mir ganz fremd, während Lord Howards Physiognomie in allen Weinhäusern zu bekannt ist, als daß Eure Herrlichkeit sie nicht auch im Finstern wiederkennen sollten.«

Die Wache brachte die Nachricht, daß in den obern Zimmern nichts zu finden sei, in dem Augenblicke aber stieß Otway, der mit dem Lichte an den Kamin getreten war, einen lauten Schrei aus:

»Hierher, Ihr loyalen Diener des Königs! Mich soll heut Niemand mehr betrügen – ich ward genug betrogen. Hervor mein Herr mit den Sammtschuhen – es lebe König Karl!«

Man drängte mit Lichtern heran, und der im Kamin, in der unbequemsten Stellung schwebende, hielt es für gerathen, freiwillig sich herunter zu lassen. Es war Lord Howard, auf dessen von Ausschweifungen entstelltem Gesichte, Unwille, Beschämung, Wuth und Furcht den unangenehmsten Ausdruck hervorbrachten. Er gab seinen Degen mit einigen Verwünschungen ab.

»Ew. Herrlichkeit sprachen von meinem heutigen Nachtquartier,« sagte Otway, »aber beim Himmel gegen den Tower ist eine sternenhelle Nacht im Freien ein indisches Lager, abgesehen davon, daß mir es immer frei steht, in den Schornstein zu kriechen. Schade, daß Graf Rochester nicht mehr bei Sinnen ist, sein Bettelkönigreich wäre um Bettler vermehrt, die mit Königreichen spielten, und jetzt froh waren mit Schornsteinbuben zu tauschen.«

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