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Schloß Avalon. Erster Band

Willibald Alexis: Schloß Avalon. Erster Band - Kapitel 12
Quellenangabe
authorWillibald Alexis
titleSchloß Avalon. Erster Band
publisherF. A. Brockhaus
year1827
pages302
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20180307
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Zehntes Capitel.

Ebenfalls behaupte ich, daß der natürliche Poet, wenn er von der Kunst unterstützt wird, bei weitem jenen Poeten übertreffen wird, der sich durch die bloße Kunst bestrebt einer zu sein. Der Grund Ist der, daß die Kunst nicht höher steht als die Natur, sondern diese nur vollendet, so daß, wenn Natur mit Kunst, und Kunst mit Natur in eins verbunden sind, der vollkommene Poet entsteht.

Don Quixote.

 

Juden und Makler hatten bereits Erkundigungen über den Zustand der Erbgüter der Loscelyne eingezogen, und standen vor dem Hôtel der Familie, des jungen Herrn gewärtig, ihm unter den glänzendsten Bedingungen die bereitesten Mittel anzubieten, sein Erbgut zu verschleudern. Die alte Dienerschaft hatte ihre reichsten Galakleider, halb während der mürrischen Regierung des Erblassers von den Motten verzehrt, ausgepackt, froh den Tag erwartend, wo das lang Aufgesparte wieder den Kreislauf durch die Stadt antreten werde. Auch eine Schaar Neugieriger ließ sich von den Interessirten nicht zurückweisen; alle wollten die staunenden Blicke der Freude sehen, die der junge Besitzer dem unerwarteten Besitze zuwerfen müßte, aber alle hatten sich getäuscht.

Mit trübem Blick war er in das festlich geschmückte Haus getreten. Nicht die langen Reihen der gebeugten Diener, nicht die kostbaren Teppiche und Blumen auf der Treppe und an den Mauern hatten dem Erben ein Lächeln, kaum einen aufmerksamen Blick entlockt. Sein erster Befehl entfernte die Musikchöre und von allen Kostbarkeiten, kunstvoll zu seinem Empfange aufgebaut, reizte ihn nichts als der veraltete Brief eines Mannes, dessen verwandtes Gemüth und mit dem seinen ähnliches Glück, schon den Jüngling an das Schicksal eines Edlen geknüpft hatte, den er ein väterliches Vorbild, der ihn Freund nannte. Eine tiefe Wehmuth und der Wunsch Raleigh bei sich zu sehen sprach sich in Graf Essex Briefe aus, und zum Erstaunen der Dienerschaft befahl er Pferde in Bereitschaft zu halten um noch vor Einbruch der Nacht alle Herrlichkeiten zu verlassen.

Er bedurfte noch der Ruhe. Aber selbst in dem Schlummer suchte sie ihn nicht heim. Harriets und Essex Bilder schwebten ihm abwechselnd vor, beide riefen um Hülfe und im Prüfen, wessen Gefahr die dringendste sei, eilte er zu keinem. Er befand sich jetzt in Copenhagen, wohin er den Lord auf seiner Gesandtschaftsreise begleitet hatte. Die seltsame Revolution von 1660, deren lebhafter Zeuge er als Knabe gewesen, wiederholte sich von neuem, er sah Blut fließen, wo kein Blut geflossen war, man schleppte auch Essex heran, Harriet warf sich ihm zu Füßen um sein Leben flehend. Da sprang er auf, die finstern Träume durch schnellen Aufbruch abzuschütteln, als der Kammerdiener ihm ein versiegeltes Mandat des Geheimenrathes überbrachte. Es enthielt für die Person des Sir Raleigh Loscelyne das Verbot die Stadt binnen Wochenfrist zu verlassen, da er als Zeuge im Prozeß gegen die Hochverräther auftreten solle.

Doppelt bitter war für den Ritter dieser Befehl. Wer sich mit seinen Grundsätzen dazu versteht ein Angeber zu werden, darf gemeinhin keinen Gewissenszweifel hegen auch als Zeuge aufzutreten, da seine Anzeige vor den Gerichten nur insoweit von Gewicht ist, als er ihr die Kraft des beschworenen Zeugnisses geben mag. Raleigh, und welcher rechtliche Engländer nicht mit ihm, empfand den äußersten Abscheu gegen eine Menschenklasse, die in seiner Zeit mit allem Heiligsten spielend, die Verruchtheit zu ihrem Handwerk gemacht hatte. Von allen Parteien in ihrer Macht waren die Zeugen gebraucht um die Häupter der Gegner zu stürzen. Schon war das Vorurtheil soweit gewichen, daß man die vielen Opfer des papistischen Complotts zum Theil für schuldlos hingerichtet, wenigstens schuldlos an dem Verbrechen, dessen sie bezüchtigt waren, glaubte, und die Zeugen, deren Aussagen sie ins Verderben gestürzt, für bezahlte Verläumder hielt. Schon galt das Wort Zeuge und falscher Zeuge für gleichbedeutend, und Raleigh, der mit einer ganzen Welt gern in die Schranken getreten wäre, die Sache des Königs zu verfechten, sollte, nachdem man den wichtigern Dienst der Entdeckung eines gefährlichen Frevels schnöde zurückgewiesen, mit jenen Verworfenen zusammentreten, damit die Strafe die Häupter einiger Elenden nicht verfehle.

Der Erbe verbannte jede Aeußerung des Unwillens, nur einen tiefen Seufzer mochte er nicht unterdrücken, als er das Schreiben wieder zusammengefaltet in die Brieftasche legte. Er bestellte die Reise ab und eilte aus dem Hause noch einmal frische Luft zu schöpfen, deren er zu bedürfen glaubte, um den Kränkungen des Tages eine eiserne Stirn zu bieten. Daß er ohne Gefolge in einen schlichten Mantel gehüllt sich entfernte, fiel seinen Dienern weniger auf, indem die Liebesabenteuer in jener Zeit so mannigfach waren, daß, wenn es auch nicht zum allgemeinen Ton gehörte, den Mantel der Schaam darüber zu werfen, sich doch Umstände und Charaktere annehmen ließen, wo der Schleier der Nacht und die holde Einsamkeit reizender dünkten.

Die Straße, der er folgte, führte ihn zu einem Schauspielhause. Er trat hinein und barg sich in einer Ecke vor dem bunten Gewühle der Gaffenden. Seine Gedanken waren beim Hamlet, dessen Seelenzustand der Unentschlossenheit ihm mit dem seinigen so nahe verwandt schien. Mit diesen Gedanken und in der ungewissen Erwartung etwas dem ähnliches zu finden, war er in das Comödienhaus getreten, ohne vorher den Anschlagzettel betrachtet zu haben. Aus seinen Träumen weckte ihn aber nur zu bald das gellende Gelächter, ja wilde Gekreisch der Zuhörer. Es war eine jener Vorstellungen, welche von den feilen Dichtern des Zeitalters für den verdorbenen Gaumen der Menge zubereitet wurden, und die zu Karls Zeit fast allein die Bühne beherrschten. Ein Sujet, ohne ein wahres, der menschlichen Natur entnommenes Interesse, eine Handlung, die weder motivirt noch entwickelt, nur in Effecten auf die roheren Sinne bestand. Von aller Anmuth entblößt, war es nur der Reiz der Neuheit, der hier fesseln konnte, und der Witz war auf die unwürdigsten Gegenstände verschwendet. Ein freches Hinwegsetzen über alle Verhältnisse, welche bis dahin als heilig erachtet wurden, gab der Farce die eigentliche Würze, und es schien, als sei die Erfindung des Dichters, daß er die Frauen in Männer- und die Männer in Frauenkleidung auftreten ließ, eine unerschöpfliche Fundgrube, da das ganze Publikum bei jeder Erscheinung dieser Art in tollen Jubel gerieth. Die Schauspieler, entfernt von jeder Regel des Schicklichen oder dem Streben nach einer wahren und anmuthigen Darstellung, beeiferten sich nur, die anstößigen Späße durch ähnliche Pantomimen hervorzuheben, und in einer derben Natürlichkeit die Wirklichkeit zu überbieten, wobei sie jedesmal des allgemeinen Händeklatschens sicher waren.

Raleigh war nach den ersten zehn Minuten so empört, daß er seinen Unwillen gegen einen Nachbar entlud:

»Ist es möglich, daß das englische Theater in wenigen Jahren so tief gesunken ist! Wer, wenn die Dichter die Frechheit haben dergleichen zu dichten, bringt diese Stücke auf die Bühne?«

»Die Directoren,« entgegnete der Nachbar.

»Und wer zwingt sie dazu, da Männer an ihrer Spitze stehen, welche Geist und Witz haben?«

»Das Publikum,« war die Antwort.

»Wenn auch der rohe Sinn des Pöbels an dergleichen Vergnügen findet, sollte man ihm nicht schmeicheln, sondern langsam und mit Besonnenheit entgegen arbeiten.«

»Warum? Das Theater ist ja des Vergnügens wegen da; auch unterhalten diese Possen die Cavaliere und den Hof weit besser als die langweiligen Stücke aus der Zeit der Königin Elisabeth. Zudem, wer einmal eine puritanische Predigt mit den moralischen Abgeschmacktheiten hören müssen, der braucht zur Verdauung etwas derb Lustiges.« So sagte der Nebenmann, und winkte Raleigh stille zu sein, da eine neue Verwandlung erfolge. Sieben junge Frauen als Männer verkleidet, setzten sich auf ihre sieben als Pferde costumirte Männer und ritten unter unaussprechlichem Jubel durch den Saal. Raleigh schien der einzige Gefühllose und war der einzige, der mitten in diesem seeligen Auftritt das Theater zum Erstaunen der Thürwärter verließ. Das Geschrei um Wiederholung der beliebten Scene und der verstärkte Jubel des Volkes dröhnten ihm noch lange in den Ohren, als er bereits durch die menschenleeren Gassen dahin streifte.

Eine neue geräuschvolle Scene sollte indessen sogleich wieder seine Aufmerksamkeit erregen. Mitten auf einer nicht geräumigen Straße wurde ein seltsames Banquet gehalten. Durch die hellerleuchteten und mit Epheu und Weinlaub festlich geschmückten Fenster einer Weinstube wurde grade so viel Licht herausgeworfen, um das burlesq Phantastische desselben zu erkennen. Eine Gesellschaft lahmer Männer und Frauen, wie es ihm nachher schien, ihres Alters, ihrer Häßlichkeit und anderer entstellender Gebrechen halber besonders auserlesen, mußten nach der Musik tanzen, welche ein auf den Gesimsen der benachbarten Häuser postirter Chor blinder und tauber Musikanten und Musikantinnen zum Entsetzen der Nachbarschaft und Aller, welche gesunde Ohren hatten, aufführte. Wie in der Harmonie der Virtuosen herrschte auch unter den Tanzenden die bunteste Unordnung. Die walzenden Paare mit ihren herumflatternden Lumpen von den grellsten Farben, hatten die Auswahl nach der schnellen oder langsamen Musik zu tanzen. Da nun selbst unter den Partnern hierin Uneinigkeit herrschte, war es nicht zu verwundern, wenn kein Paar mit dem andern Takt hielt. Bei der Unbehülflichkeit der zum Theil schon vom Wein erhitzten Krüppel blieb es eben nicht beim bloßen Drängen und Stoßen, sondern häufig stürzten die sich treffenden Paare zu Boden und die ihnen zunächst auf der unausweichbaren Bahn folgenden wurden zu gleichem Verderben hinabgerissen. Es traf sich auch wohl, daß alle Tänzer auf einem Haufen lagen, wobei der Jubel der gaffenden Volksmenge, welcher eigentlich niemals schwieg, zur tobenden Lust ausbrach. Aus den Fenstern erscholl dann aber die Ermahnung an die Tänzer, nicht den Muth zu verlieren, und da man ihnen Wein in Uebermaaß herausreichte, fuhren auch die meisten in dem seltsamen Frohndienste fort, bis der ungewohnte Besuch des Bacchus sie in einen Zustand der Seeligkeit versetzte, der ihnen durchaus nicht mehr verstattete, der Terpsychore die Hand zubieten.

Als selbst schon der lahme Tanz lahmte, nur noch von einigen Taumelnden unterhalten, war man drinnen noch nicht befriedigt; eine Stimme verlangte, die wackern Sänger sollten die Tänzer ablösen, worauf mehrere heisere Stimmen sich erhoben einen Gassenhauer abzusingen, der mit Stellen aus pathetischen Gedichten untermischt von neuem die eigenthümliche Lust des bizarren Auftrittes anfrischte. Raleigh der die Unmöglichkeit einsah, sich durch den Auflauf hindurchzudrängen, war schon beim Beginnen dieses Gesanges, nicht ohne Mühe, in die Weinstube gedrungen, welche er aus frühern Zeiten als einen beliebten Zusammenkunftsort der Genies und Schwelger, selbst aus den höchsten Ständen kannte. Er fand auch in der That Männer versammelt, welche Anspruch hatten in Whitehall den Rücken zu beugen, und mit stolzen Mienen in Westminster zu sitzen, obgleich sie hier außer der glänzenden Kleidung jedes Zeichen der Würde verleugnet hatten. Der Weinrausch sprach sich mehr oder minder in den begeisterten Augen oder den genialen Stellungen aus; vor allem jedoch glänzte Einer in grauer Bettlertracht aber mit einer Krone auf dem Kopfe.

»Beugt Euch vor dem Könige der Bettler!« rief man Raleigh entgegen, der mit bedecktem Haupte eingetreten war. Er erkannte in dem Bettler den witzigen Grafen Rochester und neigte sich ohne Zaudern mit leichtem Anstand und den Worten: »Gern beuge ich mich vor jedem Könige, vor dem Könige meiner Ahnen, wie vor dem Könige des Witzes: Auch wenn der Witz ein Bettler wird, bleibt er ein König!«

Wohlgefällig wurde die Anspielung des Eingetretenen von dem Kreise aufgenommen und der Toast: »der Witz ein König!« ausgebracht und mit vollen Gläsern begleitet. Rochester glühte am meisten, ohne jedoch einen Anstand, den man hätte königlich nennen mögen, zu verleugnen. Seinem leichten Wesen gab der Wein eine seltsame Gravität, die er darohne schwerlich über einen flüchtigen Augenblick behauptet hätte. Mit einem bis an den Rand gefüllten Becher wankte er an das offene Fenster und rief hinab:

»Aufgespielt! Der Witz ein König! Den König könnt Ihr vom Throne stoßen, der Witz läßt sich nicht stoßen, weil er stößt. Versucht es, meine leerbeutligen Republikaner, ob meine Krone auf Euren leeren Köpfen paßt! Wäret Ihr Puritaner, Pietisten, Quäker oder andere gottseelige Schelme mit sauren Gesichtern, der Witz bleibt doch Hühnerauge, Alp, hohe Kirche, Aristokrat, König, welcher Puritaner, Quäker, Pietisten und Wiedertäufer auf gleiche Art drückt und wiedertauft. – Mein würdiger Dorset hier zu meiner Linken, so melancholisch sanft blickend, als trübte er kein Wasser, – nicht, der Witz ist mächtiger als wir selbst? Wie könntet Ihr sonst so barbarische Satiren schreiben, daß die Leute sich in die Themse stürzen während Ihr doch weint, wenn Euer Wagenrad einer Katze über den Schwanz gelaufen ist. – O Menschlichkeit, weint, liebe Freunde, weint über der armen Katze Schwanz, und über Mylord Dorset, und über die Thränen, die er vergießen wird über den Schwanz der Katze und über das allgemeine Elend! Weint über die Menschen ohne Witz, Menschheit ist Elend, über dies Elend ohne Witz! Leben zu müssen als Bettler von den Brosamen der witzigen Köpfe, als da sind die Dichter und Narren von Profession, und selbst nicht witzig sein! Witz ist das Salz der Erde, Witz ist ein Eroberer, denn er achtet kein Erbrecht, Witz ist ein Liberaler, denn ihm steht Alles offen, und er giebt alles aus, Witz ist ein Republikaner, denn vor ihm ist Alles gleich; Witz ist ein Aristokrat, denn er ist angeboren; Witz ist ein König, das brauch ich Euch nicht zu beweisen; Witz ist loyal, denn er gilt auf der ganzen Erde. Fallt nieder und betet den Witz an und werdet Bettler wie diese, denn aller Euer Witz ist nur Bettelwerk!«

»Ich begreife nicht, Rochester,« sagte Einer der Anwesenden, »wie Du das exemplarische Lumpengesindel draußen hast zusammen bringen können. Ich sah nie solchen Gestank und roch nie solche Scheußlichkeit zusammen.«

»Das kommt, Mylord Gray, weil Ich als ein gerechter König regiert habe. Eine Wette! es giebt in London keinen Bettler, mit dem ich nicht ein Glas Ale leerte. Da konnte ich mir meine Würdenträger bequem nach ihrem Verdienste aussuchen. Alles was wir heut vertrinken ist aus den Domainen meines Witzes, durch keine Steuer erpreßt, es ist der reine Ertrag meines Bettellebens. Mancher Puritaner, mancher Quäker hat zu unserm Gelage beisteuern müssen, und ich dächte, wir beteten, daß Gott ihm die unbewußte Sünde vergiebt!«

Man lachte aus vollem Halse; ein anderer, den wir Lord Howard in voraus nennen wollen, ohne abzuwarten, bis er im Taumel des Trinkgelages angeredet wird, fragte in bequemer Stellung über einen Stuhl gelehnt:

»Ich aber, Rochester, begreife nicht, wie Du das Leben ein Jahrlang hast aushalten können. Damals, wie Du als Musquetier Nachts vor den Thüren der Hofdamen standest, um ihre amoureusen Besuche zu Deinem großen Scandalgedichte auszuspioniren, hatte es einen Zweck, aber ein Jahrlang Bettler sein, um am Ende des Jahrs von dem Erbettelten ein Fest zu geben, bei Jupiters Nachtmütze, ich verstehe es nicht.«

»Weil Loyalität und Witz bei Dir noch keine Wurzel schlugen,« hub Rochester an, indem er mit einem neugefüllten Glase auf ihn zuschritt. »Weil Du ein Misvergnügter bist, wie dein Freund. Ich begreife nicht Gray, ein Whig, ein Rebell; weil Ihr dürre, hagere Leute seid, die den Wein nicht länger im Leibe behalten, als ihr schwächlicher Magen es zuläßt, weil ich der große Rochester bin, der was er will, kann. Doch genug vom weil und nun etwas darum. Eben darum, wie ich dieses große Glas loyalen Weines, d. h. Weines der Witz bringt, herunterstürze, und wohl fühle, daß keine magre Nüchternheit durch leere Gedärme schleicht, darum schwöre ich, wie ich ein Jahrlang Bettler war, von heute an ein Jahr lang trunken zu Bette zu gehn, zu welches frommen Wunsches Besiegelung ich ausrufe: Es lebe König Karl und sein lustiges Königreich und der Witz, vor dem sich auch der König beugt.«

Ein allgemeiner Jubel folgte auf jeden Ausruf des Bettlerkönigs, diesmal wurde sein Toast aber nicht von allen Anwesenden unterstützt. Namentlich blieben Gray und Howard ruhig sitzen, ja in ihren Mienen sprach sich eine Misbilligung aus. Gray brachte mit halb lauter Stimme zu Howard gewandt den Wunsch aus: »Der König und sein Hof eben so trunken als Rochester!«

»Mit dem Witz ist es bald aus,« hub darauf Howard an, den Blick zum Grafen Rochester, der eben sein Glas bis auf den letzten Tropfen geleert hatte, aufgerichtet. »Du stehst allein da, so lange Du noch stehen kannst. Shaftsbury ist drüben in Holland gestorben. Er war die Seele des Witzes, Buckingham welkt, es welkt alles. Der Witz müßte denn aus Schottland kommen, wenn er in England ausgegeben ist.«

Alles lachte, Rochester erwiederte: »Wäre Englands Witz in demselben Zustande als Mylord Howards Beutel, sagte ich Amen, aber, Dorset, allen Verläumdern zum Trotz, laß uns die goldne Zeit vertheidigen. Aus Schottland kommen Puritaner und Heringe, nichts weiter.« –

»Colonisten nach den Carolinen« rief die Stimme eines Schlaftrunkenen, der nur die letzten Worte aufgefaßt hatte. »Es sind alles Cameronianer, man kann ihnen nicht viel trauen, wenn es auf Weintrinken ankommt, aber Gott ver – bei ihren Psalmen schlagen sie eine gute Klinge.«

Lord Gray stieß den Mann, der dies Wort gesprochen, wie unzufrieden an und flüsterte ihm etwas ins Ohr, worauf dieser erschreckt zusammen fuhr. Lord Howard faßte das allgemeine Gespräch wieder auf.

»Laßt mir die Puritaner und die Schotten in Frieden, denn sie beten für uns! König Karl läßt sie beten, für uns beten, für uns in die Kirche gehn, für uns gottselig sein; heißt das nicht väterlich für England gesorgt, von dem väterlichen, gottseeligen Könige!«

Beifall tönte dem Redner. »Unser religiöser König!« brachte ein Witzbold als Toast aus, und unter unmäßigem Gelächter wurde der Spruch von der ganzen Versammlung wiederholt, während die Unordnung immer größere Fortschritte machte. Raleigh bemerkte, daß der Wirth, ein angesehener Kaufmann der City mit Unruhe dem Treiben zusah, zuweilen Worte mit Howard und Gray flüsterte, sich auch häufig entfernte, und wie es schien mit Botschaften an Beide zurückkehrte. Lord Gray ging ihm mitunter nach, während Lord Howard mit aufmerksamer Theilnahme dem Treiben in der geräumigen Weinstube folgte. Doch schien, trotz des Preisliedes auf den Witz, der Witz bereits erschöpft und eine geistige Mattigkeit einzutreten, welche sich freilich noch unter dem Lärmen der Bankettirenden, zumeist derer von draußen, versteckte, als die allgemeine Theilnahme durch den Eintritt eines neuen Besuches, aber wie es schien, alten Gastes, wieder belebt wurde.

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