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Schloß Avalon. Erster Band

Willibald Alexis: Schloß Avalon. Erster Band - Kapitel 11
Quellenangabe
authorWillibald Alexis
titleSchloß Avalon. Erster Band
publisherF. A. Brockhaus
year1827
pages302
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20180307
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Neuntes Capitel.

Es floß viel Blut von beider Heere,
Ohn' daß der Sieg entschieden wäre.

Jungfrau vom See.

 

Auch Robert Fletcher war in London angekommen. Wiewohl sein stattlicheres Aeußere, die noch immer vollen Wangen, der klare Blick der dunkeln Augen, auf mehreres Glück schließen ließen, als es dem Freunde bei der Heimkehr ins Vaterland begegnet war, so sagte doch ein Etwas in seinen Zügen, daß er unzufrieden war, und daß die Erwartung noch den größten Theil jenes Glückes umschließe. An einem trüben Novembertage pochte er an den Messingklinker eines stattlichen Hauses. Man öffnete, und es gelang ihm bald, den Zutritt zu dem Bewohner zu erlangen. Er hatte sich Salton genannt, ein Name, auf den der Besitzer, ein freundlicher Mann, sofort dem meldenden Diener den Wink gab, den Fremden einzulassen.

In seinem mehr gemächlich als prachtvoll ausgeschmückten Wohnzimmer saß der Dechant Tennison, vertieft in einen Folianten, während neben ihm Miß Annen eine weibliche Arbeit beschäftigte. Er blätterte im Buche ohne zu lesen und nahm die Brille ab:

»Salton! ein Name, der nichts sagt, da es so viel Saltons giebt, als Menschen. Wir haben ja wohl drei Pachter dieses Namens.«

»Ich glaube, lieber Oheim,« entgegnete Miß Anna. »Aber die Saltons im Norden würden, meine ich, mit dieser Verwandtschaft wenig zufrieden sein.«

Indem trat Robert Fletcher, nachdem er den, seinen Kriegsrock verhüllenden, Mantel im Vorgemach abgeworfen, über die Schwelle, Der Dechant hatte von Jugend auf den Kriegsrock wenig geliebt. Mit vielen Sorgen und nicht immer auf den geraden Wegen eines unerschrockenen Geistlichen, hatte er sich während der Bürgerkriege von der Gemeinschaft mit den Söhnen des Mars frei zu halten gewußt. Er liebte den Despotismus nicht von der Wiege an; ja hatte sogar in der Jugend Reden für die Freiheit geschrieben, die er jetzt auf Gefahr seiner Seeligkeit würde verleugnet haben. Aber seit der Zeit der gewaffneten Parlamenter, seit er Cromwells Dragoner gesehen und selbst nur durch den Einfluß seines Bruders vor den Verfolgungen sicher geblieben war, hatte der Dechant mit der tödtlichen Furcht einen tödtlichen Haß gegen Alles eingesogen, was nach der Herrschaft der Waffen in England schmeckte, oder auch nur drohte, irgend dahin zu führen. Jede freie Rede im Parlamente schreckte ihn aus seiner Ruhe auf, und wenn er einen alten Major aus des Protektors Heere mit finsterm Gesichte und langem Schwerte über die Straße schreiten sah, schien ihm die Wolke aufzuziehn, welche das nahende Gewitter des Bürgerkriegs bedeute.

Er fürchtete die Soldaten; Robert Fletchers Anblick als Soldat war ihm aber noch unangenehmer, als der auch des furchtbarsten Kriegers aus der verhaßten republikanischen Zeit. Einen Augenblick überkam ihn die frühere Besorgniß, der Besuch könne doch noch einen Angriff gegen den Prälaten bedeuten, obgleich er sich schon im nächsten des Gedankens schämte. Dann aber drängten sich alle die für ihn wirklich peinlichen Gedanken, welche ein Zusammentreffen mit dem Ritter überall und zu jeder Zeit begleiten mußten, als daß er zu der gewünschten Ruhe hätte zurückkehren können. Um indessen wenigstens die vorige Bequemlichkeit wieder zu gewinnen, nöthigte er den Gast, ehe er ein Wort über die Lippen gebracht, mit der Hand zum Sitzen und sank selbst in den Armsessel, aus dem ihn die Erscheinung des Kriegers aufgeschreckt hatte, eher zurück, als Robert den Sinn der einladenden Bewegung wahrgenommen.

Robert stand, und ihm gegenüber stand Miß Anna. Die Handarbeit war ihr entfallen und ihr Bologneser kläffte den Ritter an, aus dessen starr auf seine Herrin gerichteten Blicken er einen Angriff auf dieselbe vermuthete. Robert hatte sich tausendmal gelobt, die Jugendgespielin, an die ihn so heilige Rechte banden, ohne Zaudern in die Arme zu schließen, um durch Kühnheit alle die Zweifel und Bedenken zu überwinden, welche gegen ihre Verbindung aufzusteigen drohten. Aber jetzt, im Augenblicke, wo es galt, stand er so kalt und festgebannt da, wie sich der Ritter es nie vergeben, wäre es vor einer Französischen Redoute, wenn zum Sturm geblasen ward, geschehen. Die Röthe, die Annen überzogen, ihre gesenkten Blicke hatte er nicht bemerkt. Sie hatte sich gesammelt, während er noch den Kampf mit dem kläffenden Schooßhunde bestehen mußte. Lächelnd folgte sie dem Beispiele ihres Oheims und warf ihm, indem sie die Stickerei wieder aufnahm, einen Blick zu, den er wohl bemerkte, ohne im Momente fähig zu sein, den Sinn zu rathen. Sie winkte ihrem Schooßhunde und der Dechant hatte sich indessen erholt. Seine hervorgestoßene Frage: »Man meldete mir einen gewissen Salton, und ich sehe Herrn Robert Fletcher vor mir?« riß auch den Ritter aus der Verlegenheit.

»Ja, Sir, ein Name auf den ich Anspruch habe. Seit mein Vater gestorben, glaube ich mich Robert Fletcher von Salton nennen zu dürfen.«

»Aber gehört es auch zu den gottseeligen Regeln der puritanischen Jugend sich unter fremden Namen – ich sage nicht fremden Namen, lieber Sir Robert, aber es war doch ein jesuitischer Kunstgriff in friedliche Häuser zu schleichen?« –

»Ich wußte nicht, daß ich es nöthig hätte, mich in Sir Alexander Tennison's Haus zu schleichen,« erwiederte Robert, ohne eine flüchtige Röthe der Beschämung unterdrücken zu können, da er allerdings fühlte, er war, wenn auch nicht eingeschlichen, doch vermittelst einer Ueberraschung eingedrungen. »Zudem« – fuhr er mit mehr Entschlossenheit fort – »trifft mich die puritanische Benennung nicht, da ich mich keinesweges zu dieser Secte rechne.«

Das wollen wir gleich probiren, sagte der Dechant und ein Strahl der Freude verbreitete sich über sein Gesicht. »Wenn ein verlornes Schaf zur Heerde heimkehrt, – womit ich übrigens kein Gleichniß zum Nachtheil meines ehrenwerthen Gastes aufstellen will, – ist, wie Sir Robert weiß, im Himmel viel Freude. Es kann mir ja keine größere Lust werden, als wenn der Sohn eines so eingefleischten Sectirers in sich geht und in den Schooß der Mutterkirche zurückkehrt. Darum, lieber Sir Robert, heraus mit der Sprache: was brachte Euch zur Erkenntniß der Wahrheit? Wenn vielleicht meine kleine Abhandlung über die Ordination der Bischöfe dahin wirkte, so kann ich wohl sagen, daß ich seit jener Zeit Stoff sammelte, mit welchem und unter Gottes Hülfe die neue Auflage ein anderes Werk werden soll. Wo Ihr noch zweifelt, helfe ich gern nach.«

»Ich muß bekennen, daß ich deshalb nicht hieher kam,« entgegnete der bedrohte Jüngling. Der Prälat ließ sich aber dadurch nicht irre machen.

»Aber die Vorsehung führte Euch in meine Hände, und jetzt lasse ich Euch nicht hinaus, bis alle Irrlehren zuvor zur Thüre hinausgegangen sind.«

»Sollte dies aber die gelegene Zeit sein? – Die Anglikanische Kirche hat gesiegt, auf allen Heerstraßen trifft man irrende Prediger der Nichtconformisten, und von den Kanzeln, wo sie vertrieben, schallen Loblieder darüber zum Himmel, als hätte England seine Nationalfeinde besiegt. Was nützt es da, ob ein Einzelner sie für die einzig wahre Kirche hält!«

»Was dies nutzt,« rief der Dechant eifrig aus. »Was nützt es, wenn der Gärtner das Unkraut aus einem schönen Garten ausjätet? Dem Stechapfel hat er das Haupt gebrochen, den Schierling und die Nessel weggeschafft, was soll die Dorne dann unter den Blumen stehn bleiben? Einem Beet hoher Lilien gleicht die bischöfliche Kirche, so alle in gleicher Schönheit und Weiße ihre Kelche gen Himmel erheben. Da dürfen die Tulpen nicht dazwischen funkeln, und die Mohnblumen nicht die weißen Strahlen beflecken. Jetzo ist der Zeitpunkt gekommen, wo die Gärtner bald ihr Werk vollendet haben; immer höher und höher hebt sich die Kirche, vom Himmel und vom Throne kommt das Gedeihen und die Zeit ist nicht fern, wo der Garten so rein ist, daß sich die Gärtner niederlegen können und ausruhn von den vielen Arbeiten im Weinberge des Herrn.«

Der Dechant hielt inne; die Durchführung des poetischen Gleichnisses hatte ihn in Feuer gebracht, er fühlte, daß die Wirkung bei seinem Zöglinge nicht von gleicher Größe gewesen und änderte den Ton zu der seiner Leibesbeschaffenheit weit zuträglichem Ruhe.

»Ich rede nicht davon, daß wir uns schlafen legen wollen, aber die Zeit der Anstrengungen muß denn doch einmal vorübergehen, da Niemand bei menschlichen Kräften es aushält immer zu arbeiten. Es mag jetzt grausam erscheinen, die Vertreibung und auch wohl Verfolgung der vielen Prediger, ich fühle gewiß ein christliches Mitleiden, wenn ich daran denke, wie sie bei Nacht und Nebel wandern müssen und der andern Bequemlichkeiten entbehren, aber sie haben es ja selbst verdient, wenn sie des Nachts predigten und noch dazu auf den dunstigen Moorwiesen in Schottland, auf denen, wie mir Doktor Burnet neulich sagte, ein kerngesunder Mensch contract werden kann, wenn er nur eine halbe Stunde drauf steht, geschweige denn drauf liegt und sechsstundenlange Predigten halten oder anhören muß. Und dann die schlechte Kost, Haferbrot und den schottischen Whisky, daß man nicht begreift, wie sich der schottische Presbyterianismus erhalten kann. Der Mensch soll zwar nicht der Belohnung wegen Gutes thun, aber wenn gar kein Unterschied ist, alles magere Pfründen und, man niemals Aussicht hat Bischof zu werden, so muß man doch gestehen, daß dies keine Aufmunterung giebt. Und wenn ein Prediger nicht mehr ist als der andere, so begreift man nicht wie Leute von Familie ihre Kinder in diese sogenannte Geistlichkeit können eintreten lassen.«

Robert nickte mit dem Kopf, weil er sich ganz und gar nicht aufgelegt fühlte, die Ansicht des Prälaten zu bestreiten. Dieser sah darin aber nur eine Aufmunterung in seiner Bekehrung fortzufahren:

»Was haltet ihr nun von der Ordination der Geistlichen, Sir Robert? Wird uns in ununterbrochner Reihe von den ersten römischen Bischöfen die erforderliche Weihe und Kraft mitgetheilt, oder wer hat die Macht zu ordiniren?«

Robert in der Meinung, der Dechant wolle ihn prüfen, ob ihm etwa papistische Grundsätze anklebten, denn als solche waren ihm, so viel er sich erinnerte, in der Jugend jene Lehren bezeichnet worden, erwiederte hastig:

»Gewiß haben unsere Geistlichen nichts mit Rom zu thun, und ich meine, wer dazu Beruf hat und ein Examen macht, kann sich ordiniren lassen, oder was dazu gehört, wo es ihm einfällt, ohne an die Reihe der römischen Bischöfe zu denken.«

»Verdammter Sectengeist!« rief der Dechant aus, voll Aerger seine Dose mehrmals öffnend und zuschlagend, »das ist ärger als puritanisch; Ihr seid ein Quäker, – ein Quäker, Sir Robert, am Ende selbst ein Prediger, so ein Prediger von denen jeder, wenn es ihm beliebt, auf eine Tonne steigt und predigt. Aber seid überzeugt, wenn auch jetzt der Herr William Penn es dahin gebracht hat, daß man diese groben, unhöflichen Gesellen mit ihren runden Hüten, die vor niemand den Hut abziehn, für den Augenblick in London duldet, so wird unsere Kirche es schon dahin bringen, daß sie den Hut abziehn müssen und nicht jedermann mit Du anreden.«

»Da sei der Himmel vor, daß ich ein Quäker bin,« rief der Jüngling, indem er an sein Schwert schlug, »oder gar ihnen eine Predigt vorquäken soll, und um Euch zu beruhigen, so habe ich selbst einmal im Weinrausch einem solchen quäkerischen Krämer den Hut vom Kopfe gestoßen, als er meinte es sei wider des Herrn Gebot ein langes Schwert zu führen.«

Der Dechant lächelte: »Schon gut, lieber Sir Robert, das wäre übrigens nicht das Schlimmste an den Leuten, daß sie keine Soldaten werden wollen, die sich manchmal ganz ungeberdig gegen stille Geistliche aufführen. Nun, was die Ordination betrifft, so gebe ich Euch dies Büchelchen zum Studiren, und wir wollen uns darüber beim nächsten Besuche unterhalten; aber was an den Leuten auszusetzen ist, das sind ihre grauen Röcke und die Betstuben, die nicht viel besser sind, als unsre Schafställe. Und kein einziger mag singen! keine Responsorien! à propos was haltet Ihr für die wesentlichsten Grundstücke unserer kirchlichen Formen?«

Miß Anna hatte schon lange die Nadel still gehalten und, zuerst mit schalkhaftem Blicke, dann nicht ohne mitleidige Besorgniß den so unfreiwillig zum Examen gezogenen Examinanden betrachtet. Sie sah auf Roberts Stirn Angst und Unwillen streiten, sie merkte, daß die nächste Antwort des ungefügigen Schülers ihren, von eitlem Wahn befangenen Oheim nur zu unangenehm und schnell enttäuschen möge, und es galt ihr jenen Wahn, wenn er auch nicht unmittelbar zur Erreichung ihrer Wünsche führte, doch zu erhalten.

»Bester Oheim,« fiel sie daher dem Dechanten schnell ins Wort, »Sir Robert scheint auf einem Geschäftsgange begriffen, wie ich an seiner Ungeduld bemerke. Oder vielleicht ist er zu einem rendez-vous bestellt, da seine Halskrause von den feinsten Genter Spitzen, und die Schärpe in einen Liebesknoten verschlungen ist. Da wäre es unbillig ihn noch länger aufhalten wollen, und auch Euch, lieber Oheim, greift, wie Ihr wißt, das viele Reden an. Ihr würdet daher ein gutes Werk thun, wenn Ihr dem Ritter erlaubtet, zu einer andern Stunde wiederzukommen, um in den Artikeln, wo er noch nicht fest ist, Eurer Belehrung sich zu erfreuen.«

Robert murmelte einige Worte von Dank für ein solches Anerbieten und auch der Dechant fühlte sich geschmeichelt, der Lehrer eines so verstockten Sectirers zu werden. Man erhob sich, Sir Alexander hielt es doch noch für nöthig, den Zögling mit einer Rede zu entlassen, welche den heut vom Ansehn der hohen Kirche empfangenen Eindruck noch einmal auffrischen sollte.

»Gewiß, mein lieber Sir Robert, die Anglikanische Kirche wird sich heben und bestehen, wenn wir festhalten an den Wohlthaten der Restauration. Alle die Jugendträume von eignem Willen und Freiheit führen doch nur zu Streitigkeiten, und am Ende zur offenen Rebellion, weshalb es besser ist bei dem, was wir einmal geschrieben vorfinden, festzuhalten, wo dann alle die unnützen Sorgen und Zweifel, die in unserer Ruhe uns stören, wegfallen. Ob König Karl ein Katholik ist, wissen wir ja nicht, aber wir wissen, daß er gelobt hat die hohe Kirche zu schützen, er hat sie geschützt und die gefährlichen Secten vernichtet. Unser Glaube blüht, wir haben alle Kanzeln in London und im Lande inne, die Religion ist gar nicht in Gefahr; so können wir mit Ruhe die Gaben des Herrn genießen und dem Könige unbedingten Gehorsam geloben, weil er uns die Sorge abnimmt uns gegen die Neuerungen zu vertheidigen.«

Robert, der um nichts weniger gekommen, als über seine dogmatischen Ansichten examinirt zu werden, blieb kein Ausweg als den Hut zu ergreifen um sich zu beurlauben. Er strich die Federn auf demselben zurecht, und nachdem der Dechant die Einladung zu einem zweiten Colloquium ausgesprochen, murmelte er etwas vor sich hin, daß er in andern Absichten und mit kühnen Hoffnungen ins Haus getreten sei. Wider Erwarten faßte der Prälat die Worte entgegenkommend auf und mit einem bedeutungsvollen Drucke der Hand sagte er:

»Ich errathe, weshalb? Unsere verschiedenen Ansichten sollen kein Hinderniß sein, uns wie Vater und Sohn zu besprechen, doch dürfen wir wohl dabei keinen Zeugen haben.«

Wie pochte Roberts Herz als er mit einem gewissen Lächeln freundlich der Nichte winkte das Zimmer zu verlassen. Miß Anna schwebte hinaus, und jetzt ergriff der Geistliche mit einem so väterlichen Drucke des jungen Mannes Hand, indem er ihn zu einem Schranke führte, daß die Wärme der Hoffnung seine Adern durchzückte.

»Wir sind jetzt allein Sir Robert. – Ich beobachtete Euch, seit wir uns zuerst sahen, wegen des Gegenstandes; aber es freut mich recht sehr, daß Ihr es waret, der davon anfing. Ja, ja, mein Bruder und Euer Vater hatten manchen Verkehr miteinander; jetzt mögen sie drüben abgeschlossen haben. Mein Bruder ließ mich auf dem Todesbette als Vormund seiner Tochter zurück. Als solcher habe ich viele Pflichten, die mich aber nicht hindern sollen, die väterlichen Gesinnungen meines Bruders gegen Robert Fletcher zu theilen.«

»Edler, würdiger Mann!« rief dieser mit Wärme aus. »Doppelt willkommen erscheint mir im Augenblicke dies Geschenk – denn als solches muß ich es ansehn, was Ihr dem vaterlosen, dem halb Geachteten darbietet. Auch mich verlangt nach der Ruhe in der Heimath. Mit dem Besitz eines theuren Wesens finde ich im häuslichen Glück den festen Anhalt, der uns das Etwas zeigt, wofür wir unser Blut opfern sollen. Verrätherische Anschläge umgaukelten mich; ich wies sie zurück, ohne Kraft zu besitzen ihnen für immer zu widerstehn. Weiset mir einen Heerd an, und aus dem irren Krieger wird ein Ehrenmann.«

»Wie ich dazu kann behülflich sein« – sagte der Dechant, indem er aus mehreren Fächern Papiere hervorsuchte. »Sehn Sie, lieber Fletcher, alles dies sind Schuldscheine, unverkennbar von der Hand Ihres Vaters ge- und unterschrieben. Hier 500 Pfund, – hier 1000 Pf., – wieder 800 Pf. Die kleineren habe ich unter diesem Bande. Auch anderwärts finden sich Schuldnotizen zerstreut und nirgends eine Quittung. Es würde schwer werden, aus den 5 bis 6000 Pf. die Wiederbezahlung auch nur von 100 Pf. vor Gericht zu belegen, aber, lieber Sir Robert, da sein Sie außer Sorgen. Alle diese Papiere will ich sorgsam verwahren; dann werde ich mir noch einen Generalschuldschein von Ihrer Hand ausbitten, wovon Niemand etwas wissen soll, und nun mag die Schuld liegen bleiben, bis Robert Fletcher von Salton in Ost- oder in Westindien, oder, wenn es sein muß, in des Königs Heere so viel erworben hat, daß er mit vollem Beutel an die Thüre des Dechanten, oder vielleicht dann auch nicht mehr des Dechanten, Alexander Tennison pocht, und mit anderer Miene Einlaß begehrt, als dies heute geschehen.«

Noch auf dem Flure dröhnte es Robert in den Ohren, wie der Dechant, nachdem er die Papiere sauber zusammengerollt, mit holdlächelnder Miene die Schrankthüre zuschloß. Kaum sich besinnend, wie er die Treppe hinuntergekommen, warf er den Federhut mit Ungestüm zu Boden und hätte im Aerger darauf treten mögen:

»So verspottet zu werden! die Spielpuppe des feisten Prälaten! mich zu katechisiren wie einen Schulknaben! wo ich als Brautwerber komme, auf heilige Versprechen gestützt, mir die Schuldscheine meines Vaters zur Unterschrift vorlegen! Ich möchte das Haus mitsamt der Ordination der Geistlichen in die Luft sprengen, weil ich zu alle dem wie ein Lämmchen still gesessen.«

Er riß die Hausthür auf, schleuderte, ehe er sie wieder zuschlug, das ihm mitgegebene Tractätchen auf den Flur zurück, und stürmte in die Straße. Ein Bettler sprach ihn um eine Gabe bei Gottes und eines Christen Barmherzigkeit an.

»Dort oben bettle,« – rief er ihm zu, auf Tennisons Wohnung deutend – »wenn Dir an Gottes Segen und dem seiner Kirche etwas liegt. Meinem Allmosen klebt der puritanische Fluch an.«

»Ich will es drauf wagen, Sir!« entgegnete der dreiste Bettler, indem er mit einem schlauen Blicke aus den unnatürlich dicken Augenbrauen hervorschielte. Noch hatte Robert ihm den Rücken gewandt, als ein Schwall biblischer Sprüche und frommer Aufforderungen zur Mildthätigkeit aus dem Munde des Bettlers strömten. Mehr verwundert über das Gedächtniß des Mannes, als von seiner Noth gerührt, warf ihm Robert ein Silberstück hin, ohne sich um den Dank bekümmern zu wollen. Der Beschenkte beugte sich bis zur Erde, und dennoch lag in seiner demüthigen Bewegung etwas Persiflirendes.

»Einen Schilling!« – rief er sich aus seiner gekrümmten Stellung aufrichtend. – »Als ob der Puritaner errathen hätte, wie viel ich bedurfte, um mein Tages-Pensum vollzubekommen. Ich will Eurer heut Abend gedenken, und zu Gott in meinem Kämmerlein bitten, daß er Euch Euren Unglauben und Eure Sünde verzeihe.«

Eine stattliche Kutsche mit reichgestickten Livreebedienten fuhr die Straße herauf, der Bettler pfiff und die Diener sprangen herab den Wagenschlag öffnend. Zu Roberts größtem Erstaunen stieg Jener gemächlich hinein, indessen die Diener mit gebeugten Rücken daneben standen. Um das Possenspiel vollständig zu machen, winkte er noch einer herausgeputzten Dame der Straße zu, die Einsamkeit des Wagens mit ihm zu theilen, und die Willfährige stieg laut kichernd zu dem Bettler. Als die Karosse vor dem Ritter vorüberrollte beugte sich jener etwas, jetzt nur noch auf einer Seite von seinen Augenbrauen geziert, zum obern Fenster hinaus, und winkte ihm einen freundlichen Gruß zu, welchen der gereizte Ritter gern auf andere Art würde erwidert haben, hätten ihm die flüchtigen Rosse Zeit dazu gelassen. Damit sein Aerger zur vollen Reife komme, erhob sich ein lautes Gelächter vieler Stimmen, das nur ihm gelten konnte. Er bemerkte mehrere Köpfe am Fenster einer Weinstube zusammengedrängt, und war bei einer mehr als gereizten Stimmung eben im Begriff den am ganzen Tage eingesammelten Unmuth gegen diese sichtbaren Spötter, wie es das Schicksal fügen würde, zu entladen, als Jemand dazwischen trat, der, wenn er auch nicht geeignet war seinen Unmuth zu beschwichtigen, ihm doch eine andere Richtung gab.

Oberst Rumsey hatte den jungen Ritter plötzlich unter dem Arme gefaßt und zog ihn von dem Fenster, von wo das Gelächter scholl, hinweg. Seine Bewegungen verriethen Hast, und in seinem sonst eisenfesten Gesichte sprach sich eine Unruhe aus, die er vergebens zu unterdrücken suchte.

»Laßt mich, Oberst Rumsey,« sagte Robert, »ich muß hier fragen, ob das Beleidigungen waren? Man lachte drinnen.«

»Laßt sie lachen, Sir Robert! Es ist das Geschäft der Narren.«

»Es könnte an meine Ehre gehen.«

»Für Eure Ehre will ich Euch mehr Beschäftigung geben. Wer gegen jeden Londoner Spaßvogel zum Ritter werden wollte, möchte nur sogleich des La Manchaners Barbierbecken aufstülpen. Es sind alles Lüstlinge vom Hofe, unbärtige Knaben vom höchsten Adel und der höchsten Verderbniß. Mir überlaßt es Euch zu zeigen, wie ein Engländer sich an der ganzen Brut rächen muß.«

»Sahst Du jenen christlichen Bettler mit der Buhlerin?«

»Von fern; es wird der tolle Graf Rochester gewesen sein, den Ihr, ein Cavalier, ja wohl als Spott- und Liebesdichter kennen müßt. Irre ich nicht, hat er ein Gelübde gethan, ein Jahr als Bettler in London zu leben. – Ihr seht mich verwundert an, Sir Robert. O, ich kann ärgere Dinge melden, und alles ist nur der schwache Abglanz dieser Stuarts, die England in seinem Adel entnerven, seine Männer lächerlich machen, um – doch wozu Euch das Blut erhitzen, wenn Ihr Euch hinstrecken wollt, um zu schlafen. Habt Ihr Euch besonnen, seit wir uns etwas unwillig trennten?«

Robert senkte den Blick und griff an sein Schwert.

»Nun,« hub Rumsey mit wildem Ausdruck an, »besonnen oder nicht besonnen, ich bin zu stolz Eure Verschwiegenheit zur Bedingung meines Vertrauens zu machen. Wollt Ihr mich verrathen, in Gottes Namen! Es sind so viel Verräther im Lande, daß England sich um einen mehr nicht zu schämen braucht, auch wenn es ein Salton wäre. Robert Fletcher! jetzt oder nie, noch diese Nacht, oder auf immer verloren. Sie haben Wind bekommen, – Gott verdamme den Verräther! – und die Sache dauert keine vier und zwanzig Stunden mehr.«

»Ihr sprecht zu mir, als wäre ich in Eure Plane völlig eingeweiht, und wißt doch, daß ich mich zurückzog, weil ich ungern ein Geheimniß theile. Was ich von Monmouth hörte, ließ mich nur auf eine Factionsverbindung schließen, die ihre Plane in einer Parlamentssitzung, nicht aber in einer einzigen Nacht durchführt.«

»Die Hohen wissen gerade so viel, als sie zu wissen brauchen, und reden auf keinen Fall eine Sylbe mehr,« entgegnete der Oberst. »Ihr sollt mehr erfahren, sobald Ihr Euch bereitwillig erklärt; doch davon hängt Alles ab.«

»Ich weiß nicht, wovon die Rede ist.«

»Himmel und Hölle, wenn Fletcher von Saltons Sohn wie ein Zungendrescher Caution verlangt, und die Worte abwägt. Bei Soldatenehre, sage ich Euch, es hängt von Euch ab, ob ich heut Nacht für Englands Freiheit Alles aufs Spiel setze, oder –«

»Von mir?« fiel ihm Robert ins Wort. »Das erklärt mir zuerst. Bin ich über dies Wunder hinweggestiegen, verlange ich keine andere Aufklärung, als die es Euch beliebt mir zu geben.«

»Wohlan, die Wahrheit, klar und rein, wenn sie auch bitter klingt. Ihr seid ein junger Mensch, tapfer zwar, aber Tapferkeit macht heut zu Tage verdammt wenig aus. Ihr seid ein Brausekopf, dem ich nicht gern mein Pferd, vielweniger meine Plane für ein Königreich anvertraue, ein Mann, der durch seinen Eifer, wenn er sich für etwas ereifert, die ganze Sache verderben kann. Habt Ihr genug an dem Wahrheitsspiegel und glaubt, daß ich nicht schmeichle und lüge?«

»Vollkommen! Was gefällt Euch aber sonst an meiner tollen Person?«

»Euer Name, der der Name Eures Vaters ist, und hinterdrein auch eben jene gerühmte tolldreiste Tapferkeit. Glaubt mir, mit jenem habe ich schon Wucher getrieben. Es giebt keinen Ort in der Stadt, wo sich die Leute von der alten Armee, Presbyterianer, Independenten, oder weß gottseligen Glaubens sie sind, die Köpfe zusammen stecken, daß ihnen nicht schon ins Ohr gerannt wäre, Fletcher von Saltons Sohn ist angekommen! Der Name klingt wie ein Trompetenstoß; das Herz geht ihnen über, wenn sie an die Psalmen denken, die sie mit Eurem Vater gesungen. Daß Ihr Psalmen singen sollt, will ich Euch nicht zumuthen, aber die Klinge versteht Ihr zu führen, Ihr versteht zu commandiren, Ihr versteht einzuhauen, und Ihr laßt es Euch gefallen, daß Euer Name wie der des Brutus, von der Nachwelt genannt wird. Diese Nacht kann für England werden, daß der Tag, wo die spanische Armada sank, eine Stunde der Dämmerung scheint.«

»Und was soll ich thun?«

»Herz, Dein Vater fragte nicht was er thun sollte, wenn es was zu thun gab. Zu den Lords, unsern Paradepferden, den großen Namen und Nullen, die man dem Pöbel vorschieben muß, weil sie ihm so kostbar klingen, daß er darohne stutzt, wie die Juden wenn sie die Feuersäule nicht erblickten! Heut aber gelten sie mir nichts, wenn Ihr nicht wagt. – Schaut Euch noch jenen Rothrock von der Garde an. Er ist ein Mensch wie andere; ein Hieb über die Schläfe spaltet ihn.«

Sie waren durch menschenleere Gassen im Zickzack bis in ein kleines Sackgäßchen gekommen, wo hinaus nur wenige Hinterthüren führten. Eine derselben öffnete sich aus Rumseys Druck, und beide traten hinein.

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