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Schloß Avalon. Erster Band

Willibald Alexis: Schloß Avalon. Erster Band - Kapitel 10
Quellenangabe
authorWillibald Alexis
titleSchloß Avalon. Erster Band
publisherF. A. Brockhaus
year1827
pages302
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
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Achtes Capitel.

Erst sag mir Eines, Fürst, und sag es mir
Auf dein Gewissen! Hast du wirklich je
Mich für verrückt gestalten?

Tassos Befreiung.

 

Londons Straßen wimmelten zur Mittagszeit von den tausend Geschäftigen und Müßigen, die hier ohne Rangordnung ihrem Götzen, der Eil zu huldigen schienen. Wagen rollten an Wagen und der am meisten der Eil bedurft hatte, Raleigh mußte in dem seinigen einer langen Reihe folgen, die ihm, der Langsamkeit wegen, ein Leichenzug dünkte. Gern wäre er hinausgesprungen und zu Fuße weiter geeilt, was ihm aber die Mattigkeit verbot. Seine Augen hatten freien Spielraum und er konnte den Gedanken Raum geben, so sehr er auch wünschte, nach dem Orte seiner Bestimmung zu gelangen.

»Dasselbe rastlose Treiben,« sprach er bei sich, »ohne Ende und Anfang! So sah es in London aus, als die Gemüther sich aufregten zum unseligen Kampfe zwischen König und Parlament, so als der Bürgerkrieg wüthete, als Cromwells dürres Zepter blutig waltete, so beim Jubel der Restauration und jetzt so, und immerdar so! Der Gewinn ist der Gott und der König, vor dem sich der Republikaner und der Royalist, der Bürger aus Englands hoher Kirche mit dem Juden, Quäker und starren Puritaner niederwirft. Welche Verschwörungen zeugte diese Stadt unter derselben gleichgültigen Miene wie heut! Eines Königs Haupt fällt und das Haupt eines ihrer Volksfreunde, man starrt, gafft, lärmt, und die Krämer schreien in ihren Läden, morgen wie heut, und die Todesreden geben nur einen neuen Artikel für neue Kaufleute. Der große Brand ließ dies Babel nur herrlicher erstehen, täglich wächst die Steinmasse und das Blut unsers Adels versteinert auch vor dem goldnen Götzen. Soll denn ganz England, seine stolze Ritterschaft sich einst in die Krämergilde einschreiben lassen, um mit dem neuen England zu leben?«

Er erlaubte sich nicht zu Bekannten oder in sein ererbtes Hôtel zu fahren und Kleider und Wagen zu wechseln, sondern eilte, sobald er die geräumigen Straßen Westminsters erreicht, ohne auf den dürftigen Anzug und die Landkutsche zu achten, dem Hôtel des Ministers zu, dem er seine Anzeige mittheilen wollte. Die reich gallonirten Diener gruppirten sich erstaunt vor dem Portale als die seltsame Carosse anhielt und ein Mann in so traurigem Aufzuge mit stolzer Sicherheit heraussprang und ihn eilends dem Grafen Sunderland anzumelden befahl.

Ein wohlbeleibter Kammerdiener mit einem schlauen Vollmondsgesicht fixirte ihn, beide Hände in die Seitentasche gesteckt, eine Weile, und sah sich dann lächelnd nach seinen Dienstgenossen um, deren Chor die Gesten ihres Tonangebers verstärkt wiederholen zu müssen glaubte.

»Ich will zum Grafen, ich muß zum Grafen,« fuhr Raleigh mit einer Stimme heraus, welche den Mann verrieth, der wohl befugt und gewohnt war, so zu befehlen. Aber die Dienerschaft war nicht minder gewohnt, auch Männern, die in Carossen mit vier Pferden hielten, den Weg zu ihrem Gebieter zu versperren, wenn sie nicht andere Mittel und Wege ausfindig zu machen wußten, als daß sie jetzt vor dem trotzigen Jünglinge gewichen wären. Der dicke Leibdiener hielt es nicht einmal der Mühe werth, eine verneinende Antwort zu geben und als Raleigh fortfuhr: »Es ist keine Zeit zu verlieren, da ich Dinge von der allergrößten Wichtigkeit dem Grafen zu vertrauen habe,« entgegnete er ernst:

»Mein Gott! das bezweifle ich gar nicht, aber was braucht man mir das in die Ohren zu schreien, daß ich davon ein Sausen bekomme um drei Tage kein Wort zu verstehen, wenn die Supplikanten um Zulaß bei dem Grafen bitten.«

Raleigh ging die Geduld aus, er trat einige Schritte naher, zog eine Guinee aus der Tasche und warf sie ihm zu Füßen, indem er dabei seine eindringlichen Worte durch eine Geste verstärkte, welche, nur in gehöriger Steigerung, auf eben die Art dem Leibdiener seine Ansicht von dem Werthe desselben, zu erkennen gab, als dieser zuvor die seinige durch das Spiel der Taschen und Hände kund gethan hatte. Er faßte nämlich mit der Linken den reich gestickten Kragen und rief ihm, während er ihn schüttelte, ins Ohr:

»War dies Deine Meinung, Schurke, so nimm es auf, was ich für Dich hingeworfen, aber rühre es nicht an, wenn Dir Dein Leben werth ist, ehe Du mich zum Grafen geführt, denn des Königs Leben steht auf dem Spiele!«

Erstaunt wichen die Zuschauer zurück. Das Attentat gegen die gewichtige Person des Leibdieners würde die augenblickliche Hülfsleistung aller Anwesenden zuwege gebracht haben, hätte man nicht eine wahnsinnige Wuth beim Angreifer gefürchtet. Das Goldstück hatte auf dem Straßenpflaster einen Klang gegeben und Jedermann wußte was es galt. Der Diener hätte daher, auch wenn es sein Wille gewesen, ohne seiner Würde zu vergeben, den Wünschen des Ritters nicht nachkommen können; doch antwortete er, von dem ersten Sturme erschreckt, mit mehrerer Mäßigung.

»Der König wird leben auch ohne dass Ihr ihm das Leben rettet und Seine Gnaden sind ausgefahren.«

»Wann kommt er wieder?« drang Raleigh heftiger in ihn.

»Früh genug für Alle, die es gut mit ihm meinen und denen er hold ist, aber viel zu spät als daß Ihr darauf warten könnt!

In dem Augenblicke rollte die offene Staats-Karosse des Grafen mit Vorreitern, Kutschern und Livree-Bedienten nach dem neusten Geschmack ausgestattet aus den innern Höfen des Hôtels hervor und der Ruf erscholl: »Der Graf kommt!« Raleigh sprang auf die Seite um der Gefahr von den Vorreitern übergeritten zu werden, auszuweichen. Graf Sunderland, ein Mann in den besten Jahren, mit einem Gesichte von Höflichkeit geglättet, Augen die Leben strahlten und Lippen, welche die leichte Art das Leben aufzufassen und darüber wegzugehen bekundeten, saß mit übereinandergelegten Beinen in eleganter Kleidung allein im Wagen. Raleigh nahm den Moment wahr, wo die Häupter und Rücken der Dienerschaft von beiden Seiten zur Erde geneigt waren und Sunderland ihm freundlich zunickte:

»Sir,« rief er aus, »um Alt-Englands Wohl befehlt Eurem Kutscher zu halten. Dinge habe ich zu eröffnen, die, eine halbe Stunde später, vielleicht den Werth verlieren, den wir jetzt mit unser beider Vermögen nicht aufwiegen.«

Sunderland warf einen verwunderten Blick auf den Mann, der trotz seines trübseligen Aufzuges sein Vermögen mit dem des Ministers zusammenzustellen beliebte; zugleich aber winkte er dem Kutscher inne zu halten.

»Sir,« hub Raleigh an, und hielt es für gut als er den musternden Blick des Grafen bemerkte, seine wichtige Eröffnung der Nennung seines Namens nachzusetzen. »Sir, mein Name ist Raleigh Loscelyne aus Warwickshire, ich habe Dinge der äußersten Wichtigkeit dem Staatsminister zu eröffnen. Dinge, die keine Minute Verzug leiden.«

Auf der Stirn des Ministers glättete sich die Falte des Unmuthes, welche die Dreistigkeit des Unbekannten erzeugt hatte. Er fuhr, wie zur Schärfung des Gedächtnisses, mit der Hand über die Augenbrauen und beugte sich dann mit aller Holdseligkeit zum Ritter herab als wolle er ihn einladen neben ihm Platz zu nehmen.

»Ah! Sir Raleigh, ich bin entzückt Sie wieder auf festem Boden zu sehen. Der alte Sir Philipp Loscelyne ist todt, ich weiß es, Gott habe ihn selig. Sie kommen um die Belehnung der Güter von Avalon nachzusuchen. Beim Himmel, ich will mich dafür verwenden und gälte es auch meine Hofgunst; das Heroldsamt kann nichts gegen Ihre Ansprüche einwenden.«

»Verzeihung Mylord, meine Ansprüche können warten, die Zeit hat keine Macht über sie; aber die königliche Sache ist in Gefahr. Ich komme eine Verschwörung zu entdecken.« –

»Um Himmels Willen, Alles nur keine Verschwörung! Ein so witziger Kopf wie mein Freund Raleigh giebt sich nicht damit ab, Verschwörungen aufzufinden.« So entgegnete der Minister mit einer komischen Pantomime. »Es ist die schlechteste Speculation für Westminster, da der Markt mit dieser Waare überfüllt ist. Alles, bester Raleigh, sogar Bitten um Beförderung und Belohnung für geleistete Dienste, nur keine neue Verschwörung, denn das papistische Complot steckt am Hofe noch allen im Halse.«

»Sir,« entgegnete Raleigh betroffen, »es ist eine offene Verschwörung gegen die Krone, eine Rotte Bösewichter bedroht das Leben des Königs.«

»Bester Raleigh, das sind Fieberträume! des Königs Leben ist täglich in Gefahr, wer wollte das bezweifeln? Ein Dachziegel kann ihm auf den Kopf fallen, die Themse London überschwemmen daß wir alle ertrinken; auch sind die Herzen veränderlich und die Gesinnungen, aber eine Verschwörung ist ganz aus der Mode und als Freund kann ich Sie versichern, es läßt sich damit nichts mehr in London machen.«

Schon während dieser Worte hatte der Minister sich zu einem andern Supplicanten gewendet, dessen Anrede er mit gleicher Freundlichkeit, jedoch mit größerer Hastigkeit aufnahm: »Es soll darüber verfügt werden und nach Ihren Wünschen und ich hoffe, Sir Raleigh, Sie gönnen keinem andern als mir das Vergnügen Sie bei Hofe einzuführen, aber gegen alle Verschwörungen müssen Sie dabei verschworen sein.«

Ehe Raleigh die Worte sammelte, welche scharf und schneidend in das zum Pariren gewandte Herz des Hofmanns Eingang fanden, rasselte der Wagen fort. Die reich bebänderten Nachreiter sprengten an ihm vorüber, die zur Erde Gebeugten erhoben die Rücken und der gallonirte Leibdiener schritt mit einem bedeutenden Blicke an Raleigh vorbei ins Haus.

Im Galakleide stand nach Verlauf einer Stunde der Erbe der Loscelyne vor dem Zimmer eines andern Ministers. Man hatte ihm ohne Schwierigkeit die Thüren geöffnet, und während er auf das Erscheinen des Marquis von Halifax wartete, konnte sich der vielfach Getäuschte kaum einer bittern Bemerkung erwehren, wenn er auf den schweren mit Goldstickerei und reichen Spitzen beladenen Dammast seines Aermels niederblickte, dem er den schnell erlangten Zutritt allein zuschrieb. Doch ließ der Marquis, der noch eine Nachtfeier auszuschlafen hatte, die reich Geschmückten, wie die im schlichten Puritanerkleide im Vorzimmer auf ihn Harrenden, ohne einen Unterschied zu machen, warten. Nach einer halben Stunde öffneten sich die Flügelthüren und der dienstthuende Kammerdiener winkte nach der Reihe den Harrenden. Raleigh musterte ihre Gesichtszüge. Die Erwartung, ja leidenschaftliche Spannung, wenn sie schüchtern bis zum Zittern hineintraten, die in Freude, selten in Unmuth aufgelösten Züge, wenn sie mit Sturmesschritt wieder herausflogen, den Minister im Innern verwünschend, oder zum Himmel erhebend, alles verkündete ihm nur den selbstsüchtigen Zweck ihres Daseins. Nur die Freude eines jungen Mannes trug einen etwas verschiedenen Character. Fast trunken stürzte er heraus, umarmte den Kammerdiener, drückte ihm die Hand und die Miene des Letztern verrieth daß es kein leerer Druck gewesen. Er schien den meisten Anwesenden bekannt zu sein, und, seines kümmerlich herausgeputzten Anzuges ungeachtet, herrschte eine gewisse Vertraulichkeit zwischen ihm und allen, mit Ausnahme der puritanisch Gekleideten, welche mit wenig verhehlter Nichtachtung ihm den Rücken kehrten. Während die Abgefertigten, wie glücklichere Wesen, durch die Schaar der noch Erwartungsvollen fortrauschten, verweilte er unter ihnen um sein Glück, zu groß es für sich zu behalten, mitzutheilen. Man schien mit seinen Wünschen bekannt zu sein, denn viele Stimmen vereinten sich zur Frage: »Bist Du endlich durchgedrungen, Thomas?«

»Endlich, endlich, Freunde! Es gelingt. Genie und loyaler Sinn haben den Sieg davon getragen. – Alle Schranken fallen, so die dämonischen Kräfte zwischen mir und dem Könige aufrichteten. Victoria ist mein Losungswort. Ich stürme; wer mir nach will, fasse sich an meinem Rockzipfel.«

»Auf wann ist die Audienz festgesetzt?« fragte man.

»Auf morgen, sowahr ich ein Poet bin und Thomas Otway heiße.«

»Und wer hat Dir endlich verschafft, wonach Du seit fünf Jahren Dich vergeblich quältest? Deine vornehmen Bekanntschaften?«

»Zur Hecate mit ihnen. Sie waren es, die mich verriethen. Indeß ich diesem Rochester, Dorset, Sedley mein loyales Herz beim Weine aufschloß, wie ein Dichter zu Dichtern, plünderten sie meine Gedanken und was sie nicht brauchen konnten, brachten die Satirici in Pamphlets und lasen es dem Könige vor als Albernheiten von mir. Verflucht wer sich auf solche Gönner verläßt!«

»Sie verließen Dich auch häufig bei Shephard Morgens unter den Banken.«

»Nachdem sie für ein Paar armselige Flaschen Kanariensect gleich Vampyren meinen Witz ausgesaugt hatten, da mußte ich wohl todt liegen bleiben. Nein, edle Männer, jetzt miethe ich eine Wohnung, Sommers ziehe ich auf ein Landgut, und dann will ich den Wein bezahlen, und Ihr sollt mit dem Witze herhalten. Meine Loyalität hat alles dies ins Werk gesetzt. Es lebe der König und die königliche Sache in alle Ewigkeit!«

» Dryden meinte neulich,« sagte ein Anderer, »Deine letzten Prologe seien so durch und durch loyal, daß die Poesie keinen Platz mehr darin gefunden hätte.«

»Zur Hölle mit Dryden! Der König ist allemal der beste Dichter und der beste Kritiker. Dem Könige gefallen meine Sachen; gefallen sie John Dryden nicht, so ist er dem Könige ungefällig. Wer dem Könige ungefällig ist, ist ein Rebell. Der König kann ihn vom Dichterthrone stoßen, und mich darauf setzen.«

»Nur nicht Deines Don Carlos wegen, in dem er neulich einschlief.«

»So wird ihn mein Errettetes Venedig wieder erweckt haben. Shakspeare war ein loyaler Mann; mit meinem Venedig bin ich wieder in die Fußtapfen des Riesen getreten.«

»Aber zum – wer verschaffte Dir die Audienz? Doch nicht der Marquis, der den Shakspeare ein Ungeheuer nennt, und nur französische Tragödien sieht.«

»Geht mir mit Marquis und Grafen! Ich stand lange genug in den Vorzimmern der Geheimen Räthe um den Duft der Braten zu riechen, ohne mit zu kosten. Jetzt fand ich den rechten Weg. Ich warf mich der kleinen La Guin zu Füßen, und sie ließ mich nicht liegen. Ich las ihr mein Venedig vor, ehe es gegeben wurde, und sie gab mir einen Kuß für die Rolle der Belvidera, in der sie nachher brillirte. Sie meinte England und sein König dürfe nicht die patriotischen Genies verhungern lassen. Ihr wißt, der König kann, trotz der Herzogin von Cleveland und Portsmouth seiner kleinen Nelly nichts abschlagen, ob er sie schon nicht einmal zur Gräfin macht, und morgen werde ich ihm vorgestellt. Vom Marquis habe ich eben die Bestätigung erhalten.«

»Bei wem?« fragte man. »In Whitehall?«

»Es geschieht nur bei Chiffinch, aber eben damit der König sich ganz ohne gêne auslassen kann. Die Nelly wird dabei sein und der Marquis auch, um die Winke des Königs zu meiner Anstellung sogleich in Kanzleiform zu bringen.«

Raleigh konnte sich eines Seufzers des Unwillens nicht erwehren. Ein begabter Dichter, ein Mann, auf dessen Antlitz er, nach seinen Werken, den Ernst des Trübsinns vermuthet, erschien hier unter Leuten, die seiner spotteten, in einer Maske, ähnlich der eines Possenreißers. Der Gnade einer Maitresse des dritten Ranges sollte ein Genius die dürftige Anerkennung verdanken, welche ein unparteiisches Vaterland seinen Werken in weit höherem Grade schuldig war. Leiden, Kummer, auch Ausschweifungen hatten an den Zügen des jungen Mannes genagt, an dem nur noch der Strahl des Auges den inne wohnenden Geist bekundete. Raleigh drückte ihm im Vorbeigehn die Hand mit den Worten der Besorgniß:

»Wird auch König Karl, der unsere vaterländischen Tragödien nicht liebt, Thomas Otways Verdienste ganz zu würdigen verstehn?«

»Der König versteht Alles!« entgegnete trotzig der Dichter, den besorgten Trost des Ritters von sich weisend. »Wer ein loyales Herz besitzt, vertraut auf den königlichen Sinn, wie die königliche Sache überall siegen muß, trotz Puritanern und Zweiflern.«

An der weiteren Unterhaltung mit dem erhitzten Manne wurde Raleigh durch den Wink des Kammerdieners gehindert. Der Marquis empfing ihn mit aller Zuvorkommenheit, welche man von dem berühmten Hofmanne erwarten konnte; und doch war auf seinem von Weltklugheit und Geschmeidigkeit geglätteten Gesichte ein Schatten gelagert, der eine neuerdings gewonnene ernste Ueberzeugung zu bekunden schien. Halifax hatte im Parlamente am heftigsten die Bill, welche dem Herzoge von York die Thronfolge entzog, bekämpft; aber wie der Minister auch dadurch in der Gunst des Hofes gestiegen, entging doch dem Freunde seines Vaterlandes nicht, welche Folgen der Sieg einer von blindem Wahn beherrschten Partei über die exaltirten Vertheidiger der Volksrechte haben könne. Er suchte deshalb, aber zu spät und mit zu schwachen Kräften, die Partei der Mäßigung und Unparteilichkeit zu ergreifen, eine Maßregel, die ihm bei dem erhitzten Zustande der Gemüther das Vertrauen aller derer entzog, welche in solchen Zeiten mit ihren Declamationen nichts heftiger, als die sogenannten halben Maßregeln verfolgen.

Raleigh trug in aller Kürze dem Minister vor, was er Sunderland bereits ohne Erfolg mitgetheilt hatte. Kaum aber vernahm Halifax das Wort Verschwörung, als seine Gesichtszüge sich verfinsterten. Nachdem der Berichterstatter geendet, stand er auf, maß das Zimmer mit einigen Schritten und redete den Ritter in einem Tone an, dessen dieser sich von dem aufmerksam zuhörenden Staatsmanne nicht gewärtig war.

»Junger Mann! haben Sie ernstlich überlegt, welche Folgen Ihr leichtsinnig hingeworfenes Wort für ein blühendes Reich haben kann? Wollen Sie auf Ihre Schultern den Fluch der Tausende laden, welche eine neu entdeckte sogenannte Verschwörung in den Abgrund mit sich reißt? – Sie sind ein Tory, aus einer Familie, deren erstes Gesetz es ist, die wenn auch ehrwürdigen, doch schwärmerischen Grundsätze einer chevaleresken Treue gegen alles was Königlich heißt, durchzuführen, auch wenn ganz England dabei zu Grunde ginge. Haben Sie mit Ihrem Gewissen, mit Ihrer Ehre abgeschlossen, Hirngespinnste einer Parteiansicht als Hochverrath gegen König und Vaterland vorzutragen?«

»Sir!« entgegnete Raleigh mit dem Tone der gekränkten Unschuld, »ich habe Thatsachen berichtet.«

»Jede Handlung, jede Aeußerung gestaltet sich da zu einer That, wo man Verbrechen erblicken will,« – entgegnete der Minister. »England ist in zwei Factionen getheilt, von denen jede gerade das will, was die andere als Todsünde verabscheut. Seine edelsten Häupter stehen auf beiden Seiten, und wäre die eine so mächtig, daß sie nichts bei der Aufrechthaltung ihrer Grundsätze zu scheuen brauchte, müßte das andere halbe England sein Haupt auf den Block legen und England würde verbluten. Englands Wohl ist, daß seine uralte Verfassung keinem Wahne zu herrschen erlaubt und seine Gesetze an den Buchstaben bindet. Sind diese Stäbe zerbrochen, und wüthet jener Gießbach des Wahnes, dann reißt er die Bollwerke um, die unser glückliches Eiland gegen das tobende Meer schützen. Die Elemente zu jenen Verschwörungen sind in dem entgegengesetzten Willen der unterdrückten Partei immer vorhanden; aber wehe wer eine solche Verschwörung aufdecken will um Wuth und Wahn zu wecken. Der Friede, die Ruhe, die wir mit Mühe festhalten, entweicht, und aus dem Factionenkampf ersteht der eherne Riese des Despotismus, sei es unter der Maske der Loyalität oder des fanatischen Republicanismus.«

»Sir, das sind Grundsätze, deren Werth ich als Unterthan des Königs nicht beurtheilen kann.«

»So jung, so edle Züge, und schon so verstockt im Parteigeist!« rief der Marquis aus. »Treten Sie auf als Denunciant, ich zweifle nicht, es wird Ihren Freunden gelingen eine Verschwörung zu beweisen, deren Zweige sich gerade so weit erstrecken, als die Kräfte der siegenden Faction reichen, ihre Feinde zu vernichten. Ihre Partei hat gesiegt, ihre blutdürstigen Häupter verlangen nach Opfern. Wollen Sie, Sir Raleigh, der Mann sein, der die Lunte auf die lang gelegte Mine wirft, wohlan so starren Sie nicht vor dem Erfolge. Die edelsten Männer Englands mögen fallen, denn sie hegen vielleicht dieselben Gedanken wie Ihre Verschwörer und es gäbe keine Juristen, keine Zeugen in England, würde ihnen nicht die Absicht und eine Handlung erwiesen, die vor den vom Hofe bestellten Jurys als Hochverrath gelten. Wenn das Blut von Englands Blüthe über Ihr Haupt kommt, wenn der ehrliche Bürger, wenn die Buben auf den Gassen auf Sie mit den Fingern weisen und sich zurufen: Der gab die Freunde des Volks an, auf dem klebt dieses Edlen Blut, auf ihm das Unglück jener Familie! werden Sie dann sich noch stolz in die Brust werfen, mit dem Bewußtsein das Vaterland errettet zu haben?«

»Sir, Sie reden von der Blüthe Englands, von seinem Stolz, von seinem Adel, ich von einer niedrigen Rotte Verschwörer. Deren Blut, wenn es dem Gesetze verfällt, will ich als Engländer, als Unterthan auf mich nehmen. Ich beharre in meiner Aussage, da es des Königs Leben gilt und den Umsturz unserer Verfassung.«

Der Minister veränderte den warmen Ton in ein ironisches Lächeln, der Mensch, der in jener väterlichen Ermahnung hervorgeblickt hatte, verwandelte sich wieder in den abgeschliffenen Höfling: »Hätte Sir Raleigh England zur Zeit des papistischen Complotts mit seiner Anwesenheit beehrt, würde er wissen, daß es auch damals des Königs Leben und den Umsturz des protestantischen Englands galt, beides Absichten, von denen man jetzt unter allen wahrhaft loyal Gesinnten der Meinung ist, daß sie nur in dem Gehirn der Delatoren entsprungen sind. Uebrigens habe ich als Präsident des Conseils nichts mit den Angebern zu thun, und muß Sie, Sir Raleigh, wie leid es mir auch thut Ihnen nicht persönlich gefällig zu sein, an den Staatssecretair Jenkins verweisen. Er wird Ihre Angabe zu Protocoll nehmen lassen.«

Der Minister neigte sich mit gnädiger Herablassung und Raleigh durfte nicht langer zögern. Er stürzte durch die Schaar der Harrenden hindurch und wessen eigene Gedanken ihm Zeit ließen auf den Fremden zu achten, mußte die Bemerkung machen, daß auf dem Gesichte von keinem der Entlassenen so die Täuschung sich ausgesprochen habe.

»Angeber! Ein Angeber!« rief Raleigh, als er die Treppe hinunter in seinen Wagen eilte. »Meine ritterlichen Ahnen würden vor dem Namen geschaudert haben. Ich darf den Vorwurf nicht ganz ablehnen, aber ich handle recht, ich gehöre nicht zu jenen Verworfenen aus der römischen Kaiserzeit, welche die Tugend um des Gewinns willen verriethen. Ich entdeckte für den König eine schwarze That und keine Pflicht band mich an die niedrigen Verräther. Es ist schwer, im Bürgerkriege immer die menschlichen Tugenden zu üben und gerecht zu scheinen, aber im Recht kann der Edle bleiben, wenn er dem einen Panier mit unverwandten Blicken folgt.« –

Als er die Treppen in Jenkins Hause hinaufstieg, kam ihm Jemand entgegen, den er schon mußte gesehen haben, ohne sich zu erinnern, wo dies gewesen. Der Heruntersteigende senkte die Blicke, indem er an Raleigh streifte, wandte den Kopf aber noch einmal nach ihm um, als er einige Stufen unterhalb war. Da Raleigh dieselbe Bewegung machte, trafen sich ihre Blicke, und jeder konnte eine Röthe auf dem Gesichte des andern bemerken. Beide eilten in verkehrter Richtung auseinander und der Ritter wußte, es sei das Gesicht jenes Verschwörers gewesen, der ihn beim Entkommen aus dem verdächtigen Hause vom Fenster aus durfte bemerkt haben.

Beim Staatssecretair herrschte eine große Unruhe. Raleigh wurde zwar sogleich nach Nennung seines Namens vorgelassen, der Minister war aber so mit Gedanken und Aufträgen beschäftigt, daß er ihm nur flüchtig das Ohr lieh. Während der Ritter unter Voraussendung des Umstandes, daß ihn der Marquis von Halifax hierher gewiesen, seine Wissenschaft berichtete, schwebte ein Lächeln auf Jenkins Wangen, welches dem des Zweifels zu gleichen schien. Er nickte wohlgefällig mit dem Kopfe und konnte kaum die Endschaft des kurzen Berichtes abwarten, als er mit einer höflichen Verneigung den Ritter fragte:

»Und das ist Ihre ganze Wissenschaft, Sir Raleigh? – Dann muß ich bedauern.« –

»Beim Himmel, eine Wissenschaft, die eines Königs Leben wiegt und den Frieden einer Nation, sollte wichtig genug sein.«

»Ganz gewiß,« sagte Jenkins, indem er ein Protocoll von dem grünen Tische aufnahm, »das besitzen wir indessen alles schon zu Papier, und weit genauer, indem Sie, Sir Raleigh nur einen einzelnen Aktus behorcht haben, und nicht einmal die betreffenden Personen recognosciren können. Hier haben wir eine Aussage, die über das ganze Complott, sein Entstehen und Fortschreiten mit den Namen sämmtlicher Verschwornen Licht giebt. Herr Keiling, der ihnen eben begegnet sein muß, hat so vollständig denuncirt, daß es mir in der That wehe thut, die Belohnung für einen so wichtigen dem Staate geleisteten Dienst, einem so loyalen Hause wie das Ihre nicht zuwenden zu können.«

Raleigh blickte entrüstet vor sich hin über die Deutung welche der Minister seinem Benehmen gegeben. Dieser verstand seinen Blick wiederum falsch. Er zog ihn bei Seite und flüsterte ihm zu:

»Als Freund Ihres Hauses könnte ich Sie auf ein anderes Verfahren hinweisen. Der Schurke der zum Verräther an seiner Sache geworden, hat, wie Sie hier lesen können, nur Mittel angegeben, gegen die Schufte seines Gleichen zu verfahren. Daran ist natürlich der Krone wenig gelegen, wenn sie nicht die Häupter der Faction mit in die Schlinge ziehen kann. Je vornehmere Zeugen, um so besser. Können Sie neue Beweismittel gegen die Bedeutenden auftreiben und Umstände angeben, von denen Keiling kein Wort gesagt hat, so läßt sich die Sache noch immer zu Ihren Gunsten bei Hofe vortragen; um so mehr als man Belohnungen lieber Cavalieren von erkannter Treue als Galgenvögeln zuwendet, die sich auf der letzten Staffel besinnen und umdrehen.«

»Sie irren sich m mir,« sagte Raleigh mit stolzem Blick, verneigte sich und eilte davon, ohne es Werth zu hatten, gegen die Vermuthungen des Ministers seine Tugend zu vertheidigen. Jenkins begleitete ihn bis zur Thüre und entließ den Denuncianten mit dem lächelnd freundlichen Blick, mit welchem er seinem Berichte zugehört hatte.

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