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Schloß Avalon. Dritter Band

Willibald Alexis: Schloß Avalon. Dritter Band - Kapitel 9
Quellenangabe
authorWillibald Alexis
titleSchloß Avalon. Dritter Band
publisherF. A. Brockhaus
year1827
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20180307
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Achtes Capitel.

»So eil'gen Schrittes, Freund, auf diesem Boden?
O seht Euch vor – dort geht der Fußpfad aus –
Ein Tritt vom Steine und Ihr sinkt so tief
Daß Euch der tück'sche Moor in seinen Armen
Fest bis zum jüngsten Tage hält. – Rechts jetzt –
Seht Ihr das Weiße dort – ein Reiher, – Fort
Gezücht! – Dort liegt ein Mann von Werth erschlagen
Sie finden auch noch schmackhaft sein Gebein. –«
»Was lächelt Ihr so frech, und sucht im Mantel –«
»Nichts, gar nichts« – »Doch –« »Nun, 's ist mein gutes Messer –«

Salvandy.

 

Für den Dechanten und seine Nichte löste sich das Wunder erst später auf; allerdings aber meinte Sandy es sei nur ein solches, welches jenen vom Tode errettete.

Graf Sunderland hatte schon seit lange Verbindungen mit den Unzufriedenen im Westen unterhalten. Der Weg der Intrigue schien den Ministern damals der einzige, um die Fehler auszugleichen, welche der blinde Eifer des Monarchen der englischen Verfassung und aller Staatskunst schlug. Während alle Vermittler von der Verwaltung ausgeschieden waren, und die alten Helden der Restauration und des Königthums sich misvergnügt vom Hofe entfernten, standen an der Spitze der Regierung hier der König von seinen Priestern umgeben, denen jeder Schritt zur Erreichung ihres Zweckes zu langsam dünkte, dort wenige Minister, die, wollten sie aufrichtig auch nur die nothdürftigste Erhaltung des Bestehenden, den Anschlägen jener contreminiren mußten. Einige meinten zwar sie hätten während dieses Lavirens weitere Absichten gehabt, so viel ist gewiß, daß sie allein durch ihre erfindsamen Anstrengungen den frühern Zusammensturz einer Regierung aufhielten, die, den festen Boden der englischen Verfassung verlassend, sich auf den Wolken des Wahnes einen chimärischen Thron erbaut hatte.

Sunderland kannte den Einfluß des alten Sandy auf die Klasse der strengsten Puritaner. Seit der ersten Spaltung zwischen dem Könige und der englischen Geistlichkeit hatte er Unterhandlungen mit den strengen Sectirern angeknüpft. Der starre Greis hatte jede Anerbietung verworfen; als er aber heut aus dem Morgengebete durch eine Botschaft geweckt wurde, die den Presbyterianern alle Rechte einräumte, nach denen sie je ihre Wünsche gerichtet, nur unter der Bedingung: eins zu sein mit dem Könige gegen den Hochmuth ihrer nächsten Unterdrücker, wie hatte er da noch zaudern können. Zwar streckte er den Arm der aufgehenden Sonne entgegen und fragte, ob nicht der Engel der Finsterniß den Boten an ihn abgesendet, da Satanas nie mehr zu fürchten sei, als in der Gestalt eines Engels des Lichtes; er beschwor den Versucher zu weichen, der ihn durch die Aussicht sein verwirktes Eigenthum wiederzuerhalten, locke, aber der Versucher wich nicht. Sandy erkannte den Wink des Himmels, das Blut eines Einzelnen zu sparen, um für das Himmelreich zu wirken, und die kleine Schaar zog unter Absingung eines Psalms von dannen, die heimathlichen Wohnsitze, die so lange in fremden Händen gewesen, wieder zu beziehen.

Dasselbe wiederhohlte sich in ganz England. Durch Aufhebung der alten Charten war das Wahlrecht sämmtlicher Corporationen in die Hände der Krone gekommen, und die kaum noch so Verfolgten, daß ihre Existenz auf dem Spiele stand, wurden plötzlich zu den ersten Würden befördert. Toleranz war jetzt das Modewort, das von den Freunden des Königs gepredigt wurde; selbst die verrufensten Anhänger von Monmouth wurden nicht allein begnadigt, sondern zu Mitgliedern des neuen Parlaments designirt, sobald sie sich willfährig zeigten gegen die Testakte und für die Einführung einer allgemeinen Duldung zu sprechen. Die Hochkirchler warnten vergeblich die Presbyterianer vor der römischen Hinterlist. Obgleich, wer offnen Auges, sehen konnte, daß die Duldung aller christlichen Secten nur der Deckmantel für die Duldung der Katholiken sei, dünkte doch den meisten Nonconformisten die Rache gegen ihre stolzen Peiniger zu süß, um so lockenden Versprechungen zu widerstehn. Sunderland durchreiste selbst viele Grafschaften und umstrickte die Unbefangenen, während er die Herzen sondirte.

Unter den vielen Kundschaftern die auf allen Kreuzwegen den Reisenden erwarteten, brachte Niemand dem Minister eine erwünschtere Botschaft, als der Irländer Macnamara. Sunderlands Griff in die Börse mußte so tief sein, daß des Spürhunds Gewissen sich gedrungen fühlte noch mehr zu berichten, als vielleicht sein Auftrag lautete.

»Mylord,« sagte er, »so eilt, der Kutscher weiß den Weg, wollt Ihr nicht zu spät kommen; denn beim Quäker Paterson traf ich einen andern Collegen, der, täuscht mich mein Scharfblick nicht auf unerhörte Weise, eben so viel erfahren hat wie ich. Und was Sanson erfahren, erfährt ein Kerl, der vornehmer sein will als wir, und der, bei allen Wundern der Heiligen, dem holländischen Gesandten dient. Ich habe mich auch deshalb von Sanson losgesagt; es ist eine Schande sich so zu erniedrigen, so ein Spion von einem Spion zu sein, und noch dazu einem, der einem Ausländischen dient, der wieder nur der Diener von einem größern ist. Dienen ist keine Schande, da der Prinz von Wales das Motto auf dem Hut führt: Ich dien, aber es kommt darauf an, wem dienen? Sich selbst dienen oder einem vornehmen Edelmann, wie Mylord Sunderland, bringt Ehre und Vortheil. Das ist ein alter ego, wie mein Pfarrer sagte; ich diene ihm, er mir. Will man mich mit einem Strick bedienen, dient er mir mit seinem Fürwort, wird der Herr befördert, steigt der Diener mit ihm; darum alle Ehre einem ehrbaren Dienstverhältniß.«

»Oder der Herr befördert auch den Diener allein,« sagte Sunderland im Wegfahren, »wenn die Dienste so groß geworden, daß sie den Herrn drücken.« Macnamara, der die Anspielung verstand, faßte sich mit komischer Miene an den wackelnden Hals und rief dem Grafen nach: »Dann verleiht Sanct Patrik seinem Diener schon noch so viel Verstand der fatalen Katastrophe, wie das bereits manches Mal passirt, zuvorzukommen, und – Diener werden überall angenommen, wo es Herren giebt, und, lieber Gott, wo giebt es ein Land, wo es nicht Leute gäbe, die Herren sein wollen.«

Es war in einem tief in der Niederung einer wüsten Gegend liegenden Gehöfte, in welchem der Ritter von Salton nach Aussage des Kundschafters sich verbergen sollte. Da kein Schreiben des Ministers den Geächteten zur Antwort bewogen hatte, fürchtete er, auch seine Ankunft als Staatsmann könne den noch in Besorgniß schwebenden zur Flucht treiben. Ueberdies lag es nicht in seinem Plane in diesen entlegenen Moorgegenden durch seine officielle Gegenwart Anlaß zu Gerüchten zu geben. Der feine Hofmann wanderte daher, nur von einem Diener begleitet, dem beschriebenen Orte zu. Wenn er nicht ohne Beschwerde über die engen Stege in dem lästigen Oberrock eingeknüpft ging, konnte sich der Graf eines Lächelns, dessen Gegenstand er selbst war, nicht erwehren. An einer gefährlichen Stelle, – der Weg ging auf einzelnen Steinen über tiefes Bruchland – blieb er stehen, unschlüssig ob es sich mit der Würde des ersten Ministers vertrage, um einen unbedeutenden Mann, einen Geächteten zu gewinnen, sich weiter zu bemühen. – Er war entschlossen umzukehren, als sein Diener ihn auf einen Quäker aufmerksam machte, der mit behenden Schritten in derselben Richtung ging. Der Mann hielt an und reichte dem Grafen die Hand, der nun unter seiner Hülfe über die beschwerlichsten Stellen fortkam. Der Quäker schlug ein Geschenk aus, auch schien er nur ungern in die Bitte des Grafen einzugehn, der ihn ersuchte, da es dunkel werde, ihn bis zum nächsten Gehöfte zu begleiten. Gegen die gewohnte breite Art der Unterhaltung aller Bekenner der neu entstandenen Secte, schien dieser eher der Einsylbigkeit zu huldigen und durch lakonische Antworten dem Drangen des Hofmanns auszuweichen.

Sunderland rückte, je näher sie dem Gehöfte kamen, um so weiter mit der Absicht seines Hierseins hervor, da er aus mehrerem schloß, daß sein Begleiter derselbe Quäker sei, bei welchem Salton sich verberge. Er ging so weit, den Mann nach dem Ritter zu fragen; indem er es ihm zur Gewissenssache machte, ihn nicht zu täuschen.

»Der Ritter von Salton!« rief der Quäker indem er die Brust emporhob und auf das Feld umherdeutete. »Der Ritter von Salton ist todt für diese Welt. – Schau umher! Auf diesen Feldern floß so vieles Blut, daß es zum Herren gegen ihn schreien wird an jenem Tage, ob er selbst schon damals sein Schwert nicht gezogen. Laß ihn ruhen in seiner Vergessenheit, und uns beten für die, welche durch seine Schuld umkamen.«

Er faltete dabei die Hände, und seine Lippen murmelten etwas, indessen die Augen umherstarrten, als sähen sie noch die Leichen, die einst hier gelegen. Es war eine der entferntern Stellen des Schlachtfeldes von Sedgemoor, wo gegen den Ausgang des Treffens das Gemetzel am furchtbarsten gewesen. Sunderland versicherte zu wissen, daß der Ritter lebe, er unterrichtete seinen Geleiter von der Begnadigung des Rebellen, er sagte er komme dem Ritter gute Botschaften zu hinterbringen. Es schien, als wolle ihn der Quäker nicht anhören, denn er ging immer schneller, ohne zu antworten. Als sie jetzt an einen Platz gekommen von dem ein schmaler Pfad nach dem Gehöfte abführte, blieb der Quäker stehen und drückte hastig des Grafen Hand.

»Lebe wohl! Diese Steine bringen Dich vor Nacht nach Queensborough. Der Ritter ist todt für Dich, nicht nach ihm, aber nach Deinem Frieden suche.«

Sunderland hatte aber weit näher liegende Absichten. Er ließ den Quäker nicht los, und betheuerte den Ritter finden zu müssen, indem er ihm Dinge von äußerster Wichtigkeit zu eröffnen habe. Der Mann lächelte unter seinem Hut hervor. Der Minister ließ ahnen, daß er selbst ein Mann von mehrerer Bedeutung sei, als seine Kleidung andeute, da sagte jener ihm ruhig ins Gesicht blickend.

»Ihr seid der Graf von Sunderland, Ihr kommt her, den Ritter, wenn Ihr ihn lebend fändet, zu bereden, wieder das alte Handwerk zu ergreifen; sich umzugürten, entgegen dem Worte des Herrn, mit dem Schwerte, sich wieder zu mengen in das Getriebe der Thorheit und Eitelkeit. Ich weiß, die Menschen, die da regieren, haben ihm die Sünden vergeben, deren willen er von den Menschen geächtet ward; ob aber die Menschen ihm die Pforten zur ewigen Gnade damit öffnen? Schweigt, ich weiß alles was Ihr wünschen mögt. Er soll seinen blutigen Namen hergeben, als Panier einer neuen Thorheit voranzuleuchten, er soll eine Säule werden für die wankende Sache, welcher er selbst einst einen Stoß gegeben, er soll mit Gottes Wort spielen, um den Menschen gefällig zu werden. Kehrt um, Graf Sunderland, alle Eure Rednerkünste vermögen nicht die dem Leben der Eitelkeit Abgestorbenen wieder zu wecken.«

»Thöriger Mann!« rief Sunderland unwillig. »Nicht um Euch zu gewinnen kam ich in diese Wüste. Besorgt Eure Verrichtungen nach den Rechten unseres guten William Penn, und führt mich zu Eurem Gaste, denn Ihr freilich begreift nicht, was ich zu einem muntern Kriegsmann zu reden habe.«

Der Quäker nahm den Hut ab und sah fest aus seinem gebräunten Antlitz auf den Grafen: »Ich sollte meinen es zu begreifen Graf Sunderland, denn ich selbst war der Ritter Fletcher von Salton, nach dem Eure Politik angelt. – Sollte ich doch fast stolz werden« – fügte er als der Hofmann für einen Moment betroffen schwieg, hinzu – »wenn ein so bedeutender Staatsmann, den man den Regenten Englands nennt, nach dem armen Fletcher von Salton fragt, dessen Gedächtniß immerhin verschwinden möchte, verschwände damit die auf ihm lastende Blutschuld.«

»Eine treffliche Verkleidung! Der Kavallerieoberst von Salton, wahrhaftig selbst Shaftsburys Scharfsinn hätte Robert Fletcher nicht im Quäkerhabit gesucht.«

»Lebt wohl!« sagte Robert.

»Wohin, ehrenfester Degen von Salton? Werft ab das Habit. Ich habe Euch ein glänzenderes anzuziehen. Empfingt Ihr meine beiden Schreiben, so wißt Ihr alles –«

»Ich empfing sie,« sagte Robert, mit unveränderter Miene, »lebt wohl.«

»Thöriger Jüngling! Sind Euch die Anerbietungen nicht glänzend genug? Ein Regiment, ein Dragonerregiment; alles vergessen und vergeben, die alten Güter Eurer Familie, nach denen selbst ein Alterthümler den John Leland vergeblich nachschlägt, werden restaurirt, und für alles dies nichts, als eine flüchtige Kniebeugung vor dem Könige, der Euch aufheben und sagen wird: Seid fortan Ritter, eine so wackere Säule dem Königthum, als bisher der Rebellion. Ist das noch nicht Lohn für Eure entsetzlichen Verdienste?«

»Mylord Sunderland, die Sonne geht unter,« sagte Fletcher im Gehen.

»Das Spiel währt zu lange, Sir Robert. Ihr solltet bedenken, junger Mann, daß Ihr mit Jemand redet, der Euer ganzes Leben zu genau kennt, um an die Aechtheit dieser bigotten Prüderie zu glauben; auch bedenken, mit wem Ihr redet, und dann einsehen, daß Euer Verdienst nicht so hoch steht um solche Zuvorkommenheit rechtfertigen. Fortunens Laune ist Euch so günstig, daß Ihr in dem Quäkerhabit zum bedeutenden Mann werden sollt. Treibt nicht länger den Scherz.«

»Mylord Sunderland!« rief Fletcher. »Er vergebe den Spöttern, er verzeihe den Abtrünnigen! Dächte ich noch wie der Ritter von Salton dachte, ich könnte über das ehrlose Anerbieten zum Schwert greifen; als William Woodstock schaudre ich über solche Zumuthung. Ich treibe kein Spiel mit meinem Glauben, um andere zu verführen, daß sie den ihrigen abschwören.«

Der Graf lachte: »Sollt Ihr denn katholisch werden? Klebt dem Robert Fletcher wirklich noch so viel ererbte Gewissenhaftigkeit an, so glaubt was Ihr wollt, aber handelt wie ein vernünftiger Mann. Schaudert der Sohn des Presbyterianers vor einem Minister zurück, der die Messe besucht, so kann der Freund eines Monmouth doch wissen, daß alle geistreichen Männer unsrer Zeit über das Formelwesen hinaus sind. Waren Shaftesbury, Halifax, Buckingham, Mulgrave, Rochester, Sidney und Temple, dieser Cameronianer, der Katholik und jener Muhamedaner gewesen, deshalb wären sie in ihrem wahren Glauben um kein Haar breit von einander abgewichen.«

»Ich will ein Christ sein,« entgegnete Fletcher so ungestüm, daß der Graf seine Hand fahren ließ. Der beredte Mund verzog sich zu einem feinen Lächeln.

»Und darum wollt Ihr die Einwirkung der Sumpfluft auf den Humor hier gründlich studieren. Guter Sir Robert, Ihr verließet zu früh die Schule der Welt, die auch einem Christen dienlich ist, um den kindischen Uebermuth der Jugend zur wirkungsreichen Besonnenheit des Mannes auszuprägen. Wenn der Staat, von dem die Wohlfahrt so vieler Christen abhängt, an einer schweren Krankheit leidet, so wird ein guter Christ zum Arzt, indem er die Mittel studirt, welche die Schmerzen lindern, dem frühen Tode vorbeugen, sollten sie auch nicht in der Bibel stehen. Ein solcher guter Christ dünke ich mich, der, des christlichen Vorsatzes wegen, keine Verläumdung des großen Haufens fürchtete, ja ein Christ, den Eitelkeit und Stolz seines Zweckes willen so weit überwunden, daß er seine Würde vergaß, um einen Christen zu überreden, der es jetzt vorzieht in der Wüste zu predigen, während das Christenthum von Millionen auf dem Spiele steht. Tröstet Euch, Sir Robert mit Eurem Christenthum aus dem Compendium, das meine wird mich trösten für die Verirrung in der Wüste von Queensborough.«

Sie schieden. Robert eilte mit trotzigen Schritten in das Gehöft, Sunderland lachte laut auf als er ihn die Thür zuschlagen hörte, aber er schauderte als er sich fast einsam in diesen verhängnißvollen Moorgegenden in der Abendbeleuchtung fand, und eilte nicht minder die gebahnte Straße zu gewinnen. Die Frucht seiner Reise war gering. Noch klopfte er an die Thore einiger bedeutenden Männer, deren Charakter ihn hoffen ließ, ihre Bedenklichkeit einen Glauben mit einem andern zu vertauschen, werde seinen Ueberredungskünsten weichen müssen, doch vergeblich. Nickte auch hier ein Großer lächelnd dem Minister zu, wenn er von der Gleichheit aller Glaubensbekenntnisse für Aufgeklärte sprach, lachte auch dort ein Wüstling, wenn Sunderland ihn ironisch fragte, ob er die Seligkeit nur nach dem anglicanischen Glaubensbekenntnisse zu erringen hoffe, – sobald das Gespräch auf die entscheidende Handlung kam, zögerte man. Wer am Abend viel versprochen, erinnerte sich dessen nicht mehr am Morgen. Die wenigen Convertirten waren dem öffentlichen Spotte zu offen ausgesetzt, als daß man Lust bezeugte ihr Märtyrthum zu theilen.

Sprach aber Sunderland zu Gemäßigtern von den arglosen Absichten des Königs, wie er seinen Glaubensgenossen nicht mehr Rechte verschaffen wolle, als das allererste und Heiligste der Duldung, verzogen sich die Stirnen, und der Minister mochte den Blicken nicht offen begegnen, die ihn fragten: »Glaubst Du an die Aufrichtigkeit des fanatischen Papisten?« Mehr als alle Gründe der ersten Redner wirkte gegen den Unterhändler für seinen König eine That seines getreusten Freundes. Ludwig XIV. hatte nach vielfältigen Umgehungen des Edictes von Nantes dasselbe endlich ganz aufgehoben. Die Nachrichten von der Verfolgung der Protestanten, von den Bekehrungen durch die Dragoner verbreiteten sich, schon an und für sich schrecklich zu hören, noch mit allen Ausschmückungen des Gerüchtes über ein Land, dessen auf Erhaltung ihres Glaubens mehr als wachsame Einwohner, darin ein Vorzeichen erblickten, wie es ihnen selbst ergehen werde. König Jakob mochte öffentlich und durch seine Agenten betheuern lassen, wie er fern davon sei seine protestantischen Unterthanen zu kränken; man rief: Eben so betheuerte Ludwig, das Gesetz seines großen Ahnen treu zu bewahren, als seine Priester schon den Dragonern ihre Schlachtopfer bezeichneten. Und welche Bürgschaft gewährt das Wort eines katholischen Monarchen gegen seine evangelischen Unterthanen, da der Bischof in Rom ihn in jedem Augenblicke lossprechen kann? Als aber erst gar die tausende von Unglücklichen herüber kamen und selbst in ihrem Elend das erfahrene Unrecht malten, schienen die schönsten Worte Jakobs, in welchen er des französischen Monarchen Verfahren mißbilligte und selbst den Unglücklichen Schutz angedieh, seinen Unterthanen wie Netze der Arglist.

Es war dies ein Augenblick, wo neue Schaaren der Refugiés über den Kanal gekommen waren. Die Straßen waren häufig mit ihren Zügen angefüllt. Tausende gruppirten sich um ihre Lagerplätze und ließen sich von den unerhörten Gräueln erzählen. Die französische Lebendigkeit wirkte Wunder. Hier schilderten Mütter, wie man ihnen ihre Kinder von den Brüsten gerissen, Prediger, wie man ihrer in den Kirchen gespottet, Adlige, und deren hatte sich eine große Anzahl nach England gewendet, die Fruchtbarkeit und Schönheit ihrer Güter, denen sie den Rücken gekehrt. Die englischen Mütter drückten ihre Kinder ans Herz, die Freeholder und Squires sahen ihren eigenen Besitzungen schon die rothen Dragoner wüthen und trockneten den Schweiß beim Gedanken, daß sie ihre Bündel schnüren und im Staub der Landstraße ein neues Vaterland suchen müßten. »Haltet Eure Religion fest!« scholl es dann von irgend einer Seite her und der ganze Chorus wiederholte begeistert den Ausruf, bis ein Verzagterer die Hände über dem Kopfe zusammen schlug und meinte: »Wo bliebe dann am Ende das Land des freien Glaubens, wohin der flüchtige Protestant die Schritte richten könne, wenn selbst diese Insel in die Klauen des Antichrist gefallen.« Beherztere vertrösteten auf den protestantischen Thronfolger, auf die fromme Maria von Oranien, auf ihre Schwester Anna, beide so eifrige Protestantinnen. Die Franzosen stimmten ihnen eifrig bei und rühmten den heldenmüthigen, edlen Oranien, der tausende und aber tausende der Flüchtlinge hülfreich an der Gränze empfangen und auf den eigenen Gütern aufgenommen habe. Dann wurden alle Fürsten, die gleiche Menschlichkeit gezeigt, und auf welche die evangelische Christenheit bauen könne, gerühmt, namentlich die Deutschen und unter diesen am höchsten der Churfürst von Brandenburg. Man rief, als wären es Sieger, welche den Engländern in einem Nationalkriege zu Hülfe eilten, ihre Namen mit lautem Jubel, und wenn die Refugiés aufbrachen, folgten ihnen von Ort zu Ort weinend die Bewohner, als sei dies eine so heilige Pflicht wie dem seiner fernen Gruft zugeführten Leichnam eines geliebten Monarchen sich anzuschließen.

Wo diese Gäste vor ihm gewesen, unterließ es Sunderland nachher einzusprechen. Als er aber London wieder zureiste, wenig erfreuliche Botschaft seinem Monarchen zu bringen, begegnete ihm ein anderer, noch weniger geeignet, die Unterhandlungen des Ministers zu fördern. Dykvelt, der seinem Gefolge voraufritt, rief dem Grafen mit froher Miene entgegen:

»Wer hat ein besseres Botenlohn zu erwarten Mylord? Sie reisen nach Whitehall, ich nach dem Haag. Arbeiteten meine Freunde Ihnen in den Provinzen so in die Hände, als mir die Ihrigen in London?«

»Was sprechen Ew. Excellenz von den meinigen?« sagte Sunderland ärgerlich. »So lange die Sache sich hält, der ich diene, ist sie die mei nige; ist sie aber im Zusammenstürzen, daß der Geist gegen sich selbst rebellirt und die Glieder nicht gehorchen wollen, so hört mit der Sache selbst auch mein Eigenthum daran auf.«

»Patt! patt!« rief Dykvelt. »Kein Zug für Ihren König. Wahrhaftig, so weit hatte ich es selbst nicht geträumt.«

»Es müßte denn ein Wundern kommen,« entgegnete Sunderland, der in den ernstesten Momenten den Witz nicht verleugnen mochte, »und da unsere Kirche uns erlaubt noch heut zu Tage an Wunder zu glauben, weshalb sollte es nicht da erscheinen, wo es am meisten Noch thut.«

»Hüten Sie sich vor den Wundern, Mylord,« rief Dykvelt, den Finger aufhebend. »Die größten Wunder in unsern Tagen verrichten besonnene Männer, und giebt es einen größern Wunderthäter als Wilhelm von Oranien, dessen Arm allein dem mächtigen Ludwig trotzt, dessen leuchtender Verstand Europas Fürsten und Völker vor dem Uebermuth des Despoten schützt? Dieser Einzelne, kaum noch mehr als ein Privatmann, leitet Europas Geschichte und die ganze Christenheit unterhandelt in seinen Gemächern. Ist das kein Wunder, den bigott katholischen Kaiser Leopold und den Stern aller deutschen Protestanten, Friedrich Wilhelm auf gleiche Weise in sein Interesse ziehn? Mylord Sunderland, erkennen Sie das Wunder an und beugen sich bei Zeiten vor dem Stern aus Osten.«

Die Ankunft des Gefolges unterbrach das Gespräch. Mit umwölkterer Stirn als gewöhnlich trat der Minister vor seinen König, der, auf der Hunslowhaide Musterung haltend, eben in Feversham's Zelte ausruhte. Finster den Blick auf die Stickerei des Teppichs gerichtet, hörte Jacob den Bericht des Grafen an, der es diesmal nicht verstand oder nicht die Absicht hatte, seiner trüben Botschaft die helle Seite abzugewinnen. Ringsum flüsterten die Hofleute; Priester und Officiere standen wie erwartungsvoll auf ein großes Ereigniß umher.

»Was betrachten Euer Majestät dort am Boden?« sagte der Beichtvater an ihn heran tretend.

»Diesen Löwen, wie er mit der Schlange im Kampfe liegt. Die Brust ist ihm eng gepreßt; doch traue ich dem Thiere die Kraft zu sich vor dem schleichenden Wurme, der ihn im Ringe umschlingt, Luft zu machen. Wenn er nur den Kopf zu treffen wüßte.«

In dem Augenblicke erhob sich draußen ein ungemeiner Lärm. Von dem äußersten der Stadt zu gelegenen Ende des Lagers kam das Geräusch vervielfältigt zu den Zelten des Königs, bis das ganze weite Lager von einem Jubelgeschrei erfüllt war. Da dies wenig zur Stimmung des Monarchen paßte, erhob er zornig den Blick und fragte was es bedeute? Feversham stürzte hinaus, indessen die Höflinge sich verlegen ansahen. Man wich den Augen des Königs aus, was seine Spannung nur vermehrte. Da trat Feversham mit lächelnder Miene herein und sagte:

»Sir, nichts weiter, als daß die Soldaten sich freuen, weil die Bischöfe frei gesprochen sind.«

»Nichts weiter!« fuhr Jacob in die Höhe und vom Sessel auf. »Nichts weiter nennt Ihr das Feversham? Ich sollte meinen es gäbe nichts schlimmeres für sie.«

Während Jacob mit verschlungenen Armen im Zelte auf und ab ging, erfuhr Sunderland was ihm von dem Vorfalle noch unbekannt war. Seit gestern saß die Jury, vor der die Bischöfe im Gefolge der meisten Pairs des Reiches und einer solchen Anzahl des Landadels erschienen waren, daß kaum ein Bürger auf den Straßen Platz gefunden. Vergeblich hatte man den Spruch von Stunde zu Stunde erwartet. Die Erbitterung der Gemüther sollte durch die Spannung noch erhöht werden. Die Augenzeugen versichern, das Wort Nicht schuldig, als es der Vordermann der Geschwornen aussprach, habe zuerst wie ein Blitzstrahl gewirkt. Das Uebermaß der Freude, wie gerecht und erwartet sie auch war, ließ Niemanden Laute finden sie zu äußern, die Gesichter wurden blaß, eine Thräne glänzte in allen Augen. Nach Verlauf weniger Secunden, machte sich das lang unterdrückte Gefühl Luft. Ernste Männer in Amt und Würden sah man mit Tänzerschritten die Treppen hinab eilen, Greise schwenkten, trotz den Buben auf den Laternenpfählen die Hüte und strengten die Kehlen an, das allgemeine Getöse zu vergrößern. Der Jubel, der ganz London mehr erfüllte, als hätte man alle Glocken geläutet, und aus allen Geschützen des Towers gefeuert, wälzte sich nun auch auf das Land. Weder die flüchtig aufgeworfenen Wälle des Lagers auf der Hunslowhaide noch die Schildwachen konnten hier dem Jubel Schranken setzen. Die irländischen Officiere sahen sich sogar, um nicht Mißhandlungen ausgesetzt zu sein, genöthigt, in das Geschrei für die protestantische Religion einzustimmen, und es kostete den besonnenern Officieren Mühe, einige Soldaten vom Rühren der Trommeln abzuhalten.

Alles dies wußte Jacob, oder mußte es ahnen, und doch wurde sein Sinn nur fester. Während es draußen noch tobte, berief er seine Geheimenräthe und ertheilte Befehle, nur geeignet die Gemüther immer mehr zu erbittern. Absetzungen der Richter, Beamten, Geistlichen wurden von ihm mit solcher Hast dictirt, daß die Niederschreibenden oft in den Namen irrten. Unbefangene hielten ihn in diesem Augenblicke mehr für einen Gegenstand des Bedauerns als des Hasses. Erst als er einen Augenblick inne gehalten, wagten Einzelne Vorschläge zu thun. Lord Bellasis sprach für die Freilassung eines Mannes, der, voll hohem Gefühl für Rechtlichkeit und Königthum, nur durch Verwickelung der ungünstigsten Verhältnisse gefangen gehalten werde. Sir Raleigh Loscelyne, in großer Achtung bei allen Edlen des Königreiches, könne durch seine Freiheit und Gegenwart mehr der königlichen Sache nützen, als die reichen Ländereien von Avalon eingezogen, und unter die devotesten Irländer vertheilt, Vortheil brächten.

»Redet doch zu des Ritters Gunsten Mylord Churchill« sagte Sunderland zu diesem, »der König steht ungewiß da.«

Lächelnd entgegnete der Höfling: »Ist die Lavine nicht groß genug? Wozu ihr noch im Sturze einige Körnlein anweisen, zum Mitherabreißen!«

Andere empfahlen dagegen Bellasis Antrag mit einer so dringenden Miene, wie sie dem Könige der überall gern selbst handelte, oder wenigstens den Schein davon liebte, unangenehm war.

»Am Ende,« rief der Monarch erzürnt aus, »soll ich noch knieend irgend einen Londner Krämer bitten, die Rechte meiner Krone zu unterstützen; oder soll ich die Gebeine eines der schändlichen Rebellen ausgraben, und als Reliquien anbeten? Erst zwingt man mich um Gottes willen einen albernen Tollkopf von Sectirer anzuflehn, der die Gewogenheit nicht haben will, den großmüthigen Wünschen seines Königs nachzukommen, nun will man, ich soll einen mürrischen Ritter bereden nicht eigensinnig zu sein. Was wollen meine Freunde noch von mir?«

»Sir,« unterbrach ihn Bellasis kühn. »Wir bedürfen eines bedeutenden Protestanten.«

»Geht zu meinem treuen Schwiegersohn von Oranien,« sprach Jacob aufgebracht, indem er nach einer Pause fortfuhr. »Bin ich denn so schwach geworden, seit die Krone auf meinem Scheitel glänzt, daß meine Freunde in mir den alten Jacob von York, der doch sonst bei seinen Feinden für furchtbar galt, nicht mehr erkennen wollen, daß man mir nicht mehr eine Kraft zutraut, die der kränkliche Phantast Loscelyne besitzen soll? Ich will, und ich will allein dem Uebermuth des verwöhnten Pöbels trotzen. Reicht dazu nicht die Kraft eines Mannes, eines Kriegers und eines Königs aus, so wird mir die Kraft des Glaubens beistehn, und der die Märtyrer stark machte, den Biß glühender Zangen zu ertragen, auch mir außerordentliche Kraft leihen, schmähenden Zungen und den finstern Meutereien empörter Unterthanen zu begegnen.«

»Er wird es!« rief der Vater Peter. »Wie er alle ihre Anstrengungen bisher ließ zu Schanden werden. Er wird es, Amen!«

Dennoch stand der König noch verschlossen eine Weile und sein Gesicht verrieth weniger das stolze Bewußtsein, daß es so kommen werde, als den Kampf zu dieser Ueberzeugung zu gelangen. Da hörte man einen gallopirenden Reiter vor dem Zelte anhalten; der dienstthuende Kammerdiener führte einen Königsboten herein, Freude strahlte in seinen Augen.

»Von der Königin?« rief Jacob, dem Boten entgegentretend, mit mehr Hast als dem Monarchen ziemte.

»Heil meinem Könige!« sagte dieser, ein Knie beugend, »Der Prinz von Wales ist geboren.«

Jacob faltete stumm die Arme gen Himmel. Die katholischen Lords vereinten ihre Bitten mit den seinigen. Wohlgefällig betrachtete der Geheimerath und Beichtvater die Gruppe, in der er zu seiner Verwunderung Männer theilnamlos erblickte, die er am thätigsten an dem gemeinsamen Werke vermuthet hatte.

»Das Wunder ist geschehen!« tönte es von allen. Lippen, die Ersten des Landes und Heeres beeilten sich ihre Glückwünsche in der Sprache der tiefsten Unterwürfigkeit dem Monarchen zu Füßen zu legen, die Priester überließen sich dem Rausche der Freude, aber die Gesichter der Politiker verzogen sich zu einem Ernst, so tief liegend, daß ihn keine Schminke hofmännischer Kunst verbergen konnte.

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