Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Willibald Alexis >

Schloß Avalon. Dritter Band

Willibald Alexis: Schloß Avalon. Dritter Band - Kapitel 6
Quellenangabe
authorWillibald Alexis
titleSchloß Avalon. Dritter Band
publisherF. A. Brockhaus
year1827
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20180307
Schließen

Navigation:

Fünftes Capitel.

Ich war von jeher der Meinung, daß ein rechtlicher Mann, der sich verheirathete und eine hübsche Familie in die Welt setzte, dieser mehr Nutzen brächte, als wer ein Hagestolz bleibt und nur von der Bevölkerung spricht.

Der Landprediger von Wakefield.

 

Der Dechant und seine Nichte trafen sich in einem der Kabinette. Jener, zusehr beschäftigt mit peinigenden Gedanken bemerkte kaum den Strahl der Freude in Annens Augen.

»Soll ich Euch die Rede überhören, Oheim?« rief das muntere Mädchen. »Wir sind hier allein.«

Der Dechant, obgleich aus dem Felde geschlagen, wollte doch nicht vor jedem fliehen. Er faltete sein Gesicht zur Miene des geistlichen Vormundes, und ließ seiner Beredsamkeit gegen die Ueppigkeiten des Hofes freies Spiel, er mahlte die jugendlichen Gemüthern drohende Gefahr, er schalt die Ausgelassenheit junger Mädchen und endete mit der Ermahnung, man solle sich losreißen von den glänzenden Fallstricken, und fliehen so lange der Fuß noch frei sei.

Aufmerksam hatte Anna zugehört. »So spät, theurer Oheim, kommt die Ermahnung? Wenn nun das Herz schon gefangen, fliehn, wenn ich gefesselt wäre! – Doch Oheim, Sie sollen sehn, was die Liebe einer Nichte zum Oheim vermag. Herz und Fesseln zerreiße ich, und fliehe mit Ihnen, – wenn Sie befehlen gleich jetzt. Und ich dächte, guter Oheim,« setzte sie nach einer Pause, ihn ernst anblickend, hinzu, »es wäre für uns Beide gut diesen Ort zu fliehen; wir haben Beide nichts mehr hier zu suchen, was sich mit unserer Ehre vertrüge.«

Es war, als läge etwas Prophetisches in den Augen der Schönen; auf den Prälaten hatte wenigstens die Sprache eine elektrische Wirkung. An Miß Annens Hand eilte er die steinernen Stufen der Wendeltreppe hinab, und schlug sich an die Brust, als die freie Luft und das glänzende Tageslicht ihn in der offenen Schloßhalle anhauchten.

»Wollen Sie die bösen Geister verscheuchen?« fragte ihn Anna. Indem bemerkte sie, daß hier nicht der gelegene Ort zur Unterhaltung sei. Schloßbeamte, Lakaien und einiges Volk drängten sich an der Treppe, wie in Erwartung eines kommenden Schauspiels. Es bedurfte nicht vieles Fragens um zu erfahren, daß die Bischöfe äußerst ungnädig vom Könige aufgenommen, daß er ihre Petition ein Libell genannt und die Sheriffs beordert habe sie in den Tower zu führen. Auf den Gesichtern malte sich eine Angst und Unruhe, weit entfernt von der bei gewöhnlichen Tumulten, wo Leidenschaften und Interessen mitwirken den glimmenden Brand des Unwillens zur Flamme anzufachen. Eine tiefe Entrüstung, eine wahre Seelenangst sprach sich hier aus, die Lippen bebten, die Augen hafteten ängstlich auf der Stelle, wo man sie zuerst zu erblicken, hoffte, hier und dort preßte sich eine Thräne vor, und die Reden, weit entfernt vom Trotz einer tumultuarischen Volksmenge, deuteten auf die innere Angst.

»Und wenn ihre Petition,« sagte ein ergrauter Beamter, »nur ein Wörtchen Ungehorsam enthalten! Es konnte keiner demüthiger sprechen. Sie baten um nichts, als daß man die Geistlichen verschone das Edict über die Gewissensfreiheit abzulesen. Das mußten sie thun, sollte die hohe Kirche bestehen und sich nicht selbst lächerlich machen von den Kanzeln herab vor denen, gegen die sie einst gepredigt hat.«

»Still!« Winkte ihm ein Anderer zu. »Bedenkt Ihr seid in Amt und Brot.«

»Aber ich bin ein Protestant und will als Protestant sterben. Mit heißen Thränen habe ich Karl I. angekleidet, als er zu Tode ging, und bin dem seligen Könige übers Meer gefolgt, nicht in der Republik und unter Sectirern zu leben, aber wenn die heilige Kirche soll umgestoßen werden, die von je für die königliche Sache geblutet und geschmachtet, so mögen sie auch mit mir thun was ihnen lieb ist. König Karl starb als glorreicher Märtyrer für die Kirche, ich will ihm gern nachfolgen, denn noch fühle ich hier seinen letzten Händedruck, als er auf das Schaffot stieg.«

»Sie kommen!« rief es und alles verstummte. Die sieben Bischöfe, meist ergraute Männer, stiegen langsam die Treppe herab, hinter ihnen die Sheriffs. Der Anblick ihres Märtyrerthums hatte die leichtsinnigsten Gemüther bewegt. Edelknaben, die mitten im wüsten Treiben nur spotten gelernt, drängten sich zu, daß die älteren sich auf ihnen stützen möchten. Die Sheriffs folgten schonend in großer Entfernung, und bärtige, narbenreiche Grenadiere, die unten warteten die Gefangenen zum Tower zu geleiten, wischten die Thränen aus den Augen. Voran schritt Sancroft, Erzbischof von Canterbury, der als Primas des Reiches die Bittschrift auf einer allgemeinen Versammlung der Geistlichen mit dem Eifer der Pflicht vertheidigt hatte. Hinter ihm Dr. Loyde, der Bischof von St. Asaph, demnächst Dr. Turner der von Ely, Dr. Lake, der von Chichester, und Kanne, Bischof von Bath und Wells, zuletzt die Seelenhirten von Bristol und Peterborough Trelawny und White. Alle noch vor kurzem die stolzen Häupter einer stolzen Kirche, welche so oft als die Säule des stuartschen Königshauses gerühmt wurde, jetzt der Verachtung von ihm preisgegeben.

Die Mützen und Hüte wurden herabgerissen, man beugte die Häupter; Thränen und Rührung ließen für's erste jedermann verstummen. Ihr Weg führte die Bischöfe an dem Pfeiler vorüber, an welchem Sir Alexander stand. Der Erzbischof gewahrte ihn und blieb stehen, seine Blicke ruhten mit ernster Strenge auf dem Dechanten; es war als stände er vor seinen Richtern, als die sechs andern Gefangenen ihre Augen gleichfalls zu ihm erhoben.

»Ist es wahr, sollte es wahr sein,« sprach Sir Alexander nicht ohne Rührung, »wahr daß Eure Hochwürden Bitte als aufrührerisch betrachtet worden, daß Seine Majestät –«

»Ist es wahr,« unterbrach ihn Canterbury den Arm emporhebend, »wahr daß Dr. Tennison abgefallen ist von der heiligen Kirche seiner Väter? Wahr, daß er seine Seele verkauft hat um eine Pfründe? Wahr daß er die Kirche, für die er wie vom Geist erleuchtet, die Feder führte, verrathen will den Herrschern der alten Finsterniß und des Fanatismus? Ist das wahr, und Ihr stehet hier, auf die Brocken der Gnade wartend, statt mit den zitternden Gliedern unserer Kirche auf den Knieen zum Allmächtigen zu flehen, daß er uns stärke und den König erleuchte, so komme der Segen, den er auf seine anglicanische Kirche nieder träufeln läßt, nie auf Euer Haupt, wenn der Maienregen die Erde erfrischt, falle kein Tropfen auf Euer Feld, und wenn die geschmähte Kirche sich wieder aufrichtet, so falle kein Strahl der Sonne in Eure Finsterniß.«

Der Prälat hob beide Hände betheuernd in die Höhe, aber er konnte keinen Laut hervorbringen.

»So stärke er Euch,« sagte der Erzbischof, »und leihe Euch Kraft, denn die Zeit der Verfolgung bricht an, wo die Starken schwach werden, und die Schwachen stark. Alle Geistliche, die sich weigern die ungesetzliche Erklärung abzulesen, werden entsetzt; es werden viele Tausende ins Elend gehn und die Stärke unserer heiligen Kirche verkünden vor den Menschen. Den Schwachen, die um der Menschen willen bereit sind zum Abfall, werden sie ein leuchtendes Beispiel sein, und wohl uns, wenn Alexander Tennison die Zahl der Märtyrer um Einen vermehrt.«

Kaum daß die Bischöfe vor dem Andrang der Menge die Wagen erreichten, welche sie um Whitehall herum an den Fluß bringen sollten. Der Dechant und seine Nichte freuten sich den ihrigen bei der Gelegenheit mit zu gewinnen; der Kutscher mußte aber, wollte er überhaupt weiter kommen, den Gefangenwagen folgen; so wurden beide ohne Absicht Zuschauer bei dem Schauspiele, welches so viel über England, ja ganz Europas Schicksal entschieden hat. Bald fanden die Kutscher keinen Raum mehr, sie mußten Schritt vor Schritt durch Bitten der Menge abgewinnen; die Beamten mochten ihr Recht nicht geltend machen, und je länger die ehrwürdigen Greise im Angesicht der Zuschauer blieben, um so mehr wuchs die Theilnahme. Auf den Straßen drängte sich Kopf an Kopf, die Fenster waren besetzt wie bei keinem Krönungs- oder Hinrichtungstage; es war auch ein Schauspiel, wie man es nie erlebt hatte.

Auf ein Freudenfest machte es an sich keine Ansprüche, aber selbst die traurigsten Begebenheiten, die London und England im Verlaufe einiger Jahrhunderte betroffen, hatten keine gleiche Theilnahme erweckt. Ein Leichenbegängnis regt niemals auf so lebendige Weise den Schmerz auf, auch wenn die geliebtesten Männer zur Erde getragen werden; dieser Schmerz bleibt das ausschließliche Heiligthum der Familien. Bei Hinrichtungen großer Männer versteht es sich von selbst, daß Parteiungen und Rücksicht vor der herrschenden Gewalt den heftigen Ausbruch der Theilnahme dämpfen. So wurde als Russel, der reinste Charakter seiner Zeit zum Schaffot ging, mitten unter dem Geschluchze von Vielen gezischt. Selbst Johanna Gray, die schuldlos Leidende, deren schönes Engelsgesicht man so gern im Heiligenschein erblickt, ging nur mit stillen Thränen beweint, den letzten Gang. Anders war es jetzt. Das ganze England sah sich in den Vätern seiner Religion gekränkt; es war der wahnsinnige Ausbruch der Wuth eines Einzelnen gegen Millionen. Die Bischöfe duldeten den Ingrimm des Königs, weil sein Volk nicht katholisch werden wollte. Dazu kam das unregelmäßige Gericht, welchem die Häupter der Kirche übergeben werden sollten, genannt: die hohe geistliche Commission, willkürlich vom Könige aus Laien und Katholiken, beides seinen Günstlingen, zusammengesetzt, während jene auf das alte in der christlichen Welt geltende Gesetz sich beriefen, daß ein Bischof nur von seines Gleichen könne gerichtet werden.

So kam es, daß diejenigen den lebhaftesten Antheil nahmen, welche während der Bürgerkriege sich jederzeit still verhalten, und die eifrigsten Royalisten am tiefsten erschüttert sich zeigten. Man behauptet, die Bischöfe hätten nur weniger aufmunternder Worte bedurft, und die Rebellion wäre ausgebrochen. Im Gegentheil aber spielten sie die Vermittler, wo das Volk unruhig war, sie beteten, theilten den Segen aus, und vertrösteten auf den Beistand des Höchsten, welcher seine Kirche nicht verlassen könne.

Endlich gelangte man zum Strande, wo bewaffnete Barken bereit lagen die Märtyrer nach dem Tower zu bringen. Hier erst wuchs die Schwierigkeit Raum zu gewinnen, da die angesehensten Männer, Officiere, Geistliche, selbst Pairs herzugeströmt waren, sich mit eigenen Augen von dem Unheil zu überzeugen, und Niemand Gewalt brauchen mochte. Endlich gelang es dem Ansehn der Gefangenen die Menge zu überreden daß sie Platz mache. Als sie ausstiegen, drängten sich die Vornehmsten herzu den Saum ihres Kleides zu berühren; glücklich schätzte sich wer einen Händedruck der Dulder errungen hatte. Unter dem allgemeinen Schluchzen, welches sympathetisch bis in die entferntesten Theile der Stadt soll gedrungen sein, sprach sich der Wunsch allgemein aus, daß die Bischöfe noch zum Volke reden, und es segnen möchten. Als die Beamten der Meinung waren, daß einige Worte zur Beruhigung dienen könnten, vertheilten sich die Prälaten am Strande, und redeten so weit ihre Stimmen reichten in diesem Sinne.

Sie flehten die Versammelten an, den König zu ehren, loyale Unterthanen zu bleiben und nicht auf die Stimmen der Aufwiegler zu achten; sie betheuerten, gern für die heilige Sache zu leiden, und beteten, daß der Himmel den König erleuchten möge über den wahren Glauben, der das Heil seiner Völker sei. Aber jeden Satz schlossen sie mit der Aufforderung zu verharren bei der protestantischen Kirche und fest zu bleiben gegen die Lockungen der Verführer. Eine Aufforderung, von der König Jacob später meinte, daß sie alle vorangehenden zu Gunsten der Loyalität so gut als vernichte. Solche Demuth bei solchen ungerechten Leiden entflammte die Gemüther mehr als die wildeste Rede; der Unmuth machte sich hier und da Luft, und da das Volk keinen unmittelbaren Gegenstand fand, auf den es ihn entladen konnte, wuchs der Ingrimm gegen den Einen, den es als die einzige Quelle des Unheils ansah.

Jetzt hoben die Bischöfe die Arme, um vor dem Einsteigen den Segen zu ertheilen. Alles stürzte auf die Knie. Wer keinen Raum dazu fand, faltete wenigstens die Hände über dem Kopfe um zu zeigen, daß er an der allgemeinen Unterwerfung und Hoffnung Theil nehme. Selbst die Grenadiere von der königlichen Leibwache auf den Schiffen und am Ufer fielen vor ihren Gefangenen nieder. Viele, die durchaus keinen Platz fanden, das Antlitz der Bischöfe bei der heiligen Handlung zu erblicken, wadeten bis über die Knie in den Fluß und blieben hier bis die Opfer des Despotismus in die Barken geführt waren.

Unter den vornehmen in der Nähe des Erzbischofes Knienden zeichnete sich ein Fremder aus, der kein Hehl trug, daß er der holländische Gesandte war. Als Sancroft die letzten Worte gesprochen, sprang er auf und drückte dessen Hand an die Lippen.

»Hochwürdiger Herr! erlaubt, daß ich den Segen, den Ihr über alle protestantischen Engländer ausgesprochen, auch meinem Herrn, dem protestantischen Thronfolger dieses frommen Reiches überbringe. Und wagte ich meinen Kopf, ich wage es zu versichern, daß Wilhelm von Oranien diesen Tag den traurigsten seines Lebens nennen wird.«

Der Erzbischof antwortete nur mittelst eines kurzen Stoßgebetes, durch das er die Vorsehung um Erhaltung aller protestantischen Häupter der Christenheit anflehte. Von tausend Segenswünschen begleitet, und noch lange verfolgt von den Blicken der Zuschauer, welche die Arme gleich als riefen sie die Rache des Himmels herab ausstreckten, stießen die Barken vom Strande ab. Erst als sie von vorspringenden Bauten verdeckt wurden, zertheilte sich die Menge, um die ganze Stadt mit Jammer und Verwünschungen zu erfüllen. Begegnete den Heimkehrenden ein Neubekehrter, so mochte kaum die schnelle Flucht in ein Haus ihn schützen, wie man denn selbst drohte die neu errichteten katholischen Kapellen zu zerstören. Dagegen wurde Dykvelt wo er sich sehen ließ so jubelnd empfangen, daß der Gesandte es der Klugheit angemessen hielt sich freiwillig dem Anblick der Volkshaufen zu entziehen.

Der Tower selbst wimmelte bei der Ausschiffung der Gefangenen von theilnehmenden Zuschauern, indem die Officiere keine große Sorgfalt getragen, hier, wo wenig Gefahr des Entweichens vorhanden war, dem Andrange zu steuern. Selbst die älteren und aus andern Gründen Gefangenen begrüßten aus ihren Fenstern die Bischöfe, während viele weltliche Lords und namhafte Rechtsgelehrte ihnen ihre Dienste anboten. Aber die Prälaten eilten vor allen andern in die Kapelle des Towers, hier auf ihren Knien dem Allmächtigen Dank abzustatten, daß er sie gewürdigt Märtyrer seiner englischen Kirche zu werden.

Am aufmerksamsten betrachtete ein vornehmer Gefangener das Schauspiel aus einem der westlichen Thürme des Towers. Die Gitterstäbe des hohen Fensters umklammert haltend, starrte Sir Raleigh Loscelyne nach der Kapelle drüben, indessen ein anderer uns auch bekannter Mann, Trelawny in einiger Entfernung auf eine letzte Entscheidung des Ritters zu warten schien.

»Kann auch dieser Anblick in dem Entschlusse nichts ändern?« fragte Trelawny, den Hut in der Hand.

Raleigh antwortete nicht. Trelawny fuhr fort:

»Sir! es sind die Häupter der Kirche, deren Macht die Stuarts triumphiren ließ. Jetzt schreit ganz England knieend um Rache für diese Märtyrer des Glaubens, und derselbe Despot, der einst ihnen zu Liebe die Sectirer heerdenweis zum Tode jagte, lächelt jetzt den Fanatikern zu und streichelt selbst störrige Republicaner, sich an denen zu rächen, die ihn gehoben. Ihr seht, es wandelt sich Alles.«

»Er bleibt mein König« sagte Raleigh.

»Auch wenn das Licht der Vernunft von ihm gewichen,« entgegnete Trelawny.

Der Ritter schüttelte mit Gewalt an dem Eisenstabe: »Du logischer Zergliederer und Inquisitor, kommt das Alles von ihr? Trägst Du es in der Tasche mich so zu quälen? Nein! – Und wenn Rebellion, von den Engeln des Lichts geführt, die Mauern dieser Thürme untergrübe, wenn sie selbst käme, die heilige Schwärmerin, mich zu befreien, ich weiche nicht bis –«

»Bis,« – unterbrach ihn Trelawny mit Feuer »England in Trümmern liegt, und Europas Freiheit zu den Füßen des stolzen Usurpators Ludwig wimmert. Ritter, es ist hohe Zeit daß Ihr ablaßt von der Jagd nach dem hohlen Phantome, Ihr seid kein Knabe, kein Jüngling mehr –«

»Hinaus, schleichender Bube!« rief Raleigh und eine Feuerröthe flog, nach Jahren zum ersten Male, über das abgezehrte blaßgelbe Gesicht. »Hinaus aus diesen Mauern, oder die lang gebändigte Wuth übermannt mich einen der nüchternen Vermittler der neuen verkehrten Weisheit an die Wand zu drücken, daß ihm der Athem auf immer vergeht seine Klugheit auszupredigen. In diesem Zimmer blutete Graf Essex, weil der Fluch dieser neueren Weisheit zu schwer auf ihm lastete, um als Sohn seiner Väter aufrecht darunter zu stehen. Hier lag er hingestreckt, aber noch ein Wort des schleichenden Giftes von deinen Lippen und ich verletze den heiligen Ort –«

Trelawny trat festen Schrittes zurück. An der Thüre blieb er noch einmal stehen und sein ruhiger Blick haftete mit ungewöhnlicher Strenge auf dem Ritter.

»Berauscht Euch immer mehr, um nie zu erwachen zur Besonnenheit. Schmäht auf Schöpfer und Welt, auf die edelsten Fürsten Europas, die – so groß ist die Verblendung! – einig sind, zur Erhaltung ihrer heiligen Rechte, es nicht zu dulden, daß ein wahnsinniger Despot die Fackel in Händen behält, die Europa in Flammen setzen kann. Fürsten, weise wie Nestor, aus uralten königlichen Geschlechtern, leihen Rath und That dazu, der Himmel thut Wunder, nur Ihr seid weiser! Verhärtet mehr und mehr, schwelgt im Wahnsinn blind gegen den Gott, der sich in seinen Werken offenbart. Knetet fester und fester die Puppe Eurer Jugend; scheltet die Zauberer, Verführer, welche Euch die Augen öffnen wollen; aber zürnt nicht, wenn Euch dann aus dem Spiegel ein seltsames Bild anblickt. Die Welt staunt über diese überspannten Gemächer, die, vom Knaben an, starr auf ihren heiligen Schwindel trotzten, bis sie im Greisenalter zu Narren wurden. – Mir galten sie von je für Bilder jenes ›Ritters von der traurigen Gestalt.‹ Schmeichelt Euch auch nicht mit dem viel verbrauchten Bilde des Cato. Es war etwas Altes, Gewohntes, an das der starre Republicaner sich festhielt, der nun einmal nicht einsah, daß jenes Weltreich einen Cäsar bedurfte, schmeichelt Euch nicht mit dem dürftigen Troste; denn Ihr habt Euren Götzen Euch erst selbst gemacht und arbeitet täglich daran; und darum, weil er Euch so viele Mühe machte, seid Ihr so in ihn verliebt, daß jeder Zweifel an seiner Echtheit Euch tief in der Seele verletzt. Verirrt Euch immer tiefer, kränklicher Jüngling, in dem Labyrinth Eurer Phantasien; aber wenn die Posaune einst erschallt und Ihr vor dem Richterstuhl des Wahrhaftigen sollt Rechenschaft ablegen über Euer Pfund, dann verklagt Niemand als Euch selbst.«

Trelawny ging. Eine Weile stand der Ritter starr auf die leere Stelle schauend, dann eilte er zur Thüre, als wollte er ihn zurückrufen. Erst als er die Tritte auf dem Gange verklingen hörte, kehrte er zurück, warf sich auf sein Ruhebett nieder und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Eine lange Reihe von Jahren ging an ihm vorüber. Er sprang auf und sein Blick fiel auf den hohen Spiegel, der ihm seine ganze Gestalt zeigte. Er erschrak vor den Verwüstungen der Zeit. Prüfend ging er durch die Vorwürfe des Abgesandten, und indem er das Sonst mit dem Jetzt verglich, schien es, als gewönne die Rede des Entfernten eine Kraft, die er ihr vorhin nicht einräumen mögen. War er nicht reich, unabhängig gewesen, beides schon in dem Alter, wo der Mensch am fähigsten ist, mit diesen Gaben zu wirken? Aus altem Hause mit keinem Makel behaftet? In kräftiger Jugend? Alles dies war dahin und nichts gewonnen, als daß eine Ueberzeugung festere Wurzeln geschlagen, die jetzt selbst von den Besseren als Schwärmerei getadelt wurde. Es waren Jahre vergangen in diesem Aufenthalt, er fühlte eine schleichende Krankheit durch seine Glieder rieseln, er hob den Arm, er war so schwach, daß er mit dem Degen keinen Gegner bestanden hätte. Indem erneute sich auf dem Hofe der Lärm, die Bischöfe kehrten Arm in Arm aus der Kapelle zurück und die Umstehenden geleiteten sie mit entblößten Häuptern in einer Art Prozession nach ihren Gemächern. Es war augenscheinlich daß hier Alle eines Sinnes handelten, und doch hatten dieselben heiligen Männer einst, gleich ihm, die unumschränkte Macht der Könige, die blinde Unterwürfigkeit der Unterthanen gepredigt, und wurden jetzt, weil sie von der Lehre abgewichen als sie ihre eigene Existenz bedrohte, vergöttert. Er forschte, ob sich Zweifel oder Besorgniß über den gethanen Schritt auf ihren Gesichtszügen ausspreche? Vergebens, mit verklärt ruhigen Gesichtern, wie Heilige schritten sie daher, kein Zittern, kein fragendes Umherwerfen der Blicke; jeder Tritt sprach aus, wie sie fest in der Ueberzeugung seien, das Rechte zu thun.

»Und ich« sagte er, »ich soll verschmachten, weil ich treu blieb bei dieser Lehre? Es war kein Phantom. Die Edelsten theilten die Ansicht, kann denn eisernes Verharren am Rechten auf Abwege führen?«

Ein Sonnenblick leuchtete in das hohe Zimmer. So bequem und geschmackvoll es eingerichtet war, zeigte das hellere Licht dem Gefangenen doch nichts als Gegenstände, die er Jahrelang schon in derselben Stellung betrachtet hatte. Die Lust nach der Freiheit brach mächtig hervor. Ein grüner Strauch schimmerte so frisch aus einer Mauerritze ihm entgegen. Er dachte an Avalon, er bestieg im Geiste die hohe Warte und schaute hinaus auf die weiten Fluren, auf die Krümmungen des Avon, auf die blauen Berge von Wales. Er wußte, um frei zu werden, koste es wenig mehr als einen Entschluß. Sich zu beugen vor den Gewalthabern, dagegen kämpfte sein Stolz, ein Wort dem Könige gegeben, machte ihn frei, aber das Wort auszusprechen, hieße den protestantischen Glauben verleugnen. Auf der andern Seite lockte eine andere Freiheit, sie stand mit den schönsten Verheißungen im Bunde; aber weite, blutige Klüfte trennten ihn. Es galt hier Gewalt, Verleugnung des Grundsatzes, dem er das Leben gewidmet hatte.

Während er sinnend mit schnelleren Schritten das Zimmer durchmaß, hatte die Sonne größere Kraft gewonnen. Der dampfige Horizont Londons war hier und dort gebrochen, und man sah in einem heiter blauen Umkreis die Sonne sich abwärts neigen. So schien sie von den hohen Dächern des Towers in Raleighs Zimmer. Der Abendstrahl fiel auf das Bild seines Oheims, das er aus Avalon hierher bringen lassen. Er röthete die Stirn des Dulders, die Silberlocken wehten, das brechende Auge starrte glanzvoll auf den Enkel.

»Sinke ruhig in dein kaltes Grab!« rief ihm der Ritter zu. »Ich verlasse dich nicht. Erst durch den Tod besiegelt der Mann die Wahrheit, der er sein Leben weihte.«

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.