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Schloß Avalon. Dritter Band

Willibald Alexis: Schloß Avalon. Dritter Band - Kapitel 3
Quellenangabe
authorWillibald Alexis
titleSchloß Avalon. Dritter Band
publisherF. A. Brockhaus
year1827
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20180307
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Zweites Capitel.

Ein Purpurmantel hat seinen Werth,
   Auch die Bisamkatze wird hochgeehrt,
Ueber den Stuhl wirft er den Mantel quer,
   Nun sitzt auf Purpur der Ambassadeur.

O arme, arme Bisamkatz,
   Wann wird dir je ein solcher Platz!
Streif ab Dein Fell, hast doch keinen Lohn,
   Du machst nie Glück in der Legation.

Das bekannte Spottgedicht auf den Westphälischen Frieden (gedr. 1602).

 

Der neue Gast war leutselig gegen den Wirth, gegen die Wirthin, selbst gegen Kinder und Gesinde, daß man mit Freuden ihn bediente und in Gespräche sich einließ, die er so angenehm zu führen wußte, daß jeder seine Herzensmeinung, und beträfe sie Kaiser und König, frei heraussagen durfte. Der Niederländer bedauerte einen so würdigen Gast verdrängt zu haben, und als die Wirthin mit schlauem Blicke meinte: es gäbe wohl Gäste, die man lieber aufnähme, und ihr Ehegatte: die Prälaten könnten jetzt büßen, was sie früher in der allgemeinen Jagd gegen Andersdenkende versündigt hätten, seufzte er tief, und wußte mit einfacher Beredsamkeit zu schildern, wie der Prinz von Oranien bei den Leiden der frommen Männer geweint habe. Gleich Glaubensbrüdern, gleich Kindern, deren Obhut ihm einst anheimfallen müßte, habe er die Flüchtigen in Holland aufgenommen. Als die Wirthin und selbst einige der herzugetretenen Männer in Thränen zerflossen, tröstete er sie, und versicherte sie, alle gute Engländer würden reiche Belohnung für die erlittene Drangsal finden, wenn der Himmel einst den großen Oranien auf den Thron berufe.

»Ja der Himmel selbst,« rief der alte Mann; »denn dreimal als sie einen Sohn erwarteten, nahm er seinen Seegen von der Stunde der Geburt, und als die Jesuiten ein Kind unterschieben wollten, ließ er sie selber ihr Höllenwerk verrathen. Darum bleibt einig, Ihr Protestanten, und laßt Euch durch keinerlei Blendwerk locken.«

Amen! Amen! sagte Dykvelt und stand auf, um sein Abendgebet nach vollendeter Tafel zu sprechen, und die Anwesenden falteten mit ihm die Hände. Er ließ sich dann hinunterführen, sprach freundlich mit diesem und jenen der Zechgäste und besah die Wirtschaftsgebäude, wobei er die englischen Einrichtungen lobte, ja äußerte, wie er dies und das auf seinen Gütern in Holland nachahmen wolle. Worüber man sich indessen am meisten wunderte, war, daß der reiche Holländer den lumpigen Hausirer zu sich ließ, der ihm doch nichts verhandeln konnte als Krämerwaaren, die kaum für den reichen Pachter von Werth schienen. Indessen hatte er, als Lower mit abgezogener Mütze und weit aufgerissenen Augen ihn von fern erwartungsvoll betrachtet, den Wirth gefragt, ob der Mann etwas begehre, und gutmüthig die Bitte zugestanden, die der Hausirer mit eignem Munde kaum dem hohen Gesandten vorzutragen wagte.

Während der Krämer seinen Tabuletkasten demüthig dem Fremden in das Erkerstübchen nachtrug, meinte die Wirthin zu ihren Gästen: »Ob es nicht eigentlich unrecht ist, den Spitzbuben zu dem gottesfürchtigen Herrn raufzulassen? wer ein Gemüth hat wie der, wird von dem Taugenichts im Umdrehn betrogen, ein Kerl, der doch im Grunde ein Jesuit ist, der riecht und wittert und die schlechteste Waare am theuersten loszuschlagen weiß.«

Ihr Ehemann beruhigte sie mit der Versicherung, daß der Holländer ein steinreicher Mann wie alle seines Landes wäre, der, auf doppelte Kreide gefaßt den Kanal passirt hätte, weshalb es nicht gerathen sei, dem Krämer ins Handwerk zu greifen. Dieser stellte indessen oben im Zimmer seinen Tabuletkasten auf einen Nebentisch, während Dykvelt sich in einen Stuhl warf und unzählige Briefschaften vor sich ausbreitete.

»Ist die Thüre zu?« fragte jetzt der Holländer mit gedämpfter Stimme. Der Krämer bejahte es, nachdem er vorsichtig noch einmal das Schlüsselloch geprüft, unter der Versicherung, zwei Jäger des Fremden hätten die Treppe besetzt.

»So berichte!« fuhr der Gesandte in demselben Tone fort.

Der Hausirer ließ seine Lade uneröffnet stehen, kratzte sich in dem Kopfe und zuckte die Achseln, alles weit entfernt von der Achtung, welche er in der Schenkstube gegen den Gesandten gezeigt hatte.

»Nicht aufgefunden?« sagte dieser. »Auch keine Spur von ihm? das wäre seltsam.«

»Spuren wohl, Euer Gnaden, die aber in Sand und Wasser untergehn. Bei dem Treffen von Sedgemoor war er bekanntlich nicht; der König Monmouth hatte ihn am Morgen fortgejagt, weil er einem Presbyterianer, die er nie leiden gemocht, vor die Stirn geschossen. Dann haben sie ihn gefangen und bis nach Taunton geschleppt, wo er aber von der Staffel wieder entkommen ist. Da hat ihn noch Oberst Rumsey gesehn und gegen eine alte Frau deshalb gezeugt; der hat aber jetzt das Unglück im Tower zu sitzen weil er sich zu viel aufs Handwerk gelegt und mehr bezeugt hat als er je im Leben wußte. Von ihm war daher nichts zu erlangen.«

»Und weiter hättest du nichts in Erfahrung gebracht, Mensch, der Du blindlings alle Schleichwege der Insel kennst, und durch die Hinterthür in jedes Haus findest? Du wußtest jeden Troßbuben, der Monmouth gerufen und der Ritter sollte Dir entgangen sein. Ist er todt im Treffen geblieben?«

»Geblieben ist er nicht« sagte Lower, »denn man sah ihn bei einem der Haufen Sectirer, die im Mondlicht wandern, in den Heiden im Westen schlafen, und jetzt als schnellfüßige Nachtreiter weit umherstreifen sollen.«

»Und der schottische Feuerkopf,« sagte Dykvelt, »hätte jahrelang sich so verborgen gehalten, daß ihn weder die zwei tausend Pfund auf seinem Kopfe noch der stürmische Geist verrathen! Leitete Dich Deine erfindsame Nase in keine der Gesellschaften, welche von ihm Nachricht haben können?«

»Am sichersten hielt ich, er müsse in Warwickshire bei seinem Jugendfreunde, einem Loscelyne von Avalon, versteckt liegen, der hat aber selbst Quartier im Tower bekommen, und rings um will keine Seele von ihm wissen.«

»Im Tower dieser Loscelyne!« murmelte Dykvelt vor sich hin. »Einer von denen, die nur Lebensluft haben, wenn der Athem ihres Königs sie anhaucht.«

Der Hausirer führte die Selbstbetrachtung des Gesandten fort: »Doch weil er Monmouth bei Sedgemoor seinen Rock geliehen, weil er zu spät zur Schlacht gekommen, weil sein fettes Erbe vielen in die Nase lacht, und weil er sich vor niemand tiefer bückt als er gerade für nöthig erachtet, und weil er sonst eine schwermüthige Seele ist, hat man ihm den Proceß gemacht, und er sitzt in London und kann wie die katholischen Lords zur Zeit des papistischen Complotts die Spinneweben an den Eisengitter zählen bis er grau wird.«

»Ich weiß es« sagte Dykvelt, »es war auch nicht zu erwarten, daß der loyale Ritter von dem Republicaner Kenntniß haben sollte.«

»Ich wüßte wohl Jemand,« sagte Lower mit verstohlenem Blicke, »der von dem Ritter wissen müßte. Dazu ist uns aber die Gelegenheit entgangen und mir fehlt die Kunst den galanten Herrn zu spielen, um von Damen dergleichen heraus zu bringen.« Als er sah, daß Dykvelt mit gespannter Aufmerksamkeit wartete, fuhr er fort. »Miß Anna Tennison, die hier mit ihrem Oheim war, hat eine solche Neigung von Jugend auf zu dem Ritter, daß sie ihn zur Monmouth-Zeit aus London entführen und einsperren ließ, als einen Prälaten gekleidet, damit er nicht bei den Rebellen zu Schaden komme.«

»Und jetzt,« sagte Dykvelt, »kann nicht dasselbe Spiel wiederholt sein?«

»Jahrelang, gnädiger Herr, läßt sich kein solcher Brausekopf weder in Weiber- noch Chorrock stecken. Ist er doch damals selbst an einem zerschnittenen Laken hinuntergeklettert; freilich um so lange bei der Armee zu bleiben, bis die Schlacht vorging. Ich begreife auch nicht, was so viel von dem einen Menschen abhängt, der nur von Fleisch und Bein war und so unbesonnen wie Einer, und dem es doch keine Partei recht machte.«

»Dessen Name aber,« fiel Dykvelt ein, indem er einige Notizen in sein Tagebuch schrieb, »unter den Leuten des Westens so viel gilt als der ihrer drei Märtyrer, der sein Tuch in Russels Blut getaucht, und geschworen hat, nicht eher zu ruhen bis seine Ermordung gerächt, der überdies ein tapferer und entschlossener Officier und jederzeit zu brauchen ist, wo es gilt.«

Dykvelt erkundigte sich nach der Reisetour des Prälaten, und als er erfuhr, daß er nach London gehe, ordnete er die eigene Abreise für den kommenden Morgen mit Tagesgrauen an, nachdem er mit dem Hausirer noch eine lange Unterredung gepflogen und bis spät in die Nacht Briefe geschrieben hatte.

Nur zu bald hatte indessen die kühle Nachtluft auf den Dechanten ihre Folgen geäußert. Als er zuerst bei einer Wendung des Wagens das wohl erleuchtete Wirthshaus hinter sich erblickte, um es sogleich wieder verschwinden zu sehn, preßte sich ein Seufzer aus seiner Brust. Die Rauchwolken stiegen in den klaren nächtlichen Himmel, und er glaubte sogar einen anmuthigen Duft aus der Küche herüberdringen zu fühlen. Der Kammerdiener legte ihm den Pelzmantel um, wenn dieser ihn aber wohl vor der Kälte der Nacht bewahrte, so schützte er ihn doch nicht vor der Finsterniß, und ein Wald lag wieder vor den Reisenden. Anna erlaubte sich einige launige Bemerkungen über ihre Flucht, wie sie es nannte, aus der Herberge, und meinte der holländische Gesandte müsse von ihnen glauben, ihr guter Oheim sei ihr Entführer, da er so eifersüchtig seine Nichte dem Anblick eines Edelmanns entziehe, der es doch offenbar darauf abgesehn, ihr ins Gesicht zu blicken. Die scherzhafte Bemerkung wurde aber ernst aufgenommen, denn Sir Alexander berechnete die möglichen Folgen wenn Oranien zur Thronfolge gelangen sollte und sein Kopf schwindelte dergestalt, daß nur die Vorstellung, wie eine erworbene Pfründe nicht wieder entrissen werden könne, ihn tröstete.

Die Natur hatte ihr Recht verlangt, auch wo Sorgen und Zweifel der verschiedensten Art es ihr zu entziehen strebten. Der Prälat schlief und konnte sich kaum zurecht finden, als George die Kutschenthür öffnete und ihn einlud auszusteigen, um in dem Gehöfte, dem ersten, das sie nach der ganzen nächtlichen Fahrt erreicht hatten, der nöthigen Ruhe zu pflegen. Mit unangenehmer Frische wehte die Morgenluft den Verschlafenen an, und der kalte Dämmerschein, der die Gegenstände mit Arsenikgrau glasirte, konnte keine bessre Stimmung hervorrufen. Man öffnete nach einigem Pochen die Flurthür und der Meier ließ sich willig finden die verspäteten Wanderer aufzunehmen. In Verwunderung setzte es aber diese, daß man in dem großen Wohnzimmer gewissermaßen auf den Besuch von Gästen vorbereitet schien, denn das Feuer im Kamin war so wohl erhalten, daß es erst in den letzten Augenblicken mochte ausgeglimmt sein. Um dasselbe standen mehrere Stühle; auf dem einen hatte der Meier gesessen, auf dem andern nickte vorn über seine bejahrte Ehefrau, die aber aufsprang als Sir Alexander und Miß Anna eintraten, und wie der Dechant vorhin, jetzt bemüht war, die letzten Streifpartien des Schlafes zu verscheuchen. Nicht gleiche Wirkung hatte der Eintritt der Gäste auf einen dritten Anwesenden und Schläfer, einen Mann, der im Mantel eingehüllt, die Arme vor sich verschlungen, den Kopf auf die Brust geneigt, dicht am Feuer saß. Den Scheitel bedeckte ein großer unaufgekrämpter Hut. Als die Hauswirthin zum klaren Bewußtsein gediehen war, warf sie ihrem Manne fragende Blicke zu, indem sie dabei auf den Schläfer deutete. Der Wirth antwortete ihr kopfschüttelnd und sagte zum Prälaten, indem er dessen Hand ergriff und schüttelte:

»Du mußt wissen, geliebter Bruder, der Bruder dort am Winkel ist von einem langen Marsche sehr ermüdet, und wir lassen ihn darum noch schlafen, bis daß ihn selbst verlangt den Wanderstab wieder zu ergreifen. Setze Du Dich aber dort auf den Platz meiner Sarah und deine Tochter hier neben ihm, und genießet was uns der Herr hier bescheret hat, so lange es Frieden im Lande ist, und seine Gebote gelten.«

Erst jetzt bemerkte der Dechant an dem runden breiten Hute, den der Wirth auf dem Kopfe behalten, daß er in das Haus einer Quäkerfamilie getreten war. Ein Quäker gehörte ebensowenig als der starre Sectirer unter den Presbyterianern zu den Freunden des Dechanten. Er konnte es ihnen nicht vergeben, daß sie den ungeschickten Hut nicht einmal vor einem Geistlichen abzogen, und selbst einen Bischof mit Du anredeten. Indessen beruhigte er sein Gewissen damit, daß es friedliche, und beim neuen Könige wohl angesehene Leute wären, um der Einladung zu folgen und sich an einem Abendessen und Frühstück zu erquicken, welches freilich von seiner prälatischen Tafel sehr abstach, ja ihm sogar noch einen Seufzer nach der Küche des groben Wirthes entlockte. Gekochte Eier, Schinken, und Rauchfleisch, auf sauber gedecktem Tische servirt, sollte durch Magenwasser und ein Korbfläschchen Spanier aus dem Wagen verdaulich gemacht werden, während die Dienerschaft draußen die Pferde besorgte.

»Willst Du noch heute nach London?« fragte der Meier, eine Frage, die der Kammerdiener, statt seines Herren zu beantworten für schicklich hielt, da er auf dessen Gesicht las, wie der Dechant sie eben nicht leichter als das schwarze Roggenbrot hinunterwürge.

»Seine Hochwürden der Herr Dechant wünschen allerdings noch heute dahin zu kommen, um am Abend Seiner Majestät aufwarten zu können.«

»Unser Freund Jacob ist ein guter Mann, er ist aber mit Dir und Deiner Kirche jetzt wenig zufrieden, und hadert viel mit Deinen Bischöfen und Prälaten in London, die hochmüthig sind, und es nicht vertragen mit den Leuten die Gott anders ehren, in Frieden zu leben.«

»Und er lebt wohl mit Euch in Freundschaft, um die groben Rundhüte in die anglicanischen Kirchen zu setzen und sie hinter sich in der Prozession zu sehen,« sagte der aufgebrachte Dechant.

»Da würden wir nicht mitziehn, lieber Bruder, und auch dort nicht predigen, aber Jacob ist unser Freund, seit wir ihm Glück gewünscht zu seiner Thronbesteigung. Wir sagten zu ihm: Du bist, wie es heißt, der englischen Kirche nicht zugethan, das sind wir auch nicht; darum hoffen wir, Du werdest uns die Freiheit geben, die Du Dir selbst nimmst. Und unser Freund Jacob ist uns seitdem immer hold gewesen, weil wir Jedermann glauben lassen, was ihm beliebt, wenn er wandelt auf den Wegen des Herrn.«

»Amen!« rief der Schläfer, zu dem die letzten Worte, halb im Traume mochten gedrungen sein. Er stand auf, ohne die Vermehrung der Gesellschaft im ersten Augenblicke zu bemerken. »Ob es schon Tag ist?« sagte er, die Augen reibend, als ihn die Wirthin bei Seite zog. Die lang schleppende Quäkertracht verbarg ebenso die Gestalt, als der Hut den Kopf, doch sah man aus seinen Schritten, daß es noch ein junger Mann war. Die Wirthin war gewiß bemüht ihn im Winkel den Augen der Gesellschaft zu entziehen, oder doch zu überreden keinen Theil an ihren Gesprächen zu nehmen, der junge Mann gehorchte aber nicht und fixirte, nachdem er sich einmal umgedreht, die drei Gäste mit einer Lebhaftigkeit, wie sie unter den Quäkern wenig zu Hause ist. Die Wirthin aber hielt ihn am Arm und flüsterte ihm mit ängstlichem Gesichte so laut zu, daß auch der Dechant und der Kammerdiener aufmerksam wurden. Miß Anna hatte schon länger ihre Blicke auf ihn gerichtet, denn der Ton der Stimme war ihr bekannt vorgekommen. Ihre Augen begegneten sich, und schon sprang Anna mit einem Schrei auf, als der Schein der Flamme in das Gesicht des Mannes leuchtete und ihr ein bleiches, fast gelbes Antlitz, mit schlicht bis auf die Augenbraunen herabgekämmten Haaren entgegen starrte, und die Hoffnung löschte, welche kaum zur hellen Flamme aufgelodert war.

»Was ist Dir Anna?« fragte der Dechant, besorgt nach der Gruppe im Winkel blickend, wo er aber nichts verdächtiges wahrnehmen konnte.

Noch immer mit starrem Blicke dorthin gerichtet antwortete Anna. »Nichts; ich hatte mich getäuscht.« Aber in demselben Augenblicke wurde die Aufmerksamkeit der ganzen Gesellschaft durch ein Geräusch draußen gefesselt. Was früher dem Dechanten wie ferner Donner geklungen, wurde zum heftigen Trommelgewirbel. »Sie kommen schon,« sagte der Wirth, und die Wirthin verdoppelte ihre Anstrengungen, die wohl darauf hinausgingen, daß der junge Mann das Zimmer verlassen solle. Wirklich enteilte er durch eine Nebenthür so hastig, daß es dem Wirthe nöthig schien seinen andern Gästen eine Erklärung deshalb zu geben.

»Du mußt wissen, daß dieser Bruder in Christo sich mit den Soldaten nicht vertragen mag, wie denn überall das Wesen der Männer mit dem Degen in der Hand sich wenig verträgt mit dem Worte des Herrn.«

»Ei gewiß,« fiel die Wirthin ein, »er ist einer der schmucksten Burschen rund herum, die die Bibel in die Hand nehmen. Früher mag er wohl in Oxford gewesen sein; aber die Auslegung der Gelehrten, das hat er tausendmal versichert, konnte ihm nie gefallen. Da ist er auch wohl in Streit gerathen mit den Leuten vom bösen Handwerk und er wollte schon vor Tage weg, als die Einquartierung angesagt ward.«

Sie hätte gern, wie es schien, noch eine Viertelstunde zu Gunsten des Studenten oder Schulmeisters gesprochen, aber der Dechant, der schon so lange, als von den Soldaten die Rede war, auf nichts, was sonst vorgetragen wurde, geachtet hatte, wurde von der Erwähnung einer hier zu erwartenden Einquartierung so allarmirt, daß er dem Wirthe kaum sein Ohr lieh, als dieser von der Veranlassung sprach. König Jacob wollte mit seiner Armee, die er jeden Sommer auf der Hunsloheide übte, ein großes Manoeuvre anstellen, und den Bewohnern der Gegend sei rund umher angesagt Speise und Trank in Bereitschaft zu halten. Auch, hieß es, er erwarte den päpstlichen Gesandten, den er im vollen Glanze eines kriegerischen Königs empfangen wolle.

Was konnte dem Dechanten Uebleres begegnen, als ein Zusammentreffen zugleich mit Soldaten und Quäkern, Menschen, die er trotz ihrer gegenseitigen Abneigung in gleichem Grade mied. Zwar mußte er fürchten, mit ersteren auf den Straßen zusammenzustoßen, da einige von ihnen sich aber schon vor den Fenstern zeigten, war es immer besser dem einen vorübereilenden Uebel entgegen zu gehn, als hier die Vereinigung Beider zu erwarten. Die Pferde wurden angespannt, und der Prälat stieg in den Wagen, während schon einzelne Musketiere mit soldatischem Ungestüm ihre Büchsen auf die Schwelle stampften, und Ausdrücke ihm in die Ohren tönten, die ihn wünschen ließen schon im Vorsaal des Königs zu stehen.

Aber der lange Weg wurde durch die mannigfaltigen Störungen doppelt lang. Die Morgensonne beleuchtete ein Meer von Soldaten, wie es selbst zu Cromwells Zeit in England nicht gesehen ward. Zu dem Wirbeln der Trommeln und Schmettern der Trompeten kam das Musketen- und Kanonenfeuer, oft so nahe, daß der Prälat das Aufblitzen der Zündpfannen sah, und die Büchsenpfropfen die Pferde scheu machten. Als er endlich in eine freie Gegend durchgedrungen, versperrte ein Auftritt eigener Art ihm den Weg.

An einer hohlen Straße begegneten sich zwei Reiterzüge, die weder zu den Truppen gehörten, noch, ihrer Kleidung nach Engländer waren. Zwischen den anscheinend Vornehmsten unter Beiden entspann sich ein Zwist über den Vorrang, der, je mehr Zuschauer sich auf den Höhen sammelten, um so heftiger wurde. Auf beiden Seiten waren einzelne Reiter, von der Armee und Privatleute, zugetreten, welche den Anhang und die Ansprüche der Parteien unterstützten. So schien der Streit, während er unter den eigentlich Betheiligten sehr ceremoniös geführt wurde, unter den zusammengelaufenen Parteigängern schon nahe an Tätlichkeiten, als des Dechanten Staatskarosse mit den sechs bewaffneten Vor- und Bei-Reitern anlangte. Er mußte dieselbe Straße passiren; und hätte auch Sir Alexander gern, um nicht in das Gedränge zu gerathen, einen weitern Umweg gemacht, würde er doch von der Menge herangezogen sein, als der einzige Mann von Stande, der hier den Schiedsrichter abgeben konnte. Als man erfahren, wer sich in der Kutsche befinde, wurde der Prälat durch Reiter von beiden Theilen ersucht auszusteigen oder wenigstens aus dem herabgelassenen Vorderfenster seines Wagencastells den ärgerlichen Streit zu schlichten.

Die Parteien oder vielmehr ihre untersten und zufälligen Anhänger und Anhängsel schrieen so verworren, daß es eine geraume Zeit kostete ehe der würdige Geistliche sich von der Lage der Sachen unterrichten konnte. Indessen hielten zwei Reiter in imposanter Stellung am Eingange, jeder mit den Blicken den andern bewachend: indem sie es ihren Begleitern und Dollmetschern überließen ihre Rechte zu vertheidigen, den einen kannte der Prälat leider schon seit gestern. Es war Dykvelt, der aber hier ein anderer Mann geworden schien. Nichts von Demuth, Unterwürfigkeit oder satyrischem Lächeln lag in seinen Blicken. Stolz aufgerichtet saß er auf dem Araber und maß den Gegner mit ruhigen Augen, wie ein Feldherr, der ein Treffen, das nach seinem Plane gewonnen werden muß, vom Hügel überschaut. Wer, von keiner Parteiensucht getrieben, zwischen beiden zu wählen gehabt, hätte für ihn entschieden, denn das wohlbegründete Bewußtsein: siegen zu müssen, sprach sich in dem ganzen Wesen des gesetzten Mannes aus.

Der Zelter seines jüngern Gegners schien den feurigen Sinn seines Reiters auszusprechen. Er stampfte, wiehernd den Boden mit den Vorderhufen auf, während die brennend schwarzen Augen des Italiäners in stolzer Freude lachten. Doch irrten sie ungewiß umher ohne mit etwas zu harmoniren, oder sich zu kümmern, was auf den Gesichtern rund umher sich aussprach. Die gebogene Nase aus dem gebräunten Gesichte kühn herausspringend deutete vielmehr einen Trotz an, der, auf jugendliche Kraft vertrauend, es mit der ganzen Welt aufnehmen mochte.

»Platz für Monsignore Ferdinando D'Adda, Nuncius Seiner Heiligkeit in Rom bei Seiner Majestät von England, dem Vertheidiger des Glaubens, König Jacob dem andern!« so riefen seine Anhänger, während die holländischen schrien: »Platz für Seine Excellenz Herrn Dykvelt, Ambassadeur Ihrer Hochmögenden, der Generalstaaten von Holland und Seiner Durchlaucht des Erbstatthalters Wilhelm von Oranien!«

»Der Abgesandte des Hauptes der ganzen Christenheit, rief Jemand dort, geht den Ambassadeuren von allen Potentaten vor.« Hier antwortete man: »Der beste Gesandte für England ist der vom großen Oranien, dem ewigen Feinde Frankreichs, dem kräftigen Beschützer des protestantischen Europas!«

»Mein Herr,« entgegnete der hitzige englische Dollmetscher des Italiäners, wie man aus seiner Aussprache vernahm ein Irländer, »ist berufen worden von König Jacob, und Seine Majestät erwartet ihn in seinem Schlosse zu Windsor um den Segen Seiner Heiligkeit von den Händen seines geheiligten Legaten zu empfangen, während der Gesandte der Generalstaaten (das Wort: ›den ketzerischen,‹ welches ihm schon auf dem Munde schwebte, verschluckte er noch zu rechter Zeit) von Niemand berufen, von Niemand verlangt, von Niemand erwünscht ins Land gekommen ist.«

Der bisherige Sprecher für den Holländer wollte, so verriethen seine Gebärden, eine heftige Antwort geben, als Dykvelt sich zu ihm wandte, und ihm zu schweigen gebot. Der Minister des weisesten und besonnensten Fürsten jener Zeit hatte sich in seiner Berechnung nicht getäuscht. Ein Gemurmel des Unwillens durchflog die bunt zusammengeströmte Versammlung, einzelne Verwünschungen zückten hier und dort hervor, die Fäuste ballten sich, und ein alter Squire rief:

»Soll uns ein Irländer lehren, was ein englisches Herz wünscht und verlangt! Noch nie ist ein Bote des Papisten zu Rom seit den gesegneten Zeiten der Elisabeth auf Englands Boden getreten, und der Gesandte des protestantischen Thronfolgers soll zurücktreten vor einem, dem das Gesetz verbietet hier den Staub von den Füßen zu schütteln.«

Das Getümmel wurde größer. Da erhob Dykvelt den Arm zum Zeichen, daß er selbst reden wolle. Mit ruhiger Stimme sprach er in einem Englisch, dem man, ohne daß es gebrochen geklungen, anmerkte, daß es ein erlerntes war: »Sehr würdige Männer des großherzigen englischen Volkes! Begegnete mir der ehrenwerthe Herr an diesem Engpaß als Monsignore D'Adda, ich wäre weit entfernt, ihm den Vortritt streitig zu machen, wenn es Artigkeit gilt, wo Monsignore aber als Nuncius des Papstes von Rom auftritt, darf ich ihm keinen Fußbreit weichen. Da ich im Namen des protestantischen Thronfolgers, des glorreichen Wilhelm von Oranien, des geliebten Sohnes Seiner Majestät von England, feierlich protestiren soll gegen das willkürliche Verletzen der heiligen Grundgesetze des Staats gegen das Eindringen des Papstthums, so von weisen Königen und Parlamentern vor uns erlassen, kann ich nicht zugeben, daß ein päpstlicher Gesandter den Vortritt erlange, indem ich überhaupt die Existenz eines päpstlichen Gesandten in England bestreite. Es darf kein päpstlicher Gesandte den Boden dieses protestantischen Königreichs betreten, darum kann auch hier kein solcher mir begegnen.«

Der Italiäner ließ sein Roß sich bäumen, um dem Volke zu zeigen daß es einen solchen gebe. Er rief einige italiänische Worte aus, die natürlich nicht verstanden wurden, sein Dollmetscher aber flüsterte ihm etwas zu, und wandte das Pferd nach der Carosse.

»Ja, der würdige Prälat der englischen Kirche,« sagte Dykvelt, »soll entscheiden, ob ein protestantischer Gesandte zurückstehen soll einem Nuncius des Papstes.«

Indessen war der Irländer früher angelangt, und verneigte sich tief vor dem Dechanten. Selbst der übermüthige D'Adda hatte es für gerathen gehalten, da auch der Gegner sich in Bewegung setzte, gegen den Prälaten einige Zuvorkommenheit zu zeigen, und so war Sir Alexander von den päpstlich Gesinnten umringt, ehe die Partei des Holländers Zutritt gewinnen konnte.

»Ew. Hochwürden,« sagte der Irländer, »sind ein Geistlicher der Kirche, welche von allen Zeiten die souveraine Königsgewalt unterstützt hat. Bedenken Sie was es heißt, mit dem Abgesandten einer vom Sektengeist zerrissenen Republik gemeinschaftliche Sache machen gegen den Willen des Königs? Seine Majestät erwartet Monsignore mit jeder Minute; jede Minute Verzug fällt auf Ihr Haupt zurück. Jetzt entscheiden Sie, wer hier den Vorrang hat, der Abgesandte des Hauptes der ganzen Christenheit, der von Seiner Majestät sehnlich Erwartete, oder der Envoyé kleiner abtrünniger Freistaaten, und eines Fürsten, der sich unterfängt seinen Schutzherrn und Schwiegervater zu meistern.«

Von weitem rief der Holländer, ohne ganz die Rede des andern vernommen zu haben: »Ja ich unterwerfe meine gerechte Sache dem Ausspruch des würdigen Dechanten.«

D'Adda, dessen Wunsch den Sieg davon zu tragen, mit der immer größer werdenden Menschenmenge stieg, und der Besonnenheit genug behielt, einzusehn, wie es an Unmöglichkeit gränze gegen den offenkundigen Willen der Menge den Trotz durchzusetzen, opferte dem Vortheil den Stolz. Das abtrünnige England sollte bekehrt werden; mußte es nicht ein gutes Omen werden, wenn der Gesandte des Papstes auf offner Straße, mitten unter protestantischen Haufen, über den Vertreter des protestantischen Continents einen ceremoniellen Sieg davon trug? Deshalb zog D'Adda, nachdem er noch einmal mit Lust auf das bunte Schauspiel ringsum geblickt, tief sein Baret vom Haupte und neigte sich so vertraulich zum Dechanten, daß dieser, ohne seine Worte zu verstehen, in seinen Gebärden eine so schmeichelhafte Anerkennung des eigenen Werthes lesen mußte, der er nicht wiederstehen konnte.

»Wenn Seine Majestät,« sprach er zum Fenster hinaus, »Monsignore erwarten, und Seine Excellenz noch nicht gemeldet sind, dürfte wohl der römischen Ambassade der Vorrang gebühren.«

Jauchzend und jubelnd wurde der Ausspruch von den Römischen aufgenommen, unter denen jedoch nur der geringste Theil Italiäner von Geburt waren. Irländer und Franzosen erhoben ihre Stimmen und sich selbst auf ihren Rossen, um sogleich den Ausspruch geltend zu machen. Zwar wollten sich mehrere Engländer, dem Spruche entgegen, thätlich widersetzen, doch hielt sie Dykvelt mit der ruhigen Gewalt eines Feldherrn davon ab. Während der Zug sich in Bewegung setzte, erstieg er eine höhere Stelle, wo er von allen gesehn werden konnte, und sprach:

»So protestire ich denn im Namen des Durchlauchtigen Wilhelm von Oranien, des Thronfolgers dieser Inseln, im Namen der protestantischen Kirche und, im Namen der Reichsgesetze gegen diesen Akt.«

Der Tumult wurde dadurch nur größer. Verwünschungen auf den Papisten wechselten mit solchen gegen den Prälaten, der den unprotestantischen Ausspruch gethan. Er sei ein Abtrünniger, schallte ihm von rechts und links in die Ohren. Da gehe er hin, Kirche und Reich dem Götzendiener zu verkaufen, längst sei er gewonnen für den Antichrist, und dergleichen. Es schien nicht bei den bloßen Worten sein Bewenden zu behalten, und Einer der Diener rieth, an den Wagenschlag reitend, dem Dechanten, sich dem Gesandten schnell anzuschließen, wenn er sich nicht den äußersten Beleidigungen des Pöbels aussetzen wolle. Dasselbe that der irländische Edelmann, und der bedrängte Prälat gab dem Kutscher eine Ordre, welche dieser von selbst zu befolgen geneigt schien, da er, ohne den Befehl auszuhören, die Pferde aus Leibeskraft durch den Hohlweg peitschte. Ein Hagel von Steinen, der auf das Leder der Kutsche niederfiel, rechtfertigte seine Masregeln, und der Dechant empfahl in einem stillen Gebete alle die wackern Reiter der papistischen Gesandtschaft dem Himmel, welche sich mit seinen eigenen Leuten hinter der Karosse aufstellten, um so die Nachhut bildend, den Zug gegen fernere Beleidigungen zu schützen.

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