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Schloß Avalon. Dritter Band

Willibald Alexis: Schloß Avalon. Dritter Band - Kapitel 2
Quellenangabe
authorWillibald Alexis
titleSchloß Avalon. Dritter Band
publisherF. A. Brockhaus
year1827
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20180307
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Erstes Capitel.

   Sterbend seufzete Don Sancho,
Als der edle Graf von Cabra
Diese Worte zu ihm sprach:
»Ach der Kön'ge hartes Schicksal,
Daß, wenn man sie nicht mehr fürchtet.
Dann nur ihnen Wahrheit spricht.«

   »Auch zu andern, andern Zeiten
Sagt man ihnen wohl die Wahrheit;
Aber sie, sie hören nicht.«
Sprach der Cid; er sprach es leise.
Daß er seines Königs Seele
Scheidend nicht beleidigte.

El poëma del Cid.

 

Eine dumpfe Stille herrschte über England gegen Ausgang des vorletzten Jahrzehends eines tiefbewegten Jahrhunderts. Wer die Grafschaften, wer die Hauptstadt mit flüchtigem Blicke durchreiste, glaubte, es sei die Frucht des Friedens nach so vielen Anstrengungen der Parteien, nach dem Vergießen des edelsten Blutes. Aufmerksameren Forschern glich diese Ruhe der peinlichen Schwüle in der Natur, welche dem Ausbruch eines Gewitters vorangeht. Wo sonst fanatische Geistliche Aufruhr gepredigt, Heroen des Volks den Adel der Geburt, das Übergewicht des Talentes geltend gemacht um das Gefühl der Freiheit wach zu erhalten, erhob sich jetzt keine Stimme, wenn Rechte offen gekränkt wurden, die leise angetastet ehemals die Volkswuth zum tobenden Sturme angeregt hatten. Gesenkten Hauptes ging man den alltäglichen Geschäften nach, und wagte nicht den Blick aufzurichten, aus Furcht dem bleichenden Kopfe eines Hochverräthers auf dem Pfahle oder dem Auge eines Angebers zu begegnen. Es war viel Blut nach Monmouths unglücklichem Aufstande geflossen, und mehr Blut als zur Aufrechthaltung des Thrones nöthig war. Grausamkeiten unerhörter Art hatten die sanftesten Gemüther gegen den Misbrauch der Gewalt empört, aber keine Stimme wurde laut.

König Jacob sah triumphirend auf diese Stille, er sah wie stolze Nacken, die vor seinem Vater und Bruder steif geblieben, sich vor seiner königlichen Kraft beugten, er trotzte auf das seit Monmouths Einfall zu einer, für England unerhörten, Größe angewachsene Heer; und weil der Handel blühte und die Wimpel reichbeladener Schiffe auf der Themse den wachsenden Wohlstand bezeugten, glaubte er sein Scepter sei bestimmt, die goldene Zeit des Reiches zurückzuführen. Dazu gehörte aber, daß die Lieblingsidee seines Lebens wirklich werde, und er eilte mit Riesenschritten über alle Hindernisse dem einen Ziel entgegen, der Bekehrung Englands. Das unterwürfigste Parlament, das je innerhalb der Brittischen Inseln gesessen, da seine Mitglieder vom Könige nach Aufhebung der Wahl-Rechte fast allein ernannt worden, hatte in stummer Verehrung auf die Wünsche des Monarchen gelauscht; nur den Testeid, das Bollwerk der protestantischen Religion, wollten sie nicht fallen lassen, und Jacob beschloß ohne Parlament zu regieren. Aber je willfähriger der Engländer die alten Rechte schwinden ließ, um so ängstlicher umfaßte er den mit Blut erkauften und bewahrten Glauben, und während der König Schritt für Schritt näher trat um das Grundgebäude der Englischen Kirche durch Dispensationen zu untergraben, richtete sich die ganze Hoffnung auf den protestantischen Thronfolger, da Jacob, schon im reifen Mannesalter, noch ohne Sohn war.

Wir begegnen auf der Straße nach London einem großen Reise- und Staatswagen, der uns schon von früher bekannt ist, obgleich er in Verlauf vieler Jahre etwas aus der Mode gekommen, und selbst das neue prälatische Silber, das einst jenem protestantischen Schenkwirthe so anstößig gewesen, erblindet und roth geworden ist. Der würdige Prälat darin saß wieder an der Seite seiner Nichte, und Sorgen, wiewohl verschiedener Art, waren auf dem behaglichen Angesicht des erstern und dem heiterern der jungen Dame gelagert. Eine andere Begleiterin, die wir damals bei dem Dechanten Tennison gesehen, war auch mit den steigenden Jahren seine unzertrennliche Gesellschafterin geblieben, die Dame Furcht. Je ruhiger die Straße war, um so mehr erschreckte ihn jedes Geräusch, und die verdoppelte Anzahl bewaffneter Diener deutete darauf, daß ihm entweder sein Leben theurer oder die Gefahr größer geworden. Dem Historiker fällt es schwer zu entscheiden, welcher Beweggrund vorherrschte, da beide Fälle vorhanden waren. Worauf Sir Alexander lange Jahre mit frommer Sehnsucht geblickt, das Ziel seiner Wünsche näherte sich. Die Präsidentschaft des Magdalenen-Collegiums zu Oxford, die reichste Pfründe vielleicht in ganz Europa, war endlich vacant geworden, und wenn der Dechant, mit der Stimmenmehrheit der wählenden Collegen in der Tasche, während die geneigten Versicherungen der Minister ihm noch süß im Ohre klangen, der Hauptstadt zueilte, so erklärt sich, daß die Sorge für sein Leben jetzt eine ganz andre war als da es nur den Dechanten Tennison galt.

Aber auch die äußere Gefahr mochte größer sein; denn es verlautete von Straßenräubern, welche in berittenen Haufen selbst die befahrensten Wege zur Hauptstadt unsicher machten; wenigstens lagen Truppenabtheilungen aus diesem Grunde in den Provinzen zerstreut und begegneten den Reisenden auf den Straßen, ein sonst in England zur Friedenszeit ungewöhnlicher Anblick. Ganz wie zu den Zeiten des seligen Königs fuhr daher Sir Alexanders Gesicht zum Kutschenschlage heraus, sobald er unerwartet Hufschläge zu hören glaubte, und jeder ihnen begegnende Reisende mußte, wenn er sich als ehrlich ausgewiesen, genauen Bericht abstatten, was dem Dechanten auf dem Wege vor ihm begegnen könnte. Es fehlte nicht, daß Spaßvögel, denen die Gemüthsstimmung des frommen Hirten nicht entging, aus der Maus einen Elephanten machten; ernstlicher schien aber die Aussage eines Handwerksburschen, der von einem Trupp Reiter sprach, welche mitten in dem Kiefergebüsch, das der Wagen passiren mußte, anhielten. Sie wären wohl bewaffnet, hätten etwas fremdartiges in den Mienen und zögen Erkundigungen von den Vorübergehenden ein, wobei der Eine, welcher ein Anführer scheine, seltsam das Gesicht zu verziehen pflege. Der Bursche erhielt für die umständliche Erzählung der unangenehmen Nachricht eine Belohnung, genug um aufgemuntert zu werden dem nächsten Reisenden mit verdoppelten Farben die Gefahr auszumalen. Der Dechant fuhr mit dem seidenen Tuche mehrmals über das Gesicht und blickte fragend auf seine Nichte und auf den Kammerdiener gegenüber. Jene war zu tief in Gedanken verloren, um die stumme Frage zu verstehen; während aber der Diener sich bedachte, welche Meinung dem Prälaten die angenehmste wäre, fuhr der Schelm draußen, von dem Silberblick der beiden Schillinge angefeuert, in seiner Beschreibung fort:

»Sehn Euer Gnaden, da unten den Schädel? – Er ist heruntergefallen vom Baum; oben an der Stange ist noch ein Theil vom Gerippe angenagelt. Und im Gebüsche drin, wo der Wind weniger pfeift, sitzen sie noch dicker an den Bäumen, daß man die pure Menschengestalt erkennen mag. Da reiten sie heran und betrachten das nackte Gebein, und zeigen es einander und zischeln dann. Ich war froh als ich unbemerkt vorüber war; aber sie mochten mich wohl nicht bemerken wollen, weil mein kleiner Ranzen ihnen nicht werth dünkte mir auf den Kopf zu schlagen.«

Der Dechant wurde blaß: »Ob es nicht besser wäre, George, den Seitenweg einzuschlagen und in **** zu übernachten?«

»Da hängt es erst gar von vertrockneten Gliedern voll; denn hier, Euer Gnaden, haben die Bauern sie schon meist des Nachts abgeholt und auf dem Gottesacker verscharrt.«

Ein Blick aus der Kutsche hatte den Kammerdiener überzeugt, daß an dem Berichte des Burschen zwar ein Grund sei, daß der Dechant aber zwei verschiedene Dinge in der Furcht zusammenwerfe. Sie befanden sich in jener verhängnißvollen Gegend, wo Kirks und Jefferies barbarischer Eifer gegen die unglücklichen Bewohner des Westens einst wüthete. An den Landstraßen sah man zu jener Zeit hunderte von Aufgeknüpften, deren keiner sich der letzten Wohlthat, einer gesetzlichen Verurtheilung erfreuen können. Theils Barbarei, theils Furcht vor den Launen des Despotismus hatte hie und da Jahre lang die Reste jener entsetzlichen Schlächterei dauern lassen, und ein hohläugiger Schädel grinste in der That hier aus dem trockenen Sande die Vorüberfahrenden an. Anna schauderte als sie hinausblickte zusammen, und der Oheim würde um so mehr darauf bestanden haben in der gefährlichen Tour inne zu halten, hätte ihm nicht der Kammerdiener das Verständniß eröffnet. Er fügte hinzu, wie bei der beabsichtigten Veränderung im Reiseplane London schwerlich zum Geburtsfest des Königs zu erreichen sei, und da die junge Miß mit ihren Blicken ihn unterstützte, wagte er dreister die Furcht des Prälaten zu bekämpfen.

»Ew. Hochwürden erinnern sich noch, wie wir schon zu Lebzeiten des höchstseligen Königs einmal wegen eines straßenräuberischen Anfalls in gerechten Sorgen standen, wie sich aber die Besorgniß glücklich auflöste, da es nur der junge Fletcher von Salton war, als er damals nach England zurückkehrte.«

Der Name wirkte auf beide Zuhörer, der Dechant gab Befehl weiter zu fahren, anscheinend um eine unangenehme Rückerinnerung zu übertäuben, und Anna ließ ihre Augen auf der todten Gegend draußen umherschweifen. Andere Reisende bestätigten was der Handwerksbursche ausgesagt. Wenn sie auch weniger die schreckliche Erscheinung der Reiter ausmalten, verweilten sie doch mit nachdrücklichen Blicken bei der Bemerkung über ihr seltsames Wesen. Schon erhob sich der Prälat aus seinem Sitze und gab Befehl umzukehren, als der Reisende im Abschiednehmen ausrief: »Da sind sie!« In der That konnte man die Köpfe einiger Reiter über dem niedrigen Gebüsche bemerken, der Kammerdiener aber stellte vor, daß ehe die schwerfällige Kutsche umgedreht werde, die leicht Berittenen, wenn sie wirklich feindselige Absichten hegten, sie ohne Mühe einholen könnten, daß überdies ein solches Verfahren den Wegelagerern den Muth stärken und sie zum Anfall aufmuntern möchte. Sir Alexander war willenlos geworden, der Kammerdiener befahl der Dienerschaft, ihre Feuergewehre – man reiste dazumal selbst mit Karabinern bewaffnet – bereit zu halten, und die Kutsche glitt durch den tiefen Sand in das Wäldchen.

Oheim und Nichte blickten sich mit einer ans der innern Unruhe hervorgehenden Frage an. Ohne daß ein Wort über die Lippen kam, verstanden Beide den Grund ihrer Besorgnisse, und Anna ergriff jetzt die Hand des Dechanten:

»Oheim, wir haben schon so oft unsere kleinen Kriege durch Verträge geendet. Wir ahnen jetzt Beide, was uns begegnen möchte, wollen wir nicht schnell einig werden, was dann zu thun ist? Sollte der Mann unter den Wegelagerern sein, dessen Name noch auf den zerrissenen Placaten steht, was wollen Sie beginnen?«

»Ich – in der That,« stammelte der Prälat, »Du scheinst zu vermuthen, zu wissen, daß dieser Rebell, dieser verführte junge Mann – mir auflauert. – Ich habe ihm nichts gethan – ich stehe in keiner Verbindung mit ihm, ich, ich kann ihm gar nichts anthun.«

»Davon dürfte auch hier nicht die Rede sein,« entgegnete die Nichte. »Gesetzt aber, er wäre es, der unsern Wagen anhielte, ich getraue mir, lieber Oheim, so viel Macht über ihn zu, daß er uns ungefährdet weiter läßt. Doch müßten Sie ihm freilich Verschwiegenheit und Vergessenheit zusichern, da ein Wort allein sein Leben gefährden kann.«

»Du bedenkst nicht, in welcher Stellung ich mich befinde; ein solcher Vertrag mit dem verschollenen Rebellen könnte meinem Einfluß am Hofe einen tödtlichen Schlag versetzen.«

»Jedoch wenn der Rebell Gewalt brauchte, so hülfe in diesem Kieferwalde der ganze Hof nicht vor dem nähern Schlage,« sagte Anna und blickte dabei so eifrig hinaus, daß der Dechant ihren Arm ergreifend an den Pulsschlägen der Hand den Grad der Gefahr abnehmen zu wollen schien.

»Er müßte doch bedenken,« sagte der Kammerdiener, »welche Wohlthaten er in Euer Hochwürden Hause genossen, und wie wir ihm selbst ein neues Amtskleid angelegt haben, ihn vor den Verfolgungen zu sichern, daß es eine doppelte Sünde wäre, gegen Eure Hochwürden feindlich zu verfahren.«

Der Dechant machte mit Arm und Lippen eine hastige Bewegung, welche andeutete, daß ihn diese Erinnerung mehr peinige als selbst die gefährliche Erwartung. Der Aufenthalt eines Rebellen, eines Geächteten in seinem Hause, gehörte zu den Punkten des verflossenen Lebens, die er gern mit Geld und Gut darin ausgelöscht hätte. Konnte doch in der That ein solches Vergehn den Uebertreter der Kriegsverordnungen zum Schaffotte führen; einem Manne, wie Sir Alexander, der für sein kommendes Leben von den Lüften der Hofgunst getragen zu werden hoffte, mußte aber der Gedanke allein alle Freude verbittern. Daß der Kriegsmann ihn schon mit Undank gelohnt habe, entfuhr zwar auch in den Worten: »Er hat ja den Chorrock zerrissen,« seinen Lippen, die ernstere Sorge ließ jedoch den Unmuth über diese vermeinte Kränkung wenig aufkommen.

Wenn der Prälat wirklich Besinnung genug behielt, an den Pulsschlägen seiner lieblichen Nichte das Steigen der Gefahr abzumessen, so war seine Furcht wohl begründet. Wie im heftigsten Fieber stiegen die Pulsschläge; sie war ganz Aug' und Ohr, ohne doch auf irgend eine Frage des Oheims zu hören. Zwei Vorreiter sprengten zurück: »Dort stehn sie, am Waldhau zur Linken,« tönte es in des Dechanten Ohr. Aber der Dechant, wie ein Mann, der sich auf das Aeußerste gefaßt macht, lehnte sich in den geräumigen Kutschenwinkel zurück, es ganz dem Schicksal überlassend, was es mit ihm beginnen werde. Ob man aus seinen Mienen entnehmen können, daß er Gelübde gethan, darüber fehlen der Geschichte die Quellen, da Miß Anna, wie schon bemerkt, Gesicht und Gehör von allem was im Wagen vorging, auf das was ihnen draußen begegnen könnte, abgewandt hatte, und auch George seinen Blicken eine gleiche Richtung gab, indem er vor sich murmelte: »Scheint es doch wahrhaftig, als ob sie uns aufpaßten.«

»Keine Vertheidigung Kinder!« waren die letzten Worte Sir Alexander Tennisons, die aber dem Prälaten im Munde erstarben, als er kaum zehn Schritt von sich die Gefürchteten erblickte. Ganz zum Anfall fertig, waren sie rottenweise auf der Seite des Weges postirt und betrachteten den nahenden Zug. Es waren zehn bis zwölf, in denen man die Anführer von den Untergebenen wohl unterscheiden mochte, alle aber wohl bewaffnet und dicht bestäubt. Das Gefühl der Ueberlegenheit trieb die Wegelagerer zu einer seltenen Dreistigkeit. Sie blieben ruhig stehen bis die Karosse an dem, welcher augenscheinlich der Anführer war, vorüberfuhr. Miß Anna bemerkte in ihm einen Mann von Mittlern Jahren, durch dessen phlegmatische Gesichtszüge man Schlauheit und eine durch Erfahrung gewonnene Sicherheit herauslesen mochte. War es ein Straßenräuber so gehörte er nicht zu den gewöhnlichen, und glaubte diesmal seiner Sache so gewiß zu sein, daß er die Hand nicht einmal an den Degengriff legte. Er lüftete ein wenig den mit einer schlechten Feder gezierten Hut, warf aber dabei Blicke durch den Kutschenschlag, immer eines vorsichtigen Räubers würdig, der vor der That erwägt, ob der Lohn mit dem Wagestück gleichkomme? Der Wagen rollte vorüber, die beiden Nachreiter waren schon außer der Linie und noch kein Angriff.

»Sie zischeln mit einander,« sagte der Kammerdiener, welcher vom Rücksitz aus am längsten ihren Trupp erblicken konnte. Aber der Wagen fuhr weiter und weiter. Die hellen Schweißtropfen standen auf der Stirn des Dechanten; noch wagte er sie nicht zu trocknen, noch horchte er mit angehaltenem Athem nach hinten. Jeden Augenblick mochte ein Hagel Pistolenkugeln gegen das Rückleder der Kutsche prasseln.

»Es waren keine englischen Gesichter,« sagte Anna, als Hufschlag von hinterwärts tönte.

Die Reiter hatten sich auf den Weg gemacht, und trabten, den Wagen einholend, hinter ihnen drein. Auch das Gesicht des Kammerdieners, dessen Mienen bisher noch Zweifel ausgesprochen, umwölkte sich. Eine Staubwolke ward über den Wagen gewälzt, und zur Rechten und zur Linken sprengten die Reiter vorüber. Noch deutlicher wurde diesmal ihre Absicht, sich genauer über die darin sitzenden Personen zu unterrichten, denn von beiden Seiten blickten Köpfe hinein, und doch sprengten sie so weit voraus, daß man den ganzen Trupp vom Wagen aus überschauen und zählen konnte.

Als hätten sie es aber darauf angelegt den ehrwürdigen Geistlichen, ehe sie ihn plünderten, durch Schreck zu martern, begannen sie langsamer zu reiten als der Wald zu Ende ging, gleich wie bereit ihn hier zum zweiten Male zu erwarten. Aber der Kammerdiener hatte die seinem Herrn abgehende Besonnenheit wieder gewonnen. Er schloß aus dem Benehmen der Reiter, daß ihnen der Muth abgehe, oder sie doch in ihrem Vorsatz schwankend seien, deshalb befahl er den Vorreitern und Dienern auf ihrer Hut zu sein, dem Kutscher aber, sobald der Wagen sich den verdächtigen Männern nähere, aus Leibes Kräften die Pferde anzupeitschen. Der Boden wurde fester. Sir Alexander sah, wie der Anführer dieser Helden der Straße sein Pferd rechts umwandte und wie die Blicke seiner Schaar nur auf seinen Wink wartend sich nach ihm richtend, als der Kutscher den Pferden die Wucht seines Armes fühlen ließ. Zwei Vorreiter hielten sich an dem Wagenschlage, und die Karosse rollte vorüber. Der Wald lichtete sich und der gerettete Dechant sah sich auf freiem Felde, er sah rechts und links einen Kirchthurm ihn anblicken, sah Feldarbeiter in errufbarer Ferne, und die Wegelagerer waren weit zurückgeblieben, ohne einmal ihre Pistolen nach den Flüchtigen abgefeuert zu haben.

Miß Anna war während der letzten Auftritte eine gleichgültigere Zuschauerin geworden. Sie hatte den nicht unter den Räubern erblickt, dessen Anblick ihr unter diesen Umständen der furchtbarste gewesen wäre, die andere Gefahr dünkte ihr unbedeutend. Aber der unglückliche Dechant war auf dieser Reise einmal zu allerhand Kränkungen ausersehen. Denn das nächste Wirthshaus, in welchem die einbrechende Nacht und die Ermüdung der Pferde ihn einzukehren zwang, gehörte dem herben Manne, der an dem prälatischen Silber seiner Kutsche schon oft sein Aergerniß genommen, und, wie Miß Anna meinte, es den Rossen entgelten ließ, daß sie einem Dechanten angehörten, wenn er ihnen grimmigen Blickes den Tränkeimer vorsetzte.

Durch das gedrängt volle Zimmer ging es zu der kleinen einem Hühnerstieg ähnlichen Treppe, die nach der einzigen, zur abgesonderten Benutzung für Fremde höheren Standes eingerichteten Erkerstube führte. Der Dechant, der es niemals geliebt, unter den Bürgern und Pächtern, die hier als Gäste sich zu versammeln pflegten, zu verweilen, blieb doch diesmal horchend an der Treppe stehn, als ein Hausirer, dessen Gesicht uns schon bekannt ist, verschiedene Königliche Placate auskramte und den Neugierigen vorlas und erklärte. Es war jener selbe Handelsmann, der einst, als der junge Fletcher hier auf dem Wege nach London eingekehrt war, die Schreckensbotschaft von dem Eingriff in die Rechte der Corporationen auskramte, und dadurch den Eifer der ganzen protestantischen Versammlung entflammte. Heut war seine Botschaft anderer Art. Es war die schottische Indulgenz, nach welcher König Jacob, den bestehenden Gesetzen entgegen, im nördlichen Königreiche alle Verordnungen gegen die Presbyterianer aufhob und ihnen erlaubte ihre Kirchen zu besuchen, ihren Predigern die Kanzeln zu besteigen und die bürgerlichen Aemter einzunehmen, von welchen ihre Glaubensgenossen durch die strengsten Edicte ausgeschlossen waren.

»Ist das nicht eine große Gnade!« sagte der Hausirer seine Blicke rund umher richtend. »Und das hat der König alles ohne das Parlament gethan, und ist noch dazu ein katholischer König. Was wird er nun erst hier thun in England, wo er ganz ohne Parlament regieren will.«

Auf den Gesichtern der Anwesenden war kein Beifall zu lesen. Zeit und bittere Erfahrung hatten auch die unbändigsten Geister unter den alten Männern des Volkes gelehrt Freude und Ingrimm zu verbergen. Sie fragten nur, ob da kein Nachsatz stehe, und diese Frage drückte schon den Zweifel an der günstigen Gesinnung des Königs aus.

»Freilich steht noch dahinter was,« sagte der Krämer, »das geht Euch aber nichts an. Es heißt: Ferner suspendiren, hemmen und entkräftigen wir, nach Bestimmung unseres Geheimerathes, vermöge unserer souveränen Autorität, Königlichen Prärogative und absoluten Macht alle Gesetze und Parlamentsakten gegen unsere römisch-katholischen Unterthanen, genannt Papisten, machen sie fähig zu allen Diensten und entkräftigen alle dagegen geleisteten Eide.«

Die ruhige Gleichgültigkeit, mit welcher der Hausirer dies vorlas, machte eine größere Wirkung, als wenn ein Volksredner dieses Document einer offenen Verletzung der alten Rechte mit begeisterten Exclamationen vorgetragen hätte. Manche Faust ballte sich, man biß die Lippen zusammen, und eine Verwünschung entstieg hie und da der gepreßten Brust.

»Seid nicht unklug Leute,« sagte der Hausirer, indem er das Papier ruhig zusammenlegte, »das trifft nicht Eure Haut. Das ist ja das große Indulgenzgesetz, wonach Ihr unter dem vorigen Könige umsonst Eure Kehlen wund geschrieen. Nun wird es uns geschenkt wie ein Almosen, ohne daß wir darum bitten in den Mund geworfen, und das Volk sperrt das Maul auf, und weiß nicht was es dazu sagen soll.«

»Also so offenkundig steht das dort gedruckt?« sagte Jemand, »und in Schottland wollen sie den Papst auf den Thron setzen, den Wunden aller Märtyrer zum Trotz? Und darum kriegen die Nonconformisten Glaubensfreiheit, damit die Babylonier frei umherstolziren können?«

»Wollt Ihr Narren bleiben,« rief der Hausirer, »aus dem Brunnen nicht zu trinken, wenn Ihr verdurstet, weil Euer Erbfeind auch daraus schöpft. Gott erhalte König Jacob, denn es ist ein vortrefflicher König, und nicht allein ein vortrefflicher König, sondern auch ein sehr schlauer König, und auch ein sehr vernünftiger König. Wie kurz hat er die protestantischen Secten gehalten, wie hat er sie gestriegelt, wie hat er den Männern der hohen Kirche freie Jagd auf sie gelassen, daß sie sich verkriechen mußten an der Welt Ende, wo die Sonne untergeht, und nun, wo sie froh waren ihr Leben zu behalten, kriegen sie obendrein Glaubensfreiheit.« –

»Und das um nichts anders,« sagte ein alter Mann, »als damit er seine Jesuiten aus ihren Schlupfwinkeln hervorziehn kann. Wie schon sein Beichtvater, daß Gott erbarm, der Vater Peter in den Geheimerath gekommen ist.«

»Still, still!« ermahnte der Hausirer. »Der Vater Peter ist ein frommer Mann und ein sehr mächtiger Mann, und es war ihm nie darum zu thun Puritaner und Antibaptisten und Quäker zu schinden, er bat immer nur für Papisten beim Könige. Ich würde nie gegen ihn sprechen, und nie gegen die frommen Jesuiten, die sich jetzt Kapellchen bauen, kleine, kleine Kapellchen in dem großen London, so bescheiden, und sind doch so mächtige Männer! Bedenkt doch, es kostete ja dem Könige gar nichts, wenn er sagte: Ihr sollt in die Paulskirche ziehn, und wer weiß es kommt auch dazu.« –

Da der schlaue Mann hier mit einem bedenklichen Gesichte inne hielt, mußte die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer nur noch mehr gereizt werden. Man drängte sich um ihn, in der Erwartung, er werde unerhörte Dinge berichten, Lower aber fragte nach seiner Zeche als wolle er die Schenke verlassen. »Was wißt Ihr?« »Was wird es denn geben?« – »Was kommt denn?« rief man durcheinander. Er schnallte sein Ränzel langsamer zusammen.

»Was es geben wird, du lieber Gott ich weiß es nicht, mir vertrauen's die Geheimen Räthe nicht, ich bin nicht katholisch. Aber Kinder, das sage ich Euch, wenn die Nichtconformisten jetzt politisch wären, so kriegten sie Oberwasser.« – Leiser flüsterte er, einige der Gäste näher an sich heranziehend: »Die Herren von der hohen Kirche sind lange genug mit dem Strome geschwommen, sie haben ihren Lohn weg, und daß der König ihrer überdrüßig ist, ist klar wie das Sonnenlicht. Sie mochten wohl lospeitschen auf Euch, aber nun da es gilt sich selbst bücken und beugen, stehn sie stramm da, daß es ein wahres Aergerniß ist für solchen frommen König. Wer mag auch gern seine fetten Pfründen verlieren, daß sie ein Bettelmönch aus Italien aufschnappt! Greift Ihr zu Leute und Ihr kriegt Eure grausamen Feinde herunter, wie schon jetzt die Quäker am Hofe lieb Kind sind.«

Der alte Mann schüttelte den Kopf: »Das sind des Satans Werke, daß er Uneinigkeit aussät. Haltet zusammen, wer protestantisch ist; so kann der Erbfeind aus Rom niemals einbrechen.«

Es schienen nicht alle einer Meinung zu sein. Die erlittenen Bedrückungen hatten unter den meisten Presbyterianern einen Eindruck hinterlassen, welcher sie geneigter machte den Einflüsterungen der Rache gegen die Gehör zugeben, welche die Dienste freiwilliger Büttel vertraten, als mit freierem Geiste den Quell zu suchen, aus dem alle diese Unterdrückungen hervorgingen. So meinte der Wirth und blickte dabei nach dem Dechanten um, der schon auf der obersten Treppenstufe stand, es könne nichts schaden, wenn die Uebermüthigen den Schmachtriem der Demuth kennen lernten, die sie ihren Gegnern so oft gepredigt hätten.

»Sie werden ihn kennen lernen,« rief Lower schlauen Blickes, »eben ist allen Geistlichen der Befehl zugefertigt, die Indulgenz von den Kanzeln abzulesen; sie sträuben sich; aber, wer nicht gehorcht, wird abgesetzt, wie die zweitausend presbyterianischen Prediger, die im Mondschein ihr Brod betteln mußten. Der Doctor Sharp in London hat dagegen gesprochen von der Kanzel herab; da ist dem Bischof befohlen worden, ihn zu strafen, weil der ihn aber losgesprochen hat, ist gar der Londoner Bischof selbst dispensirt worden. Und das geht weiter.«

Weiter aber mochte oder konnte der Dechant das Gespräch nicht mit anhören. Schon war ihm vieles von den Irrungen zwischen dem Könige und den Häuptern der Anglicanischen Kirche, die einst zu seinen Gunsten ihren ganzen Einfluß verwendet, zu Ohren gekommen; der friedliche Mann wollte indessen nicht daran glauben, oder die Hoffnung, die ihm entgegen strahlte, machte ihn taub gegen die Einflüsterungen von Gefahr für seine Kirche. Wenig Erbauliches bot ihm deshalb eine Flugschrift über das Thema des Tages, welche er im Zimmer vorfand. Sie betraf den Rechtshandel des Sir Edward Hales, Jacobs Liebling, eines eifrigen Convertirten, welcher von seinem Kutscher denuncirt worden, der Testakte entgegen, in seinem Amte als Katholik geblieben zu sein. Der ganze Handel, dessenwillen Englands Rechtsgelehrte Folianten schrieben, war eine Komödie; man hatte die protestantisch gesinnten Richter entfernt und der von dem Verklagten selbst angestellte Kläger war nach heftigen Verhandlungen abgewiesen worden. Dieser an sich unbedeutende Prozeß sollte nur aller Welt die Macht des Königs zeigen, von dem Testeide zu dispensiren. So günstig auch der Fall vor Gericht für die Krone ausgefallen war, setzte er doch das ganze Land in Erstaunen und Schrecken; man sah das Bollwerk der Kirche untergraben, indem, wo der König einmal ungestraft dispensirte, er dies so oft wiederholen konnte bis das Grundgesetz umgestoßen war. Der unterwürfigen Stimmung unerachtet flogen Pamphlets über Pamphlets ins Land und häufig strebten die früher für den passiven Gehorsam mit Leidenschaft gefochten hatten, jetzt als Märtyrer für die leidende anglikanische Kirche aufzutreten.

Sir Alexander warf unwillig die Schrift hinweg und durchmaß das kleine Zimmer mit schnellen Schritten. Er hörte darüber nicht, daß im Hofe und dem großen Flurzimmer das Geräusch durch die Ankunft vieler Gäste sich vermehrte. Er war zu dem Entschluß gediehen, von dem ärgerlichen Zwiste keine Notiz zu nehmen, und dem Könige seine unbedingte Ergebenheit zu versichern, da er in der That nie von Herzen zu den verfolgungssüchtigen Mitgliedern seiner Kirche gehört hatte, überdies die Fortdauer des geliebten Friedens nur dann zu erwarten stand, wenn der Strom der königlichen Autorität ohne an eine Opposition zu stoßen, ruhig fortfließen konnte. Anna betrachtete mit Erstaunen die ungewohnte Heftigkeit, welche sich in den Gesten ihres Oheims aussprach, als sich plötzlich die Thür öffnete und der Wirth, wie es schien, eine ganze Schaar reisiger Gäste hinter sich, hereinblickte, dann aber wieder umwandte.

»Belieben Gnaden hier einzutreten. Zwar nur ein kleines Zimmer, aber das beste in meinem schlechten Hause, das durch jeden Ehrenmann, der beim reinen protestantischen Glauben bleibt, geehrt wird.« Dann zum Dechanten gewendet, äußerte er in weit leichterem Tone als gewöhnlich. »Euer Ehrwürden kann ich heute das Zimmer nicht überlassen, sintemalen ich es Seiner Gnaden zugesagt habe. Bitte daher zu uns herunter zu kommen.«

»Wie! früher schon Andern zugesagt,« fuhr der Dechant den dreisten Schenkwirth an, »und doch kein Wort davon fallen lassen als ich eintrat?«

»Nicht früher Ehrwürden, denn Seine Gnaden sind so eben erst mit ihrer Suite ins Haus geritten.«

Sir Alexander liebte nicht in Zorn zu gerathen; war aber diese Abneigung einmal überwunden und Leib und Seele aus dem behaglichen Organismus in die unregelmäßigere Bewegung des Affectes versetzt, rächte sich die Natur für die lange Entbehrung. Ein solcher Moment war jetzt eingetreten. Der Aerger über die lang währende Angst vor dem Anfall im Walde, die peinlichen dabei aufsteigenden Rückerinnerungen, die Zweifel hinsichts der Zukunft, das Pamphlet, aller dieser Zunder fing durch die Unverschämtheit des Wirthes Feuer. In einer für Anglicaner und Presbyterianer gleich verständlichen Sprache ergoß er seinen Unwillen, als jetzt der neue Gast vom Schein des Kerzenlichtes im Arme des Wirthes beleuchtet, hereintrat. Das Anathema verstummte im Munde des Dechanten, er fuhr einige Schritte zurück. Es war der Räuberanführer aus dem Walde, und hinter ihm blickten dieselben verdächtigen Gesichter, welche zwischen den Kieferstämmen gelächelt hatten, in's Zimmer.

»Unverschämter!« fuhr er indessen schon nach dem ersten Moment der Ueberraschung den Wirth an, denn noch war die Entrüstung so groß, daß die Furcht verstummen mußte, »und wen unterfangt Ihr Euch in dies Zimmer zu führen?«

»Seine Excellenz, Herrn Dykvelt, Gesandten der hochmögenden Generalstaaten,« sagte der Wirth, »dem doch Euer Ehrwürden ohne Bedenken Platz machen werden.«

»Dieser Anführer von Wegelagerern der holländische Gesandte?« schrie Sir Alexander.

»Der um unserer Religion willen herkommt,« sagte jener nicht ohne Stolz auf den Gast sich in die Brust werfend.

Dykvelt zog jetzt den Hut vom Kopfe und verneigte sich tiefer vor dem Dechanten, als es sein Stand oder die Sitte des Hofmanns, als der er sich später kund gab, erforderte.

»Verhüte der Himmel,« sagte er, »daß ich irgend Jemand, am allerwenigsten einen Vertheidiger der anglicanischen Kirche wie Sir Alexander Tennison um sein Nachtquartier beraube. Ich danke vielmehr der Vorsehung, die mich ihn hier antreffen läßt, nachdem ein neidisches Fatum wollte, daß sein Wagen schneller fuhr als unsre Pferde ritten.«

Der Grund der Besorgniß war für den Geistlichen verschwunden, den Platz der Furcht nahm aber jetzt das Gefühl der Scham ein, welche, statt Versöhnung zu predigen, den Zorn nur noch mehr entflammte. Während er ihn indessen nur gegen den Wirth ausließ, fuhr der gelassene Holländer fort.

»Da ich im Namen meines Herrn, des Erbstatthalters, dieses gläubige Inselreich betrete, feierlich gegen alle Bedrückungen des englischen Clerus zu protestiren, wird es mir doch nicht selbst einfallen einen würdigen Geistlichen, der ein Licht ist unter der anglicanischen Kirche, zu bedrücken.«

Späterhin versicherte Sir Alexander, während dieser Rede des Abgesandten ein Lächeln um dessen Mundwinkel bemerkt zu haben, das sich nicht mit der Aufrichtigkeit seiner Rede gepaart hatte. Damit wenigstens entschuldigte der Prälat bei sich sein Benehmen, ob er schon gegen Andere äußerte, er möchte sich bei dem ungewissen Kerzenlichte getäuscht haben. Gewiß ist, daß er das Reisebarett aufsetzte, sich aufrichtete, in die Brust warf und dem holländischen Minister entgegnete:

»Es wäre besser für dies Königreich, es gäbe keine Generalstaaten, keinen Erbstatthalter und keinen Ambassadeur, wenn die Gesandten herüberkommen gegen unsern geistlichen Frieden zu protestiren, sich zu mischen in Dinge, die sie nichts angehn, und wie Räuber auf den Straßen zu lagern.«

Er rief nun mit lauter Stimme zu seinen Leuten hinunter die Pferde anzuspannen. Der Holländer verstummte noch nicht.

»Euer Hochwürden werfen mir Dinge vor, an denen ich ganz unschuldig bin. Im Namen des Prinzen von Oranien, des protestantischen Thronfolgers« –

»Der einzigen Hoffnung dieses Reiches!« fiel der Wirth ein.

»Komme ich,« fuhr Dykvelt fort, »gegen die Suspension der Testakte zu protestiren; ich komme allen würdigen Geistlichen Ihrer Kirche zu versichern, wie er nie in die Kränkungen willigen kann, welche seines Schwiegervaters unüberlegter Eifer ihnen bereitet.« –

»Wollen Euer Ehrwürden noch in der Nacht fort?« fragte der Wirth dazwischen, als er den Dechanten, unachtsam auf die Rede des Gesandten, bereit sah das Zimmer zu verlassen.

»Es verträgt sich für keinen Diener der hohen Kirche, sein Unterkommen unter dem Dache zu suchen, wo Emissäre der Arminianer und Prädestinatisten gefeiert werden.«

Alle Vorstellungen des Fremden vermochten nichts über den Aufgebrachten. Mit der Nichte am Arme eilte er die Treppe hinab, und schien kaum wieder zur Ruhe zu kommen, als er befahl, das Kutschenfenster niederzulassen, um die Kühlung der Nachtluft einzuathmen.

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