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Schloß Avalon. Dritter Band

Willibald Alexis: Schloß Avalon. Dritter Band - Kapitel 14
Quellenangabe
authorWillibald Alexis
titleSchloß Avalon. Dritter Band
publisherF. A. Brockhaus
year1827
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20180307
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Dreizehntes Capitel.

Gleichen, sprach der Cid, die Kinder,
Die um das, was glänzt nur seufzen,
Gleichen sie nicht Königen?
Weiber, Könige und Kinder,
Eben ihrer Schwachheit wegen
Werden sie uns achtungswerth:
Denn der Schwachheit nachzugeben
Ist des Starken Pflicht.

El poëma del Cid.

 

In dem Schlosse zu Salisbury, saß König Jacob, ein Bild der Vernichtung, das auch dem Unbarmherzigsten einen mitleidigen Antheil erpreßt hätte. Bis hierher war er gekommen, noch immer von dem eiteln Vertrauen auf die Unantastbarkeit seiner königlichen Würde begleitet. Eine bedeutende Armee war ihm zu Wagen und zu Pferde in Eilmärschen gefolgt; er hielt Reden an sie, würdig der Zeit wo seine Macht am höchsten stand, man jauchzte ihm zu, die Officiere erschienen vor ihrem königlichen Befehlshaber mit allen Zeichen der Unterwürfigkeit, die er so sehr liebte, und doch brachte jede Stunde neue Nachrichten von dem Uebergange einiger bedeutenden Männer, auf die er das größte Vertrauen gesetzt hatte. In diesem Augenblicke verrieth er ganz den Kleinmuth der wohl erklärlich bei einem Manne ist, welcher von solcher Höhe in der eignen Meinung, gestürzt war, während er im nächsten, vom Schamgefühl darüber gepeinigt, den alten Stolz um so mehr leuchten ließ. Denselben Charakter trugen Jacobs letzte Verordnungen. Jetzt um Vergebung bittend, ja zurückrufend Alles was er gethan, athmete seine nächste Verordnung den unbeugsamen Ingrimm des Despotismus.

Er kam von einer Musterung des Heeres zurück; die famose Ballade Lilliburlero, zum Spott des Papstes gedichtet, war sogar, während er durch ihre Reihen ritt, von den Soldaten gesungen worden; er hatte in der Ferne gehört, wie eine übergehende Compagnie Oranien ein Lebehoch brachte. Heimkehrend waren ihm dieselben Bischöfe, die er einst aus nichtigem Grunde einsperren und jetzt rufen lassen, daß sie gegen die Invasion predigen sollten, begegnet. Die sich einst gegen den drohenden Despoten stark gezeigt hatten, waren jetzt stolz gegen den bittenden König. Jede Erklärung verweigernd bis der König alle Beschwerden abstellen würde, hatten sie trostlos den gebeugten Monarchen verlassen, für dessen Heil und Macht, gerade in der Ausdehnung wie sie ihm den Untergang zuzog, sie einst zum Himmel gebetet und ihre Federn mit aller Gelehrsamkeit gewaffnet hatten.

So gab der König, wie er allein in der Mitte des weiten Saales saß, ein Bild trauriger Verlassenheit ab. In Winkeln und Fensternischen besprachen sich seine Generale und Hofmänner; man lächelte, man blickte beziehungsvoll auf den Fürsten. Jacob, erschöpft vom Ritte und niedergeschlagen von dem kaum erlebten Vorfalle, forderte etwas Wein und Weißbrot, während die Augen umherschweiften, auf den Gesichtern zu lesen, wie viele ihm treu bleiben würden? Mit unverhohlner Freude im Gesichte, spatzierten in einer offenen Gallerie Sunderland, Churchill und Godolphin Arm in Arm. Der König, der sie mehrmals, wenn sie vorüber gingen, scharf angesehen, ohne daß sie sich stören ließen, mußte Sir Edward Hales abschicken, um zu erfahren, was sie in diesem Augenblick der Rathlosigkeit so lustig stimme?

»Sir!« sagte Sunderland herantretend. »Wir entbehren eines würdigen Mannes, der uns in diesen Zeiten des Zweifels den besten Trost gewähren konnte; Vater Peter –«

»Ging zu Oranien über?« fiel Jacob aufspringend, ihm ins Wort.

»Bis jetzt noch nicht. Der ehrwürdige Herr hat sich heimlich auf und davon gemacht, vermuthlich nach Frankreich.«

»Er zeigte von je einen feigen Charakter,« sagte der König.

»Entwich doch auch der heilige Peter von Amiens« entgegnete Sunderland beschönigend, »im Augenblick der Gefahr und mußte eingeholt werden, ohne daß man dem heiligen Manne den Vorwurf der Feigheit gemacht hätte. Ob man ihm nachsetzen läßt?«

Der König machte eine abwehrende Bewegung, indessen Sunderland Godolphin zuflüsterte: »Er bestellt vielleicht Quartier für seine Beichtkinder drüben.«

Es war eine Versammlung angeordnet, in einem außerordentlichen Staatsrathe die dringendsten Maasregeln zu berathen; allein die Hiobsposten, welche sich überliefen, machten jeden Beschluß unmöglich. Wie im Süden und Westen Oranien, schritt die Rebellion im Norden vor. Lord Danby, ward gemeldet, hatte ganz York zum Aufstande bewogen. Daß der Graf von Devonshire, Lord Delamere, Colchester, der Herzog von Sommerset gerüstet für den protestantischen Thronfolger aufstanden, konnte den König von eifrigen Whigs oder durch ihn Gekränkten nicht verwundern; wenn er aber hörte, daß selbst der Graf von Bath, ein Heros der Restauration, sich für Oranien erklärt, so durfte der Unglückliche erstaunen, wären nicht die nächsten Umstände von der Art gewesen, daß er noch schmerzlicher aus seiner Verblendung herausgerissen werden sollte.

Er hatte eine Größe des Charakters und ein edles Vertrauen gezeigt, als er den Vorschlag des französischen Gesandten abgelehnt, Französische, ihm von Ludwig angebotene, Truppen nach England zu ziehen. Als er nach so viel Trauernachrichten sich wieder ermattet in den Stuhl werfend ausrief: »Wenn diese mich verlassen, wer kämpft noch für mich?« wagte Sunderland ihn zu versichern: Ludwig sei noch immer bereit dreißig Tausend Franzosen über den Kanal zu setzen. Aber selbst in diesem Augenblicke gänzlicher Niedergeschlagenheit erwiederte Jacob:

»Ich will nicht König der Engländer durch französische Bajonette sein.«

Und doch verrieth er neben Aeußerungen einer heroischen Gesinnung, würdig des weisesten Regenten, Spuren eines Schwachsinns, der an das kindische Greisenalter erinnerte. Die eine Idee, der er das Leben gewidmet hatte, war gesunken: er tappte nun, wie ohne Kenntniß des Lebens und der Welt, umher und ohne zu wissen, woran sich halten, griff er nach schwankenden Trümmern, nach dem Schatten der Dinge. So fragte er jetzt den Obersten Kirk so dringend, als hänge davon Thron und Leben ab, ob er nicht katholisch werden wolle, worauf Kirk, ohne die Lage seines Königs zu bedenken, entgegnete:

»Sire, mit dem größten Vergnügen, hätte ich nicht, als ich in Tanger commandirte, dem Kaiser von Marocco versprechen müssen, wenn ich einmal changirte, Mahomedaner zu werden.«

Der König ging noch weiter, er suchte den rauhen Obersten zu versichern, daß die königliche Sache in Gottes Händen stehe, und das in einem Augenblicke, wo Jedermann den Untergang dieser Sache vor Augen sah.

»So erinnere ich mich,« sagte er, »als ich in meiner Jugend unter der königlichen Armee in Frankreich diente, und uns gegenüber die Rebellen der Fronde, – aber Rebellen unter dem Befehle wirklicher königlicher Prinzen von Geblüt und des höchsten Adels – damals als die Barrieren von Paris gestürmt wurden, eines merkwürdigen Vorfalls. Ein gewisser Monsieur de Flamarin, ein sehr artiger Edelmann und wackerer Ritter, den aber auch der Ehrgeiz zu den Rebellen geführt, hatte eine sogenannte Kartenlegerin nach seinem Schicksal befragt und diese ihm geweissagt, er werde sterben la corde au col. Man lachte damals viel darüber am Hofe, weil es in Frankreich durchaus nicht Sitte ist, einen Edelmann zu henken. Allein an jenem blutigen Tage der Barrieren, wo sich die Loyalität und der Muth des französischen Adels bewunderungswürdig zeigte, versprengte sich der Monsieur de Flamarin zu weit in die Gassen von Paris und stürzte vom Pferde, als die Condeschen sich zurückziehen mußten. Die Königlichen in den Häusern wagten es aber auch nicht herauszukommen, weil die Cavaliere jeden Augenblick wieder vorpreschen konnten. Da sahen zwei Lanzenknechte den von Flamarin, wie er umsonst arbeitete, sich in dem schweren Harnisch aufzurichten, und da sie nach dem reichen Fange lüstern waren und sonst nicht wußten, wie dazukommen, warfen diese nichtsnutzigen Knechte eine Schlinge nach seinem Kopf, und während ihm Niemand auf der leeren Straße beispringen kann, ziehn sie ihn zu sich ins Haus, wobei der Herr von Flamarin kläglich und in der That mit einem Strick um den Hals umkam. Es gab nachher viel Gerede davon in allen Abendcirkeln und die Damen und Herrn bedauerten allgemein, daß ein so galanter Ritter so nichtswürdig erwürgt werden mußte. So steht der Ausgang in Gottes Hand und der da bestimmt hat, daß ich zum Könige sollte geboren werden, um ein glorreiches Werk für die Insel auszurichten, wird mir die Hand nicht erlahmen lassen mitten darin.«

Indem tönte von der Gasse die erwähnte Lilliburlero-Ballade herauf. Es waren Musketiere, welche unter des Königs Fenstern, wie es schien mit verstärkter Stimme folgende, die Hoffnungen der Irländer parodirende Verse sangen.

Herzbrüderchen hörtest du schon beim Gewehr
   Lilliburlero bullen a la
   Lero, Lero, lilli burlero, lero lero, bullen a la. ::
Daß wir kriegen 'nen kreuznagelneuen Commandeur.
   Lilliburlero &c.
Beim heiligen Galgen, das ist der Talbot.
   Lilliburlero &c.
Der schneidet alle englische Kehlen capot
   Lilliburlero &c.
Ja kommt nur vom Papste die Dispensation,
   Lilliburlero &c.
So hängen wir die Magna Charte in eigner Person,
   Lilliburlero &c.
Und wer nun nicht will in die Messe spatzieren,
   Lilliburlero &c.
Den wollen wir just wie 'nen Esel tractiren.
   Lilliburlero &c.
Man thät eine alte Prophezeihung ausspüren,
   Lilliburlero &c.
Ein Esel und ein Hund sollt' über Irland regieren.
   Lilliburlero &c.
Und jetzo triffts ein nun; stoß an mit dem Gläsel:
   Lilliburlero &c.
Denn Talbot ist der Hund und Jacob der Esel.
   Lilliburlero. &c.

Der offenbare Hohn darin, reizte den König, er fragte nach den Officieren, Feversham zuckte die Achseln und wies auf Kirk; dieser holte eine Schrift heraus, in welcher dreißig Officiere der Garde es mit ihrer Pflicht für unverträglich erklärten gegen den protestantischen Thronfolger zu fechten und deshalb um ihre Entlassung baten. Jacob durchflog das Blatt, zuckte die Lippen und rief nach Churchill. Man suchte nach ihm vergebens im Schlosse. Der König begnügte sich damit nicht; Boten nach seinem Quartier gesandt, brachten die Nachricht, daß der Lord vor einer halben Stunde das Thor im Reisewagen verlassen. Die Anordnungen, die er zu Hause getroffen, ließen keinen Zweifel, daß er seinen Weg zu Oranien genommen.

Jacob blieb mehrere Minuten sprachlos: »Diesen nährte ich auch mit königlicher Gunst! Satt der Nahrung flieht er um den Dank zu sparen,« rief er mit noch gepreßter Stimme und blickte scheu umher. Die Versammelten schienen nicht minder betroffen, dann hub der Fürst an, indem seine Stimme immer lauter wurde:

»Wer ist noch mit ihm einverstanden? wer will auf seinen König den nächsten Schlag thun? Churchill handelte nicht allein. Einer tritt nach dem andern ab, wie in einem wohl gelernten Schauspiele wenn das Stichwort kommt. Weshalb das Possenspiel? Tretet Alle zusammen auf, wie Viele gegen den Einen! Ist da Furcht nöthig; wozu List, Verstellung? – Die Larven ab von den Demuth heuchelnden Gesichtern, zieht Eure Dolche oder sucht mich lebendig zu ergreifen. Glaubt nicht, die Ihr mitleidige Seelen habt und einen halben Anstrich von Scham und loyalem Sinne, mir zu nutzen, oder mich zur Nachgiebigkeit oder zum Bessern zu bekehren. Ich will stehn, wie ich gestanden und nie mich beugen vor denen, die vor mir knieen müssen. Und bin ich bestimmt zum Märtyrer, für den hohen Dienst, zu dem mich eine unwissende Nonne in Paris weihete, will ich die Himmels-Palme nicht verringern, indem ich nur einen Schritt breit weiche vom Wege. Ich bin ein Stuart und gehe nicht ab von ihrem Grundsatze: Was ein König begonnen, muß er auch vollenden.«

Er schritt heftig auf und ab, als zwei Adjutanten, mit zwei neuen Schreckensbotschaften auf dem Gesichte eintraten. Der König redete den ersten an: »Heraus! Ist ein Erdbeben in London? Versank der Palast von Whitehall?«

»Sir!« sagte der Adjutant, »ich komme zu melden, daß Euer Majestät Schwiegersohn Prinz Georg von Dänemark das Lager verlassen, um seinem Schwager von Oranien aufzuwarten.«

Die Antwort des Königs klang komisch, und erst eine Nachricht aus Jacobs eigenen, jetzt hundert sieben und zwanzig Jahr nach dieser Begebenheit und längst nach dem Erlöschen der Stuarts herausgekommenen Tagebüchern, giebt uns eine Erklärung über den Zusammenhang.

»Est il possible?« sagte er, starr dem Meldenden ins Gesicht blickend, ohne daß die in Frageform gestellte Antwort als verstärkter Ausdruck des Erstaunens gelten konnte. Prinz Georg, der Gemahl der Prinzessin Anna, ein Mann von indolentem Charakter, hatte seinen Schwiegervater bis Salisbury begleitet, und so oft eine neue Botschaft von dem Abfall eines Großen einlief, mit dem er in Whitehall Karten gespielt, ohne von ihm in das Geheimniß eines so kühnen Schrittes eingeweiht zu sein, ausgerufen: Est il possible? Daher konnte die Mehrzahl lachen als Jacob langsam hinzusetzte: »Also auch Monsieur Est il possible fort?«

Als aber der König nun auf den zweiten Boten mit dem Finger wies, andeutend er solle sprechen, und dieser stotternd die Nachricht vorbrachte, daß auch Prinzessin Anna mit Lady Churchill und Mistris Berkley London heimlich verlassen, wie es heiße aus Furcht vor der katholischen Wuth ihres Vaters, wich der Scherz dem fürchterlichsten Ernste. Der König leichenblaß sank zurück und stützte sich auf Sir Edward Hales, der ihn in den Armsessel führen mußte. Mit beiden Händen verbarg er sein Gesicht und es währte mehrere peinliche Minuten, ehe er tiefaufseufzend sprach:

»Es war mein liebstes Kind, das habe ich nicht verdient. »O hätten meine Feinde allein mich verflucht, das hätte ich ertragen!« –

Er faltete die Hände wie zum Gebet, aber seine Worte, halb Anrede, halb Selbstgespräch verriethen, daß er nicht vermochte zu beten. Die Thränen stürzten ihm aus den Augen, der stolze König erklärte sich für den unglückseligsten Mann.

»Bin ich denn ein Nero,« klagte er, »ein Domitian? Was habe ich denn gesündigt, daß meine Kinder mich verlassen wie ein scheusliches Ungeheuer, wie einen Verfluchten? – Ich war ihnen immer ein liebreicher Vater, ich war immer ein treuer Freund. Vor den ewigen Richter fordere ich sie, zu erklären, ob ich ihnen je eine Bitte abschlug, einen bösen Blick ihnen zuwarf. Ich mußte ringen mit bösen Schlangen und Ungeheuern, aber es geschah, nächst Gott, für sie.« Abermals drückte er den Kopf in die Hände, bis er fortfuhr: »Warum? Warum? Es war doch eine gute Sache, die heiligste auf Erden und im Himmel. Herr, deine Wege sind unerforschlich. Ging ich denn um Eigennutz willen, oder aus Eitelkeit daran? Nein ich habe mich auf meinen Knieen geprüft, und die Heilige rief es mir in dreien Nächten zu. Bin ich darum verflucht, weil ich Kräfte und Glück sorglos daran setzte, meinen Unterthanen die Seeligkeit zu erwerben? drohte mir nicht die Heilige, ich habe es zu verantworten, wenn die Millionen Seelen in ewiger Verdammniß schmachteten.«

Er würde noch weiter, unbekümmert um die Anwesenheit so vieler Zuschauer, welchen vielleicht die Verzweiflung des Königs zur Augenweide gereichte, in dem klagenden Selbstgespräch fortgefahren sein, hätte nicht der letzt meldende Adjutant durch seine Bewegungen angedeutet, wie seine Botschaft noch nicht zu Ende sei.

»Dein Wermuthkelch noch nicht ausgeschüttet?« rief der unglückliche Monarch. »Heraus denn mit den letzten Tropfen.«

»Sire, als der Bote London verließ, verbreitete sich das frevelhafte Gerücht, Euer Majestät hätten die Prinzessin Anna, ihrer Anhänglichkeit am protestantischen Glauben willen umbringen lassen, und man fürchtete Alles von der blinden Wuth des Pöbels.«

»Mein eigen Kind!« rief der König aufspringend. »Sie trauen mir zu, mein eignes Kind zu ermorden! So peitscht zu, ihr Furien des Aufruhrs, gegen alle Gesetze der Natur. Wenn meine liebste Tochter mich im Unglück verlassen kann, warum soll ein Vater nicht auch seine Tochter in der Wuth umgebracht haben? – Die Königin! Allmächtiger! die Königin unter dem wüthenden Pöbel und keine treue Seele sie zu schützen.«

»Der Ritter Loscelyne,« meldete ein Kammerherr.

»Nach London!« rief der König dem eintretenden Raleigh entgegen. »Nach London eilt, schützt die Königin vor den Empörern; der heiligste Auftrag, den je ein König gegeben. Aufs Pferd, öffnet Eure Lippen nicht, denn ich brauche keine neuen Unglücksbotschaften.«

Raleigh verneigte sich tief und schweigend. In seinen Mienen konnte man einen Dank für den ertheilten Auftrag lesen. Doch blieb er an der Thüre noch einmal stehen zum Könige sprechend:

»Sir! ich darf Sie, um solche Pflicht zu erfüllen, mit Ruhe verlassen, denn Ihre Person wird wenigstens den Verräthern heilig bleiben.«

Indem er diese beruhigenden Worte sprach, dachte er nicht, daß sie auf Jacob eine ganz andre Wirkung haben würden; denn, kaum daß Raleigh die Londoner Straße eingeschlagen, stiegen in dem unglücklichen Könige die Zweifel auf, die ihn zuerst zum Rückzuge nach London, dann zur Auflösung des Heeres und endlich zu dem thörigen Schritte verleiteten, der ihm unwiederbringlich die Krone kostete. Die Furcht den Feinden ausgeliefert zu werden, die Furcht für sein Leben überkam ihn, gerechtfertigt, wenn er an das Schicksal seines Vaters Karl dachte; aber thörig, wenn er bedachte, daß er nicht in die Hände eines fanatischen Demagogen, sondern in die eines Oranien fallen konnte, noch thöriger, hätte er so viel Besinnung behalten zu erkennen, daß er den Feinden keinen größeren Dienst leisten konnte, als durch seine Flucht.

Der ehrwürdige Münster von Salisbury streckte seine Thürme empor in den grauen Novemberhimmel, die hohen Eichen, welche dies ernste Denkmal einer längst erloschenen Kunst umstehen, schüttelten ihr Herbstlaub ab, als Raleigh die Dragonerstraße entlang hinaus ritt. Der Todtengräber grub auf dem Kirchhofe ein Grab und ein Wirbelwind trieb die welken Blätter in die Grube. Alles umher schien dem Ritter einen Grabesgesang anzustimmen, oder vielmehr es schienen die Stimmen der Todten zu sein, die aus den Resten einer erhabenen Vorwelt sprachen. Schon damals ragte der riesenhafte Dom aus den kleinen Hütten und Bauten der gesunkenen Stadt wie das Andenken ans einer entschwundenen Zeit hervor. Wie viel große Männer Englands schliefen in seinen Gewölben, welche hohen Meister, deren Name untergegangen, hatten sich in diesen Portälern, in diesen himmelstrebenden Pfeilern verewigt! Auch der Dom zeigte die Spuren des Verfalls; Niemand kannte damals die Sprache dieser hohen Bauten; sie klang zu ernst für die Zeit. »Ob sie kommen wird?« fragte Raleigh im zögernden Wegreiten. »Ob das Ernste und Große, einmal verschwunden, wieder aufstehn kann? Oder ob sie die alten Dome abtragen und die Ziegeln nach Amerika verhandeln werden?« Er verlor sich in Träumen.

London bot, als Raleigh ankam, ein trauriges Schauspiel dar. Der Pöbel wüthete durch die Straßen nach Priestern und Capellen suchend. Es war keine Autorität vorhanden; die alten Behörden hatten die besessene verloren, ja bedurften selbst des Schutzes, noch wagte keine neue aufzutreten. Das Hotel des spanischen Gesandten, wohin viele Katholiken ihre Kostbarkeiten gerettet, war, wie eng auch diesmal die Politik Spanien mit den protestantischen Engländern verband, geplündert worden. Hier rauchte eine Kapelle, und man zerschlug die glimmenden Balken zum Schutz der Nachbarhäuser, während Einige die gefundenen Meßkleider zum Hohn und Spott auf verkehrte Art anzogen oder umhertrugen. Kaum beruhigte die Aussage bewährter Männer, daß die Prinzessin Anna lebe und in Nottingham von zweihundert protestantischen Edelleuten gegen jede papistische Gewaltthat geschützt stehe, die Menge. Die Wuth gegen die Königin, »die Betrügerin, die papistische Furie« wurde dadurch nur mehr entflammt, und selbst die königliche Leibwache schien mehr geneigt mit dem Volke zum Schutz oder zur Rache der protestantischen Prinzessin gemeinschaftliche Sache zu machen, als der ihr anvertrauten Pflicht gegen die Person der Majestät nachzukommen.

Raleigh fragte umsonst nach der Königin in ihrem Schlosse. Man wies ihn von einem Palast in den andern. Die Weisung kam entweder von Unkundigen oder Mißtrauischen. Sie mußte beim florentinischen Gesandten gewesen sein; aber als er dort ankam, fand er das Hotel noch ärger verwüstet als das spanische. Es war selbst Niemand von der Dienerschaft zurückgeblieben, ihm fernere Auskunft zu geben.

Ein regniger Abend folgte auf den unruhigen Tag. Nur in seinen Mantel gehüllt – Anzeichen seiner Würde und Vollmacht wären ihm bei der allgemeinen Stimmung mehr verderblich als hülfreich geworden – streifte der Ritter durch die Straßen. Er erinnerte sich jenes ähnlichen Spaziergangs vor vielen Jahren, gleichfalls am ersten Tage nach seiner Rückkehr. Wie anders damals! Das Schauspielhaus war leer und finster, sein eigenes Hotel verschlossen. Instinctartig trat er in Shephards Weinstube, der Eigenthümer lag auf dem Krankenbette, sie war aus der Mode gekommen, daher unbesucht, spärlich erleuchtet, der Kellner schlief auf den Tisch gelehnt. Es zog Raleigh unwillkührlich nach dem Tower, seiner Wohnung so lange Zeit hindurch. Er dachte daran, ihm möchte dort vielleicht für noch längere Zeit eine bereitet sein, das gewöhnliche Loos der Anhänger einer unterdrückten Partei. Er ging am einsamen Strande fort, der Regen wurde immer heftiger, der Wind peitschte die Wellen der Themse und doch setzte ein Kahn mitten durch die Dunkelheit hinüber. Er glaubte eine weibliche Gestalt darauf zu erblicken; dies mußte des Ritters Aufmerksamkeit fesseln, hatte es auch nicht der Anblick der offenbaren Gefahr gethan, in welche die Schiffenden sich begaben. Der Kahn schwankte von dem aufgeregten Strom fortgerissen, er glaubte sogar ein ängstliches Schreien nach Hülfe zu vernehmen. Alles dies trieb ihn selbst den Schiffenden nachzueilen. Er bedung bei einem Schiffer, der sich am Strande verspätet, einen Lohn zum Ueber- oder wie er mehr Willens war, zum Nachsetzen. Der Schiffer schüttelte bedenklich den Kopf, und fragte: Ob er auch bedachte was auf dem Spiele stände? Was hatte der Ritter zu wagen! Der Aufruhr der Elemente dünkte ihm ein Labsaal gegen den Aufruhr, in dem er alles untergehn sah, was ihm heilig war.

»Was meinen grauen Kopf betrifft,« sagte der Schiffer, »so ist nichts verloren, ob er gegen die Brückenpfeiler der Themse getrieben wird, oder auf faulem Stroh sich das letzte mal umdreht.«

Strom und Wind faßten bald den Kahn, daß die Kraft des alten Seemanns kaum ausreichte ihn aufrecht zu erhalten. Dunkelheit, Regen und die nothgedrungene eigene Anstrengung brachten den andern Kahn bald aus den Augen des Ritters.

»Seid froh, daß wir hier sind« sagte der Matros, die Kette um einen Uferpfahl schlingend, »und überlaßt die andern dem lieben Herrgott oder wem sie sonst anheimgefallen sind.«

Raleigh schüttelte den Regen von Hut und Mantel und eilte am Strande fort. In der damals einsamen und verrufenen Gegend um die Lambethkirche schien ihm ein Abenteuer bereitet, wie es nächtlichen Wandrern in London nicht selten in jener Zeit begegnete, dem aber ein Ritter wie Loscelyne nicht ausweichen mochte. Man pfiff leise aus einem Winkel; und zwei Gestalten schlüpften aus einem schmutzigen Schauer für Löscheimer hervor, als Raleigh statt das Zeichen zu beantworten trotzig drauf losging. Er fühlte sich an die Brust gegriffen, indem eine entferntere Stimme flüsterte »Niedergemacht!« die gepreßte des Angreifers aber ihm drohte: »Wer bist Du?«

Der Ritter schleuderte ihn zurück, und hatte seinen Degen mit der Antwort zugleich gezogen: »Ein Feind alles schleichenden Nachtgesindels.«

Zwei Männer drangen in offenbar feindlicher Absicht auf ihn ein, als eine weibliche Gestalt ebenfalls sichtbar wurde, und auf Französisch mit ängstlicher Stimme ausrief:

»Comte! um der Gebenedeiten willen, vergrößern Sie nicht mein Elend.«

Raleigh zog den Degen zurück, und rief den Gegnern ein »Halt!« zu. »Gilt es hier die Rettung von Damen, so finden Sie einen Ritter bereit zu schweigen oder zu handeln.«

Der Eine öffnete eine Blendlaterne und warf den Strahl in Raleighs Gesicht, worauf er der Dame zurief: »Es scheint kein Verfolger zu sein.«

»Raleigh Loscelyne von Avalon ist mein Name,« sagte der Ritter.

Die Dame stürzte hervor und drückte bewegt seine Hand; ein Fieberfrost schien die an solche Auftritte wenig Gewöhnte zu durchschütteln. In ausländischem Accente sprach sie:

»Sie sind ein getreuer Ritter, wie mein Gemahl mir sagte, Sie werden uns nicht in dieser äußersten Noth verrathen.«

Ein Strahl der Laterne fiel auf die Rednerin und Raleigh erkannte die Königin. Nicht eigentlich schön, besaß die lebhafte junge Prinzessin von Modena doch alle Reize einer Italiänerin. Zwar hatte sie viel durch die mannigfaltigen treu an der Seite ihres Gatten ausgestandenen Gefahren gelitten, allein der durch trügerische Hoffnungen genährte Geist hatte das Feuer ihrer dunklen Augen nicht ersterben lassen. Die noch jugendliche zarte Gestalt einer bittenden Königin in einem solchen Zustande mußte auf einen Ritter wie Raleigh mehr Gewalt üben, als wenn die blühendste Schönheit des Königreichs ihn angelacht hätte. Blaß, die Locken von Wind und Regen zerzaust, die feinen Kleider von dem Regen durchnäßt, stand sie fieberhaft zitternd vor ihm und umklammerte seine Hand. Die Augen hervorleuchtend aus den von Gram tiefen Höhlen, lasen gierig in den Blicken des Ritters was sie von ihm erwarten konnte. Er wollte sich auf ein Knie niederlassen, die Königin ließ es nicht zu:

»Gekniet, Ritter, haben sie Alle vor mir, die Ergebenheit heuchelten, und heut als das Volk brüllte und uns zerreißen wollte, zeigte sich kein Einziger, mich zu schützen.«

»Beim Allmächtigen!« rief Raleigh. »Wie tief der ritterliche Geist unter unsern Höflingen gesunken, seine Königin wird kein englischer Ritter verrathen. Um Gottes willen, weshalb flohen Sie, gnädigste Frau, des Pöbels Argwohn Nahrung zu geben?«

Die Königin antwortete, ihn unter das Dach zurückziehend, in verworrenen Reden. Der Comte Lauzun, ihr treuer Begleiter bei der Flucht, legte der vor Frost mit den Zähnen klappernden ihren Pelzmantel, den man etwas zu trocknen versucht, wieder um. Die Königin war aus ihren stolzen Träumen zu schnell und fürchterlich erweckt worden, um nicht eben so muthlos zu sein, als sie früher kühn erschienen war. Auf das Zureden des Ritters, in ihren Palast umzukehren, erwiederte sie nur durch Zusammenschaudern, und die Frage, zu der sie mehrmals zurückkehrte, war, ob die Gesetze Englands, die es verstatteten eine Königin vor Gericht zu ziehn und zu verhaften, ihr auch den Tod bereiten könnten? Man hatte sie mit den Beispielen Johanna Grays, Anna Boleyns und Maria Stuarts in Angst gesetzt. Raleigh vermochte nicht ihr diese zu benehmen.

Fast eine Stunde war der Ritter Zeuge eines der fürchterlichsten Momente, die je das Leben einer Königin in unsern Zeiten verbittert haben. Nur halb vor dem Regen, gar nicht vor dem Winde in dem offnen Schauer geschützt, erwartete die Königin die bestellte Miethskutsche. Der Ritter wollte sie holen, die Königin ließ ihn aber nicht los; ob es Furcht war, daß er sie verrathen könne, ob Angst einen ihrer Begleiter in der schrecklichen Lage zu verlieren, darüber mochte sie selbst nicht im Klaren sein. Der Wind heulte durch die alten Giebel, die Glockenschläge hallten in die Nacht hinein, jeder Ziegel der vom Dache fiel, erschreckte die Unglückliche und fernhin blickten die erleuchteten Fenster der Häuser, wo der ärmste Bürger in gemächlicher Ruhe sich freuend dem Sturme draußen spotten konnte.

Endlich rollte eine Kutsche durch eine Quergasse, die Königin barg ihren Kopf in Raleighs Arm. Man pfiff, es pfiff wieder. Die Fürstin jauchzte und fiel ihren Begleitern um den Hals. Eile und Stille wurden anempfohlen. In wenigen Secunden war die Königin mit den Kostbarkeiten, welche Graf Lauzun und ihr Kammerdiener trugen, im Wagen, Raleigh bat um Erlaubniß, sie begleiten zu dürfen, um seines Königs Auftrag und seiner eignen Pflicht, sie gegen jede Mißhandlung zu schützen, nachzukommen; aber die Königin, wie plötzlich aus ihrem Fieber der Angst zur Besinnung kommend, versagte es ihm ernst. Sie reichte ihm die Hand aus dem Wagen und sprach mit bewegter Stimme:

»Ritter, Ihr Leben gehört meinem Gatten. Sie sind der Einzige, dem ich ihn anvertrauen kann. Ich binde Ihnen den König auf die Seele, sein Sie Jacobs Schatten; mich wird der Himmel schützen.«

Er küßte ihre Hand. Der Wagenschlag flog zu, und die Kutsche davon. Die Königin erreichte einen Hafen und Frankreich ohne Anfechtung.

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