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Schloß Avalon. Dritter Band

Willibald Alexis: Schloß Avalon. Dritter Band - Kapitel 13
Quellenangabe
authorWillibald Alexis
titleSchloß Avalon. Dritter Band
publisherF. A. Brockhaus
year1827
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20180307
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Zwölftes Capitel.

   O Gretnagreen, o Gretnagreen!
Wie ist dein Strand so frisch und grün!
Der Pfarrer saß bei der Bowle Punsch,
O viel zu lang für unsern Wunsch.

   O Gretnagreen, du hübsches Städtchen
Wie schmuck war damals noch mein Mädchen.
O Pfarrer hättst Du doch länger gesessen,
Wir hätten vielleicht beide die Trauung vergessen!

Altes Lied.

 

Der verunglückte Versuch zu Cirencester hatte eine entgegengesetzte Wirkung als man vermuthen konnte. Er spornte die Zaudernden zur That. Major Burrington war der erste von der englischen Armee, der zu Oranien überging. Lord Cornsbury gewann sechzig Dragoner des ihm anvertrauten Regiments zu gleichem Schritte. Ihm folgte der Oberstlieutenant Hayford, Capitain Russel und Oberst Langston mit seinem Regimente. Als der Landadel sah, daß das Militair, die Stütze, auf welche der König alles gebaut hatte, im Begriff stand ihn zu verlassen, gewann er Muth, und Sir Edward Seymour versammelte den ganzen Adel von Dorsetshire und Sommersetshire, der sich insgesammt für den protestantischen Thronerben erklärte. So stürmten jetzt von allen Seiten frohe Botschaften und Ueberlaufer dem langsam vorrückenden Heere zu, und mit jedem Schritte gewann Oranien festern Boden.

Auf einer Höhe nicht weit ab von der Landstraße war Trelawny von seinem erschöpften Pferd abgestiegen um hier Oranien erwartend, ihm die Botschaft von Lovelace und Harriets Gefangennahme zu bringen. Er hielt die Eile für minder nöthig, da sein richtiger Blick ihm sagte, daß die Lage seiner Herrin nicht die gefährlichste sei. »Darf doch bald« sprach er für sich »das ganze Spiel sich umdrehen und wer jetzt loyal ist, als Rebell gelten.«

»Ihr macht kein vergnügtes Gesicht,« rief Jemand, der vermuthlich in gleicher Absicht mit Trelawny sich neben ihm nieder gelegt hatte. »Gefällt Euch das Schauspiel nicht?«

»Was sollte es mir nicht gefallen so viel Wohlgefallen rings um mich her zu erblicken, und noch dazu, so weit ein menschliches Auge reicht, mit so vielem Grunde; denn das Unternehmen hat festern Fuß und Boden als zu Monmouths Zeit. Klugheit und Laune haben sich die Hand gereicht.«

»Und doch verzerrt Ihr den Mundwinkel, und drückt die Augen zu, wenn ächte protestantische Kernwünsche herauftönen, als kitzelte Euch der Staub unbehaglich in der Nase.«

Trelawny betrachtete aufmerksam den Sprecher. Es schien der Stallmeister eines vornehmen Herrn zu sein, ohne daß er aus der Farbe seines mit Pelz besetzten Oberrocks auf einen Bestimmten hatte zurückschießen können.

»Freilich« sagte er, »flößt es Wunder ein, Menschen zu sehn, die sich vorher wie Feuer und Wasser vertrugen, Verfolger und Verfolgte, wie sie durch ein Zauberwort vereinigt sind. Jener glaubte, man könne allein seelig werden, wenn man den runden Hut vor Niemandem abzieht, der dort nur durch eine doppelte Taufe, dieser meinte man müsse auf einer sumpfigen Haide sieben Stunden lang sinnloses Zeug anhören und Kirchen und Priester abschaffen; und endlich jene große, stolze Mehrzahl, die sich aufblähte mit der Ueberzeugung: Priestergewänder, römische Liturgie und Weihrauch, auch Bischöfe deren Weihe noch fortlebt von den alten Päpsten, seien durchaus nöthig zur Seeligkeit, aber wer den Papst selbst nicht für den Antichrist hielte, wäre ein Ketzer, – ihn den Papst, von dem alles ausging, wofür sie als blutige Verfolger wütheten. Neben ihnen solche, die niemals Christen sein wollten, Atheisten, die den Erdkloß vor ihren Füßen für ihren Schöpfer, für Endziel und Gott achteten, alle diese beseeligt jetzt der Gedanke Protestanten zu sein.«

»Seht da« – unterbrach ihn der Liegende – »noch einen seeligen Protestanten! Der Oberst Rumsey. Er hat zwar einmal die protestantische Sache verlassen, auf viele gute Whigs und Protestanten zu Tode geschworen, aber das vergißt sich Alles, wenn man nur von einem katholischen Fürsten in Ketten gelegt worden. Seht, er hebt die Hände in die Höhe, und zeigt die Striemen dem Volke; das sind protestantische Striemen! – Wie ihn der alte vollgetrunkene Ritter Harbottle Grimstone unterm Arme führt und schön mit ihm thut! Sir, ich gäbe was darum, könnte ich beweisen, daß man mich um des Protestantismus willen gepeitscht hat.«

Mehr zu sich als zu dem Sprecher, aus dessen freier Rede er übrigens schloß daß eine ähnliche Aeußerung gefahrlos sei, sagte Trelawny: »Welche hohle, wohlfeile Begeisterung! Alle beglückt, weil sie leugnen können, berauscht im Zerstören. Ihre Seeligkeit, daß jeder seine Kapelle sich selbst erbaut nach gemeinster Bequemlichkeit neben dem Hühnerstall oder auf dem Dach beim Taubenschlage. Wo glüht da ein Funke, der allen gemein ist, außer der Haß gegen die, welche von dem überkommenen Lichte erwärmt bleiben.«

»Ihr seid ein Katholik,« sagte der Stallmeister, welcher aufmerksamer dem Selbstgespräch zugehört hatte, als es Trelawny lieb war. Er sammelte sich und antwortete ruhig:

»Ich bin ein Protestant, denn ich hege so eifrige Wünsche wie Einer für den glücklichen Ausgang des Unternehmens.«

»Ei, Ihr habt auch das Eurige dafür gethan,« entgegnete der Andere, »wie mir das sehr wohl bekannt ist, wie ich es aber doch eigentlich nicht gut begreifen kann, wenn Master Trelawny in der That noch seinen Rosenkranz betet.«

Der Stallmeister war aufgestanden, und als Beide sich näher betrachteten, glaubte Trelawny bekannte Züge zu entdecken.

»Allerdings« sagte jener auf die Bemerkung, »haben wir uns ehemals gekannt, wenn es auch an zwanzig Jahr her sind, seit uns beiden das Klosterleben in Brüssel zu eng wurde und wir uns in einer Nacht auf und davon machten. Wir meinten dazumal Beide, die Klostermauern wären die neidischen Tyrannen, der Welt zwei solche Köpfe zu verschließen, und als wir uns trennten, hielt jeder dafür, er habe die Schlüssel zur Welt in der Tasche und könne sie allein etwas nach Gefallen umdrehn.«

»Humfred Verulam!« sagte Trelawny, ohne daß seine Miene das freudige Erstaunen des Wiederfindens ausdrückte; doch reichte er ihm die Hand.

»So hieß ich damals,« entgegnete der Stallmeister, »wenn ich mich unter allen den Namen, die ich zeither geführt, erinnern kann, welches mein erster war. Unstreitig müssen Euch Einige zu Ohren gekommen sein, da wir uns doch beide beim Abschied das Wort gaben, jeder solle vom andern hören, und das Organ die Welt sein. Ich ward auch in der That ein Genie und habe bei den großen Katastrophen thätig mitgespielt, wenn ich auch früh zu der Ueberzeugung kam, daß wahre Größe es vorzieht im Stillen zu handeln. Schon als Mönch besorgte ich, wie Ihr wißt, Botschaften für Karl II. nach England ohne von Cromwell aufgeknüpft zu werden. Da aber, als er fest saß, auf jener Seite nicht mehr viel zu machen schien, war ich in mancherlei Gestalt thätig für die großen englischen Herren. Wunderbarerweise kam ich indessen erst in Monmouths Dienst, als Ihr ihn schon verlassen hattet, was gewiß eine Wohlthat des Schicksals war um unsere Freundschaft nicht zu prüfen, während ich unter der Treppe stehn mußte, Ihr aber die Pillengläser bis in sein Kabinet tragen durftet. Nun den Namen Thomas Lower müßt Ihr gehört haben, dessen Werk es mit ist, daß der große Oranien so ungekränkt durch's Land und vielleicht bis unter den Thronhimmel von Westminster zieht.«

Trelawny hatte mit einiger Unruhe den Redner angehört, auch konnte er seinen Unwillen nicht ganz bemeistern, so daß Humfred ihm schnell ins Wort fiel:

»Spart Eure Vorwürfe. Wenn, wie es scheint, die Reue einige Querstriche über Eure Stirn gezogen, ist es noch immer möglich in unser Kloster zurückzukehren und die Thorheiten der Welt zu beweinen. Man legt Euch einige Kasteiungen auf, und Ihr seid so heilig als vorher. Doch wollt Ihr das Geschehene, den Frevel, gegen unsere Mutterkirche wieder gut machen, auch gut, – sind die Stuarts abermals vertrieben und die Whigs oben auf, so kehrt Humfred Verulam um, und dient den Unglücklichen. Ich sage, Ihr habt Euer Genie nicht gehörig cultivirt, Ihr gebt Euch den Wissenschaften hin, das war nie der Weg für unsere Talente. Gewissen – wenn Ihr in der That noch ein katholisches besitzt, – und Vortheil sprechen zu Euch: Kehre um. Thut das, versteht sich, wenn Ihr Euch alle Reste von den Siegern habt auszahlen lassen, und sagt zu König Jacob bei Zeiten, wie Ihr ihn liebt und immer lieben und England bekehren wollt.«

Trelawny wandte sich um indem er sagte: »Humfred Verulam, es ist besser, wenn wir uns nicht wieder treffen, und jeder seinem Ziele allein wie damals entgegen geht.«

»Aber vortrefflicher Bruder in Jesu,« rief Lower, noch einmal zum Abschiede Trelawnys Hand fassend: »Was sind denn Eure heiligen Absichten, indem ein Mann ohne Eigennutz, ein so eifrig gebliebener Verehrer der Heiligen mit dem großen Haufen läuft, der die Heiligenbilder steinigt?«

Trelawny sagte nach einer Pause: »Die Erkenntniß, daß der am schlechtesten dem Himmel dient, der die Welt zwingen will ihm nur so, wie er es für Recht hält, zu dienen. Dieses Stuarts eiserner Wille lehrte mich den Willen der Menschen achten, er lehrte mich, daß wer blind, auch für die heiligste Sache begeistert, dem geheiligten Glauben und Willen der Menge entgegen stürmt, immer im Unrecht ist.«

Außer auf Sandy hatte, wie wir schon oben anführten, der Auftritt am Meere noch auf Jemanden einen besondern Eindruck gemacht. Robert Fletcher war ein stummer Zeuge geblieben, aber der Entschluß England zu verlassen war aufgegeben. Der Ernst in Oraniens Zügen schien ihm so heilig, die Ruhe darin sprach von einer Ueberzeugung, die mit seiner neuerdings gewonnenen in solchem Widerspruch stand, daß der Bekehrte zu wanken anfing. Als nun die Trommeln wirbelten, und das schön gerüstete Heer aufbrach, folgte er, unerkannt in seiner Verkleidung, unter den Haufen die den Truppen nachzogen. Der Quäker konnte der Phantasie nicht wehren, daß sie den Ritter von Salton auf ein Schlachtroß setzte, und ihn commandirend den holländischen Reitern voranziehen ließ. Nun mußte er hören, wie seine Nebenmänner die Helden der alten Seit priesen: »Wenn das Lord Russel erlebt hätte!« – »Könnte Algernon Sidney nur ein Auge aus dem Grabe aufthun!« Oder man rühmte, Thränen im Auge, den guten, hingegangenen Herzog von Monmouth, bis Einer neben ihm ausrief: »Oder Sir Robert Fletcher!« – »Der lebt ja noch,« meinte ein Anderer, aber ein besser Unterrichteter entgegnete:

»Wer es nicht besser wüßte! Der ist heim gegangen, wie so mancher Protestant in's Land seiner Väter, und weiß nicht wie. Heimlich bei Nacht – eine Grube gegraben – hinein, – Kalk drauf – zugescharrt – wir kennen das.«

»Auf wie viele Gräber so versteckt Abgemachter mögen wir treten,« setzte ein Anderer hinzu. »Willst du deinen Glauben abschwören? hieß es. Antwortete er: nein, war das so ausgemacht wie was; er sah nicht mehr das Morgenroth. Krähte denn ein Hahn danach, und weiß man jetzt wer den Ritter Godfrey Edmundbury abgeschlachtet hat? Die Gränzgraben und die Sandgruben und Torflöcher wissen was zu erzählen.«

»Aber man will ihn doch als Juden verkleidet gesehn haben.«

Alles lachte, bis der Erste sagte: »Und Du denkst wirklich der Robert Fletcher würde einen Augenblick stille halten, wenn er weiß, was hier vorgeht? Vom höchsten Thurm springt er runter, wenn er die Wirthschaft sieht und wenn er nur seinen Namen nennt, macht ihn Oranien zu seinen Generalissimus.«

Bei Monmouths Kriegszuge war Begeisterung und Vertrauen, in eben dem Grade, wie sie zu Anfang die Gemüther seiner Anhänger erfüllt, mit jedem Tage mehr verschwunden, hier fand das umgekehrte Verhältniß statt. Dies konnte selbst Robert nicht entgehen. Er kämpfte gegen die alte Eitelkeit, aber die Sünde erschien, nach Sandys Ausdruck, als Engel des Lichts, das Unternehmen entwickelte solche Riesenkräfte, daß es kaum den Anschein hatte, als werde Blut fließen. Dann sprach eine Stimme in ihm: »Bei jeder Gelegenheit, wo das Recht ungewiß und die Ausübung sträflich war, warst Du bereit, und jetzt, wo Alles, was menschlich gut und edel heißt, dafür sprechen, zauderst Du.« So sann er, an eine einsame Weide gelehnt, dem in der Ferne vorüber marschirenden Heere zuschauend, aber er hatte entschieden als Oraniens Generalstab mit den schön gerüsteten Leibhusaren des Erbstatthalters, über eine sonnenhelle Höhe trabte.

»Hätte ich mein Schwert hier,« rief er, von kriegerischem Feuer übermannt, aus, »mein Schwert und meinen Rappen –«

Er sprach den Nachsatz nicht aus, doch verrieth seine Bewegung die Herzensmeinung. Er war nicht unbehorcht geblieben; aber die lebhafte Theilnahme für den Gegenstand in der Ferne ließ ihn nicht bemerken, was in seiner nächsten Nähe vorging.

»Schwert und Rappe sind hier, wenn weiter nichts fehlt!« so sprach eine junge Reiterin, welche die Grausamkeit hatte, nachdem sie den Ritter mit ihrer Reitgerte berührt, ihr Pferd umzudrehn, ehe er ihr in das vom Federhut umwallte Gesicht blicken konnte. Es war nichts ungewöhnliches, daß Ladys vom ersten Range dem Befreier in diesem militairisch ritterlichen Aufzuge ihre Aufwartung machten. Gleichgültig hatte Robert viele an der Spitze bewaffneter Dienerschaft über die Ebene sprengen sehen, aber die Stimme der Dame, welche sich des Quäkers auf so ungewöhnliche Art annahm, weckte tausend schlummernde Erinnerungen. Wie schnell und wenig seinem Habite ziemend er auch der flüchtigen Erscheinung nacheilte, spornte sie ihren Renner doch jedesmal, wenn er sie eingeholt zu haben glaubte und setzte ihre durchdachte Grausamkeit so weit fort, daß sie auch nicht ein einziges mal den Kopf nach dem Ritter umdrehte.

Erst als ein buschiger Erdwall sie von allen Zuschauern trennte, hielt die Reiterin still. Als sie sich umblickte, ob er sie eingeholt, erkannte Robert Anna Tennison. Sie sprang vom Pferde; später hat sie eingestanden, daß sie bereit gewesen, den zaudernden Ritter auf ganz andere Weise zu empfangen, aber als er, den Hut von sich schleudernd, sie in den Armen auffing, sank sie sprachlos an, seine Brust.

»Drei Jahre zu verschwinden!« sagte Anna, sich von ihm loswindend, in sanft zürnendem Tone. Robert blickte düster zur Erde. »Drei Jahre einen Selbstmord zu begehen; drei Jahre täglich die mit Dir zu tödten die Dir wohl wollten, Dich vor mir zu verbergen, die mit Dir aufgewachsen, die mit Dir lebte, Dich suchen ließ auf dem blutigen Schlachtfelde, jeden Bauer mit Fragen bestürmte, der einen Flüchtigen beherbergt, einen Getödteten begraben.«

Sie strich mit ihren Fingern das tief herabgekämmte Haar aus seiner Stirn, er lächelte. »Nicht wahr,« fuhr sie freudiger fort, »jetzt lebst Du wieder? Die trüben Grillen sind entwichen, wenn auch nicht vor meinen Blicken, doch vor dem Schmettern der Trompeten? Robert Fletcher in einem Quäkerrock! Robert, wahrhaftig es scheint, Du willst nie mit meinem Oheim zum Frieden kommen. Wirf ihn ab, fort, ehe jemand sieht daß der Ritter von Salton so kläglich durch England schlich.«

Robert tief aufseufzend, wollte sich rechtfertigen, aber Anna ließ ihn nicht zu Worte kommen.

»Es war eine Krankheit, eine recht finstre, mit dem lieben Gott zürnen zu wollen, daß er so viel Sonnenschein gemacht, die Vögel singen ließ, und die Menschen sich freuen; ich weiß Alles, und um den Tod der hübschen Marie habe ich so viel Thränen vergossen als kein frommer Ritter im ganzen Königreiche, aber sie war nicht so hübsch um darüber die Welt und das lustige England zu vergessen; England wird wieder lustig –«

»Wie erfuhr Anna –« fragte Robert.

»Einen Spürhund mußte sie besolden, die Feindin aller Politik einen Spürhund, der allen Parteien gedient hat, um einen Freier aufzufinden – dort kommt er –«

Robert sah den ihm nur zu wohl erinnerlichen Irländer Macnamara herkommen. Vor dem Buben wollte er sich nicht in dem Zustande der büßenden Erniedrigung zeigen, ob er gleich nicht bedachte, daß Macnamara es gewesen, der ihn zuerst darin erblickt hatte. Aber Anna sah mit einer Freude, die sich nicht verbergen ließ, zu, wie der Ritter das Quäkerkleid abstreifte, dann sie umfaßte und schwor, wieder ein Engländer zu sein. Er faßte den Zügel des Pferdes um Annen hinaufzuhelfen, als diese ihn lächelnd fragte, ob er das gute Roß nicht mehr erkenne? Es war sein Rappe, der ihm entgegenwieherte, und mit dem Vorderfuß, als Zeichen unruhiger Freude, den Boden aufscharrte.

»Es war das letzte Andenken an den Ritter, sagte Anna, das ich durch meine Agenten auftrieb. Schwingt Euch hinauf Sir Robert, und schwört dort oben noch einmal. Auf einem Rosse, die Sporen am Hacken, das Schwert in der Hand, hat das Wort eines Mannes einen ganz andern Werth, als wenn er tändelnd oder verlegen am Arm der Schönen die Lippe öffnet und schmachtend gen Himmel blickt.«

Robert betrachtete mit Rührung den alten Gefährten auf so manchem Ritte; er griff nach dem Schwerte, aber zog die leere Hand zurück. Doch trat noch vor Macnamara ein anderer Diener des Fräuleins mit einem Pferde heran und überreichte ihr einen Degen.

»Kennt Ihr das Schwert, Robert Fletcher!« rief Anna schelmisch lächelnd. »Der Degen Eures Vaters, bei dem Ihr zu schwören beliebtet. Da ich seine Kraft auf meinen Jugendgespielen kenne, habe ich ihn wohl verwahrt, bis auf den Augenblick, wo es Ehre bringt, ihn herauszuziehen. Kniet nieder Ritter!«

Es geschah. Anna hing ihm den Degen an dem breiten Bandelier aus Cromwells Tagen über die Schulter, zog dann den Degen, ihm drei Schläge auf die Schultern zu geben.

»Seid ein guter Protestant, ein Engländer, tapfer, und – vergießt kein Blut,« setzte sie lächelnd mit leiserer Stimme hinzu. Aber als sie den Degen in die Scheide steckte, zischelte sie ihm ins Ohr: »Leute wollen behaupten, nur weil ihm des Vaters Degen fehlte, habe Robert Fletcher am Tage bei Sedgemoor das Weite gesucht, ja sogar meinen sie, aus keinem andern Grunde wärt Ihr ein Quäker geworden. Seht, darum habe ich das Vertrauen, mein Jugendfreund werde nun, da die Stunde geschlagen und seines Vaters Degen ihm an die Hüfte schlägt, Dinge verrichten, daß Englands Jugend die des Guy von Berwick im Fibelbuche, dagegen klein dünken.«

Robert küßte aufstehend ihre Hand. Indessen hatte Macnamara ungeduldig gewartet Miß Annen etwas mitzutheilen. Robert hätte dem Schurken einen Schlag versetzen mögen, als dieser mit unverschämter Dreistigkeit ihm zunickte und zur Dame ging; da er jedoch das Blut in Annens Wangen bei des Irländers heimlichem Berichte steigen sah und Anna die Hände faltete, verwandelte sich sein Unwille in Besorgniß. Das Fräulein hörte kaum die Botschaft aus. Von Entsetzen das schöne Auge belebt, sprang sie zum Ritter zurück und ergriff seine Hand:

»Robert! der Augenblick ist gekommen, schneller als wir erwarteten, Deinen Muth zu zeigen. – Meine Freundin, Harriet ward von einem Trupp Miliz gefangen. Noch ist es möglich sie zu retten. Ihr nach!«

Fletcher half Miß Tennison auf ihr Pferd; Macnamara wollte dem Ritter ein Gleiches thun, ward aber verächtlich zurückgewiesen; ohne daß dem frechen Schwätzer dadurch die Lust zur Vertraulichkeit wäre benommen worden.

»Weiß der Himmel, Ritter, Ihr scheint mich nicht verstehn zu wollen. Was ich für Euch gethan habe im Lauf der unruhigen Zeiten, wie ich Euch nachgelaufen bin, wie ich mich gefreut habe wenn ich hörte, daß Ihr davon gekommen ohne Galgen und Rad, was mich von jedermann freut, man könnte Bücher von schreiben und alle mein Lohn ist, daß Samson Macnamara sein Leben lang eine verkannte Seele bleibt.«

Ritter und Reiterin sprengten dem ihrer wartenden Gefolge zu. Ueber den zurückgebliebenen Quäkerrock entspann sich ein Streit zwischen Miß Annens Diener und dem Irländer. Jener berief sich auf die Eigenthumsansprüche seiner Herrschaft, dieser auf eine Schenkung des Ritters:

»Still: Sir Robert war ein Quäker und ist jetzt ein Mann von dieser Welt. Ich war ein Mann von dieser Welt und, der Himmel weiß, ob ich mir nicht aus Freundschaft für meinen Gönner und Freund seine Verlassenschaft aneigne. Mit den Grundsätzen – kommt Zeit kommt Rath, mancher ward unter dem Galgen selig, mit dem Rocke aber, der möchte bis dann aus der Mode kommen.«

Macnamara war in solchen Auslegungen zu gewandt, als daß ihm ein Reitknecht Ansprüche bestreiten können, die er durch seine langen Arme und rüstigen Schenkel geltend machte. Mit einigen Goddams flog der letztere seiner Herrschaft nach. Die Tennisonschen Vasallen, so gut wie die des größern Theils des Adels, aus eigenem Antrieb und auf den Befehl ihrer Grundherrn bewaffnet, empfingen jauchzend ihre schöne Herrin, die ihnen den Ritter als ihren Befehlshaber vorstellte. Robert war Feuer und Seele indem er die Reiter ordnete und Kundschaft einzog über die Richtung, welche die Miliz genommen. Viele Haufen schlossen sich ihnen unterwegs an, wiewohl es Robert wenig erfreulich dünkte, als Oberst Rumsey an der Seite des Squire Grimstone sich ebenfalls zu ihnen gesellte.

»So wahr wir englische Pferde reiten,« schrie Sir Harbottle, »wir holen sie hinter dem Hügel ein, und der gute Lord Lovelace speist mit Protestanten heut zu Abend.«

Sie fanden sich nicht getäuscht; auf der Höhe angelangt, sahen die Verfolger zu ihren Füßen am Eingange eines Dorfes die Miliz gelagert. Verstärkt durch einen kleinen Trupp jener für den König gewonnenen Presbyterianer, waren sie an Anzahl den Reitern bei weitem überlegen, aber die Lage begünstigte die letztern.

»Hussah Jungens!« rief der protestantische Ritter, »einen kühnen Ansatz, und wir hauen sie nieder.«

Rumsey stimmte dem heftig bei, aber die Mehrzahl verlangte, man solle sie erst auffordern sich zu ergeben. Anna hatte Fletcher bei Seite gezogen und mit feurigen Blicken ihm die Hand gedrückt: »Robert, wenn Du als Sieger vor Oranien tratest, als Harriets Befreier, vor den Augen aller Engländer drückte ich meinem Spiel-Cameraden den Kranz auf die Stirn.« Das Feuer aus Annens Augen strahlte verdoppelt aus Roberts wieder und doch zauderte er der lockenden Versuchung zu folgen, denn unten erblickte er Raleigh Loscelyne, wie er seine Leute aufstellte. »Es ist ihr Geliebter,« sagte er zu Annen, »der sie gefangen hält, es ist mein bester Freund.«

Ein Reiter war hinabgeritten und hatte die Aufforderung der Anführer überbracht, aber Raleigh schwang den Degen über dem Haupte. »Gott für König Jacob und keine Unterhandlung mit Rebellen!« schallte es herauf.

Noch ehe der Bote zurückkehrend auf der Hälfte der Anhöhe war, wälzte sich eine Staubwolke von oben ihm entgegen. Robert befehligte, kaum aber daß Jemand auf Befehle hörte. »Sie ziehn sich zurück!« schrie man, und in der That zog Raleigh seine Leute näher an's Dorf, aber aus dem Rückzuge ward nur zu bald eine Flucht. Die ersten Pistolenschüsse der Orangisten wurden von wenigen Flintenschüssen beantwortet. Der größte Theil der Milizsoldaten verkroch sich in die Gehöfte und schrie aus den Fenstern: »Es lebe der protestantische Thronfolger!« So blieb Raleighs Kraft auf die wenigen Dragoner und Sandys Leute beschränkt, welche noch dazu durch das ungestüme Vordringen der berittenen Yeomen von ihm getrennt wurden. Zurückgetrieben auf einen Anger neben dem Dorfe, plänkerte er schon verwundet mit einzelnen Reitern umher, die ihm jedoch weniger gefährlich wurden, da er an Waffen, Uebung und durch seinen behenden Araber den Pachtern auf ihren Ackergäulen überlegen schien, als Oberst Rumsey von hinten auf ihn lossprengte. Harriet, mitten in das Getümmel gedrängt, hätte leicht entkommen mögen, auch erkannte sie Robert Fletcher als Anführer der Reiter, aber die Gefahr die Raleigh umschwebte, machte sie blind für die eigene. Sie sah wie Rumsey die gespannte Pistole in der Hand, dem Pferde die Sporen gab auf sein Opfer zu. Ein Schrei des Entsetzens entfuhr ihr, die selbst zu weit ab stand, um, wenn es in ihren Kräften gelegen, zu helfen; auch Robert herbei zu rufen war zu spät. Sie sah die hämische Freude auf dem Gesicht des Obersten, schon sah sie ihn das Pistol losdrücken, sah Raleigh zerschmettert niederstürzen, als ein alter Reiter seitwärts herangaloppirte. Gestört durch den Anblick des Gegners, der es so persönlich auf ihn schien abgesehn zu haben, wie er auf Raleigh, fehlte er. Die Kugel flog über den Kopf des Ritters, aber im nächsten Momente spaltete ein Hieb von Sandys Schwert, von der gewaltigen Kraft des alten Mannes geschwungen, Rumseys Schädel. Sein Pferd galoppirte mit dem Leichnam querfeldein, bis die Füße aus den Steigbügeln sich losmachten, und er in einen Gränzgraben geschleudert niederfiel.

»Gott hat es so gewollt,« sagte der alte Sandy ruhig und wandte vor den in Masse andringenden Reitern um, ohne von ihnen verfolgt zu werden. Aber auch Raleigh hatte die Kraft verloren, halb stieg er, halb sank er vom Pferde, da er sich von allen Seiten umringt erblickte. Ihn vor den Beleidigungen des rohen Landvolks zu schützen, war Harriet die erste von allen, herbeigeeilt, den, wie sie glaubte, Verblutenden aufzufangen.

»Ich bin nur matt,« sprach er zu ihr, in deren Auge er eine schlimmere Besorgniß las, und stützte sich, den linken Arm um ihre Schultern geschlungen, während der rechte den Degen sinken ließ.

»Wonach suchst Du, Raleigh? Du wirst immer blässer.«

»Nach einem Officier, dem ich mich ergeben kann.«

In dem Augenblicke war Robert, die Yeomen zurückhaltend, herangetreten. Der verwundete Ritter sprach:

»Du Robert? Daß wir uns so wieder sehn müssen! Ich bin Dein Gefangener.«

»Nicht mir Raleigh, ergieb Dich einem Größeren,« entgegnete Fletcher mit einem feierlichen Tone, dessen Grund man erst im nächsten Augenblick inne ward, als Oranien herangelockt von der großen Straße, durch die Nachricht des Gefechtes, mit einem Theil seines glänzenden Gefolges von der Höhe herabkam. Sir Harbottle Grimstone hatte bereits den Prinzen, als er zur Stelle gekommen, mit dem Zusammenhange bekannt gemacht, wie denn Oranien selbst seit langen Jahren bis auf das Speciellste von den Verhältnissen aller englischen Familien unterrichtet war. Raleigh überreichte halb niederkniend seinen Degen, ohne ein Wort zu sprechen; der Prinz aber lehnte es ab ihn anzunehmen.

»Behaltet Sir den Degen, und führt ihn mit der musterhaften Treue, wie für König Jacob, fortan für die geheiligten Rechte und Wünsche des englischen Volkes.«

»Sir!« entgegnete Raleigh mit ruhiger Festigkeit, doch ohne Trotz. »Ich kenne keinen andern Herrn so lange König Jacob lebt, als ihn, und nach seinem Tode den, der nach Englands Gesetzen seinen Thron erbt.«

Harriet umschlang fester bei dieser kühnen Rede den Ritter und blickte besorgt auf den Fürsten; aber auf Oraniens Gesicht war keine Veränderung zu bemerken. Freundlich sich herabneigend sprach er:

»So eilt Sir Raleigh Loscelyne, wenn es Eure Wunden erlauben, zu Eurem Könige, denn der Verlassene wird solcher Diener bedürfen.«

Dykvelt stellte auf einer geeigneten Stelle in der Nähe dem Fürsten die Engländer vor, welche neuerlich seinen Fahnen zugeeilt waren. Robert Fletcher mit Jubel begrüßt von der Menge, der er sich zu erkennen gegeben, ward auch von Oranien auf eine so zuvorkommende Weise empfangen, daß in drei Stunden, während derer ihm das Patent als Oberst der englischen Cavallerie war ausgefertigt worden, die drei Jahre seines Quäkerlebens völlig verschwunden schienen. Er ertrug es sogar, Miß Annen nicht einholen zu dürfen, die während er an Oraniens Seite die Reihen der Kürassiere musterte, sich unter den Zuschauern ihm näherte und ihn immer, wenn der Fürst zu ihm sprach, anreden zu wollen schien, sobald er aber frei wurde, verschwunden war.

Zur Lady Wentworth hatte Oranien gesagt: »Ich wünschte, Mylady, mir wäre mit dem Wunsche die Kraft gegeben alle Wunden zu heilen, die ich in England blutend finde, so muß mich der Vorsatz trösten, daß ich keine neuen aufreißen will.«

Harriet aber eilte, begeistert von der Milde und Würde des Fürsten zu Raleigh: »Und Du bleibst nicht Raleigh? Komm auf unser Schloß; ich will die Pflegerin Deiner Wunden sein; stirb nicht für eine todte Sache. Leuchtete Dir kein schöneres, helleres Licht aus Oraniens klaren Augen, keine seeligere Zukunft für England?«

»Der Tod!« rief Raleigh. »Der Tod ganzer Jahrhunderte. Was wir Heiliges überkommen haben von unsern Ahnen es soll vielleicht aussterben um der berechnenden Krämerwelt Platz zu machen. Die Kraft erlahmte, der Geist ist albern geworden, Ritter und Helden wurden Witzlinge, Könige verhöhnten selbst ihr hohes aus dem Himmel stammendes Amt. – Es mag die Zeit sein, wo ein solcher Mann das Scepter ergreifen muß – kalt, kalt, – sahst Du Leben, Harriet, in den Zügen? Er wägt alles gerecht, gerecht ab. Die Wage zittert nicht in seiner Hand, denn es rinnt kein Blut in seinen Adern. Keine Leidenschaft, keine Erinnerung und keine Begeisterung. O es wird eine vollkommene Welt, aber ich will in die Gruft meiner Ahnen.«

Harriet drückte ihr thränenvolles Antlitz an Raleighs Brust.

»Mein Blut hat Dein Kleid befleckt,« sagte er, indem er sie sanft aufhob, ihre Stirn küssend.

»Könnte ich mit Dir verbluten, wenn wir für eine Sache stritten. Du gehst; wir sehn uns nicht wieder.«

»Wir sehn uns wieder,« rief der Ritter mit Sicherheit, »noch einmal sehn wir uns, ehe wir scheiden.«

Der Ritter schlug den Weg nach Salisbury ein; Lord Lovelace führte Harriet fort.

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