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Schloß Avalon. Dritter Band

Willibald Alexis: Schloß Avalon. Dritter Band - Kapitel 12
Quellenangabe
authorWillibald Alexis
titleSchloß Avalon. Dritter Band
publisherF. A. Brockhaus
year1827
correctorreuters@abc.de ohne Rechtschreibprüfung
senderbruce.welch@gmx.de
created20180307
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Eilftes Capitel.

Nieder senkt' er jetzt die Fahne:
»Tapfre Krieger, meine Freunde,
Rache des Vasallen gegen
Seinen angebornen Herrn,
Auch gerecht, erscheint sie immer
Nur als Aufruhr und Verrath.
Die Beleidigung verschmerzen,
Ist das Merkmal höhrer Seelen,
Ob sie sie gleich tief gefühlt.
Gilt es Rache, mir entflöhen
Meine Feinde nicht; ich folgte
Ihnen nach zum Firmament.«

El poëma del Cid.

 

In der Schenke zum protestantischen England, der jetzt wieder ihr schottischer Eigenthümer vorstand, traf sich eine Gesellschaft zusammen, die wir zum Theil bereits zu Anfang dieser Geschichte daselbst erblickt haben, nur freilich unter ganz andern Verhältnissen. Es war der Oberst Rumsey, welcher vor sechs Jahren als Hauptagent einiger rebellischen Häupter der Whigs diese Gegenden bereiste, der dann als Zeuge gegen dieselben Männer auftretend das Werkzeug ihres Todes ward. Der Verachtung einmal preisgegeben, hatte er es vorgezogen, statt den Schein seiner Schwäche durch Reue zu vergrößern, ihr den einer gewonnenen Ueberzeugung zu leihen. Zum wüthenden Verfolger geworden, unterdrückte er die Erinnerung des begangenen Unrechts durch neue Thaten und Vorsätze, bis die sich seiner bedient, ihn fahren ließen, und er wegen Meineides, der zwei angesehenen Londner Kaufleuten das Leben gekostet, nach langwierigem Gefängniß zur Transportirung in einen andern Welttheil war verurtheilt worden.

Noch leuchtete blitzartig eine Kühnheit aus den Augen des Obristen als er, dem Winke seiner bewaffneten Begleiter folgend, von der Bank aufstand, wo er sich bemüht einigen Gästen zu beweisen, daß er, als Märtyrer für die gute Sache allen Machthabern verhaßt, leiden müsse.

»Man mag mich nach dem Missisippi schleppen, oder nach den giftigen Gewürzinseln, mein Herz wird immer für die Rechte des altenglischen Volkes schlagen, wie denn die Zeit nicht lange ausbleiben wird, von der ich immer prophezeiht habe.«

Zwei Leute nahmen einen größeren Antheil als der Rest, an den feierlich ausgesprochenen Worten des Abgeführten. Der alte Sandy seit einiger Zeit mit einem langen Schwert umgürtet, blickte ihm bewegungslos nach, und rief mit seiner prophetischen Stimme:

» Dieser wird nicht die Zeit sehen, wo der Herr sein Volk erhört und wäre sie so nahe, als von einem Seigerschlage zum andern, denn er gehört nicht zu seinem Volke. Ich sehe seine Leiche blutig roth und noch täuschte mein Auge mich nie, wenn ich Leichen voraussah.«

Dabei blickte ein im Winkel sitzender Quäker auf und seufzte. Er hüllte sich in seinen Rock und wollte mit Schritten, fest und hastig, als sie keinem Quäker geziemten, hinausgehn, als Sandy ihn am Arm ergriff.

»Wohin? Mich dünkt wir kannten uns vor Zeiten. Wollt Ihr auch über das Meer, um keine Leichen zu sehen? Es stirbt Niemand, der nicht vorher gezeichnet ward, daß er sterben solle.«

Robert Fletcher, denn dieser war der Quäker, sagte: »Ich will aus dem Lande, wie ich Euch gesagt, wo bald so vieles Blut fließen wird, um der Sünden willen, die noch auf uns haften.«

»Seid Ihr so schnell Prophet geworden, Cavalier?« sagte ernst der Wirth.

»Es braucht keiner Prophetengabe,« entgegnete Robert, »wenn man diese Zettel unter den Tellern findet.«

Es war eine Proclamation, die Sandy entfaltete. Einer der Gäste las sie vor. In ruhigem Tone abgefaßt, enthielt sie zusammengestellt alle Beschwerden des englischen Volkes gegen die Regierung der beiden letzten Könige; aber die Sprache der Wahrheit bei so reicher Nahrung mußte mehr entflammen, als alle Declamationen eines wüthenden Demagogen. Es schloß nicht mit dem Aufruf: zu den Waffen zu greifen; die Verheißung, daß ein Fürst komme, unterstützt von Willen und Arm der mächtigsten Fürsten Europas die Bedrückungen abzustellen, die bösen Räthe des Königs zu entfernen, ein freies Parlament gesetzmäßig zu versammeln und die protestantische Religion zu schützen, das mußte die Gemüther entflammen, wenn der Name Wilhelm von Oranien darunter stand, Oraniens der auf sein Fürstenwort versicherte, nur dem Rufe aller Edlen Englands folgend, mit den ersten Helden Europas seines Erbreichs Küsten betreten zu wollen.

Einen Augenblick blieb Alles stumm. Die Blicke suchten sich dann, bis ein alter Squire an sein Schwert schlug und rief: »Der Papst soll England doch nicht haben.« Robert machte eine rasche Bewegung an seine Seite, als trage er dort noch das Schwert; er besann sich aber im nächsten Augenblicke, ohne der Versuchung zu widerstehn, wenigstens zu sehen, wie der Eindruck der Nachricht auf den andern Gesichtern laute. Er glaubte die Schrecknisse, die Folgen der Monmouthschen Rebellion dort zu lesen. Man seufzte, man ballte unter den Aermeln die Fäuste und sah auf Sandy, der unbeweglich in der Mitte des Zimmers stand, die Augen nach der Decke gerichtet, die rechte Hand am Schwertgriff. So sprach er nach einer Weile:

»Wer sagt uns voraus, was dieser Oranien bringen, wer über ihn Macht gewinnen wird? – Der Herr allein entscheidet, wer fallen soll und wer stehen bleibt.«

Es fanden sich mehrere Exemplare der Proclamation. Einige behaupteten der Stallmeister, der vorhin hier zugegen gewesen, müsse sie ausgestreut haben, einer hielt dafür, dieser Stallmeister sei kein anderer, als der unter dem Namen Lower bekannte Hausirer, welcher, wie neulich bei seiner Verhaftung herausgekommen, als Agent der Generalstaaten schon zu Cromwells Zeiten für die Stuarts auf der Insel umher gestreift sei. Einige zweifelten ob die Proclamation ächt, andere, ob es möglich wäre, daß der Prinz ohne daß man von vielen Vorbereitungen gehört, eine Flotte zusammen bringen könne, um ein Heer nach England über zu schiffen. Aber mit dem Zweifel sprach sich die Hoffnung aus, während die Furcht zu schweigen gebot. Sandy nur sprach: »Und wenn der Herr mit ihm ist, so verwandelt er die Nußschaalen, die in der Scheide schwimmen zu Fregatten, und der heute nicht wußte, wo er eine Barke fände zum Fliehen hat morgen eine Flotte um hundert tausende überzusetzen.«

Sichtlich erwärmten sich die von langer Furcht starr gewordenen Herzen. »Er kommt! Er kommt!« war das Losungswort, wenn auch noch nicht auf den Lippen, doch in den Augen. Eine schmutzige Landkarte wurde vom Schrank abgerissen und gemustert, zehn Piloten wiesen mit dem Finger der Flotte den Weg von Helvoet-Sluice, Dover vorbei, in den Kanal. »Dazu gehört Ostwind,« meinte der Eine. »Wir haben Ostwind,« entgegnete ein Anderer, der zum Fenster hinaus sah. »Er bläst schnell durch den Obstgarten, daß Sandy seine Birnen nicht zu schütteln braucht.« – »Wo wird er landen?« rief Jemand. »Bei uns hier,« meinte ein Anderer, dessen breiter Finger fest auf der Spitze von Torbay haftete. Man lachte, Robert mit, ohne daß er es vermocht hätte, seinen ersten Vorsatz auszuführen und die Schenke zu verlassen. »Wenn ihn unsere Flotte durchläßt;« meinte jemand. »Dartmouth, der sie commandirt, liegt bei Harwich.« – »Es segelt kein englischer Matros gegen ihn,« rief unmuthig der Erste.

Hier wurde ihr Gespräch auf eine seltsame Weise unterbrochen. Ein alter Landsquire, in einer Büffeltracht aus Cromwells Zeiten, war auf einem eben so alten blinden Gaul in Gallop an das Fenster gesprengt, und als er die Gesellschaft drinnen ruhig um den Tisch gruppirt sah, hatte der Ehrenmann einen so kräftigen Faustschlag gegen die Scheiben gethan, daß die Glassplitter über die Köpfe der Politiker fort flogen. Er schrie:

»Jungens! seid Ihr denn taub und blind? – Alt-England für immer! Aber Euch und Euren Kindeskindern einen Haarzopf für immer! – Auf! auf! – Schw – – der Wind weht von Osten

– schmiert Eure Kehlen, er ist protestantisch, das ganze Meer ist voll und ihr Duckmäuser allein habt hier Maulaffen feil. Oranien für immer!«

»Es ist Sir Harbottle Grimstone!« rief man; »der protestantische Ritter!« ein Anderer, denn diesen Namen führte der Squire in der Gegend, weil, wie man behauptete, er sich alle Tage auf das Wohl des protestantischen Glaubens in den Nachmittagsschlaf hinein trank. »Er ist heut zu früh fertig geworden!« witzelte ein Dritter. Aber der Ritter, welcher schon fortgesprengt war, kehrte um und schrie:

»Nein Jungens, Oraniens Flotte ist auf dem Meere. Im puren hellen Angesicht! Daß Ihr blind würdet, einem protestantischen Cavalier nicht zu glauben.«

Der Glaube war da, ehe der Ritter geendet hatte. Aus Fenster und Thüre stürzte die Versammlung um bald am Strande zu sein, daß Sir Harbottle Grimstone kaum von Sandy einige Gläser »Gebranntes« erhalten konnte, um, wie er sich ausdrückte, »den Magen zu präserviren gegen Meereswasser.«

Auf den nächsten Dünen eröffnete sich den Zuschauern ein prachtvolles Schauspiel, wie es England seit der Landung Wilhelm des Erobrers nie gesehen hatte; und mit wie verschiedenen Gefühlen konnte heut Englands Volk dem lange Verbündeten, dem Erben seines Thrones dem ersehnten Befreier entgegen blicken, als jenem gewaltthätigen Abenteurer, dem nichts heilig war als sein Wille, und der, nicht um zu versöhnen, sondern zum Vernichten kam.

Es war einer der schönsten Herbstmorgen; der scharfe Ostwind hatte Nebel und Wolken verjagt, und auf der weiten Spiegelfläche des Meeres sah man eine stolze Flotte, von beinahe fünfhundert Segeln, hoch geschwellt, und von der Morgensonne beleuchtet. Auf den Flaggen grüßte die Inschrift: Die protestantische Religion und die Freiheiten Englands. Ich will sie aufrecht halten. Als die Flotte die Meerenge passirte, wimmelten die Küsten von Dover und Calais von den Zuschauern zweier Nationen, angelockt von dem imposanten Schauspiele, das über das Schicksal nicht von England, von ganz Europa entscheiden sollte. Ob Willkür und Fanatismus das Recht behalten sollten die Vernunft zu höhnen, und uralte, von ihr geheiligte, Einrichtungen mit Füßen zu treten? um die Frage handelte es sich im Auge der Unterrichteten. Englands mühsam errungene Verfassung und kostbare Glaubensfreiheit lag im Kampfe mit einer Macht, die ihren Besitzern eben so heilig dünkte. Aber Europas erste und weiseste Monarchen erkannten, daß auch diese königliche Macht, trotz dem Abglanz himmlischer Majestät, ihre Gränzen finde, wenn sie mit der Vernunft in Streit gerieth. Ludwig XIV., der ohne andere Titel als seine königliche Lust, Städte und Länder ihren Herren entriß, der Fürsten, so unumschränkt wie er, vor seine Reunionskammern lud, sich zu verantworten, Ludwig, der ein Reichsgesetz, das seine königlichen Ahnen in den Grüften geheiligt hatten, im Anfall der Laune umstieß und seine getreusten Unterthanen der unveräußerlichen Rechte auf ihr Vaterland beraubte, lehrte sie, daß selbst diese vom Himmel ererbte Macht auf morschen Säulen ruhe, wenn sie von den Geboten der Vernunft sich trenne und die Gesetze verachte, welche der Glaube bei den Völkern geheiligt hat. Der weise und fromme Leopold, ein herber Vater gegen seine protestantischen Unterthanen, die ihm wie verlorne Söhne dünkten, ja selbst Spaniens König unterstützte ein Unternehmen, das scheinbar gerichtet gegen die katholische, in der That zur Erhaltung jeder Religion und zur Begründung des wankenden Rechtes gegen die Willkür beitrug. Deutschlands, vor Ludwigs Uebermuth zitternde, Kurfürsten liehen Oranien ihre Heere, und Brandenburgs Friedrich Wilhelm empfahl auf seinem Todtenbette dem Sohne: seinen Bluts- und Geistesverwandten, den großen Oranien zu unterstützen, damit England eine Säule in Europa bleibe für die protestantische Glaubens- und Geistesfreiheit. Der sterbende Greis sah mit prophetischem Auge voraus, daß sein eigenes nur durch seine hohe Kraft wieder erschaffenes Reich, wie England für Europa, die Säule des protestantischen Deutschlands sein werde, ein Reich wo unter dem Scepter der Weisheit und Besonnenheit neu erweckte Wissenschaft blühen und der Geist in weiten, nur von der Achtung begränzten, Bahnen werde thätig sein.

So schiffte der klar und hell blickende Oranien, von den Wünschen des ganzen gebildeten Europas begleitet, als ritterlicher Held für Recht, Glaubensfreiheit und Vernunft, nach England über. Nicht ängstlich, vertrauensvoll waren auf ihn die Blicke gerichtet, als den besonnenen Mann, der durch eine kühne That das schwankende Gleichgewicht Europas wieder herstellen und den Uebermuth seines unversöhnlichen Feindes Ludwig strafen werde. Es wußte Niemand, was das Ziel des Unternehmens sei, – wußte er doch selbst nicht bis wo es hinausgehn werde, – aber es war Oranien, der an der Spitze stand. Unter dem Donner des Geschützes und dem Spiele der Musik von allen Schiffen erfolgte bei günstigem Wetter die Ausschiffung. Ein fremdes Heer betrat Englands Boden, in feindlicher Absicht gegen dessen König, und nur heiße Freudenthränen und offne Arme empfingen die zum Angriff gerüsteten Soldaten.

Es war nicht jener wilde Ausbruch der Volkslust der Triumph des Sieges, entflammt durch wilde Redner. Es fühlte ein jeder die Bedeutung der ungeheuren That und die Freude blieb stumm in der von der Erwartung des Kommenden gepreßten Brust. Mehrere Regimenter waren schon ausgeschifft, als Oranien selbst, umgeben von den ersten Männern Europas, an's Land trat. Mit froher und stolzer Miene führte ihn der reichgekleidete Admiral Herbert, der die Flotte befehligt hatte, vom letzten Brete auf den trockenen Sand und sprach, sich leicht verneigend, mit dem Triumph eines Siegers: »Sir, dies ist England.«

Von vornehmen Engländern blickten voll stolzen Gefühls auf ihn der Graf von Shrewsbury, der Graf von Macclesfield, Lord Mordaunt. Die Freude Admiral Russels, eines Vetters des unglücklichen Lords, war mit schmerzlichen Rückerinnerungen verknüpft. An seiner Seite ging Heinrich Sidney, Algernons Bruder, auch der junge Philipp Sidney, der liebenswürdigste Mann jener Zeit, Lord Dumblain, der Sohn des Grafen Danby, jenes Ministers, der während eines langen Gefängnisses Volkswuth und ungerechten Eifer des Parlaments schmerzlich gefühlt hatte; alle jetzt einig in dem gemeinsamen Dienste. Gleich wie an den normannischen Eroberer Abenteurer und Ritter aus allen Nationen sich thatenlustig angeschlossen hatten, begleiteten auch diesen Wilhelm berühmte Generale aus allen Völkern Europas, unter denen am meisten ein würdiger Greis hervorglänzte, der Feldmarschall Schomberg, dessen Name damals durch ganz Europa erklang.

Oranien war ein großer, eher hagerer als beleibter Mann. Die ernsten Züge des länglichen Gesichtes waren entfernt von jener Anmuth des Mienenspiels, welches den unglücklichen Monmouth so interessant machte. Das klare Auge und der Verstand, der daraus hervorleuchtete, gab ihm indessen einen wohlgefälligen Ausdruck, welcher allen, die für den Ernst des Lebens empfänglich sind, mehr Zuversicht und Wohlbehagen einflößte, als Monmouths freundlichstes Zuvorkommen. Aber die Höflinge aus Karl II. Zeit, nur für »Plaisanterien« empfänglich, vermochten wenig die ernsten Blicke des Fürsten zu würdigen, woher die mannigfachen Mißverständnisse entsprangen, welche die Regierung eines der gemäßigsten, weisesten und kräftigsten Regenten trübten.

Nur diesmal, versichert ein glaubhafter Augenzeuge, habe sich die Freude unverhohlen auf dem Gesichte des großen Mannes ausgesprochen. Sein Auge war feucht, er drückte mehreren Freunden die Hand und sagte zum Doctor Burnet, als dieser etwas behutsam aus dem Kahne stieg:

»Wären Sie, wie ich, ein Prädestinatist, Sie sprängen so sorglos vom Bret auf den Sand, als ich von Helvoet-Sluice nach Torbay. Gewiß es steht in demselben Buche geschrieben, daß Sie und ich dabei nicht fallen sollten.«

»Wie es in einem zugänglichern Buche,« erwiederte Burnet, »im Kalender geschrieben steht, daß Ew. Hoheit an demselben Tage als Retter unsere Küste betreten, wo einst die blutige Pulververschwörung der Jesuiten entdeckt wurde. Möge dies ein ewiger Rettungstag für das protestantische England bleiben!« –

Trotz der allgemeinen Freude glaubte man doch eine Scheu unter den Anwesenden zu bemerken, die, aus der Besorgniß entspringend, auch unter Oraniens Begleitern nicht ganz fremd blieb. Wenn auch zahllose Schaaren sich herzudrängten den Befreier und sein Heer zu erblicken, wenn auch reichlich Thränen flossen, so waren es doch meist nur vorüberziehende Menschenmassen, wenigstens trat noch kein einziger Großer zu Oranien über, denn die Scheu der Erste zu sein und die Erinnerung an die barbarische Rache nach Monmouths Einfall war hier im Westen noch zu lebendig. Auf dem ganzen Wege bis Exeter trat bis auf Sir Harbottle Grimstone kein Mann von einiger Bedeutung zum Fürsten über, und auch dieser Squire aus der alten bessern Zeit mußte unterwegs wieder entlassen und mit zwei holländischen Reitern auf seinen Landsitz zurückgebracht werden, da die Freude über Oraniens Landung ihn dergestalt alles Maashalten vergessen lassen, daß er schon vor der Mittagsstunde den tiefsten Nachmittagsschlaf antrat.

Auf zwei Männer hatte der Auftritt am Strande vielleicht den lebhaftesten, wiewohl einen ganz verschiedenartigen Eindruck hervorgebracht. Sandy hatte Oranien gesehen, aber in vertraulicher Nähe bei ihm einen Admiral Herbert und so viele Männer, die er als Spötter und einst als Verfolger der Gläubigen kennen gelernt; er sah wie Oranien dem Doctor Burnet die Hand reichte und dies entflammte ihn zu einem Zorn, den er nicht unterdrücken konnte. Als man ihm vorstellte, wie Burnet, ein Licht in seiner Kirche, immer zu den Gemäßigten gehört und Versöhnung zwischen Episcopalen und Presbyterianern gepredigt habe, rief er aus: »War denn Satan je furchtbarer, denn da, wo er wie ein Engel des Lichtes erschien!« Und als er eine Botschaft zu Hause vorfand, welche ihn unter lockenden Versprechungen aufforderte noch einmal sein Schwert zu ziehen für einen König, der allen, »die einen Bund mit Gott geschlossen,« wie es lautete, völlige Duldung, Freiheit und noch mehr auf Kosten anderer verhieß, hob Sandy den Arm und rief seine Getreuen, um mit einem kleinen Häuflein die aus den wüthendsten Verfolgern der Heiligen gebildeten Schaaren zu vermehren.

Während der Bischof von Exeter durch übereilte Flucht nach London den königlich Gesinnten ein Beispiel gegeben, das gleiche zu thun, sollte es einer muthigen Frau überlassen bleiben die zögernden Whigs zu ermuntern. Lady Harriet Wentworth rückte mit einigen zwanzig Reitern, Pachtern und Vasallen ihres Oheims Lovelace zur Mittagszeit in das Städtchen Cirencester. Zwei Trompeter riefen die Bürger auf den Markt und ein Herold, mit dem Wappen Englands und Oraniens Farbe geschmückt, verkündete ihnen in wenigen Worten das Nahen ihres Befreiers. Harriets Schönheit, – ihr Gesicht glühte vom Strahl der Freude, – die Worte mit dem Tone der Sicherheit ausgesprochen, die Trompetenstöße wirkten wunderbar. Man strömte aus den Häusern, die Marktbuden wurden geschlossen, Jung und Alt drängte sich die schöne Frau zu erblicken, wie sie, eine Standarte in der Hand, von leuchtenden Federn das Haupt umwallt, auf ihrem Zelter einhersprengte. »Freiheit!« – »Oranien!« »Kein Papstthum!« hallte es dumpf durch einander. Man hatte sie erkannt, und das Gerücht vergrößerte sich im Umlaufen. »Monmouths Gattin!« das Wort lockte hier Thränen aus den Augen, während man schon in wenigen Minuten auf der andern Seite des Marktes sich zuflüsterte »Monmouth lebt!«

»Ich sagte es ja,« rief ein blinder Krämer »er ist nie hingerichtet worden. Ein anderer hat sich für ihn köpfen lassen und er kehrt wieder.«

Harriets Freude galt für einen Beweis, daß ihr Gatte nicht gestorben, Einige machten sogar den ältlichen Lord Lovelace, der seiner Nichte folgte, zu ihrem herzoglichen Gemahl, und während das Volk voll unbändiger Lust Oraniens Namen mit dem Monmouths leben ließ, mußte auch die Berauschte das traurige Mißverständniß bemerken.

»Ja er lebt!« rief sie aus, »denn Englands Freiheit war Monmouths Leben.«

Auf der Mitte des Marktes zeigte sich Harriet als Rednerin, und Worte wie Freiheit und Religion in so bezaubernden Tönen, von so reizenden Lippen und mit so begeisterten Augen gesprochen, mußten lauter zu den Herzen der Jugend sprechen als die durchdachtesten Reden, welche alle Gründe für die Rechtmäßigkeit des Aufstandes auseinandersetzten. Weniger bei dem Lieblingsthema des Volkes, dem unterdrückten Glauben, verweilend, malte sie Russels Schaffot, Algernon Sidneys heroischen Tod; als sie aber von Monmouth sprach und statt der Dame ein erleuchteter Engel zu ihnen zu reden schien, vermochte Niemand mehr zu widerstehn. Sie brauchte nicht erst die practische Nutzanwendung zu ziehn, daß es nicht genug sei, zu weinen und zu wünschen, daß es gelte den Augenblick nutzen. Hunderte schrieen nach Waffen und ehe eine Stunde verging, stand wirklich ein Theil der Bürgerschaft mit Degen und Büchsen auf dem Markte, wie wohl zu den vorher Anwesenden in keinem Verhältniß, indem mancher Lehrbursche von seinem Meister, mancher Sohn vom Vater, mancher Ehemann von der Frau und mancher, der sich auf dem Wege nach Hause eines Bessern besonnen, durch sich selbst zurückgehalten wurde.

Aber noch während die Glocken läuteten, und die gemusterte Mannschaft, Wilhelm von Oranien als Befreier Englands proclamirend, auszog, drangen ganz entgegengesetzte Töne aus der Vorstadt herein. Unter dem Schall zweier Trompeten und dem Rufe: »Es lebe König Jacob!« rückte bewaffnete Miliz in geschlossenen Gliedern den Bürgern entgegen zum Thor herein. Die Sicherheit ihrer Bewegungen verrieth einen entschlossenen Anführer. Harriets Gegenvorstellungen ungeachtet, hielt ihre Mannschaft es für gerathen sich auf den breitern Markt zurückzuziehn, um Raum zur Vertheidigung oder zur Flucht zu finden. Der Anführer der Miliz schien es indessen zu keinem von beiden wollen kommen zu lassen. An der Spitze einiger Kürassiere sprengte er aus den Reihen der Miliz hervor und auf den Lord zu:

»Mylord Lovelace!« rief er diesen an. »Im Namen des Königs frage ich Sie, für wen bewaffneten Sie diese Bürger?«

Es war Raleigh Loscelyne. Die Standarte schwankte in der Hand der Heldin. Sie hatte sich muthig gefühlt in die offene Schlacht zu gehn, nur diesem Streiter gegenüber wich ihre Kraft. Lord Lovelace, der gewohnt war, seine Nichte in dieser Angelegenheit als Rathgeberin zu betrachten, warf ihr fragende Blicke zu, was Raleigh als Zeichen des Sieges auslegte:

»Werft die Waffen des Aufruhrs fort, Mylord, sie ehren keinen Lovelace. Die Engländer bleiben ihrem rechtmäßigen Könige treu, und wenn alle Monarchen der Welt kämen und ihnen erklärten, er sei nicht werth ihr König zu bleiben.«

»Treu,« entgegnete Lovelace, »so lange der König ein Engländer bleibt. Einem Rasenden, der gegen seine eigenen Kinder wüthet, versagt ein Vernünftiger den Gehorsam.«

»Wer gab Euch das Recht zu Gericht zu sitzen über einen gekrönten Stuart? Die Waffen fort, Mylord Lovelace! oder, bei Gott, es fließt Bürgerblut in dieser friedlichen Stadt und Ihr nehmt den Fluch des Hochverraths auf Euer Haupt.«

Lovelace war nicht der Mann sich durch Drohungen schrecken zu lassen, wenn er auch gern den Entwurf gewagter Unternehmungen seiner feurigen Nichte überließ.

»Im Namen Wilhelm von Oraniens,« rief er mit lauter Stimme zu den Bürgern und Vasallen, »des rechtmäßigen Thronfolgers, der zu uns kommt in Frieden, Mißbräuche und Kränkungen abzustellen, im Namen Wilhelm von Oraniens befehle ich Euch diesen Mann, Sir Raleigh Loscelyne, in Verhaft zu nehmen.«

»Ihr wollt es,« sagte Raleigh und senkte den Degen, sich zu den Seinen zurückwendend, als Harriet sich ihm näherte. Sie hob nur die Hände zu ihm empor und nur ihre Augen sprachen, aber eine Sprache verständlicher und eindringender, als es Worte in dem Getümmel vermocht hatten. Beide sahen sich heut nach drei Jahren zum erstenmal wieder. Sie reichte ihm die Hand, er führte sie zum Munde, während Harriet flüsterte: »Denke an Monmouths Todestag. Es ist vergebens. Du hältst nicht mehr, was sinken muß. Was willst Du freiwillig mit hinab Dich stürzen? Komm zu uns herüber.«

Er blickte ihr scharf ins Gesicht, nur scheu den Druck der Hand erwiedernd. Dann fuhr er heftig über die Augen, als wolle er ein Bild vertreiben und flüsterte zu ihr geneigt: »Und ist es vergebens, will ich mit dem Gedanken untergehn, mit dem ich lebte.«

Hierauf wandte er sich zur Miliz zurück und sein in wildem Lachen hervorgestoßener Ruf: »König Jacob im Leben und Tode!« wurde laut wiederholt. Lord Lovelace hatte nicht bemerkt, daß ein Beamter während ihres Gesprächs die Aufruhrakte verlesen. Als er mit dem prüfenden Blick des Hauptmanns seine Schaar mustern wollte, fand er wenig mehr Bürger in den Waffen, als seine mitgebrachten – Vasallen. Es fielen nur wenige Schüsse, und Lovelace, umringt von einer großen Mehrzahl, mußte sich, da er einsah, daß jede Vertheidigung nur unnützes Blutvergießen nach sich ziehe, ergeben. Raleigh versicherte Harriet, daß er, was von ihren Papieren nicht von Staatsangelegenheiten handelte, verbrannt habe.

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