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Mendele Moicher Sforim: Schloimale - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorMendele Moicher Sforim
titleSchloimale
booktitleDie Fahrten Binjamins des Dritten - Die Mähre - Schloimale
publisherWalter-Verlag
year1962
firstpub1924
translatorSalomo Birnbaum
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130827
projectida044b65b
wgs9110
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Vorspiel

1.

Also spricht Mendele der Buchhändler: Gibt es denn jemanden, der heil an allen Gliedern von der Reise käme, der nicht Seitenstechen fühlte, dem der Rücken vom eng aneinandergepreßten Sitzen der Passagiere im Wagen nicht weh täte? Sobald man nur den Wagen besteigt, gibt man gleich seine Knochen als vogelfrei dran: Wer da Lust hat, mag einem nun auf die Füße treten. Das ist ja etwas ganz Gewöhnliches. Aber war das ein schrecklicher Schmerz, den ich in allen meinen Gliedern spürte, als ich nach einer langen, schweren, unangenehmen Reise nach Schwarza kam – mög' es Euch nicht zustoßen, liebe Leser! Damals fühlte ich es unwiderleglich in mir, wie wahr die Worte unserer heiligen Weisen über den Vers »ich habe das Gute vergessen« sind.

»Das Gute«, sagen sie, »bedeutet das Bad.« Ganz einfach ein Bad, so wie es sich gehört, mit allem Drum und Dran, mit den obern breiten Bänken, mit den langen Stangen, auf die man – um Vergebung! – die Hosen, die Strümpfe und dergleichen hängt; mit dem Bader, der bei einer brennenden Kerze in einem Winkel sitzt, die Leute schert und zur Ader läßt. Dieses »Gute« hatte ich damals lebensnötig. Aber ach, all diese Dinge, mit denen die Kleinstädte unserer Gegend gesegnet waren – in der großen Stadt Schwarza waren sie ganz unbekannt. Schon darum allein ist das Leben in den großen Städten gar kein Leben, das unsere Juden aus Dümmingen und Schnorringen aushalten könnten.

Als ich erkannte, daß ich hier das gewünschte Heilmittel nicht bekommen würde, nahm ich die übliche Arznei, die ein Jude gewöhnlich im Notfall gebraucht: das heißt, ich tat, als ob ich nichts wüßte, schlug mir die Schmerzen aus dem Kopf – »bah, 's ist nichts!« – und ging nach dem Marew-Gebet aus dem Gasthof, um in Geschäften Kaufleute zu sehen und auch bloß Bekannte zu treffen.

Ein besonderes Ungewitter kam plötzlich vom Norden daher. Es wurde dunkel und finster. Schwarze Wolken rundum. Die Menschen wurden von Panik ergriffen und liefen wie von Sinnen umher. In unsern Zeiten hat sich das Klima überhaupt geändert, das Wetter ist wirr und toll geworden, grade wie die Papiere an der Börse, die an einem Tage zehnmal steigen und fallen, und wie das ganze nette heutige Geschlecht. Schon zu Sommerende war plötzlich eine Änderung in die Luft gekommen, es gab Wolken, Kälte und Wind, die Sonne verschwand, die Welt wurde öde, Finsternis begrub sie. Ziegen und Böcke sprangen in den Gärten herum, zertraten und vernichteten alles, was noch dort war. Es war rein eine göttliche Heimsuchung. Die Schweine wühlten und rissen jedes Stücklein Gemüse aus, die Arbeit der Menschen ging zugrunde. Die Bäume verloren ihren Schmuck, den ihnen der Frühling geschenkt hatte. Sie waren in einem jämmerlichen Zustand, wie Melamdim ohne »Blätter«. Sie bogen sich, bebten, zitterten, schlugen sich mit den Ästen den kahl gewordenen Kopf. Man sah es ihnen gar nicht an, daß sie einst geblüht und den Menschen gute Früchte gebracht hatten. Die kleinen Tiere suchten Löcher, um sich in die Erde, die Fliegen, sich in irgend eine Spalte an der Wand zu flüchten. Manche Geschöpfe gingen auf die Wanderung, über weite Meere bis ans Ende der Welt. Die Erde trauerte, alles war voll Schwermut, alles fühlte: Im nächsten Nu wird der Winter da sein, der böse Herrscher, und wird die Erde öde machen. Aber Jomkipper war vorbeigegangen, dann war auch Ssikkes vorüber, gottlob. Endlich kam der Winter. Aber es wurde nicht so arg, er kam ohne Sturm und ohne Getobe. Er war ja gar nicht ein solch böser Wüterich, wie es geschienen hatte, im Gegenteil, er war gutmütig und wandte der Erde ein freundliches Antlitz zu. Das Herz wurde ruhig. Es war so wie süß und sauer zusammen. Die Fliegen zeigten sich wieder, sie bewegten sich wie trunken und tanzten auf dem Fenster ein Kosakentänzlein. Auch die Mücken krochen scharenweise aus ihren Löchern hervor und flogen summend in wirbelnden Tänzen durch die Straßen. Eine Akazie in einem Garten überlegte sich's nicht lange und machte sich plötzlich ans Blühen. Und die Menschen wollten sich einreden – das liegt in ihrer Art –, daß Wunder auf Erden geschähen, daß es sich jetzt, will's Gott, zu Gutem wenden werde. Die armen Leute freuten sich und die Schnorrer faßten Mut. Man hoffte auf gute, helle Zeiten, warm würde es werden, will's Gott. Aber plötzlich mochte der Winter der Welt seine Macht und seine Bedeutung zeigen. Es stürmte, schneite und regnete, als wenn die Welt untergehen wollte.

Der Wind ließ nicht nach. Der fallende Schnee stach mich wie mit Nadeln. Ich senkte den Kopf und hielt den Kaftan fest, damit mir seine Schöße nicht über den Kopf wehten. So ging ich ganz krumm gebückt zu Schloime Reb Chajems, einem alten Bekannten von mir.

2.

Dieser Schloime hatte früher in Dümmingen gewohnt und die Dümminger hatten ihn in großen Ehren ausgehalten. Nicht etwa, daß sie Geld an ihn verschwendet hätten, behüte! Nicht einen Pfennig! Um einen Pfennig ließe sich ein Dümminger beide Augen ausreißen, wenn man ihn nicht an der Peje packt. Das ABC der Weisheit beginnt für ihn mit M: Münze. Sie macht ihn zu einem richtigen Wesen, zu einem Erzfrechling, zum Führer und zur Autorität in der Gemeinde. Aber wie war es hier?! Reb Schloime war ein Schriftsteller, ein Autor, und die Dümminger bildeten für ihn den Quell seiner Erzählungen. Das will sagen, er sah den Dümmingern aufmerksam zu, betrachtete ihr ganzes Tun, nach Art der Forscher, welche die Natur der Wesen beobachten und über Ungeziefer, Kriechtiere und alle Arten von Getier und Vieh sprechen. Als er mit der Natur der Dümminger Wesen, mit der Art ihres Lebens, mit ihren Eigentümlichkeiten und ihrem Treiben vertraut war, schilderte er sie und schuf ein wunderbares, herzerfreuendes Bild, das im Publikum sehr gesucht war und von dem er ganz hübsch sein Auskommen fand.

Auf den ersten Blick sollte man glauben, daß die Dümminger keine Möglichkeit hatten, etwas dagegen zu sagen und es ihm übel zu nehmen. Was kann es einen schließlich kümmern, wenn jemand irgend welchen Nutzen hat, bei dem man selber kein Geld zusetzt? Aber – sie waren damit sehr unzufrieden. Man höre, es ist rein wie eine Geschichte aus Sodom. Und was war der Grund? Das wissen wir bis heute noch nicht. Es gibt sogar ein ausdrückliches Gesetz gegen solche Unbill. Das Gericht wäre eigentlich verpflichtet gewesen, ihnen zwangsweise und mit Gewalt den Mund zu stopfen, sie an allen Vieren wie das liebe Vieh zu binden und sie dann so vor ihn hinzulegen: »Hier, schreibe, bitte! Schildere sie zu deinem eigenen Vergnügen und zum Vergnügen des Publikums.« Aber er selbst hatte sie schon links liegen lassen. Warum? Erstens kam da wirklich die Pflicht des Mitleids in Frage – man darf ja keinem lebenden Wesen, nicht einmal einem Floh, wehe tun. Zweitens bekam er es wirklich einfach satt, sich immer mit den Dümmingern abzugeben; auch an Krapfen überißt man sich. Und drittens muß ja alles einmal ein Ende haben.

Reb Schloime bemerkte sehr wohl, daß der Quell, aus dem er schöpfte, langsam – um Vergebung! – faulig und stinkend zu werden und von verschiedenen kleinen Wesen zu wimmeln begann, mit denen zu beschäftigen es sich nicht verlohnte. Auch hörte er, daß sich ganz neuartige Kreaturen gezeigt hätten, die Klügelstädter, deren Aussehen auf den ersten Blick dem der früheren glich, die aber doch anders, eine bisher noch nicht genügend auf Wesen und Weise untersuchte Art von Chamäleonen wären; sie wären sehr merkwürdig, verlangten alles zu wissen und nach seiner Natur zu ergründen; es stünde zu hoffen, daß mit der Zeit der Forscher käme, dem es beschert wäre, sie gründlich zu untersuchen und die Welt mit ihnen bekannt zu machen. Darum gab Reb Schloime seine Dümminger preis, ließ sie laufen und verließ Dümmingen.

Ob Reb Schloime von den Klügelstädtern freudig begrüßt worden und ob er Freude an ihnen gehabt hatte, wie lange er bei ihnen geblieben war, wie weit er sich mit den sonderbaren Wesen beschäftigt hatte und ob es ihm gelungen war, sie gründlich kennen zu lernen, wußte ich nicht. Möglich, daß auch sie ihm zum Überdruß wurden und er lieber einem Aas die Haut abgeschunden hätte, als mit ihnen zu tun zu haben. Aber das wußte ich bestimmt, daß er heute in Schwarza eine eigene jüdische Schule hatte.

Nach dem schweren Weg durch Regen und Schnee tappte ich mich in der Finsternis an eine Tür heran und kam mit Gottes Hilfe sehr respektvoll in ein Vorhaus hinein. Selbstverständlich ging ich von hinten durch die Küche, wie es ein Jude mit Lebensart zu tun pflegt.

Der Jude kommt – so ist es Brauch – ganz leise und demütig gebückt zur Tür herein, kaum daß man einen Laut hört. Und plötzlich steht er, wie aus der Erde gewachsen, vor dem Hausherrn, um ihn plötzlich zu erwischen, bevor er Zeit zur Flucht findet, recht wie der Bär, »der da luget nach Beute, die er zerrisse«.

Diese jüdische Eigenart ist ein Denkmal der schweren Armut, die uns seit unvordenklichen Zeiten im Exil drückt. Seit die Schnorrer erschienen sind, seit der Nehmer mehr sind als der Geber, begannen sie, auf der Suche nach Brot in den Häusern herumbettelnd, sich aller kunstvollen Jagdlisten der Jäger zu bedienen. Sie kamen immer von hinten, ganz leise, damit der arme, um sein Geld zitternde Hausherr keine Zeit zum Entrinnen habe. Und diese Art des Eintretens, ein geschlechterlanges Erbe, ist uns bis heute verblieben.

Eine Weile stand ich ganz still im Vorderzimmer, nestelte am Rock und an den Pejes, hob ein bißchen die Mütze, um das Käpplein darunter zurechtzurücken, wie man so zu tun pflegt, und blickte nebenbei rasch ein wenig ins nächste Zimmer. Dort saß man an einem langen, mit einem weißen Tischtuch bedeckten Tisch. Ein stark ergrauter Mann hatte den Ehrenplatz auf einem Armsessel inne, drei Männer saßen an der einen, eine schöne Frau und Mädchen an der anderen Seite des Tisches. Auf einem kleinen Tischlein stand ein kochender Samowar und gab ganze Säulen grauen, im Schein der Hängelampe rot leuchtenden Dampfes von sich. Eine süße, erquickende Wärme und Helligkeit herrschte im Hause. Man trank Tee und plauderte vergnügt miteinander.

Als ich mich im Vorderzimmer genügend zurecht gemacht hatte, betrat ich das Zimmer und blieb schweigend an der Tür stehen.

»Wer ist da?« fragte der Alte, ohne sich von seinem Platz zu rühren.

»Es ist nichts ... Ein Jude ... Guten Abend!« antwortete ich, ohne den Mund recht aufzutun, und blieb auch immer noch an der Tür stehen.

»Was sagt er?« fragte der Alte verwundert und erhob sich, um zu mir zu kommen.

»Was er sagt? Nichts. ›Guten Abend‹ sag ich.«

»›Guten Abend‹ ist sehr schön und sehr gut, aber ich bitt' Euch, Herr, was wollt Ihr?«

»Was ich will? Nichts will ich. Bloß so. Hereingekommen. Wenn's nun schon so ist. Ich war gerade im Gehen begriffen, da dachte ich nur, es wäre recht, einen alten Bekannten aufzusuchen. Wie geht's, Reb Schloime? Ach, wie viel Jahre haben wir einander nicht gesehen, wir sind beide in der Zeit alt geworden. Eure Haare sind ja schon ganz weiß. Trotzdem habt Ihr Euch gar nicht verändert, ich erkannte Euch sofort an Eurer hohen Stirn und an Eurer Kurzsichtigkeit, es sind noch dieselben feurigen Augen, dieselben Lippen, auf denen Zürnen und Lächeln gemeinsam schweben, dieselbe Glut und dieselben Handbewegungen beim Sprechen, so wie in der Jugend. Ihr seid ein alter Bub, um Verzeihung! Nun, und mich – erkennt Ihr mich nicht?« fragte ich mit herzlichem, freundlichem Lächeln und richtete mich, mit der Hand am Bart, in meiner ganzen Länge auf.

»Ah, wartet nur, wartet ein Weilchen«, sagte Reb Schloime und musterte mich scharf. »Ach, ich hab's! Reb Mendele! Ach, mein lieber Freund, Reb Mendele Buchhändler! Willkommen! Warum seid Ihr so leise im Dunkeln durch die Küche hereingekommen und steht an der Tür?«

»Ja, wie denn anders? Hätte es mit Glocken verkündet werden sollen? Nehmt es nicht übel, daß ich mit den Schuhen Morast in die Stube gebracht habe.«

»Aber ich bitt' Euch! Morast ist bei uns Juden seit Ägypten her eine Erinnerung an den Ziegellehm«, antwortete Reb Schloime. Er nahm mich freundlich am Arm, stellte mich allen vor, die drei Männer mit Namen nennend, und sagte: »Das sind jüdische Schriftsteller, meine lieben und treuen Freunde.«

Jüdische Schriftsteller und – treue Freunde?! verwunderte ich mich sehr im stillen. Das Beißen und Kratzen von Katzen in einem Sack kam mir dabei in den Sinn, und ich verzog recht sonderbar meine Nase.

Ich setzte mich an den Tisch, und man stellte mir ein Glas Tee hin. Das Gespräch wollte nicht glatt von statten gehen und war nicht mehr so lebhaft und laut wie früher. Bald waren alle verstummt, als hätten sie die Sprache verloren. Ein solches Schweigen entsteht häufig in einer Gesellschaft, wenn jemand Neuer dazu kommt. Aus diesem Schweigen tönt das leise Gebell des bösen Hundes, der in unserem Menscheninnern liegt. Es bedeutet Verdacht, Unzufriedenheit, Feindseligkeit, eine Andeutung für den Neuen: »Geh zum Teufel, mein Lieber, damit wir dich los sind!«

Nur das Vieh kommt einander gutmütig entgegen. Wenn eine Kuh zum Beispiel an der Krippe steht und eine zweite daherkommt und ihren Schädel auch in die Krippe steckt – nun, dann ist weiter nichts dabei, dann stehen eben beide und essen ruhig und in voller Freundschaft. Darüber hat man sich nicht zu wundern. Denn das ist ja schließlich Vieh, es sind gewöhnliche, tiefstehende Wesen ohne Verstand.

Aber die Menschen sind nicht so, die haben doch Vernunft, die sind schlau, die kommen einander menschlich entgegen, auf ihre Weise.

Diese Art Schweigen ist dem Neuhinzugekommenen sehr unangenehm. Er gerät in Verwirrung, verliert die Macht über sich und über seinen ganzen Körper. Hände, Füße und Augen bewegen sich ganz merkwürdig und ohne sein Wissen. Die Nase – um Vergebung! – steht voll wie ein Rinnstein. Man weiß nicht, was man mit sich anfangen soll. Die peinliche Lage lastet wie ein schwerer Stein auf dem Herzen.

3.

Ich wünsche Reb Schloime ein langes Leben, weil er sich endlich erbarmte und die Gäste zum Reden brachte. Sobald nur der Anfang gemacht war, ging das weitere dann schon wie eine Mühle. Man sprach sehr laut. Es ist ja eine bekannte Erscheinung, daß Schriftsteller viel schwatzen und mehr sprechen als Frauen. Sobald sie den Mund öffnen, strömen die Worte wie aus einem durchlöcherten Sack. Auch ich öffnete meinen Mund, zeigte meine Kunst und sprach unaufhörlich. Das gefiel ihnen, und wir wurden bald, wie es bei Juden so geht, wahre Freunde, will sagen, sehr vertraut.

»Wir wollen auf unseren früheren Gegenstand zurückkommen«, begann Reb Schloime. »Vor Reb Mendele brauchen wir uns nicht zu scheuen, er ist darin sehr erfahren und in dieser Materie besonders bewandert. Ja, er soll hören und seine Meinung sagen.«

»Wovon wird denn gesprochen? Worüber erhitzen sich denn die Gemüter so sehr?« fragte ich, schon in ruhiger Stimmung.

»Worüber können Schriftsteller streiten?« antwortete Reb Schloime. »Über Schriftsteller und Bücher! Sagt, Reb Mendele, was ist das Schreiben für ein Ding, was steckt eigentlich dahinter? Das ist der Kern der Frage, über die wir uns vorhin ereiferten.«

»›Und die Weisen sagen‹ – und was ist hier gesagt worden?« gab ich den Gästen die Ehre, sie sollten zuerst ihre Meinung äußern.

»Es ist ein göttlicher Geist im Menschen, dessen nicht jeder gewürdigt wird«, sagte einer von den Schriftstellern und ein zweiter stimmte ihm bei.

»Und ich sage«, meinte ein dritter, «daß Schreiben ein Ding ist, das Vorbereitung und Kenntnisse verlangt. Wer Hirn und Bildung hat, der schreibt.»

»Das Schreiben«, ließ ich mich vernehmen, um ihnen aufzufallen, «das Schreiben ist nicht mehr als ein Wahnsinn, eine Art Krankheit, so wie zum Beispiel bei vielen Juden der Trieb, zum Ummed zu gehen und vorzudawwenen, um den Leuten ihre Stimme zu zeigen.»

»Reb Mendele will alles negieren«, sagte Reb Schloime und legte einen Finger an die Nase, gleichsam, als sei er böse, während sein Gesicht lächelte. «Nur abgewartet, meine Herren! Ich will mich nicht mit den höheren Sphären, die den ersten Teil der von meinen Kollegen umstrittenen Frage betreffen, beschäftigen, was nämlich das Schreiben ist. Ich will nur meine Meinung über die zweite Hälfte der Sache sagen: wozu das Schreiben dient.

Hört! Die Vernunft des Menschen ist die Quelle aller Gedanken, die Gedanken kommen aber nur durch die Sprache zur richtigen Vollendung und notwendigen Klarheit. Mit ihrer Hilfe materialisieren sie sich und bekommen die entsprechende Gestalt. Darin liegt eben der Vorzug des Menschen, daß er sprechen kann. Und da die Sprache des Mundes die Gedanken des Geistes in ihre körperliche Form bringt, muß sie auch die Mittel haben, die ihr zur richtigen und meisterlichen Arbeit verhelfen. Ein solches Mittel ist das Schreiben oder die geschriebene Sprache. Der Schreibende ist in seiner Sprache sorgsamer als der Redende. Er sucht und wählt die passenden Worte, reiht sie mit Überlegung wie Perlen aneinander, damit Geist und Form, wie Seele und Leib, zu einander stimmen, nicht mehr und nicht weniger, als es vonnöten ist. Daraus geht also hervor, daß sich durch die schriftliche Sprache mit der Zeit die Sprache des Mundes verbessert, der Gedanke klarer, der Verstand weiter wird.»

»Das alles betrifft nicht uns«, kritisierte einer aus der Gesellschaft. «Durchsucht mal unsere ganze heutige ›Literatur‹, wenn man das Wort anwenden darf. Ihr werdet nichts weiter finden als bloße Worte, Moralpredigten, Ratschläge, Spitzfindigkeit, Unsinn, Übertreibung, tolles Lob und absonderliche Beschimpfungen – alles so recht wie bei Schiemiehlen hinterm Beßmeddresch-Ofen. Das zeigt die Gedankenleere und Gefühlsarmut. Nicht genug an dem, daß der Kopf unfruchtbar ist, daß er keinerlei Neues, keinen einzigen lebendigen Begriff und neuen Gedanken hervorbringt – noch mehr, er fühlt nicht einmal, daß ihm etwas fehlt. Darum hält sich der unbedeutendste Skribler für eine Größe, für klüger als die ganze Welt, für ihn gibt es nur ›ich‹ und ›ich‹. ›So sage ich, so meine ich und so rate ich.‹ Alle sind sie hochmütig, die wunderbaren Moralprediger, bemerkenswerten Erfinder, großen Raterteiler, staatsmännischen Köpfe; jeder möchte einen Sinai haben, auf dem er stünde und seine mit ›Ich‹ anfangenden und mit ›Ich‹ aufhörenden Gebote hinunterriefe.»

»Aber, aber«, widersprach ich heftig dem Kritiker. In meinem Herzen wußte ich zwar, daß er Recht hatte, doch war ich hartnäckig und log – es möge nicht gesagt sein – zur Ehre unserer feinen Weisen.

»Unsere Schriftsteller«, trat ein anderer mit seiner Kritik auf, «schreiben selbst nichts Wissenschaftliches, sondern – darüber. Das heißt, sie halten andern Strafreden, sticheln, zeigen, wie nötig es ist, daß man es schreibe. Von den Dingen, mit denen sie sich beschäftigen, haben sie keine Ahnung und wollen nicht einmal wissen, was schon vorher darüber gesagt worden ist. Jeder ist ein Adam und beginnt bei der Weltschöpfung, immer von neuem wiederholt sich das Alphabet. Unsere früheren Weisen werden nicht erwähnt, es ist keine Spur mehr von ihnen bei uns zu finden.

Auch die Geschehnisse unserer Tage verschwinden wie Traumgebilde. Viele Ereignisse werden in unserer Zeit nur deshalb nicht niedergeschrieben, weil man sich törichterweise einbildet, daß dies Sache des Geschichtsschreibers künftiger Generationen sei; der werde die Dinge erst ganz objektiv nach der reinen Wahrheit beurteilen können. Aber inzwischen, bis das geschehen kann, gehen viele Ereignisse unserer Zeit verloren und dann – in jenen fernen Zeiten, da ein Altertumsforscher kommen und aus den noch vorhandenen verstreuten, armseligen Materialstücklein ein Gebäude errichten wird – wird es mehr Fehlendes als Verfügbares geben, und das Werk wird überhaupt höchst baufällig sein, wenn man nicht etwa glauben will, daß jüdische Geschichtsschreiber Propheten sind, die in die Vergangenheit schauen und aus dem Nichts etwas hervorbringen, zumindest aber Leute, denen es genüge, wenn man ihnen das Nadelöhr gibt, und die den Elefanten zum Hindurchführen dann schon selbst heranschaffen. Doch Gott weiß, ob es solche Männer in späteren Geschlechtern geben wird. Aber ein künftiger Historiker mit menschlichem Verstand wird die jüdischen Schriftsteller unserer Zeit beschuldigen und schmähen, daß sie das Leben des Volkes nicht zum Material ihrer Bücher genommen und den nach ihnen Kommenden nicht genügend Baustoff hinterlassen haben, sondern sich mit ›Abhandlungen‹ lächerlich machten, mit Spitzfindigkeiten, mit Debatten, mit Nebensachen, mit ungereimten und unmöglichen Phantasien. Und am wenigsten wird das den Schriftstellern unserer Zeit verziehen werden«, fügte er hinzu, indem er bedeutungsvoll mit dem Finger gegen Reb Schloime wies, »die das Volk gut kannten, mit klein und groß in engem Zusammenhang standen, die mit allen seinen Eigentümlichkeiten vertraut, aber zu faul waren, das niederzuschreiben.«

»Meine Herren, Reb Mendele zittert, er fürchtet, daß ihr ihn mit dem Hauch eures Mundes verbrennet«, sagte Reb Schloime lächelnd, da er sah, wie mich diese Worte aus dem Gleichgewicht brachten und wie ich vor lauter Verwunderung Gesichter schnitt. »Nur Ruhe, Reb Mendele, es ist nicht so schlimm; wenn sich Schriftsteller hinsetzen und ein Gespräch beginnen, dann brennt es lichterloh um sie herum, es brennt, aber niemand fällt in Asche, behüte. Ihr Blut siedet. Gelehrte entbrennen ja selbst in einem gewöhnlichen Gespräch, dann fliegen Worte wie glühende Kohlen. Ich kenne euch, Kameraden, ich weiß, daß ihr im Herzen gar nicht so streng seid, wie euer Mund spricht. Ihr habt ja auch, behüte, nicht alle Schriftsteller gemeint, sondern nur einen Teil von ihnen, und wenn ihr heute strenger als sonst seid, so weiß ich, woher das kommt: Es ist heute Gewitterluft, es ist furchtbar, als ob die Welt untergehe! Darum seid ihr heute aufgeregter. Ich habe den Beweis an mir selber, ich bin heute aufgeregt und aus dem Gleichgewicht! Es ist keine günstige Zeit, Brüder! Auch das weiß ich, daß unter den Leuten, denen es später nicht verziehen werden wird – wie unser Kollege sagte –, daß sie zu faul waren, in ihrer Zeit unser Leben zu schildern, auch ich gemeint bin. Aber ich kann zur Verteidigung vorbringen, daß es mir ebenso ging wie Mohammeds Sarg, der angeblich in der Luft schwebt, weil ihn zwei Magneten von oben und unten anziehen, der eine her, der andere hin, und darum –«

Reb Schloime unterbrach sich mitten im Satze. Er nahm einen kalten Luftstrom wahr, der plötzlich ins Zimmer gedrungen war und beinahe die Lampe zum Erlöschen gebracht hatte, sowie Sprechen und Lärm bei der Familie im Vorderzimmer. Seine Frau und Töchter hatten sich nämlich bald nach dem Tee in der Gesellschaft der über die Lehre sprechenden Männer überflüssig gefühlt, sich erhoben und das Zimmer verlassen.

Die Frauen von Gelehrten erhalten sicherlich einen großen Anteil am Jenseits, weil sie im Diesseits bei ihren Männern gar nichts haben und viele Dinge bei einem Gelehrten grad umgekehrt wie bei einem gewöhnlichen Menschen sind. Ein gewöhnlicher Mensch spricht sehr viel mit der eigenen Frau, geschweige gar – mit der eines andern. Aber ein Gelehrter spricht nicht einmal mit dem eigenen Weib. Wenn ein gewöhnlicher Mensch spazieren geht, schlendert er langsam an der Seite seiner Frau, beim Hinein- und Hinausgehen geht er hinter ihr. Aber ein Gelehrter schießt vor seiner Frau daher und beim Hinein- und Hinausgehen beeilt er sich vorauszugehen. Ein gewöhnlicher Mensch hilft seiner Frau in den Mantel und leistet ihr Dienste, aber beim Gelehrten ist es so, daß seine Frau ihm in die Kleider hilft und ihm Dienste leistet. Wenn ein gewöhnlicher Mensch sich Gäste zu einem Spielchen einlädt, dann zieht er seine Frau dem Kollegium bei und sie spielt die ganze Nacht mit ihnen zusammen. Aber wenn Kollegen zu einem Gelehrten kommen, dann bringt ihnen die Frau Tee und bedient sie, und sobald sie fertig ist, ist für sie unter ihnen kein Platz mehr und sie geht rasch weg.

Ebenso war es auch mit der Frau und den Töchtern Reb Schloimes. Wir Gelehrten waren so sehr in unsere Angelegenheiten vertieft, daß wir ihrer ganz vergaßen und gar nicht bemerkten, ob sie anwesend waren oder nicht. Aber als ihre Stimmen aus dem vorderen Raum hörbar und ein kalter, ins Zimmer eindringender Luftstrom fühlbar wurde, dazu ein Geklopfe an den Türen – erwachten wir wie aus einem Traum. Bald darauf kam eine der Töchter herein und sagte dem Vater ins Ohr:

»Vater, da ist ein junger Mann gekommen, der bittet, daß er in der Schule übernachten darf.«

»Was? Ein junger Mann von der Gasse und bittet, daß er übernachten darf?« sagte Reb Schloime böse und verwundert. »Das ist nicht so einfach, da muß was dahinter stecken. Wieviel Diebstähle und ähnliche Dinge kommen in der Stadt durch derlei Kniffe vor. Er soll hereinkommen.«

Ein armer junger Mensch von ungefähr siebzehn Jahren erschien schüchtern in der Tür. Sein Äußeres war bedrückt, sein Kaftan zerrissen, geflickt und regennaß. Er schauerte zusammen und stand mit gesenkten Augen da.

»Woher kommst du, junger Mann? Und was willst du um Mitternacht?« fragte ihn Reb Schloime zornig.

»Übernachten«, stammelte der junge Mensch leise. »Ich bin hier fremd.«

»Was soll das heißen, ist meine Schule denn ein Armenasyl?« sagte Reb Schloime scharf. »Ich kenne den Kniff schon. Geh und leb wohl!«

Ebenso still wie der junge Mensch hereingekommen war, ging er auch wieder hinaus. Er beugte den Kopf, ohne ein Wort zu sprechen und sah uns nur mit einem Blicke an. Aber ach, mein Gott! Wieviel Weh, Leid und Qual, wieviel Herz, Gefühl und Flehen lagen in diesem Blicke!

Reb Schloime blieb nach dem Verschwinden des jungen Menschen verblüfft sitzen und verfiel in sorgenvolle Gedanken. Sein Ausdruck veränderte sich, so daß ich den Reb Schloime, den ich soeben gesehen hatte, kaum mehr erkannte. Vor mir saß ein altes, schwaches, vernichtetes Wesen mit tiefen Falten im Gesicht.

Wir waren auch in trübe Stimmung geraten. Der eine gähnte, der andere nießte, niemand sprach ein Wort.

Draußen stürmte es, der Wind riß an den Fenstern, blies durch die Spalten, blies und heulte in den Kaminen und tobte, um ins Zimmer zu dringen.

Wir standen auf, verließen mit bedrücktem Gemüt das Haus und gingen jeder heim.

4.

Am nächsten Tag kamen wir wieder am Abend bei Reb Schloime zusammen. Er hatte Kopfschmerzen und den ganzen Tag seine Stube nicht verlassen. Doch ging seine Frau hinein und sagte ihm, daß wir da seien, und er ließ uns auch wirklich gleich zu sich bitten. Sein Zimmer war nicht sehr groß. Es war ein Vergnügen, dort zu weilen, so rein und sauber war's in jedem Winkel. Möbel und Bücherschränke sagten, daß hier ein Gelehrter wohnte. Reb Schloime saß zurückgelehnt am Schreibtisch, mit halbgeschlossenen Augen in Gedanken vertieft. Vor ihm lag ein beschriebener und vielfach verbesserter Bogen und eine noch nicht ganz trocken gewordene Feder. Als wir eintraten, bemerkte er uns zuerst nicht. Dann aber kam er plötzlich zu sich und begrüßte uns freundlich.

Wir erfüllten bei ihm die Mizwe des Krankenbesuchs nach jüdischem Brauche. Es ist jüdischer Brauch, beim Krankenbesuch den Kranken mit seiner Krankheit als einer eingebildeten liebreich zu verspotten, wodurch man ihm die Schmerzen erleichtern will. Jeder hielt ihm nach seiner Weise eine Standpauke. Der eine sagte: »Wie kann ein Mensch, der anscheinend ganz gescheit ist, Frau und Kinder hat, hingehen, so eine Dummheit machen und sich krank ins Bett legen? Das gehört sich ja gar nicht!« Ein anderer sagte: »Meiner Seel', laß deine Schmerzen, pfeif auf die Krankheit, denk lieber daran, daß du, unberufen, erwachsene Töchter hast, und sieh zu, daß wir möglichst bald, will's Gott, auf ihren Hochzeiten tanzen.« Und er brachte ihm Beweise von sich selbst, von seinem Magen, von seinen Kreuzschmerzen und seinen Hämorrhoiden, die ihn so quälten, und »trotzdem ist es nichts, ich bin gesund, Gott sei Dank«.

Während die übrigen solche Gespräche unterhielten und als Menschen, die von Krankheiten geprüft waren, verschiedene Heilmittel empfahlen und sich für die Wirkung verbürgten, machte ich meine Sache sehr kurz, indem ich sagte: »Aber, meiner Seel', Reb Schloime«, nur um den jüdischen Brauch zu erfüllen und die Sache los zu sein. In solcherlei Dingen und auch im Glückwünschen und Trösten bin ich ganz schrecklich ungebildet wie kaum ein zweiter Mensch.

Reb Schloime stand von seinem Platz auf und nahm aus einem Kästlein ein Päcklein heraus, band es auf, legte es vor uns hin und sagte:

»Seht her, meine Herren, seht her, was da vor uns liegt.«

»Knöpfe sehen wir«, sagten wir alle zu gleicher Zeit, »weiße Beinknöpfe. Was soll denn das sein?«

»Das sind die Knöpfe meines einzigen Röckleins, das ich auf dem Leibe hatte, als ich in meiner Jugend, vor ungefähr vierzig Jahren, aus meiner Heimat in Litauen verschlagen wurde«, sagte Reb Schloime und nickte mit dem Kopf dazu.

»Aber was haben die Knöpfe mit eurem Unwohlsein zu tun, und wieso habt ihr euch gerade jetzt ihrer erinnert?« konnten wir nicht begreifen.

»Ach, sie haben sehr und sehr damit zu tun, sie gehören wohl zueinander! Wollte Gott, ich hätte sie gestern nicht vergessen«, sagte Reb Schloime mit einem schmerzlichen Seufzer. Er setzte sich wieder auf seinen Stuhl, schloß die Augen und schwieg eine Weile, in Gedanken versunken.

Dann hob er den Kopf und wandte sich mit folgenden Worten an uns:

»Ich bekenne vor euch, meine Herren, daß ich gestern durch mein hitziges Temperament in eine schwere Sünde verfallen bin. Ich habe ein armes, heimatloses, verlassenes Kind vertrieben, ein elend nacktes und hungriges Wesen, das um das Mitleid gebeten hat, daß man es in der finsteren, regengepeitschten Nacht in meiner Schule übernachten lasse. Nein, meine Herren, er hatte keine bösen Absichten, er war wirklich fremd und heimatlos, noch mehr, er war sicher einer von den Jeschiwe-Schülern in Litauen. Das wurde mir ja sofort klar, sowie er hinausgegangen war, an seinem demütigen Stehen, an seiner Kleidung und recht an seiner Bitte selbst. Mit einer solchen Bitte wird niemand aus der Stadt hier kommen, es würde ihm nicht einmal in den Sinn kommen, sondern gerade bloß einem Wanderer aus irgend einem Winkel in Litauen, wo das Beßmeddresch und die Jeschiwe den armen Schülern als Herberge dienen. Ich selbst bin ja mehr als einmal in meiner Jugend damit geprüft worden. Ich verbrachte die heutige Nacht in schwerem Kummer, ich konnte kein Auge schließen, so leid tat es mir, so schrecklich quälte mich mein Herz. Die Gestalt des elenden Jungen und gleichzeitig meine eigene Gestalt aus der Zeit, als ich noch ein Kind war, so wie er gekleidet, schwebten während der ganzen Nacht vor mir und marterten mich furchtbar. Zitternd und zusammenschauernd stand der unglückliche junge Mensch vor mir. Er schwieg. Nur seine Augen erzählten von seinen Leiden, aus seinem Gesichte flehte es: ›Mitleid mit einem Gequälten und Hungernden! Nimm den Fremden, Unbekleideten auf, laß ihn bei dir in einem Winkel übernachten.‹ Er stand mit brechendem Herzen und wartete auf Hilfe, aber statt zu helfen, fuhr man ihn an und jagte ihn hinaus. Still und beschämt ging er weg und beugte den Kopf, so wie ein Schwacher die Schultern beugt, wenn ihn ein Starker schlagen will – seine Gestalt war weg, und meine eigene kam! Sie kam, trat vor mich hin, rief mir die früheren Zeiten ins Gedächtnis und sagte: ›Entsinne dich nur, Reb Schloime, so bist du auch in deiner Jugend herumgeirrt, als du die Jeschiwe verließest, und so kamst auch du wie ein verirrter Vogel in ein Städtlein hier in der Gegend, nackt und bloß in einem zerrissenen Rock mit weißen Beinknöpfen und batest in einem Beßmeddresch, man möge dich ein wenig liegen lassen. Wie kannst du jetzt so schlecht sein, du Bösewicht, heute, da es dir gut geht? Wohin ist es mit deinem Herzen gekommen, da du ein großer Herr geworden bist und es dir mit Gottes Hilfe gut geht, daß du einen Elenden, Bedrückten und Armen hinauswirfst, du, der du selber einmal in seiner Lage warst? Gesetzt, du hättest ihm vielleicht kein Nachtlager bei dir gewähren, so hättest du ihm doch etwas Geld geben können, um in einem Gasthof zu übernachten. Und wenn schon kein Almosen aus der Tasche, so hättest du ihm zumindest ein freundliches Wort aus dem Munde geben können. Nicht genug daran, daß du ihm weder das eine, noch das andere gabst – hast du ihn noch so häßlich hinausgeworfen.‹ – Ach, möge sie euch nicht widerfahren, Brüder, die Pein von gestern und auch von heute noch!«

»Trotzdem sollt Ihr es Euch nicht zu nahe gehn lassen«, tröstete ich Reb Schloime. »Solche Dinge passieren sehr oft, sie sind ganz unwichtig, man macht sich nichts daraus. Nehmen wir zum Beispiel die großen Kaufleute, die berühmten Bankiers, überhaupt alle unsere Reichen, die ihre Leute so schlecht und unbarmherzig behandeln – wer sind sie denn selbst –, mög's ihnen kein Schimpf sein? Es sind fast alles Emporkömmlinge, die heute das große Wort führen. In der Jugend waren sie Ladenschwengel und Kellner und hörten von ihren Herren hundertmal des Tags Fluch- und Scheltworte. So geht's schon in der Welt, seit sie geschaffen ist. Wer die Peitsche in die Hand bekommt, der haut zu und erinnert sich nicht, daß er noch gestern in höchtseigener Person von dieser Peitsche was überbekam. Ein rundes Bäuchlein, Unverfrorenheit und Geld rauben das Gedächtnis. Alle Fehler und Hochnäsigkeit werden vom Gelde verhüllt. Kriegt man Geld, so hat man das Diesseits und die jenseitige Welt.«

»Euer Trost ist keine Antwort«, erwiderte Reb Schloime. »Das Böse hört darum nicht auf, böse zu sein, weil es etwas Alltägliches ist. Wenn man eine Sünde damit reinwaschen will, daß man sie oft und bei vielen Menschen findet, so heißt das so viel, wie wenn man sagen wollte, Kurzsichtigkeit, Taubheit und Stottern seien keine Gebrechen, weil es in der Welt so wahnsinnig viel Taube, Stumme und Blinde gebe. Denn wenn's so wäre, dann folgte daraus, daß sowohl der gute Trieb mit seiner Güte, als auch der böse Trieb mit seiner Schlechtheit keinen Pfennig wert seien. Nein, Reb Mendele, eure Worte sind vergeblich. Ich kenne meine Schuld und fühle, daß ich schlecht gehandelt habe.«

»Eben das hat dir Gott als Zurechtweisung geschickt, weil du es vernachlässigst, deine Lebensgeschichte niederzuschreiben«, sagte einer aus der Gesellschaft. »Wie oft und immer wieder haben wir dir gesagt, du sollst es tun, und du folgtest nicht.«

»Ja, dieser junge Mensch ist wirklich wie ein Bote von Gott gekommen, um dich anzutreiben, endlich an deine frühern Jahre zu denken«, unterstützte jemand den ersten Sprecher. »Jetzt hast du dich mal unwillkürlich an die Knöpfe aus deiner Jugendzeit erinnert. Hoffentlich wirst du dich auch daran erinnern, an die Beschreibung des damaligen jüdischen Lebens zu gehen, damit es nicht spurlos wie im Wasser verschwinde.«

»Wer hat euch das Geheimnis verraten, das jetzt in meinem Herzen liegt«, kam es von Reb Schloime, und sein Gesicht brannte. »Als ich heute Nacht aufgewühlt im stillen Zimmer auf meinem Bette lag, während draußen der Sturm schrecklich tobte, da traf's mich wie ein Blitz – der Gedanke war's, dieser Errater und Deuter, der im Herzen des Menschen sitzt – und deutete mir den Vorfall mit dem jungen Mann als einen Wink des Himmels. Seit damals hörte er nicht auf, mich anzutreiben und sagt: ›Schreibe!‹ Manchmal geschieht etwas im Leben des Menschen, was sogar den die Vorsehung leugnenden Freidenker zu dem Glauben zwingt, daß es einen Verborgenen gebe, einen, durch den alles besteht, jegliches Ding in seiner Zeit, nach den Bedingungen, die ihm von vornherein gesetzt wurden. Es scheint mir nach meinem Schicksal beschert zu sein, daß mir alles in der Welt stürmisch hergehe. Mein Leben ist ein tosendes Meer, meine Jahre sind rauschende Wogen, und meine Seele das hin und her geworfene Boot. Das erstemal, als ich mich selbst kennen zu lernen begann, geschah es auch im Sturm. – Es war im Frühling. Plötzlich kamen dunkle Wolken. Zwischen Gärten lief auf frischem, grünem Gras ein Knabe, barfuß, nur mit einem Hemd angetan und einer Mütze auf dem Kopf. Bald lief er geschwind, bald blieb er stehn. Seine Augen flogen nach allen Seiten und die Ohren, wie bei einem Häslein gespitzt, lauschten. Dieses Kind war ich in höchsteigener Person. Damals öffneten sich mir meine Augen zum erstenmal und ich entdeckte mich selber, vollständig wie ich war – ich entdeckte mich und starrte erstaunt auf das Bild, das vor mir stand. Ich war ganz allein, kein einziges lebendiges Wesen ringsum. Nur Himmel und Erde. Ein Zaun von der einen, ein Zaun von der andern Seite. Plötzlich – ein Stoß und ein Schlag oben in der Höhe! Der Ton rollte und zerfiel am Ende der Welt in viele starke Töne. Feurige Schlangen flogen zuckend über den Himmel. Das sind die Räder an Gottes Wagen, die da so dröhnen, dachte ich bei mir, Gott fährt dort oben im Himmel und knallt mit der Peitsche, daß die Funken sprühen. Eine Staubsäule erhob sich vom Boden, jagte einher und drehte sich wie ein Kreisel. Aber bald fuhr der Regen herab, ein freundlicher, warmer Regen, eine wahre Labe. Große Tropfen trommelten auf die Gartengewächse. Rettiche, Zwiebeln und ganz junger Knoblauch beugten die Köpflein, wie Kinder in den Schoß der Mutter und wuschen sich voll Wonne. Draußen rieselten von hundert Orten kleine Rinnsale, kamen unterwegs zusammen, weiter – und weiterfließend und an die Ohren rauschend. Und da plötzlich erschien das Rad seines Wagens, ein großes Rad dort oben am Himmel. Aber nur eine Hälfte war zu sehen in wunderbaren Farben, eine Lust zu schauen, und ein heller Glanz war gegenüber. Der Sonnenball trat, wie ein Bräutigam unter dem Baldachin, unter dem Rade hervor, und warf einen Blick zur Erde – da erstrahlte sie, er winkte den Wolken – da wurden sie rot.

Das war der Anfang der Begegnung mit mir selber, mit Gott und seiner Welt. Unter Donner und Blitz wurde das alles zum erstenmal enthüllt, und die menschliche Vernunft erstrahlte in mir durch den Sturm. Dieses wundersame Bild hat sich mir ins Herz gegraben. Nimmer werde und will ich die ganze Landschaft vor mir vergessen. Damals verstand ich die Sprache der Natur um mich, ich erfühlte sie mit dem Herzen des unschuldigen Kindes. Ich verstand die Sprache der Kräuter und Pflanzen im Garten, das Lied, das die Wasserrinnsel plapperten, und das Gequake des Frosches, der bis zum Hals im Schlamm lag und mit großen Augen glotzte, ich verstand es wohl, ich antwortete ihm ja mit derselben Stimme und quakte wie er. Und als ich in den Hof unseres Hauses trat, kam das Kalb aus dem Stall heraus und dehnte die Glieder, senkte den Kopf, hob den Schwanz und muhte; auch die Henne mit ihren Küchlein kam hervor, sie pickten piepsend im Mist herum; und der Hahn ging aufgereckt und hochfahrend voran und schrie Kikeriki; auch die Katze sah ich, wie sie vom Dache herabkam, an der Wand kletterte und miaute – ich wußte, was sie wollten, ich antwortete jedem in seiner Sprache: Ich muhte, miaute, piepste laut. Aber nicht verstehen konnte ich die Ohrfeige, die mir der Vater gab, und die Bedeutung des Geschreis, das die Mutter über mich erhob, als sie mich, waschelnaß vom Regen, erblickte. Welchen Zweck sie damals verfolgten und was für einen Zweck mein Lehrer und andere Leute hernach mit mir verfolgten – das habe ich nicht verstehen können.«

Reb Schloime stützte den Kopf eine Weile schweigend an die Rückenlehne. Am Ausdruck seines Gesichts und seiner Augen war zu erkennen, wie tief er aufgewühlt war, und wir verstanden ihn. Sein Leben zog wie ein dorniger und felsiger Weg an ihm vorbei, bergauf über hohe, spitze Schroffen und in tiefe Abgründe hinunter. Jetzt, da er die alten Bündel Leid geöffnet hatte und da er mit dem Finger die noch nicht ganz geheilten Wunden berührte, mußte er sehr schweren Schmerz empfinden. Als er sich ein wenig beruhigt hatte, begann er weiterzusprechen.

»Ich will euch heute das zu Ende sagen, wobei ich gestern noch am Anfang unterbrochen wurde. Es ist schon lange her, daß meine Feder zwischen zwei verschiedenen einander gerade entgegengesetzten Ansichten steht, so wie Mohammeds Sarg angeblich zwischen zwei Magneten schwebt. Während sie von der einen Anschauung getrieben wird, Altes und Vergangenes zu beschreiben, kommt sie mit der entgegengesetzten in Bedrängnis und soll die Vorgänge unserer Zeit schildern. Die beiden streiten in meinem Innern miteinander, so wie sich zwei Händler um einen Kunden zanken und jeder die Ware des andern herabsetzt. Der eine sagt: ›Behüte einen Gott vor der modischen neuen Ware und vor den netten Juwelen, die es heute bei uns gibt! Alles was man sieht, ist purer Schwindel, Augenblendwerk, versilberte Scherben und hohle Eier, von außen hui und Putz, von innen pfui und Schmutz. Es gibt gar keinen echten Typus mit eigenem Willen und eigenem Charakter. Es sind bloß aufgezogene klägliche Golems, eine Art Puppen, scheint's, die Lippen öffnen, trommeln und blasen, die Töne und Laute nicht aus lebendiger Seele, sondern durch irgend einen Mechanismus von sich geben. Wahrhaftig, laßt sie liegen. Hier, nehmt lieber Kleinodien aus Väterzeiten, das ist lebendig und hat eigenen Wert.‹

Dagegen von drüben schreit man: ›Kommt zu mir, seht meine Ware, seht das dort gar nicht an, es hat ja schon Modergeruch, was habt ihr, Herr, von dem verschimmelten Zeug – eben darüber schilt man ja jetzt so sehr in der Welt, daß die Juden von der Gegenwart der Welt so losgelöst sind und den Sinn nur in der Vergangenheit haben, daß sie verkehrt, mit dem Gesicht nach rückwärts gehen, darum den Weg vor sich nicht sehen können und stolpern und fallen. In ihrer ganzen Lebensführung im Hause, in der Synagoge und in ihrer Literatur sind sie wie die Toten. Tot sind sie bei Lebzeiten und leben wollen sie nach dem Tode. Ein Jude gilt gar nichts, so lange er noch lebt, erst nach dem Tode kommt er durch eine schöne Grabinschrift zu Ansehn – alle Verstorbenen bekommen den Titel: Fromm und gerade, freigebig, weise. Rettich und Zwiebel werden zu Zedern, aus einer Plötze wird am Friedhof ein Leviathan. Mit einem Wort, das Heute ist ihnen nichts. Aber in Wirklichkeit liegt des Lebens Kern doch gerade mitten im Herzen des Augenblicks. Der Mensch, der als Lebewesen vielfache Bedürfnisse hat, ist verpflichtet, nach Kräften Mittel zu entdecken und zu verbessern, um sich das Dasein angenehm zu gestalten. Das heißt also, daß er mit allen Menschen seiner Zeit zusammenarbeiten muß.‹

Nur Geduld, bitte«, sagte Reb Schloime, der sah, daß wir ihn unterbrechen wollten. »Ich weiß, was ihr mir antworten wollt. Ihr wollt sagen: ›Für sich allein genommen ist keine jener beiden Anschauungen richtig, weil jede für sich doch nur eine Seite der behandelten Frage darstellt.‹ Alles in der Welt hat zwei Seiten, und die Wahrheit kann nur entstehen, wenn man beide zugleich erfaßt. Aber das kann entweder nur ein sehr weiser und abgeklärter Mensch, oder im Gegenteil, ein Toller, der hin und her rast, der nicht wählerisch ist und dem, wie einem Tagelöhner, jede sich bietende Arbeit recht ist. Stein, Lehm und Ziegel zum Bauen herbeizutragen oder eine Mauer niederzureißen, im Mist zu graben und einen Stall zu säubern – das macht ihm keinen Unterschied –, wenn er nur arbeitet und sein Geld kriegt. Ich aber gehöre zu den Menschen der Mitte, die nicht nach jeder Arbeit greifen. Und wenn die sich mal eine Sache in den Kopf gesetzte haben, bleiben sie dauernd dabei und weichen kein Haarbreit von diesem Wege ab. Und ich bin noch dazu – es sei vor euch bekannt – von Natur aus lässig, ich denke mehr als ich tue. Sowie ich nur auf irgend ein kleines Hindernis stoße, mache ich mich gleich sehr gern von der Arbeit los. Wenn die Anschauungen also in mir im Zwiespalt sind, an meiner Feder stehen und sie jede zu sich hinziehen wollen, treffe ich die Entscheidung nach berühmtem Muster: ›Geh weder zur einen noch zur andern, sondern bleib liegen, bis der Messias kommen wird.‹ Und nun kam er! Der junge Mensch kam plötzlich mit dem Sturm und kehrte mich wieder zur Vergangenheit zurück. Jetzt ist mein Sinn vollständig auf jene Zeit gerichtet, dahin, wo ich in der Jugend lebte. Alt, leidensatt, mit zermartertem Herzen, von den fliegenden Pfeilen des Lebenskampfes verwundet und von harten und schweren Qualen geprüft, kehrte ich zu meiner frühern Welt zurück, und die Phantasie brachte mir aus dem Grab ihr Zauberwerk hervor, wie die Zauberin dem König Saul in En-Dor, verschiedene Bilder und Gestalten, mit gar vielen andern merkwürdigen alten Dingen aus frühern Zeiten. Sie krochen hervor und blickten mich böse an, weil sie sehr wohl begriffen, was meine Rückkehr zu ihnen bedeutete und wozu sie gerufen wurden – sie wußten, daß ich gekommen war, um sie zu holen und der Welt zur Schau vorzuführen.

O weh, meine kleine Welt von damals ist sehr enge. Da wachsen keine Granatäpfel, da blühen keine Rosen, da ist nicht viel Freude zu sehen, da fließt nicht Milch noch Honig. Ihre Bewohner sind sehr gewöhnlich, es sind Juden, arme Teufel mit Bärten und Pejes und mit langen Röcken, hager, mager und ausgemergelt, gebückt, krank, niedergedrückt, unglücklich, elend und vor dem hellen Lichte zitternd. – ›Es tut mir leid, meine Freunde, eure alten Knochen zu belästigen, Tote in höchsteigener Person auf die Szene zu bemühen. ‹ – Und wer weiß, ob sie einer guten Aufnahme gewürdigt werden. Es gibt ja heute viel unserer Jüdlein, die sich sehr um ihre Nase betrüben, die Armen, weil sie so dasteht und es jedem zuschreit, daß ihr Besitzer zu den Söhnen Jakobs gehört! Wenn sie nur die Möglichkeit hätten, würden sie ihre Nase mit einer andern vertauschen. Und da kommt plötzlich der Teufel mit einer Ladung Juden daher, die alt und verschimmelt, ganz absonderlich in ihrem Stehn, in ihrem Gehn, in ihrem Sprechen und in ihrem ganzen Gehaben sind – wenn man's so nennen kann –, um ihnen vor der Welt Schmach zu bereiten.

Nein, meine Brüder, ich scherze nicht, ich sag's euch da ganz ernst und offen, was mir Kummer macht und um dessenwillen ihr mich in solchen Sorgen und tiefen Gedanken antraft. Und es ist ja wirklich wahr, was gibt es denn von unserm Leben zu meinen Zeiten zu erzählen? Mit großen und wunderbaren Dingen haben wir die Welt nicht überrascht. Herren und Fürsten, Generäle und Heerführer waren wir nicht; Romane mit schönen Damen haben wir nicht erlebt; wir haben es nicht versucht, uns wie zwei Böcke zu duellieren, oder als Zeugen zuzusehen, wie zwei Leute ihr Blut vergossen; mit Frauen und Mädchen auf Bällen Quadrillen tanzen – davon haben wir nichts gewußt. Wir sind in Flur und Wald nicht auf die Bärenjagd gegangen; wir bereisten den Ozean nicht auf eigenen Schiffen, um neue Inseln zu entdecken; wir hatten nichts mit Tänzerinnen und Schauspielerinnen zu tun und haben unser Vermögen nicht für Primadonnen und Genüsse verschwendet. Kurz, all diese süßen Beigaben zum Kern der Erzählung, um ihn schmackhaft zu machen und um die Leser zu packen – das alles gibt es bei uns nicht. Statt dessen haben wir den Melammed, das Chejder, den Belfer, Heiratsvermittler, Bräutigame, Bräute, Frauen, Kinder, Chliezes und verlassene Frauen, Witwen und Waisen, Abbrändler, Herabgekommene, alle Arten von Armen, solche, die am Tag vor Schabbes, vor Jontew, vor Roschchoidesch und halt auch so am Montag und Donnerstag betteln gehn, Luftmenschen, Vorsteher, Unterstützungsempfänger, Leute mit Almosenbüchsen, alle Arten von Leid, Armut, Bettel, alle möglichen Arten sonderbarer Berufe – das ist unser Leben, ach, wir Bedauernswerten! Ein Jammerleben, ohne Freude, ohne ruhigen Sinn, dunkel ohne einen hellen Schimmer, ohne einen Lichstrahl; ein Leben, das wie eine Speise ohne Pfeffer und Salz schmeckt.«

»Ihr irrt, wahrhaftig, Reb Schloime«, sagten wir. »Zugegeben, meinetwegen, daß im Leben der Juden das Gewürz fehlt, so hat es dafür wieder einen gewissen jüdischen Geschmack. Es gibt eine Sorte Käse mit Maden, für den die Feinschmecker phantastische Preise geben und den sie mit besonderem Appetit essen. Eben die Herbheit unseres Lebens ist seine Auszeichnung, sie ist für den Kenner viel schmackhafter als jene unangenehme Süßlichkeit, von der einem manchmal zum Brechen übel werden kann. Honigkuchen ist nur was für kleine Kinder. Das Leben Israels ist im Innern schön, so häßlich es von draußen her aussieht. Im jüdischen Leben wohnt ein starker, ein göttlicher Geist, der wie ein Wind immer weht und Wellen in ihm aufwirft, um es von Schmutz und Fäulnis zu reinigen. Donnerschläge und Blitze, Pogrome und Stürme, die es manchmal überfallen, läutern es und geben ihm neue Kraft. Das jüdische Volk ist wie Diogenes – Israels Haupt reicht in den Himmel, es erkennt Gottes unendliche Größe –, und es wohnt unter den Völkern, wie Diogenes in seinem Faß, auf engen Raum aneinandergepreßt. Unter den Misthaufen im Chejder, in der Jeschiwe und im Beßmeddresch glüht das Feuer der Thora und verbreitet Licht und Wärme im ganzen Volke. Alle unsere Kinder, arm und reich, klein und groß, lernen die Lehre und sind in ihr bewandert. Ein solches Leben«, sagten wir, »ist gerade würdig und passend, den kommenden Geschlechtern geschildert zu werden.«

»Zugegeben, wie ihr sagt«, erwiderte Reb Schloime, »so gilt das doch nur für das Leben der Volksgesamtheit. Aber wodurch verdiente es denn mein eigenes Leben, für sich genommen, was gibt es denn Neues an ihm, daß es der Schilderung wert wäre? Ich habe dieselben Dinge erlebt wie tausend andere bei uns. Ganz gewöhnliche Dinge. Gibt es denn ein zweites Volk auf Erden, bei dem die ganze Art des Lebens jedes Einzelnen von der Geburt bis zum Tode so nach dem gleichen Muster ginge, wie bei uns Juden? Erziehung, das Studium der Lehre, das Beten und die Melodie eines jeden Gebetes und eines jeden Pismen, eines jeden Stücklein Pajet, einer jeden Sslieche – alles geht nach festgesetztem, bestimmtem Brauch, selbst Essen und Trinken gehen nach überall gleichem Brauch. Hat man denn je gehört, daß zu einer bestimmten Stunde, etwa am Schabbesvorabend, ein ganzes Volk – so wie die Juden – dasselbe essen: Fische, Lockschen und Zimmes? Und Schabbes am Morgen Rettich und Sulz, Leber und gehackte Eier mit Zwiebeln und einen eingebrannten Brei mit einem großen Markknochen drin? Daß man an dem und dem Tag Krapfen, an einem andern Hamans-Täschlein und an einem dritten ein gelbes Striezel mit Safran essen muß? Wenn einer in Berditschew ›Jeder, der da heiligt‹ zu sagen oder ›Der Lebende und Dauernde‹ zu schreien beginnt, dann ist die gleiche Melodie und der gleiche Ton auch am andern Ende der Welt in Argentinien zu hören. Wir sind eine Gemeinschaft von Milben, eine ist der anderen ganz gleich. In der Zoologie ist von der Gattung der Milben, aber nicht von jeder einzelnen die Rede.«

»Auf den ersten Blick scheint ihr Recht zu haben«, erhielt er zur Antwort, »das jüdische Leben sieht wahrhaftig so wie bei den Milben aus; ja, alles geht nach einer und derselben Weise. Aber in Wirklichkeit gibt es doch einen großen Unterschied: Die Milben müssen von Natur aus das tun, was der ganzen Gattung bestimmt ist und dürfen kein Haar davon abweichen. Aber bei den Menschen ist es anders. Die gleiche Sache, die in der Natur irgend einer Sache liegt, bekommt bei jedem Individuum ein ganz anderes Aussehen, denn jeglicher tut sie nach seiner Art und anders als ein anderer. Jeder Mensch hat einen bestimmten Charakter im Sprechen, im Lächeln, im Blinzeln, im Gang, in seiner Art zu essen und zu trinken, obwohl all dies eine allen Menschen gemeinsame Gabe Gottes ist. Und noch mehr ist der Mensch an seinem Stil, seiner Art zu schreiben, erkennbar. Die gleichen Dinge erscheinen bei einem jeden Schriftsteller verschieden. ›Zwei Propheten‹, sagen unsere Weisen, ›sprechen nicht im gleichen Stil.‹ Ihr widerspricht vergebens, Reb Schloime! Ihr müßt eure Lebensgeschichte schreiben.«

»Meinetwegen, vielleicht tue ich es für mich selber, aber nicht für andere«, sagte Reb Schloime, um irgendwie loszukommen. »Ich bin damit einverstanden, meine Erlebnisse nur für mich niederzuschreiben, aber es soll so wie diese Knöpfe bei mir liegen bleiben, um zur Erinnerung an mein früheres Leben zu dienen und mich vor Sünden zu schützen.«

»Nein, Reb Schloime, schreiben und auch wirklich drucken!«

»Wenn's schon so ist«, meinte Reb Schloime lächelnd, »wenn ihr schon vom Drucken sprechet, dann geht gleich weiter und zählet eine Arbeit nach der andern auf, die ein jüdischer Schriftsteller zu besorgen hat. Also der Reihe nach: schreiben und Subskribenten sammeln; drucken lassen und korrigieren, sich mit dem Herrn Setzer herumplagen; ein großes, der Anzahl der Wörter im Buche entsprechendes Druckfehlerverzeichnis anfertigen; hausieren gehn, die Bücher verteilen und aufdrängen, sich vor einer jeden Null, vor einem jeden Kerl erniedrigen, sich mit Geizhälsen und andern solchen Kreaturen, die sich drücken wollen, in Debatten einlassen; sich bücken und betteln zur Ehre Gottes, seiner Lehre und der heiligen Sprache des Herrn und Israels; viele Bücher an Bekannte verschenken und an Buchhändler bis zum Kommen des Messias auf Borg geben; und ganz zum Schluß den Rest als Makulatur verkaufen, einen Pfennig den Zentner! – Nein, Brüder, für diese Arbeit passe ich nicht.«

»Habt ihr denn vergessen, Reb Schloime, daß ein Mendele Buchhändler existiert und Gott ihn nicht unnütz erschaffen hat?« nahm ich stolz das Wort, als jemand, der in solchen Dingen Bescheid weiß. »Ah, ihr seid – um Vergebung – mit der Liste der Arbeiten nicht zu Ende gekommen. Den Tausch habt ihr vergessen, das bedeutet die Seelenwanderung, die jüdische Bücher um unserer Sünden willen erdulden. Irgend ein Buch verwandelt sich da in eine Tchinne von Ssure baß Toiwem, die Tchinne wandelt sich zur Kinne, die Kinne zu Messingleuchtern, Messingleuchter zu einem Schoifer, ein Schoifer in eine Sslieche, in ein Machser, Sslieche und Machser in Wolfzähne, in ein Kolboi oder einen Talles-Kuten. So nimmt es immer neue Gestaltung an, bis es zerrissen und zerfetzt und zu Lumpen geworden ist. Es gibt noch eine Art von Werken, die um der Sünden ihrer Verfasser willen wie Steinklötze liegen bleiben, daß sich Gott erbarme, die zu nichts zu gebrauchen sind als zu Spucknäpfen – man darf ja aber auf Blätter aus heiligen Büchern nicht spucken! Aber, Reb Schloime, geht nur daran und schreibt ganz unbesorgt. Das, was nach dem Schreiben zu geschehen hat, übernehme ich schon. Die ganze Geschichte hier mit uns ist wahrhaftig vom Himmel geschickt. Seht, auch ich bin in einem Sturm zu euch gekommen.«

Reb Schloime schwieg und drückte mir freundlich die Hand, als wenn er sagen wollte: »Na, ich will euern Wunsch erfüllen.«

Glück und Gesundheit, Reb Schloime! Denn du hieltest Wort.

Nach einem Jahr sandte er mir viele von seinen Schriften zu, die ich mit Gottes Hilfe bald drucken lassen werde.

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