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Schlafwandler

Arthur Holitscher: Schlafwandler - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchlafwandler
authorArthur Holitscher
year1919
firstpub1919
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleSchlafwandler
pages151
created20110628
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Heute!« sagten sich Kay und Moina einige Nächte später, »werden wir zu den Stillen gehen. Wir müssen leise auftreten, denn ihr Gehör ist vom langen Horchen in den Nächten ohne Schlaf so empfindlich geworden.« Sie machten sich auf den Weg.

Wie ein Nebelstreif wallte der schwere Vorhang zur Seite, und sie traten in die Halle ein.

Keiner hätte in dem großen, unfertigen, mitten im Bau stehengebliebenen Ziegelgemäuer diesen herrlichen dunklen, vom Kaminfeuer ganz durchwärmten Raum vermutet. Er war hoch und gewölbt. Die Wölbung war mit den Zeichen und in den Farben des Himmels und seiner Kreise bemalt. Der Helm des Kamins verlor sich an der Decke, und die Scheite, die aus großen, uralten Eisenböcken brannten, sandten ihre Flammen gerade empor wie Opferfeuer.

Die Nacht hinter dem hohen gotischen Fenster war sternenlos. Die Wände der Halle zeigten keinerlei Schmuck. Eine einzige schmale Reihe von Büchern in Pergament-Einbänden zog sich 119 rings um die Wände, aber sie faßte den Raum nicht in einem Kranze ein, unvollkommen brach sie in der Mitte der Fensterwand ab.

In altertümlichen Lehnsesseln saßen alte Menschen um das flackernde Kaminfeuer. Braungesprenkelte Handrücken, zitternde Knochenfinger, von denen die Ringe zu gleiten drohten, streckten sich der Glut entgegen. Dunkle, alte Menschen, weiß schimmernde, geneigte Stirnen, hohe zitternde Stimmen. Mitten unter ihnen ein zartes, kindhaft junges Mädchen in weißem Seidenkleid. Sie hatte sich einen kleinen Schleier um den Hals gebunden, ihre Hände lagen gefaltet auf dem Schoß. Das Feuer im Kamin flackerte rot auf ihren durchsichtigen Wangen, ihren Lippen, tanzte in ihren Augensternen. Einer der Greise sprach.

»Das Schönste war doch, das erstemal vor dem endlosen Meer nach dem Westen hin, die halbe Sonne war schon ins Meer getaucht, was von ihr noch übrig blieb, wie ein Torbogen, und darin erschien ein großes Schiff mit allen Segeln, es fuhr hinaus, es war nicht zu sehen gewesen vor Sonnenglanz, aber jetzt, da es Abend war, konnte man es sehen, es fuhr durch das Tor hinaus! Das war das Schönste im Leben.«

120 »Wer war auf dem Schiff?« fragte das junge Mädchen. »Wer fuhr mit dem Schiff?«

Der Greis sah sie an, er hörte ihre Worte, aber er schien ihren Sinn nicht zu verstehen. Er sagte: »Der erste Stern war zugleich am Himmel erschienen, über dem Segler, genau über dem höchsten Mast.«

Ein leises Lachen zitterte vom Feuer her, eine Frauenstimme: »Der erste Stern war das Schönste, auf der Ebene, im Sommer über den Bergen.«

Das junge Mädchen lachte leise und heiß auf: »O, in der ersten Zeit, mit dem Geliebten gesehen!«

Die Greisin aber schwieg, es war, als verstehe sie die Worte des jungen Mädchens nicht. Und doch saß sie ja da an der Seite ihres Gatten, der vor unendlichen Jahren ihr Jugendgeliebter gewesen war. Und dieses Beieinandersein mußte doch lebendig geblieben sein in ihrem Gedächtnis!

Der Greis aber, der im Sonnentor das Segelschiff gesehen hatte, saß für sich allein. Er war ein Dichter gewesen in den guten Jahren seines Lebens. Er war's gewohnt, laut zu sagen. was er dachte und fühlte; es stand in seinem Herzen keine Schranke zwischen der Dichtung und der Wirklichkeit, alles war so grenzenlos eins in ihm. Darum hatte er sich gewöhnen müssen, allein für 121 sich und weit fort von den anderen zu sitzen. »Die Adern im Stein und die Beeren, an denen die Stare picken im Herbst, und die Knospen am Wacholderbaum und die kleinen Wellenkräusel in den Bächen, die durch die Wiesen laufen! Alles das ist das Schönste auf Erden!«

Und wieder kam das leise, zitternde Lachen der alten Frauenstimme vom Feuer her: »Gestern, da habe ich ein Gewandgewebe zwischen meinen Fingern gehalten, das war das Feinste, was ich je betastet habe, so fein wie mein alter Brautschleier. Es war in der Dunkelheit auf mich zugekommen, es war kein Körper in dem Gewand, und es kehrte auch so bald wieder zurück, es war aus meinen Fingern verschwunden, wie es gekommen war. Ich glaube, das war das Schönste auf Erden!«

Da sprachen sie alle eine Weile nicht, sondern sahen nur auf die Flammen im Kamin, die ihre Schatten auf die Wände warfen. Ein hochgewachsener Alter, aufrechter als die übrigen, sagte: »Der Rosenstock im Garten macht mir Sorge. Er hat im Sommer schon gekränkelt, jetzt, fürchte ich, stirbt er ab. Ich habe alles getan, ich habe im Boden nachgegraben, aber der Stock wird kahl, und die Zweige beginnen zu verdorren. Ich weiß mir keinen Rat mehr.«

122 Das junge Mädchen blickte dem Alten erstaunt ins Gesicht! Sie wußte, er war der mächtigste Minister des Königs gewesen, und bis vor kurzer Zeit noch waren die Mächtigsten zu ihm gepilgert, um seinen Schiedsspruch zu hören in Dingen, die das Wohl ganzer Nationen betrafen. Jetzt lag solch schwerer Kummer auf seinem alten Gesicht, als habe er in den Kaminflammen das Leid der Welt erblickt. Und er hatte ja doch nur von einem einzigen Rosenstock in seinem Garten gesprochen.

Das junge Mädchen blickte in die Runde. Es sah all diese alten Menschen an. Sie alle hatten Menschenantlitze wie Göttergesichter, aus denen die letzten Merkmale des Tieres verschwunden waren. Alle hatten es wahrscheinlich längst vergessen, was sie im Leben, das sich unaufhaltsam von ihnen zurückzog, und unter den Menschen vorgestellt hatten. Der alte Minister sagte noch: »Wer kann mir's sagen, wie tief man graben muß, um die Ursache zu finden? Ich habe gesucht.«

Der alte Dichter sagte darauf: »Gleich unter dem Boden beginnt es. Ehe im Wald der Schnee schmilzt, fängt die kleine Primel an, ihren Kopf zu heben. Das alte Laub vom letzten Jahr schaukelt in die Höhe und fällt zur Seite, 123 damit der kleine Kopf weniger Mühe habe. Aber zuweilen schlägt die gelbe Primel das alte Laub wie Spinnweb durch und schiebt dann das Kinn durch einen dünnen rostigen Schleier um den Hals zur Sonne hinauf. So ist der Anfang.«

Das junge Mädchen klatschte in die Hände mit einer kindlichen Gebärde, aber nicht wie Kinder aus Freude unter dem Christbaum, sondern eher, als wollte Handfläche an Handfläche die Wärme des eigenen jungen Körpers spüren. Es sagte rasch: »Ich liebe alle Menschen sehr, denn ich weiß, ich werde unter ihnen eines Tages meinem Geliebten begegnen, und ich liebe sie auch darum, weil ja die Mutter und die Schwestern meines Geliebten unter ihnen sein müssen. Ich bete täglich die Worte des Gebets, das ich in der Schule mit den anderen Kindern gelernt habe, und seit einer Zeit glaube ich, wenn ich beim Wort Amen angelangt bin, ich kenne schon die Farbe seiner Augen!

Aber ich bin dabei zugleich auch traurig, denn ich denke mir, ein Gebet soll ja nicht für den Wunsch eines einzigen Menschen da sein, sondern um für alle zu erbitten, was ihnen nottut. Denke ich daran, dann ist mir's auf einmal, als sähe ich das Bild meines Geliebten nicht mehr! Und ich weiß nicht, wie ich diese leere Stelle in 124 meinen Gedanken auf würdige Weise ausfüllen könnten!«

Die alten Menschen blickten nach ihr hin, wie sie dasaß, die Ellbogen auf die Armlehnen gestützt, die Wange auf die gefalteten Hände gelegt, und beneideten sie unbewußt. Der Dichter allein fühlte, daß alle diese erkaltenden Wesen im Begriffe standen, gemeinschaftlich einen Raub an dem jungen Wesen auszuführen. Aber auch das fühlte er: die warme Flut des Jungbrunnens, in den sie hinunterzutauchen suchten, werde an ihren Gliedern niederrinnen, ohne in ihre Poren einzudringen. Denn sie entsannen sich längst nicht mehr des Gefühls, das alle Menschen untereinander verbindet!

Einer, den die anderen Gudewerth nannten, – er war der Gatte der alten Frau – sagte: »Was soll denn das Nachforschen? Das kleinste Wunder der sichtbaren Dinge ist so unerforschlich, wie das Grundgesetz der Natur!«

Der alte Kanzler sagte: »Willst du, Kind, mir nicht die Worte des Gebetes hersagen? Vielleicht erinnere ich mich ihrer, wenn ich sie höre, und vielleicht gelingt es mir, sie zu wiederholen?«

Das junge Mädchen blickte errötend nieder, 125 weil es die Alten lehren sollte, und begann mit stockender Stimme: »Unser Vater, der du bist im Himmel . . .«

Sie blickte verstohlen auf und sah alle diese Greisenaugen auf sich gerichtet; niemand sprach die Worte mit ihr, sie sprach allein weiter wie ein Kind, das einsam durch den Wald geht: »Dein Name werde geheiligt, Dein Reich komme . . .«

Wie sie so weit gekommen war, bemerkte sie, daß der Kanzler seinen weißen Kopf schüttelte und die Hand auf die Augen legte, als fiele es ihm schwer, weiter zuzuhören.

»Dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel!«

Die anderen aber schwiegen nicht aus Scham, noch aus Reue, sondern sie schienen wirklich den Sinn der Worte vergessen zu haben. Nur der alte Dichter erhob seine Stimme bei den Worten: »Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit« und sprach sie mit bis ans Ende. Er sprach stark und mit Überzeugung und blickte dabei keinen der Umsitzenden an. Und in einer ganz fernen Ahnung, als hätten sie alle in ihrem vergangenen Leben diesem Einen, dem Dichter, unrecht getan, wendeten sich die anderen ab und 126 blickten befangen auf den schwarzen Fliesenboden vor dem Kamin nieder. Von dort schien dann zögernd und einzeln das Wort: Amen! aufzusteigen, der verschollene Klang, dessen Sinn ja doch allein dem jungen Mädchen noch offenbar sein konnte: Dir wird zuteil werden, wonach Du Verlangen trägst.

Nach einer Stille, die einige Minuten währte, sprach Gudewerth: »Wieviele sind noch unter uns von denen, die unsere Freunde waren?«

Da begannen einzelne Stimmen, leise und wie für sich, Namen herzusagen, zu zählen; nicht viele; bald hielten sie inne. Und eine Stimme klang, als sie mit Nennen aufhörte, fast froh; dies bedeutete: wir leben also noch auf Erden, wir Menschen einer Generation! Und eine andere Stimme klang düster und voll Grauen fast; und ihr Klang bedeutete: bald bin ich hier allein.

Aber die Greisin an Gudewerths Seite sprach: »Es ist warm hier. Das Feuer brennt gut!« Und man konnte hören, wie die Alten alle vor den Flammen die Hände rieben, denn von den Ringen, die sich berührten, entstand ein leises, klirrendes Geräusch.

Die Flammen im Kamin hatten sich zu einer einzigen vereint, und diese trennte sich in blauem 127 Flackern von den Scheiten, die auf den Eisenböcken in Kohle zerfielen. Sie schwebte wie ein Irrwisch schaukelnd hoch und verschwand oben im Helm des Kamins.

Die Alten lehnten tief in ihren Stühlen zurück. Das junge Mädchen, dieses zarte Kind, schien nur mehr ein weißliches Schattenbild zu sein. Über das Gewölbe weg jagte der Wind eine dunkle Wolke davon. Es waren die Zugvögel, der letzte Schwarm aus dem Inselbaum. Mit Gezwitscher und Gekreisch zogen sie aus dem Bereich des Wintersturmes nach warmen Zonen.

Kay und Moina blickten ihnen nach. Sie flogen, zu einer Wolke geballt, pfeilschnell und in großen Kurven erst dem Sund zu, gerieten dort in eine Luftströmung, die sie auf das Wasser niederzupressen drohte, sammelten sich aber rasch aus der Zerstreuung und stießen, ungefähr über der Südspitze der Insel, in kugelförmigem Gebilde wieder hoch nach oben. Zwischen den Wolken beschrieb diese Kugel eine ungeheure Ellipse und rollte dann machtvoll hinaus, in westlicher Richtung dem offenen Meere zu.

 

Unten in der Tiefe des Meeres, nicht weit weg vom Strande, stand eine Ziegelsäule aufrecht 128 auf dem Grund. Zahllose Muscheln hatten sie an den Boden festgelötet, um ihren Schaft wehten Algen und Tangbänder in der Strömung hin und her. Es war der Schornstein aus einem der Elternhäuser vom Ende der Zeile, der da tief im Meere aufrecht stand. In mancher Nacht schien es, als stiege aus seinem viereckigen Schacht, aus dem einst Rauch gequollen war und in dem jetzt Garnelen und Fische auf und nieder tauchten, ein gurgelnder Laut an die Oberfläche der Wellen herauf; das geschah aber in stillen Nächten; die waren jetzt vorbei, denn nun braute unten Sturm.

Wie in Atemnot bäumte sich die Decke des Meeres hoch und ließ im Zurücksinken Brausen hören, darin der Seufzer der versunkenen Hütten unterging. Der Mond hatte das Meer zu sich in die Höhe gezogen, und unter den emporgepeitschten Bergen stieß der Meeresatem wie Vulkan empor, aus der berstenden Decke fuhr Donner zum Himmel auf.

Oben stießen derweil Wolken sich wirbelnd im Kreise um den Mond herum, der ganz winzig auf das verhüllte Blau gezeichnet stand und aus dem drängenden Ballen, Kneten und Gewühl nur wie durch ein Wunder auf kurze Augenblicke auftauchte. So war im Meeresabgrund und am 129 Firmament, um den Schornstein und die Mondsichel schweres Wälzen und Stoßen und Erschütterung der Elemente. Wasser und Himmel zogen sich an und strebten aufeinander zu. Aus ihrem Ineinanderstürzen quoll und befreite sich die erste große Sturmflut des Jahres; sie nahm ihren Lauf auf die kleine, nur vom Damm und der Düne geschützte Insel zu.

Um diese Zeit geschah es, zur Nachtstunde, daß sich die Boje draußen vor der Düne aus ihrem Steinfundament losriß und mit nachschleifender Kette hin und her schwingend sich auf den Strand warf. Dort hatte die Brandung bereits große Strecken weit den alten rostigen Tang weggerissen und sich zu der Düne hinauf Bahn geschaffen. Wie ein leerer Käfig lag die Boje auf dem Schwemmsand gebettet, und jede neue Welle rollte sie, durch ihre Gitterstäbe stoßend, höher zur Düne hinauf.

Auf dem Hügel, wo der Schuppen stand, hatte der Wind den Mast mit dem Seezeichen wie eine Weidengerte umgeknickt und auf das geteerte Dach geworfen. Vor dem Damm standen die Boote weit hinauf, fast zur Wiese hinaufgeschoben. Tags zuvor waren sie noch zum Heringsfang gerüstet und fertig gemacht worden; jetzt lag manches voll Wasser auf der Flanke, als wäre es gestrandet.

130 Die See dröhnte wie von Kanonenschüssen. Eine Wolkenwand hatte Meer und Himmel in eins verschmolzen, und sie rückte immer näher auf die Insel zu. Senkrecht zuckten Blitze durch sie hinab und waren sichtbar am hellen Tage. Die Wolke war tiefschwarz, sie schob Wetterböen und Wolkenbrüche vor sich her. Der ganze Horizont schob sich, brüllend und undurchdringlich, voll von unabwendbaren Gefahren, näher und näher an die Insel heran.

 

Seit geraumer Zeit trieb sich Mutter Grimsehl ruhelos in ihrer Hütte herum. Tag und Nacht aus der Küche auf den Heuboden, zurück in die Stube, hinaus auf den Flur und sogar einmal vor das Haus, das die dichte Hecke verbarg. Sie hielt die Bänder ihrer Haube wie Zügel in ihren Händen, sie hustete, murmelte und wimmerte vor sich hin. Mit eingeknicktem Kreuz, gebückt und verbogen, schlich sie zur Hecke und drückte ihren Kopf zwischen die Zweige.

Sie versuchte einen Blick über die Hütten zum Meer hinüber zu schicken, dorthin, wo der Schornstein in der Tiefe stand. Aber sie konnte nur hier und dort ein Licht in den Fenstern gewahren. Die Zweige ritzten ihre Wangen blutig, 131 einer drückte ihr rechtes Auge zu, mit dem anderen offenen Auge sah sie scharf in die beleuchteten Stuben hinein und sie schrie, was sie im Haus nur leise vor sich hin gemurmelt hatte, so laut sie konnte, in den brüllenden Seewind hinaus: »Acht haben! Lösch das Feuer aus! Stoß den Riegel vor! Jetzt kommt es, jetzt geht es um den Damm herum!«

In einer Ecke ihres Bettes lagen zwischen Matratze und Gestell die Kostbarkeiten, die Kay und Moina ihr von ihren Strandwanderungen aus der Bucht mitgebracht hatten, verborgen. Die Spangen, die Muscheln mit den Schmetterlingen, das geschnitzte Holzstück neben einem Strumpf mit Silbergeld und dem alten Ledersack, in dem Papiere waren. Da lag auch auf der gewürfelten Decke der Bernsteinkiesel im Dunkeln.

Mitten in der Nacht vor der großen Flut kochte sich die Alte ein Süppchen auf dem Herd und goß es in zwei Näpfe, von denen sie einen vor ihre verriegelte Haustür hinstellte. In dieser Nacht glaubte das Weib des Fischers Schmahl, als es mit dem Eimer zu den Kühen ging, die in der Dämmerung brüllten, aus der Hütte der einsamen Alten Gelächter und den Schall von zwei keifenden Stimmen deutlich gehört zu haben. 132 Die eine soll wie die Stimme eines greinenden Kindes geklungen haben. Indes, das mag eine Sinnestäuschung gewesen sein; im Sturm hört man ja so manchen Laut geheimnisvoll ertönen, einmal den Dampfruf eines Schiffes in Seenot, einmal den jähen Aufschrei von tausend gepeinigten Menschen, warum nicht auch das Gezeter eines weinenden Kindes?

Sie stellte verstohlen den Napf auf die Schwelle vor ihrer verschlossenen Haustür, die Alte, als erwarte sie Besuch durchs Schlüsselloch. Dann schlich sie in ihre Stube zurück und begann mit hastigen Fingern zu spinnen. Der Stuhl stand auf dem kleinen Teppich aus tausend Lederflicken. Die alte Uhr rasselte und schlug. Die Alte stierte zum niedern Gebälk ihrer Stube hinauf, von dem all die verworrenen Laute des Meeres und Himmels unaufhörlich über sie herabstürzten. Sie kannte sie alle auseinander, jeden einzelnen nach seinem Ursprung aus Tier, Pflanze, Mineral und Luft. Sie hörte gleichzeitig Kirchenglocken, Segelschlag und Geknatter, aufgeregtes Geschrei und Schäumen von Wellen gegen den Schiffskiel. Diese Laute kamen vom Sund her. Sie hörte Wüten und Angst. Sie saß in der Mitte zwischen beiden, die stärker und stärker anschwollen, und 133 wartete, daß beide zusammenschlagen sollten. Sie trat auf das Fußstück des Rockens, daß das Rad flog. Aus ihren Fingern war das Gefühl gewichen, sie glaubte noch den Faden zu halten, derweil lief der Rocken schon lange leer.

Im Napf erfror das Süppchen.

Mit einemmal wurde es ganz still in der Hütte.

Das Rad war ausgelaufen und stehengeblieben.

 

In der Nacht der großen Flut begann die Glocke im Schwedenturm der alten Holzkirche plötzlich zu läuten. Der Küsterjunge ging an den Strick und zog aus Leibeskräften. Jeder Schwung warf ihn in die Höhe, und er mußte mit den kleinen Beinen strampeln, um wieder Boden unter die Füße zu bekommen.

Der Ort war schon wach und auf den Beinen.

Am Landungssteg unten beim Ström wurde fieberhaft gearbeitet. Aus allen Enden von Kirchort waren sie herbeigelaufen, um dem gefährdeten Sille Hilfe zu bringen.

Unter den ersten war Ingenieur Mommen da gewesen. Er wohnte tief in der Heide, dort wo aus alter Zeit der Gedenkstein an die Überflutung Kirchorts nach der großen Zerstörung Silles ragte. Mommen war der Deichkommandeur des Kreises, 134 ein mumiengleich eingetrockneter, langer und kahlköpfiger Mensch mit schriller und scharfer Befehlsstimme. Pächter Schäfer hatte seine Grenter Dienstleute mobil gemacht und saß mit dem Rechtsanwalt Giesebrecht in dem ersten Boot, in dem Zementsäcke verstaut waren. In den folgenden Booten lagen Bohlen, Eisenklammern, da manövrierte Gastwirt Rasmussen zwischen Spriet und Focksegel, während Pastor Weddig aus Leibeskräften sich an dem widerspenstigen Toppsegel zu schaffen machte – ein sport- und jagdkundiger Luft- und Wassermensch, der nicht allein mit Gottes Wort zu den Fischern nach der Insel hinüberfuhr.

Sieben Boote waren unterwegs über den Sund; zwischen den Duchten und Bänken, an die Rudergabeln festgeklammert hockten die in Ölzeug gekleideten Kirchorter. Die Logge legte sich auf die Seite unter dem Wind, scharf bäumten sich die Steven in die Höhe, durch das Sturmgetöse war das Geknirsche der Eisenstangen und Holzklötze zu hören, die sich im unteren Boden um den Kiel verschoben und hin und her geworfen wurden in der vollen Fahrt. So fuhren sie hinüber über den Sund zur Insel, wo das Unheil stand. – –

Pächter Schäfer war's, der das Boot zuerst erblickt hatte, das Boot mit der stehenden, nach 135 vorn gebeugten Gestalt, mitten im Sund, auf der Fahrt nach Sille.

Eigentlich war's ein Nachen bloß, ein elender Kahn, und es war unbegreiflich, wie ein Mensch es wagen und ausführen konnte, in ihm hinaus in den Sund zu fahren bei solchem Sturm in der Nacht!

Schon schrie und gestikulierte auch Wirt Rasmussen zum Rechtsanwalt Giesebrecht hinüber, dessen Boot die Strömung an das seine herangetrieben hatte. Er zeigte auf den Kahn, den sie eben einholten und hinter sich ließen.

Es war das elende, morsche Fahrzeug, das an dem Pflock im Ström, gegenüber vom Landungssteg von Kirchort an dem Ufer des Siels zu schaukeln pflegte, mit dem kurzen Ruder in der schimmeligen Lache auf seinem Boden. Und in ihm stand, emporgereckt, aus voller Kraft vorwärts rudernd, mit breitbeinigem Schwanken sehnig die Windstöße, Wellenstöße parierend die Baronin Voß.

Im groben Leinwandkittel, eine Lodenpelerine um die Hüften gebunden, regenüberströmt und barhäuptig, so stand sie in ihren Männerstiefeln da und ruderte ihren Kahn hinüber nach Sille.

War sie jemals dort drüben gewesen? Das 136 wußte niemand zu sagen. Vielleicht vor undenklicher Zeit, als noch keiner von all diesen Leuten hier in den Booten das Licht der Welt gesehen hatte! Woher wußte sie denn von der Gefahr, die die Insel bedrohte und mit der Insel das Festland, daraus das Ström ihren bitteren Brocken Erde losgetrennt hatte? Sie war schon lange unterwegs, lange ehe die Glocke mitten in der Nacht losgebrüllt hatte, mußte sie aus ihrem einsamen Haus hinter der Nesselhecke zum Ström hinunter und in ihr Fahrzeug gesprungen sein. Alle hatten noch in ihren Hütten im Schlaf gelegen, da war sie schon in ihrem Fahrzeug und hatte die tolle Fahrt begonnen.

Von den beiden dicken weißen Strähnen hing ihr die eine über die knochige Schulter nieder, die andere klebte vom Wind zerzaust auf der Wange, peitschte die Lider der stechenden alten Augen, deren Blick irr und ingrimmig geradeaus gerichtet war.

Aus den Booten blickten die Männer mit offenem Mund auf die Alte zurück, die in derselben Richtung ruderte, in der sie gegen den Wind vorwärtswollten. Sie sah keinen und nichts. Ja selbst Wind und Wellen schien sie nicht zu merken. Ihr zahnloser Mund stand offen. Fauchend vor Anstrengung stieß sie das Ruder vor, den 137 Oberkörper zurück, vor, zurück, und ruderte auf die Insel zu, wo der Damm gebrochen war.

 

In ihrer Hütte, in der einzigen großen Stube, die eine Kerze beleuchtete, waren Kay und Moina wach.

Moina lag im Bette, die Hand aufgestützt, das dunkle Haar lag in Wellen um Stirn und Wange und Arm.

»Du warst traurig heute, Moina,« sagte Kay, »was ist geschehn?«

Moina blickte auf, und Kay sah, daß ihre Augen feucht schwammen und ohne Blick. »Ich hatte einen Traum in der vergangenen Nacht, darin wurde einem Menschen Unrecht zugefügt.«

Kay sagte: »Heute morgen lag oben im Winkel der Decke ein dunkler Schatten, der sich nur langsam verflüchtigt hat.«

»Ich konnte es nicht verhüten, daß der Mensch unrecht bekam.«

»Was geschah mit ihm?«

»Das weiß ich nicht. Ich weiß es nicht mehr. Ich weiß nur, daß ihm Unrecht widerfahren ist und er mußte leiden. Davon ist mir den ganzen Tag lang Traurigkeit übrig geblieben.«

Da sie eine Weile geschwiegen, jedes in den 138 Gedanken des andern getaucht und keins vom Geheimnis des anderen sprechen mochte, kam das Brausen des Sturms mächtig ans Fenster geschlagen und rüttelte an dem Dach, das aufrauschte wie ein Wald.

»Man kann von den Menschen in solcher Weise, wie wir es tun, nur träumen, wenn man von allen abgeschieden ist und keine Gemeinschaft mehr kennt,« sagte Kay.

»Denke daran,« antwortete Moina, »wie lange die Menschen in der Welt umherzuirren verdammt sind, ehe sie finden dürfen, wonach sie suchen.«

»Das ist nicht so wunderbar,« sagte Kay, »das geschieht oft sogar Menschen, die an derselben Mutterbrust gelegen haben!«

»Ich sehe – nein, ich denke daran, und ich glaube es,« Moina schöpfte Atem, wie ein Kind, und mit einemmal trat der Glanz in ihre Augen, den sie immer bekamen, wenn die Seele Moinas von einem guten Gedanken, Wunsch, Wahn, einer tiefen, innigen Gewißheit erfüllt wurde, »ich weiß es so sicher: das Schicksal der Menschen ist es, daß sie es besser haben sollen in der Welt, in der wir leben! Alles, was betrübt, soll hell werden. Die kleinen Kinder werden lachen können 139 und die Greise heiter sein, wenn sie sterben sollen. Niemand wird mehr dem anderen übel wollen, aber keine Macht von außen her wird die Menschen zwingen, einander zu achten, sondern es wird die Natur jedes einzelnen von Grund auf gut geworden sein. Da werden sie sich endlich als nahe Verwandte erkennen und begrüßen. Das muß geschehen! Dann wird sich keiner mehr lange und mühsam zurechtzufinden brauchen in der Herkunft und der Lebensgeschichte seines Nächsten, ehe er ihm Du sagen darf, und es wird keine Mißverständnisse mehr geben fortan. Die Taten all der Menschen werden so sein, wie wenn zwei Menschen mit ausgebreiteten Armen aufeinander zukommen, um sich in die Arme zu schließen! Nur jene werden noch eine Weile irren und suchen müssen, die irgendeine furchtbare Schuld zu sühnen haben; aber auch diese werden bald einsehen, daß die Welt ja eine Welt der Gnade und Verzeihung geworden ist über Nacht. Ja, über Nacht! Wie viele sterben an Erschöpfung und vor Frost heutigen Tages, weil sie in die Irre gehen und im Kreis umeinander herum, ohne zu sehen und sich zu erkennen – wie Blinde wahrhaftig! Aber es gibt welche, die sehen hell durch das Nachtdunkel, wie andere es im Tageslicht nicht vermögen. Gott wird 140 näher sein zu allen, eines Tages, das weiß ich sicher!«

Moina hatte ihre Hände über der Brust gefaltet und horchte, als höre sie Gesang aus ihrem Herzen zu ihrem Ohr herauf tönen und nicht das Gebrause und Rauschen von außen in die stille Stube herein. Kay legte seine Hand auf Moinas Hände und küßte Moina auf den Mund. »Deine Traurigkeit ist ja verschwunden, Moina!« Und er sagte zu sich: »Überall hört sie Gesang, davon muß ja alle Trauer und alles Unrecht verschwinden aus der Welt!«

Er ging in die Mitte des Zimmers und hob den Kopf empor zur Decke: »Darf das sein, daß ein Mensch an einen einzigen Menschen all die Liebe wende, die die Welt ihm nicht erlaubt, an alle zu wenden? Darf es sein, daß einer sich dem Dienste aller entziehe und aus einem einzigen unter all seinen Mitmenschen sein Weltall mache? Oder ist es vielmehr so bestimmt, daß einer seine Zugehörigkeit zu allen Menschen durch nichts wahrer und stärker ausdrücken könne, als indem er sich dem einen zuwendet, der ihm die Allgemeinheit rechtfertigt, dieses furchtbare, unergründliche, irre Wesen Allgemeinheit?«

Die Hütte schwankte im Sturm. Das Toben 141 zog draußen mit solcher Macht an den Fenstern vorüber, daß die Insel wie ein leichtes Schiff sich zu heben und zu senken, zu zittern und zu sinken schien.

Kay fuhr fort: »Vielleicht liegt der Nachbar im Sterben, und ich vernehme doch nichts als den Traum, den du in diesem Augenblick träumst. Sieh diese Stube an, eh dein Blick hinüberschwimmt – erkennst du sie? Wenn die Kerze flackert, wandert ein Licht von der Schranktür über die Diele zur Fensterscheibe und verfliegt dort in der Nacht und im Sturm. Wollte es einem doch gelingen, heimisch zu werden in seinen eigenen vier Wänden! Es wäre dann nicht so schwer, hinauszugehen und den Weg zu finden. Wollte es doch gelingen, in den vier Wänden zu ergründen, wo der Traum anfängt und die Wirklichkeit aufhört! Es ist so verschmolzen alles. Wenn du unter den Menschen lebst, findest du die Grenze nicht, und wenn du einsam lebst, auch nicht. Aus dem Wunsch schon kann Wirklichkeit werden, und die Wirklichkeit ist so beschaffen, daß du dich in den Traum zurückgeschleudert siehst, dorthin, woher du gekommen bist.«

Er horchte mit abgewandtem Kopf zum Fenster hin, hörte dunkle Schreie, Stöhnen, fernes 142 zerberstendes Gebrüll. Da sah er: Moinas Arm war sacht auf das Kissen gesunken, ihr Gesicht, wie das Gesicht eines von Sonne und Wind in tiefen gesunden Schlaf hinübergesunkenen Kindes, zeigte das leise, stumme Gleiten der Seele ins Unbegrenzte an.

»Wie wunderbar leicht schwebt deine Seele hinüber ins Benachbarte! Wie ein Zitronenfalter im Sonnenschein von der Düne hinaus über die Wellen ins Meer! O zierlicher, leichter, vom Wind erfaßter und gehobener Körper, du im Traum wie im Wachen schuldloses, in Einsamkeit fernes und klares Gesicht! O Gesichter zarter, junger Kinder, von der Traurigkeit ihrer tragenden Mutter gezeichnet! Schuldlos sind die Seelen, die eure Gesichter zur Schau tragen, an den Gebrechen der Welt. Leicht und zart führt ihr die Illusion auf euren Flügeln durch die Reihen der Menschen, ein kurzes Leben hindurch. Rührung und Mitleid, Heiterkeit und Freude, die ersten Regungen aller guten Entschlüsse in den Menschenherzen sind euer Werk! Ihr seid zu den Sendboten auserlesen!

Wie ein herrlich zu einem Fest geputztes Kind zieht die erkorene Seele durch die Wunder der unerschöpflichen Natur. Die Blumen welken nicht 143 in seiner Nähe und unter seinen Sohlen. Aus der Flut tauchen die kleinen Gesichter der Fische zu ihm auf und betrachten es. Ein einziger leichter Windhauch vermag die Spur seiner Füße im Sand zu verwehen und zuzudecken. In dem Atem, der durch seine Kehle dringt, jauchzt und zwitschert die belebte Stille, die den Wald um die Mittagszeit bewegt; Vögel und Insekten summen in Zweigen. Die Natur, entsühnt, andächtiges Horchen, alles, was einfach, schön und rein ist in der Welt, der Horchende fühlt sich reich geworden und beglückt. Ja, ein einziger Mensch vermag die Natur, wenn sie noch so wild gegen ihre eigenen Geschöpfe wütet, sie in blinder Grausamkeit zerstört, zu entsühnen und zu rechtfertigen!«

Die Kerze flackerte, aber der zuckende Schein trübte nicht den Spiegel des schlafenden Gesichtes.

»So wird die Stunde des Todes sein. Ein Zeichen auf der Urne und ein leichtes Hinfliegen. Wie leicht fliegt der Staub, zum letztenmal vermischt über die verwelkte Wiese, wie der Flug der letzten Nachzüglerschar aus dem Baume zum Süden hin! Die Sonne ist zum letztenmal untergegangen, und übrig bleibt das hohe unerreichliche Entzücken, so unausdenklich und heilig! Fortgehen und Wiederkehr in Ewigkeit.«

144 Auf Zehenspitzen ging Kay zum Tisch und löschte die Kerze aus.

Es pochte an die Scheiben.

 

Als Kay die Haustür öffnete, flog mit dem Geheul des Windstoßes und den Regenpeitschen Doktor Publicatus auf seinen kurzen Beinen in den Flur herein. Mit Mühe gelang es Kay, die Tür zuzustemmen.

Sogleich hatte der Gast seine Würde wiedergewonnen. Zwar gurgelte es in seiner Kehle noch wie im Rachen eines Ertrinkenden, aber die Worte kamen einzeln, rund und bestimmt hinter dem triefenden Schnurrbart zum Vorschein.

»Herr! Ich sehe, Sie sind nicht entkleidet. Haben also Kenntnis von der Gefahr, die die Allgemeinheit bedroht. Ich meine: die Insel. Ich meine: uns alle. Herr! Muß ich Sie an Ihre Pflicht mahnen? Wir, als die einzigen Gebildeten unter diesen Fischern . . .«

»Ich kann Sie nicht bitten, einzutreten,« sagte Kay. »Die Hütte hat nur eine Stube. Drin schläft meine Frau.«

»So. Schläft. Wecken Sie! Wecken Sie sofort! Alle Mann an den Damm! Was ich von den Gebildeten sagte, stimmt nicht nur für 145 Sille: die Kirchorter Intelligenz sogar beteiligt sich an dem Rettungswerk. Sogar Damen des Hochadels haben zum Spaten gegriffen! Wecken Sie!«

Er machte einen Schritt vorwärts, dröhnte mit den Fäusten gegen die Stubentür. – –

Tobend fuhr der Sturm ums Haus. Das Dach hob sich ächzend über die Mauern, emporgesogen in einen Trichter aus der Höhe.

Alle Hütten waren dunkel. Hinter Mutter Grimsehls klaffender Hecke schlug das Tor auf und zu. Ivers Schänke war von einem Trümmerhaufen verbaut, der kleine Holzpavillon war zusammengestürzt. Wer zum Damm wollte, mußte sich den strömenden Schwaden entgegenwerfen, wurde blutig gestriemt von Wasserhieben.

Vor dem Damm brauste und heulte Wind und See. Kommandoworte versuchten wie Raketen aufzuschrillen, wurden im Nu verschlungen. Jedes Anbrausen einer neuen Welle stieß das wütende Geschrei und Gebrüll, das wilde Katzengefauch aus Weiberkehlen tiefer und tiefer in die Zeile zurück. Der Damm war zackig wie eine Säge anzusehn. Die phosphoreszierende Flut sprang an den Zacken in die Höhe, schäumte durch sie hindurch, riß mit jedem Anprall Steine mit, die 146 dunklen, blauen, purpurnen Märchen- und Traumsteine lösten sich, kollerten vom geborstenen Grat mit den reißenden, fressenden Wasserstürzen, Kaskaden und Schnellen immer weiter hinein in die Wiesen, wo sie gegen Zäune sprangen, Latten umstießen, Gärtchen zerstörten und Löcher in die Ziegelmauern, die weichen Lehmwände bohrten. Bäche, Ströme und Wirbel zischten und jagten sich um Hütten und verebbten in Wiesensenkungen.

In Klumpen aneinander gedrängt und zusammengetrieben, dann wieder jäh auseinander gerissen, hantierte das verzweifelte Volk mit Säcken, Eisenträgern und Balken, warf unter Flüchen in rasender Hast Rasenstücke und Erdwellen auf. Die Menschen stürmten dem Unheil entgegen, auf die Bresche los, aber jedesmal wurden sie tiefer gegen die Hütten zurückgeworfen.

Die Düne draußen war im beginnenden Morgen nicht mehr zu erkennen. Sie stand unter Wasser, war in der Flut verschwunden. Schwerfällig verschob sich ein Sandhügel, unter dem die Boje vergraben lag, ins Land hinein.

Noch kreiste von fern, machtlos wie Menschengesetz, der Leuchtturmstrahl über die verwüsteten Dächer, die fahlen, drängenden Gestalten, das blankgespülte Gestein des gespaltenen Dammes, 147 über die wie Teiche gischtig schäumenden und bewegten Wiesen. Aber da begannen sich die Wellen des Meeres und des Insellandes schon rötlich zu färben, und der Strahl verschwand.

Im hereinbrausenden Wasser spiegelte sich die Sonne. Immer tiefer leckten die roten Zungen in den zerrissenen Inselleib hinein. Der Tag stieg auf, und die Siller sahen, was ihrer Insel geschehn war.

 

Mit den ersten Schneeflocken des Jahres kam das weiße Schiff in eiliger Fahrt von Norden her durch den Sund gefahren.

Wie ein kleiner, von einem grünen Reiseschleier weggewehter Fetzen lag die zerzackte Insel schmal hingestreckt zwischen dem offenen Meer und dem Festland.

Eine Frau in Reisekleidung trat an die Reling oben auf dem Verdeck des Schiffes heran. In ihren Augen zuckte es auf von Erinnerung. Sie wandte den Kopf nach dem Reisegefährten, als wolle sie zu ihm sprechen, sich ihm mitteilen – aber sie brachte die Lippen nicht auseinander, und ihre Augen blickten starrer auf die Insel.

Unweit von ihr stand der Reisende an die Reling gelehnt. Mit beiden Händen hielt er sich 148 an dem Eisen fest. Um seine Schultern hatte er ein Wollentuch geschlungen, sein Bart schimmerte silbern zwischen den Falten des Tuches hervor. Seine Augen waren trüb und blickten schwer. Er erinnerte sich an die Bewegung seiner Hand, die über die Insel gewiesen hatte, am Anfang der Reise. Jetzt sah er auf seine Hand nieder, die das Eisen umklammert hielt . . . . .

Drüben, an der Spitze der Insel, stand die Rinderherde in der Hürde. Über den Wiesenplan trotteten vereinzelte dunkel vermummte Wesen, mit schwer herunter hängenden weißen Eimern zur Seite, zur Häuserzeile zurück. Ein Boot schwankte im Sund. Darin stand der Aalfischer und zielte mit seiner Lanze ins Wasser hinunter.

Auf der Landungsbrücke von Sille war kein Mensch. Jetzt konnte man vom Schiff durch die Häuserzeile blicken, von Ufer zu Ufer quer durch die Insel. Sille lag unter weißen Wolken, zwischen denen dunkelblaue Inseln schwammen. Wie eine leere Bettstelle stand eine Hütte da, von der das Dach fortgeweht war. Breite Kerben waren in die Wiesen, ins verwüstete Kartoffelfeld geschlagen; die Düne eingesunken, der Damm mit weißen Rinnen geflickt. In der Häuserzeile war niemand zu sehn.

149 »Sieh!« sagte der Reisende. »Der Baum ist entlaubt, die Äste zerbrochen.«

»Es ist spät im Jahr,« sagte die Frau, »die Vögel sind schon fortgezogen.«

Unberührt standen in Abständen die drei Häuser da, auf den Wiesen, die drei Häuser, die nicht zu den anderen, denen in Reih und Glied zu gehören schienen. Jetzt klang Glockengeläut von Kirchort her schwach zum Schiff herüber. Es glitt dem Schiff nach, das eilig den Sund hinab nach Süden fuhr, mit Erz und Gestein beladen. Es hatte zu schneien aufgehört.

– Wo sind die beiden von damals? dachte der Reisende. Und: – – was ist aus Kay und Moina geworden? sprach die Reisende zu sich. Aber keines sprach mehr von seinem Gedanken zum andern. Davon, was gemeinsam gewesen war zwischen ihnen, einst, zum Beginn ihrer Reise. Und keins sprach davon: wie sein Blick suchend über die Insel geschleift war, um Kay und Moina wieder zu erblicken.

 

Die Sonne war über dem Sund heraus gekommen. Sie hatte noch Kraft, obzwar es so spät im Jahre war. Sille lag schon weit zurück.

Der Reisende trat zur Frau heran. »Was ist 150 aus dem Buche geworden? Aus dem Buch, in dem wir gelesen hatten?« fragte er leise und sah der Frau in die Augen.

Sie schlug ihren Blick nicht nieder. »Ich habe es ins Meer geworfen; es ist schon lange her,« sagte sie, und ihre Stimme klang ruhig.

»Warum tatest du das?« frug der Mann.

Sie senkte die Stimme, blickte hinaus. »Weil es zu schön geworden war.«

Sie schwiegen, blickten zurück.

Da lag Sille, im Sonnenglanz, wie sie es vor Monaten erblickt hatten – es ruhte nicht auf dem Wasser, sondern schien in der Luft zu schweben. Wie eine Spiegelung hob sich der Erdrücken der kleinen Insel aus dem Meere empor, mit allem, was er trug, Hütten, Tieren und Menschen und dem einzigen Baum vor dem Schulhause. Zwischen dem Meere und der Insel glänzte eine Schicht Luft, wie die Ausgeburt der eigenen, unruhigen Einbildung, des Dranges, der in die Ferne trieb.

Sie sahen das, die beiden auf dem Deck des rasch dahinfahrenden Schiffes. Ihre Blicke waren weit hinaus gerichtet, begegneten sich in der Ferne, kehrten zurück. Die Blicke begegneten sich, und jedes erkannte im Blick des anderen die Spiegelung wieder.

151 Eine Scheu hielt sie noch zurück, das Wort zu sprechen, das sie beide auszusprechen verlangte. Aber ihre Blicke konnten wieder lächeln.

 

Ende

 

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