Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Arthur Holitscher >

Schlafwandler

Arthur Holitscher: Schlafwandler - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchlafwandler
authorArthur Holitscher
year1919
firstpub1919
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleSchlafwandler
pages151
created20110628
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Regenmauern verbauten die Hütte vor den Fenstern. Dunkle Nächte sanken ohne Regung schwer auf die Stube hernieder. Da geschah es, daß die Fremden hinausschwärmten in die Welt, die belebte und die auf Belebung wartete vor der Hütte. Die Mauern zerrannen, und die Dunkelheit zerschliß in unzählige Fäden wie ein Vorhang. Dahinter wurde das Unbewegte in dem Maße lebendig, wie die Schläfer ringsum tiefer erstarrten und ihr Atem erlosch. Aus dem Meeresrauschen war ein Orgelton und vom Sternenlicht ein Strahl übrig, und dem zogen sie nach, ohne zu träumen. Die Wanderung begann über die Schranken des 81 vorgezeichneten Daseins der Welt und ihrer Geschöpfe weg in die Erinnerungen, Wünsche und Hoffnungen, hinüber in alles Unwirkliche, das noch irdisch geblieben war. Der Wahn, der die Schritte vom Wiesengrund lostrennte, über den sie ihr Weg führte, verwandelte Landschaft, Horizont, Tages-, Jahreszeiten. Als sie in dieser Nacht das Haus des Lotsen erreicht hatten, sprang die Tür vor ihnen auf zum Zeichen, daß sie erwartet worden waren.

Ein langer, mansardenförmig überdeckter Speicherraum zeigte sich. Kerzen brannten, und eine Wolke von Zigarettenrauch wallte unter den geweißten Dachbalken. Durch die Scheiben blickte Kassiopeia und der nördliche Stern im Andromedabild. Das funkelnde Band der Milchstraße zog quer über den blassen Himmel, auf dem irgendwo die Mondsichel stehen mußte, ganz dünn und zierlich hin gezeichnet. Vor dem Haus rumorte das nächtliche Brausen der großen Stadt, wie ferne, verworrene Musik. Auch von dort unten strömte, wie von einer Milchstraße, das Gefunkel ungezählter Lichtquellen herauf. Eine breite Avenue erstreckte sich unter dem viele Stockwerke hohen Haus, dorther kam der Schein und scholl das Geräusch wie aus phosphoreszierenden Wellen. Auch diese Avenue 82 führte, wie alle die anderen breiten und schönen Straßen der Stadt, zu einem Stern, in den in der Ferne viele Straßen mündeten.

Es waren schon Menschen beisammen; keiner schien das Kommen von Kay und Moina bemerkt zu haben. Sie saßen um das Kaminfeuer, und einer stand im Kerzenlicht da, um die Worte zu sehen, die er von einem Blatt den Freunden im Raum vorlas.

Es war ein schlanker, junger Mann, rotblondes Kraushaar über einem Erzengelgesicht, darin sich die Schönheit der tönenden Gedanken widerspiegelte. Feste Brauen, wie wachsame Adlerflügel geschlungen, behüteten die Augen, damit sie nichts sehen mögen als die Wahrheit. Eine Falte des Verstandes teilte die träumerische Stirne; darin stand Urteilswille über das Staunen gesetzt; Kindergesicht von Weisheit gezeichnet.

Er las, nicht wie einer, der sich anderen mitteilt, sondern der seinen im tiefen Selbst gefaßten Entschluß laut wiederholt in der Einsamkeit.

»Erspare mir, Leben, ein Alltagsschicksal!
In mir gärt Göttliches!
Das Unerreichbare stößt von ferne her
An mein Herz, das zerbricht
Vor Sehnsucht. 83

Eines ist grausiger nur auszudenken
Als alles andre mir.
Werd' ich die Zeit,
Die der Lieben entwendete Zeit
Mit würdigem Werke auszufüllen verstehn?«

Es wurde still im Raum. In einer Ecke rauschte vom Dach zum Boden ein Tuch nieder, und eine große Leinwand wurde sichtbar im Kerzenschein. Lebensgroße Figuren wühlten sich durcheinander auf der Fläche. Sie füllten das ganze Bild aus, bis auf einen hellen, ausgesparten Fleck in der Mitte der Leinwand; dieser hatte den Umriß einer hohen, aufrecht hingestellten weiblichen Figur, die von dem unteren bis zum oberen Rande der Leinwand ragte. Der Dichter senkte die Hand mit dem Blatte. Vom Bilde her kam eine Stimme: »Ich habe es versucht, diese Worte zu wiederholen.«

Der Sprechende trat hervor. Er stand neben seiner Leinwand und war wie ein zarter, lang aufgeschossener Knabe anzusehen. Seine Stimme klang weich, verschleiert und gebrochen, es fiel ihr schwer, Worte zu artikulieren, es war die Stimme eines Menschen, der viel allein ist, in der Einsamkeit jauchzt und stöhnt, sie hatte zuweilen unsichere Schwebungen, wie in der Zeit des 84 Wechsels. Der Knabe stand vornübergebeugt in einem langen fadenscheinigen, bis an den Hals zugeknöpften Paletot von verwaschener Farbe, seine Gestalt rührte, etwas Hilfloses betrübte jeden, der sie sah.

Unter den Figuren des Bildes waren viele als Porträts der Anwesenden zu erkennen. Der Dichter, der Maler selbst, dann noch ein kleine gewachsener, wie ein russischer Jude aussehender Mann, der durch große Brillengläser blinzelnd und unruhig um sich blickte. Rechts und links über dem Kamin hingen Skizzen an der Wand, die Flamme eines brennenden Scheites irrlichterte über sie weg, über die ganze Versammlung.

Aus verstreuten glühenden Punkten im Raum strömte heißer parfümierter Rauch: »Was ist das Göttliche, Leonhard,« sprach eine Stimme, und ein glühender Punkt sank im Halbkreis nieder, »Du sagst Liebe und fürchtest es im gleichen Atem zu verlieren! Ist es Brüderlichkeit, oder Leidenschaft, oder die Bewußtlosigkeit, die sich über dich gesenkt hat, wenn du deine Gedanken ins Wachsein hinüber retten mußt?«

Da der Dichter nicht sprach, gab der Maler, der Oliver genannt wurde, Antwort: »Was ist es denn? Ich fühle in mir einen Ton angeschlagen und 85 mitschwingen, ich muß in einer anderen Sprache wiederholen, was Leonhard in Worten ausgesagt hat. Es wird schon das brüderliche Verstehen in uns beiden sein, was er mit dem Göttlichen meint!«

Einer sprach, unter dem Fenster, der Sternenglanz beschien sein helles Haar: »Wie soll sich der Traum entwirren und Kunst geboren werden in uns? In fremdesten, wildesten und totesten Herzen muß die Schwingung erwachen, die in dir gezittert hat – kann sie es nicht, so war's nicht Kunst, was sich in dir geregt hat. Gesamtherz – Ziel und Prüfstein und Weg!« Er trat hervor in den Kreis des Kerzenscheins und hob seinen schmallippigen Kopf. Seine Augen waren schattige Höhlen tief unter der hohen, gewölbten Stirn.

Zwei Stimmen erhoben sich. Eine kam aus einer dunklen Ecke des Raumes, die andere begleitete die Gebärde eines Armes, der nach den Scheiben wies. Die erste sprach: »Hier in dieser Mappe, seht die Blätter, gebt sie von Hand zu Hand weiter: den »Triumph des Todes« aus dem Campo Santo in Pisa, die »Auswanderer« von Brown dem Präraffaeliten, den »Orpheus« von Feuerbach – das alles ist Wahrheit und Natur, aber wo geht hier ein Weg in die Herzen des Volkes?«

86 Die andre Stimme sprach: »Blicket durch die Scheiben auf die Straße hinunter. Eine Mutter hat ihr Kind auf dem Arm und steht vor einem Brotladen. Ein Liebespaar trennt sich an einer Straßenecke, das Mädchen ist schwanger, der Mann hat Abschied genommen auf Nimmerwiedersehen. Ein Kreis von Leuten hat sich um einen singenden Bettler geschart, eine seidengefütterte Karosse fährt vorüber. Versucht, diese Szenen darzustellen, wie sie sich unter euren Blicken ereignen – und ihr werdet auch damit das Herz des Volkes nicht treffen können!«

»Wozu dann Kunst? Wozu dann Leben?« Schweigen. »Wozu dann leben?«

Eine Stimme sprach: »Meister . . .«

Alle Blicke wendeten sich einem Greisenpaar zu, das, mitten unter diesen jungen Menschen, eng beisammen saß und bisher schweigend den Reden der Jungen zugehört hatte. Der Meister war ein wunderschöner weißbärtiger Greis in weitem schwarzen Talar, ein Purpurkäppchen saß auf seinem Kopf, und er hatte die Blicke auf seine Hände niedergebeugt, die nebeneinander, feierlich wie Rastende oder Schläfer auf dem Schoße lagen. Über diese Hände beugte sich auch das Gesicht seinem alten Frau. Sie war zart und von kleinem 87 Wuchs, wie ein junges Mädchen. Ihr Scheitel war gelichtet, aber die Augen dunkel und voll Leben. Wenn der Greis aufblickte, war, wer in seine Augen sah, überrascht von ihrem durchsichtigen, unirdisch hellen Grau. Hellsichtige Blicke wanderten zwischen diesen Augen und denen der Greisin hin und wieder; ein jung gebliebenes Lächeln begleitete sie, in zuckendem Strahl, tiefstes Einvernehmen zweier Seelen. Der Meister hatte eine solch seltsam ruhige Art zu sprechen, und es lagen seine Hände so unbewegt und weiß auf dem Schwarz des Seidentalars! Seine Worte aber waren voll Gärung. »Verbrennt! Gut, ihr Kinder! Meine Kinder! Wenn ihr stöhnt vor Schmerz, so ist es Kunst und euer Leben wird rein. Was wäre es wert, empfändet ihr nicht mit jedem Atemzug den Schmerz? Laßt euer Herz euern Verstand auffressen und widerstrebt nicht! Der Gedanke lebt nicht, ehe er den letzten Rest von Handwerk aufgefressen hat, aber das Handwerk könnt ihr bis zum letzten Atemzug nicht erlernen. Leidet, denkt, fühlt, mißtraut euch, verwerft, betet an, immer endlos weiter. Ohne Ende lebt weiter!«

Gesichter drängten sich nach vorn, in den Lichtschein der Kerzen. »Erzähle, Meister, erzähle dein 88 Leben!« rief's aus den Gesichtern. »Erzähle dein Leben!«

Ein dunkler Ton schwirrte durch den Raum, das äußere Brausen zog unterirdisch in den Raum herein, es klang wie der Atemzug eines schlafenden Urtiers aus den Fundamenten, dem Gewölbe unter dem Haus. Es war das tiefe, schwirrende Schweben des Orgelregisters; der junge Russe saß an dem Instrument, unter dem Tritt seiner Füße sanken die Bälge des Instruments, hoben sich, die Luft erzitterte. Mitten durchs Gebrause war die leise ruhige Stimme des Meisters zu hören: »So war mein Leben. Erst hat es aus der Hoffnung Freude gesogen, dann aus der Arbeit, der Arbeit allein, und später aus allem Kummer, Fehlschlägen, Schlägen mancher Art!«

Jetzt sprach die alte Frau. Sie sah in die Runde, sah allen diesen Jungen in die Augen. Ihre Blicke leuchteten vor Liebe: »Immer, immer über sich hinaus, immer weit über sich hinaus.«

»Und doch ist einem nur so geringer Raum gestattet!« sprach jemand im Dunkel. »So mäßige Bewegung nur von der Natur!«

»Meister,« sprach Leonhard; »was tatest du, als du inne geworden warst, daß der Künstler lebenslang nichts anderes zu tun vermag, als 89 hundertmal und tausendmal immer wieder nur sich selbst wiederholen und hinausschreien, im Alter immer noch dasselbe, was in der Jugend!«

Der Meister lächelte, und seine Hand hob sich vom Schoß empor, streichelte liebkosend über den Scheitel der alten Gattin. Er sagte: »Diese Angst ist mir nicht unbekannt geblieben! Sie ist verschwunden. Denn die Liebe bleibt sich immer gleich, uralt, und nur das Leben des einzelnen verwandelt sich über ihrem Grund wie der Himmel in den Jahreszeiten. Jedes neue Beginnen, und wenn ich etwas Neues gewollt und unternommen habe, und die Seelen der Freunde . . .« er wurde leise und die Silben flossen langsam »die Freundesseelen verwandelten sich, daran merkte ich, durch wie viele Leben der Künstler durch muß, wenn er sich selber neu schafft, jede Stunde des Lebens . . . Aber die Liebe bleibt sich gleich . . .« Sein Schweigen ging über in den ersten mächtig schwellenden Akkord der Orgel. Der Raum zitterte und schwand vor den Blicken, die sich nach innen kehrten.

Ein junges Mädchen stand auf von einem niederen Schemel und erhob sich vor dem Greisenpaare. Durch einen Zufall stand sie so da vor der Versammlung, daß ihre Gestalt den Umriß der ausgesparten weißen Fläche auf der Leinwand 90 Olivers ausfüllte. Alle erkannten nun, daß Oliver nur sie gemeint haben konnte, mit jener angedeuteten Figur, um die sich die ausgeführten Kämpfergruppen des Bildes leibhaftig drängten und scharten. Sie war wie eine Fabrikarbeiterin gekleidet, wie eines jener Mädchen, die um das Morgengrauen, ehe der Pfiff der Dampfpfeife ertönt, über die dunklen kalten Straßen eilen. Sie hatte eine kindlich gewölbte Stirn und einen wundervoll reinen Haaransatz; ihre Augen blickten voll Freude, wie nie ein hoffnungslos fronender Mensch freie, aus ihrer Sehnsucht heraus schaffende Menschen anblicken kann. Und es klang fast wie ein Lied, was sie sagte. Die Orgeltöne legten sich verzückt vor die Füße der Worte des schönen jungen Geschöpfes hin. »Freiheit.«

Ein zärtlicher Ausruf aller antwortete der jungen Arbeiterin, die die Freunde Laura nannten. »Es ist jetzt bald die Zeit da, und wir haben gewonnen! Schon kommen die Letzten zu uns, die am tiefsten erniedrigt worden sind, und sagen: wir wollen sie lieben, die uns mißbrauchen. Wir müssen unseren Körper verkaufen, aber die Liebe tilgt die Schmach unserer Erniedriger! Und die Mägde, die in den reichen Häusern dienen, kommen auch herbei und sagen: wir streicheln die winzigen, 91 unnützen und zerbrechlichen Ziersachen, die wir täglich mit unseren ungelenken Händen säubern und abstauben müssen, denn sie gehören ja den Menschen, in deren Häuser wir aufgenommen sind! Und die Armen, die ihre eigenen Kinder fremden Weibern zur Pflege überlassen müssen, kommen und sagen uns: wir blicken mit Liebe auf unsere vollen Brüste nieder, mit denen wir die Säuglinge vornehmer Damen nähren. Sie sagen es so und sagen nicht, daß die Damen gedankenlos auf ihre vollen Brüste niedersehen. Und wir selber in den Werkstätten, in den Stuben, wo Heimarbeit geleistet wird – mit jedem kleinen Metallstreifen, der unter unseren Maschinen hervorkommt, geht ein wenig Liebe hinaus unter die Menschen, denen wir Geräte schaffen für ihren Gebrauch, und Segen ihres Lebenstages. Wir alle lernen in jedem Augenblicke die Aufgabe und den Zweck, zu dem wir in der Menschenwelt sind!«

»Du heißes Herz! Du goldene Quelle!« flüsterte Leonhard.

»Teuere Kameradin!« rief jemand leise in den Raum.

Wie eine Mutter ihr Kind, blickte die Greisin das junge Mädchen an; ein zärtlicher Laut, ein Taubengurren kam aus ihrem lächelnden Mund. Das 92 Mädchen aber hatte seinen Kopf nach dem Orgelspieler hingewandt und hatte die Hand gehoben: horch!

Der junge schwarzbärtige Russe spielte. Sein kurzsichtiges Gesicht lag fast auf den Tasten des Instrumentes. Die Register leuchteten. Eine Weise strömte aus der Orgel, wie sie das Volk erfindet, wenn es in Worten nicht sagen darf, was ihm geschieht. Alle Seufzer und alle niedergehaltenen Hoffnungen bebten und schwangen mit den Tönen, in die sie geflohen waren.

»Aufruhr!« Der junge Hellhäuptige, der mit den schmalen Lippen und beschatteten Augen, hatte das Wort gesprochen. Alle horchten, atemlos, auf die Sprache der Orgel. Auf der Leinwand, die lebte, kämpfte das erblassende Sternenlicht mit dem Schein der Kerzen, die niedergebrannt waren und erloschen. In den Orgelschwingungen wallte wolkengleich leichter, blauer Rauch.

»Ich kenne eine Kirche,« sagte Oliver mit seiner heiseren, unsicheren Stimme, »sie steht unbenutzt seit langer Zeit. Dort, wo der Altar zu sein pflegte, werde ich mein Bild ganz fertig ausführen. Wladimir wird die Orgel spielen für die Menschen, die kommen werden, im Winter, um Obdach gegen den Frost zu haben, im Sommer, um Kühlung zu finden. Sie sollen gern hinkommen, Schönes 93 sehen, Schönes hören, lernen, beisammen zu sein. Worte sollen sie auch vernehmen, voll von Reim und Gedanken, aus tönenden Herzen . . .,« er schwieg und sah zu Laura hin, die zu Füßen der alten Frau niedergekauert war, . . . »ich aber werde nicht mehr bei euch sein, wenn das Bild fertig dastehen wird . . .,« seine Stimme kam traurig, wie aus weiter Ferne her, und niemand antwortete. Denn die Freunde wußten es ja, seine Visionen stammten aus dem unheilbaren Brand, an dem sein schwächlicher Körper zugrunde zu gehen vorbestimmt war, in kurzer Frist. Er sprach nicht weiter; aber der Dichter war es, der aus seinem Seherblick den Kern, den Nebelfleck in den Raum schweben sah, das leuchtende, wärmehaltige, rotierende Gebilde, das die Gemeinschaft durchstrahlen, erhitzen, mitreißen sollte, ein Einziges schaffen sollte aus Millionen, Milliarden kleiner, verstreuter frierender Einzelsonnen, in einem gleichen Schöpfungsprozeß wie dem, aus dem der Erdball erstanden ist. Das unausrottbar, unzerstörbar Edle erstand wie eine lebende Kugel, erschien in der Höhe des Raumes; die Anwesenden blickten in die Höhe, Freund saß beim Freund, erhobener Gedanke gewann Leben über der Gemeinschaft. Der Dichter sprach, die junge, ernste Stimme: »Wir alle werden untergehen für die bessere Menschenwelt!«

94 Über das Haus weg zog der Himmel in ungeheurem Bogen die Sternenschar in ferne Tiefen mit. Andere und immer wieder andere Sterne schienen durch die Mansardenscheiben herein. Mit dem letzten Stern erlosch der letzte Kerzendocht. Die Gesichter im Raum verflackerten, lösten sich auf.

Eine Stimme sagte: »Moina!«

 

In den folgenden Tagen und Nächten fegte der Wind Regenströme nieder. Die Hütten lagen da, wie durch Meilen voneinander getrennt. Kaum einen Schritt weit drang der Blick ins Freie. Wen kein dringendes Geschäft aus der Stube jagte, der blieb daheim, in tiefe Abgeschiedenheit versponnen. An solchen Tagen waren Kay und Moina draußen auf der Wanderschaft. Sie begegneten einander und trennten sich in entfernten Bezirken, als wären Meer und Himmel um sie und nicht ihre vier Wände. Auf diesen Wanderschaften verirrte sich Kay in den Bereich der seit dem Sommer verschlossenen Villa des Kaufmannes aus Aachen. Sie lag still da mit ihrem wind- und regenverwehten Vorgärtchen, in dem an sonnigen Tagen eine Glaskugel Himmel und Sand und das verkümmerte Georginengebüsch spiegelte. Sie schien jetzt bewohnt zu sein, denn 95 die Scheiben waren nicht mehr von Rolläden verdeckt, sondern es strömte durch sie ein helles Licht hinaus auf Terrassen und Bäume und bis in die entferntesten Alleen des weiten Parks, aus denen vereinzelte Spaziergänger langsam und im Gespräch vor der Abendkühle dem Haus zustrebten Sie traten aus den herrlichen uralten Buchen und Platanen auf den kurzgeschorenen Rasen hervor und blieben vor der breiten Freitreppe zur Terrasse stehen. Oben wartete schon die Herrin des Schlosses auf sie. Sie stand im Rahmen der geöffneten Tür zum Musikzimmer. Sie hatte einen spanischen Seidenschal, silberne Rosen im Purpurgewebe, um ihre Schultern gelegt, er kleidete ihre hohe schlanke Gestalt, die blasse, von Puder und Schminke etwas mitgenommene Feinheit zarten Alabasters. Da sie einige ihrer Gäste noch weit weg, im Park, nach dem Wiesenweg zu hinuntergehen sah, hob sie ihren schönen ausdrucksvollen Kopf, schloß die Augen im Vorgenuß ihrer Stimme und sang die Takte, die den langen, modulierten Triller aus »Idomeneo« einleiten. Es war ihr weltberühmter Triller, der vor einem Jahrzehnt noch Europa und Amerika in Entzücken versetzt hatte und der nun vor der Welt verstummt war – nur im Hause der Künstlerin, 96 den seltenen erlesenen Freunden noch verkündete, daß die Diva lebe und in der Vollkraft ihrer Kunst zu altern verstehe!

Zwischen den Bäumen erscholl Händeklatschen. Zwei Herren im Frack stiegen die Treppe hinauf. Der eine ergriff die schönen, schneeweißen Hände der Sängerin, die den Schal um die Brust zusammenhielten, und führte sie an die Lippen. Der Triller brach in einem glückseligen Lachen ab, das entzückend, wie reinste Musik, über die Terrasse und weit in den Park hinein rollte.

»Ewig schade!« sagte der jüngere der beiden. Aber der ältere, ein eleganter Herr mit französisch gestutztem, ergrautem Spitzbart, bemerkte: »Genießen wir denn den Gesang unserer Freundin hier nicht ungleich tiefer und intensiver, als wenn wir wären gezwungen, ihn mit tausend Menschen in einem Opernhaus anzuhören? Mein Genuß und der Ihre vervielfältigt sich doch derart, daß unsere Freundin selbst ihren vollen Triumph erleben muß!«

»Ein alter Epikureer!« sagte der jüngere. »Er wird nie um eine Erklärung verlegen sein, wenn er sich einen Genuß sichern kann, dessen er die anderen beraubt!«

Die Sängerin war schon an den Flügel getreten 97 und hatte einen Akkord angeschlagen. Ohne die Eintretenden zu bemerken, sang sie die ganze Arie von Anfang an, brach ab, wiederholte eine kurze Passage, warf dann den Schal auf den Flügel und begann die Arie, strahlend, ihrer selbst sicher, mit voller Stimme vom ersten Ton an zu siegen.

Jetzt waren alle Gäste in dem Zimmer versammelt; sie standen unter den venezianischen Leuchterarmen, die an den elfenbeinfarbigen Wänden befestigt waren, oder saßen in den schweren Damastlehnstühlen im Raum, in dem das künstliche Licht mit der hereinströmenden Vollmondnacht kämpfte. In ihrem hellen Kleid aus alten Spitzen stand die Sängerin da und sah keinen. Ihre edle, hochgewachsene Gestalt verriet noch nichts vom Altern. In ihrem nur von ganz leichtem Grau überhauchten schwarzen Haar trug sie zwei goldene Lorbeerzweige, deren Spitzen sich in der Mitte des Scheitels berührten.

Ein Diener schloß die Terrassentüren. Die Tür zum Speisesaal stand offen, man sah drin den Tisch mit massiver Ebenholzplatte, in der sich eine tiefe Silberschale, mit Früchten hoch beladen, spiegelte. Eine Arras-Tapete bedeckte die ganze Wand des Saales, ein Jagdzug hinter Falken war auf ihr dargestellt. Der Jünglingskopf eines Ritters auf 98 schwarzem Pferd starrte von der Höhe des Gobelins ins Musikzimmer hinüber, als ließe er Jagd Jagd sein, als lausche er den Tönen. Ihn blickte die Sängerin mit ihrem strahlenden Blick an, während sie sang, ihn allein.

Ein Herr, der einzige, der statt des Gesellschaftsanzuges einen einfachen schwarzen, etwas saloppen Rock trug, hatte sich an den Flügel gesetzt und begleitete aus dem Gedächtnis die Arie. Die Sängerin lächelte, sah kaum hin, es war ja der berühmte Musiker, der sie begleitete – an der Art, wie er spielte, erriet sie seinen Beifall – aber ihr Lächeln galt doch nur dem Jünglingskopf auf der Tapete, zu ihm hinauf flog Lächeln und Gesang.

Der Spitzbart beugte sich zu seinem Nachbarn: »Sehen Sie doch, beständig singt sie zur Galerie hinauf! Wir werden sie verlieren.«

Die Sängerin schloß mit einem empor wirbelnden Crescendo, griff dann nach ihrem Schal und sagte mitten in den Applaus und die Unruhe der Freunde hinein: »Ach, vergangene Zeiten!« Leise und noch immer mit dem verliebten Ausdruck, den ihr Gesicht annahm, wenn sie sang, legte sie die Fingerspitzen auf die Schulter des Komponisten, der sein Spiel mit einer kühnen Kadenz beendete. Er sprang wie ein Jüngling auf, schob den Arm 99 der Sängerin unter den seinen und zog mit großen Schritten in den Saal.

 

Sie hatten die Sessel vom Tische zurück geschoben. Die Kerzenflammen der alten Leuchter steckten in buntem Nebel, Champagnerkelche standen herum, Sevres-Blau spiegelte sich im Ebenholz. Einer sprach, es war der Begleiter des alten Epikureers, ein Mann von vierzig Jahren; man kannte ihn weit über die Grenzen des Landes hinaus, es war der Fabrikant Ringold. »Soll ich von meinem Leben sprechen? Meine Ziele sind erreicht, meine Aufgabe gelöst, so restlos und beglückend aufgegangen wie ein Exempel der Arithmetik. Was bliebe da noch zu tun übrig?«

»Ach! Die Künste genießen, die edle Geselligkeit, Wohltun, Sammeln, Reisen, die Natur!« rief einer vom Ende des Tisches, es war der Chirurg Willrat.

Ringold lächelte: »Ich bin noch jung, ich hatte zu viel Glück. Ich bin zu rasch vorwärts gekommen. Ich muß nun erst anfangen, das weiß ich sicher. Ich muß sühnen.«

»Ringold will den Büßer machen! Die Menschenliebe gebietet ihm, Eremit zu werden.« höhnte der Spitzbart.

100 »Ich will sühnen für die Machte sagte Ringold und sah auf seine Hände nieder. »Ich habe sie zu mir kommen sehen, halb auf mein Geheiß, halb von selbst, sie ist unter meinen Händen gewachsen, schon als ich nicht mehr wollte, am Ende graute mir vor ihr, jetzt will ich sie ganz vernichten, das wird mein nächstes Ziel sein.«

»Ich verstehe Sie nicht,« sagte die Sängerin. »Die Macht vernichten? Wollen Sie dem Leben entsagen, Ihre Habe verteilen?« Sie wandte sich zu ihrem Nachbarn, dem Komponisten. »Es ist ja so, als schämten Sie sich Ihres Ruhmes!«

»Ich verstehe Ringold vollkommen,« sagte der Komponist. »Der Künstler bricht in ihm durch. Es gelüstet ihn nach Taten über dem Alltag.«

»Das waren Ringolds Taten bisher auch!« sagte ein klein gewachsener, wie ein Musiker aussehender Mann, der aber ein Chemiker von Weltruf war, Forscher und Erfinder. »Sie müssen die Landwirte fragen, was sie von seinen Ackerbaumaschinen halten.«

Ringold sah rasch zu dem kleinen Mann mit den weichen Zügen, der nur selten aus seiner Schweigsamkeit erwachte, hinüber. »Sie müssen mir bei meinen künftigen Unternehmungen behilflich sein, Menlo! Sie allein sind von uns allen 101 mit irdischen Einfällen von solch vollkommener Art begnadet, wie unser Meister mit Einfällen seiner göttlichen Themen. Da Sie meine Fabrik mit organisiert haben, wissen Sie, daß dort die Arbeit von selber vorwärts geht. Ich habe die Erfindungsgabe meiner Arbeiter zugleich mit ihrer Lust an ihrer Arbeit gefördert, jeder von ihnen ist jetzt an der technischen Leitung und an dem Ertrag in vollem Maß beteiligt.«

»Was wollen Sie denn noch!« rief der Spitzbart. »Dann sind Sie ja Ihre Macht zum größten Teil los! Graut Ihnen etwa jetzt vor der Macht Ihrer Mitarbeiter? Das würde ich schon eher verstehen.«

»Ich weiß mich von der Sünde des Übermutes frei,« sagte Ringold, »die der Erfolg gebiert. Auch sind wir ein altes Geschlecht von Fabrikanten und reich gewesen durch viele Generationen. Anders verhält es sich mit meinen Mitarbeitern. Die stammen aus anderen Vorbedingungen der Lebensführung, Geburt, Erziehung, sind anderen inneren und äußeren Einflüssen ausgesetzt. Über manche kam der Wohlstand in wenigen Jahren, und diese müssen vor ihren eigenen Gelüsten und Ambitionen geschützt werden. Indem ich jeden vor sich selber beschütze, bewahre ich ja auch die Fabrik vor Rückschritt und Ruin.«

102 Ringold stand auf und nahm aus der Silberschale einen herrlichen, reifen Pfirsich. Er legte ihn auf den Tisch vor sich hin und betrachtete die Frucht aufmerksam, während er weiter sprach.

»Die erste Folge der Vervollkommnungen in unserem Betriebe war ein ungeheurer Aufschwung der Produktion. Wir konnten der Nachfrage kaum mehr genügen. Neue Anlagen mußten gebaut werden. Ich baute sie gleich für eine ungleich höhere Zahl von Maschinen und Arbeitern, als der Betrieb unbedingt erfordert hätte. Ich tat es, um die Arbeitsstunden herabsetzen zu können. Die Herabsetzung der Arbeitsstunden und die Vervielfachung der Arbeitskräfte hat unserer Konkurrenzfähigkeit mit den anderen Fabriken nichts geschadet. Im Gegenteil. Die Erntearbeiter auf den großen Ländereien wollten ja auf einmal nur noch mit unseren Maschinen arbeiten! Die äußerste Mechanisierung der Handgriffe mußte nun notwendig durchgeführt werden in dem riesenhaft angewachsen Betrieb. Zugleich mit der Durchführung der Mechanisierung aber suchte ich ihre Folgen durch hygienische Vorkehrungen, Sport und soziale Veranstaltungen der üblichen Art zu vermindern, nach Tunlichkeit zu beheben. Der Sport hatte den größten Erfolg! Aber ich sah in diesem Faktum 103 nichts weiter als eine Reaktion der mißbrauchten, einseitig geleiteten Muskeltätigkeit. Und eine schwerere Sorge blieb übrig.«

»Es freut mich,« sagte der Chirurg, »daß Sie den Sport richtig einschätzen, seine Gefahren erkennen und seinen Wirkungen vorzubeugen suchen. Jawohl, Sie haben recht – eine schwerere Sorge bleibt übrig!«

»Nun werden wir ja hören, was Sie zu unternehmen gedenken!« sagte ein wie ein Amerikaner aussehender, breitschultriger Mann, der bisher geschwiegen hatte. Alle, die ihn kannten, wußten ja von seiner Skepsis gegenüber dem sozialen Fortschritt, den er als eingeschworener Geschichtstheoretiker verneinte. »Was Sie in Ihrer Fabrik durchsetzen wollen, ist Kommunismus auf eigene Faust. Und nun gar noch einen Schritt darüber hinaus!«

Der Spitzbart schob seinen Kopf vor und sagte: »Geben Sie Ihren Arbeitern eine neue Religion, Ringold. Sie wird sie im Zaum halten, da Sie sie vom Zwang der Arbeit befreit haben!«

Ringold schwieg. Er hörte wahrscheinlich nicht, was die andern sprachen. Seine Blicke waren wie von einer hypnotisierenden Gewalt auf der schönen, saftstrotzenden Frucht gesammelt. In Wahrheit 104 war das, was sich in ihm jetzt zu Worten formen wollte, eine schwer aussprechbare Empfindung des Begnadetseins, des Glückes, eines unverdienten Schicksals aus Erstreben und Gewährung, das er nun reif sah, gekrönt zu werden; der Augenblick, in dem er seinen Plan preisgab, erfüllte ihn mit Andacht. Er entsann sich eines ähnlichen Augenblickes; die Erinnerung stieg auf in ihm, und er sah!

Er sah jetzt: die weite sonnedurchflutete Glashalle seiner Maschinenfabrik an einem Sommermorgen. Er war eben aus seinem dunklen Büro in die Halle eingetreten, und das Licht hatte ihn im Nu überwältigt. Aus Rädern und von den Transmissionsriemen scholl tausendstimmiger Gesang. Er mußte die Augen schließen, so stark sang sein Blut aus tausend Kehlen eine keimende Hymne in ihm. Er lebte in alldiesem, es war wahrhaft sein. Das Gefühl des Besitzes war umgeschlagen und hieß nicht mehr Macht, sondern war ein Gebilde aus Güte und Weltfreundschaft geworden!

Da hatte eine Hand die seine berührt, eine Stimme war an sein Ohr geschlagen. Die Hand war schweißig, die Stimme vom Überschreien des Maschinendröhnens heiser und rauh geworden. 105 Als er die Augen öffnete, standen seine Arbeiter um ihn und blickten ihn aus erschrockenen Gesichtern an. Ihre Gesichter waren schweißüberströmt, kleine Schweißtropfen standen auf ihren Stirnen und um ihre Nasen. »Sie sind doch nicht ohnmächtig geworden, Herr Ringold?« sagte der Werkführer, der seine Hand berührt hatte. Auf einmal war der Aufschwung abgeschlagen, und ein Gefühl schmerzhaft und tief stieg auf aus Herzensgrund, so daß er hätte schreien, stöhnen, in einen Tränenstrom ausbrechen mögen. Er sah in Augen und Gesichter, sah die Haltung der Rümpfe, der Hälse, roch Schweiß, hörte das pumpende Fauchen der Lungen, das Gerassel der Bronchien. . . Die Sklaverei der Arbeit, Not, Häßlichkeit blickten ihn an, schmetterten ihn nieder, er erkannte das stumme, anklagende Leid, das Erbschicksal. . . und was eben noch Aufschwung gewesen war, erhob sich und stand fest gestützt in ihm und war Empörung geworden.

Die Sklaverei forträumen, auslöschen aus dem Leben der Menschen. Die Seelen zur Freiheit hinauf führen. Den Menschen Feste schenken, aus ihrem Leben ein Fest gestalten! Aus der Armseligkeit ihrer Erholungspausen ein dauerndes Gebilde der Freude schaffen, darin ein jeder seine Arbeit 106 und seinen Alltag, seinen Sonntag und das ganze Um und Auf seiner täglichen Existenz wieder erkennen könne – aber verklärt in nimmer aufhörender Herrlichkeit!

»Ich danke, es ist mir schon besser!« hatte Ringold dem Werkführer gesagt, hatte seine Hand in der seinen gepreßt, war dann rasch aus der Halle gegangen und heimgefahren, um in der Stille einen Tag des aufs höchste gesteigerten Lebens durchzuleben. Derweil verbreitete sich in der Fabrik das Gerücht von seinem Ohnmachtsanfall. . . .

Jetzt saß er und sann über nüchterne Worte, die ihn nicht verraten sollten. Denn aus jenem Urgefühl hatte sich ja schon das Positive, der praktische Entwurf herausgelöst. Ringold sprach: »Worin besteht die Faszination des Krieges auf die Massen? Die Menschen sind, all ihr Leben lang, vom Morgen bis in die Nacht, an Maschinen in Fabriken, an Pulte in Büroräumen geschmiedet. Jetzt auf einmal geht's hinaus in Abenteuer, Gefahren, unter freien Himmel, in die Jahreszeiten. Wie gern werfen sie ihr Alltagsdasein als Einsatz ins Spiel! Der mechanische Dienst hat es gelähmt, verbittert; was liegt ihnen daran, ob sie's verlieren? Die Menschen müssen Feste haben. Nicht sich wieder an Feste gewöhnen, denn der nordische 107 Mensch kennt ja die Feste und Wonnen der Griechen nicht; man muß ihn darin unterweisen, wie er aus seinem Leben ein Fest gestalten soll!«

»Ach, zu Festen gehören schöne Menschen. Der moderne Arbeiter ist häßlich. Sehen Sie ihm bei seinen Vergnügungen zu. Ebenso verhält es sich mit dem unteren Mittelstand. Die Luxusmenschen, die Drohnen, die verleihen den Festen des Lebens erst das wahrhaft Festliche. Sehen Sie doch zu, wie das Volk sich drängt um die Portale der Opernhäuser, der Paläste, in denen die großen Bälle abgehalten werden, um die geputzten Damen aus ihren Kutschen steigen zu sehen, ihren Anblick für ein paar Sekunden nur zu genießen!« sagte der Spitzbart.

Ringold fuhr fort: »Wer hätte es nicht gesehen, wie die Freude das Antlitz des Menschen verschönt. Nein, es ist nicht das Geborgensein vor der Not, das die Menschenseele erhöht. So, daß man einen Widerschein von innen auf den Gesichtern erblicken könnte! Das Stückchen Land, das der Stadtmensch in seinen wenigen Mußestunden vor den Toren bebauen darf, ein paar Blumen, die er gepflanzt hat und in voller Blüte sieht, der Sonnenuntergang, ein Regenbogen nach dem Frühjahrsregen, all das tut Wunder, glauben Sie mir! Menlo, Sie kennen 108 ja das Gelände um meine Fabrik, den Bergwald, aus dem die Wasserkraft für die ganze Anlage kommt. Diesen ganzen Berg, ein ziemlich umfangreiches Stück Landes, habe ich angekauft, und es soll der Spielplan meiner Arbeiter werden. Der Wasserfall, der die Turbinen speist, aus deren Kraft unsere Maschinen gebaut werden, gehört allen, die ihren Lebensunterhalt in unseren Werken verdienen. Der Wald ist sehr schön. Ein paar Bergwiesen stehen unter Felsen, voll von Blumen, stellenweise ist der Wald dicht wie Urwald! Die Wohnhäuserkolonie ist an den Waldesrand gebaut; sie wird immer größer, denn die erwachsenen Kinder meiner Arbeiter wollen nicht fort, sondern in der Fabrik arbeiten; die Familien heiraten sogar untereinander; es ist mir im Grunde gar nicht recht, denn es entsteht da förmlich eine Kaste! Aber was ist zu machen? Sie lieben den Ort und ihre Arbeit, und neulich kam sogar ein kleiner Junge, Quartaner, Sohn eines Arbeiters, zu mir und brachte mir eine Zeichnung: er hatte eine Maschine erfunden! Der Vater hatte den Kindern zu Hause die Konstruktion der Maschine erklärt, an der er im Saal sitzt und arbeitet – da war dem Kind eine Verbesserung eingefallen! – Seit voriger Woche gehört nun der Berg mit Wald und Wiesen und 109 Wasserfall mir und meinen Freunden und Arbeitern. Wir werden auf der Wiese unter dem Felsen einen Tempel bauen, in dem sollen Gelehrte Vorträge halten. Eine Arena für Musikaufführungen ist vorgesehen; eine kleine Meierei wird gebaut werden, die Frauen, die Kinder sollen sie verwalten. Auf einer Rodung wollen wir Obstbäume pflanzen, Gemüse züchten; man muß nur die Gärtchen in der Kolonie sehen, um zu ahnen, welche Resultate wir erzielen werden! All diese bebauten Stellen aber verschwinden in dem riesengroßen Territorium, das ein Naturpark bleiben soll, etwas Schönes, ein Schauplatz festlicher Gemeinschaft, etwas fürs Leben!«

»Es wird Nachahmung finden,« sagte Menlo.

»Darum muß es auch möglichst vollkommen dastehen. Ich hoffe, in absehbarer Zeit werden Parks, Festgelände in der Gemarkung so mancher blühenden Industriestadt errichtet sein; die Eisenbahnen werden Menschen befördern, die die benachbarten, die weit im Lande befindlichen Spielplätze besuchen wollen; an Gedenktagen der Arbeit und der Freiheit werden sich auf diesen Plätzen im ganzen Land Menschen zu Verbrüderungsfeiern zusammenfinden, in Wochen des Sommers ebensogut wie in Winterwochen, an Sonntagen wie an 110 Arbeitstagen. – Es wird keine Arbeitswochen und Feiertage mehr geben, sondern eine Arbeits- und eine Festesschicht werden einander ablösen, und bald wird man sie nicht mehr trennen, die eine nicht mehr von der anderen unterscheiden können. . . .«

»Hören Sie auf!« rief der Spitzbart, »o hören Sie auf, mir wird schwindlig!«

Aber unhörbar und leichtfüßig, als schritte er auf Wolken, hatte sich der Meister erhoben und war zum Flügel gegangen; seine Hände hatten einen leisen Akkord angeschlagen, seine Blicke waren in die Ferne gerichtet. Alle saßen und warteten.

Da erhob sich zögernd erst, dann sicherer und sicherer, ein Spielen, Fluten, Auf- und Niederwogen von Themen, unbekannten und solchen, die bekannt anmuteten, und die sich zu einer Fuge zu verbinden suchten.

Der Chirurg flüsterte seinem Nachbarn zu: »Hören Sie? Es ist der Chor aus der Neunten!«

Die Sängerin hob die Fingerspitzen zum Mund: »O – die Marseillaise!«

»Das Lied der Arbeit!« sagte Ringold und nickte lächelnd vor sich hin.

Jetzt ordneten sich die Töne. Eine Melodie begann aus dem Gewebe der Themen die Flügel zu regen. Schwebend entwickelte sie sich, drängte 111 jubelnd vorwärts. Sie war neu und überraschend. Sie hob sich klar und bestimmt, in strenger Zeichnung ab über dem Urgrund rhythmisch pulsierender Arpeggien, in denen der Chor an die Freude, die Freiheitshymne, der Schlachtgesang der Internationale, wie Marsch von Kolonnen, Fahnenwehen, Waldesrauschen im Winde, sonnebeschienener Wasserfall wechselnd erbrausten.

»Hören Sie – die Melodie! Das ist seine eigene, das ist er, der Meister!« sagte die Sängerin verzückt.

Mit einemmal brach die Musik ab. Die Sängerin erriet: nun begann die Arbeit! Sie sprang auf, wollte die Flügeltür schließen, der Komponist aber bat: die Türen sollten offen bleiben und die Unterhaltung weitergehen. Nach einer Weile sagte der Spitzbart: »Ich vermißte einen Ton in diesem Hymnus, in der Fuge ein Thema, etwas wie die spöttische Pikkoloflöte Till Eulenspiegels von Strauß, den Widerspruch, den Zweifel, Eulenspiegel unter dem Galgen, das Befreiende, die Verneinung des Pathos! – Immer wird es Menschen geben, die ihr Leben auf den Genuß gestellt haben, wie andre auf die Arbeit. Ein Zusammenschluß dieser beiden ist unmöglich! Ein Zusammenstoß. Katastrophe für die Arbeit und für den Genuß! 112 Warum, ich frage Sie, sollen gerade die Arbeiter die harmonischen Geschöpfe sein, die der Welt die Freude und das endlose Fest bescheren? Die Arbeits- und die Festesschicht! Ich finde, man bekümmert sich in dieser Zeit so ausschließlich um ihr Wohl, weil sie die Masse darstellen, die ungeheure Überzahl!«

Ringold sagte zu Menlo: »Eins bleibt zu tun übrig: wir müssen den Wettbewerb in seiner heutigen Form aus dem Kreis der menschlichen Betätigungen auszuschließen suchen – den Kampf meine ich! Die Tüchtigkeit, die den Vorrang verschafft, beruht ja nicht auf der Tugend allein – sie bedingt ein Belauern, ein Sichzunutzemachen der Fehler, Schwächen, Unzulänglichkeit des Mitmenschen, des Nächsten. Neid und Schadenfreude sind Attribute, Nebenprodukte des Wettbewerbs!«

Der Amerikaner fiel Ringold ins Wort: »Sie werden aber zugeben, daß alles, was Sie jetzt unternehmen wollen, seinen Ursprung doch nur in dem Erfolg Ihrer bisherigen Unternehmungen hat – der ist die Basis und ist eine Tatsache.«

»Was Sie meinen Erfolg nennen, leugne ich nicht. Aber er erwuchs nicht aus meinen Fähigkeiten. Ich sagte schon: ich hatte zuviel Glück. 113 Ich sehe im Glück kein Geschenk von oben. Es bestand darin, daß ich zufällig die Geschicklichkeit mitbekommen hatte, meine Fähigkeiten unter den Menschen geltend zu machen und wirkungsvoll auszunutzen. Rings um mich gingen tausendmal Tüchtigere, geniale und überragende Menschen an dem Mangel an dieser Geschicklichkeit zugrunde. Gerade das Maß ihrer Genialität schloß ja die Geschicklichkeit, die ich besaß, aus. Nennen Sie diesen Mangel »Tüchtigkeit« – damit bin ich einverstanden. Die Überschätzung der Tüchtigkeit ist die Erbsünde der heutigen Welt.«

»Immerhin ist es schon sehr viel, eine seltene, anerkennenswerte Tugend,« sagte Menlo, »daß Ringold sich nicht die Genialität jener»untüchtigen« Menschen zunutze gemacht hat, wie so viele andere! Denn die Genies gehen nicht an ihrem Genie zugrunde, sondern daran, daß sie von den Schlauen bestohlen und dann fortgeschoben werden.«

»Für das Zusammenwirken der Menschen muß eine neue Grundlage gefunden werden!« sagte Ringold. »Der Wettbewerb muß fallen, der Kampf aufhören. Das festliche Leben, das wir schaffen sollen, ist als erster Spatenstich zu diesem Weg gedacht!«

114 »Ihr Weg geht quer durch diesen Salon durch!« rief der Spitzbart. »Ich finde es wenig rücksichtsvoll, daß Sie gerade in diesem Raum, den Sie unterminieren, Ihre Pläne darlegen. Denn zuerst, das müssen Sie zugeben, wird ja diese feine Art von Gefälligkeit, die wir bei unserer Freundin genießen, Ihrer Spitzhacke zum Opfer fallen! Um Himmels willen, mag doch jeder aus seiner eigenen Sphäre heraus seinen Lebensgenuß zu finden suchen. Alles andere ist Anarchie.«

»Nein!« rief Ringold, zum erstenmal in leidenschaftlichem Ton, aus. »Hören Sie unsere Freundin, lassen Sie die Künstlerin sprechen. Sie hat ihr innerstes Wesen durchgesetzt, und hinter ihr stand weder die Macht von kumuliertem Geld, noch von ihr abhängigen Menschen. Warum messen die Menschen dem vergänglichsten unter allen Göttergeschenken, der Stimme, einem Hauch, solchen Wert bei –« und mit einer Geste in die Runde zeigte er auf die Anwesenden, den schönen Saal, den Park vor dem Schloß, den Erdball, über den sich der Ruhm der Sängerin verbreitet hatte – »daß er sich alle realen Werte der Erde zu Gebote zwingen kann? Die Menschen, die sich sonst im eifrigen Nachsinnen erschöpfen: auf welche Weise sie sich die Fähigkeiten des Mitmenschen 115 dienstbar machen könnten? dienen diesem kleinen Funken!«

Die Sängerin hatte ihren edel geschnittenen Gemmenkopf, dessen Klarheit kein Sturm der Welt und der Liebe mehr trübte, nach dem Musikzimmer gewandt und hörte zu, wie sich die Töne dort suchten, übereinanderbauten, das Kunstwerk entstand. »Alle Künste werden zu meinem Werk herbeikommen,« sagte Ringold. »Aber kein Künstler soll herangezogen werben. Es wird ein natürlicher Prozeß sein, so daß, wer mittun will, von selber kommt, angezogen und nicht herangezogen, berufen, nicht gerufen. In meinen Arbeitern, das weiß ich sicher, wird sich ein freies Künstlertum entwickeln dadurch, daß sie die Naturkraft, die ihren Lebensunterhalt bewirkt, zum Genuß ihres Lebens erhalten – und die Wesensgleichheit wird den Künstler anziehen! Eine Freude wird aus diesem Erdenwinkel ausstrahlen, dem die Künstler folgen werden wie einem magnetischen Ruf! Keiner wird mehr dienen, keiner auch erziehen müssen, es wird dem Künstler die Demütigung erspart bleiben, daß man ihm den Lohn für seine Leistung in barer Münze ausbezahlt!«

»Wie, Sie werden das Geld abschaffen??«

»Diese irdische Wechselwirkung zwischen 116 Verdienst und Lohn muß aufgehoben werden! Arbeit ist heilig, die Kunst lehrt das erkennen! Arbeit schafft Lebensgenuß, Kunst ergründet und enthüllt Lebensgeheimnis! Und Geld sollte dafür den Wertmesser bilden?«

»Ja, sehen Sie mich,« sagte der Chirurg, »für meine Leistung und für Menlos Einfall und, hören Sie drin den Meister: für diese Melodie, die jetzt entsteht, soll es denselben Maßstab geben, wie für einen Gebrauchsgegenstand, irgendeine Sache, deren Preis durch Angebot oder Nachfrage bestimmt wird? Welch ein Wahn, welch ein Irrtum! Tiefste Barbarei! Die wilden Völker mit ihren Medizinmännern und Totems hatten darin menschenwürdigere Anschauungen!«

»Ich werde es nicht erleben!« sagte der Spitzbart. »Und ich glaube, ich bin nicht sehr unglücklich darüber!«

»Die Utopie!« sagte der Amerikaner, so leise, daß kaum einer es hören konnte außer ihm, »immer soll sie aus sich herausstrahlen und die Welt erneuern! Aber die Welt preßt sie von allen Seiten zusammen, und sie verdorrt im Kern!«

 

Die Sängerin hatte sich erhoben. Sie winkte mit strahlendem Gesicht ihren Gästen. »Kommt!« 117 Alle folgten ihr. Sie standen in der Tür zum Musikzimmer. Die Töne einer Rhapsodie, eines hymnischen Gedichtes rauschten durch das Schloß. Es schwang mit den Tönen, löste sich auf, wehte wie ein Alpenwald in der Strömung unter dem Meeresspiegel.

Draußen wurde es hell. Die Sonne, noch unsichtbar, stieg auf am östlichen Horizont. Die Bäume standen still, schliefen. Der Rasen war von Millionen glitzernder Pünktchen übersät. In der Ferne, am Rande des Parks, ging der Hirt mit seiner Herde aus schwarzen und weißen Schafen der Weide zu. Der Schäferhund trottete hinterdrein.

Eine Lerche stieg in die Lüfte. Das Klavier verstummte. Der Meister schloß es, trat auf Zehenspitzen auf die Terrasse hinaus. Die Sängerin neben ihn. Sie hatten ihre Köpfe nach oben gewandt, woher das jubelnde Schlagen des unsichtbaren Vogels tönte. Und die Sängerin begann zu singen. Mit ihrer hellen, glockenreinen Stimme versuchte sie den Laut des Tierchens in der Luft nachzuahmen. Es war wunderbar, wie der glückliche Mensch und das schwebende, selige Geschöpf einander verstanden, aus derselben Lust ihr gottgegebenes Werkzeug gebrauchten!

118 Die Gäste waren im Musikzimmer geblieben. Jeder hatte das Bewußtsein, ein Glück zu empfangen, das er bewahren mußte.

 

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.