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Schlafwandler

Arthur Holitscher: Schlafwandler - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchlafwandler
authorArthur Holitscher
year1919
firstpub1919
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleSchlafwandler
pages151
created20110628
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Doktor Publicatus setzte seine Lederkappe auf und verließ Fischer Rupps Hütte, »das Gemeindehaus«. Das Protokoll über das Ableben eines Rindes war ein wichtiges Dokument, und bei der Art von Kommunismus, in der diese Bauern lebten, mußte jedes Wort sorgfältig abgewogen sein; es ging um das Geld aller Gemeindemitglieder. Als die Türe sich geschlossen hatte hinter Doktor Publicatus, hob Beisitzer Fischer Görrensen den noch feuchten Bogen auf und las durch seine Brillengläser: »am zehnten Oktober neunzehnhundertund . . . . um die und die Stunde, vor dem Eisenzaun der leerstehenden Sommervilla des Bankprokuristen Jasper aus Aachen . . . . . usw.«

Fischer Schmahl und Fischer Gramm saßen da und rechneten. Fischer Schmahl schob das Papier von sich und schlug auf den Tisch. Der Doktor könne weiter nichts, als tadellose Sterbeurkunden für Mensch und Vieh aufsetzen! Ob es ihm je gelungen sei, einen oder eins gesund zu machen? Hierauf äußerte Fischer Rupp, der Gemeindevorsteher, der Doktor sei ein Schulkamerad vom Reichstagsabgeordneten für Sille, Kirchort und den Kreis, Rittergutsbesitzer Lobesam, daher sei nichts zu machen. Fischer Schmahl brummte einen Fluch in seinen runden 38 Graubart und fuhr mit Addieren und Dividieren fort.

Aufrechten Ganges, wie es seine Art war, schritt Doktor Publicatus die Zeile hinunter. Er war ein schwerer, fester Mann auf zwei zu kurz geratenen Beinen. Leutselig führte er seine Finger an die Kappe, wenn er von Daherkommenden oder aus den Fenstern begrüßt und geehrt wurde. Wenn man das fremde Paar, das seit kurzem auf der Insel wohnte und von dem man ja nicht wußte, was es eigentlich vorstelle, abrechnete, war er der einzige Gebildete auf der Insel dahier, und er wußte recht gut, was er selbst und was die Fischer seiner Stellung als einzigem Gebildeten schuldeten. Seine Gemahlin rechnete er nicht mit zu den Gebildeten. Sie war eine treffliche Hausfrau, rund und purpurn, und er bewohnte mit ihr eins der letzten Häuschen in der Zeile. Oben in die Bodenkammer unterm Dach hatte er sich eine Glaswand setzen lassen, von dort konnte sein Blick frei über das unendliche Meer schweifen.

»Was gibt's denn zu Mittag?« frug er und zog die Hausjoppe an. Indem er die Treppe zur Dachkammer hinaufschritt, kam es ihm immer ganz deutlich zum Bewußtsein, daß er sein Amt unter den Inselfischern aus reiner Herablassung 39 versah. Sein Blick schweifte frei über das unendliche Meer, kehrte sodann durch die Glaswand zurück zu einem begonnenen Aquarell auf dem Schreibtisch. Es stellte eine Nixe mit Tang und Muschelkette in den offenen Haaren dar, eine üppige Frauengestalt, die sich in wohliger Pose über einen vom Meer ausgeworfenen Anker gelagert hatte. Neben dem Aquarell lag ein Blatt Papier mit Verszeilen und den Spuren von Aquarellwischern und Pinselhaaren. Das Blatt lag unter einem Briefbeschwerer mit zwei gekreuzten Mensursäbeln aus weißem Metall. Diese Heubodenkammer war der Ort, an dem der Doktor seine Berufspflichten vergessen, von ihnen ausruhen durfte, aus dem sein Blick, nach einem Rundgang den Horizont entlang, vollgesogen und gesättigt zurückkehren durfte, um die wartende Seele zu künstlerischer Tätigkeit aufzustacheln und anzuspornen. Ohne diese wäre es ja an dem von Gott verlassenen Erdenfleck nicht auszuhalten gewesen.

Von unten, vom Fuß der Treppe her drang Suppengeruch mit dem Geklapper von Pfannen, Tellern und Löffeln herauf.

»Fische und Klöße!« sagte Frau Doktor unten. Sie besaß ein überraschend tiefes, klangvolles Organ, das, ohne daß Doktor Publicatus eine Ahnung 40 davon gehabt hätte, sehr viel zur Ehrerbietung beitrug, die Sille ihm entgegenbrachte.

»Also Fische und Klöße,« wiederholte der Doktor und trat mit zwischen die Zähne gezogenen Lippen den Rückweg über die knarrende Treppe an. Aus dem Wohnzimmer dröhnten zwölf Schläge der Wanduhr durch das Haus.

 

Vom Sund zum Meer, fünfhundert Schritt weit, lief die kleine Hüttenzeile. Aber es gab unter den Bewohnern der Zeile nicht wenige, die hatten seit Jahren die See doch nicht mehr mit leiblichen Augen angeblickt! Wie ging das zu?

Sie hatten ihre Boote in der Hut des Steindammes liegen, zur Zeit des Heringsfangs, und trieb sie denn die Sorge um das Wetter nicht zum Hügel hinauf, wo der Schuppen mit dem Seezeichen stand? Mit dem Körbchen an der Schnur um den Hals, das Garnelennetz vor den Bauch gestemmt, wateten sie stundenlang im Strandwasser auf und nieder, um für den Aal Köder einzuheimsen; knieten zur Zeit der Frühlingsschäden, der Herbststürme auf dem Dünenhang, um für Taglohn ausgeraufte Grasbüschel neu einzusetzen, neue zu pflanzen, wie der Deichvogt es befahl; auch war Zement zwischen die 41 Fugen des Dammes zu schütten, damit die Wellen ihn nicht zerbrechen sollten – dies waren ja Arbeiten, bei denen es schwer fallen mußte, dem Meer nicht ins Angesicht zu schauen. Warum weigerten sich da manche so hartnäckig und mürrisch, weiter in die Runde zu blicken, als zwei Ellen weit im Umkreis um ihre Ellbogen?

Wo jetzt der dunkle Damm sich zur Düne zog, lag ein Stück Dorf im Abgrund. Das Meer hatte dort die Zeile angebissen, und die Leute, die sich weigerten, hinaus zu schauen über den Damm, wußten, dort unten waren ihre Elternhäuser mit beweglicher und unbeweglicher Habe, mit Wiegen und Betten, Säuglingen und hilflosen Greisen verschwunden. Das war nun dreißig Jahre her.

Die jene Begebenheit erlebt hatten, waren schon reife Leute. Aber wenn sie nach der Seite blickten, wo das Unglück geschehen war, da waren aus ihren Augen Wind, Welle und Wolken weggestrichen, die doch ihre Herrlichkeit im Westen draußen entfalteten, zu allen Stunden des Lichtes und der Finsternis.

 

Der Wind spielte über die Insel hinweg! Vom Sund her trieb er das laue Alltagswasser mit leichtem Schaum und Geplätscher ans flache 42 Wiesenufer heran. Er stand über dem Baum und zauste freundlich an dem Gefieder der kleinen Vögel herum, suchte sie an dem Weiterfliegen zu behindern und hatte seinen Spaß an ihrem Kampf um ihren Instinkt, der sie zu geometrischen Figuren zusammendrängte. Mit einem Male aber schlug er um und fuhr von der offenen See her auf die Insel los. Die Strohdächer raschelten und wehrten sich. Hätte das Salz nicht Halm an Halm gebacken, sie wären in dunklen Wolken in alle vier Himmelsgegenden auseinander geflogen.

Den Menschen peitschte der Wind Schweigsamkeit, Ernst und Zähigkeit ein, sie mußten sich bei jedem Schritt fest auf ihrem Grund und Boden verankern, wenn es wehte. Draußen auf dem Meere sangen Taue und stöhnten Maste wie besaitete Instrumente unter wilden Fingerschlägen. Harmonie und schrilles Getön, Seufzer und Grollen, Jauchzen und Knirschen, all das ging mit dem Wind durch die Seelen der Bewohner der kleinen schifförmigen Insel hindurch.

Die Wellen des Meeres kannten den Wind und gaben sein Rauschen dem Erdboden wieder, wenn sie sich am Strande überschlugen. Weit draußen in der finsteren Tiefe begann schon das untere frische Land in breiten Stufen gegen das Licht 43 aufzusteigen, und jede Welle, die von weit her angerollt kam, lief leicht oder schleppend diese Stufe hinauf, um den Boden der Menschenfüße zu erreichen. Sie stiegen, glitten, hüpften, rollten übereinander, und die dritte, siebente, neunte erwies sich als mächtiger als die anderen, die um die Wette mit dem Salz an den Sand heran und mit dem Sand in die salzige Tiefe zurückliefen.

Diese Wellen der verborgenen Zahl waren es, mit denen die Gürtelreste, Muschelsträhnen und das unheimliche Geäst versenkter Wälder heraufkam, und die in den fliehenden, zarten Sand Kreise, Zeichen und Gruben prägten. Wie sie unter dem Gewässer die Stufen des Landes hinaufgelaufen waren, so liefen die Wellen unter der Sonne die letzte Stufe zur Düne hoch. Hier aber ließen sie buntes, duftendes Gras liegen, das war rötlich wie alter, gelagerter Wein, smaragdgrün wie Gefieder von Tropenvögeln, braun wie Frauenhaar. Myriaden kleiner Muschelwesen klebten daran fest, knirschten unter den Schritten, sprenkelten verfärbt den Teppich von Rot, Grün und Braun unter der kaltblauen Sonne und hatten ihre Spitzen in die Knollen, Schoten und Buckel der Tangs eingegraben, die platzten und aus denen in Körnchen Öl und Salzsamen zum Vorschein kamen.

44 Helle Vögel schwebten, segelten, schossen aus dem Meer auf den Teppich nieder. Mit ihren Schnäbeln suchten, zerrten, pickten sie sich Nahrung aus allen Falten heraus. Ließen sie sich für Augenblicke auf dem Sand nieder, dann blieben dort Kreuze, Dreiecke, Sterne, geheimnisvoll und vielsagend, wie jene Zeichen, die die Wellen niedergeschrieben hatten. Aber leicht und selig, wie sie gekommen waren, schwebten sie zur Höhe wieder und waren bald eins geworden mit dem Wind und der Wolke. Oft waren sie nicht vom Schaum auf den Wellenkämmen zu unterscheiden, und das Auge des Vogels tauchte in die Flut. Es nahm die Brechung der Strahlen im Wasser nicht wahr; denn die Schnäbel trafen scharf die sorglos spielende Beute zwischen der siebenten, der neunten Welle; dann wirbelten die Vögel wieder hoch auf und zergingen bald im flimmernden Gefunkel der Luft über dem Meere.

In der Ferne, wo die Erde sich bog, wo im fahlen Sonnenuntergang die Schiffe mit Segeln und Rauch plötzlich erschienen, plötzlich im Dunkel verhuschten, berührten sich Himmel und Flut wie ein schweigendes Lippenpaar. Des Menschen Auge drang nicht weiter hinaus, es hatte seine Grenze in diesem Schweigen von Anbeginn. Dort war die 45 Geburtsstätte der seltsamen Gebilde aus Himmel und Flut, vom Atem der Gottheit in die Welt geweht, damit die Meuschenseele sich von ihnen nähre wie von kriechendem Getier der Menschenleib. Die wunderbaren Wolkengeschöpfe kamen vom Horizont her über den Himmel gezogen und flogen stumm über die Erde hinweg, von den Gestirnen allein in Ruhe und Ordnung gehalten und nach unbekannten Gesetzen regiert.

Erst waren sie nur ein Schimmer im Westen. Ein fernes Stück Inselreich mit steilen Felsen und grünem Rücken, von unsichtbarer Sonne überglänzt. In ihnen schimmerte der Wunsch und die Sehnsucht auf, die in der Anschauung der Wirklichkeit ihren Ursprung fanden, aber ihr Ziel zu weit hinaus gesteckt hatten. Im Emporsteigen wurden sie für eine Weile dem Meeresreiche ähnlich, für das die Einbildungskraft kein Gleichnis sucht in der erkennbaren Welt. Plötzlich lösten sie sich los von der Seele und der Welt und schwammen dahin, ohne Fessel und Grenze.

Sonderbar war das Leben des Wolkenvolkes, wie's dahergeschwebt kam aus der Ferne, auf die Insel zu, um die Zeit des zunehmenden Herbstmondes. Es gab vom Spieltrieb und Wandertrieb der Elemente Kunde, von Ereignissen, Schicksalen hoher Art.

46 Wie Lämmer in Flocken zog das Volk hin. Oder wie Zugvögel in Pfeilen. Wie Fahnen, lang über den Himmel von Süden nach Norden geschwenkt. Wie Lawinen in Ballen rollte es, mächtiger und immer mächtiger geballt, vom Windhauch angetrieben. In unendliche Farbentupfen konnten die Wolken auseinandergerückt sein, und diese Farben schüttelte der Wind durcheinander und streute sie aus über das ganze Firmament. Lustige Wolken gab's, die Verstecken spielten, sich verbargen voreinander, an Stellen zum Vorschein kamen, wo sie nicht anders als durch ein Gewühl sich hindurchgedrängt haben mußten.

Aber bei keiner Wolke verweilte der Sinn williger, in tieferer Hingabe, als bei der dunklen, drohenden, jener, die voll von Gewittern, trächtig von Sonnenuntergängen, überquellend vom Windhauch und dem Salz fernster Zonen herangerollt kam, wie durch die Ewigkeit! In ihr wachten Gebilde, Gestalten, Antlitze auf, glühend wie Edelsteine, durch die Götter blicken. Gletscher und Bergseen, von Baumkronen verhüllt, durch die sich glitzernd der Silberschmuck der Milchstraße gewunden hatte; verschmolzene Jahreszeiten. Alles Holde und Beschwerte, das dem Menschenleben zuteil werden 47 kann, Furcht und Glück des Traumes, Gipfel und Abgrund, Tod und Auferstehung kamen in der Wolke herangerollt auf den Strand zu, der verödet lag und über dessen Gräser die Winde hinwegstrichen. –

 

Wie jene Wolke sich erhebt, ballt, löst, da ist! Jetzt ist genau zu erkennen: in ihrer Mitte ist schimmernd eine Tafel aufgeschlagen, um die Greise, Jünglinge und Kinder versammelt sitzen. Ihre Köpfe haben hellen Schein, rötlichen, dunkelbraunen, sonnengoldenen, als ob die Tafel im Freien aufgeschlagen wäre und der Windhauch durch die Locken führe. Eine Gestalt fehlt in der Reihe, und in dieser Lücke breitet sich der makellose Himmel aus, heller, durchsichtig, nimmt an Glanz zu, und es ist, als sänken die Köpfe tiefer aufs grobkörnige Tischtuch, sie schmelzen in Trauer, Bruderarm schlingt sich um Bruderschulter, ein Schluchzen verzerrt die Kette . . . .

Zu Füssen des Tisches aber ist jetzt ein goldener Schein entstanden, wie von einer im Knien zusammengesunkenen Gestalt. Sie hat rötliches Gewand an, einen Purpurrock dunkel gesäumt. Senkrecht schwebt ein Flor zu ihr nieder, verhüllt sie, schmiegt sich um ihre Umrisse an, die Demut ist 48 es, die aus dem hellen Himmelslicht in der Mitte auf die farbige Gestalt niedergeschwebt ist. Jetzt zerfließt dieser Purpur, streckt Arme aus, lichte Fühler, die sich der dunklen Masse nähern, sie umfließen, sie zu umschließen suchen, sanftes Emportasten an der Wurzel, aufwärts, und die dunkle Masse erhebt sich, wird riesig, scheint die Gestalt eines ragenden Greises, an dem das Gebilde aus Purpur und Gold hinschmilzt in einer Gebärde voll Sanftheit und Selbstentäußerung, wie Christus mit eigenen Händen Petrus' Füße vom Staube reinwäscht.

Und nun zerstiebt das Gesicht, und Helle und Dunkel sind eins geworden. Wie Rauch ziehen Schwaden von Orange und Violett in die Himmelsbläue des Mittelpunktes hinein, dort bildet sich hoch und steil eine goldene Tanne, nein, es ist ein Thron, und seine Stufen sind weiß wie Milch oder Alabaster und grün wie Jade. Der Baldachin ist ein Schleiergehänge, das in den Farben des Abends erglüht. Und zu diesem Thron wollen und wallen Herden bunten Gewölks von Nord und Süd über den Himmel her, hoch und niedrig, und verweilen nicht, der Zug ist endlos, ohne Anfang und Aufhören. Der Thron aber, auf dem niemand steht, schwankt und erbebt und wird zerspalten in schmale Risse, die sich allmählich weiter 49 voneinander entfernen. Und diese Flore scheinen zu wachsen, empor zu steigen, und jetzt ist der Baldachin im Himmel verschwunden, die Stufen sind tiefer gesunken, haben sich zu einem Hügel gewölbt und aufgeworfen, und aus dem Hügel wachsen drei Strahlen empor, lang und hoch; hell der mittlere, stahlblau und blutigrot die beiden seitlichen. Alle drei reichen gleich hoch in die Höhe und wurzeln im selben Hügel. Jetzt wächst der mittlere und wächst, jetzt wird er gar dünn, nicht viel mehr wie ein Strich, jetzt schießt ein Licht durch ihn, jetzt sinken und sinken seine Genossen zur Rechten und Linken, es kommt ein Ton aus der Ferne, das Licht ist es, das singt, der Abendwind singt seinen Psalm über dem Meer, auf das der Himmel Myriaden Wolkenfarben niederregnen läßt, einen Schuppenpanzer von Lichtern und Dunkelheit. Und die aufgeregte Fläche beruhigt sich, glättet sich, die Farben sinken in die Tiefe und gehen ein in die Muschelschalen, die ihren Glanz aufsaugen. Und aus dem Psalm wird ein Orgelton der Tiefe, der Abend senkt sich nieder über alles und wird Nachtstille. Oben funkeln die Gestirne, und zwischen ihnen und der Orgel, die tief im Abgrund stumm dröhnt, dehnt sich das Meer atmend im Schlaf. 50

 

War die Nacht gekommen und kreiste der Schatten des Leuchtturmstrahls weit über die Insel her, da traten die Bewohner der Zeile vor ihre Hütten. Vor jeder Hütte war eine schmale Bank, da saßen die Fischer mit Weib und Kind und genossen die Ruhe vor dem Schlaf. Alle kannten einander, waren verwandt und verschwägert untereinander. Darum saß jeder vor seiner Hütte für sich, sah zu, wie die Glut in seiner Pfeife röter, blasser wurde, sah das blonde Köpfchen seines jüngsten Kindes hinunter sich neigen auf den Schoß der Mutter, sah zu, wie seine eigenen Hände, fremde Wesen, müder fast als der Körper, zu dem sie gehörten, mit aufwärts gekrümmten Fingern auf den Knien von der Arbeit des Tages ausruhten. So saß das Volk von Sille auf den Bänken, Abend um Abend.

Dann standen die Bänke leer. Hier und dort flammte ein Licht hinter Gardinen auf. Noch eine Weile war's hell im Wirtshausfenster. Schließlich erlosch der Lampenschein auch dort, und nur der Leuchtturmschatten fuhr kreisend vom Festland her in die Runde.

Er streifte, streichelte, huschte über die weißen Mauern der Hütten in der Zeile. Rührte an die Fensterscheiben, glitt die Strohdächer entlang. 51 Auf den Wiesen suchte er das Gemäuer des unfertigen Hauses auf, das das größte auf der Insel hatte werden wollen und nun dastand wie eine Ruine. Und auch die beiden anderen Häuser, die mit den Ziegeldächern, lagen für Augenblicke blau in seinem fernher fallenden Licht. Der Lotse, ein alter Kauz, war längst aus dem einen fortgezogen, niemand wußte wohin, nun verfiel's. Und das andere war die Villa des Bankprokuristen aus Aachen. Im Sommer war fröhlicher Lärm um dieses Haus, Lärm und Fröhlichkeit in allen seinen Zimmern, jetzt waren die Läden zu, Türen zugenagelt, die Beete sandverweht. Tiefer schliefen diese drei Häuser, die verschlossenen und das unfertige in die Nacht hinein als alle die anderen in der Zeile, durch die der Atem der Schlafenden kam und ging. Aus ihrem Innern hatte sich die Dunkelheit einen Spiegel bereitet. –

 

Auf der ganzen Insel war nur ein Haus, in dem zur Nachtzeit nicht geschlafen wurde. Es stand, von dichter Hecke umgeben, in der Zeile, und in ihm hauste Mutter Grimsehl.

Erst wenn der letzte Funke auf der Erde und im Himmel verglommen war, wurde sie lebendig, die Alte. Da kroch sie heraus aus ihrem Winkel! 52 Ohne Licht zu machen, schlich sie durch die beiden Stuben ihrer Hütte, humpelte die Bodentreppe hinauf und hinab, hantierte in der Küche herum, sah nach dem Rechten. Zuweilen blieb sie vor einem Gerät, einem Gegenstand stehen, rieb und putzte an ihm herum, bis er blank war. Auf dem Fußboden neben ihrem Bette lag ein Kiesel. Der flog zwischen ihren Händen hin und her, sie preßte ihn in ihre Achselhöhlen, hauchte ihn an, nahm ihn in ihren zahnlosen Mund, scheuerte ihn an den Falten ihrer wollenen Schürze, emsig und fanatisch, bis er zu leuchten anfing! Und mit dieser Laterne, die ihren lichtentwöhnten Augen genügte, suchte und fand sie den Blasbalg beim Herd, die Schwefelhölzer, Milchnapf und Mehlbeutel, kam an der Kante der Kohlenkiste, an den Eisenbeschlägen der Dielentruhe vorüber, ohne anzustoßen.

Sie war hoch gewachsen, aber im Kreuz geknickt. Daran war nicht das niedere Gebälk ihrer Stuben schuld, sondern ihr eigener Wille hieß sie so herumgehen. Wie sie auch die Hütte aus freien Stücken weder am Tage, noch nachts verließ. Seit Jahren hatte niemand vom Inselvolk sie mehr erblickt. Zuweilen brachte der Dampfer eine Kiste für sie mit. Die Kiste wurde durch die Tür ihrer Hütte 53 zu ihr hineinschoben, sie drückte sich in die Ecke und war nicht zu sehen. Dann schlug sie die Tür zu, verriegelte sie, und unten im Spalt zwischen Tür und Schwelle kamen Scheine, kleine Münzen zum Vorschein. Ein wenig Rauch am frühesten Morgen aus dem Schornstein ihrer Hütte war das einzige Lebenszeichen, das Sille von der Alten zu sehen bekam, jahraus, jahrein.

Wie alt war sie denn? Sie hieß schon die alte Mutter Grimsehl, als das Meer die letzten Häuschen der Zeile abgebissen hatte. Vor diesem Ereignis war sie nicht viel unter den Leuten zu sehen gewesen, seither aber gar nicht mehr. Sie mochte ebenso alt sein wie die Baronin Voß auf dem Siel überm Sund.

Nein, ebensowenig wie die Siller von der Einsamkeit wußten, in der sie dahinlebte, ebensowenig ahnten sie, daß sie zuweilen Besuch von lebenden Menschen empfing, nicht etwa von Gespenstern oder vom Leuchtturmschatten!

»Treten Sie doch ein, geben Sie mir die Ehre!« Das Tor ging auf und fiel zu hinter den Besuchern. Zur nachtschlafenden Zeit war's. Die Alte öffnete die Tür zum Wohnzimmer, und die beiden Fremden setzten sich aufs Roßhaarsofa, das an die Wand gerückt stand, zwischen dem 54 Spinnrocken, auf dem Mutter Grimsehl ihr Wäschelinnen selber spann, und der taubstummen Wanduhr, die sich alle Stunden einmal räusperte, einen vergeblichen Anlauf zum Schlagen nahm, worauf das alte Werk seufzend und mit einem unterdrückten Gähnen wieder eine Stunde weiter vorwärts schlich.

Da saß nun das Besucherpaar, diese beiden Fremden, die seit einiger Zeit allein in der Nachbarhütte wohnten, mit niemand auf der Insel Gemeinschaft pflogen und auch in der Welt draußen keinen Anhang zu haben schienen, denn es kam niemals Brief oder Sendung für sie an. Die beiden, die die Reisenden auf dem Verdeck des weißen Schiffes Kay und Moina benannt hatten, nach einem Buche, während sie durch den Sund an der kleinen Insel vorübergefahren waren.

Sie kamen selten mit leeren Händen zur Alten herein. Meist brachten sie ihr Nahrung, oder einen mißlichen Gebrauchsgegenstand, dessen Fehlen ihrem umherschweifenden Blick bei ihrem letzten Besuch aufgefallen war. Aber auch anderes brachten sie zuweilen mit, irgendeine Seltsamkeit vom Strande. Eine vom Salz halb zerfressene Kupferspange mit Spuren alter Geschmeidezieraten auf der Fläche. Oder ein Stück Bernstein mit einem Schmetterling innen. Oder eine Muschel, die aussah wie 55 das gebrochene Auge eines Ertrunkenen. Die Alte nahm das Geschenk an, kicherte vor Freude, griff nach den Händen der Fremden, drückte, streichelte und schüttelte sie. Und die Fremden sahen sich an und lächelten vor Staunen. So wunderlich warm und lebendurchblutet waren diese zitternden alten Knochenhände!

Dann begann die Alte zu erzählen. Auf dem Boden der Stube lag ein Teppich ausgebreitet, der war aus tausend winzigen bunten Lederflicken zusammengenäht. Ebenso bunt war's, was die Alte erzählte. Jeder Lebende war ihr bekannt auf der Insel, – Mann und Frau, Kind und Greis, und ebenso jeder Tote. Ja, sogar die noch Ungeborenen kannte sie schon und wußte auf die Stunde genau vorauszusagen, wann ihre Mutter ihre schwere Stunde haben und sie mit einem Schrei das Licht erblicken würden. Die Siller hätten Augen und Münder aufgesperrt, hätten sie hören können, was die Alte von ihnen, ihrem Tagewerk und ihrem Nachtschlaf, ihren Schicksalen und ihren verborgenen Wegen im Traum wußte!

Sie sagte: »Geben Sie auf Matilda acht. Heute ist Mittwoch, am Sonntag legt sie sich hin, nächsten Mittwoch wird sie begraben werden.« Woher kam ihr ihre Weisheit? Ja, sie war mit 56 allem vertraut und lebte nur nachts, das war es! Und sie sagte: »Markus Maats, der nimmt ein böses Ende! Aber keiner kann für Tod und Geburt und was dazwischen ist!«

Die Fremden baten: »Erzählen Sie von Ihrem Leben, Mutter Grimsehl!« Aber da verstummte die Alte, und es kam ein böser Zug in ihr Gesicht. Sie wollte nichts über sich aussagen. Vielleicht graute ihr vor ihrem Leben? So daß sie lieber über das Leben der anderen nachdachte? Sie schlief ja nie mehr, weder am Tage noch bei Nacht. Das war das einzige, was sie den Fremden von sich erzählt hatte.

Aber gar zu gern hätte sie Kay und Moina über ihre Schicksale berichtet. Sie wußte ja, seit sie ihnen zum erstenmal, wenige Augenblicke nur und mit geschlossenen Augen gegenüber gesessen hatte, Bescheid über alles, was die beiden betraf, Vergangenheit und Zukünftiges. Doch die beiden befragten sie nie darum. Wenn die Alte mit Erzählen aufgehört hatte, blieben sie stumm und beladen mit allem, was sie nun wußten, über die Menschen erfahren hatten, über Gott sich zusammen gereimt hatten, sitzen und sahen auf den Flickenteppich zu ihren Füßen nieder. Dann blickten sie sich um und sahen: die Gardinen waren 57 fadenscheinig; vielleicht benötigte die Alte Zwirn? Beim Krämer hatten sie Reis gesehen, eingemachte Früchte. Sie frugen die Alte. Die tat ihnen schön, schüttelte den Kopf, sagte aber nicht nein!

Dann standen Kay und Moina auf und entfernten sich so lautlos, wie sie gekommen waren. »Gott wird euch segnen!« rief ihnen die Alte nach. Sie wiegte den Kopf hin und her und sagte: »Vergesset nicht, was ich vom Regenbogen gesagt habe!« Sie hob ihre knöchernen Finger, wies auf Kays Augen, dann auf Moinas Augen: »Damit zwei zueinander gehören, dazu muß der eine Fuß des Regenbogens im Kindsbett der Mutter von dem einen gestanden haben und der andere Fuß des Regenbogens im Kindsbett der Mutter von dem anderen. Dann schadet es nicht, wenn die halbe Erde dazwischen ist, der Regenbogen spannt sich ja darüber! Kommt wieder! Gott schenke euch Schlaf!«

Die Fremden schieden. »Kommt wieder, ihr!« hörten sie die Alte sagen, drin hinter dem verriegelten Tor. Sie gingen über das Stückchen dunklen Rasen in ihre Hütte hinüber, um bis zum Morgen zu schlafen.

 

Hoch und dunkel zog sich der Steindamm 58 von der Zelle zur Düne hin. Er beschützte die Insel vor dem Meer. Höher als die Düne, viel höher als der Hügel mit dem Schuppen und Seezeichen ragte er empor. Wer sich auf seinem Rücken erging, dort oben unbeweglich still stehnblieb, konnte von allen Punkten der Insel deutlich erblickt werden im glasklaren Licht.

Jeden Morgen stiegen die beiden auf den Damm hinauf und sahen um sich weit über Insel und See. Zuweilen berichteten sie sich, wo sie in den Träumen der verflossenen Nacht gewesen waren. Nirgends träumte es sich so wunderbar wie auf Sille. War der Wind daran schuld, der vom Festland her und von der See her über die Insel strich? Oder die Stille, Einsamkeit? Die Heiterkeit, die aus Stille und Einsamkeit sich über die Seelen breitete? Nirgends war das Leben einem wunderbaren Traum so ähnlich, wie in der Abgeschiedenheit von Sille. Nirgends waren die Träume so dicht von Wesen bevölkert, die dann hinüber kamen ins Wachsein, als wahrhaftige Freunde und Schutzgeister.

»Woran erinnert dich dieser Stein?« Einer der riesigen dunkel gefärbten Steine, aus denen der Damm ganz zusammengeht war, lag vor Kays Fuß, sein Schatten fiel über den Stein. 59 Der Stein erinnerte Moina an eine Landschaft, ein Menschengesicht, eine Begebenheit, die sich vor langer Zeit zugetragen hatte. Zuweilen erwies es sich auf diesen Morgenwegen, daß sie beide in der Nacht denselben Traum, oder einander sehr ähnelnde Träume, geträumt hatten; aber das war im Grunde das am wenigsten Wunderbare in ihrem Leben. Sie blieben stehen, blickten vor ihre Füße nieder und trachteten sich zu entsinnen.

 

Die riesigen, bunt gefärbten Steine, aus denen der Damm zusammengesetzt war, stammten aus den entlegensten Gegenden des Landes. Wie viele Brüche, wie viele Bergesinnere, wie viele Felsen, Trümmerwiesen, Findlingsstätten hatten dazu beigesteuert, daß dieser Schutzwall sich erhebe an der gefährdeten Küste! Unbehauen waren die meisten, andere nur leicht behauen. Die Wellen liefen bei stürmischem Seegang an ihnen empor, flossen in kleinen Sturzbächen aus ihrem lockeren Gefüge wieder ins Meer zurück. Es gab unter diesen Steinen welche, die waren wie die Sommernacht über beschneitem Hochgebirgskamm. Andere waren in der Mitte geborsten und zeigten aus Kalk eine wunderliche Fläche, wie der Mond durchs Fernrohr gesehn. Entzweigeschlagene, mächtige Kiesel reckten 60 Amethystzacken aus ihrem Bruch, erstarrte Wälder von violetten Fichten. Wieder anderen lief rotes Geäder durch den grauen Leib wie Blut durch krankes Fleisch. Einer täuschte einen versteinerten Baumstamm vor, einer eine auf dem Meeresgrund muschelhart gewordene Galionfigur. Es war nicht so wunderbar, daß alle das Auge fesselten, jeder, den der Fuß erfühlte, Bilder in der Einbildungskraft erweckte, ein Stück tieferen, wirklicheren Lebens, als der Anblick des Menschenvolkes. Wenn Kay und Moina den Damm entlang geschritten und den schrägen Abhang zum Strand hinunter gelangt waren, da hatten sie Nahrung eingenommen für den bevorstehenden Wandertag.

 

Auf dem Strand war weit und breit keine andere Fußspur zu erkennen, als die der beiden Fremden, die Fußspur vom vorigen Tage, und wenn das Meer sie nicht weggewaschen hatte, von früheren Tagen noch. Die Düne fiel steil zum Tangteppich hinab, dieser zum Sand, der zum Wasser. Gegen die Südspitze der Insel zu war die Insel von zwei tief eingekerbten Buchten zusammengeschnürt, einer von der Sundseite her, die war mit Schilf umrändert, von Wildentenschwärmen bevölkert, die andere hatte das Meer 61 aus dem Sandleib, dem Wiesenleib herausgesägt; dies war die Bucht, in die die Wellen jene Seltsamkeiten führten, Kupfergürtel, Bernstein, zuweilen Flaschenpost, hie und da einen Strandwäscher, wie die Leute die angeschwemmten Leichen nannten.

Jenseits des dünnen Wiesenstegs zwischen den Buchten wuchs das Gras in fahleren Büscheln als auf dem Rest der Insel. Dort grasten die mageren Kühe der ärmsten Fischer. Kay und Moina gingen gern auf diesem südlichen Teil Silles spazieren.

Von ferne sahen die Fischer die beiden über die Insel gehen, selbander oder allein, jeden für sich. Sie waren in helle Farben gekleidet, ihre Schatten fielen hell. Die Fischer blickten von ihrer Arbeit auf und fühlten in sich Mißtrauen aufschießen gegen diese Fremden; Argwohn, Befremdung. Was trieben sie denn, was suchten sie an diesem versteckten Stück Erde? Es war Herbst, in den Städten hatte die Arbeit wieder begonnen. Indes, sie grüßten, wenn sie an den Fremden vorbeigingen, erwiderten auch ihren Gruß. Die Kinder zogen die Mützen, die kleinen Schulmädchen knixten und sagten Grüßgott. Das Ladenfräulein schloß die Tür hinter ihnen, wenn sie eingekauft hatten. Aber was 62 waren sie denn, was stellten sie vor: glückliche Menschen oder Flüchtlinge? Sie hielten den Kopf in den Wind gereckt, als horchten sie, draußen auf den Wiesen. Endlose Zeit sah man sie regungslos auf einem Flecke stehen, im Mittagsglanz, der sie in Luft aufzulösen schien. Zu Hause sprachen die Fischer von den beiden. Sie verursachten ihnen Nachdenken, Kopfzerbrechen.

 

Kay ging allein über die Düne, deren Gräser die vier Winde schüttelten. Auf einmal war alles wieder über ihm, alles Geheimnisvolle, Quälende, woraus Welt und Leben der Menschen geschaffen sind. Am Rand eines gemähten Wiesenvierecks blieb er stehen. Die Linie des unberührten Grases neben den Stoppeln erinnerte ihn daran, was ihm das letztemal eingefallen war: es gab einige wenige Menschen, deren Los bestand darin, daß sie alle Leiden der Welt in sich spüren mußten, gesteigert bis zur letzten Grenze der Leidensfähigkeit. Die anderen Menschen hören diesen Auserwählten, Wissenden zu, denn sie sind es ja, die den Menschen ihr von Gott bestimmtes Schicksal zu verkünden haben, sie allein dürfen es. Statt aber nun Mitgefühl oder Dankbarkeit für diese Geopferten zu empfinden, fügen die anderen ihnen 63 noch alle erdenklichen Leiden, Demütigungen, Hohn und Haß zu, und sehen dann mit befriedigter Neugierde hin, wie jene Beladenen die neue Bürde schleppen, ihre Prüfung bestehen.

Diesen Gedanken fand Kay vom letztenmal an dem Wiesenrand vor. Langsam strich sein Blick die Linie zwischen dem Gras und den Stoppeln entlang.

Was ist denn Güte? Sie kann nur Vergeltung für Böses sein, sonst gehörte die Welt den Wechslern, Wucherern.

Gut sind jene allein, die aus der ihnen zugefügten Qual Stärke der Seele und Liebe für ihre Peiniger zu ziehen vermögen.

So spricht der Gütige: Bruder, du leidest unschuldig. Wälze sie her auf mich, deine Bürde, denn bei mir ist sie gut aufgehoben. Wendet sich dann vom Mitmenschen ab und spricht ins Ungekannte hinüber: Ich möchte noch schwerer an meiner Last zu schleppen haben, hörst du? Warum gabst du dem Menschen die Fähigkeit, sich zu gewöhnen? Ich wüßte nicht, wie ich von dir denken sollte, gewöhnte ich mich an die Last! Gibst du die Last zugleich mit der Fähigkeit, sich an sie zu gewöhnen? Was hat es zu bedeuten . . .

Schenke mir das schwere Leben, beladen mit 64 Mühsal, Gram, unversieglichen Tränen. Nicht Freundschaft, nicht Liebe, nicht die Folge von Eltern und Kindern und Kindeskindern ist es, was die Generationen zusammenbindet, sondern der Schmerz. Zerknitterte Lider über leeren verwüsteten Augäpfeln sollen das Wahrzeichen der Wahrheit in der Welt sein! Dem Körper sei die Fähigkeit zum Lachen geraubt, damit fange die Genesung an; es soll kein unsauberer Hauch auf den Erzschild fallen, hinter dem du verborgen stehst. Unruhe verstecke den Schlaf in den Nächten. Trotzdem möge das Blut röter werden. Denn wessen Blut das röteste ist von allen, der darf am stärksten leiden. Alles Träge sei fortgepeitscht aus dem Innern. Der Beste steckt ja noch voll von Lastern und Lügen und Ungerechtigkeit. Er darf von dieser Welt, die von der Sünde und Zwietracht lebt, nichts empfangen wollen als die Kraft zum Entsagen. Kann die Hand das Ballen nicht lassen, so mögen die Nägel ins Fleisch wachsen.

Gib nicht zu, daß der Bescheidene verachtet, der Demütige gehaßt werde um seiner mitgeborenen, unerworbenen Tugend willen. Ja, auch der Spieler, der Hochmütige, der Leichtfertige, der Sieger sei nicht gehaßt, sondern bemitleidet. Der Künstler sei nicht gehaßt, darum, weil er sich noch nicht 65 beugen lernte vor dem Enterbten. Der sich Wandelnde nicht, wenn er nach dem Unrechten hin sich wandelt!

Hier ist das Buch der Unwissenden, auf dessen Seiten sie geschrieben haben, was herrscht und was gehorcht. Da sind Worte zu lesen: Kraft und Schwäche, Reichtum und Armut, Weisheit und Wahrheit. Ja auch Böse und Gut. Der Hauch der vier Winde aber bläst über das Buch, und das Gesetz strömt auf über seine Seiten: Das Leiden aller! Triumph ist Schmerz und Niederlage, und Niederlage ist Schmerz um die Vergeblichkeit. Der Erkennende leidet unter der Unerreichbarkeit wie der Tor an der Kluft des Instinktes. Welcher erlahmt zuerst, Märtyrer oder Henker? Wessen ist die Ekstase?

Die Ursache aber ist: Gott selber leidet. Ein Gott, der im Widerstreit mit sich selber steht!

Kay dachte an eine schwankende Wage, ein grübelndes Janusantlitz über den Begriffen Gerechtigkeit und Macht. Eine Träne rollte weither wie Erdbeben: Gott möchte vergessen, ungeschehen machen, Gott bereut!

Er schritt vorwärts über den schmalen Steg zwischen den Buchten. Heidekraut und dürres gelbliches Gras wurzelten im kümmerlichen 66 Sandboden. Er blieb stehn und horchte auf die Wellen, von beiden Seiten, den Wirbelwind zu seinen Häupten, die einander schlagenden Laute der Elemente.

Wie war Gott beschaffen? Die Menschen klassischer Zeiten formten einen um jedes ihrer Laster, um jede ihrer Tugenden herum. Der Gott Israels war Stärke, der der Christen Zerknirschung, der Gott des Orients Rast. Gott hat schuld! Im unbegriffenen Keim, aus dem das Körperphantom des Menschen entsteht, sitzt Gottes Schuld. Welches Los hat der Keim mitbekommen? Gott sühnen – nicht ihn mit sich aussöhnen! Aber es kann aus diesem Stoff doch immer wieder nur ein leidender unerlöster Gott erstehen. Auf dem Wege der Einsamkeit und der vier Winde in rechter Weise gläubig sein, zur Hilfe des Mitmenschen erstarken durch Leiden und Erdulden!

War es denn nicht besser, tot zu sein? Die Beute des Urwaldes oder der Meeresuntiefe, des Bären, des Hähers, der Liane oder des leuchtenden Fisches mit scharfer Flosse, der kreisenden Alge, zum Fortbestand des Namens in Ewigkeit? Nicht besser tot zu sein, als weiter zu leben ohne Mitgefühl, ohne Hilfsbereitschaft und ohne Zweck?

Kay horchte auf. Aus geringer Entfernung 67 klang es zu ihm herüber wie Gestampf. Es kam vom letzten Ende der Wiese, dorther, wo der Graswuchs zu Ende war. Ein Rind stand dort angepflockt, sprang, wand sich, hieb die Hörner gegen den Erdboden, schlug aus wie in großer Angst, drehte sich im Kreise. Hie und da stieß es einen kurzen, klagenden Laut, ein Schmerzensgebrüll aus. Blieb dann zitternd stehen, und seine blutunterlaufenen Augen blickten in die Augen des Menschen, der ihm ganz nahe gekommen war.

Kay sann: wie war das Tier zu befreien? Es hatte seine Beine in den Strick verwickelt und mußte darum in immer engeren Kreisen um den Pflock springen. Kay streckte die Hand nach den Hörnern aus, um das Tier zu packen, zu führen, daß es aus der Schlinge herauskönne. Bei der Bewegung, die seine Hand beschrieb, brüllte das Tier wild auf, versuchte einen Galopp, der Strick schnitt tief in den wunden Knöchel. Zittern lief über den Leib. Kay ging um das Tier herum. Nun machte es einen Satz zur Seite, riß an dem Pflock. Der Strick zog eine tiefe rote Furche in den Hals des verängsteten Tieres. Schaum strömte über sein Maul. Die Augen rollten in Blut. Noch einmal versuchte Kay, sich ihm zu nähern. Er hob nur leise, nur sanft die Hand, um es nicht 68 zu schrecken. Da warf sich das Tier auf die Erde nieder und wühlte den Kopf in den Sand, schlug mit den Hörnern eine Wolke auf, als sei das Schlächtermesser an seine Kehle gesetzt. Kay ließ von seinem Vorhaben ab, ging von dannen. Eine große, hoffnungslos Traurigkeit hatte sich seiner bemächtigt. Er ging über den schmalen Steg zwischen den Buchten zurück. Bald hatte er wieder grünenden Rasen unter seinen Füßen. –

 

Die Sonne stand hoch über der Insel. Keine einzige Wolke war auf dem Himmel zu sehn. Aber als Kay wieder aufblickte, war die Luft voller Vögel. Ein Zug flog munteren Fluges südwärts. Aus dem fernen Baum, vom Rasen, vom Erdboden, dem Dächerstroh waren Schwärme aufgeflogen, die Köpfchen der Vögel hatten sich nach dem Blau oben gewandt, trunken schwankten sie durch die Luft.

Gesang kam mit den Wellen des Windes über die Insel geflogen. Kay hob den Kopf und erkannte Moinas Gesang. Als hätten die Vögel ihn mit sich empor gehoben auf ihren weißgrauen, grauschwarzen Flügeln und über den ganzen Himmel verteilt, so klang der Gesang. Die Luft war voll von schwirrenden Flügeln und von 69 Moinas Gesang. Sie selbst aber war nicht zu sehen.

Wo stand sie denn? Am Fuße, im Schatten der Düne, des Dammes, vor einem Haus, auf dem Sand draußen, von dem die Ebbe alle Wellen zurückgezogen hatte? Zu einer Muschel niedergebeugt, die Augen zugepreßt vor dem Flimmern des glänzenden Spiegels, über dem die Sonne stand? Moina war klein von Gestalt, aber ihre junge Stimme hatte Kraft! Man konnte Worte nicht unterscheiden, es waren Töne allein, die aus ihrem Munde in die Höhe sprangen wie kleine schwebende Wesen mit dunklen runden Vogelaugen, hoch in die Luft, in gleichen Schwingungen emporgeworfen über das Land, das in der fast sommerlich heißen Anmut des Tages dalag. Seltsam war diese Wärme, die aus der Herbstsonne durch alle Poren drang, zwischen die Lippen in den Atem strömte.

Kay erriet: es war des Lebens Schönheit, die der Gesang verkündete. Er meinte, er könnte Moina jetzt sehen! Und doch war das unmöglich. Er blickte ja geradeaus in die Luft über sich. Aber er sah sie doch ganz deutlich: mit erhobenen Armen kam sie heran, die Sonne machte ihr Haar heller, spielte auf den Spitzen ihrer Finger, die sie ein 70 wenig gespreizt hielt. Ein Strom von Duft zog über die Wiese an Kay vorbei; vom Gestade her dufteten die Tangpolster süß und trocken, das gemähte Heu auf den Wiesenvierecken duftete, der salzige Geruch des Meeres schwamm vorbei in der Luft. Der Gesang tönte weiter. Er gab Antwort auf alle ungelösten Fragen, Grübelei und Qual. Wenn Kay jetzt seine Arme ausgebreitet hätte, er hätte die Luft umarmen können, wie einen warmen, lebenden Körper. Seine Handflächen spürten die Wärme des Tages wie einen Menschenleib. Er wußte es: Moinas Gesang entsprang, wie seine eigenen Gedanken, dem Schmerz. Beide hatten denselben Sinn und Ursprung. In den lichtesten Augenblicken und in den vom Gram verfinsterten waren sie ineinander verflochten zutiefst.

Jetzt kam Moina von ferne über die Wiese heran. Die kleine Hüttenzeile lag geruhsam durchsonnt da. Die helle zierliche Gestalt hatte die Hand erhoben, winkend kam sie näher.

»Was sangst du?« fragte Kay. »Ich hörte keine Worte, die Melodie war mir nicht bekannt . . . Woran dachtest du, während du sangst?«

Moina lachte, dieses kleine jubelnde Lachen, das wie in einem Schluchzen endete. »Es waren heute fremde Fußspuren auf dem Sand,« sagte sie, »sie 71 kamen aus dem Meer, waren eine kurze Strecke lang auf dem Sand zu sehen und dann wieder im Wasser verschwunden. Ganz zarte Spuren, wie von einem kleinen Kind.«

Ihre Lider schlugen, sie sagte: »Plötzlich mußte ich an das Reh denken, das sich vorigen Sommer aus dem Hochwald auf den Spielplatz verlaufen hatte und nicht wieder herauskonnte und sich den Kopf an dem Gitter blutig schlug, unaufhörlich, an dem scharfen Drahtgitter. Die Spuren von dem Reh fielen mir ein, als ich die Abdrücke der Kinderfüßchen heute im Sand bemerkte.«

Kay sah einen Erinnerungsschatten über ihr durchsichtiges Gesicht hinweg ziehen. Aber bald wurden ihre Augen wieder hell.

»Ich habe dich singen gehört, Moina,« sagte Kay. »Hattest du die Arme emporgehoben beim Singen?«

»Ja,« sagte Moina und hob ihre Arme in die Höhe, so wie Kay sie in der Einbildung eben gesehen hatte. »Die Töne werden reiner. Die Brust wird froher, wenn man die Arme hebt. Alle Traurigkeit verschwindet. Jetzt bin ich ein Leuchter! Aus meinen emporgehaltenen Händen, aus jedem Finger kommen kleine Flammen, wenn ich die Lippen aufmache; meine Stimme entzündet 72 sich an ihnen; es wird so warm im Innern. Das ist Leben! Alles Traurige brennt fort, auch das Unrecht, das man begangen hat, ohne es zu wissen. Wenn ich an einem Morgen hell singen kann, dann ist es gewiß gut gewesen, was wir am Tage vorher erlebt haben, und wir brauchen keine Angst zu haben davor, was wir heute erleben werden. Hier ist die Luft hell, es ist gut für das Singen!«

Kay sagte: »Endlich muß ich es dir sagen, wie sonderbar es mir mit deinem Gesang ergeht. Noch ehe ich den ersten Ton gehört habe, verwandeln sich schon meine Gedanken. Es ist ganz so, wie beim Aufwachen aus dem Schlaf – stufenweis wird aus dem Traum Wirklichkeit, durch ein Geräusch, das von außen kommt und das das Ohr erst im Wachsein richtig erkennen kann. Aber vielleicht verhält es sich mit deinem Gesang und dem Wachsein genau entgegengesetzt.«

Er schwieg still und dachte daran, wie er das Nahen Moinas empfinden konnte, wenn er allein und sie noch nicht zu sehen war: indem er erst eine Wolke, einen Stein, dann einen Grashalm, eine Blume, dann einen zwischen Erdkrumen hockenden Vogel wahrnahm. Und vielleicht hatte sie auch wirklich in früheren Leben, an die sie 73 glaubte und sich zuweilen zu erinnern wähnte, all diese Daseinsformen durchlaufen, sie alle nacheinander abgelegt und hinter sich gelassen, um zu werden, was sie jetzt war. All dies fühlte er, wenn sie aus der Ferne herankam. Dies war eine Art des Einvernehmens ihrer Leben. Es konnte vorkommen, daß ihn Traurigkeit befiel über alles und nichts; darüber, daß sie sich im Leben so spät begegnet waren, darüber, daß er sich nicht erinnern konnte, wo er vordem verweilt hatte!

 

Aus den Hütten stieg Mittagsrauch. Die Kinder kamen aus der Schule. In ihrer Mitte tauchte, nur um einen Kopf höher als das größte, wie ein alter sitzengebliebener Schuljunge, Trimpf auf. Sie neckten ihn, zupften ihn an seinen, über den Blusenkragen hängenden gelben Haaren, lärmten um ihn. Plötzlich wurde der Schwarm still. Kay und Moina gingen vorüber.

Kay blieb stehen. »Welches hat denn die fremden Fußspuren in unserem Sand hinterlassen?«

Moina sah auf die Kinder. »Das kann doch keins von den Kindern hier gewesen sein? Die Spuren waren ganz leicht, ganz zart, sie kamen aus dem Wasser, liefen ins Wasser zurück, und es war ja Ebbe.«

74 Kay mußte lachen. »Dann war es also ein Meerkind!« Moina blickte auf den vorübergehenden Schwarm, aus dem sich ein paar Köpfe nach ihr umdrehten. Sie erwiderte nichts.

Der Schwarm zerstob, die Hütten schluckten ihn. Trimpf allein ging weiter.

Hinter den Scheiben waren schon die Familien um den Suppentopf versammelt. Mit dem Löffel im Munde drehten sich die Köpfe dort drinnen nach den Fremden hinaus und folgten ihnen mit den Augen. Moina blickte in jedes Fenster hinein, an dem sie vorbeikamen.

In ihrer Hütte war es still. Sie bewohnten sie allein. Die Hütte umfaßte nur eine einzige Stube und die Küche. Auf dem Herd kochten sie sich ihr Mahl, saßen auf der Bank und aßen. Es war dunkel und kühl in der Küche. Als sie in die Stube eintraten, war die Sonne über den Wiesen weg, der Himmel voll Wolken, einzelne Tropfen schlugen gegen die Scheiben und rannen an dem Glas herunter.

Sie standen bei den Fenstern und blickten hinaus. Von fern her kamen die Regenschleier heran, verhüllten das rote Ziegelgemäuer, schoben sich dichter ineinander, schnitten immer größere Teile der Insel von den Blicken ab. Sie sahen 75 dem Regen zu, wie er sich ihrer Hütte näherte. Ihre Blicke, durch die Fenster gesandt, waren einander dort draußen begegnet und kehrten nun mit dem Regennebel zurück in die Hütte.

 

Auf der kleinen Anhöhe vor dem Seemannsschuppen standen Leute. Ein rotschottisches Kleid von ein paar breitbeinigen, dunkelblauen Gestalten umgeben. Das Meer glänzte wie Blei, verlor dann diesen Glanz, und ein Windstoß fuhr durch das dreieckige Seezeichen auf der Stange beim Schuppen, daß sie sich bog. Die Fahne, die auf dem Dach des Schuppens gehißt war – es war eine Fahne in den Landesfarben, aber im mittleren Felde stand: »Konsumgenossenschaft«, – klatschte wild wie nasse Wäsche an einer Leine.

In seinen Holzpantoffeln schob sich Trimpf um die Ecke des Gemeindehauses herum nach dem Schuppen zu. »Schlechtes Wetter zieht auf,« sagte er, während er die Anhöhe hinaufstieg. »Spür's hier in meiner rechten Schulter kommen.«

»Wird deiner Bark keinen Schaden tun beim Heringsfangen!« höhnte Fischer Esben. Sie standen da, die jungen Leute, und berieten sich. Der Fangzug stand bevor: es gab Mondwechsel in diesen Tagen.

76 »Junge, wenn du nur was fängst!« sagte Trimpf giftig, von unten herauf. »Sieh dich vor, sonst hast du ein Loch in deinem Fischkasten und kannst fremde Fische schuppen im Winter!«

Mit seinen schweren, haarigen, vom Salzwasser gelbgebeizten Fäusten tauchte Fischer Esben an, versuchte Trimpf den Hügel hinunterzustoßen. Der aber stand auf seinen Beinen wie ein Felsblock und wehrte die Fäuste ab wie einen Nasenstüber. Die Tochter Wiesow schüttelte ihren roten Rock vor Lachen. »Kreuzdonner!« sagte Esben und steckte die Fäuste in die Tasche. »Hast grad was zu lachen, du!« Er sah die Tochter Wiesow an: »Den letzten Groschen kramt unsereiner aus dem Strumpf, um euch 'ne Kuh zu kaufen!«

»Dabei hat sie rote Milch gegeben, die Besa, letzte Woche!« brummte Trimpf vor sich hin, aber laut genug, daß alle es hörten.

»Wer hat das gesagt?« fuhr die Tochter Wiesow auf. »Lügst aus deinem Hals heraus!«

»Rote Milch! Hast dich in den Unterrock da verguckt!« sagte Fischer Stor und schlug mit der flachen Hand auf den Rücken der Tochter Wiesow.

»Oder in die Schnapspulle bei Peter Ivers. Trinkst doch keine andre Milch!« sagte die Tochter Wiesow.

77 Trimpf holte ein Priem aus der Hosentasche und warf es in den Mund. Er verstand sich auf die Kunst des Schweigens, das Leute unruhig machte, so daß sie wütend wurden und er seine Freude an ihrer Wut hatte. »Willst du nach den Nelken schauen?« fragte Fischer Stor seinen Partner Esben. »Ich geh derweil und bring mein Heu heim.«

»Besser, du schiebst dein Boot über die Insel weg nach dem Sund hinüber!« sagte Trimpf plötzlich. »Zeichen geschehen auf dem Strand.«

»Zeichen und Wunder! Taugenichts, versäuft den Tag, statt an die Arbeit zu gehn,« sagte Fischer Krus.

Trimpf spuckte Tabaksaft. »Die Fremden haben was gesehn am Strand. Im Vorübergehn haben sie gesprochen davon. Dort!« Und er zeigte in die Richtung der Schule.

Die Leute auf dem Hügel blickten das Meer an. Eine Regenbö schob sich aus südlicher Richtung an die Insel heran. Das Meer war zu hören, es schlug an den Damm, weit draußen spülte es schon über die Wiesen, wie über das Deck eines Schiffes.

»Grad vor dich werden sich die Fremden hinstellen und ihre Geheimnisse ausplaudern.«

78 »Was haben denn die auf dem Strand zu suchen?« sagte die Tochter Wiesow. Ihr Gesicht sah mit einemmal boshaft und um zehn Jahre älter aus. »So spät im Jahr; was sind denn das für welche? Schauspieler?«

»Ach was, die leben hier, um zu sparen. Haben keine Bedienung. Mit einem Koffer sind sie angekommen,« sagte Fischer Krus. Sein kleiner Bruder hatte die Habseligkeiten der beiden Fremden auf seinem Schiebkarren vom Dampfer zur Hütte befördert.

Trimpf schüttelte die spinnenlange Hand über seiner Schulter, als klingle er mit einem Glöckchen. »Das Öhlsekind ist auf dem Sand gewesen heute früh.«

Die Fischer lachten. Die sich schon auf den Weg den Hügel hinab begeben hatten, blieben stehen und sahen sich um. Das Öhlsekind!

»Du Kreuzdonner, Gespenster am hellichten Tag!« rief Fischer Esben hinauf. Die Tochter Wiesow aber meinte: »Zuzutrauen wäre es den Fremden schon, daß sie den Sand verhexten. Was treiben sie im Dorf so spät noch im Jahr? Und was hat das Frauenzimmer zu singen, daß man es überall hört auf der Insel?«

»Es gibt keine Gespenster,« sagte Fischer Stor 79 und sprach das Wort aus wie Pastor Weddig von Kirchort. Dabei war es bekannt, daß er beim Teeren für den Fischzug unten in den Kielboden seines Bootes einen alten Silbergroschen aus dem Glücksjahr 64, der den Winter und halben Sommer in der Herdasche gelegen hatte, in den Teer zu schmieren pflegte.

»Grad schlug das Wetter um, da hörte ich sie vom Öhlsekind sprechen. Auf ihrem Sand, da hätten sie es gesichtet!«

In einem Trichter zwischen Himmel und Meer war der Regen auf die Insel zu gekommen und sog schon jenseits der Buchten an dem Heidenkraut. Ein Windstoß hatte in die Fahne über dem Schuppen gegriffen und sie eine Handbreit von der Stange losgerissen. Das Wetter kam rasch. Wem das Öhlsekind in das Fenster guckte, der konnte sich schlimmerer Dinge versehen, als eines verdorbenen Fischzuges. Seit dem Unglück vor dreißig Jahren, bei dem es in dem letzten Haus der Zeile umgekommen war, war es drei-, viermal erschienen, und immer war einer oder eine aus dem Dorf mit ihm zurück in die Tiefe gegangen.

»Kommst du zum Boot?« fragte Fischer Stor Krus, der seinen Kragen in die Höhe geschlagen 80 hatte. Unten in der Zeile liefen Frauen und Kinder ab und zu, rissen Leinenzeug, Hosen und Jacken und Ölzeug von den Zäunen und schleppten sie in die Hütten.

Die Tochter Wiesow, die einen weiten Weg nach Hause hatte und der es um ihr Rotschottisches bangte, trat in den Schuppen, blieb rot im Dunkel vor der offenen Tür stehen. Trimpf schlurfte heran, da schlug sie die Tür zu, verriegelte sie und sah lachend durchs Fenster zum Fliehenden hinaus. Der Regen schoß harte Drahtpfeile auf die Insel herunter.

 

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