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Schlafwandler

Arthur Holitscher: Schlafwandler - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchlafwandler
authorArthur Holitscher
year1919
firstpub1919
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleSchlafwandler
pages151
created20110628
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drei weiße Schiffe kamen von Süden her übers Meer gefahren. Am Horizont wehten ihre Rauchfahnen in eine einzige zusammen. Als die kleine, langgestreckte Insel in Sicht kam, trennten sich ihre Wege. Das erste schwamm eilig den Sund hinauf die Küste des Festlands entlang. Das zweite bog westwärts ab, hinaus in die freie See. Das mittlere glitt in bedächtiger Fahrt auf den Landungssteg der Insel zu, um dort kurz zu verweilen und dann im abendlichen Meer, mit Laternen am Mast und der Back, unterzutauchen, für Sekunden noch von dem fliegenden Strahl des fernen Leuchtturms entdeckt und bestrichen.

Auf dem Verdeck des kleinen Dampfers, der mit Fässern, Holz und Häuten fuhr, gingen ein paar Reisende auf und ab. Es war schon spät im Jahr, und das Reisen hatte fast schon aufgehört. Für manche aber hört es nie auf. Diese halten auf ihren Fahrten die Augen so gierig offen, als müßten sie sie nach kurzer Frist zum 6 letztenmal schließen und sich daher rasch noch mit allem anfüllen, was es auf der Welt zu sehen gibt.

Es gibt so vieles zu sehen auf der Welt, und alles ist neu und sonderbar. Jeden Augenblick aufs neue neu und sonderbar. Man kann von den alltäglichsten Dingen nicht genug in sich aufnehmen.

Was aber die Reisenden auf dem Verdeck zu sehen bekamen, war gewiß nichts Alltägliches. Die kleine Insel kam in Sicht, im glasklaren Herbstlicht lag sie da, wie ein schmächtiger grüner Strich, parallel mit der Küste des Festlands hingezogen, nur ein schüchterner Strich Erde mit allem, was er auf seinem Rücken trug, Häuschen, Wiesen, Tieren und Menschen, Damm, Düne und einem einzigen Baum. All dies aber ruhte nicht auf dem Wasser, sondern schien in der Luft zu schweben. Deutlich war das Meer zu sehen, und deutlich die Insel Sille mit allem, was sie auf ihrem schmalen Erdrücken trug. Zwischen dem Meer und der Insel aber war eine Schichte Luft, die glänzte. Wie eine Spiegelung hob sich die kleine Insel aus dem Meer empor. Sah man lange hin, schien sie sich höher und höher zu heben. Schließlich mochte man denken, sie lebe überhaupt nur in der eigenen Einbildung. Als ein Schatten und Spuk, Ausgeburt des heißen. unruhigen Herzens. das der 7 Drang in die Ferne trieb. Dann kam das Schiff näher, Insel und Wasser berührten sich wieder und waren fest zusammengeschmolzen. Haus, Mensch, Tier und Baum hatten wieder Bewegung und Umriß der Wirklichkeit. Das Sundwasser schlug weiße Schaumballen an das Inselgras. Die Landungsbrücke streckte sich mit Pfosten und Bohlen immer näher dem Schiffe entgegen – und doch, in dem einen oder dem anderen der Reisenden auf dem Verdeck blieb die Illusion des eben Gesehenen bestehen und sprang über die Wirklichkeit weg wie ein Funke hinüber in die Erinnerung. Das Geräusch des Seewindes und des Landwindes fuhr von Ohr zu Ohr, das gab einen Akkord wie Aeolsharfen. Die weißen Flocken, die wie Seifenblasen auf den Wellen hüpften, erschienen als Geschwister der bunten Luftgebilde um den dünnen Silbermond am Himmel. Zudem flog auf einmal von dem einzigen Baum, der auf der Insel zu sehen war, einem riesigen buschigen Ungetüm, ein dunkler Schwarm von zwitschernden, kreischenden, jubilierenden Zugvögeln auf, vereinigte sich hoch in der Luft, vom Wanderinstinkt zu einem Ballen zusammengedrückt, aus dem ein Stiel sich nach oben hinaufschob. Und dieses lebende Gebilde war im Nu wieder wie eine Spiegelung des 8 Baumes anzusehen, nur diesmal hoch oben in der Luft.

 

Die kleine Insel!

Winzige Gestalten traten aus den strohgedeckten Hütten und bewegten sich schwerfälligen Schrittes an den weißen Mauern vorüber auf den Landungssteg zu. Sie allein zeigten an, daß die Insel auf die Außenwelt aufhorche, aus der der Dampfer in großem Bogen herankam. Sille war lang und schmal gedehnt, aber kaum fünfhundert Schritte breit. Es glich selber einem Schiff. Oder einem vom Wind abgerissenen Fetzen grünen Reiseschleiers. Vom Sund zum Meer durchquerte eine Gasse von Fischerhütten die Insel. Hier und dort standen Menschen beisammen vor einer Hütte. Unter dem Baum tummelten sich Kinder, denn er beschattete die Schule. Aus dem Rasen weit gegen die Südspitze der Insel waren helle Vierecke herausgemäht. Daneben weideten Kühe. Manche standen halb im Wasser, so jäh fiel der Strand in den Sund ab. Gegen die Nordspitze zu sprang ein Schäferhund bellend um die Kuhherde in einem eingezäunten Gehege. Frauen schoben Traglasten in Karren hin und her. Vor einem grauen Kartoffelacker hockten welche in weißen Hauben und hieben mit Hacken in 9 die Schollen. Knapp an dem Strand lief ein hoher schwarzer Damm von der Hüttengasse bis zur Düne hin, an deren Ende die Insel plötzlich von zwei Buchten zusammengeschnürt wurde, einer von der See, einer von der Sundseite her. Dort quoll jäh ein kleiner Hügel auf und fiel gleich zum Wasser nieder. Dies war die Insel. Doch halt!

Da standen, verstreut über die Wiesen und weit fort von der Gasse, in weiten Abständen und jedes einsam für sich, drei Häuser. Sie sahen anders aus, als die Hütten, hatten mit ihnen nichts zu schaffen. Sie standen leer, ihre Läden waren zu, die Besitzer waren bei Herbstanbruch in die Stadt zurückgekehrt. Die untergehende Sonne beleuchtete ihre Ziegeldächer. Eines von den Häusern, das größte, war im Bau unvollendet geblieben, die Ziegelmauern standen ganz rot da. Aus den Fischerhütten stieg Rauch auf. Das bewirkte, daß die Häuser nur noch abgeschiedener und abseitiger dastanden. In der kleinen Gasse ging das Leben seinen Gang weiter durch die Jahreszeiten.

 

Oben auf dem Verdeck des weißen Schiffes legte einer der Reisenden das Buch fort, in dem er gelesen hatten stand auf und trat an die Reling. 10 Das Schiff stieß knirschend gegen den Steg, der Postsack flog auf die Bohlen hinüber. Der Reisende streckte die Hand aus und wies auf die Insel hinaus, auf eines der einsamen Häuser dort auf der Insel. Eine Frau in Reisekleidung, die in dem fortgelegten Buch weitergelesen hatte, stand vom Tisch auf und trat zur Reling.

Weit vorne, gegen die Düne zu, waren zwei Gestalten hinter dem einsamen Haus hervorgekommen. Sie waren nicht wie die Inselleute gekleidet, in hellen Gewändern gingen sie langsam über die Wiesen, stiegen auf den Damm, blieben vor dem Meer stehen.

Die Reisenden folgten ihnen mit den Blicken. Die Hand des Reisenden wies über die Insel:

»Die dort sind ja Kay und Moina, die über die Insel gehen!«

Die Frau lächelte und legte die Hand auf seine Schulter. Sie stützte das Kinn auf den Handrücken und blickte zu den beiden dort auf dem Damm hinüber. »Ja, wahrhaftig. Das sind Kay und Moina!«

Kay und Moina aber waren zwei Namen aus dem Buch, in dem sie gelesen hatten.

Die beiden Gestalten bewegten sich vor den Wellen, den Wolken, hoch auf dem Damm gegen 11 den Horizont. Sie hatten kein Teil an dem Leben der Insel und schienen die Ankunft des Schiffes auch gar nicht bemerkt zu haben. Die Welt begann erst jenseits des Dammes, sie begann in Wahrheit erst dort, wo der Blick keine Schranke mehr fand nach dem Offenen zu. Wie sie da standen auf dem steilen Kamm der Steinmauer, sich voneinander trennten, wieder aufeinander zuschritten, beisammen, und doch jedes für sich allein abgeschieden stehenblieb, versunken und still in der beginnenden Dämmerung, das sahen die Reisenden mit an und versanken mit den beiden in der Ferne dortdrüben in dieselbe, unbegrenzte Weite.

»Kay und Moina!« sagte die Frau lächelnd für sich, so leise, daß ihr Begleiter es nicht hörte, als bedeuteten diese Namen eine Heimlichkeit, von der keiner wissen durfte. Sie kehrte zum Buch zurück. Sie konnte aber nicht mehr darin lesen, sondern ihre Augen formten über den gedruckten Zeilen des Buches ihre eigenen Gedanken zu Sätzen und Worten. Und der Reisende an der Reling sah zwar die Insel im beginnenden Abend vor sich liegen, aber was jenseits des Steindammes war, schien doch nur Abbild seines Gefühls und seiner Einbildungskraft zu sein.

Unten luden Leute in wetterfester blauer Tracht 12 Kisten und Fässer aus dem Schiff, verstauten Frachten unter dem Deck. Das Kommandowort des Kapitäns tönte durch das Sprachrohr aus dem Steuerhäuschen hinunter in den Maschinenraum. Das Schiff schwenkte in anmutigem Bogen wie eine Möwe, die ihre Flügel gebraucht, wieder in den Sund hinaus. Es wurde rasch Nacht. Der Strahl des Leuchtturms kreiste wie ein Schatten vom Festland her über Sund, Insel und See.

 

Auf Sille gab's keinen Kirchturm, kein Gotteshaus. Der dunkle Klumpen Menschen, der aus Fischer Barents Hütte sich ins Freie hinaus zwängte, trug einen Sarg auf den Schultern und bewegte sich auf den Landungssteg zu, wo schon das Schiffchen mit allen Segeln wartete. Matilda sollte drüben auf dem Festland, in Kirchort, im Schatten der alten hölzernen Schwedenkirche begraben werden. Es war immerhin ein Stück Arbeit, dort hinüber zu gelangen, mit dem Wind oder mit den Rudern. Das Sillervolk behalf sich daher, so gut es ging, an Sonn- und Feiertagen ohne Gott, und nur, wenn eins starb, bekam die Kirche Besuch. Lag ein Alter im Sarg, dann bestand das Geleit aus wenigen Booten – denn es lohnte ja nicht, wegen eines Alten die Mühe auf sich zu laden. Lag aber 13 ein Junges im Sarg, dann folgte dem Trauerboot ein ganzer Schwarm. Und nach der Bestattung blieben noch viele in der Kirche und beteten zu Gott, er möge sie doch nicht auch so früh abrufen.

Matilda war bei jungen Jahren entschlafen, und darum war der Menschenklumpen dicht und dunkel anzusehen vor Fischer Barents Hütte.

 

Am Ström, drüben in Kirchort, wo Schiffe und Kähne anlegen, turnten und balgten sich die Kinder des Dorfes. Sie strotzten vor Übermut und erfüllten die Luft mit ihrem heuleuden Getobe. Das war ja ein seltener Zug, der da von fern über den Sund herangeschwommen kam. Im ersten Boot lag ein Sarg! Die Anlegebrücke zitterte unter den Sprüngen und der Balgerei. Mit einem Schlag aber verstummte das Gebrüll und die Brücke war wie reingefegt. Über das Ström schwankte mit klatschenden Ruderschlägen ein Kahn auf die Anlegebrücke zu. Das Ström war ein kleines, mit Wirbeln und losgerissenen Grasbüscheln reißend dahinfließendes Wasser, das ein Stück Landes vom Festland abgetrennt hatte. Dieses Stück hieß der Siel und war ehemals durch eine Fähre mit der Anlegebrücke von Kirchort verbunden gewesen. Die Fähre lief seit langer Zeit nicht mehr über 14 das Ström, sondern an den Ufern des Sieles war mit vielfach verknotetem Strick ein halbverfaulter Kahn an einen Pflock angebunden. Soviel man sehen konnte, war dies das einzige Beförderungsmittel zwischen dem Siel und der Ortschaft.

Der Siel aber lag da wie mit einem Messer in zwei Teile auseinandergeschnitten. Über dem Teil, der nach dem Sund sah, schien die Sonne auf fette, saftige Weide, auf gut genährtes, schwarzweiß geflecktes Vieh, das dort in guter Ruhe graste. Die andere Hälfte hingegen bekam die Sonne nie zu sehen. Sie war mit einem verwilderten Wald von uralten Laubbäumen aller Arten dicht bestanden, und dieser Kamp war durch einen Zaun von so merkwürdiger Beschaffenheit eingefriedigt, daß, wer ihn sah, vermuten mußte, die Eichen und Kastanien und Buchen müßten mit aller erdenklichen Vorsicht vor den friedlich rupfenden und wiederkäuenden Rindern drüben beschützt werden. Denn dieser mannshohe Zaun zwischen den beiden Hälften des Siels war aus Balken, dicken Ästen, Eisenstangen, Möbeltrümmern, Stuhlbeinen und Schranktüren zusammengezimmert und mit Stacheldraht dicht und boshaft verbunden und gesichert.

Aus der Waldhälfte des Siels war nun mit einem Satze eine Menschengestalt heraus und in den Kahn 15 gesprungen, deren Anblick den Kindern auf der Anlegebrücke drüben einen solch jähen Schrecken eingejagt hatte.

 

Sie hatte den Kindern nur einen Augenblick lang ihr hartspitziges Altmännergesicht zugekehrt. Aber es war ein Altweibergesicht, ein Hexengesicht mit weißen Bartstoppeln um das Kinn und die Mundwinkel, mit hellen glasgrauen Augen und einer hohen gerunzelten Stirne, über der das dichte weiße Haar mit zwei Strickbändern in zwei Strähnen zusammengebunden war. Sie steckte in einem weiten, sackförmigen Gewand, das an den Nähten Blasen warf und um die Hüften mit einem breiten fettigen Schnallengürtel eingeschnürt war. An einem Riemen hatte sie eine Flinte geschultert, ein ganz veraltetes, aber blankgeputztes und gebrauchstüchtiges Stück, und diese Waffe pendelte um die dicken, weißen Haarwülste hin und her und machte alle die Bewegungen des Nachens mit, den die Alte mit scharfen Nägeln vom Pflock losgeknotet hatte.

Mit einer hurtigen Bewegung, die Blicke scharf auf das jenseitige Ufer gerichtet, bückte sich die alte Jägerin und riß vom Boden des Kahns ein kurzes Ruder auf, das dort in der faulen 16 braungrünen Brühe geschwommen hatte. Mit drei kräftigen Schlägen war sie schon drüben. Als sie an der Brücke anlegte, lagen in den Fenstern der Häuser von Kirchort ängstliche Gesichter und starrten sie an, Gesichter von Kindern und auch von Erwachsenen.

Die Gassen vor ihren Schritten waren ganz menschenleer. Vor dem Wirtshaus stand ein Karriol. Der Gaul schnupperte, scharrte und bäumte sich wild, als wittere er einen Wolf, und wollte sich gar nicht beruhigen. Die Alte bog um die Ecke, ließ die alte hölzerne Schwedenkirche links und ging auf ein stockhohes Haus zu, an dessen Tor auf einem Messingschild der Name des Rechtsanwalts zu lesen war.

Jetzt traten die Einwohner von Kirchort aus ihren Häusern. In Gruppen beisammen besprachen sie das Ereignis. Die Kinder standen mit dem Finger im Mund dabei und horchten. Seit Jahren zum erstenmal hatte die Baronin den Siel verlassen. Was hatte dies zu bedeuten? Wollte sie ihren Wald am Ende verkaufen? Oder im Gegenteil den Pächter davonjagen, der sich auf dem Gutshof am Wiesensiel mit seiner pausbäckigen Familie schon seit einem Jahre und darüber breitgemacht hatte? 17

 

Der Rechtsanwalt war ein beleibter, gewiegter und erfahrener Mann, den so leicht nichts aus der Fassung bringen konnte. Er war aber doch blaß um die Augen herum geworden, als der Besuch ohne viel Umstände in seine vollgerauchte Amtsstube eingetreten war. Er verbeugte sich zu oft und mit einem zu freundlichen Grinsen, und als er der Baronin aus ihrem Stutzenriemen heraushalf, waren seine Gebärden um etliches befangener, als wenn man einer Dame ihren Sonnenschirm aus der Hand nimmt und in die Ecke stellt. Er faßte die Waffe mit spitzen Fingern um Schaft und Kolben. Die Baronin aber griff nach ihr und stellte sie mit einem Ruck zwischen Schreibtisch und Papierkorb hin, neben den alten Ledersessel, in dem sie Platz nahm.

Der Rechtsanwalt hatte einen schweren Aktenfaszikel aus dem Schrank geholt und vor der Baronin ausgebreitet. Die untersten Schriftstücke waren schon gelb vor Alter und stockfleckig. Kein Wunder, sie stammten ja aus der Zeit, da die Baronin als junges Fräulein aus dem Sacré Coeur zu ihrer Mutter auf den Siel zurückgekehrt war. Der Rechtsanwalt hatte sie mitsamt dem Prozeß von seinem Vater geerbt. Damals hatte der Siel noch, ohne Zaun und Stacheldraht, 18 mit Eichwald und Wiesen, Gutshof und Herrenhaus den ungetrennten Besitz der Baronin vorgestellt. »Baronin Voß kontra Jakob Schäfer« stand auf dem Aktenfaszikel. Diese Worte enthielten die Lebensgeschichte der stacheligen Alten.

Sie stieß mit dem Zeigefinger ein paarmal hart auf den Papierhaufen nieder, auf das ganz weiße und frische oberste Blatt des Haufens.

»Den Paragraphen 321 will ich sehen! Wer vorsätzlich Fähren oder Schutzwehren zerstört. Und Landrecht 15. Titel, zweiter Abschnitt, Paragraph 55 will ich sehn! Wird dem Eigentümer Nutzung des Ufers entzogen und geschmälert. Und Strafgesetzbuch Paragraph 370 Nummer vier will ich sehn! Wer unberechtigt fischt oder krebst,« sagte sie mit der harten Stimme einer Tauben oder eines Menschen, der lange geschwiegen und keinen menschlichen Laut an sein Ohr schallen gehört hat. Die Hand, deren Zeigefinger hart auf den Papierhaufen klopfte, war weiß und gepflegt. Diensteifrig und beflissen holte der Rechtsanwalt die Bücher vom Bord. Er kannte ja alle diese Paragraphen längst auswendig. Die Baronin auch. –

 

Die Schäferkinder wateten durch den hellgrünen Froschlaichtümpel des Gutshofs und kletterten über 19 den Zaun in den verbotenen Wald hinüber. Die Hexe war nicht daheim! Alle sechs kletterten wie die Eichhörnchen in das düstere graue Schweigen hinüber, warfen sich gegen die üppig wuchernde Brennesselhecke, sprangen über die verschimmelte, brusthohe Quadermauer, die das alte vergrabene Herrenhaus umgab, und drückten die Nasen an den Fenstern platt. »Kuck!« rief Wilhelm Gottlieb zu, sperrte den Mund weit auf und preßte die Lippen ans Glas.

In alten goldenen Rahmen hingen drin lebensgroße Bildnisse von Herren in Uniformen, Damen in Hoftracht mit Diademen aus bunten Steinen im Haar. In einer Ecke stand ein goldenes Tischchen mit einem Bronzekrug, aber auf dem Boden daneben eine alte zerrissene Ledertasche mit hängenden Fransen und ein Eisengerät, das wie eine verrostete Fuchsfalle aussah. Schon war Wilhelm zu einem anderen Fenster ums Haus herum, wo die Kinder Nelly und Paula sich zu schaffen machten. Gottlieb aber blieb in den Anblick der Bildnisse in den Goldrahmen versunken. Ritter und seidene Pagen bemühten sich dort drin um Dornröschen. Aus der Tasche quoll ein abscheulicher Lindwurm mit Dampf in den Nasenlöchern hervor. Der Lindwurm hatte eine weiße Haube auf, wie 20 Rotkäppchens Großmutter; das war jetzt deutlich zu sehn. Gleich wird der Herr im Rahmen seinen Säbel ziehn . . .

Mit einem Schreckenslaut fuhr Gottlieb von dem Fenster zurück und jagte toll über Mauer, Zaun und Tümpel auf die Wiese hinüber. Dort stand Frau Schäfer in weißem Sommerkleid und Florentinerhut zwischen den schönen gefleckten Rindern und sammelte Pilze in einen gewaltigen Weidenkorb.

Pächter Schäfer – das heißt: Gutsbesitzer Schäfer vom Grenter Hof an dem anderen Ufer des Ströms und seit einem Jahr Pächter der Sielhälfte, kam lachend und mit aufgekrempten Hemdsärmeln zu seiner Frau heran, um mit ihr das Ereignis zu besprechen. Er kam von den Knechten im Stall und hatte Dünger an den Stiefeln. Seine Backen glänzten rot, er war in gesunden Schweiß geraten, denn die Grenter Wirtschaft konnte ja nur wenige Leute an den Siel abgeben. Er winkte mit seinen blondhaarigen Fäusten. »Nun ist's so weit, Frau!«

Mann und Frau standen auf der Wiese da und lachten mit allen Zähnen. Die Pilze rollten im Korb hin und her, vom Lachen geschüttelt. Die Pfeife ging aus vor Lachen.

21 »Sobald die Hexe wieder im Bau ist, fahr ich zu Giesebrecht hinüber.«

Ja, nun war es also so weit mit dieser, an tausend Abenden unter der Hängelampe und in tausend Nächten im Ehebett durchgesprochenen Angelegenheit. Mann und Frau sahen sich mit glücklichen Gesichtern an. Sie waren ja wieder um ein Stück weiter vorwärts gekommen im Leben, wieder hatten sie ein Ziel erreicht. In früheren Jahren hätten sie sich bei den Händen gefaßt und wären einmal rund um die Wiese getanzt. Jetzt dachten sie an den Preis von Eichenbrettern, Buchenholz und Kastanien. Zwei Buchseiten erschienen vor ihrer Seele Augen, ein Querstrich zog sich von links nach rechts über die Seiten, und unten stand eine runde Zahl. Die Zahl war rund, und darum sahen sie sich mit lachenden Augen glückselig an auf der sonnigen Wiese. –

 

Herr Makler Hüsken hatte genug vom Warten. Er schob sein leeres Glas hin und trat aus dem Schankzimmer. Tief zog er die Kappe vor dem Herrschaftsfräulein, das auf dem Bock des Karriols vor dem Gasthof zusah, wie der Stallbursche Kiste, Sack und Töpfe ins Gefährt lud. Das Fräulein 22 nickte hochnäsig, kaum wippte die Spitze ihrer Peitsche, so leicht fiel der Gruß aus.

»Ich warte auf den Rechtsanwalt!« begann Herr Hüsken geschwätzig. »Aber er ist wohl noch okkupiert. Das gnädige Fräulein warten wohl auch darauf, daß die Sehenswürdigkeit ihren Weg wieder zurück nach dem Ström nehme?«

»Die Baronin trägt immer ein Gewehr, wenn sie sich im Dorf sehen läßt?« Das Fräulein betonte die Worte mit dem kategorischen Schnarrton der Töchter von Offiziersfamilien.

»Gewiß, das Fräulein Baronin hat einen Stutzen um, das ist ihre Gewohnheit, wenn sie sich im Ort sehen läßt. Nicht gegen die Krähen, sondern gegen die Dorfjugend. Sie hat schon einmal auf unsere kleinen Bälge geschossen, das war aber vor zwölf Jahren, damals war sie nämlich zum letztenmal hier drüben gewesen.«

Zwölf Jahre! Das Fräulein sah in die Ferne, vor sich hin, durch Bäume, Häuser und Kirche durch in die Ferne. Zwölf Jahre mutterseelenallein! Auf den Ballreunionen, allwinterlich, im Hotel der Kreisstadt, wo die adligen Familien der Umgegend ihren Erbschmuck zur Schau trugen, bei Besuchen auf den Nachbargütern, beim Kerzenschein nach dem Mahl, wenn zwischen den 23 Weinkelchen und den Silberleuchtern und Whistkarten der Gothasche Almanach auf dem Tische erschien, da tauchte die einsame Alte gelegentlich wie ein Spuk in den Gesprächen auf. Sie war der letzte Sproß der ältesten Familie hier im Lande, seit die Herzöge ausgestorben waren . . . zwölf Jahre . . . sie mochte nun an die achtzig alt sein . . .

»Seit wann sitzen doch die Schäfers auf dem Siel?«

Herr Hüsken setzte erst jetzt seine Kappe wieder auf. Er holte Atem, als wolle er loslegen. Aber er schluckte den Atem wieder hinunter und sprach: »Seit fünfzehn, seit achtzehn Monaten . . . seit das gnädige Fräulein Baronin ihren letzten Groschen verprozessiert hat, da mußte sie die Hälfte verpachten, nun, und jetzt prozessiert sie mit dem Pachtgeld weiter. Nichts zu machen, auf die Fähre haben beide ein Recht, beide Ufer, Sieler und Grenter!«

Nachdenklich ließ das Gutsfräulein die Peitsche sinken. Zwölf Jahre einsam und gerade die ärgsten Feinde zu Nachbarn haben! Aber sie wußte es ja: so lange hatte die Sielhälfte zur Pacht ausgeboten gestanden. Niemand wollte mit der rabiaten Hexe Haus an Haus leben.

»Es ist ja einerlei, woher das Geld kommt!« bemerkte Herr Hüsken. »Wenn's ja doch 24 verprozessiert werden soll. Jetzt sitzt sie bei Giesebrecht und verkauft wohl!«

 

In diesem Augenblick begann oben im Schwedenturm die Glocke hin und her zu schwingen. Der Küsterjunge hatte seinem Vater das Zeichen gegeben, der Leichenzug bog aus dem Sund ins Strömwasser ein.

Auf der Landungsbrücke lagen schon die Säcke voll Kleie und Viehfutter bereit, die das Trauergefolge mit nach Sille zurücknehmen wollte. Die Dorfkinder hatten sich aus den Häusern gewagt. Mit den Erwachsenen zusammen standen sie vom Ström bis zur Kirche. Der Sarg mit Matilda Barent schwankte auf den Schultern der Siller Fischer vorwärts.

»Einundzwanzig Jahre alt,« stand in Silberlettern auf den schwarzen Brettern zwischen dem wehenden Silberzierat. Das Fräulein auf dem Bock wiederholte diese beiden Zahlen: einundzwanzig, achtzig, einundzwanzig, achtzig. Da kam von der Kirchhofmauer her die Baronin Voß mit langen Schritten dem Trauerzug entgegen. Sie hatte ihre Flinte geschultert und das Stoppelkinn gehoben. Mit einem glänzenden Blick maß sie den Sarg im Vorübergehen. »Die hat nicht verkauft!« 25 sagte Herr Hüsken zum Wirt, der aus dem Schankzimmer ins Freie herausgetreten war, und er irrte sich nicht. Morgen sollte eine neue Eingabe ans Gericht in die Kreisstadt geschickt werden.

 

Die Tür von Fischer Barents Heuboden stand offen. Langsam und behutsam schob Vater Barent von oben eine Bettstelle zu seiner Frau und seiner Schwägerin hinunter, die mit ausgebreiteten Armen auf dem Gras standen und die Bettstelle auffingen.

Da Matilda tot war, brauchte sich das Elternpaar nicht mehr mit der Bodenkammer als Schlafstube zu begnügen. Eigentlich hätten sie ja den Umzug schon damals bewerkstelligen können, als sich Markus Maats von Matilda getrennt, die Verlobung gelöst hatte und zu seinen Eltern am anderen Ende der Zeile zurückgekehrt war. Denn nun hatte ja Matilda nichts mehr in der besten Stube der Hütte zu suchen. Diese gebührte der Tochter und dem Tochtersbräutigam nur so lange, bis die Wartezeit mit der Schwangerschaft ein Ende nahm und die Eltern der Braut und die Eltern des Bräutigams die Hochzeit des Liebespaares besprochen und gerüstet hatten.

Markus Maats aber war von Matilda fortgezogen, weil sich nach zweijähriger Verlobung die Schwangerschaft immer noch nicht eingestellt hatte, und nun war Matilde tot.

Es war nicht ausgemacht daß Matilda aus Gram gestorben sei. Sie war ein kräftiges, hochbeiniges Mädchen gewesen, mit starker Brust und breiten Hüften, das ein Kind sehr wohl austragen und zur Welt bringen konnte. Ihre korngelben Zöpfe waren zweimal um den Kopf gelegt, ihr sommersprossiges Gesicht war gesund und blickte unverändert heiter in die Welt. Dennoch hatte sich Matilda beim Heben einen Schaden zugefügt, knapp eine Woche nach Markus Maats' Wegzug, und war an einem abgequetschten Nerv (wie die Leute sagten) innerlich verblutet. Es war das erstemal, daß ein Siller Kind solch ein Schicksal traf, aber die Barents waren ja von Gott an ihren Kindern geschlagen, ihr einziger Sohn war vor der Musterung ausgerissen und in Pernambuco verschollen.

Im übrigen hatte sich Vater Barent schon gefaßt. Als Doktor Publicatus, der Arzt, seine Höflichkeitsvisite in der guten Stube abstattete, da war diese schon gescheuert und völlig neu eingerichtet. Der Porzellanhund und der Porzellanleuchtturm und der Glasleuchter und die kleine Kaiserbüste standen blitzblank auf dem Bord, unter dem 27 silbernen Hochzeitskranz im Glasrahmen. Alles stand und hing an seinem Platze, die Gardinen waren frisch gewaschen und knisterten, wenn der Wind durch die Tür herein fuhr.

 

Markus Maats war bald ins Haus der Eltern Matildas gekommen. Er saß in seiner schwarzen Jacke, frisch rasiert und in blühender Gesundheit in der Stube, in der er zwei Jahre lang mit Matilda gewohnt hatte. Er wurde mit Kaffee und Kuchen bewirtet, sah sich in der Stube um, die ihm nun, da zwei Betten in ihr standen, klein vorkam, und sprach mit Fischer Barent über den bevorstehenden Heringsfang.

»Hüsken hab ich gesprochen, er meint, es wird diesen Winter Ernst mit der Genossenschaft. Die haben schon das Kapital aufgebracht, Hüsken meint, es ist gut, wenn man Anteilscheine nimmt, solang noch welche da sind.«

»Da will ich mich beteiligen, wenn du mittust,« sagte Fischer Barent. »Mußt dem Hüsken sagen, er soll die Statuten herüber schicken, wenn du ihn siehst.« Sie waren Teilhaber desselben Bootes mit noch zwei anderen Fischern und machten gleich aus, was für Reparaturen an dem Boot vorzunehmen wären und was Markus aus der Stadt 28 mitbringen solle, Tau und Blei und ein paar Rollen Garn unter anderm. Das werde man dann nächstens verrechnen und aufteilen.

Als diese Besprechungen zu Ende waren, saßen Markus Maats und Matildas Eltern noch eine Weile schweigend da, tranken Kaffee, brockten Kuchen ein und wischten sich den Mund. Dann wiederholte Markus, was er aus der Stadt mitbringen sollte, sagte adieu und ging mit seinem festen Schiffergang aus der Stube. Matildas Mutter räumte den Tisch ab, goß die Kaffeereste in einen Topf und setzte sich in die finstere Ecke der Küche neben den Herd, wo sie lange sitzen blieb, die Hände auf dem Schoß gefaltet. Vater Barent hatte derweil den »Anzeiger« geholt, die Brille auf die Nase gesetzt und fing nun zu lesen an.

 

Allmorgendlich, im Sommer mit der aufgehenden Sonne, im Winter noch in tiefer, schneidend kalter Nacht gingen die Mädchen von Sille mit ihren Eimern nach dem fernen Holzgehege an der Nordspitze der Insel, um die Kühe zu melken. Tagsüber weideten die Tiere verstreut auf den Rasenvierecken der Insel, die mit Pflöcken abgesteckt waren. Dieselben Zeichen, die in diese Pflöcke eingekerbt standen, konnte man in die Schenkel der 29 Tiere eingebrannt sehen. So hatte jede Familie auf Sille ihr Wappenzeichen von alters her. Am Abend wurden die Tiere dann zum Gehege geführt, wo sie unter der Obhut des alten Hirten und seines munteren Hundes die Nacht verbrachten.

Die Kühe brüllten durch die Morgendämmerung, daß es auf der ganzen Insel zu hören war. Das war ja auch so ziemlich das einzige Geräusch auf der Insel, außer dem Windestoben und dem Dampfergetute draußen im Sund. Denn die Mädchen sangen nicht, die Kinder lärmten nicht, es gab kein Hundegebell und es gab kein Hähnekrähen auf Sille. Die Euter taten den Kühen weh vor Milch. Sie kannten genau die Zeit, da sie befreit werden mußten. Doch hielt ein Tier eigensinnig seine Milch zurück, wenn ein unbekannter Mensch mit dem Eimer vor ihm niederhockte, um es zu melken. Jedes wußte genau, zu welchem Menschen es gehörte von Rechts wegen.

Auf diesem morgendlichen Weg wurde Matildas Schicksal lange Zeit besprochen. Die Tochter Rupp und die Tochter Görrensen waren Matildas beste Freundinnen gewesen. Wie oft hatten sie in der Morgendämmerung vor Fischer Barents Tür mit ihren Eimern auf Matilda gewartet, um mit ihr 30 gemeinsam den Melkgang zu unternehmen, all die Jahre!

»Hast du den Lärm heut nacht gehört?« fragte die Tochter Görrensen.

»Was denn? Trimpf hat sich wieder angetrunken,« sagte die Tochter Rupp.

»Hast nicht gehört, wer dabei war? Markus! Wie 'ne Katze hat er miaut.«

Fischer Görrensens Hütte war dem Wirtshaus in der Dorfstraße benachbart.

»Fängt der auch mit Trinken an?«

«Ich hab zum Fenster hinausgeschaut. Es war um eins. Trimpf hielt ihn am Arm fest. Plötzlich schlug Markus lang hin und blieb liegen Solch einen hatt' er sitzen.«

Die beiden verstummten. Mutter Barent war über die Wiese zu ihnen getreten. »Guten Morgen.«

Seit Matilda drüben in der Erde ruhte, mußte die alte Frau wieder den Eimer nehmen und bei Nacht und Frost nach ihrer Kuh sehen. Das war eine Mühsal mehr in der Kette von Mühsalen, aus denen der Tag und das Jahr der Inselbewohner zusammengesetzt war von der Geburt bis zum Ausruhen.

Es war ein langer Zug, dunkel, mit schwingenden, weißen Flecken, knapp über der Erde, der sich 31 durch den dunklen Morgen gegen die Nordspitze der Insel bewegte. –

 

Markus Maats saß vor der Tür seines Elternhauses und klopfte mit kurzen harten Schlägen seine Sense ab. Die kleinen schimmernden Stellen berührten sich längst, und das ganze Eisen leuchtete wie Silber. Doch saß er und klopfte, schlug zu und klopfte immerzu.

Nein, niemand konnte behaupten, daß er es leicht hätte, seit Matilda tot war. Was blieb ihm nun zu tun übrig? Allein dahin leben, als ein verwitweter Junggeselle? Oder auswandern und nie mehr wiederkehren? Oder eine Fremde auf die Insel mitbringen? Eins war so schwer wie das andere. Nein, er hatte es nicht leicht, niemand konnte behaupten, daß er es leicht hätte.

Die Siller verlobten sich schon auf der Schulbank, dort in dem Hause unter dem Zugvogelbaum. Aber heiraten konnte ein Paar erst, wenn es sich erwies, daß Nachkommenschaft zu erwarten sei. So wollte es der Brauch seit undenklicher Zeit. Auf der Insel war das Leben knapp und karg und das Knechte- und Mägdehalten unmöglich. Ein kinderloses Paar mußte sich entweder zu Schanden arbeiten oder das Ererbte rasch hinschmelzen 32 sehen. Am allerschwersten aber hatte es der Einsame.

Markus Maats ging hinaus auf die Wiese. Die Sonne schien, das Gras reckte sich in die Höhe. Wie der Blitz fuhr die Sense über den Boden. Die Büschel lagen in Reihen hingestreckt, noch glitzerten Tautropfen auf ihnen.

Markus Maats lud das Gras auf die Karre und schob sie heim. Das Rad schrie bei jeder Umdrehung. Wolken kamen über den Horizont, bedeckten die Sonne. Vor dem Elternhaus lagen seit Tagen umgemähte Grasbüschel ausgebreitet. Es war nicht an der Zeit, die untersten zu oberst zu kehren, damit sie der Sonne teilhaftig wurden. Die ersten Tropfen waren gefallen.

Markus Maats stülpte die Karre um, schob mit der Harke alles auf einen Haufen zusammen, breitete eine Teerdecke darüber, holte die aufgespannten Netze vom Zaun, warf sie ins Haus, zog sein Ölzeug an, holte die Stange mit dem Dreizack aus der Ecke und machte sich nach dem Sund auf.

Er sprang ins Boot, stieß vom Ufer ab. Das Boot schwankte unter den Stößen mit der Stange. Die scharfen Zacken glitzerten hoch über Markus' Kopf. Markus drehte die Stange um, stieß den 33 Dreizack tief ins Wasser, dreimal, fünfmal, zehnmal. Dann drehte er die Stange um und stieß sich weiter hinaus in den Sund. Wieder den Dreizack ins Wasser. Zehnmal, zwölfmal, dreißigmal. Ein Aal zappelte und wand sich auf den Zacken. Hinein, in den Bottich. Den Dreizack ins Wasser, fünfmal, siebenmal, achtmal. Ein Aal. Es goß in Strömen. Hundertmal zuckte der Speer in die Tiefe. Das Boot schaukelte wild, der Regen verschlang Boot und Mann vor den Blicken! Dann war der Sturm davongeweht, nach Nordosten zu, und die Sonne brannte nieder, als ob's Sommer wäre.

Markus Maats band das Boot an den Steg, schritt mit Speer und Bottich aus. Riß die Teerdecken vom Grashaufen, breitete die Büschel in der Sonne aus, harkte sie weit auseinander, daß sie den ganzen Bereich vor dem Elternhaus deckten. Hing die Netze an den Zaun. Ließ den Separator sausen. Legte das Ölzeug ab und ging nach dem Gehege, die Kuh holen. Es war zehn Uhr früh. –

 

Der kleine schiefe Wächter Trimpf stand im Armenhaus an dem Ende der Zeile und hielt Schuster Ula seine Pantinen hin. Sie hatten dicke Sohlen 34 aus Holz. Das Oberleder war unzähligemal gesprungen, wieder zusammengenäht worden und wieder zerborsten. Schuster Ula bewegte sich ächzend von seinem Bett zum Fenster. Er war gichtbrüchig und konnte nur mit Mühe vorwärts. Seit Jahren war er der einzige Bewohner des »Armenhauses«, einer kleinen windzerzausten Baracke, in die es oben hineinregnete. Da saß er auf seinem Schusterschemel und klopfte, wenn er sich nicht ächzend im Bette wälzte.

Trimpf hatte seine blaue Leinwandbluse bis an den Kopf hinaufgezogen, sein ungepflegtes blondes Haar fiel ihm auf den Buckel hinunter. »Hast gehört? Vom Wiesow die Kuh?«

Die Tür öffnete sich, Markus Maats kam herein, mit seinen Wasserstiefeln über der Schulter. Wenn er einem Menschen auf der ganzen Insel nicht zu begegnen wünschte, so war's Trimpf. Er tat, als sähe er ihn nicht. »Guten Morgen,« sagte Trimpf.

»Die Stiefel da, Ula,« sagte Markus, schob den Arm in den Schaft des einen und steckte zwei Fingerspitzen unten heraus. »Bis zum Abend müssen sie fertig sein.«

»Guten Morgen, Markus!« sagte Trimpf und stieß den Fischer, der zweimal so lang war, wie 35 er, in die Rippen. »Hast gehört? Vom Wiesow die Kuh hat sich am Prokrators Zaun das Bein gebrochen, und der Doktor hat ihr was zu fressen geben, da ist das Vieh verreckt. Wirst Geld zulegen müssen und dem Wiesow 'ne neue kaufen.«

Er schüttelte sich, prustete leise, die Bluse rutschte höher, die Haare lagen über ihr wie eine Perücke.

Markus spreizte die Finger im Stiefelloch, daß sich das Leder ganz flach spannte, zog dann den Arm heraus und warf das Paar auf den Tisch. »Heut abend hol ich sie. Adieu.«

Er ging durch die Zeile. Unglück über Unglück. Auf seinen Anteil kamen dreißig Mark. Und die Kleie war auch noch nicht bezahlt. Dazu die Reise in die Stadt.

Aus Fischer Wiesows Fenster guckten vier Kindergesichter heraus, als er vorüberschritt. Er blickte auf das Strohdach hinauf und es war ihm, als sähe er dort ins Stroh gepreßt das boshafte Gesicht der Mutter Wiesow mit der Zahnlücke grinsen. Kein Grund zur Schadenfreude! Wiesow hatte doch selber noch vor zweieinhalb Jahren zur neuen Kuh beisteuern müssen, als Vater Maats seine im Sund ersoffen war.

Eben noch bei Schuster Ula hatte er einen 36 Augenblick lang daran gedacht: ob nicht die älteste Tochter Wiesow für ein Stück Geld zu gewinnen wäre, daß sie an Mutter Barents statt (in Matildas Kleidern, bis sich die Kuh an sie gewöhnt hätte) allmorgendlich die Kuh melken ginge! Damit doch die alte Frau den beschwerlichen Weg nicht jeden Morgen zu machen gezwungen wäre, wenigstens die paar Wochen lang nicht, bis die neue Kuh in die Herde eingestellt wurde! Minna Wiesow war doch schon ein großes Mädchen, zwölf Jahre alt!

Markus sah sich um. Trimpf kam durch die Zeile geschlurft.

Vor Fischer Görrensens Tür stand die Tochter Görrensen mit der Harke in der Hand. Als sie Markus daherkommen sah, ging sie ins Haus und warf die Türe zu hinter sich. Markus hatte vor, zum Meer hinunter zu gehen, um nach seinem Boot zu sehen, das dort in der Hut des Dammes auf den Sand hinaufgeschoben lag, neben den andern, die auf den bevorstehenden Fischzug warteten.

Mit einem Ruck bog er nach rechts ab, zu Peter Ivers Gasthaus. Es sollte doch nicht aussehen, als könnte Trimpf ihn verführen! Aus freien Stücken wollte er einen kippen. Alles war ja doch gleich. – 37

 

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