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Schilfrohr im Winde

Grazia Deledda: Schilfrohr im Winde - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorGrazia Deledda
titleSchilfrohr im Winde
publisherGeorg Westermann
yearo.J.
translatorTheodor Lücke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141105
projectid25f81310
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VIII.

Es war ein Donnerstagabend.

Die Wucherin saß nicht wie sonst am Spinnrad, aus Furcht vor der Giobiana, der Donnerstagshexe, die besonders den nächtlichen Spinnerinnen erscheint und ihnen Böses anzutun vermag. Sie kauerte auf den Stufen vor der Tür, unter dem silbern und schwarz im Mondlicht schimmernden Weinlaub, und betete; und jedesmal, wenn sie sich umblickte, glaubte sie noch immer zwischen der undurchdringlichen Feigenhecke da und dort die grünen, zornfunkelnden Augen des alten Knechts zu sehen.

Doch es waren nur die Leuchtkäfer. Aber auch sie glaubte an allerlei Spuk, an das schattenhafte Sein der Nachtgespenster, und erinnerte sich, wie sie in ihrer Jugend, als sie noch arm war und betteln ging und eßbare Wurzeln zwischen dem zerfallenen Gemäuer der alten Burg suchte, einmal den Berghang hinabschritt, über spitze, messerscharfe Steine, auf die Abendsonne zu, die blutrot hinter den blauen Bergen im Westen unterging, und wie auf einmal ein Fremder neben ihr stand und stumm ihre Schulter berührte. Er trug ein buntes Wams von gleicher Farbe wie die Sonne und die Berge, und sein Gesicht glich dem Gesicht eines in jungen Jahren verstorbenen Sohnes von Don Zame Pintor.

Sie hatte den Fremden gleich erkannt. Es war der Freiherr, einer von den alten Rittern, deren Geister noch zwischen den Ruinen des Schlosses hausten, in den unterirdischen Gängen, die durch den Hügel bis ans Meer führten.

»Kind«, sagte er mit fremder Stimme zu ihr, »lauf schnell zur Wehmutter ins Dorf und bitte sie, heute nacht auf die Burg zu kommen; denn mein Weib liegt in den Wehen. Schnell, beeile dich, rette eine arme Seele. Aber wahre das Geheimnis. Hier – nimm!«

Kallina aber hielt zitternd mit beiden Armen ihr Reisigbündel umschlungen, das wie eine schwarze Wolke vor der blutroten Sonne aussah, und vermochte nicht das Händchen auszustrecken, und die Goldmünzen, die der Freiherr ihr reichte, fielen zu Boden.

Und ehe sie sich versah, war er verschwunden. Sie ließ das Bündel fallen, klaubte ängstlich die Münzen zusammen wie ein Vöglein, das ein paar Brotkrumen aufpickt, und rannte dann hurtig den Hang hinab. Aber obgleich die Wehmutter die feucht angelaufenen Münzen in ihren glühenden Händen sah, spie sie ihr ins Gesicht, um den bösen Zauber zu brechen, und sagte lachend: »Ach was, du hast Fieber! Die Münzen hast du sicher gefunden. Man findet hin und wieder noch welche auf der Burg. Gib sie mir, damit sie Früchte tragen.«

Und Kallina gab sie ihr; nur eine behielt sie, eine durchlöcherte kleine Münze, die sie später an einem roten Bändchen aufreihte und um den Hals hing.

»Gehen Sie doch«, sagte sie zu der Frau, »retten Sie eine arme Seele. Sie tun nur so, als glaubten Sie nicht daran, weil ich mein Geheimnis wahre. Aber wahren werde ich es trotzdem.«

Und dann sank sie wie tot zu Boden.

Die Hebamme behauptete zeit ihres Lebens fest und steif, daß es nur ein Fiebertraum gewesen sei; aber wer weiß, vielleicht sagte sie das nur, weil Kallina das Geheimnis für sich behielt.

Inzwischen trugen die Münzen Früchte – jedes Jahr mehr Früchte als die Granatapfelbäume, die sie grün und rot in Don Predus Hof dorten unten schimmern sah.

Und dann durchzuckte sie eines Abends, so alt sie auch schon war, der gleiche freudige Schreck. Genau wie damals stand plötzlich ein junger Mann neben ihr, das lebendige Ebenbild des Freiherrn. Es war Giacinto.

Und jedesmal, wenn sie ihn sah, überkam es sie wieder wie ein Taumel, wie eine verworrene Erinnerung an ein vergangenes Leben, das in den Tiefen der Erde weiter seinen Gang ging wie das der alten Ritter auf der Burg.

Dort kommt er gerade die Straße herauf. Groß, dunkel, mit weiß im Mondlicht glänzendem Gesicht tritt er ein und setzt sich zu ihr auf die Schwelle.

»Muhme Kallina«, sagt er mit fremder Stimme, »warum haben Sie dem Knecht alles erzählt?«

»Er hat doch darauf bestanden, hat mich angegriffen und wollte mich töten.«

»Töten wollte er Sie? Wegen dieses Bettelpfennigs? Ach, der alte Narr, und meine Tanten machen soviel Lärm um nichts, während die Leute in meiner Heimat Schulden über Schulden machen, ohne daß jemand es weiß.«

Aber die Alte fragte nicht nach den »Leuten in seiner Heimat«.

»Mit einer Eisenstange mußte ich mich gegen ihn wehren. Verstehen Sie, Euer Gnaden? Der Knecht ist unberechenbar in seinem Zorn, trauen Sie ihm nicht!«

Giacinto verharrte eine Weile in starrem Schweigen und betrachtete seine Hände, auf die der zitternde Schatten einer Rebe fiel. Dann zuckte er zusammen.

»Nein, trauen werde ich ihm gewiß nicht. Ich will sogar fortgehen von hier. Ich kann hier nicht länger leben ... Und ich werde auch Geld verdienen, viel, viel Geld. In vierzig Tagen werde ich Ihnen alles auf Heller und Pfennig zurückbezahlen. Jetzt aber müssen Sie mir noch das Geld zur Reise geben. Ich werde Ihnen einen neuen Wechsel hierlassen.«

»Mit wessen Unterschrift?«

»Mit meiner«, sagte er mit fester Stimme. »Ja, – mit meiner. Haben Sie Vertrauen. Retten Sie meine arme Seele. Rasch, beeilen Sie sich! Und wahren Sie das Geheimnis.«

Er berührte ihre Schulter wie der Freiherr, und sie stand auf und ging ins Haus, um das Geld aus der Truhe zu holen: zwei Fünfziglirescheine, die sie lange in der Hand drehte und immer wieder gegen das Mondlicht betrachtete, in dem Gedanken, daß einer eigentlich genüge für Giacintos Reise. Und so legte sie den anderen schließlich wieder beiseite. Der hoch am Himmel stehende Mond warf durch das Fensterchen einen Silberstreif auf ihre knochige Brust, und im Ausschnitt ihres Mieders war noch immer die goldene, inzwischen schwarz angelaufene Münze an dem roten Bändchen zu sehen.

   

Giacinto war nicht zufrieden. Was war dieser armselige Schein im Vergleich zu den Schätzen der reichen Leute auf dem Festland? Aber als die Wucherin dann sagte, daß sie auf seinen Wechsel verzichte, begriff er, daß sie ihm gleichsam nur ein Almosen in die Hand gedrückt hatte, und fühlte sich tief gekränkt. Ihm war, als säße er noch immer im Flur des Reeders und wartete.

Und dann ging er zu Milese, um ihm zu sagen, daß er morgen früh fortginge.

Auch dort sah man durch das Tor auf den schwarz und weiß im Mondlicht schimmernden Hof und das Schattengitter der Laube. Und auch die Schwiegermutter, die wie eine Königin auf ihrer Bank thronte, spann heute nicht Flachs wie sonst, aus Furcht vor der Giobiana, sondern plauderte mit ihrer fieberkranken Tochter und den bleichen Mägden, die im Schatten der Mauer am Boden lagerten.

»Mein Schwiegersohn ist gerade fortgegangen, sicherlich zu Don Predu«, sagte sie zu Giacinto. »Und wie geht es Ihren Tanten? Ich lasse sie herzlich grüßen und ihnen vielmals danken für das Geschenk, das sie neulich meinem Bruder, dem Pfarrer, schickten.«

»Die schönen blauen Pflaumen«, sagte eine naschhafte Magd. »Natòlia, die Pest über dich, wenn du sie heimlich alle aufgegessen hast.«

»Geben Sie mir noch einen Korb voll dazu, Don Giacinto, und ich begleite Sie aufs Gut«, sagte Natòlia herausfordernd.

»Komm ruhig mit«, erwiderte er, aber seine Stimme klang ernst und traurig; und obwohl die Herrin sie ermahnte: »Jeder soll mit seinesgleichen gehen, Natòlia« – hörte er, als er wieder auf der Straße stand, wie die Frauen sich lachend über ihn und Grixenda unterhielten.

Ja, er mußte fort von hier, mußte das Glück in der Welt suchen gehen.

Um nicht an dem Häuschen seiner Braut vorbeigehen zu müssen, schritt er ein Gäßchen entlang, bog dann in ein anderes ein und gelangte schließlich auf einen freien Platz, auf den eine zerfallene Römerkirche herabblickte.

Ringsum duftete herb die Wolfsmilch, der Mond schimmerte bläulich durch das eingestürzte Gemäuer des Turmes, und es schien fast, als sollte es nie wieder Tag werden in diesem toten, weltvergessenen Winkel. Doch gleich hinter dem Platz, zwischen Granatapfelbäumen und Palmen, glänzte gleich einem maurischen Palast mit hochgewölbten Toren, steinernen Hallen und Spitzbogenfenstern das Haus Don Predus.

Beim Durchqueren des großen Hofes, wo im Mondschein breite, aus Schilf geflochtene Matten leuchteten, auf denen am Tage das nun mit Binsen zugedeckte Gemüse in der Sonne dörrte, erblickte Giacinto die stattliche Gestalt seines Onkels und daneben die schmächtige des Milese, wie an den goldenen Hintergrund eines Tores am Ende eines langen Säulenganges gemalt. Mit gekreuzten Beinen, die Ellenbogen auf die Tischplatte gestützt, saßen sie in dem stillen Zimmer und tranken; und alle beide, der Dicke und der Magere, schienen sich ihres Lebens zu freuen.

»Da – trink!« sagten sie wie aus einem Munde und reichten Giacinto ihren Wein; aber er schob verächtlich die beiden Gläser von sich.

»Fehlt dir was, daß du nicht trinkst?«

»Ja.«

Doch was ihm fehlte, sagte er nicht; die beiden hätten ihn ja doch nicht verstanden.

»Deine Tante Noemi hat dich wohl verprügelt?«

»Oder Grixenda hat dich nicht genug geküßt? Die Pest über sie!« sagte Milese und wiederholte den Fluch der naschhaften Magd.

»Ach Gott!« stöhnte Giacinto, stützte die Ellenbogen auf den Tisch und vergrub den Kopf zwischen den Händen; und da seine Schultern zitterten, wurde Don Predu aufmerksam und verfärbte sich leicht; und der Anblick dieser krampfhaft zuckenden Schultern schien ihn so schmerzlich zu berühren, daß er aufstand, Giacinto auf den Rücken klopfte und sagte: »Kommt, wir wollen ein wenig ins Freie gehen.«

Und so gingen sie ins Freie. Ihre Schritte dröhnten durch die Stille wie die des Nachtwächters, und im Gehen wurde auch Giacinto allmählich angesteckt von der spöttischen Laune seiner Gefährten.

»Wollen wir ins Theater gehen, Onkel Pietro? Am diese Zeit wird's in den großen Städten und auf dem Festland erst lebendig und lustig. Wie ein schwarzer Strom stauen sich dann die Wagen vor den Theatern. Aber auch die Damen sind noch unterwegs mit ihren Schoßhündchen ...«

Der Milese lachte Tränen. Don Predu war beherrschter, aber sein Lächeln drang wie ein Messer ins Herz.

»Dann kehren Sie doch dorthin zurück! Und führen Sie Grixenda wie ein Schoßhündchen hinter sich her.«

»Ach Gott, wie dumm seid ihr doch hierzulande!«

»Nicht so dumm wie in deiner Heimat.«

Giacinto schwieg, fuhr dann aber fort: »Warum nennt ihr mich dumm? Weil ich das Herz auf dem rechten Fleck habe? Weil ich meine Jugend genießen möchte? Und was tut ihr? Versteht ihr vielleicht zu leben? Was für ein Leben führst denn du? Du nimmst nicht einmal Rücksicht auf deine kranke Frau? Und Sie, Onkel Pietro? Was ist Ihr Lebenszweck? Geld aufzuhäufen – wie Bohnen auf der Streu, um sie nachher den Schweinen vorzuwerfen. Ihr seid keinem Menschen gut, nicht einmal euch selbst.«

Die beiden Freunde stießen sich lächelnd an.

»Dir fehlt heute wirklich etwas! Geld vermutlich.«

»Ich habe mehr Geld in der Tasche als ihr. Laßt uns ins Wirtshaus gehen, und ich werde es euch beweisen«, sagte Giacinto und errötete im Dunkel.

»Du hast nicht mit uns trinken wollen, folglich trink' ich auch nicht von deinem Wein, und wenn du zerspringst.«

Trotzdem landeten sie schließlich in dem fast leeren Dorfkrug. Nur zwei Bauern spielten stumm in einer Ecke, und ein dritter sah bald dem einen, bald dem anderen in die Karten. Aber auf einen Wink Don Predus kam er auf die neuen Gäste zu, und alle vier setzten sich um einen anderen Tisch.

Der Wirt, der wie ein Kaftanjude aussah in seinem langen Kittel und seinen weiten Pluderhosen, brachte einen Krug Wein und stellte eine schmiedeeiserne Laterne auf den Tisch, und Milese mischte nachdenklich, mit nach rechts geneigtem Kopf, die Karten und betrachtete der Reihe nach seine Zechkumpane.

»Um wieviel geht's?«

»Um fünfzig Lire«, erwiderte Giacinto.

Er warf den Schein der Wucherin auf den Tisch.

Und er verlor ...

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