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Schilfrohr im Winde

Grazia Deledda: Schilfrohr im Winde - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorGrazia Deledda
titleSchilfrohr im Winde
publisherGeorg Westermann
yearo.J.
translatorTheodor Lücke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141105
projectid25f81310
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VII.

Im Morgengrauen machte sich Efix auf den Weg ins Dorf.

Die Vögel zwitscherten, und das ganze Tal erglänzte golden im bläulichen Widerschein des leuchtenden Himmels. Am Fluß unten hob sich da und dort die regungslose Gestalt eines Fischers vom Grün des Ufers und des stillen, zwischen weißem Geröll sich stauenden Wassers ab.

Obgleich es noch sehr früh war, als er ins Dorf gelangte, sah Efix die Wucherin schon in ihrem Hof am Spinnrocken sitzen, zwischen den dicken Schweinchen und den verliebt gurrenden Tauben. Er nickte ihr zu und gab ihr einen Wink, daß er später wiederkommen würde. Ebenso stumm winkte sie mit der Kunkel zurück: sie konnte warten, sie hatte keine Eile.

Und weiter oben begegnete er Muhme Pottoi, mit einer Schale Milch in den Händen: dem Frühstück für die Enkelkinder. Efix versuchte an ihr vorbeizueilen, aber die Alte begann laut auf ihn einzureden, und er mußte stehenbleiben und ihr zuhören.

»Nanu, was hab' ich dir getan? Müssen wir Alten uns hassen, weil die Jungen sich lieben?«

»Ich hab's eilig, Muhme Pottoi.«

»Ich weiß, im Haus deiner Herrinnen ist der Teufel los. Aber das ist nicht meine Schuld. Ich habe selbst nichts zu lachen. Dein junger Herr wünscht, daß Grixenda zu Hause bleibt, daß sie nicht mehr barfuß läuft und nicht mehr waschen geht. Ich soll die Magd machen; aber ich tu's gerne, da es sich ja um das Glück der Jungen handelt ...«

»Gott steh uns bei!« seufzte Efix. »Laß mich vorbei, Muhme Pottoi! Bete zu unserm Herrgott, bete zu Unserer Lieben Frau ...«

»Nicht doch!« sagte die Alte spitz. »Helfen muß der Mensch sich selbst! Mut muß man haben, nichts weiter ...«

»Ja, Mut muß man haben«, wiederholte Efix im stillen, als er das Haus seiner Herrinnen betrat.

In dem Hof war es sehr still und sonnig. Überm Brunnen blühte der Jasmin, im goldenen Gras des alten Kirchhofs das Totengebein. Der Berg umhüllte mit seiner grün und weiß gescheckten Haube das Haus; eine morsche Holzsäule war von der Veranda abgebrochen und lag zwischen den Steinen, wie der Letzte eines Geschlechts. Und über allem tiefes Schweigen.

Efix ging in die Küche und sah, daß der Korb, den er Don Predu mit auf den Weg gegeben hatte, fast leer auf der Bank stand. Ein Zeichen, daß das Gemüse schon verkauft war. Übrig waren nur noch die gelben Sankt-Johannis-Äpfel. Er setzte sich und fragte: »Wo sind die anderen? Was ist vorgefallen?«

»Esther ist in der Messe, Noemi oben«, sagte Fräulein Ruth, die sich über den Herd beugte und Kaffee kochte.

Und sie sagte kein Wort weiter, bis die Schwestern schließlich eintraten: Esther mit dem Finger im Spalt des Tuches, Noemi bleich und stumm, mit niedergeschlagenen, bläulich schimmernden Lidern.

Efix wagte nicht, sie anzusehen. Ehrerbietig stand er auf und machte ihnen Platz auf der Bank, auf die sie sich setzten, und erst nachdem Fräulein Esther gefragt hatte: »Weißt du, was geschehen ist, Efix?« hob er die Augen und sah, wie Noemi ihn scharf musterte, wie der Richter den Angeklagten.

»Ja, ich weiß. Es war meine Schuld. Aber ich tat es in der besten Absicht.«

»Du tust alles in der besten Absicht! Es wäre auch noch schöner, wenn du es in böser Absicht tätest! Trotzdem ...«

»Nun, er ist doch kein Feind! Schließlich ist er doch euer Verwandter und ...«

»Ach, laß uns mit den Verwandten in Frieden, Efix!«

»Nun, es soll nicht mehr vorkommen!«

»Ist er denn fortgegangen?« fragte nunmehr Fräulein Esther bestürzt.

»Fortgegangen? Don Predu? Wohin denn?«

»Wer spricht denn von Don Predu? Ich sprach von diesem Elenden ...«

Efix betrachtete den Korb.

»Ich meinte, es sei wegen Don Predu – weil ich ihm gestern den Korb mitgab ...«

Noemi verzerrte das Gesicht zu einem bitteren Lächeln. »Efix«, sagte sie mit rauher Stimme, »wir sprachen von Giacinto. Als es sich darum handelte, ob wir ihn herkommen lassen sollten oder nicht, sagtest du doch: ›Wenn er nicht guttut, werde ich dafür sorgen, daß er wieder geht.‹ Hast du das gesagt oder nicht?«

»Doch, das habe ich gesagt.«

»Nun, dann halte dein Versprechen. Giacinto ist unser Verderben.«

Efix senkte einen Augenblick das Haupt. Er wurde rot und schämte sich dessen, faßte sich aber plötzlich ein Herz und fragte: »Darf ich mir ein Wort erlauben?«

»Sprich ruhig!«

»Der junge Mensch ist, glaube ich, nicht schlecht. Es fehlte ihm bisher nur an der nötigen Führung. Er verlor im gefährlichsten Alter beide Eltern und blieb allein zurück, wie ein Kind am Wege, und verirrte sich. Man muß ihn wieder auf den richtigen Weg bringen. Jetzt – im Dorf hier – weiß er nicht, was er anfangen soll; er hat Fieber, er langweilt sich, und deshalb geht er Karten spielen und sucht Liebesabenteuer. Aber er ist voll guter Vorsätze und wohlerzogen. Oder hat er es den Damen gegenüber je an Ehrfurcht fehlen lassen?«

»Nein, das nicht!« stieß Fräulein Esther hervor, und auch Fräulein Ruth schüttelte den Kopf. Fräulein Noemi aber ballte langsam die Fäuste gegen Efix und sagte bitter: »Doch, vom ersten Tage an ließ er es an Ehrfurcht fehlen! Ja, er kam ohne weiteres her, und kaum war er hier, da ließ er sich auch schon mit allen Leuten ein, die uns verachten. Und dann bändelte er mit dem verächtlichsten Mädchen in ganz Galte an. Mit einer, die barfuß an den Fluß waschen geht! Und außerdem ergibt er sich dem Müßiggang und allerlei Lastern, das sagst du doch selbst. Was ist das anderes als ein Mangel an Ehrfurcht gegen uns und unser Geschlecht? Bei deiner Ehre, sag selbst ...«

»Richtig«, stimmte Efix zu. »Aber noch einmal: er ist ein junger Mensch! Man sollte ihm helfen, sollte ihm Arbeit verschaffen. Und was ich noch bemerken möchte ...«

»Heraus damit!« rief Noemi, aber in so verächtlichem Ton, daß Efix sich wie zu Eis erstarren fühlte. Trotzdem rückte er damit heraus.

»Ich glaube, es wäre zu seinem Vorteil, wenn er einen eigenen Haushalt hätte. Wenn er dieses Mädchen wirklich liebt – nun, ich meine, weshalb soll er es dann nicht heiraten?«

Noemi sprang entrüstet auf und preßte die zitternden Beine gegen die Bank.

»Hat er dich bezahlt, daß du so sprichst?«

Da fand er endlich den Mut, ihr furchtlos in die Augen zu schauen, und in seinem Munde zog sich mit dem bitteren Speichel die Antwort zusammen: Ich bin nicht gewohnt, bezahlt zu werden! Aber er schluckte Worte und Speichel hinunter, weil er sah, wie Fräulein Esther die Schwester heimlich am Mieder zupfte und Fräulein Ruth ihn flehentlich anschaute, weil er fühlte, daß sie alle seine Antwort errieten und wußten, daß er kein bezahlter Knecht war. Ein Knecht wohl, ja – aber ein Knecht, dessen Dienste nicht mit Gold aufgewogen werden konnten.

»Fräulein Noemi! Das kann nicht Ihr Ernst sein! Ihr Neffe hat kein Geld, mich zu bezahlen, und wenn er es hätte, würde es ihm nichts nützen«, sagte er trotzdem mit verhaltenem Zorn, indes Noemi sich wieder setzte und die Hände auf die Knie preßte, wie um ihr Zittern zu verbergen.

»Er hat schon Geld! Kein eigenes zwar, aber doch immerhin Geld.«

»Und wer gibt es ihm?«

Drei Augenpaare starrten ihn verwundert an. Noemi lächelte wieder höhnisch, Esther aber legte besänftigend die Hand auf die ihre und sagte leise: »Er borgt sich von Kallina Geld. Wir dachten, du wüßtest es, Efix! Ja, zu hohen Wucherzinsen borgt er sich von Kallina Geld, und Predu sagt für seine Wechsel gut, weil er uns unser Anwesen zu rauben hofft. Verstehst du?«

Und ob er verstand! Mit gesenktem Kopf, mit geschlossenen Augen, kreidebleich öffnete und schloß er die Fäuste und fand keine Worte vor Entsetzen.

Und sie dachten, ich wüßte es? Wieso? Und warum? fragte er sich im stillen.

»Ja«, sagte Noemi grausam, »wir dachten, du wüßtest es nicht nur, sondern leistetest auch Bürgschaft für ihn bei deiner Freundin Kallina ...«

»Meiner Freundin?« rief er und riß erschrocken die Augen auf. Es flimmerte rot vor seinen Blicken. Wieder schrie er ein paar Worte, ohne zu wissen, was er sagte, und eilte davon, aufgeregt die Mütze in der Luft schwenkend, als gälte es, einen Brand zu löschen.

Erst im Hof der Wucherin kam er wieder zu sich.

Dort war es ganz still und friedlich wie in der Arche Noah. Nur die weißen Tauben gurrten leise und klammerten sich mit hellroten Krallen am Gebälk der schmalen Tür fest, umrankt von Weinlaub, das ein goldenes Lichtgitter auf den schwarzen Türschatten warf; und in diesem Rahmen saß die Wucherin am Spinnrocken, die nackten Füße in den buntbestickten Filzschuhen, das Tuch über den Kopf zurückgestreift.

Efix' Verzweiflung zerstörte die beschauliche Ruhe.

»Sag mir auf der Stelle, wie die Sache mit Don Giacinto sich verhält!«

Die Wucherin zog die kahlen Brauen hoch und sah ihn ruhig an.

»Schickt er dich her?«

»Mich schickt der Teufel, der dich holen möge! Heraus schon mit der Sprache!«

Mit einer drohenden Geste brachte er die Kunkel in ihrer Hand zum Stehen. Sie hatte Angst, ließ sich aber nichts anmerken.

»Dann schicken deine Herrinnen dich wohl zu mir? Nun, sag ihnen, sie sollen unbesorgt sein. Das Bezahlen hat noch Zeit, ich habe keine Eile. Alles in allem, habe ich dem jungen Mann bisher vierhundert Taler geborgt. Auf dem Fest bat er mich zunächst um eine Kleinigkeit. Er wollte sich nicht lumpen lassen. Er sagte, er erwartete demnächst Geld aus seiner Heimat, und gab mir zur Sicherheit einen Wechsel, unterschrieben von Don Predu. Wie konnte ich da nein sagen? Und bald darauf kam er wieder, sagte, er hätte das Geld aus seiner Heimat inzwischen an Milese verspielt, und ich erwiderte, dann müsse ich eben den Wechsel zu Don Predu tragen. Da erschrak er und brachte mir einen anderen Wechsel, unterschrieben von Fräulein Esther. Auf den gab ich ihm wieder Geld. Wie konnte ich denn nein sagen? Wußtest du denn nichts davon?« kam sie zum Ende und fuhr fort, Flachs zu spinnen.

Efix war tief bestürzt. Er erinnerte sich, daß Fräulein Esther damals Giacinto heimlich hatte herkommen lassen – konnte sie da nicht auch heimlich den Wechsel ausgestellt haben? Wie aber sollten sie ihn bezahlen? Ihm war, als könnte er sich nicht mehr regen, als wären seine Beine geschwollen und schwer wie Blei von all dem Blut, das aus Kopf und Herzen zur Tiefe strömte und seine Hände starr und leblos machte. Wie sollten sie bezahlen?

Die Wucherin ließ das Spinnrad schnurren, die Tauben gurrten, die Hühner pickten nach den Fliegen auf dem rosigen Bauch der in der Sonne liegenden Schweinchen. Alles atmete Frieden, nur er wand sich in Qualen.

»Ah – du wußtest es also gar nicht? Ich dachte, deine Damen hätten einen Teil des Geldes für sich behalten, um dich zu bezahlen. Ich wollte Don Giacinto schon vorschlagen, die zehn Taler, die du mir noch schuldest, gleich abzuziehen, dachte mir aber dann, daß dies nicht in der Ordnung sei. Doch wenn er wiederkommt, um den Wechsel zu verlängern, wollen wir alles zusammenrechnen ...«

Da raffte sich Efix mühsam aus seiner Erstarrung auf. Wieder riß er die Mütze vom Kopf und begann wie von Sinnen damit auf die Alte loszuschlagen.

»Ah, du verfluchte Hexe – ah, der Teufel soll dich holen – ah, was hast du da angerichtet ...?«

Der ganze Hof geriet in Bewegung. Die Tauben flatterten aufs Dach, die Katzen sprangen auf die Mauer, nur die Alte verhielt sich ganz still, um keine Zuschauer herbeizulocken; aber sie wich den Schlägen geschickt aus und setzte sich mit der Kunkel zur Wehr. Langsam zog sie sich vor ihm zurück, und als sie in der Küche stand, flüchtete sie in den Winkel hinter der Tür, umklammerte mit beiden Händen eine Eisenstange und richtete sich drohend an der Wand auf, wie eine Rachegöttin.

And nun trieb sie ihn vor sich her und zischte ihm ins Ohr: »Hinaus, du Mörder! Hinaus ...«

Schritt für Schritt wich er zurück.

»Hinaus! Was willst du überhaupt von mir? Komme ich vielleicht zu euch? Nein, ihr kommt einer wie der andere zu mir, wenn euch der Hunger oder eure Laster dazu treiben. Don Zame kam zu mir, seine Töchter kamen zu mir, sein Onkel kam zu mir. Und auch du kamst zu mir, du Mörder! Wenn ihr einen braucht, da könnt ihr schöntun, aber hinterher fallt ihr wie reißende Wölfe über ihn her. Hinaus, hinaus ...!«

Efix stand nun unter dem Tor, aber noch immer bedrängte ihn die Alte.

»Und laß dir eins gesagt sein: meine Geduld ist nun zu Ende, nachdem ihr mich so behandelt habt! Entweder ihr bezahlt im September, oder der Wechsel geht zu Protest! Und wenn die Unterschrift gefälscht ist, bringe ich den jungen Mann ins Zuchthaus. Hinaus ...!«

Er ging fort, aber nicht nach Hause. Weiter und weiter schritt er durch das verlassen in der Sonnenglut ruhende Dörfchen, strauchelte zuweilen über die umherliegenden Lavabrocken und hatte den Eindruck, daß das sagenhafte Erdbeben der Vorzeit erst heute stattgefunden habe.

Verzweifelt irrte er zwischen den Trümmern umher, und ihm war, als müßte er wühlen in all dem Schutt, müßte die Leichen, die verschütteten Schätze darunter hervorzerren, könnte es aber nicht, so allein, so schwach, so hilflos wie er war.

Als er an der Basilika vorbeikam, sah er, daß das Tor offen stand, und trat ein. Zwar fand keine Messe statt, aber die Frau des Mesners machte die Kirche sauber, und das Fegen des Besens hörte sich in der Dämmerstille ganz so an, als wenn die alten Burgherrinnen mit ihren schweren Brokatgewändern und rauschenden Schleppen über die Fliesen schritten.

Wie immer kniete Efix unter der Kanzel nieder, lehnte das Haupt an die Säule und betete. Das Blut begann wieder durch seine Adern zu kreisen, heiß und zäh wie ein Lavastrom; das Fieber schüttelte ihn; die schrägen, silbrig flimmernden Sonnenstrahlen, die durch das geborstene Dach fluteten, schienen viele weiße, kleine Löcher in den dunklen Boden zu ätzen; die bleichen Gestalten auf den Bildern blickten alle auf ihn herab, beugten sich vor, drohten sich zu lösen und in die Tiefe zu stürzen.

Auch die Büßerin Magdalena tritt heraus aus ihrem schwarzen Rahmen. Liebe und Trauer, Hoffnung und Reue lachen und weinen aus ihren unergründlichen Augen, spielen um ihren schmerzlichen Mund.

Unverwandt schaut Efix zu ihr empor, und sie scheint ihn zu erinnern an ein früheres, längst entschwundenes Leben, scheint ihm heimlich zu winken, er möge zu ihr kommen, möge sie herabgeleiten und ihr folgen ...

Er schloß die Augen. Sein Kopf zitterte. An ihrer Seite glaubte er im Mondschein dahinzuschreiten, stumm und vorsichtig das sandige Bett des Flusses entlang zu wandern, weiter und immer weiter, bis sie, dicht neben der Brücke, auf die Landstraße gelangten. Dort verschwand die Erscheinung im Nichts. Und auf der Straße dort kam nun ein Fuhrwerk angerollt, in dem saß Lia, versteckt zwischen prallen Getreidesäcken. Auch das Fuhrwerk verschwand in der Nacht, und auf der Brücke, im Mondschein, lag nun Don Zame tot im Straßenstaub, mit einem bläulich schimmernden Mal am Halse. Efix kniete neben dem Leichnam nieder und schüttelte ihn. »Auf, auf, Don Zame! Ihre Töchter warten auf Sie.«

Aber Don Zame regte sich nicht.

Und der Knecht schluchzte so laut auf, daß die Mesnersfrau mit dem Besen in der Hand aus ihn zukam.

»Was hast du, Efix? Ist dir nicht gut?«

Er riß erschrocken die Augen auf und glaubte wieder Kallina mit der Eisenstange vor sich stehen zu sehen. »Mörder! Mörder!« zischte sie ihm ins Ohr.

»Ich habe Fieber – mir ist, als müßte ich sterben – ich möchte beichten ...«

»Und da kommst du ausgerechnet jetzt her?« murmelte die Frau und lächelte spöttisch. Efix aber lehnte wieder die Stirn an die Kanzelsäule und begann, den Blick starr auf den Altar gerichtet, wirre Worte zu stammeln. Große Tränen rannen über sein Gesicht, auf sein zitterndes Kinn zu, und tropften, eine nach der anderen, zu Boden.

   

Giacinto lag vor der Hütte im Gras und erwartete ihn.

Als er ihn den Hang heraufkommen sah, mit dem leeren Korb in der Hand, der ihn dennoch zu Boden zu ziehen schien, erriet er, daß er alles wußte. Am so besser! Konnte er nun doch wenigstens einen Teil der Last, die ihn bedrückte, abwerfen, den schimpflichsten: das Schweigen.

»Erzähle«, sagte er, während Efix sich neben ihn setzte, ohne den Korb loszulassen. »Erzähle doch!« wiederholte er lauter, da der andere schwieg. »Was nun?«

Efix seufzte.

»Ja, was nun? Meine Herrinnen haben sich etwas beruhigt, weil ich ihnen versprach, dich fortzujagen, verstehst du? Sie glauben, daß die Wechsel wirklich von Don Predu unterschrieben sind, und ich hatte nicht den Mut, ihnen die Wahrheit zu sagen. Denn die Unterschriften sind doch gefälscht, gesteh es ruhig, sie sind gefälscht, nicht wahr? Ach, es ist also wirklich wahr? Ach, Giacinto, lieber Junge, was hast du getan! Und nun? Wirst du nun nach Nuoro fahren? Wirst du arbeiten? Wirst du zahlen?«

»Es – es ist eine so große Summe, Efix ... Wie soll ich sie bezahlen?«

Aber Efix beugte sich über ihn und sagte leise, wie im Fieber: »Geh, mein Junge, geh fort! Ich hätte es dir gern erspart, aber wenn selbst ich dir dazu rate, gibt es keinen anderen Ausweg. Denk an die schönen Dinge, die du neulich abends sagtest: daß es deinen Tanten wieder gut gehen, daß euer Geschlecht wieder aufblühen soll ... An diese Dinge dachte auch ich, als du herkommen solltest. Und statt dessen – statt dessen wird die Wucherin, wenn du nicht zahlst, nun das Gut unter den Hammer bringen oder dich ins Zuchthaus wegen der gefälschten Unterschriften. Und sie – deine Tanten – können dann betteln gehen ... So weit hast du es gebracht! Ich weiß, es war nicht böse Absicht. Du versprachst erst neulich soviel Schönes, mein Junge ...«

Wieder begannen Giacintos Schultern heftig zu zittern. Er hob das Gesicht unter dem forschend über ihn gebeugten Gesicht des Knechtes, und verzweifelt sahen sie sich in die Augen.

»Nein, böse Absicht war es gewiß nicht. Ich wollte Geld verdienen. Aber wie ist das möglich in diesem Nest? Das weißt du selbst am besten – du, der du so – bettelarm geblieben bist ...«

»Die Tanten sollen keinen Heller verlieren«, fuhr er nach bangem Schweigen fort. »Gewiß, Tante Esthers Unterschrift ist auch dabei; ich mußte sie fälschen, weil – weil die Wucherin mir meine Schuld nicht länger stunden wollte. Aber glaub mir, ich werde bezahlen; und wenn nicht, werde ich eben ins Gefängnis gehen – mir ist schon alles gleich ...«

»Ins Gefängnis? Nein, das werde ich nicht dulden.«

»Du hast also Geld, Efix?«

»Wenn ich Geld hätte, säße ich nicht so gebrochen hier! Dann hätte ich die Wechsel schon eingelöst ...«

»Was also tun, Efix? Sag doch: was tun?«

»Nun, hör zu: du wirst noch einmal zu der Wucherin gehen und dir hundert Lire zur Reise nach Nuoro geben lassen. Dort wirst du dir dann eine Stellung suchen. Hauptsache ist, daß du endlich ein neues Leben beginnst, daß du dich gründlich änderst. Verstanden?«

Aber Giacinto, der bis zuletzt auf die Hilfe des Knechtes gehofft hatte, gab keine Antwort, sprach nicht mehr. Wie ein krankes Tier kauerte er am Boden, hörte die Heuschrecken zwischen den dürren Blättern rascheln, beobachtete mit stumpfem Blick, wie sie die schillernden Flügel zum Fluge spannten. Zwei fielen auf seine Hand: eng verschlungen, hellgrün und spröde, wie aus Metall. Er zuckte zusammen. Er mußte plötzlich an Grixenda denken, mußte daran denken, daß er nun fortgehen und sie nie wiedersehen würde, daß er – arm, wie er war – auch dieses arme Wesen im Stiche lassen müßte. Und er wühlte das Gesicht ins Gras und schluchzte trockenen Auges vor sich hin, mit krampfhaft zitternden Schultern.

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