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Schilfrohr im Winde

Grazia Deledda: Schilfrohr im Winde - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorGrazia Deledda
titleSchilfrohr im Winde
publisherGeorg Westermann
yearo.J.
translatorTheodor Lücke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141105
projectid25f81310
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VI.

In Zeiten der Not, in den Wochen vor der Kornernte, wenn das Getreide in den Scheunen aufgezehrt war und die Leute hilfesuchend zu der Wucherin kamen, ging die alte Pottoi Blutegel fangen. Ihr Lieblingsplätzchen war eine kleine Bucht unter dem Taubenhügel, dicht bei dem Gut der Damen Pintor.

Stundenlang saß sie dort unbeweglich im Schatten einer Erle und ließ die nackten Beine in die grünlich schillernde, goldgeäderte Flut tauchen; und während sie mit der einen Hand eine Flasche im Sand umspannte, spielte sie mit der anderen an ihrer Halskette.

Dann und wann beugte sie sich ein wenig vor, sah ihre Füße groß und gelb im Wasser zittern, zog einen heraus, nahm eine leuchtende schwarze Beere von ihrem tropfenden Bein, stopfte sie in die Flasche und schob sie mit einer Binse nach unten – auf den Boden. Dort dehnte sich die Beere aus und krümmte sich zu einem schwarzen kleinen Ring: es war ein Blutegel.

Eines Tages, gegen Mitte Juni, besuchte sie Efix in seiner Hütte. Es war sehr heiß, und das Tal lag schon gelb und dürr unter dem blaudunstigen Himmel da.

Mit zitternden Fingern flocht der Knecht im Schatten des Schilfrohrs eine Binsenmatte. Beim Anblick der Alten, die sich zu ihm setzte, mit der Flasche im Schoß, hob er kaum die vom Sumpffieber getrübten Augen und wartete stillschweigend, als wenn er bereits wüßte, was sie von ihm wollte.

»Efix, du bist eine ehrliche Haut und kannst ganz offen mit mir reden. Welche Absichten hat dein junger Herr? Er kommt öfters zu mir, setzt sich an den Herd und sagt zu dem Jungen: ›Spiel mir doch etwas auf deiner neuen Ziehharmonika vor‹ – er selbst hat sie ihm übrigens geschenkt. Und dann sagt er zu mir: ›Nächstens werde ich Tante Esther herschicken und um Grixendas Hand anhalten lassen.‹ Aber Fräulein Esther läßt sich nie blicken, und als ich neulich einmal zu euch ging, entließ mich Fräulein Noemi mehr tot als lebendig, so viele Verwünschungen sandte sie hinter mir drein. Und als ich dann nach Hause kam, ließ es auch Grixenda an der schuldigen Ehrfurcht fehlen; denn sie will nicht, daß ich zu deinen Herrinnen gehe. Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll, Efix. Wir haben den Jungen doch nicht zu uns gerufen, er kam ganz von selbst. Kallina meint: Verbiete ihm dein Haus! Aber verbietet sie ihm vielleicht ihres, wenn er zu ihr kommt?«

Efix lächelte.

»Nun, dorthin führt ihn ja auch sicherlich nicht eine Liebelei!«

Da hob die Alte entrüstet das Gesicht, und ihr Hals schien noch länger zu werden.

»Und führt ihn etwa eine Liebelei zu uns? Nein, er ist ein braver Junge. Er kommt Grixenda nicht zu nahe. Die beiden lieben sich in allen Ehren, im Gedanken an eine baldige Heirat. Sag mir auf Ehre und Gewissen, Efix, welche Absichten er hat! Ich bitte dich darum, bei der Seele deines toten Herrn!«

Efix wurde nachdenklich.

»Hm, eines Abends, auf dem Fest, sagte er wohl zu mir: Ich werde sie heiraten ... Aber ich glaube, offengestanden, er kann es nicht.«

»Warum nicht? Er ist doch nicht adlig.«

»Noch einmal: Er kann es nicht, Frau!« sagte Efix noch nachdrücklicher.

»Das Geld dazu hat er, das sieht man doch. Er streut es aus vollen Händen um sich. Und ich entsinne mich, wie dein verstorbener Herr in seiner Jugend, als meine Großmutter noch lebte und er auch häufig zu uns kam – ja, wie er da immer sagte: den Mann bindet die Liebe an die Frau, die Frau dagegen fesselt das Geld an den Mann.«

»So? Sagte er das? Zu wem denn?«

»Zu mir, bist du taub? Jawohl, zu mir. Aber ich war damals erst fünfzehn und noch ein rechtes Kücken. Meine Großmutter jagte Don Zame aus dem Haus und verheiratete mich mit Priamu Piras. Und mein Priamu war ein Mann mit Grundsätzen. Er hatte einen Ochsenziemer, mit einem Stachel an der Spitze. Den hielt er mir unter die Nase und sagte: ›Siehst du, damit steche ich dir die Augen aus, wenn du noch einmal nach Don Zame schielst.‹ So verging die Zeit. Aber die Toten kehren wieder. Sehe ich jetzt Herrn Giacinto auf dem Schemel sitzen und daneben Grixenda auf der Türschwelle, so ist mir immer, als wären es der Tote selig und ich ...«

Wenn sie so ins Plaudern kam, fand sie nie ein Ende, und Efix, der dies wußte, schickte sie verdrießlich fort.

»Geh jetzt in Frieden deiner Wege! Und such dir auch einen Mann mit einem guten Ochsenziemer für deine Enkeltochter!«

Und die Alte, die froh war, daß der junge Mann eines Abends auf dem Fest gesagt hatte: Ich werde sie heiraten, ging ohne weiteres fort. Efix blieb allein zurück, vor sich den roten Mond, der aus dem grauen Dunst des Abends auftauchte. Aber er fühlte sich beunruhigt.

Nein, das Leben, das Giacinto führte, war nicht das Leben eines braven und gottesfürchtigen jungen Mannes. Von Tag zu Tag schwanden die großen Hoffnungen, die er auf ihn gesetzt hatte, immer mehr dahin und wichen ernsten Sorgen. Er warf mit dem Gelde um sich und verdiente nichts; und auch der tiefste Brunnen – so dachte Efix – erschöpft sich mit der Zeit.

Zuweilen kam Giacinto wohl gegen Abend her, um das Obst und Gemüse ins Dorf zu schaffen, das die Tanten dann heimlich wie gestohlenes Gut verkauften; denn es schickt sich nicht für adlige Damen, öffentlich mit Gemüse zu handeln. Sonst aber machte er sich nicht nützlich, sonst lungerte er meistens müßig da und dort im Dorf herum.

Aber kommt er dort nicht selbst den Pfad herauf und zieht sein staubiges Rad wie einen Hund neben sich her? Ja, keuchend kommt er an, wie vom anderen Ende der Welt, wirft dem Knecht ein kleines Bündel zu und sinkt dann erschöpft zu Boden wie ein Toter.

Und von einem Toten hatte er auch das bleiche Gesicht, die grauen Lippen. Aber seine linke Schulter zitterte heftig, so daß Efix erschrocken ein Glasbüchschen herausnahm, zwei Chinintabletten auf die Hand fallen ließ und sie ihm in den Mund steckte.

»Schluck sie hinunter! Du hast Fieber!«

Giacinto schluckte die Tabletten hinunter und preßte, ohne aufzublicken, den Kopf zwischen die Hände.

»Ich bin so müde, Efix! Ja, ich habe Fieber. Ja, es hat mich auch erwischt! Wie soll man es auch nicht bekommen – in dieser verwünschten Gegend? Ach, was für eine Gegend!« setzte er matt, wie zu sich selbst, hinzu. »Eine Gegend zum Sterben ...«

»Steh auf!« sagte Efix und beugte sich über ihn. »Bleib nicht hier sitzen, die Abendluft ist schädlich.«

»Laß mich doch zugrunde gehen, Efix! Ach, diese Hitze! Eine solche Hitze habe ich noch nie erlebt. Bei uns – da konnte man doch wenigstens baden ...«

Was sollte er zu seinem Troste sagen: Warum bist du dann nicht dort geblieben? Nein, Efix hatte zuviel Mitleid mit diesem »Häuflein Unglück« zu seinen Füßen, um so zu sprechen.

»Was hast du heute getan?« fragte er leise.

»Was soll ich getan haben? Es gibt doch nichts zu tun. Dir dein Brot herbringen, das Gemüse ins Dorf schaffen – das ist alles. Und sie – meine Tanten – leben doch wie drei Mumien! Heute hat Tante Noemi sich allerdings doch ein wenig aufgeregt, weil Tante Esther zu mir sagte, sie könnte das Geld für die Steuer nicht aufbringen. Kein Wunder! Geben da ihr Geld für mich aus und wollen nichts von mir annehmen! Ich sagte zu Tante Esther: Seid unbesorgt, ich werde zu dem Steuerbeamten gehen. Da hättest du Tante Noemi einmal sehen sollen, eine Furie ist nichts dagegen! Ihre Augen funkelten wie die einer Katze. Für so jähzornig hätte ich sie nie gehalten. Na ja, sie sagte sogar zu mir: »Kauf mit deinem Geld, wenn du überhaupt welches hast, Grixenda lieber noch eine Ziehharmonika!« Was ist schon dabei, Efix, wenn ich zu dem Mädchen gehe? Wohin soll ich denn sonst gehen? Onkel Pietro schleppt mich ins Wirtshaus, und du weißt doch, ich mache mir nichts aus Wein; mit dem Milese soll ich Karten spielen, und aus dem Kartenspielen mache ich mir doch erst recht nichts! Und so gehe ich eben zu dem Mädel, weil es gut ist und weil die Alte so spaßige Dinge sagt. Sag selbst: was ist da schon dabei?«

Bittend, mit sanft im Mondlicht schimmernden Augen sah er zu Efix auf. Der hatte inzwischen das Brot ausgepackt, konnte aber nicht einen Bissen essen. Seine Kehle war wie zugeschnürt von tiefem Kummer.

»Gar nichts ist dabei! Aber das Mädel, so gut es auch sein mag, ist arm und dir nicht ebenbürtig ...«

»Die Liebe kennt weder Armut noch Adel. Wie viele Reiche haben schon arme Mädchen geheiratet? Was weißt du davon? Schon so mancher englische Lord, schon so mancher amerikanische Millionär hat eine Magd, eine Lehrerin, eine Sängerin geheiratet. Und warum? Weil er sie liebhatte. Und das sind doch wirklich reiche Leute: Petroleum- und Kupferkönige! Und die reichen Damen – die russischen Fürstinnen, die Dollarerbinnen, wen heiraten die? Hat sich nicht schon manch eine in einen armen Künstler verliebt, ja sogar in ihren Chauffeur oder Kammerdiener? Aber woher sollst du das wissen?«

Efix umklammerte verzweifelt mit seinen Händen ein Stück Brot, als wäre es sein zuckendes, von Erinnerungen gequältes Herz.

»Und dabei behaupten sie, an Gott zu glauben! Warum lassen sie mich dann nicht das Mädchen heiraten, das ich liebe?«

»Still, Giacinto! Sprich nicht so hart von ihnen! Sie meinen es doch gut mit dir.«

»Nun, dann sollen sie mich heiraten lassen! Bringe ich ihnen doch Grixenda ins Haus, und sie wird ihnen sicher gerne helfen. Jetzt sind sie doch schon alt. Ich werde arbeiten. Werde nach Nuoro fahren, werde Käse, Vieh, Wein, Wolle und Holz kaufen; denn jetzt – im Kriege hat alles einen Wert. Und dann werde ich nach Rom reisen und dem Kriegsminister meine Ware verkaufen. Weißt du, wieviel sich dabei verdienen läßt?«

»Ja. Und das Kapital dazu?«

»Keine Sorge, das habe ich! Wenn sie mich nur in Frieden ließen! Ich bin nicht hergekommen, um sie auszunützen oder auf ihre Kosten zu leben. Ach, aber Tante Noemi ist schrecklich!« seufzte er plötzlich und versteckte das Gesicht zwischen den Händen. »Ach, Efix, ich bin so verbittert! Und es beschämt mich, zu sehen, wie schlecht es ihnen geht. Zu sehen, wie sie heimlich Kartoffeln, Äpfel und Birnen an die Kinder verkaufen, die verstohlen, mit dem Geld in der Hand, in den Hof geschlichen kommen und leise nach den Sachen fragen, wie nach gestohlenem Gut. Ja, ich schäme mich! Das muß aufhören. Es wird ihnen wieder so gut wie früher gehen, wenn sie mir freie Hand lassen. Wenn Tante Noemi wüßte, wie gut ich es mit ihr meine, würde sie nicht so handeln ...«

»Giacinto! Gib mir die Hand, du bist ein guter Junge«, sagte Efix gerührt.

Sie schwiegen. Dann fuhr Giacinto mit leiser, sanfter Stimme fort, die wie eine Kinderstimme durch das Mondesschweigen zitterte: »Du bist so lieb, Efix. Ich möchte dir jetzt von einer Sache erzählen, die ein Freund von mir erlebt hat. Er war mit mir bei der Zollbehörde angestellt. Eines Tages kam ein ehemaliger Reeder, ein dicker, aber selten gutmütiger und kindlich harmloser Mann, aufs Zollamt, um eine Zahlung zu leisten. Mein Freund sagte: ›Lassen Sie das Geld da und holen Sie sich später die Quittung ab, die vom Zollhauptmann unterschrieben sein muß.‹ Der Reeder ließ das Geld da; mein Freund steckte es ein, ging fort und verspielte es. Und als der Reeder wiederkam, behauptete mein Freund, er hätte nichts erhalten. Der andere ließ sich das nicht gefallen und ging zu den Vorgesetzten meines Freundes; aber er hatte ja keine Quittung, und alle lachten ihm laut ins Gesicht. Trotzdem wurde mein Freund fristlos entlassen – es ist jetzt vier Monate her – ja, ich erinnere mich noch ganz genau, es war im Karneval. Er ging zu einem Vergnügen, betäubte sich, trank, hatte zuletzt nicht mehr einen Heller in der Tasche. Auf dem Heimweg holte er sich eine Lungenentzündung und brach auf einer Bank in den Anlagen zusammen. Man brachte ihn ins Krankenhaus. Als er schwach und entkräftet wieder herauskam, hatte er keine Wohnung, kein Stückchen Brot. Er schlief unter den Pfeilern am Hafen, hustete und hatte grauenhafte Träume. Immer wieder träumte er von dem Reeder, der ihn verfolgte, rastlos verfolgte – wie im Film. Und wirklich steht eines Abends plötzlich der Reeder vor ihm, der ihn unter den Pfeilern am Hafen gesucht hatte. Mein Freund glaubte noch immer zu träumen; aber der andere sagte zu ihm: ›Hören Sie, ich suche Sie schon eine ganze Weile. Ich weiß, Sie haben damals Ihre Stellung verloren wegen jener Unterschlagung, aber mir liegt daran, daß Ihre Vorgesetzten und die Öffentlichkeit die Wahrheit erfahren. Das ist auch für Sie besser. Sagen Sie ehrlich: Habe ich das Geld einbezahlt oder nicht?‹ – ›Ja‹, erwiderte mein Freund. – Und darauf der Reeder: ›Schön, versuchen wir die Sache in Ordnung zu bringen. Ich will Sie nicht zugrunde richten. Hier ist meine Adresse, kommen Sie morgen zu mir, und dann werden wir zusammen zu Ihren Vorgesetzten gehen.‹ – ›Abgemacht!‹ Doch am nächsten Tage ging mein Freund nicht hin. Er hatte Angst – schreckliche Angst! Außerdem regnete es in Strömen – na, kurz und gut, er rührte sich nicht vom Fleck. Er hustete noch immer, und ein Dienstmann brachte ihm hin und wieder etwas heiße Milch. Ach, wie es stürmte und regnete!« wiederholte Giacinto und blickte um sich, als wenn er sich vergewissern wollte, daß die Nacht klar und schön war.

Gespannt, das Gesicht aus die Hand gestützt, lauschte Efix seiner Erzählung, wie ein Kind einem Märchen.

»Aber eines Tages raffte ich mich auf und ging ...«

Schweigen. Ein Schatten breitete sich über die Gesichter der beiden Männer, und sie senkten die Augen. Giacintos Schultern zitterten krampfhaft, aber er straffte sie plötzlich, wie um die Erregung zu meistern, und fuhr mit festerer Stimme fort: »Ja, ich selbst war es, du hast es erraten. Ich ging also zu dem Reeder. Er war nicht zu Hause, aber die Dienerin, ein bleiches Mädchen mit schüchterner Stimme, ließ mich im Flur warten. Dort war es ganz dunkel, aber wenn eine Tür aufging, schimmerte der rote Fußboden wie von Blut. Stundenlang wartete ich. Schließlich kam der Reeder zurück, in Begleitung seiner Gattin, die genau so dick, genau so gutmütig war wie er. Die beiden sahen wie zwei große Kinder aus und lachten schallend. Die Frau riß alle Türen auf, um mich besser sehen zu können. Ich hustete und gähnte. Sie merkten, daß ich Hunger hatte, und forderten mich auf, ins Eßzimmer mitzukommen. Ich erinnere mich noch, wie ich aufstand, aber gleich wieder auf die Truhe sank und mit dem Kopf gegen die Lehne schlug. Und dann verlor ich die Besinnung. Als ich wieder zu mir kam, lag ich im Bett – in ihrem Hause. Die Dienerin brachte mir auf einem silbernen Brett eine Tasse Fleischbrühe und behandelte mich mit der größten Achtung. Über einen Monat blieb ich dort – volle vierzig Tage, Efix. Sie pflegten mich gesund, versuchten mir zu einer neuen Stellung zu verhelfen; aber die war schwer zu finden, weil nun alle Leute von meinem Vergehen wußten. Und ich wollte ja auch fortgehen – weit, weit fort, am liebsten übers Meer. Was ich in dieser Zeit durchmachte, kann niemand sich vorstellen. Ich sehe die drei, den Reeder, die Frau und die Dienerin, noch immer im Traum – sehe sie auch in Wirklichkeit, auch jetzt. Sie waren so gut zu mir, und dennoch möchte ich mich in der Erde vergraben, um sie nicht mehr zu sehen. Und das Schlimmste war, daß ich mich nicht trennen konnte von ihrem Haus. Wie betäubt saß ich da und hörte der Frau zu, die redete und redete, oder weilte in der Küche, bei der Dienerin, die kein Wort sprach. Ja, ich saß mit ihnen am Tisch, hörte sie scherzen und Zukunftspläne für mich schmieden, wie für einen Sohn, und all das quälte und demütigte mich, aber ich konnte einfach nicht fortgehen. Eines Tages, als ich wieder ganz gesund war, fragte mich die Frau schließlich, was für Absichten ich hätte. Ich sagte, daß ich hierher zu meinen Tanten fahren wollte, die ich stets als ziemlich wohlhabend geschildert hatte. Da kauften sie mir die Schiffskarte und schenkten mir auch das Rad. Ich fühlte, daß ich nun fortgehen mußte, und reiste ab, fuhr hierher. Ach, welche Erleichterung war das zunächst! Jetzt aber komme ich mir bei meinen Tanten genau so überflüssig, genau so geduldet vor wie dort – und ich weiß nicht ...«

Da tönte plötzlich ein heller, fast höhnisch klingender Laut durch die Stille am Hügelhang, dicht über den Köpfen der beiden Männer, und Giacinto sprang erschrocken auf, im Glauben, daß jemand seine Erzählung belauscht habe und ihn nun verspotte. Aber er sah nur eine kleine, lange graue Gestalt, gefolgt von einer anderen, dunkleren und gedrungeneren, hinter der Hütte von Busch zu Busch huschen und lautlos verschwinden, ehe er einen Stein aufheben und nach ihr werfen konnte.

Auch Efix war aufgestanden.

»Es sind nur die Füchse«, sagte er leise. »Laß sie laufen, störe sie nicht bei ihrem Liebesspiel. Manchmal sehen sie wie Gespenster aus«, fuhr er fort, während Giacinto sich wieder stumm ins Gras warf. »Hast du gesehen, wie lang sie sind? Sie sind wie der Teufel hinter den sauren Trauben her ...«

Aber Giacinto sprach nicht mehr. Und Efix wußte nicht, was er sagen sollte: ob er ihn bitten sollte, weiterzuerzählen, ob er ihn trösten, ob er das Gehörte zum Guten oder Bösen deuten sollte. Deshalb also war er den ganzen Tag so traurig gewesen! Ach ja, so geht es im Leben. Aber was sagen? Im stillen war er froh, daß die vorbeihuschenden Füchse Giacinto zum Schweigen gebracht hatten; trotzdem mußte er irgend etwas sagen.

»Ja – dieser Reeder ... Ein kluger Mann, so viel steht fest. Er sah ein, daß ein junger Mensch leicht – sehr leicht in Versuchung gerät. Zumal wenn er keine Eltern mehr hat! Komm, steh auf, willst du nichts essen?«

Er ging in die Hütte, kam wieder heraus und begann eine Zwiebel abzuschälen. Giacinto lag unbeweglich und tief bekümmert da, vielleicht bereute er seine Beichte. Jedenfalls wagte der Knecht nicht, noch mehr zu sagen.

Der Zwiebelgeruch mischte sich mit dem Duft der Kräuter, der Reben und der Nieswurz in der Luft; die Füchse huschten wieder vorbei. Efix aß, aber das Brot schmeckte bitter. Zwei- oder dreimal versuchte er etwas zu sagen; aber er konnte – nein, er konnte es nicht. Alles war wie ein Traum. Schließlich rüttelte er Giacinto an den Schultern, versuchte ihn vom Boden hochzuziehen, sagte sanft zu ihm: »Los, komm mit in die Hütte! Das Fieber liegt in der Luft ...«

Aber der Körper des jungen Menschen war wie festgeschmiedet an der Erde.

Efix ging wieder in die Hütte, aber er lag noch lange wach und wurde auch im Schlaf nicht den quälenden Gedanken los, daß er Giacintos Erzählung irgendwie erläutern müßte – aber er wußte nicht wie: ob im Guten oder Bösen.

Ich muß zu ihm sagen: Kopf hoch, du wirst dich bessern! Damals warst du doch noch ein halbes Kind – und ohne Eltern ...

Aber da erschien Noemi ihm im Traum, sah ihn mit ihren düster blickenden Augen an und sagte leise, zwischen den Zähnen: Siehst du wohl? Siehst du nun, was für ein Mensch er ist?

Schweren Herzens erwachte er und erhob sich, obgleich es noch Nacht war, von seinem Lager. Giacinto aber war schon fortgegangen.

   

Tagelang ließ er sich nicht mehr sehen, so daß Efix allmählich unruhig wurde, zumal auch das Gemüse und die Äpfel sich im Schatten der Hütte häuften und niemand sie abholte.

Jeden Abend ritt Don Predu, der ausgedehnte Ländereien am Meer besaß, auf dem Heimweg ins Dorf an dem kleinen Gut vorbei, und wenn er den Knecht erblickte, zeigte er mit dem Finger auf das Grundstück seiner Basen und dann auf seine Brust, um anzudeuten, daß er nur auf die Stunde warte, wo das Gut unter den Hammer kommen und sein Eigentum werden würde. Aber Efix, der schon gewöhnt war an dieses stumme Gebärdenspiel, nickte ihm zu und schüttelte dann verneinend Hand und Kopf.

Nach Giacintos Beichte beschlich ihn freilich bei Don Predus Anblick stets eine heimliche Unruhe; er erschien ihm noch hämischer als sonst.

Eines Abends lauerte er ihm an der Hecke auf und fragte ihn: »Sagen Sie, Don Predu, haben Sie meinen jungen Herrn nicht gesehen? Als er neulich abends hier war, hatte er Fieber, und ich bin jetzt in großer Sorge um ihn.«

Da lachte Don Predu, hoch zu Pferd, sein krampfhaftes Lachen, mit geschlossenem Mund und geblähten Wangen.

»Gestern abend sah ich ihn mit dem Milese Karten spielen. Und er verlor dabei!«

»Er verlor dabei!« wiederholte Efix bestürzt.

»Jawohl! Soll er denn immer gewinnen?«

»Zu mir sagte er doch, er spiele überhaupt nicht ...«

»Und das glaubst du? Er sagt doch nie die Wahrheit, nicht einmal wenn du ihm die Flinte auf die Brust setzt. Aber er ist nicht schlecht. Er sagt seine Lügen nur so hin und hält sie selbst für wahr – wie ein kleines Kind.«

»Ja, wie ein kleines Kind ...«

»Ein Kind allerdings, das schon alle Zähne hat! Und wie es kaut und ißt! Er wird auch noch das Gut klein kriegen! Und dann vergiß nicht, Efix: ich bin auch noch da! Sonst gibt's Dresche ...«

Erschrocken schielte Efix zu ihm empor; und im roten Dämmerschein erschien die plumpe Gestalt des Reiters ihm wie ein Unglücksbote, wie eine jener nächtlichen Spukgestalten, vor denen er solche Angst hatte.

»Heilige Mutter Gottes, steh mir bei ...«

Don Predu war schon weitergeritten. Da lief Efix ihm plötzlich nach, holte ihn auf der Straße ein und reichte ihm mit beiden Händen einen Korb voll Äpfel und Gemüse.

»Don Predu, schicken Sie das bitte durch Ihre Magd zu meinen Herrinnen. Ich kann das Gut nicht verlassen – und Don Giacinto kommt nicht her ...«

Zunächst sah der Mann ihn überrascht an; dann kräuselte ein gnädiges Lächeln seine wulstigen Lippen. Er hob ein Bein und sagte: »Da ist noch Platz.«

Efix schob den Korb in den Quersack, und während Don Predu schweigend davontrabte, kehrte er zu seiner Hütte zurück. Er befürchtete, daß die Herrinnen ihn ausschelten würden; er wußte, er hatte einen schwerwiegenden Schritt getan, vielleicht sogar einen Fehler begangen; aber er bereute nicht. Eine geheimnisvolle Hand hatte ihn dazu bewogen, und er wußte, daß alle Handlungen, die man unter dem Zwange einer höheren Macht vollführt, gut und richtig sind.

Bis tief in die Nacht hinein wartete er auf Giacinto. Der Vollmond erfüllte das Tal mit silbernem Glanz, und die Nacht war so klar, daß man den Schatten jedes Halmes unterscheiden konnte. Nicht einmal die Geister wagten sich heute nacht hervor, so hell war es. Ja, auch die Geister ruhten heute nacht. Nur der Knecht konnte nicht schlafen. Er dachte an Giacintos Erzählung und an den reichen Reeder und fühlte sich unendlich weich, unendlich traurig gestimmt.

Wir sind allzumal Sünder, die einen mehr, die anderen weniger. Und hatte der Reeder nicht deshalb verziehen? Warum also sollen nicht auch die anderen verzeihen? Ach, wenn doch einer dem anderen verzeihen wollte! Wie friedlich, wie licht und heiter wäre dann die Welt! Licht und heiter wie heute nacht im Silberglanz des Mondes!

Er stand auf und machte einen Rundgang durch das Gut. Ja, auf dem weißen Kies des Weges zeichnete sich der Schatten jedes Blümchens ab, die Spitzen und Zacken jedes Feigenblatts; und unten am Flusse, wo das Wasser stillstand, sah man die Sterne sich spiegeln.

Aber da regt sich plötzlich hinter der Hecke, zwischen den Erlen, ein Schatten: ein unförmiges schwarzes Wesen mit silbernen Füßen. Langsam gleitet es auf dem knirschenden Sand dahin, bleibt wieder stehen.

Wie im Fluge eilte Efix den Hang hinab.

»Ah – du bist's? Bist du's wirklich? Gott, wie hast du mich erschreckt!«

Giacinto zog sein Rad neben sich her und folgte ihm schweigend. Vor der Hütte aber warf er sich wie neulich ins Gras und stöhnte: »Efix, Efix, ich kann nicht mehr ... Was hast du getan? Was hast du getan?«

»Ich? Was soll ich denn getan haben?«

»Das weiß ich eben nicht genau. Heute abend kam Onkel Pietros Magd zu uns, brachte uns einen Korb und sagte, du hättest ihn ihrem Herrn mitgegeben. Tante Ruth und Tante Noemi waren zu Hause, Tante Esther in der Abendmette. Die beiden nahmen der Magd den Korb ab, bedankten sich und gaben ihr auch einen kleinen Botenlohn. Dann aber wurde Tante Noemi ohnmächtig. Tante Ruth glaubte, sie sei gestorben, und schrie laut auf. Sie ließ schleunigst Tante Esther holen; erschrocken kam diese angelaufen, und zum erstenmal sah auch sie mich finster an und sagte, ich wollte sie alle ins Grab bringen. Ach Gott, ach Gott! Ich besprengte Tante Noemis Gesicht mit Essig und weinte bitterlich, das schwöre ich dir beim Andenken meiner Mutter selig. Ja, ich weinte, ohne zu wissen, warum. Endlich kam Tante Noemi wieder zu sich und stieß mich von sich. ›Ach, wäre ich doch vor diesem Tag gestorben!‹ rief sie. – ›Warum? Warum denn, liebe Tante?‹ fragte ich. Aber sie stieß mich wieder von sich und bedeckte mit der anderen Hand ihr Gesicht. Ach, diese Qual! Warum bin ich hergekommen, Efix? Warum nur?«

Der Knecht fand keine Antwort. Jetzt erst sah er ein, welch schweren Fehler er begangen hatte, als er Don Predu den Korb mit auf den Weg gab, und überlegte, wie er ihn wieder gutmachen solle. Aber er wußte sich keinen Rat und fühlte wieder, wie das Unglück seiner Herrinnen mit ganzer Schwere auf ihm lastete.

»Sei ruhig«, sagte er schließlich. »Morgen früh geh' ich ins Dorf und bringe alles wieder in Ordnung.«

Da schöpfte Giacinto wieder Mut.

»Du mußt den Tanten sagen, daß nicht ich dir geraten habe, Don Predu den Korb mitzugeben. Das glauben sie nämlich. Ja, sie alle und ganz besonders Tante Noemi glauben, daß ich Onkel Pietros Freundschaft suche, um sie zu ärgern. Dabei bin ich doch mit jedermann gut Freund – warum also nicht auch mit Onkel Pietro? Aber die Tanten wissen leider, daß er es auf ihr Gut abgesehen hat. Was kann ich dafür? Will ich es denn verkaufen?«

»Niemand will es verkaufen. Warum von diesen Dingen reden? Aber du, mein Lieber, du – du sprachst doch neulich abends ganz anders, versprachst mir hoch und heilig, alles zu tun, um deine Tanten glücklich zu machen. And dabei warst du erst gestern abend im Wirtshaus, Karten spielen ...«

»Manchmal gewinnt man auch im Spiel. Und ich will doch gewinnen, um ihretwillen gewinnen, will ihnen nicht länger zur Last fallen. Nein, lieber sterben! Siehst du«, setzte er leise hinzu, »jetzt, nach dem Auftritt heute habe ich erst recht das Gefühl, noch immer im Hause des Reeders zu weilen ... Gott steh mir bei, Efix!«

Verstört hörte Efix zu. Wieder fühlte er, wie er machtlos war gegen das düstere Schicksal dieses Hauses, mit dem er verwachsen war wie Moos mit dem Felsgestein. Er wußte nicht, was er sagen, wußte nicht, was er tun sollte.

»Oh«, seufzte Giacinto laut auf. »Jetzt werde ich ganz gewiß fortgehen von hier. Werde nicht warten, bis sie mich aus dem Hause jagen. Meine Tanten, vor allem Tante Noemi, kennen ja kein Mitleid. Gleichviel, sie hat meiner Mutter nicht verziehen, wie kann sie da mir verzeihen? Aber ich – ich ...«

Er ließ seinen Kopf sinken und zog einen Brief aus der Tasche.

»Siehst du, Efix? Ich weiß alles. Wenn Tante Noemi meiner Mutter nicht einmal auf diesen Brief hin verziehen hat, wie kann sie da ein gutes Herz haben? Du weißt, was in dem Brief steht, du selbst hast ihn Tante Noemi gebracht. And ich habe ihn genommen. Am Tage meiner Ankunft lag er auf dem Bett, damals las ich ein paar Zeilen, und heute habe ich ihn heimlich aus dem Schrank genommen. Er gehört mir – er ist von meiner Mutter, ist mein – er hat dort nichts zu suchen ...«

»Giacinto! Gib ihn mir!« rief Efix und streckte beide Hände aus. »Er gehört dir nicht! Gib ihn her, ich werde ihn meinen Herrinnen zurückbringen.«

Aber Giacinto umklammerte mit beiden Händen den Brief und schüttelte trotzig das Haupt. Efix versuchte, ihm den Brief zu entreißen, bat und flehte wie um eine hohe Gnade.

»Gib ihn mir, Giacinto! Ich werde ihn zurücktragen, werde ihn wieder in den Schrank legen. Werde mit deinen Tanten sprechen und Frieden stiften. Erwarte du mich hier. Aber gib den Brief her!«

Giacinto sah ihn an. Seine Schultern zitterten, aber seine Augen blitzten kalt, fast grausam. Da stürzte Efix auf ihn zu, grub die Hände in seine Schultern und zischte, ganz nah an seinem Ohr:

»Dieb!«

Giacinto hatte das Gefühl, ein Geier halte ihn umkrallt. Unwillkürlich öffnete er die Hände, und der Brief flatterte zu Boden.

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