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Schilfrohr im Winde

Grazia Deledda: Schilfrohr im Winde - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorGrazia Deledda
titleSchilfrohr im Winde
publisherGeorg Westermann
yearo.J.
translatorTheodor Lücke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141105
projectid25f81310
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V.

Nm nächsten Morgen brachte Efix das Pferd ins Dorf zurück und erzählte seiner jungen Herrin von dem fröhlichen Leben und Treiben am Abend zuvor, (schweigend hörte Noemi zu; erst als er wieder nach dem kleinen Gut aufbrach, eilte sie ans Tor und schärfte ihm ein, in drei Tagen zurückzukehren und den Schwestern frische Lebensmittel zu bringen.

Nach drei Tagen kam Efix wieder, und um den Brückenzoll für das Pferd zu sparen, lud er den schweren Sack auf seine Schultern und machte sich zu Fuß auf den Weg.

Es war inzwischen kühler geworden, von den Nuoreser Bergen kam der frische Waldwind herab und wehte munter über die Wiesen am Flusse und schien gleich ihm zum Meer hinabeilen zu wollen.

Auf dem Gut rastete Efix eine Weile unter der Erle am sandigen Rande des Melonenfeldes, und während er die fleischigen Ranken betrachtete, die sich zwischen den Blättern entlangschlängelten, war ihm fast, als hätten sie etwas Lebendiges wie all die zitternden Sträucher um ihn her. Und er sprach zu ihnen, als wenn sie ihn verstehen könnten, schärfte ihnen ein, nicht zu verkümmern und zu verdorren, sondern zu wachsen und zu gedeihen und reiche Frucht zu tragen, wie es sich gehört. Da ließ ein leises Getrappel auf der Straße ihn plötzlich aufhorchen.

Stolz und stattlich ritt Don Predu auf seinem dicken, schwarzen Gaul hinter der Hecke vorbei. Wider Erwarten machte er bei Efix' Anblick halt.

»Ei, was machst du denn mit dem Sack da? Warst du Bohnen stehlen?«

Ehrerbietig stand Efix auf.

»Das sind Lebensmittel für meine Damen. Und wohin reiten Sie?«

Auch Don Predu ritt zu dem Fest. Aus seinem geblümten Quersack drang verlockend der Duft des Lammbratens, den er dem Pfarrer, seinem Freund, zum Geschenk mitbrachte, und der rötlich glitzernde Hals einer Korbflasche Wein.

»Und du gehst also zu Fuß hin, alter Narr? Jetzt benützen sie dich wohl schon als Lastgaul? Gib den Sack her, ich nehme ihn mit. Keine Angst, ich brenne nicht damit durch. Aber wenn du mir nicht traust, kannst du ja auch aufsitzen, Alter.«

Nach längerem Bitten und Drohen lud Efix verwirrt den Sack auf das Pferd, das zu schlafen schien, saß dann hinter Don Predu auf und versuchte sich so leicht als möglich zu machen.

»Jetzt wird Ihr Gaul aber schwitzen, Euer Gnaden.«

»Beim Teufel, es ist der kräftigste Gaul in der ganzen Gegend. Du kannst ihm einen ganzen Berg aufpacken, und er trägt ihn auch. Du siehst doch, er trabt dahin, als wenn er nicht einmal einen Sattel auf dem Rücken hätte. Aber sag mal, was sucht eigentlich mein Neffe, dieser Zigeuner, hier bei uns?«

Efix schnitt eine Grimasse hinter seinem Rücken. Ah – deshalb hatte er ihn mitgenommen.

»Der Zigeuner – wieso? Er hatte doch eine feste Stellung.«

»Was für eine Stellung denn? Er zählte wohl die Stunden?«

»Nicht doch, eine gute Stellung. Bei der Zollbehörde. Allerdings braucht man in diesen Städten ja auch viel Geld zum Leben. Es gibt dort Leute, die Ländereien so groß wie ganz Sardinien besitzen, und manch einer verteilt mehr Geld unter die Armen als der König.«

Don Predu wollte bersten vor Lachen: einem stummen, krampfhaften Lachen.

»Aha, da haben wir's! Schon hast du den Kopf voll Flausen.«

»Warum sagen Sie das, Don Predu?« erwiderte Efix mit betonter Würde. »Der junge Mann ist ehrlich und gut. Er hat keine Laster, raucht nicht, trinkt nicht, läuft nicht hinter den Frauen her. Er wird es bestimmt zu etwas bringen. Wenn er will, kann er gleich eine Stellung in Nuoro bekommen. Außerdem hat er Geld auf der Bank.«

»Hast du's nachgezählt, alter Narr? Weiß Gott, Efix, ich glaube, sie geben dir statt Brot Lügen zu schlucken. Sag mal, wieviel schulden deine hochwohllöblichen Herrinnen dir nun schon?«

»Gar nichts schulden sie mir. Ich schulde ihnen alles.«

»Ach, sei still! Sonst werf' ich dich in den Fluß. Paß auf, jetzt werdet ihr erst recht Schulden machen, um den Lümmel durchzufüttern. Werdet noch mehr Geld aufnehmen von der alten Kallina, der Teufel soll sie holen! Werdet das Gut verkaufen. Vergiß dann nicht, daß ich es haben will. Wenn du mir dann nicht rechtzeitig einen Wink gibst, wenn ihr euren Krempel dann, wie schon so oft, um den halben Preis an andere verschleudert, statt an mich zu verkaufen, schneide ich dir die Gurgel durch. Laß dir das gesagt sein, Efix! Ich habe dich gewarnt.«

Der Alte hinter ihm atmete schwer, wie unter einer gewaltigen Last, die noch drückender war als der Sack, den Don Predu ihm abgenommen hatte.

»Barmherziger Himmel! Warum sprechen Sie so – so feindselig von ihren armen Basen, Don Predu?«

»Zum Teufel mit den Basen und ihrem Eigensinn! sie haben mich doch stets wie einen Feind behandelt. Na – meinetwegen. Aber vergiß nicht Efix: das Gut will ich.«

Auf dem ganzen Weg quälte er den Knecht, bis dieser schließlich erschöpfter, als wenn er zu Fuß gegangen wäre, vom Pferd glitt und den Sack herunterzog.

Als er den weiten Hof betrat, sah er das gleiche Bild wie immer. Seine Damen saßen auf der Steinbank, die Hände im Schoß; Kallina strickte, die nackten Füße in den buntbebänderten Filzschuhen; im Inneren der Hütten lagerten die Frauen am Boden, tranken Kaffee und wiegten ihre Kindchen, und hoch auf der Warte winkte die dunkle, scharf gegen den goldgetönten Himmelsgrund abgezeichnete Gestalt des Pfarrers mit dem blauen Tuch.

»Nun, unterhalten sich die Damen gut?« fragte Efix und legte den Sack vor die Füße seiner Herrinnen. »Und was macht er?«

»Wir tanzen Tag und Nacht,« sagte Fräulein Esther, während Fräulein Ruth aufstand, um die Sachen auszupacken.

Und von Giacinto sprach die Wucherin in den lobendsten Tönen.

»Was für ein netter Junge! Ziemlich schweigsam, aber herzensgut. Er freut sich wie ein Kind und ißt sogar von meinem Gerstenbrot. Dort kommt er gerade mit Grixenda vom Quell zurück.«

Und richtig waren die beiden dort in der Ferne, zwischen dem Grün der Büsche, zu sehen; er groß und grünlichgrau, sie klein und schwarz, jeder mit einem blitzenden Eimer in der Hand, der ab und zu gegen den des anderen schlug, so daß das Wasser überfloß, sich mischte und zu Boden tropfte. Und die beiden schienen sich zu freuen über diese Berührung; denn sie sahen mit gesenktem Kopf auf die Eimer und lachten.

Da durchzuckte es Efix wie eine dunkle Ahnung. Er ging zu dem Pfarrer auf die Warte, um ihm ein Körbchen Backwerk, das Geschenk einer Bäuerin aus dem Dorf, zu bringen, und sah von oben, wie Don Predu, der seinen Gaul am Quell getränkt hatte, Giacinto und Grixenda einholte, sich zu ihnen herabbeugte und irgend etwas sagte. Alle drei lachten, das Mädchen mit gesenktem Kopf, Giacinto den Hals des Pferdes klopfend.

»Ei, Efix«, sagte der Pfarrer und fächelte mit den Zipfeln seines Halstuchs den Tabak von der Brust, »da ist ja auch Don Predu. Um so besser, dann gibt's doch wieder Stoff zum Spotten. Und euer Giacinto ist ein wackerer Junge; jeden Tag kommt er zur Morgen- und Abendandacht. Wirklich ein wohlerzogener, netter junger Mann. Aber ich rate zur Vorsicht.«

Die Mägde des Pfarrers kamen ins Freie geeilt, um Don Predu beim Abladen der Säcke zu helfen, indes die anderen Frauen die bleichen Gesichter aus den niedrigen Hütten beugten und der Hund sich bellend vor dem Pferd aufrichtete, als wollte er es küssen.

»Sachte, sachte, Frauen!« sagte Don Predu. »In den Säcken sind ein paar Sachen, die schon beim Anfassen zerbrechen – genau wie ihr ...«

»Sie sind des Teufels, Don Predu!« rief Natòlia, die ihn mit verliebten Augen ansah, wie um ihn zu betören. Ach, wenn ihr das gelänge! Dann wäre sie auch an Grixenda gerächt, die den Fremdling ganz an sich gefesselt hatte.

Auch Grixenda schien Don Predus Ankunft seltsam zu erregen.

»Der dort, sehen Sie«, sagte sie leise zu Giacinto, während sie durch den Hof schritten, »Ihr Onkel – das ist ein Mann, der guter Dinge ist und sich nicht lumpen läßt auf einem Fest. Der bläst nicht Trübsal wie Sie. Hundert Lire hat er in der Tasche, hundert Lire läßt er springen – so!«

Sie nahm etwas Wasser zwischen die Finger und spritzte es ihm ins Gesicht; aber er lächelte sie weiterhin mit sanften, sehnsüchtigen Augen an und ließ die weißen Zähne zwischen den roten Lippen blitzen, als wenn er sie beißen wollte.

»Was sind hundert Lire? Ich habe schon tausend in einer Nacht vertan und keinen Spaß davon gehabt ...«

Grixenda stellte den Eimer auf die Bank und eilte auf das Knäblein zu, das sie von seinem Lager aus anlachte, mit den Beinchen in der Luft strampelte und mit den schmutzigen Händchen nach ihr zu haschen versuchte. Sie küßte es auf die Schenkel und grub die Lippen in das zarte rosige Fleisch, hob es hoch, senkte es wieder bis zur Erde, hob es wieder hoch, brachte es zum Lachen und trug es dann ins Freie und preßte es zärtlich an die Brust.

Draußen hatte sich Giacinto inzwischen mit gespreizten Beinen auf den Boden gesetzt, ließ die Hände baumeln und hörte aufmerksam der alten Kallina zu, die ihn einlud, mit ihr in Milch gekochte Bohnen zu essen. Sie unterhielten sich leise, wie über etwas sehr Wichtiges und Ernstes. Da trat Fräulein Ruth in die niedrige Tür, in der Hand eine Lammkeule, mit der bläulichen, in weißes Fett gebetteten Niere daran, und unterbrach das Gespräch der beiden.

»Einer von euch muß Efix holen, damit er einen Bratspieß zurechtmacht. Geh du, Giacinto!«

Aber Grixenda war schon davongeeilt, um den Knecht zu holen, schmiegte sich wie eine Katze an ihn und reichte ihm das Knäblein wie zum Kusse.

»Ich bin so glücklich, Gevatter Efix. Heute abend werden wir wieder tanzen. Aber schauen Sie doch Ihren jungen Herrn an: der scheint tatsächlich Kallina den Hof zu machen.«

Efix betrachtete sie zärtlich. Er sah, wie Giacinto mit Augen voll Liebe und Sehnsucht aufblickte, und segnete im stillen die beiden jungen Menschenkinder. Ja, freut euch, habt einander lieb! Deshalb geht man ja zum Fest, und dieses ist so schnell vorbei, so bald verrauscht ...

   

Im Schatten der Mauer lagernd, begann er den Spieß zu schnitzen. Die Frauen standen lachend um ihn herum, Giacinto schwieg wie immer und schien gespannt dem Klang der Ziehharmonika zu lauschen, deren Weisen klagend und lockend durch den Hof tönten. Da kam plötzlich Natòlia mit wiegenden Hüften auf sie zugeeilt.

»Mein Herr und Don Predu lassen Don Giacinto zum Essen bitten.«

Und dieser krempelte sorgfältig den Rand seiner Hosen um und stand auf. Esther sah ihm nach und blickte lange nach der Aussichtswarte, wie gebannt vom Blitzen der Gläser und des Silberbretts, das Natòlia dort oben in der Sonne spiegeln ließ. Schon der bloße Gedanke, daß der reiche Vetter vielleicht Gefallen finden könnte an dem armen Neffen, stimmte sie froh.

Die Frauen lobten Giacinto; die alte Wucherin zog das Garn durch Daumen und Zeigefinger, ließ die Spule im Schoß kreisen und sagte mit ungewöhnlich sanfter Stimme:

»Einen so fügsamen jungen Mann habe ich noch nie kennengelernt. Und hübsch ist er. Er sieht dem alten Freiherrn ähnlich ...« »Wem? Dem toten Freiherrn, der noch in der Burg umgeht?«

Ruth aber legte den Finger an den Mund. Auf dem Fest soll man nicht von den Toten sprechen

»Na ja, ein Geist ist er wahrhaftig nicht. Er steckt voll Leben und hat rührige Hände, nicht wahr, Grixenda? Wer? Herr Giacinto!«

Doch Grixenda lehnte starr an der Mauer, auf dem Arm das Kindchen, das in die blanken Knöpfe ihres Mieders biß, und schaute auch nach dem funkelnden Silberbrett dort oben auf der Warte, und ihre Augen waren gleichsam verzaubert wie die der alten Großmutter, wenn sie in den hellen Mondnächten nach dem am Fluß vorüberziehenden Geisterspuk spähten.

   

Nach drei Tagen kam Efix wieder, aber diesmal nicht allein. Fast alle Dorfbewohner wanderten zu dem Fest, und die Frauen trugen auf dem Kopf große Kuchenbleche und Körbe voll junger, mit roten Bändchen zusammengebundener Hühner.

Bei der Ankunft sah Efix, daß auf dem freien Platz rund um die Hütten schon ein Planwagen neben dem anderen stand, notdürftig bespannt mit Säcken und Laken, und daß die Zuckerbäcker und Weinhändler neben ihren kleinen Zelten im Schatten der Kirche lehnten.

Eine Schar Bettler kauerte an der Straße, und ihre zerlumpten, blauen und braunen Gestalten – solche mit weißen, schrecklich anzuschauenden Augenhöhlen, solche mit roten Narben und bläulichen Schwären auf der nackten Brust, solche mit schwarzen, wie verkohlte Äste in die Gegend starrenden Armstümpfen – hoben sich düster zwischen den Büschen gegen den bläulichweißen Himmelsrand ab. Auf der anderen Seite aber verlor sich der Blick im Grünen, und die Rudel der grasenden Pferde und Füllen machten die Landschaft noch eindrucksvoller, fast erhaben.

Die Klänge der Ziehharmonika wehten bis dorthin. Die hüpfende, sinnenfreudige Weise lockte zum Tanze, verwandelte sich aber mitunter in eine leise Klage, als wäre sie all der Freude müde, als trauerte sie um die Vergänglichkeit der Dinge; und dann verschleierten sich auch die traurigen Augen der Stuten wie in sanfter Wehmut.

Efix blieb eine Weile inmitten einer Gruppe Nuoreser Bauern stehen. Die Frauen saßen in einer langen Reihe vor den Hütten, warteten auf die Stunde des Hochamts, und ihre scharlachroten Mieder schimmerten hell im Schatten der Mauern.

Aber noch war es nicht Zeit zum Hochamt. Noch lachten auf der Warte fröhlich die Priester, noch glitt Natòlias Silberbrett immer wieder funkelnd zwischen dem Schwarz und Blau dahin.

Efix fand die Hütte leer. Die Herrinnen waren in der Kirche, und er ging sie suchen. Da sah er sich plötzlich von Don Predu, Milese und Giacinto umringt, die vor einer Weinbude standen und ihm jeder ein Glas gelben Weins kredenzten.

»Da – trink, Alter!«

»Für mich ist's noch zu früh.«

»Für einen rüstigen Mann gibt's kein Zufrüh. Oder bist du krank?«

Don Predu schlug ihn so derb auf die Schulter, daß er vornüber taumelte und der Wein aus den drei Gläsern sich über ihn ergoß. In Gottes Namen denn! Er wischte mit der Hand über sein Gewand und trank. Und zu seiner freudigen Überraschung sah er, wie Giacinto die Brieftasche herausnahm und dem Weinverkäufer einen Fünfziglireschein reichte. Gottlob, der Junge hatte also wirklich Geld!

Es war im übrigen ein Tag der Freude – einer Freude, in die sich bei den Frauen freilich eine leise Trauer mischte; denn die Männer, die sich lärmend unter sich vergnügten, beachteten sie kaum.

Den ganzen Tag spielte die Ziehharmonika, begleitet von den Rufen der Händler, von dem Geschrei der Würfelspieler und den Rundgesängen und Liedern der Stegreifdichter.

Letztere saßen in einer Hütte um eine große Korbflasche herum, an die sie sich wie an einen Abgott wandten, und sagten aus dem Stegreif ihre Reime für und wider den Krieg in Tripolis auf. Sie waren mehrere an Zahl und lösten sich ab. Männer und junge Burschen scharten sich um sie, und ab und zu bückte sich einer, um nach einem Glas Wein am Boden zu greifen.

»Zum Wohl, Kinder!«

»Gesundheit!«

»Auf daß wir noch hundert Jahre gesund und munter dieses Fest verleben mögen!«

»Zum Wohl, alter Pfeifenschwengel!«

Und alle lachten laut und dröhnend.

Im Schatten der Kirche hörte Efix inzwischen eine Schar von Bauern über Amerika und die Auswanderer reden.

»Amerika? Wer noch nicht dort war, der kennt es nicht. Von fern sieht's fast so aus, als ließe es sich willig scheren wie ein Lämmlein. Kommt man aber hin, so bleckt es die Zähne wie ein bissiger Köter.«

»Ja, Kinder, ich fuhr mit einem halbvollen Säckel hin und hoffte ihn voll zurückzubringen. Kuchen, mit leeren Händen bin ich zurückgekehrt!«

Ein dürrer, baumlanger Bauer aus Baronia, der braungebrannt war wie ein Araber, lud Efix zum Trinken ein und erzählte ihm von seinen Heldenstücklein im Kriege, aus dem er soeben heimgekehrt war.

»Ja«, prahlte er, seine Hände betrachtend, »ich habe einem Beduinen, einem solchen Teufelsanbeter, Haut und Haar vom Kopf gezogen. Das hatte ich mir hoch und heilig geschworen, und ich soll auf der Stelle erblinden, wenn ich lüge!«

Schaudernd, mit einem Heckenröschen in der Hand, hörte Efix zu. Er bekreuzigte sich und sagte: »Geh lieber beichten, Conzi! Du hast einen Menschen getötet!«

»Das ist im Krieg doch keine Sünde. Geschah es vielleicht hinterrücks? Nein!«

Da begannen sie zu streiten, und Efix betrachtete das Röschen, als spräche er zu ihm allein.

»Nicht doch! Töten darf nur unser Herrgott!«

Aber er mußte den Streit abbrechen, weil Fräulein Esther in der Ferne ihn zu sich winkte. Es war Essenszeit. Giacinto war wieder bei dem Pfarrer eingeladen, und alle ließen es sich in geselligem Kreise schmecken, die einen mehr, die anderen weniger. Aus den Hütten quoll mit den Rauchschwaden der Bratenduft.

Am stillsten ging es bei den Damen Pintor zu. Sie saßen in ihrer Hütte, schmausten mit Efix den Lammbraten, plauderten über die ferne Noemi und Giacinto, über den Pfarrer und Milese, und lächelten kindlich.

»In den ersten Tagen«, sagte Ruth, einen kleinen Kuchen in drei gleiche Teile schneidend, »sprach Giacinto immer davon, daß er nach Nuoro fahren wolle, wo er angeblich eine Stellung in einer Mühle bekommen soll. Doch jetzt spricht er schon seit zwei Tagen nicht mehr davon.«

»Ach ja, seit zwei Tagen bekommt man ihn fast überhaupt nicht mehr zu Gesicht. Er steckt ständig mit Don Predu und den anderen zusammen.«

»Lassen wir ihm seine Freude«, sagte Efix.

Draußen vor der Tür sah man Kallina wider Erwarten einmal müßig auf dem Felsblock sitzen, und Grixenda, mit dem Knäblein im Schoß, starrte bleich und bekümmert nach der Warte des Pfarrers.

Ach, Giacinto vergnügte sich dort oben und hatte sie vergessen! Und ihr war fast, als kauerte sie am Rande einer Wüste, wie vor einem trügerischen Luftgebilde.

Efix kam heraus und sagte zu ihr: »Warum so traurig?«

Sie zupfte das gelbe Band am Häubchen des Kindes zurecht, und ihre Augen füllten sich mit Tränen.

»Für mich ist alles aus!«

Aus der Hütte riefen die Verwandten ihr zu: »Komm, Grixenda! Was soll deine Großmutter sagen, wenn du so mager zurückkommst? Daß wir dich hungern ließen?«

»Ach, Essen allein macht auch nicht fett«, sagte Kallina zu Efix, nachdem sie ihn zu sich gewinkt hatte. »Komm, Efix, trink ein Gläschen Süßwein! Weißt du, wer mir den verehrt hat? Dein junger Herr. Ein herzensguter Junge, und so leutselig – aber hör mal, du mußt ihm sagen, daß Grixenda nicht die Richtige für ihn ist!«

»Gönnt ihm doch sein Vergnügen! Wir sind doch auf dem Fest.«

»Ja – um Buße zu tun, nicht um zu sündigen! Gewiß, die Verwandten geben Grixenda reichlich zu essen, aber sie achten nicht darauf, wo sie sich Tag und Nacht mit Don Giacinto herumtreibt.«

»Und meine Herrinnen? Die sind wohl blind?«

»Die? Ach, die sind doch wie Holzheilige in den Kirchen. Sie schauen und sehen doch nichts. Für sie gibt es nichts Böses auf der Welt.«

»Das stimmt«, gab Efix zu. Er trank aus, aber er fühlte sich traurig gestimmt und schritt in die Heide hinein und legte sich schließlich unter einen Taxusstrauch.

Von dort aus sah er das hohe Gras im Winde wogen, fast wie nach der eintönigen Weise der Ziehharmonika, und die Pferde unbeweglich in die Helle ragen, fast wie an den blauen Himmelsrand gemalt.

Die Stimmen verloren sich in der Stille, die Dinge ringsum verschwommen im Licht. Da taucht plötzlich in der Ferne eine Frau aus einem Busch auf, ein Mann tritt neben sie – so nah, daß ihre Gestalten zu einer einzigen Silhouette verschmelzen.

Efix fühlte, wie es ihn heiß überrieselte. Er pflückte ein Gänseblümchen, zerfaserte den Stengel zwischen seinen Zähnen und sah ohne Neid mit an, wie Grixenda und Giacinto sich umschlungen hielten. Mochte der Herr sie segnen und sie stets in Licht und Sonne hüllen wie jetzt!

Am Nachmittag wurde das Fest noch ausgelassener. Nun gesellten sich auch die Männer zu den Frauen und wirbelten fröhlich im Tanze mit ihnen dahin, und die schrägen Sonnenstrahlen ergossen sich rötlich flimmernd über den Hof, in dem es summte wie in einem Bienenstock.

Bei Sonnenuntergang versammelte sich die Menge in dem Kirchlein, und Tausende von Stimmen schwollen zu einem brausenden Lobgesang an, sich mischend und durchdringend wie die Düfte der blühenden Sträucher im Freien. Efix kniete wie immer in schmerzlicher Verzückung in einer Nische; und neben ihm kniete Grixenda, regungslos wie ein hölzerner Engel, und sang und schluchzte von ihrer Liebe.

Wie ein blutroter Schleier lag der Dämmerschein über der Menge. Aber allmählich wurde er dunkler und dunkler, nur noch schwach vom goldenen Kerzenlicht am Altar erhellt. Und obwohl der Priester seine Predigt längst beendigt hatte, rührte sich die Schar der Gläubigen nicht von der Stelle und sang noch immer das Lob des Himmels. Es klang wie fernes Meeresrauschen, klang wie das Flüstern und Raunen eines Waldes im Abendwind. Es war, als zöge ein altes Volk unter den schlichten Bittgesängen der ersten Christen auf einer düsteren Straße dahin und wanderte und wanderte trunken von Schmerz und Hoffnung auf ein strahlendes, aber unerreichbar fernes Ziel der Freude zu.

Dann wurde es plötzlich ganz still.

Zuannantò, den es zu seiner Ziehharmonika zurücklockte, lief als erster ins Freie, mit der Mütze in der Hand. Aber an der Tür blieb er stehen, sah nach oben und stieß einen leisen Schrei aus. Alle eilten herbei und schauten. Es war der Neumond, der über den Rand der Mauer in den Hof lugte, als wenn er in ihn herabklettern wollte.

   

Nach dem Abendbrot begann es um die Feuer herum von neuem zu singen und zu jauchzen. Sogar Don Predu tanzte heute, zur Freude aller Frauen, die heimlich hofften, daß er sie zum Tanze auffordern würde.

Nur Giacinto tanzte nicht. Blaß und matt saß er neben der Wucherin und ließ die Hände zwischen den Knien baumeln. Inzwischen hörte Efix, wie die Frauen sich stritten, wer heute das meiste Geld ausgegeben und sich am besten unterhalten hätte. Eine sagte:

»Don Predu.«

»Nein, Don Giacinto. Der hat über dreihundert Lire ausgegeben. Aber er ist ja reich. Er soll ein Silberbergwerk besitzen.«

»Er hat alle freigehalten. Sogar ganz fremde Leute.«

»Warum eigentlich?«

»Ausgezeichnet! Weil er das Geld dazu hat!«

Efix fühlte sich befriedigt und beunruhigt zugleich. Er setzte sich zu Giacinto und erzählte ihm von dem Gerede der Frauen.

»Ein Silberbergwerk? Ja, das ist ganz einträglich, aber nicht so einträglich wie eine Erdölquelle. Eine Bekannte von mir träumte einmal, daß es auf einer solchen Halde, auf dem Grund und Boden eines verarmten Adligen, Erdöl gäbe. Der Mann war so verzweifelt, daß er sich schon das Leben nehmen wollte. Trotzdem nahm er eine Bohrung an der Stelle vor, von der die Frau geträumt hatte, und jetzt ist er so reich, daß er seiner Freundin zwanzigtausend Lire im Monat gibt ...«

»Warum hat er denn nicht die andere, die Träumerin, geheiratet? Oder war er schon verheiratet?« fragte Efix nachdenklich.

Die Frauen tanzten, und zwischen ihnen sah man Grixenda mit glühenden Wangen dahinwirbeln und ausgelassen lachen. Da berührte Efix schüchtern Giacintos Knie und flüsterte: »Euer Gnaden – man munkelt ... Sie sehen doch das Mädchen dort – nun ja, sie ist ein gutes Kind, aber arm – und ohne Eltern ...«

»Ich werde sie heiraten«, sagte Giacinto wie im Traum und blickte starr zu Boden.

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